Druck und Verlag August Scherl G. m. b. H.
Berlin
Unter den verwitterten Grabstätten des alten Friedhofs zu Rastatt
befindet sich ein dicht mit Efeu umsponnenes Grab, dessen schlichter
roter Sandstein noch keine Spuren von Verfall zeigt. Schiebt man den
Efeu ein wenig zur Seite, ist auch die Inschrift noch deutlich zu lesen:
Anna Villinger.
Mein Bruder war's, der während seiner Garnisonszeit zu Rastatt das Grab
der Schwester unseres Vaters entdeckte und den verfallenen Grabstein
der längst Verewigten durch einen neuen ersetzen ließ.
Wir haben Tante Anna nie gekannt, nur viel von ihr gehört. So wußte
mein Bruder auch, daß sie in Rastatt als Institutsvorsteherin gewirkt
hatte und da verstorben war.
Jetzt aber ist auch meine Zeit gekommen, der eigenartigen und so
mutigen Seele ein Denkmal zu setzen, indem ich sie aus ihrer stillen
Gruft ins Leben zurückrufe -- ich, die letzte, allein übriggebliebene
der langen Reihe von Angehörigen, deren Bilder die Wände meines
Arbeitszimmers zieren. In ihrer Mitte, meinem Schreibtisch gegenüber,
hängt das Ölbild von Anna Villinger. -- Ein schmales Gesicht, von roten
Locken umrahmt, in die sich ein weißes Band schlingt. Unter der schön
ausgebildeten Stirn kluge dunkelblaue Augen voll Geist und warmer Güte.
Die ausdrucksvollen Mundwinkel zeigen das feine Lächeln liebevollen,
überlegenen Humors. Sie trägt ein dunkelblaues Kleid mit bauschigen,
an den Schultern aufgefaßten Ärmeln. Den Hals umschließt ein breiter
weißer Kragen.
Sie war zur Zeit, als sie gemalt wurde, Ende der Zwanzig.
Im Hintergrund des Bildes sieht man durch ein offenes Fenster ein
schloßähnliches Gebäude mit kleineren Nebengebäuden inmitten eines
Gartens. Dahinter blaues Gebirge.
Das Gemälde stammt von der Hand des Barons O., des Schloßherrn, in
dessen Haus Anna Villinger Erzieherin war.
Im Besitz ihres Tagebuchs und einer Anzahl von Familienbriefen habe ich
daraus schon früher so manches entnommen. Unter anderm die Polenzeit
1832. -- Allein, wie es so geht. Das einmal Erschaute kommt nicht
selten wieder, um reicher und vertiefter von neuem zu erstehen.
Anna war das fünfte Kind des Oberamtmanns Villinger in Zell im
Wiesental. Alle sieben Kinder -- zwei starben schon früh -- wurden hier
geboren, in dem kleinen freundlichen Landstädtchen an der dem Feldberg
entspringenden Wiese, zwischen bäuerlichen Obstgärten, mit gelben
Blumen übersäten Matten.
Ein nicht weniger liebliches Paradies fanden die Kinder bei der
Versetzung des Vaters in Staufen. Das kleine Amtsstädtchen liegt am
Eingang des Untermünstertals im Schwarzwald. Reben umgeben die Stadt
und pflanzen sich in dichter Fülle die Berge hinan, von deren Häuptern
die Überreste alter Burgen grüßen.
Das Schönste aber für die Kinder war das Amtshaus. Ein gar stattliches
Gebäude, dessen Front der Turm trennte, mit der gewundenen Steintreppe.
