Sechzehnter Auftritt

Cleon. Siegmund.

Cleon. Ich weiß nicht, wem ich glauben soll, ob dem Magister oder

Lottchen? Diese spricht, Julchen liebt den Herrn Damis, und jener

spricht: nein. Er hat ja Verstand. Sollte er denn die Sache nicht

einsehen? Sagen Sie mir doch Ihre aufrichtige Meinung, Herr Siegmund.

Siegmund. Ich komme fast selbst auf die Gedanken, daß Julchen den

Herrn Damis nicht wohl leiden kann.

Cleon. Aber was soll denn daraus werden? Wenn sie schon etwas von

der Erbschaft wüßte: so dächte ich, das Rittergut machte sie stolz.

Herr Damis ist so redlich gewesen und hat sie zur Frau verlangt, da

sie arm war. Nun soll sie ihn, da sie reich ist, zur Dankbarkeit

heiraten. Sie wird sich wohl noch geben.

Siegmund. Aber Sie wissen wohl, daß der Zwang in der Ehe üble Früchte

bringt.

Cleon. Es wird schon gehen. Ich verlasse mich auf die Fügung. Und

ich wollte wohl wünschen, Herr Siegmund, wenn Sie anders noch willens

sind, meine Tochter Lottchen zu ehelichen, daß ich heute ein doppeltes

Verlöbnis ausrichten könnte.

Siegmund. Ja, wenn nur meine Umstände... Ich habe einige hundert

Taler Schulden...

Cleon. Gut. Julchen soll Ihre Schulden von ihrer Erbschaft bezahlen

und Ihnen auch noch tausend Taler zum Anfange in der Ehe geben.

Siegmund. Das ist sehr schön; aber...

Cleon. Sie kriegen an Lottchen gewiß eine verständige Frau. Das

Mädchen hat fast gar keinen Fehler, und ihr Gesichte ist auch nicht

schlecht. Ich darf's ihr nur nicht sagen, aber sie sieht eine Sache

manchmal besser ein als ich. Wenn doch die Abschrift von dem

Testamente bald käme! Also, wollen Sie Lottchen haben?

Siegmund. Ja, ich wünsche mir Lottchen. Ich gehorche Ihnen als

meinem Vater. Aber darf ich Ihnen sagen, daß es scheint, daß mir

Julchen gewogener ist als dem Herrn Damis; und daß Lottchen hingegen

mit diesem sehr zufrieden zu sein scheinet. Darf ich Ihnen wohl sagen,

daß mir Julchen nur itzt noch befohlen hat, bei Ihnen um sie

anzuhalten und...

Cleon. Was höre ich? Nun errate ich, warum das Mädchen sich so

geweigert hat. Lieber Herr Siegmund, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir,

was bei der Sache anzufangen ist. Ich vergehe, ich... Ja doch.

Julchen kann Ihnen gewogen sein, aber Lottchen ist Ihnen noch

gewogener.

Siegmund. Sie haben vollkommen recht, lieber Papa.

Cleon. Also will Lottchen zwei Männer und Herr Damis zwo Weiber

haben? Das ist ja unsinnig.

Siegmund. Es ist eine verwirrte Sache, bei der ich eine sehr

ungewisse Person spiele. Das beste wird sein, daß Sie alles so

geheimhalten, als es möglich ist, und die Verlobung mit dem Herrn

Damis etwan noch acht Tage anstehen lassen. Vielleicht besinnt sich

Julchen anders.

Cleon. Lieber Gott, zu wem wollte ich davon reden als zu Ihnen? Ich

müßte mich ja schämen.

Siegmund. Wenn Lottchen den Herrn Damis freiwillig wählen sollte: so

bin ich viel zu redlich, als daß ich ihr einen Mann mit so großem

Vermögen entziehen will.

Cleon. Sie sind die Großmut selbst. Ich kann alles zufrieden sein.

Ich wollte Ihnen Julchens Vermögen ebensowohl gönnen als dem Herrn

Damis. Freilich wäre die Einteilung nicht uneben. Lottchen wäre

durch Herrn Damis' Vermögen und Ihnen durch Julchens Erbschaft

geholfen. Ich weiß nicht, was ich anfangen soll.

Siegmund. Also wollten Sie mir, wenn es so weit kommen sollte,

Julchen versprechen?

Cleon. Aber Lottchen hat Sie so lieb, lieber als mich. Und ich

dächte, es wäre unbillig, daß Sie sie vergäßen. Ich kann mir nicht

einbilden, daß meine Tochter so unbeständig sein sollte. Ich habe sie

selber vielmal für Sie beten hören, daß es Ihnen der Himmel möchte

wohlgehen und Sie ihr zum Vergnügen leben lassen, wenn es sein Wille

wäre. Sollte sie denn so leichtsinnig sein? Nein. Sie irren sich

wohl.

Siegmund. Eben deswegen wollen wir die Sache noch geheimhalten. Ich

liebe Lottchen wie meine Seele, und ich werde sie auf alle Art zu

erhalten suchen.

Cleon. Wir wollen heute zusehn. Wir wollen genau auf alles achtgeben.

Ich denke gewiß, es soll bei der ersten Einrichtung bleiben. Ich

will Ihnen Lottchen mit einer guten Art herschicken. Sagen Sie ihr

nur recht viel Zärtliches vor. Sie hört es gern. Julchen will ich

selber noch einmal ausforschen; aber ganz schlau. Ich habe mich lange

aufgehalten und den Herrn Simon alleine gelassen. Wenn es nur der

rechtschaffene Mann nicht übelnimmt.

Die zärtlichen Schwestern · 第 36 / 61 题