Dritter Auftritt

Die Vorigen. Lottchen.

Damis (zu Lottchen). Kommen Sie, meine Freundin, und fangen Sie an,

mich zu hassen. Ich soll meine Juliane hintergangen haben.

Lottchen. Haben Sie sich beide schon ein wenig gezankt? Vermutlich

über die ersten Küsse.

Damis (zu Julchen). Verklagen Sie mich doch bei Ihrer Jungfer

Schwester. Sagen Sie ihr doch mein Verbrechen.

Julchen. Vielleicht fände ich da die wenigste Hülfe.

Lottchen. Ach, Julchen, wenn die selige Frau Muhme es hätte wissen

sollen, daß du dich an dem Tage deiner Verlobung mit deinem Bräutigam

zanken würdest: sie hätte dir nicht einen Ziegel von ihrem Rittergute

vermacht. Ich habe die gute Hoffnung, daß der Krieg nicht lange

dauern wird. Dein Herz ist von Natur friedfertig, wenngleich die

Liebe etwas zänkisch ist.

Julchen. O scherze nicht.

Lottchen (zu Damis). Sehn Sie nur Ihre liebe Braut recht an. Haben

Sie sie durch eine kleine Liebkosung erbittert gemacht: so wollte ich

Ihnen den Rat geben, sie durch zwo neue zu besänftigen. Julchen, rede

wenigstens mit mir, wenn es Herr Damis nicht verdient. Oder wenn er

dich ja beleidiget hat: so laß dir den Kuß wiedergeben: so seid ihr

geschiedene Leute. Was habt ihr denn miteinander?

Julchen. Was wir miteinander haben? Das werde ich in deiner

Gegenwart nicht sagen können. Ich glaube zwar gar nicht, daß du ihm

Gelegenheit gegeben hast. Und was kann er dafür, daß du

liebenswürdiger bist als ich? Auch sein Vergehn ist noch ein

Verdienst. Er würde dich nicht lieben, wenn er nicht die größten

Vorzüge zu lieben gewohnt wäre. Ich entschuldige ihn selbst.

Lottchen. Du gutes Kind! Also bin ich deine Nebenbuhlerin! Du

dauerst mich in Wahrheit. Ich will dir das ganze Geheimnis eröffnen.

Kommen nicht die Beschuldigungen wider deinen Liebhaber von Herrn

Siegmunden her? Ich kann mir's leicht einbilden. Er hat sich in dich

verliebt stellen sollen, um dich zu überführen, daß du vielleicht

schon liebtest. Er wird also die List gebraucht und dich beredt haben,

daß Herr Damis mich liebte. Vergib ihm diesen Scherz. Er hat seine

Rolle gar zu gut gespielt.

Julchen. Er tat sehr ernstlich und...

Damis (zu Julchen). Sehn Sie, was ich für ein betrügerisches Herz

habe?

Julchen. Aber...

Damis. Sie können noch ein Mißtrauen in mich setzen? Wie wenig

müssen Sie mich kennen!

Julchen. Ich? mein Herr...

Damis. Ist das der Lohn für meine Liebe?

Julchen. Der Lohn? Hassen Sie mich denn? Würde ich eifersüchtig

geworden sein, wenn ich nicht... Also haben Sie mich nicht

hintergangen? Ja, mein ganzes Herz hat für Sie gesprochen.

Lottchen. Du hast dich fangen lassen, meine gute Schwester. Und ich

merke, daß es dir schon weh tut, daß du deinen Geliebten wegen deiner

Hitze noch nicht um Vergebung gebeten hast. Ich will es an deiner

Stelle tun. (Zum Damis.) Mein Herr, sein Sie so gütig und vergeben

Sie es Julchen, daß Sie zärtlicher von ihr geliebt werden, als Sie

gedacht haben.

Julchen. Nein, wenn ich mich geirrt habe: so bitte ich Ihnen meinen

Fehler freiwillig ab.

Damis. Aber lieben Sie mich denn auch?

Julchen. Ja. Nunmehr weiß ich's gewiß, daß ich Sie liebe. Und

nunmehr bin ich bereit, dieses Bekenntnis vor meinem Vater und Ihrem

Herrn Vormunde zu wiederholen, wenn Ihre Wünsche dadurch befriediget

werden.

Damis. Meine Juliane! Ich bin zu glücklich.

Julchen. Wenn ich Ihr Herz noch nicht hätte: so würde ich nunmehr

selbst darum bitten, so hoch schätze ich's.

Damis. Vortreffliche Juliane! Ich bin... Doch es ist mir kein

Gedanke anständig genug für Sie. Dieses ist es alles, was ich Ihnen

in der Entzückung antworten kann.

Lottchen. Meine liebe Schwester (sie umarmt Julchen), deine Liebe sei

ewig glücklich! Sei mir ein Beispiel der Zärtlichkeit und der

Zufriedenheit. (Zum Damis.) Und Sie, mein lieber Herr Bruder, sollen

so glücklich sein, als ich meine Schwester zu sehn wünsche. Bleiben

Sie ein Freund meines Freundes, und befördern Sie unsere Ruhe durch

Ihre Aufrichtigkeit. Kommen Sie, wir wollen zu unserm ehrlichen Vater

gehn. Wie froh wird der fromme Alte nicht sein, wenn er Julchens

Entschluß hört! Doch ich sehe den Herrn Vormund kommen. Gehn Sie,

ich will das Vergnügen haben, diesem rechtschaffenen Mann, der mir

heute eine freudige Post gebracht hat, auch die erste Nachricht von

der Gewißheit Ihrer beiderseitigen Liebe zu geben.

(Julchen und Damis gehn ab.)

Die zärtlichen Schwestern · 第 45 / 61 题