An der Außenseite des Turmes wuchs der Efeu in dichten Massen bis zum
letzten Fensterchen hinan. Im Hause hohe, schöne Räume, von deren
Fenstern man in den Garten schaute, der sich mit seinen alten Bäumen
und saftigen Wiesen fast wie ein Park ausnahm. Obst und Gemüse gab's
da die Menge, und die Oberamtmännin in einer stets sauberen, stattlich
ausgebogten Haube und der breiten weißen Halskrause stand am Herd und
kochte das Obst ein, den einzigen Überfluß des Hauses. Denn sonst
mußte tüchtig gespart werden. Die beiden älteren Töchter, so jung
sie noch waren, verfertigten unter der Leitung der Mutter die eigenen
Kleider und die der jüngeren Geschwister. Sie kehrten und fegten, weiße
Tüchlein um den Kopf, Stuben und Kammern. Denn die Magd hatte genug mit
der groben Haus- und Gartenarbeit zu tun.
Neben der tätigen, allezeit wohlgemuten Mutter hätte der Vater
vielleicht einen allzu ernsten Eindruck gemacht, wenn dessen
regelmäßiges, ansprechendes Gesicht nicht jenen Ausdruck von Milde
und Güte besessen hätte, wie ihn die Männer der vormärzlichen Zeit
aufwiesen. Mit seinem schlichten aschblonden Haar gaben er und die
schwarzhaarige Gattin ein äußerst stattliches Paar ab.
Xaver, der älteste Sohn, voll Leben und Tatkraft wie die Mutter,
besuchte, noch nicht siebzehnjährig, die Universität in Freiburg, um
die Rechtswissenschaft zu studieren, lehnte jede Unterstützung von
zu Hause ab und bestritt seinen Unterhalt durch Nachhilfestunden bei
unbegabten Gymnasiasten.
Aber wenn er des Sonntags heimkam nach Staufen, da konnte sich die
Oberamtmännin nicht genug tun in der Bewirtung des Sohnes, denn wenn er
auch stolz zu Roß in Staufen einritt, das Bild eines flotten Studenten,
das Mutterherz grämte sich unablässig ob seiner Magerkeit und war
überzeugt, er maß der dem Körper so notwendigen Nahrung zu wenig
Bedeutung bei.
Ihre Sorgen sollten nur zu berechtigt sein. Jung verheiratet in
Karlsruhe, zu Beginn einer vielversprechenden Karriere, raffte
den überarbeiteten, so wenig widerstandsfähigen jungen Mann ein
Nervenfieber schnell dahin.
All diesen Kindern am Tische des Oberamtmanns, stand nicht einem jeden
schon damals das künftige Schicksal auf der Stirne geschrieben? So
Theresen, der Ältesten der Mädchen. Mit ihrem immer bereiten: »Wie Sie
wünschen, Mamale« -- blieb sie der jüngern Geschwister wegen von der
Schule weg, um der schwergeplagten Mutter hilfreich zur Seite zu stehen.
Anders Caton, die zweite Tochter. Sie nahm sich ihren Anteil am Leben,
ohne lang zu fragen. Schwarzhaarig, mit dunkelsprühenden Augen, war
sie das Ebenbild der Mutter, sowohl an Frische als an Kraft -- diese
lebendige Kraft, die Mutter Villinger befähigte, den Ihren ein Heim zu
schaffen, wie man sich's nicht liebevoller denken konnte.
Ihre beiden jüngsten Kinder: Hermann glich Caton, und Anna, das
überzarte, beinahe schmächtige Nannele, war trotz des schweren Leidens,
das ihrer zarten Kindheit anhaftete, die Lebendigste von allen, die
Reichste an Geist und Gemüt und übersprudelnder Phantasie.
Wie oft in der Nacht stand die Oberamtmännin auf, wenn sie das leise
Stöhnen des Kindes vernahm, das in seinem Bett aufsitzend, von schwerem
Asthma gequält, nach Atem rang. Und einmal entfuhr es der Mutter unter
Tränen: »O du mein arm's Nannele, warum grad' dir das?« »Aber Mutter,«
verwunderte sich das Kind, »müssen wir nicht dem lieben Gott danken,
daß es nur in der Nacht kommt und nicht am Tag, sonst könnt' ich ja
nicht in die Schul'.«
* * * * *
Anna zählte elf Jahre, als der Vater als Kreisrat nach Freiburg
versetzt wurde. Also lebten die landgewohnten Kinder in einer engen
Gasse in engen Räumen. In Freiburg gab's keine Dienstwohnung wie
in Staufen, keinen Garten mit Obst und Gemüse. Auch mußten die
heranwachsenden Töchter jetzt anders gekleidet gehen als früher.
