Ich habe Ingeborg oft gesagt, daß ich sie liebe. Nein, ich liebte sie
nicht. Ich glaubte es, ja, ich log nicht, aber ich liebte sie in dem
Augenblick erst, da sie mich verließ. Ich wußte nicht, was Liebe ist, nein.
Nun wußte ich es. Ich fand kein Wort mehr für diese Liebe, die die richtige
war. Flammen, Brausen, das war sie. Sie zerriß mein Herz. Es war, als
schnitten Messer kreuz und quer in meinem Herzen. Das war sie.
Ich ging durch den Wald, es war Nacht, es brauste im Walde, die Blätter
fielen.
Ich ging, ich ging neben Ingeborg einher. Ich sprach mit ihr. »Ich liebe
dich,« sagte ich, »Ingeborg, jetzt, ja, jetzt liebe ich dich! Jetzt bist du
in mir, jetzt -- keine Worte --« Die Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich
kniete nieder und drückte die Stirne in den Boden.
»Jetzt liebe ich dich, Ingeborg, jetzt.« Es stach in mein Gesicht, Nadeln
stachen und Ästchen, ich drückte die Stirne tief hinein, es schmerzte, ich
hob das Gesicht, es war gespickt mit Nadeln.
»Jetzt liebe ich dich, Ingeborg! jetzt!« -- -- --
Wenn aber Gott aus seinem Sternenwagen gestiegen wäre zu mir herab in den
Wald, wo ich litt und verzweifelte, wenn er es getan hätte und gesagt: Ich
will dir ein neues Herz geben, ein neues Hirn! Siehe, jetzt lösche ich
alles aus, alles.
Nein, nein, mein Gott, tue es nicht!
Das hätte ich geschrien.
Die Tage gingen, ich wurde ruhiger.
Ja, es ist wahr, mein Herz zitterte noch, es war, als verändere es seinen
Platz in der Brust, es war, als fräße etwas daran, als hinge etwas Schweres
mit scharfen Zähnen an meinem Herzen, es ist wahr, ich erwachte oft des
Nachts, weil ich weinte, ich schlief auch wenig, aber ich war doch ruhiger
geworden.
* * * * *
Ich begegnete Harry Usedom im Walde.
Wir sahen uns an. Wir grüßten. Wir gingen aneinander vorüber.
29
Trauer erfüllte mein Herz. Eine schwere, tiefe Trauer, sie erfüllte mein
Herz, stieg bis in den Hals, die Augen, ich dachte, es würden Tränen aus
meinen Augen fallen, sobald ich den Kopf neigte. Deshalb neigte ich ihn
nicht, ich ging aufgerichtet einher.
Das war der Herbst. Das Laub färbte sich, es war als schicke die Erde ihr
Blut in die Äste, auszublicken, auszuspähen, da der lange Winterschlaf
kommen sollte, wo sie nichts mehr wußte. Der Wind wehte, und das Laub fiel.
Zuerst von den obersten Ästen, dann bis tief herunter. Die Bäume standen
kahl, nackt, sie grämten sich, sie verzweifelten, sie resignierten. Sie
lächelten in der matten Sonne, wie Sterbende lächeln. Es gab einzelne
Blätter, die sich verzweifelt wehrten und nicht fallen wollten. Aber der
Wind riß und riß und endlich riß er sie doch los und warf sie roh
triumphierend in die Luft. Und mir war es, als höre ich die flatternden
Blätter schreien. Die Vögel sammelten sich, sie schrien, lärmten und eines
Tages schwangen sie sich in die Höhe und zogen fort.
Es wurde stiller, stiller. Auch die Grille zirpte nicht mehr des Nachts. Es
war ein Weinen im Walde, ein unterdrücktes Schluchzen irrte in der Mitte
des Waldes.
Von den Kastanien vor dem Hause fielen die Blätter, es knallte, eine Frucht
zerplatzte auf den Stufen. Nun hingen nur noch einige Blätter daran, sie
sahen aus wie verkrümmte, vertrocknete Hände. Das Haus stand kahl da,
nackt, geschoren, bloßgestellt, es war größer geworden, größer und öder.
Das ganze Tal machte den Eindruck eines Zimmers, dem man Vorhänge, Teppiche
und Bilder genommen hat.
Schmutziggraue Wolken schleppten sich über das Tal. Ich dachte an die
schaumigen, weißen Wolken des Sommers, die über den blauen Himmel
schwebten, Verzierungen gleichsam, ein Schmuck des Sommers. Ich dachte an
den Herbst im vorigen Jahre, der mein Herz entzündet hatte mit seiner Glut,
seinem Stolze, seinem jauchzenden Tode.
Ich war traurig, ich empfand nichts mehr, keine Farben, keine Gluten, es
war auch alles schmutzig, müde, es war ein Herbst, der einen häßlichen,
feigen Tod starb.
