Julchen. Der Magister.
Julchen. Herr Magister, wollen Sie mir etwa sagen, was mir Lottchen
Neues erzählen will?
Der Magister. Nein, ich habe sie gar nicht gesehn. Ich komme aus
meiner Studierstube und habe zum Zeitvertreibe in einem deutschen
Fabelbuche gelesen. Wenn Sie mir zuhören wollten: so wollte ich Ihnen
eine Fabel daraus vorlesen, die mir ganz artig geschienen hat. Ich
weiß, Sie hören gerne witzige Sachen.
Julchen. Ja, aber nur heute nicht, weil ich gar zu unruhig bin. Sie
lesen mir ja sonst keine Fabeln vor. Wie kommen Sie denn heute auf
diesen Einfall? Ja, ich weiß wohl eher, daß Sie mir eine ziemliche
finstere Miene gemalt haben, wenn Sie mich in des Fontaine oder
Hagedorns Fabeln haben lesen sehen.
Der Magister. Sie haben recht. Ich halte mehr auf gründliche
Schriften. Und das Solide ist für die Welt allemal besser als das
Witzige. Aber wie man den Verstand nicht immer anstrengen kann: so
ist es auch erlaubt, zuweilen etwas Seichtes zu lesen. Wollen Sie die
Fabel hören? Sie heißt Die Sonne.
Julchen. O ich habe schon viele Fabeln von der Sonne gelesen! Ich
will es Ihnen auf Ihr Wort glauben, daß sie artig ist. Lesen Sie mir
sie nur nicht vor.
Der Magister. Jungfer Muhme, ich weiß nicht, was Sie heute für eine
verdrießliche Gemütsart haben. Ihnen zu gefallen, verderbe ich mir
etliche kostbare Stunden. Ich arbeite für Ihr Glück, für Ihre
Beruhigung. Und Sie sind so unerkenntlich und beleidigen mich alle
Augenblicke dafür? Bin ich Ihnen denn so geringe? Verdienen meine
Absichten nicht wenigstens Ihre Aufmerksamkeit? Sind denn Ihre
Pflichten gegen mich durch die Blutsverwandtschaft nicht deutlich
genug bestimmt? Warum widersprechen Sie mir denn? Kann ich etwas
dafür, daß Sie nach der Vernunft verbunden sind, zu heiraten? Habe
ich den Gehorsam, den Sie Ihrem Herrn Vater und mir schuldig sind,
etwa erdacht? Ist er nicht in dem ewigen Gesetze der Vernunft
enthalten?
Julchen. Sie schmälen auf mich, Herr Magister; aber Sie schmälen doch
gelehrt, und deswegen will ich mich zufriedengeben. Darf ich bitten:
so lesen Sie mir die Fabel vor, damit ich wieder zu meiner Schwester
gehn kann. Sie wissen nicht, wie hoch ich Sie schätze.
Der Magister. Warum sollte ich's nicht wissen? Wenn Sie gleich nicht
den schärfsten Verstand haben, so haben Sie doch ein gutes Herz. Und
ich wollte wetten, wenn Sie statt der Bremischen Beiträge und anderer
solchen leichten Schriften eine systematische Moralphilosophie läsen,
daß Sie bald anders sollten denken lernen. Wenn Sie die Triebe des
Willens und ihre Natur philosophisch kennen sollten: so würden Sie
sehen, daß der Trieb der Liebe ein Grundtrieb wäre, und also...
Julchen. Sie reden mir so viel von der Liebe vor. Haben Sie denn in
Ihrer Jugend auch geliebt? Kennen Sie denn die Liebe recht genau?
Was ist sie denn? Ein Rätsel, das niemand auflösen kann.
Der Magister. Als der Verstand genug hat, in die Natur der Dinge zu
dringen. Die Liebe ist eine Übereinstimmung zweener Willen zu
gleichen Zwecken. Mich deucht, dies ist sehr adäquat. Oder soll ich
Ihnen eine andere Beschreibung geben?
Julchen. Nein, ich habe mit dieser genug zu tun. Sagen Sie mir
lieber die Fabel. Ich muß zu meiner Schwester.
Der Magister. Ja, ja, die Fabel ist freilich nicht so schwer zu
verstehen als eine Kausaldefinition. Sie ist kurz, und sie scheint
mir mehr eine Allegorie als eine Fabel zu sein. Sie klingt also: Die
Sonne verliebte sich, wie man erzählt, einsmals in den Mond. Sie
entdeckte ihm ihre Wünsche auf das zärtlichste; allein der Mond blieb
seiner Natur nach kalt und unempfindlich. Er verlachte alle die
Gründe, womit ihn einige benachbarte Planeten zur Zärtlichkeit gegen
die Sonne bewegen wollten. Ein heimlicher Stolz hieß ihn spröde tun,
ob ihm die Liebe der Sonne gleich angenehm war. Er trotzte auf sein
schönes und reines Gesicht, bis es eine Gottheit auf das Bitten der
Sonne mit Flecken verunstaltete. Und dies sind die Flecken, die wir
noch heutzutage in dem Gesichte des Monden finden. Dies ist die Fabel.
Was empfinden Sie dabei?
Julchen. Ich empfinde, daß sie mir nicht gefällt und daß der
Verfasser ihrer noch viel machen wird. Ich will doch nicht hoffen,
daß Sie diese Erzählung im Ernste für artig halten.
Der Magister. Freilich kann der Verstand bei witzigen Sachen seine
Stärke nicht sehen lassen. Aber wie? wenn ich die Fabel selbst
gemacht hätte?
Julchen. So würde ich glauben müssen, daß die Schuld an mir läge,
warum sie mir nicht schön vorkömmt.
Der Magister. Sie wissen sich gut herauszuwickeln. Ich will es Ihnen
gestehen. Es ist meine Arbeit. Ich will mich eben nicht groß damit
machen, denn Witz kann auch ein Ungelehrter haben. Aber wollten Sie
diese Fabel wohl auflösen? Was soll die Moral sein?
Julchen. Das werden Sie mir am besten sagen können.
Der Magister. Die Moral soll etwan diese sein: Ein schönes
Frauenzimmer, die gegen den Liebhaber gar zu lange spröde tut, steht
in der Gefahr, daß das Alter ihr schönes Gesicht endlich verwüstet.
Julchen. Sie sind heute recht sinnreich, Herr Magister. Ich merke,
die Fabel geht auf mich. Ich bin der Mond. Herr Damis wird die Sonne
sein, und die Planeten werden auf Sie und meine Schwester zielen.
Habe ich nicht alles erraten?
Der Magister. Ich sehe wohl, wenn man Ihnen seine Gedanken unter
Bildern vorträgt: so machen sie einen großen Eindruck bei Ihnen.
Jungfer Muhme, denken Sie unmaßgeblich an die Fabel und widerstehen
Sie der Liebe des Herrn Damis nicht länger. Was soll ich Ihrem Papa
für eine Antwort bringen?
Julchen. Sagen Sie ihm nur, daß ich über Ihre Fabel hätte lachen
müssen: so verdrießlich ich auch gewesen wäre. Ich habe die Ehre,
mich Ihnen zu empfehlen.