Allein die tapfere Mutter Villinger wußte Rats. Und so war's in kurzer
Zeit bei Kreisrats nicht weniger behaglich als bei Oberamtmanns im
ehemaligen Schlößle zu Staufen.
Man hatte eine große Wohnung genommen und gab jungen Studentlein ein
Heim im Hause. Mutter und Töchter teilten sich in die Arbeit des
großen Haushalts, nur von einer geringen Magd unterstützt. Aber
niemand sah es ihnen an, was sie geleistet, wenn sie Punkt Zwölf am
wohlgedeckten Speisetisch erschienen.
Nannele, das im schwarzen Kloster in kurzer Zeit die beste Schülerin
war, hatte der Mutter unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit
das Geständnis gemacht, daß sie nur darum so eifrig lerne, um später
Klosterfrau werden zu dürfen.
Der schöne Traum sollte nicht lange währen.
Die Klosterfrauen, Annas Klassenlehrerinnen, kamen einmal zur Mutter
zum Kaffee. Glückselig bediente das Kind die geliebten Frauen und zog
sich später auf den Wink der Mutter ins Nebenzimmer zurück. Sie nahm
ihr Reißbrett, um die Rokokouhr auf der Kommode abzuzeichnen, ein schon
begonnener Versuch.
Plötzlich horchte sie auf. Mutter sprach in einem Ton, den Anna nie an
ihr gehört. Die Tür war nur angelehnt, daher jedes Wort zu verstehen.
»Um Caton ist mir nicht bang, liebe Frau Stephanie,« sagte die Mutter,
»wohl aber um Therese und Anna. Was soll aus ihnen werden? Man weiß
ja, wie apprehensiv die Menschen, hauptsächlich die Männer, gegen rote
Haare sind. Und wir haben kein Vermögen, unsre Kinder haben nichts zu
erwarten, wenn unsre Zeit gekommen ist. Wie oft kann ich in der Nacht
nicht schlafen und mache mir Vorwürfe, daß ich Therese so früh aus
der Schule behalten. So kann sie nicht einmal Erzieherin werden, und
wie soll ich sie mir in einer untergeordneten Stellung denken! Xaver
versichert mir zwar immer wieder, er werde Sorge für seine Schwestern
tragen, deren Wohl ihm mehr am Herzen liege als das eigene. Aber das
kann ich doch nicht von diesem Sohn verlangen, der jetzt schon daran
denkt, sich eine Häuslichkeit zu gründen.«
»Frau Kreisrat,« nahm Frau Stephanie das Wort, »vertrauen Sie auf Gott,
Sie haben brave Kinder. Nanneles Leiden ist zwar eine traurige Mitgabe
für das Kind, aber das hindert sie nicht, in ihrer Klasse die beste
Schülerin zu sein. Ohne ihr Leiden wäre sie uns eine hochwillkommene
Kraft im Kloster. Aber warum soll sie nicht eine ausgezeichnete
weltliche Lehrerin werden, da sie alle Anlagen dazu hat?«
Mutter Villinger schaute wie gewöhnlich, bevor sie ins Bett ging,
nach ihrem Nannele, das in einem winzigen Zimmerlein neben den Eltern
schlief.
Ganz still lag sie, während ihr die Tränen unaufhaltsam über die Wangen
flossen.
Als die Mutter zu ihr trat, schluckte das Kind mit aller Gewalt seinen
Schmerz hinunter und schlang den Arm um den Hals der Mutter.
