Neunzehnter Auftritt

Lottchen. Julchen. Damis.

Lottchen (zu Damis). Ich wollte Ihnen ein schönes, junges,

liebenswürdiges Frauenzimmer mit einem Rittergute anbieten, wenn Sie

Julchen wollen fahren lassen.

Julchen. Ist das die Neuigkeit?

Damis. Und wenn Ihr Frauenzimmer zehn Rittergüter hätte: so würde mir

Julchen auch in einer Schäferhütte besser gefallen.

Julchen. Was reden Sie? Hören Sie doch Lottchen an. Wer weiß, wie

glücklich Sie werden! Ich gönne es Ihnen und der andern Person.

Lottchen, wer ist sie denn?

Lottchen. Es ist ein artiges Kind. Sie hat ein Rittergut für

funfzigtausend Reichstaler. Sie ist wohlerzogen.

Julchen. So? Aber, wo... Wie heißt sie denn?

Lottchen. Sie ist fast so schön wie du.

Julchen. Das mag ich ja nicht wissen. Wenn ich schön bin: so wird

mir's der Spiegel sagen. So muß keine Schwester mit der andern reden.

Sage es dem Herrn Damis allein. Ich werde wohl nicht dabei nötig

sein. (Sie will gehn.)

Damis. Ach, liebe Mamsell, gehn Sie noch nicht. Ich gehe mit Ihnen.

Julchen. Das wird sich nicht schicken. Das Frauenzimmer mit dem

Rittergute, das sich in Sie verliebt hat, würde es sehr übelnehmen.

Es ist gut, daß Sie sich bei mir in den Liebeserklärungen geübt haben.

Nunmehr werden sie Ihnen wenig Mühe machen.

Lottchen. Höre nur, meine Schwester. Es kömmt erst darauf an, ob das

Frauenzimmer dem Herrn Damis gefallen wird. Sie hat freilich schöne

große blaue Augen, fast wie du; eine gefällige Bildung und eine recht

erobernde Miene; kleine volle runde Hände. (Julchen sieht ihre Hände

an.) Sie ist dem Herrn Damis gut; aber sie liebt auch die Freiheit.

Julchen. O ich weiß gar nicht, was du haben willst? Kurz, wie heißt

denn das Frauenzimmer, die den Herrn Damis liebt?

Lottchen. Sie heißt ebenfalls, wie du, Julchen.

Julchen. Oh! du willst mich zum Kinde machen.

Lottchen. Nein, Julchen, ich kündige hiermit dir und deinem Liebhaber

ein ansehnliches Glück an. Die selige Frau Muhme hat dir in ihrem

Testamente ihr ganzes Rittergut vermacht. Herr Simon hat uns die

Nachricht nur itzt gegeben, und ich habe ihn gebeten, daß er mir die

Freude gönnen möchte, sie euch beiden zuerst zu hinterbringen. Meine

liebe Schwester, ich wünsche dir tausend Glück zu deiner Erbschaft,

und Ihnen, mein Freund, wünsche ich meine Schwester. Wie glücklich

bin ich heute!

Julchen. Was? Das ganze Rittergut? Und dir nichts? Hätte sie es

denn nicht teilen können? Ist es denn auch gewiß? Kann es nicht ein

Mißverstand sein? Warum hat sie denn dir nichts vermacht?

Lottchen. Wenn sie dich nun lieber gehabt hat als mich. Genug, die

Erbschaft ist deine und für dich bestimmt gewesen. Ich habe genug,

wenn ich künftig ohne Kummer mit meinem Geliebten leben kann. Ach,

Julchen, ich weiß, daß dem Papa ein jeder Augenblick zu lang wird, bis

er dir seinen Glückwunsch abstatten kann. Ich habe ihn gebeten, dich

nichts merken zu lassen, bis ich mit dir geredt hätte.

Damis. Ich erstaune ganz. Vielleicht wäre es ein Glück für mich,

wenn kein Testament wäre. Ach, mein liebes Julchen, soll ich Sie

verlieren?

Julchen. Lottchen, ich teile das Gut mit dir und dem Papa. Nein,

ganz wünsche ich mir es nicht. Ich verdiene es auch nicht. Traurige

Erbschaft!... Ich war unruhig vor dieser Nachricht, und ich bin noch

nicht vergnügt. (Sie sieht den Damis an.) Und Sie, mein Herr...?

Damis. Und Sie, meine Schöne...?

Lottchen. Kommt, sonst geht die traurige Szene wieder an. Ich weiß,

daß der Papa schon ein wenig geschmälet haben wird.

Die zärtlichen Schwestern · 第 39 / 61 题