Lottchen. Julchen. Damis.
Lottchen (zu Damis). Ich wollte Ihnen ein schönes, junges,
liebenswürdiges Frauenzimmer mit einem Rittergute anbieten, wenn Sie
Julchen wollen fahren lassen.
Julchen. Ist das die Neuigkeit?
Damis. Und wenn Ihr Frauenzimmer zehn Rittergüter hätte: so würde mir
Julchen auch in einer Schäferhütte besser gefallen.
Julchen. Was reden Sie? Hören Sie doch Lottchen an. Wer weiß, wie
glücklich Sie werden! Ich gönne es Ihnen und der andern Person.
Lottchen, wer ist sie denn?
Lottchen. Es ist ein artiges Kind. Sie hat ein Rittergut für
funfzigtausend Reichstaler. Sie ist wohlerzogen.
Julchen. So? Aber, wo... Wie heißt sie denn?
Lottchen. Sie ist fast so schön wie du.
Julchen. Das mag ich ja nicht wissen. Wenn ich schön bin: so wird
mir's der Spiegel sagen. So muß keine Schwester mit der andern reden.
Sage es dem Herrn Damis allein. Ich werde wohl nicht dabei nötig
sein. (Sie will gehn.)
Damis. Ach, liebe Mamsell, gehn Sie noch nicht. Ich gehe mit Ihnen.
Julchen. Das wird sich nicht schicken. Das Frauenzimmer mit dem
Rittergute, das sich in Sie verliebt hat, würde es sehr übelnehmen.
Es ist gut, daß Sie sich bei mir in den Liebeserklärungen geübt haben.
Nunmehr werden sie Ihnen wenig Mühe machen.
Lottchen. Höre nur, meine Schwester. Es kömmt erst darauf an, ob das
Frauenzimmer dem Herrn Damis gefallen wird. Sie hat freilich schöne
große blaue Augen, fast wie du; eine gefällige Bildung und eine recht
erobernde Miene; kleine volle runde Hände. (Julchen sieht ihre Hände
an.) Sie ist dem Herrn Damis gut; aber sie liebt auch die Freiheit.
Julchen. O ich weiß gar nicht, was du haben willst? Kurz, wie heißt
denn das Frauenzimmer, die den Herrn Damis liebt?
Lottchen. Sie heißt ebenfalls, wie du, Julchen.
Julchen. Oh! du willst mich zum Kinde machen.
Lottchen. Nein, Julchen, ich kündige hiermit dir und deinem Liebhaber
ein ansehnliches Glück an. Die selige Frau Muhme hat dir in ihrem
Testamente ihr ganzes Rittergut vermacht. Herr Simon hat uns die
Nachricht nur itzt gegeben, und ich habe ihn gebeten, daß er mir die
Freude gönnen möchte, sie euch beiden zuerst zu hinterbringen. Meine
liebe Schwester, ich wünsche dir tausend Glück zu deiner Erbschaft,
und Ihnen, mein Freund, wünsche ich meine Schwester. Wie glücklich
bin ich heute!
Julchen. Was? Das ganze Rittergut? Und dir nichts? Hätte sie es
denn nicht teilen können? Ist es denn auch gewiß? Kann es nicht ein
Mißverstand sein? Warum hat sie denn dir nichts vermacht?
Lottchen. Wenn sie dich nun lieber gehabt hat als mich. Genug, die
Erbschaft ist deine und für dich bestimmt gewesen. Ich habe genug,
wenn ich künftig ohne Kummer mit meinem Geliebten leben kann. Ach,
Julchen, ich weiß, daß dem Papa ein jeder Augenblick zu lang wird, bis
er dir seinen Glückwunsch abstatten kann. Ich habe ihn gebeten, dich
nichts merken zu lassen, bis ich mit dir geredt hätte.
Damis. Ich erstaune ganz. Vielleicht wäre es ein Glück für mich,
wenn kein Testament wäre. Ach, mein liebes Julchen, soll ich Sie
verlieren?
Julchen. Lottchen, ich teile das Gut mit dir und dem Papa. Nein,
ganz wünsche ich mir es nicht. Ich verdiene es auch nicht. Traurige
Erbschaft!... Ich war unruhig vor dieser Nachricht, und ich bin noch
nicht vergnügt. (Sie sieht den Damis an.) Und Sie, mein Herr...?
Damis. Und Sie, meine Schöne...?
Lottchen. Kommt, sonst geht die traurige Szene wieder an. Ich weiß,
daß der Papa schon ein wenig geschmälet haben wird.