»Sie können ruhig schlafen, ganz ruhig, Mutterle, ich werd' eine
ausgezeichnete Lehrerin und verdien' viel, viel Geld. Dann ist auch
für Therese gesorgt, und wir brauchen unserm Xaver nicht zur Last zu
fallen.«
Und nun soll ihr Tagebuch, sollen ihre Briefe für sie sprechen.
Freilich muß ich hier und dort, oft sogar, ergänzend eingreifen, um
zur Lebendigkeit des Gesamtbildes möglichst beizutragen, indem ich das
Gehörte und auch die eigene Phantasie zu Hilfe nehme.
Mein Tagebuch,
angefangen an meinem 16ten Geburtstag 1827.
Ich wollte schon vor Jahren ein Tagebuch beginnen, aber da war ich noch
ein Schulkind, und die Kamarädle ließen mir keine Ruhe. So habe ich
damals nur Selbstgespräche gehalten in der Nacht, wenn das Schnaufen
kam, Asthma genannt.
Jetzt bin ich aber aus den jüngeren Jahren in ein reiferes Alter
hinübergeschritten, habe die Klosterschule verlassen und mein deutsches
und französisches Examen gemacht. Wenn die Hausarbeit getan ist, darf
ich die französische Konversationsstunde im Kloster weiter besuchen,
und zu meinem heutigen Geburtstage wurde ich von meinen gütigen Eltern
mit der Erlaubnis überrascht, mein Zeichentalent weiter bilden zu
dürfen. Oh, Xaver, mein unvergeßlicher, geliebter Bruder, hätte ich
statt deiner sterben können! An mir hätte die Welt, hätten die Meinen
nichts verloren. Aber das Los hat +ihn+ getroffen. Mit sechsundzwanzig
Jahren, beim Beginn einer vielversprechenden Laufbahn, mußte er von
seiner jungen Frau, von seinen Eltern und Geschwistern scheiden. Mit
ihm starb mir ein großer Teil meines Lebensglücks. Wir klagten uns
unsern Schmerz nicht in lauten Ausbrüchen, sanft weinend sprachen wir
von unserm Abgeschiedenen miteinander, so in dumpfer Zurückgezogenheit
nur unserm Schmerz lebend. Aber die Freunde kamen und führten uns
hinaus in die schöne Natur, und wir konnten uns ihrer wieder freuen.
Ja, wir mußten uns aufraffen, denn war Caton nicht Braut, hatten wir
nicht an ihrem edlen, vortrefflichen Ludwig einen neuen Bruder gewonnen!
Wie schön war unsre Schwester bei ihrer Vermählung! Es war ein
unvergeßlicher Augenblick in dem sonnendurchleuchteten Münster, als die
beiden jungen, so schönen Menschen das heilige Jawort auf den Stufen
des Altars tauschten.
Ach, nur zu bald schlug die Abschiedsstunde, und fort rollte der Wagen
mit der geliebten Schwester. Im fernen Norden, in Hannover, wird fortan
ihre Heimat sein.
* * * * *
1. 6. Mit welcher Sehnsucht erwarteten wir die ersten Nachrichten von
Caton. Schon drei Tage vor dessen Ankunft erwarteten wir ihren Brief,
an dem letzten aber mit Gewißheit. Die Mutter lud deshalb unsere
intimsten Freundinnen mit ihren Müttern ein, Fromherzens und Ruofs und
Malchen und Lenchen, teilzunehmen an einer zu erwartenden Freude oder
uns zu trösten über deren Ausbleiben. Aber sie blieb nicht aus! Es kam
Kunde von Caton. Sie war gesund und glücklich, zeitweiliges Heimweh
abgerechnet. Oh, wie schwammen die Tränen der Wonne in jedem Auge!
