Fünfter Auftritt

Die Vorigen. Siegmund.

Siegmund. Jungfer Julchen hat, wie ich gleich gehört, endlich ihr Ja

von sich gegeben? Ist es gewiß? Das ist mir sehr angenehm.

Lottchen (zu Simon). Ja, sie hat sich nach dem Wunsche Ihres Herrn

Mündels erklärt und wird die Ehre haben, Sie um einen Bräutigam zu

bitten, der unter Ihren Händen so liebenswürdig geworden ist. Aber,

mein Liebster, hier ist die Abschrift von dem Testamente. Geht es

Ihnen nicht ein wenig nahe, daß die Frau Muhme uns beide vergessen hat?

Siegmund. Nein, nicht einen Augenblick. Sie sind mir mehr als ein

reiches Testament.

Lottchen. Aber wenn uns Julchen etwas von ihrer Erbschaft anbieten

sollte, wollen wir's annehmen?

Siegmund. Da sie nicht mehr über ihr Herz zu gebieten hat: so hat sie

auch nicht über ihr Vermögen zu befehlen.

Simon. O mein Herr, Sie können versichert sein, daß ihr mein Mündel

die völlige Freiheit lassen wird, freigebig und erkenntlich zu sein.

Er sucht seinen Reichtum nicht in dem Überflusse, sondern in dem

Gebrauche desselben. Er würde Julchen gewählt haben, wenn sie auch

keine Erbschaft getan hätte. Und vielleicht wäre es ihm gar lieber,

wenn er ihr Glück durch sich allein hätte machen können. Wir wollen

wünschen, daß alle Liebhaber so edel gesinnt sein mögen als er.

Lottchen. Hören Sie, Herr Siegmund, was wir für einen großmütigen

Bruder bekommen haben?

Siegmund. Er macht seinem Herrn Vormunde und uns die größte Ehre.

Simon. Ja, ich bin in der Tat stolz auf ihn. Er ist von seinem

zehnten Jahre an in meinem Hause gewesen und hat bis auf diese Stunde

alle meine Sorgfalt für ihn so reichlich belohnet und mir so vieles

Vergnügen gemacht, daß ich nicht weiß, wer dem andern mehr Dank

schuldig ist.

Lottchen. Dieses ist ein Lobspruch, den ich niemanden als dem

Bräutigam meiner Schwester gönne. Und wenn mein Papa sterben sollte:

so würde ich Ihr Mündel sein, um ebendieses Lob zu verdienen. O was

ist der Umgang mit großen Herzen für eine Wollust! Aber, Herr Simon,

darf ich in Ihrer Gegenwart eine Freiheit begehen, die die Liebe

gebeut und rechtfertiget? Ja, Sie sind es würdig, die Regungen meiner

Seele ohne Decke zu sehen. (Sie geht auf Siegmund zu und umarmet ihn.

) Endlich, mein Freund, bin ich so glücklich, Ihren Umgang und Ihre

Treue gegen mich durch ein unvermutetes Schicksal zu belohnen. Sie

haben mich als ein armes Frauenzimmer geliebt. Die Vorsicht hat mich

heute mit einer Erbschaft beschenkt, die ich nicht rühmlicher

anzuwenden weiß, als wenn ich sie in Ihre Hände bringe. Ich weiß, Sie

werden es mir und der Tugend davon wohlgehen lassen. Hier ist eine

Abschrift des Testaments, worin ich zur Erbin erkläret bin, anstatt

daß es meine liebe Schwester nach unserer Meinung war. Kurz, die

Erbschaft ist Ihre, und ein Teil von zehntausend Talern gehört Julchen.

Fragen Sie nunmehr Ihr Herz, was Sie mit mir anfangen wollen.

Siegmund. Ohne Ihre Liebe ist mir Ihr Geschenke sehr gleichgültig.

Lottchen. Eben deswegen verdienen Sie's. Fehlt zu Ihrem Glücke

nichts als meine Liebe: so können Sie nie glücklicher werden.

Siegmund. Ach, meine Schöne, wie erschrecke ich! Sie machen, daß man

die Liebe und das Glück erst hochschätzt. O warum kann nicht die

ganze Welt Ihrer Großmut zusehen! Sie würden auch den

niederträchtigsten Seelen liebenswürdig vorkommen und ihnen bei aller

Verachtung der Tugend den Wunsch auspressen, daß sie Ihnen gleichen

möchten. Ich danke es der Schickung ewig, daß sie mir Ihren Besitz

zugedacht hat. Und ich eile mit Ihrer Erlaubnis zu Ihrem Herrn Vater,

um ihn nunmehr...

Die zärtlichen Schwestern · 第 47 / 61 题