Die Vorigen. Siegmund.
Siegmund. Jungfer Julchen hat, wie ich gleich gehört, endlich ihr Ja
von sich gegeben? Ist es gewiß? Das ist mir sehr angenehm.
Lottchen (zu Simon). Ja, sie hat sich nach dem Wunsche Ihres Herrn
Mündels erklärt und wird die Ehre haben, Sie um einen Bräutigam zu
bitten, der unter Ihren Händen so liebenswürdig geworden ist. Aber,
mein Liebster, hier ist die Abschrift von dem Testamente. Geht es
Ihnen nicht ein wenig nahe, daß die Frau Muhme uns beide vergessen hat?
Siegmund. Nein, nicht einen Augenblick. Sie sind mir mehr als ein
reiches Testament.
Lottchen. Aber wenn uns Julchen etwas von ihrer Erbschaft anbieten
sollte, wollen wir's annehmen?
Siegmund. Da sie nicht mehr über ihr Herz zu gebieten hat: so hat sie
auch nicht über ihr Vermögen zu befehlen.
Simon. O mein Herr, Sie können versichert sein, daß ihr mein Mündel
die völlige Freiheit lassen wird, freigebig und erkenntlich zu sein.
Er sucht seinen Reichtum nicht in dem Überflusse, sondern in dem
Gebrauche desselben. Er würde Julchen gewählt haben, wenn sie auch
keine Erbschaft getan hätte. Und vielleicht wäre es ihm gar lieber,
wenn er ihr Glück durch sich allein hätte machen können. Wir wollen
wünschen, daß alle Liebhaber so edel gesinnt sein mögen als er.
Lottchen. Hören Sie, Herr Siegmund, was wir für einen großmütigen
Bruder bekommen haben?
Siegmund. Er macht seinem Herrn Vormunde und uns die größte Ehre.
Simon. Ja, ich bin in der Tat stolz auf ihn. Er ist von seinem
zehnten Jahre an in meinem Hause gewesen und hat bis auf diese Stunde
alle meine Sorgfalt für ihn so reichlich belohnet und mir so vieles
Vergnügen gemacht, daß ich nicht weiß, wer dem andern mehr Dank
schuldig ist.
Lottchen. Dieses ist ein Lobspruch, den ich niemanden als dem
Bräutigam meiner Schwester gönne. Und wenn mein Papa sterben sollte:
so würde ich Ihr Mündel sein, um ebendieses Lob zu verdienen. O was
ist der Umgang mit großen Herzen für eine Wollust! Aber, Herr Simon,
darf ich in Ihrer Gegenwart eine Freiheit begehen, die die Liebe
gebeut und rechtfertiget? Ja, Sie sind es würdig, die Regungen meiner
Seele ohne Decke zu sehen. (Sie geht auf Siegmund zu und umarmet ihn.
) Endlich, mein Freund, bin ich so glücklich, Ihren Umgang und Ihre
Treue gegen mich durch ein unvermutetes Schicksal zu belohnen. Sie
haben mich als ein armes Frauenzimmer geliebt. Die Vorsicht hat mich
heute mit einer Erbschaft beschenkt, die ich nicht rühmlicher
anzuwenden weiß, als wenn ich sie in Ihre Hände bringe. Ich weiß, Sie
werden es mir und der Tugend davon wohlgehen lassen. Hier ist eine
Abschrift des Testaments, worin ich zur Erbin erkläret bin, anstatt
daß es meine liebe Schwester nach unserer Meinung war. Kurz, die
Erbschaft ist Ihre, und ein Teil von zehntausend Talern gehört Julchen.
Fragen Sie nunmehr Ihr Herz, was Sie mit mir anfangen wollen.
Siegmund. Ohne Ihre Liebe ist mir Ihr Geschenke sehr gleichgültig.
Lottchen. Eben deswegen verdienen Sie's. Fehlt zu Ihrem Glücke
nichts als meine Liebe: so können Sie nie glücklicher werden.
Siegmund. Ach, meine Schöne, wie erschrecke ich! Sie machen, daß man
die Liebe und das Glück erst hochschätzt. O warum kann nicht die
ganze Welt Ihrer Großmut zusehen! Sie würden auch den
niederträchtigsten Seelen liebenswürdig vorkommen und ihnen bei aller
Verachtung der Tugend den Wunsch auspressen, daß sie Ihnen gleichen
möchten. Ich danke es der Schickung ewig, daß sie mir Ihren Besitz
zugedacht hat. Und ich eile mit Ihrer Erlaubnis zu Ihrem Herrn Vater,
um ihn nunmehr...