Mutter in ihrer Freude sprang auf und holte den noch vorhandenen großen
Efeukranz, der an Catons Hochzeit die Wände zieren half. Mit diesem
Kranz umkreisete sie den teuern Brief der Schwester, daß er, so in
grünem Schmuck prangend, den Freundinnen entgegenlachen sollte. Und sie
kamen und lachten und weinten ein wenig vor Rührung beim Vorlesen des
Briefes.
Bei dieser Gelegenheit will ich eure Namen in mein Tagebuch
einschreiben, ihr Freunde meines Herzens und unsres Hauses, damit ich
mich eurer Freundschaft freue, so oft ich dieses Blatt durchlese.
Zuerst die mir am nächsten stehenden: Lenchen von Mohr, die arme
Lotte, unseres Xavers Frau, und deren Schwester, mein kluges Malchen
Roth. Malchen Wänker, Mutters Jugendfreundin, die Hofrätin, Amanns,
Holzhauers, Fromherzens, Ruofs, Gräfle, Kalm, Schaffroth, Molitor, Fr.
von Berg, Metz, Baumgärtner und meine Lehrerinnen, die Klosterfrauen.
Ihr alle, die ihr uns liebreich beigestanden seid bei dem so
schmerzlichen Verlust unsres geliebten Xaver, bei unsres guten Vaters
Krankheit und bei Catons Scheiden aus der Heimat, in ewiger Dankbarkeit
werde ich eurer gedenken.
* * * * *
30. 6. Oh, daß ich so viel Gewalt über mich vermöchte, meinem Gemüte
eine ruhigere Haltung zu geben! Mit Paulus möchte ich ausrufen: »Was
ist es, das ich nicht will, daß ich tue, das tue ich; und das ich tun
will, das tue ich nicht!« Meine zu große Offenheit, mein unüberlegtes
Sprechen und Lachen, wie viele bittere Stunden danke ich schon von
der Schule her dieser unglückseligen Eigenschaft. Auch heute habe ich
wieder Ursache, mit mir unzufrieden zu sein. Die Hofrätin war zum
Kaffee da. Wie oft bin ich ihretwegen schon geschmält worden, wie viele
sanfte Fußtritte ernte ich unter dem Tisch von Therese, wenn ich, was
alle paar Augenblicke geschieht, der Hofrätin den Knäuel suche, wobei
ich den Faden nicht selten mit Vorliebe verwirre, um meiner Lachlust
frönen zu können.
Wie soll man aber auch ernst bleiben!
Kugelförmig kommt sie zur Türe hereingeschossen, auch beim schönsten
Wetter behauptend, sie komme durch »der dicker Dreck.«
»Ja, Kreisrätin, über dich geht mir halt nix, wenn mei Herz voll ist
-- guter Tag, Kinderle, jetzt denke au, mei Hofrat selig isch mir heut
Nacht wieder im Traum erschiene. Recht zufriede würde er im Himmel
sein. Ich soll doch auch kommen. Jetzt wird mir's nimmer besser -- mir
pressiert's nit. Mei Leine isch noch beim Weber, mei Garn nit auf der
Bleich. He, do möcht mer zipfelsinnig werde. ›Komm doch au‹ -- grad'
wie früher, der nämlich bockbeinig Hofrat, nit ein Brösele g'scheiter.«
Der Knäuel fiel unter den Tisch, ich flugs hinter ihm her, dabei stieß
ich den Kopf an.
»O Herrjegerle, Nannele,« rief die Hofrätin aus, »du dauerst mich.
Der Hofrat selig hat allemal g'sagt, ihn treff' noch der Schlag mit
der lumpige Knäuelsucherei alleweil. Aber ich hab' ihm d' Nas' drauf
'tunkt: dei Schwester hat sechs lebendige Mädle und isch die größt'
Schlamp in der Stadt. Wo soll denn da e Aussteuer herkomme? Ja, wenn
ich kei G'wisse hätt' -- aber ich hab' eins, und so kriegt e jed's sei
Bett, sei Leine für Hemde, Hose, Nachtjacke, Bettücher, Tischtücher,
Serviette und Handtücher und ebenso drei Dutzend Strümpf'. Mei Geld
kriege sie nit, mei Geld kriegt mei leibliche Schwester und ihr Bube.
