Vierzehnter Auftritt

Julchen. Der Magister.

Julchen. Herr Magister, wollen Sie mir etwa sagen, was mir Lottchen

Neues erzählen will?

Der Magister. Nein, ich habe sie gar nicht gesehn. Ich komme aus

meiner Studierstube und habe zum Zeitvertreibe in einem deutschen

Fabelbuche gelesen. Wenn Sie mir zuhören wollten: so wollte ich Ihnen

eine Fabel daraus vorlesen, die mir ganz artig geschienen hat. Ich

weiß, Sie hören gerne witzige Sachen.

Julchen. Ja, aber nur heute nicht, weil ich gar zu unruhig bin. Sie

lesen mir ja sonst keine Fabeln vor. Wie kommen Sie denn heute auf

diesen Einfall? Ja, ich weiß wohl eher, daß Sie mir eine ziemliche

finstere Miene gemalt haben, wenn Sie mich in des Fontaine oder

Hagedorns Fabeln haben lesen sehen.

Der Magister. Sie haben recht. Ich halte mehr auf gründliche

Schriften. Und das Solide ist für die Welt allemal besser als das

Witzige. Aber wie man den Verstand nicht immer anstrengen kann: so

ist es auch erlaubt, zuweilen etwas Seichtes zu lesen. Wollen Sie die

Fabel hören? Sie heißt Die Sonne.

Julchen. O ich habe schon viele Fabeln von der Sonne gelesen! Ich

will es Ihnen auf Ihr Wort glauben, daß sie artig ist. Lesen Sie mir

sie nur nicht vor.

Der Magister. Jungfer Muhme, ich weiß nicht, was Sie heute für eine

verdrießliche Gemütsart haben. Ihnen zu gefallen, verderbe ich mir

etliche kostbare Stunden. Ich arbeite für Ihr Glück, für Ihre

Beruhigung. Und Sie sind so unerkenntlich und beleidigen mich alle

Augenblicke dafür? Bin ich Ihnen denn so geringe? Verdienen meine

Absichten nicht wenigstens Ihre Aufmerksamkeit? Sind denn Ihre

Pflichten gegen mich durch die Blutsverwandtschaft nicht deutlich

genug bestimmt? Warum widersprechen Sie mir denn? Kann ich etwas

dafür, daß Sie nach der Vernunft verbunden sind, zu heiraten? Habe

ich den Gehorsam, den Sie Ihrem Herrn Vater und mir schuldig sind,

etwa erdacht? Ist er nicht in dem ewigen Gesetze der Vernunft

enthalten?

Julchen. Sie schmälen auf mich, Herr Magister; aber Sie schmälen doch

gelehrt, und deswegen will ich mich zufriedengeben. Darf ich bitten:

so lesen Sie mir die Fabel vor, damit ich wieder zu meiner Schwester

gehn kann. Sie wissen nicht, wie hoch ich Sie schätze.

Der Magister. Warum sollte ich's nicht wissen? Wenn Sie gleich nicht

den schärfsten Verstand haben, so haben Sie doch ein gutes Herz. Und

ich wollte wetten, wenn Sie statt der Bremischen Beiträge und anderer

solchen leichten Schriften eine systematische Moralphilosophie läsen,

daß Sie bald anders sollten denken lernen. Wenn Sie die Triebe des

Willens und ihre Natur philosophisch kennen sollten: so würden Sie

sehen, daß der Trieb der Liebe ein Grundtrieb wäre, und also...

Julchen. Sie reden mir so viel von der Liebe vor. Haben Sie denn in

Ihrer Jugend auch geliebt? Kennen Sie denn die Liebe recht genau?

Was ist sie denn? Ein Rätsel, das niemand auflösen kann.

Der Magister. Als der Verstand genug hat, in die Natur der Dinge zu

dringen. Die Liebe ist eine Übereinstimmung zweener Willen zu

gleichen Zwecken. Mich deucht, dies ist sehr adäquat. Oder soll ich

Ihnen eine andere Beschreibung geben?

Julchen. Nein, ich habe mit dieser genug zu tun. Sagen Sie mir

lieber die Fabel. Ich muß zu meiner Schwester.

Der Magister. Ja, ja, die Fabel ist freilich nicht so schwer zu

verstehen als eine Kausaldefinition. Sie ist kurz, und sie scheint

mir mehr eine Allegorie als eine Fabel zu sein. Sie klingt also: Die

Sonne verliebte sich, wie man erzählt, einsmals in den Mond. Sie

entdeckte ihm ihre Wünsche auf das zärtlichste; allein der Mond blieb

seiner Natur nach kalt und unempfindlich. Er verlachte alle die

Gründe, womit ihn einige benachbarte Planeten zur Zärtlichkeit gegen

die Sonne bewegen wollten. Ein heimlicher Stolz hieß ihn spröde tun,

ob ihm die Liebe der Sonne gleich angenehm war. Er trotzte auf sein

schönes und reines Gesicht, bis es eine Gottheit auf das Bitten der

Sonne mit Flecken verunstaltete. Und dies sind die Flecken, die wir

noch heutzutage in dem Gesichte des Monden finden. Dies ist die Fabel.

Was empfinden Sie dabei?

Julchen. Ich empfinde, daß sie mir nicht gefällt und daß der

Verfasser ihrer noch viel machen wird. Ich will doch nicht hoffen,

daß Sie diese Erzählung im Ernste für artig halten.

Der Magister. Freilich kann der Verstand bei witzigen Sachen seine

Stärke nicht sehen lassen. Aber wie? wenn ich die Fabel selbst

gemacht hätte?

Julchen. So würde ich glauben müssen, daß die Schuld an mir läge,

warum sie mir nicht schön vorkömmt.

Der Magister. Sie wissen sich gut herauszuwickeln. Ich will es Ihnen

gestehen. Es ist meine Arbeit. Ich will mich eben nicht groß damit

machen, denn Witz kann auch ein Ungelehrter haben. Aber wollten Sie

diese Fabel wohl auflösen? Was soll die Moral sein?

Julchen. Das werden Sie mir am besten sagen können.

Der Magister. Die Moral soll etwan diese sein: Ein schönes

Frauenzimmer, die gegen den Liebhaber gar zu lange spröde tut, steht

in der Gefahr, daß das Alter ihr schönes Gesicht endlich verwüstet.

Julchen. Sie sind heute recht sinnreich, Herr Magister. Ich merke,

die Fabel geht auf mich. Ich bin der Mond. Herr Damis wird die Sonne

sein, und die Planeten werden auf Sie und meine Schwester zielen.

Habe ich nicht alles erraten?

Der Magister. Ich sehe wohl, wenn man Ihnen seine Gedanken unter

Bildern vorträgt: so machen sie einen großen Eindruck bei Ihnen.

Jungfer Muhme, denken Sie unmaßgeblich an die Fabel und widerstehen

Sie der Liebe des Herrn Damis nicht länger. Was soll ich Ihrem Papa

für eine Antwort bringen?

Julchen. Sagen Sie ihm nur, daß ich über Ihre Fabel hätte lachen

müssen: so verdrießlich ich auch gewesen wäre. Ich habe die Ehre,

mich Ihnen zu empfehlen.

Die zärtlichen Schwestern · 第 34 / 61 题