Lottchen. Siegmund.
Lottchen (indem sie den Brief für sich gelesen hat). O mein Freund,
man will mir mein Glück sauermachen. Man beneidet mich, sonst würde
man Sie nicht verkleinern. Es ist ein boshafter Streich; er ist mir
aber lieb, weil ich Ihnen einen neuen Beweis meines Vertrauens und
meiner Liebe geben kann. Ich will Ihnen den Brief lesen. Er besteht,
wie Sie sehen, nur aus zwo Zeilen. (Sie liest.) »Mamsell, trauen Sie
Ihrem Liebhaber, dem Herrn Siegmund, nicht. Er ist ein Betrüger. N.
N.«
Siegmund. Was? Ich ein Betrüger?
Lottchen (sie nimmt ihn bei der Hand). Ich weiß, daß Sie groß genug
sind, dieses hassenswürdige Wort mit Gelassenheit anzuhören. Es ist
ein Lobspruch für Sie. Ich verlange einen solchen Betrüger, als Sie
sind, mein Freund.
Siegmund. Aber wer muß mir diesen boshaften Streich an dem heutigen
Tage spielen? Wie? Sollte es auch Herr Simon selbst sein? Liebt er
Sie vielleicht? Macht ihn Ihre Erbschaft boshaft? Warum ging er, da
der Brief kam? Soll ich ihm dieses Laster vergeben? Wenn er mir
meinen Verstand, meinen Witz abgesprochen hätte: so würde ich ihm für
diese Demütigung danken; aber daß er mir die Ehre eines guten Herzens
rauben will, das ist ärger, als wenn er mir Gift hätte geben wollen.
Ich?... Ich, ein Betrüger? Himmel, bringe es an den Tag, wer ein
Betrüger ist, ich oder der, der diesen Brief geschrieben hat! Ist das
der edelgesinnte Vormund?
Lottchen. Ich bitte Sie bei Ihrer Liebe gegen mich, beruhigen Sie
sich. Verschonen Sie den Herrn Vormund mit Ihrem Verdachte. Es ist
nicht möglich, daß er eine solche Niederträchtigkeit begehen sollte.
Sein Charakter ist edel. Wer weiß, was Sie sonst für einen Feind
haben, der von unserer Liebe und von meiner Erbschaft heute Nachricht
bekommen hat.
Siegmund. Sie entschuldigen den Vormund noch? Hörten Sie nicht den
boshaften Ausdruck: Wir wollen wünschen, daß alle Liebhaber so edel
gesinnt sein mögen als mein Mündel? Ist dieses nicht eine
unverschämte Anklage wider mich?
Lottchen. Ich sage Ihnen, daß Sie mich beleidigen, wenn Sie ihn noch
einen Augenblick in Verdacht haben. So, wie ich ihn kenne und wie mir
ihn sein Mündel beschrieben hat: so ist er ein Mann, dem man sein
Leben, seine Ehre und alles vertrauen kann.
Siegmund. Aber sollte er nicht unerlaubte Absichten haben? Ich habe
gemerkt, daß er sehr genau auf Ihr ganzes Bezeigen, bis auf das
geringste Wort Achtung gegeben hat. Es kömmt noch ein merkwürdiger
Umstand dazu. Er hat in dem Billette an Ihren Herrn Vater schon
triumphieret, daß er heute eine erfreuliche Nachricht vom Hofe
erhalten hätte. Und er hat es dem Herrn Vater auch schon entdeckt;
aber mir nicht.
Lottchen. Ich beschwöre Sie bei Ihrer Aufrichtigkeit, lassen Sie
diesen Mann aus dem Verdachte.
Siegmund. Warum hat er mir nicht gesagt, daß man ihm vom Hofe einen
vornehmen Charakter und eine ungewöhnliche Pension gegeben hat? Was
sucht er darunter, wenn er nicht mein Unglück bei Ihnen sucht?
Lottchen. Ich vergebe Ihren Fehler Ihrer zärtlichen Liebe zu mir.
Außerdem würde ich Sie nicht länger anhören. Wir wollen die Sache zu
unserm Vorteile enden. Ihre Feinde mögen sagen, was sie wollen. Sie
sind bestraft genug, daß sie Ihren Wert nicht kennen. Und wir können
uns nicht besser rächen, als daß wir uns nicht die geringste Mühe
geben, sie zu entdecken. Lassen Sie Ihren Zorn hier verfliegen. Ich
komme in der Gesellschaft meines Vaters und der übrigen gleich wieder
zu Ihnen, unser Bündnis in den Augen unserer Feinde sicher zu machen.