Ich bin halt für Bube. Alle Abend bet' ich ein Vaterunser, daß im
Hofrat seine Nichtene unter d' Haub komme. Ach, wenn doch einer käm'
und des bös' Karolin' mitnähm' -- am liebste bis nach Amerika nei. Aber
ich fürcht', die wüscht' Nas', die's hat, verdirbt jedem der Guschto,
und des boshaftig' Mädle bleibt uns auf'm Hals -- Nannele, Nannele,«
sie drohte mit dem Finger, »um dich ist mir's au ein wenig bang -- 's
heißt allgemein, du lernsch zu viel. Gib acht, gib acht, das tut der
Weiblichkeit Abbruch. G'scheite Frauenzimmer bekomme kei Mann, seiner
Lebtag nit.«
»Und Caton,« fragte ich, »ist Caton vielleicht nicht gescheit -- und
erst die Mutter, Frau Hofrätin?«
»He jo, he jo,« lachte sie auf, »weisch noch, Kreisrätin, wie wir klein
ware und sind vom Schloßberg 'runter g'saust auf unsre Schlittele,
und über einmal, bums, fliegt dei Schneeballe einem Herr an der Kopf.
›Mädele‹, sagt er und schaut dich zornig an, ›sag, was verdiensch
jetzt?‹ ›He‹, hasch g'sagt, ›e Schokoladtäfele‹ -- Und hasch richtig
eins kriegt.«
Alsdann heißt's: »Kinderle, ich muß gehe -- wo sind meine Handschuh --
ach Gott, mei Schirm, mei Mantel -- richtig, 's fehlt mir e Stricknadel
-- schaut her, rutscht mir nit der falsch Zopf -- lehnt mir e
Haarnadel -- Kreisrätin, 's tut mir leid, aber du magsch sage, was du
willsch, +mei+ Weber isch doch besser als deiner, da beißt kei Maus der
Fade ab.«
Vater nennt die Hofrätin »die heitere Person«, und wirklich, sie ist
ein rechter Segen für uns, wenn Mutter wieder in ihre Sorgen um unsre
Zukunft verfällt und sich darob grämt. Ein Nachmittag mit der Hofrätin
kuriert sie besser als alle unsre Vorstellungen.
* * * * *
20. 7. Heute sagte Mutter: »Ich will am Nachmittag nach der Hofrätin
sehen, sie war schon so lang' nicht da. Ich hab' mir's überlegt, ihr
Leine ist wirklich schöner als meins. So will ich's denn mit ihr
besprechen, und 's mit ihrem Weber versuchen.«
Wir waren gerad' mit dem Mittagsmahl fertig, als die Magd von der
Hofrätin eintrat und heulend ausrichtete: »Eine schöne Empfehlung und
Sie solle gleich komme, Frau Kreisrätin, d' Frau Hofrätin will sterbe.«
»Daß sie's +will+, glaub' ich meiner Lebtag nicht«, sagte Mutter,
indem sie mit zitternden Händen ihren Hut aufsetzte. Ich half ihr beim
Anziehen, und obwohl sie sagte: »Bleib du nur daheim« -- ließ ich sie
nicht allein gehen.
Als wir bei der Hofrätin eintraten, saß der geistliche Rat am
Krankenbett, so daß wir gleich wieder umkehren wollten. Aber die
Hofrätin rief mitten aus dem Beten heraus: »Nur bleibe, nur bleibe, bin
glei fertig --« sprach ein kräftiges Amen und schickte den Geistlichen
hinaus zur Magd, sie zu zanken, daß sie das Garn noch nicht zum Weber
und das Tuch nicht auf die Bleiche getan.
