Ich mußte in dieser Zeit viel an die Geschichte von Hermann Ecke denken,
den Gutsherrn auf Entenweiher, den seine Frau verließ.
Zur Zeit von Ingeborgs Genesung hatte ich sie Ingeborg erzählt. War es
nicht sonderbar? Ahnte meine Seele voraus, was kommen sollte?
Ich mußte oft an die Geschichte denken von Hermann Ecke, der glaubte, daß
Eva wieder zu ihm käme.
Einen Rosengarten legte er ihr an, er baute eine Veranda für sie. Immer
frische Sträuße in den Vasen, eine brennende Lampe die ganze Nacht in ihrem
Zimmer.
Hurtig, hurtig, ihr Leute.
Ja, nun konnte Eva kommen.
Sagt der Freund zu Hermann Ecke: Kommt sie auch? Hahaha, antwortet Hermann
Ecke. Das ist alles, was er antwortet.
Freilich kommt Eva wieder. Herrliches habe ich erlebt, wird sie sprechen,
alle haben mich angebetet.
Königin, dein Thron ist bereit -- ah, ein Narr! Ja, Hermann Ecke ist ein
Narr. Aber ein glücklicher Narr ist er. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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In einer Nacht schrie der Hirsch in den Bergen. Ich stand am Fenster und
horchte auf seinen Schrei.
Da stieg er in meinem Herzen auf der Gedanke, zum erstenmal, ganz deutlich,
fordernd und stark. Ich rang mit ihm. Wochen und Monate habe ich mit ihm
gerungen, mit diesem Gedanken.
Ich war traurig, traurig.
Ich ging in Sack und Asche einher. Ich lachte nicht mehr, ich lächelte
selten. Ich liebte es, zu tanzen und zu jubeln vor Freude, ich liebte es,
prächtige Gedanken im Kopfe zu tragen, ich liebte es, mein Herz klopfen zu
hören. Ja, in jenem Sommer, da waren Symphonien in mir, Symphonien, ohne
Ende, ohne Ende.
Nun war ich aus meinem Reiche vertrieben, ein Bettler, der sich
dahinschleppte, Hunger in den Augen.
Einst wandelte ich, jetzt kroch ich.
Möchte doch die Sonne erblinden, möchte doch die Welt zerfallen in Schutt,
Schutt.
Die Hand des Schicksals hat mein Gesicht zerknittert, es erscheint mir
fremd. Meine Augen sind zusammengerückt und sie stechen, eine tiefe Falte
spaltet meine Stirn, meine Lippen hat die Bitternis gesäumt.
Ich bin unglücklich.
Es ist ein kleines Wort. Wehe, wenn du einmal nichts anderes mehr sagen
kannst als dies.
32
In der Nacht, da der erste Reif fiel, hatte ich einen herrlichen Traum. Ich
träumte, Ingeborg stünde an meinem Bette. Ich sah sie stehen, es war wie im
Sommer, der Mond schien durch die Kastanien und der Boden des Zimmers sah
aus wie ein Spiegel, der in tausend Stücke zersprungen war. Auch Ingeborg
glitzerte. Ich erwachte: da war es leer und kalt um mich. Ich stand auf und
ging den Berg hinunter, über das Tal. Ich stieß auf Geleise. Die Geleise
waren bereift.
Es kamen zwei glückliche Tage. Zwei Tage mit Wangen wie der Mai und
leichten Füßen wie die Sonnenstrahlen.
An einem Tage kam Pazzo zurück. Am andern traf ein Brief von Ingeborg ein.
Ich stand am Fenster und blickte die Straße hinab. Die Straße herauf kam
ein Jäger mit seinem Hunde. Nein, es war kein Jäger, er hatte kein Gewehr
und ging auch nicht wie die Jäger gehen, es war ein Hirte mit seinem Hunde.
Nein, es war auch kein Hirte, ein Bahnwärter war es, man sah es an der
Mütze, und dieser Hund war nicht der Hund des Bahnwärters, dieser
schleichende, magere Hund war ja Pazzo.
Ich riß das Fenster auf und pfiff. Der Hund stellte die Ohren, bellte matt
und trabte müde heran.
»Kommen Sie herein! Herein, mein Freund!« rief ich dem Bahnwärter zu.
Pazzo kam kläffend die Treppe herauf und sprang an mir empor. Er sah
verändert, ja ganz entstellt aus. Dann winselte er und kroch um meine Füße.
Er heulte kläglich, legte sich auf den Boden und schlug mit dem Schwanze.
»Was ist mit dir, Pazzo? Deine Augen sind ganz trüb.«
Der Bahnwärter trat ein.
»Paulus schreibe ich mich,« sagte er. »Ich habe den Hund eingefangen. Er
sprang hin und her mit den Zügen, immer am Bahndamm entlang.«
»Am Bahndamm? Jawohl. Ein guter Hund!«
»Ja, ein guter Hund. Aber er ist krank. Frißt nichts!«
»Das wird schon wieder werden, was, Pazzo?« Pazzo schlug mit dem Schwanze
und winselte.
