Siebenter Auftritt

Lottchen. Siegmund.

Lottchen (indem sie den Brief für sich gelesen hat). O mein Freund,

man will mir mein Glück sauermachen. Man beneidet mich, sonst würde

man Sie nicht verkleinern. Es ist ein boshafter Streich; er ist mir

aber lieb, weil ich Ihnen einen neuen Beweis meines Vertrauens und

meiner Liebe geben kann. Ich will Ihnen den Brief lesen. Er besteht,

wie Sie sehen, nur aus zwo Zeilen. (Sie liest.) »Mamsell, trauen Sie

Ihrem Liebhaber, dem Herrn Siegmund, nicht. Er ist ein Betrüger. N.

N.«

Siegmund. Was? Ich ein Betrüger?

Lottchen (sie nimmt ihn bei der Hand). Ich weiß, daß Sie groß genug

sind, dieses hassenswürdige Wort mit Gelassenheit anzuhören. Es ist

ein Lobspruch für Sie. Ich verlange einen solchen Betrüger, als Sie

sind, mein Freund.

Siegmund. Aber wer muß mir diesen boshaften Streich an dem heutigen

Tage spielen? Wie? Sollte es auch Herr Simon selbst sein? Liebt er

Sie vielleicht? Macht ihn Ihre Erbschaft boshaft? Warum ging er, da

der Brief kam? Soll ich ihm dieses Laster vergeben? Wenn er mir

meinen Verstand, meinen Witz abgesprochen hätte: so würde ich ihm für

diese Demütigung danken; aber daß er mir die Ehre eines guten Herzens

rauben will, das ist ärger, als wenn er mir Gift hätte geben wollen.

Ich?... Ich, ein Betrüger? Himmel, bringe es an den Tag, wer ein

Betrüger ist, ich oder der, der diesen Brief geschrieben hat! Ist das

der edelgesinnte Vormund?

Lottchen. Ich bitte Sie bei Ihrer Liebe gegen mich, beruhigen Sie

sich. Verschonen Sie den Herrn Vormund mit Ihrem Verdachte. Es ist

nicht möglich, daß er eine solche Niederträchtigkeit begehen sollte.

Sein Charakter ist edel. Wer weiß, was Sie sonst für einen Feind

haben, der von unserer Liebe und von meiner Erbschaft heute Nachricht

bekommen hat.

Siegmund. Sie entschuldigen den Vormund noch? Hörten Sie nicht den

boshaften Ausdruck: Wir wollen wünschen, daß alle Liebhaber so edel

gesinnt sein mögen als mein Mündel? Ist dieses nicht eine

unverschämte Anklage wider mich?

Lottchen. Ich sage Ihnen, daß Sie mich beleidigen, wenn Sie ihn noch

einen Augenblick in Verdacht haben. So, wie ich ihn kenne und wie mir

ihn sein Mündel beschrieben hat: so ist er ein Mann, dem man sein

Leben, seine Ehre und alles vertrauen kann.

Siegmund. Aber sollte er nicht unerlaubte Absichten haben? Ich habe

gemerkt, daß er sehr genau auf Ihr ganzes Bezeigen, bis auf das

geringste Wort Achtung gegeben hat. Es kömmt noch ein merkwürdiger

Umstand dazu. Er hat in dem Billette an Ihren Herrn Vater schon

triumphieret, daß er heute eine erfreuliche Nachricht vom Hofe

erhalten hätte. Und er hat es dem Herrn Vater auch schon entdeckt;

aber mir nicht.

Lottchen. Ich beschwöre Sie bei Ihrer Aufrichtigkeit, lassen Sie

diesen Mann aus dem Verdachte.

Siegmund. Warum hat er mir nicht gesagt, daß man ihm vom Hofe einen

vornehmen Charakter und eine ungewöhnliche Pension gegeben hat? Was

sucht er darunter, wenn er nicht mein Unglück bei Ihnen sucht?

Lottchen. Ich vergebe Ihren Fehler Ihrer zärtlichen Liebe zu mir.

Außerdem würde ich Sie nicht länger anhören. Wir wollen die Sache zu

unserm Vorteile enden. Ihre Feinde mögen sagen, was sie wollen. Sie

sind bestraft genug, daß sie Ihren Wert nicht kennen. Und wir können

uns nicht besser rächen, als daß wir uns nicht die geringste Mühe

geben, sie zu entdecken. Lassen Sie Ihren Zorn hier verfliegen. Ich

komme in der Gesellschaft meines Vaters und der übrigen gleich wieder

zu Ihnen, unser Bündnis in den Augen unserer Feinde sicher zu machen.

Die zärtlichen Schwestern · 第 49 / 61 题