»Sage Sie's ihr nur recht, Hochwürde -- hinsitze und heule isch der
größt' Zeitverlust -- d' Kreisrätin bleibt bei mir, bis ich mei letzter
Seufzer tu, wenn's Gott's Wille isch -- auf alle Fäll' aber muß vorher
Ordnung in mei'm Sach sein, eh' ich ins Jenseits geh' --«
Der Geistliche ging, und Mutter und ich setzten uns zur Hofrätin ans
Bett. Das Herz klopfte mir, Mutter liefen die Tränen über die Wangen.
Zu den beiden Fenstern schien die Sonne herein.
»Schön's Wetterle,« sagte die Hofrätin, »geh, lang mir au mei Stricket,
Nannele, bin grad' am Ferse -- und lupf mich ein weng.« Ich tat's, und
sie begann eifrig zu stricken.
»Wirsch endlich zugebe, Kreisrätin, daß dein Weber mei'm Weber nit's
Wasser reicht?«
»Ach ja, ja«, preßte die Mutter hervor.
Die Hofrätin sah von ihrem Strickzeug auf:
»O Herrjegerle, ich glaub' gar, du heulsch, Kreisrätin -- horch, ich
geb' dir ein guter Rat -- laß es lieber bleibe, ich glaub', 's isch
wieder mit der ganze Sterberei nix. Der Doktor isch e alte Kuh --
dreimal hat er mich schon aufgebe und mei ganzer Haushalt in Unordnung
versetzt. Ich hab' gute Luscht und mach' ein neuer Pakt. Geh, hol mir
au ein Glas Wein, Nannele -- So --«
Sie trank's mit einem Zug leer. Alsdann wendete sie sich gegen die
Wand, schlief ein und schnarchte sogar. Mutter und ich blieben halb
ängstlich, halb vergnügt am Bett sitzen.
Als der Doktor kam, warf er einen raschen Blick auf die Hofrätin, dann
noch einen, schüttelte den Kopf und brach in lautes Lachen aus.
Sie erwachte.
»So,« sagte sie, »au noch lache, wenn einer nix kann -- Ihne sterb' ich
wieder!«
Darauf sind Mutter und ich so heiter nach Haus gekommen, als kämen wir
von einer Hochzeit.
* * * * *
28. 7. Trotz aller Vorsätze, ich habe keine Freude an mir. Meine
Fortschritte im Guten sind nur winzig; meine Opfer -- z. B.
Küchenarbeit -- werden nur zögernd vollbracht, der unsagbar großen
Freude am Lesen zuweilen, wenn auch nur auf Minuten, heimlich
nachgegeben. Meine Weichlichkeit hat mich noch nicht verlassen. Mein
Hingeben an die Phantasie und mein behagliches Schwimmen in ihr,
besonders nach dem Erwachen, bevor ich aufstehe, hat mir schon manche
Stunde geraubt, in der ich rüstig etwas Nützliches hätte tun können.
Oh, warum ist man auch beim Erwachen so dumm! Oder bin ich's nur? Ich
sagte mir schon beim Einschlafen: morgen will ich früh aufstehen, auf
Ehre! Hätte mich die Übertretung ehrlos gemacht, wie oft wäre ich's
schon gewesen. Ich nahm mir vor, beim Erwachen ein mahnendes Wort,
das arge Wort Schande zu sagen, überzeugt, daß mich das plötzlich
aufrütteln würde. Ich erwachte, sagte richtig Schande, Schande, kehrte
mich um und überließ mich von neuem meinen Träumereien.
Hier kann nur ein rascher Entschluß, ein kühner Sprung aus dem Bett
helfen. Morgen und fortan will ich diesen Sprung tun. Ich +will+.