Er sei immer am Bahndamm hin und her gelaufen. Barbeck von Unternzell habe
gesagt: Hast du den Hund gesehen -- ein weißer Jagdhund --
»Nehmen Sie Platz! -- Wein! -- Bitte, erzählen Sie.« Der Mann, der sich
Paulus schrieb, erzählte ausführlich von dem weißen Hühnerhund.
Er habe ihn in das Gärtchen eingeschlossen und auch eine Kiste für ihn
hingestellt. Aber nun, ein schwieriger Fall! Wem gehörte dieser Hund, der
nicht auf den Namen Waldmann oder Feldmann, Nero oder Packan hörte? Kein
Halsband, nichts. Er mußte weit her sein, war vielleicht aus dem Zuge
gesprungen. Nun, er wohne einsam, komme nur alle Sonnabend ins Dorf. Sagt
der Wirt vom schwarzen Bären: Paulus, da steht es. »Nun, ich mache mich auf
und bringe den Ausreißer gleich selbst her. Ich habe freie Fahrt.«
Die Erzählung währte lange Zeit, aber dann ließ ich mir noch ausführlich
über Einzelheiten berichten.
Also was ich nun schuldig sei, fragte ich.
Der Bahnwärter schmunzelte, leckte den Schnurrbart und drehte die Mütze
zwischen den Fingern.
Nun, der Hund habe keine Störung ins Haus gebracht. Gefressen habe er auch
nicht viel. Er wolle halt sagen -- er wolle es dem gnädigen Herrn selbst
überlassen.
»Ein Vorschlag.«
»Sagen wir im ganzen fünf Mark.«
Ich lächelte. »Aber bitte --?« sagte ich. Er sollte Pazzo nicht umsonst
gepflegt haben!
»So sagen wir in Gottesnamen drei Mark. Ich versäume auch einen halben Tag.
Verköstigung auswärts --« Ich mußte lachen. Der Bahnwärter bekam einen
roten Kopf.
Ich mußte immer mehr lachen. Da saß ich nun, zitterte vor Freude und er
verlangte fünf Mark! Das war unerhört. Er hätte mein Vermögen verlangen
können, ich hätte es ihm gegeben. »Erlauben Sie, mein Freund,« sagte ich zu
ihm, »es ist mir nicht zuviel, sondern zuwenig. Ich könnte Sie nun betrügen
und fünfzig Mark geben -- Sie würden zufrieden sein -- aber es wäre Betrug.
Denn dieser Hund da, jawohl dieser Hund da, ist kein gewöhnlicher Hund,
nein!« Ich erzählte nun, was das für eine Rasse sei, daß er mir schon über
fünfzigtausend Mark an Prämien eingebracht habe, demnächst nach Amerika
eingeschifft werde zu einer internationalen Hundeausstellung.
Es fiel mir schwer, nicht herauszulachen, denn das Gesicht des Bahnwärters
wurde länger bei jeder Prämie. »Die beste Zeit des Hundes ist ja vorüber,«
schloß ich. »Er kann noch einige Prämien bekommen, ja. Ich würde ihn nicht
für fünfzigtausend Mark hergeben. Ein Gerichtstaxator würde den Wert des
Tieres auf etwa dreißigtausend Mark schätzen. Sagen wir zwanzigtausend. Nun
haben Sie gerichtlich zehn Prozent des Wertes eines Fundgegenstandes zu
beanspruchen, ich bin bereit, Ihnen zweitausend Mark auszubezahlen. Sind
Sie damit zufrieden?«
»Nonono?!«
»Kein Scherz, ich kann Ihnen die Prämiierungs-Urkunden zeigen, wenn Sie es
wünschen. Ich will Sie nicht betrügen.« -- Ich sprach leichthin, aber in
überzeugendem Tone.
Der Bahnwärter lachte wie besessen, stand militärisch stramm, legte die
Hand an die Mütze, warf mir Kußhände zu. Dann rannte er wie verrückt den
Berg hinunter, er verlor dreimal die Mütze.
Wie er sich freute! Zweitausend Mark! Es gibt Leute, denen kannst du ganz
Indien und das Paradies dazu schenken, und sie werden nicht einmal rot.
Ich riegelte die Türe ab.
»Pazzo, Pazzo!«
Ich warf mich auf den Boden und weinte und lachte vor Freude.
»Ja, Pazzo, du gute Seele, mein Freund. Du guter Pazzo -- immer am Bahndamm
entlang, hin und her --«
Pazzo leckte mir die Hand und das Gesicht ab und wedelte und bellte. Ich
sah ihn mir an. Was wußte er alles. Hätte er reden können!
Er war nicht ganz gesund. Halb verhungert war er.
Aber nun war alles gut. Hahaha!