Cleon. Julchen.
Cleon. Nun, meine Tochter, wie steht es mit deinem Herzen? Es muß
dir doch lieb sein, daß du ein Rittergut hast.
Julchen. Ja, deswegen, damit ich's Ihnen und meiner Schwester
anbieten kann.
Cleon. Du gutes Kind! Behalte, was dein ist. Willst du deiner
Schwester etwas geben; wohl gut. Ich werde schon, solange ich lebe,
Brot in meinem kleinen Hause haben. Aber, was spricht Herr Damis?
Hat auch der eine Freude über deine Erbschaft?
Julchen. Meine Erbschaft scheint ihm sehr gleichgültig zu sein.
Cleon. Ja, ja, er hat freilich selber genug Vermögen. Aber du mußt
auch bedenken, daß er dich gewählt hat, da du noch ein armes Mädchen
warest. Ach, wenn du wissen solltest, wieviel Gutes mir der Herr
Vormund itzt von ihm erzählet hat, du würdest ihn gewiß lieben! Ich
habe immer gedacht, er wäre nicht gar zu gelehrt, weil er nicht so
hoch redt wie mein Bruder, der Magister; allein, sein Vormund hat mich
versichert, daß er ein rechter scharfsinniger Mensch wäre und mehr
gute Bücher gelesen hätte, als Stunden im Jahre wären. Wer hätte das
denken sollen?
Julchen. Daß er gelehrt ist, habe ich lange gewußt; allein daß ich's
nicht bin, weiß ich leider auch. Vielleicht sucht er die
Gelehrsamkeit bei einem Frauenzimmer und nicht ein Rittergut.
Cleon. Du redst artig. Da werden die Töchter studieren können wie
die Söhne. Du kannst ja auf der Laute spielen. Du kannst schön
singen. Du kannst dein bißchen Französisch. Du schreibst einen
feinen Brief und eine gute Hand. Du kannst gut tanzen, verstehst die
Wirtschaft und siehst ganz fein aus, bist ehrlicher Geburt, gesittet
und fromm und nunmehr auch ziemlich reich. Was will denn ein Mann
mehr haben? Herr Damis liebt dich gewiß. Mache, daß ich ihn bald
Herr Sohn und dich Braut heißen kann.
Julchen. Braut? Das weiß ich nicht. Sollte er mich lieben? Papa,
Sie haben mich wohl zu sehr gelobt. Meine Schwester kann ja
ebensoviel und noch mehr als ich.
Cleon. Es ist itzt die Rede nicht von deiner Schwester. Sie hat
ihren Herrn Siegmund und verlangt kein großes Glück. Gib ihr etwas
von deinem Vermögen: so wird sie vollkommen zufrieden sein. Und so
will ich sie gleich heute verloben. Oder möchtest du Herrn Siegmunden
lieber zum Manne haben?
Julchen. Ich, Papa? Herrn Siegmunden? Wie kommen Sie auf die
Gedanken? Wenn ich lieben wollte: warum sollte ich nicht den Herrn
Damis lieben? Hat er nicht vielleicht noch mehr Verdienste als jener?
Und wenn auch dieser liebenswürdiger wäre, da er es doch nicht ist,
wie könnte ich ohne Verbrechen an ihn denken, da ihn meine Schwester
und er sie so zärtlich liebt?
Cleon. So gefällst du mir. Ich bin ein rechter glücklicher Vater.
(Er klopft sie auf die Backen.) Meine liebe schöne Tochter, bleibe
bei den Gedanken. Du wirst wohl dabei fahren. Nicht wahr, du hast
den Herrn Damis viel lieber als Herrn Siegmunden? Dieser scheint mir
zuweilen ein bißchen leichtsinnig zu sein oder doch lose. Ich habe
alleweile mit dem Herrn Simon von ihm gesprochen und allerhand...
Julchen. Papa, wenn ich mich zur Liebe entschließe: so gebe ich Ihnen
mein Wort, daß ich einen Mann wähle, wie Herr Damis ist. Wenn ich nur
nicht meine Freiheit dabei verlöre! Wenn ich nur wüßte, ob ich ihn
etwan schon gar liebte! Nein, Papa, ich liebe ihn noch nicht. Ich
habe eine so reiche Erbschaft getan, und gleichwohl bin ich nicht
zufriedner. Ob ich etwan gar krank werde?
Cleon. Ja, wohl kann man vor Liebe krank werden. Aber die Gegenliebe
macht wieder gesund. Ich spräche ja, wenn ich wie du wäre, damit ich
der Krankheit zuvorkäme.
Julchen. Ach! Papa.
Cleon. Ach! Du sollst nicht »Ach«, du sollst »Ja« sprechen. Du
gefällst ihm ganz ausnehmend. Er wird dich wie sein Kind lieben.
Julchen. Aber werde ich ihm stets gefallen?
Cleon. Das kannst du denken. Woran stößt sich denn dein Herz noch?
Befürchtest du denn gar, daß er dir künftig untreu werden möchte?
Nimmermehr! Der Herr Vormund hat mir gesagt, daß dein Liebster sehr
viel Religion hätte und oft zu sagen pflegte, daß er kein Mensch sein
möchte, wenn er nicht zugleich ein Christ sein sollte. Er wird dich
gewiß zeitlebens für gut halten. Er wird seine Schwüre nicht brechen.
Julchen. Ich höre keine Schwüre von ihm. Würde er seine Liebe nicht
beteuern, wenn er mich...?
Cleon. Das ist schön, daß er nicht schwört. Um desto mehr kannst du
auf sein Wort bauen. Das öffentliche Versprechen ist eben der Schwur
in der Liebe. Und diesen Schwur will er heute tun, wenn du ihn
zugleich tun willst.
Julchen. Papa, ich bin unentschlossen und ungeschickt, die Sache
recht zu überlegen. Lassen Sie mir noch Zeit.
Cleon. Bis auf den Abend bei Tische sollst du Zeit haben. Alsdann
sprich »Ja« oder »Nein«. Die Sache ist ernstlich gemeint. Ich habe
dir mein Herz entdeckt. Du hast meine Einwilligung. Mache es, wie du
willst. Komm, dein Liebster wird sich schon recht nach dir umgesehen
haben. Die beiden schwarzen Pflästerchen lassen recht hübsch zu
deinem Gesichte. Bist du denn etwan ausgefahren?
Julchen. Ja, ich habe zu Mittage ein Glas Wein getrunken.
Cleon. Nun, nun, es wird schon wieder vergehen, ehe du mir einen
Gevatterbrief schickst. Komm und führe mich bei der Hand. Ich möchte
gern einmal von einer Braut geführet werden.
(Ende des zweiten Aufzugs.)