* * * * *
10. 8. Gestern in großer Gesellschaft bei St. Ottilien gewesen, am
schönsten Frühlingstag der Welt. Eine ganze Karawane von Hofräten,
Kreisräten, Professoren und Doktoren samt Gattinnen, Müttern und
Tanten. Voran die ledigen Professoren und Studenten in Gesellschaft der
hellgekleideten jungen Mädchen, unter denen Amalie v. Berg, Pauline
von Marschall und Marie von Rotteck die schönsten waren.
Auf dem Gipfel des Schloßberges machte man halt, um Umschau zu
halten. Alle Bäume und Gesträuche, soweit das Auge sehen konnte,
prangten in ihrem jungen Grün. Über das sich im Hintergrund erhebende
Gebirge breitete sich ein zarter Duft von lichtem Blau, das in das
dunklere Blau des Himmels hinüberzufließen schien. Zu unseren Füßen
lag unser liebes Freiburg, in dessen sich majestätisch zum Himmel
erhebendem Dome eine tiefe Glocke zur Andacht rief, während auf dem
Karlsplatze die um diese Zeit exerzierenden Soldaten ihr »Eins,
zwei« bis zu uns heraufschallen ließen. Wer zählt all die Dörfle,
die wir überall im Sonnenschein aufblitzen sahen? Das Lorettobergle
drüben, das Schaumburgische Schlößchen, die Eichhalde, der Hebsack
und andere Landhäuser spielten hinter wilden Kastanienbäumen und
Pappeln Versteckens miteinander, und dunkle Tannenwälder umsäumten die
lichtgrünen Wiesen im Tal. Ich lernte auf dem Weg nach St. Ottilien
die Professoren Monz und Schmidt kennen. Der erstere ist Professor
der Geschichte an der Universität, Schmidt ist Geistlicher. Vom Sehen
kannte ich beide, letzteren besonders durch seine herrlichen Predigten
im Seminarium. Mehr als einmal fiel mir beim Zuhören ein: Zum Seraph
fehlen ihm nur die Flügel. Nun schritt er ganz schlicht neben mir her,
ein wenig schüchtern fast, denn mit dem lebhaft redenden Professor Monz
schien er nicht wetteifern zu wollen, und obwohl ich sehr gern den
Reden des gelehrten und weitgereisten Mannes lauschte, im geheimen war
mir der stille, sinnig blickende Professor Schmidt doch interessanter,
wie der tiefe, undurchdringliche Brunnen mehr zum Nachdenken reizt als
das klar dahinfließende Wasser. Wir kamen auf Lektüre zu sprechen, und
Schmidt erklärte, Erhabeneres als Klopstocks Messiade gäbe es nicht,
worauf Monz lächelnd meinte: »Vielleicht für Freiburg, aber die Welt
ist groß.«
Schmidt schien mir unmutig zu erröten. Ich stellte mich sofort auf
seine Seite, indem ich erklärte:
»Vielleicht hat die große Welt nicht immer den besten Geschmack.«
»Aber sie geht mit Meilenstiefeln im Vergleich zu Freiburg«, sagte Monz.
»Ist das ein Glück?«
»Es fragt sich, was Sie unter Glück verstehen«, sagte Monz. »Für mich
ist Glück gleichbedeutend mit Fortschritt, Entwicklung, Macht.«
Ehe ich noch darüber nachdenken konnte, sprach er von Humboldt,
Goethe, Platen. -- Alle diese Großen seien noch nicht eingedrungen
im Süden Deutschlands. Körners Freiheitslieder, die den Norden
aufgerüttelt zum Handeln, in dem zerstückelten Deutschland, sie hätten
noch kein Echo gefunden. Und er sprach mit erhobener Stimme:
»Es kann ja nicht immer so bleiben
In dieser zerrütteten Welt,
Es muß wiederkehren das Große,
Ins schmähliche Dunkel gestellt.
Auf! Ehrliche, wehrliche Jugend,
Vertraue dem heiligen Stern;
Auf! Rüstige Männer voll Glauben,
Die Palme, sie winket von fern.«
Ich fragte, von wem das sei.