Ich ging durch den Park, der ganz ohne Laut dalag. Es war ein Friedhof, in
dem ein großer Toter schlummerte. Ich kam vorüber an der Statue, dem
Brunnen, an der Grotte stand ich ein Weilchen still. Der Tropfen fiel. Ich
ging durch das Pförtchen hinaus in den Wald. Da war ein Pfad und ich
lächelte und sagte: »Hier gingst du, gütige Ingeborg, in jenen Nächten --«
Ich sagte es mit sanfter Stimme und es tat mir wohl, es recht gütig zu
sagen, als höre es Ingeborg, die Gute.
Ich legte die Handfläche an den Boden und streichelte ihn. Vielleicht
huschte hier Ingeborgs Fuß darüber? Man kann es nicht sagen. Ich fand einen
Kiesel, der in den Pfad getreten war. Vielleicht hatte Ingeborgs Fuß ihn in
den Pfad getreten? Sollte ich ihn mitnehmen? Nein.
Aber ich wandte doch um und nahm ihn mit.
Vielleicht? Niemand kann es sagen.
Heilige Erde, heiliges Land, heiliger Wald! Ich kniete nieder und küßte den
Boden des Waldes. Heiliges Land, hier wandelte ihr Fuß! heilige Bäume, an
euch ging sie vorüber!
Und die Bäume, die der Herbst geschändet hatte, wiegten sich traurig hin
und her und klagten leise. Sie trauerten mit mir und der ganze Wald
flüsterte Ingeborgs Namen. Ich ging durch den Wald und lauschte. Es tat
wohl, daß alles mit mir trauerte.
Ich erschrak, sah ich einen Stein, auf dem wir saßen, ich erschrak, sah ich
einen Baum, den wir beide kannten. Ich freute mich, ich litt.
O hört, ich fand eine hohe, ernsthafte Edeltanne im Walde, worunter wir
einst saßen, als es regnete. Ingeborg lugte aus dem Versteck hervor und
haschte mit dem Munde nach Regentropfen. Ich liebe die kleinen
Regentropfen, sagte sie. Und dann zählte sie alles auf, was sie liebte,
während der Regen herabströmte und wir unter einem Wasserfall saßen.
Ich liebe die kleinen Regentropfen, Axel, ja. O, ich liebe Wind und Wetter,
ich liebe Hagelschlag und Schnee, ich liebe die Sonne über alles, die
Wolken, die Bäume und das Rauschen der Bäume, ich liebe über alles die
Vöglein und ganz besonders die Johanniswürmchen, auch die Blitze, sie
lachen mich ja an, und dich, dich, Axel, dich mehr als alles, alles, mehr
als tausend Sonnen und mehr als alle Sternennächte und das wildeste
Gewitter --
Ich ging vorüber an der Edeltanne und lächelte, aber ich mußte den Kopf
zurückbeugen.
Es sang kein Vogel mehr im Walde, nein.
Ich ging bis an Graf Flüggens Schloß, sah das Tor mit den bemoosten Löwen,
die die Wappen hinhielten, ich ging durch unser Birkenwäldchen, ich kam an
unseren Apfelbaum. Kahl stand er. Braune, lederne Blätter baumelten an den
Stielen. Im welken Grase lagen verfaulte Früchte.
Einst, im lichten Frühling, da schüttelte ich ihn und es fielen die Blüten
über einen goldenen Scheitel -- --
Ich ging auf die Höhe, wo die Bank stand. Das Tal lag da wie durch gelbes
Glas gesehen. Welk und müde und leuchtend, wie das Antlitz eines
Sterbenden, das ein eigentümliches Licht ausstrahlt. Die Wiesen waren braun
und sumpfig, Herbstzeitlosen standen darauf. Die Gruben waren mit welkem
Laube gefüllt, sie waren Gräber, der Sommer lag darin, Hoffnung und Freude
des Sommers und sein Duft. Neben der Bank stand eine Distel, sie sah aus
wie der graue Kopf eines alten, schmutzigen Weibes mit gesträubten Haaren.
Die Felder waren gemäht. Die Stoppeln taten mir weh, es war mir, als ginge
ich mit nackten Füßen über die Stoppelfelder. Ich dachte an den Frühling,
da die Saat aufging, so jung so grün, sie kitzelte mein Herz, und dann, wie
es wuchs und sie die grünen Fahnen aussteckte und schwenkte vor Freude.
Dann kam die Zeit, da das Tal wie in einer großen Pfanne briet und jeder
Punkt der Luft zu singen begann, da wurde der Weizen blinkend wie Messing
und das Korn rot wie das Fell des Fuchses. Das war ein Grüßen und Nicken
und Verneigen, wenn wir durch die Felder gingen! Und die Grillen zirpten in
den Feldern, das klang als wären tausend winzige Schmiede tief in der Erde
beschäftigt, feines Silber zu hämmern. Dann kamen die schlimmen Tage, die
Sichel rupste und rauschte und eines Tages lagen die Ähren da, gefällt,
steif, auf dem Gesichte, wie erschossene Soldaten. Das schmerzte uns beide
sehr.
Ich stand im Winde, die Feder auf meinem Hute schnurrte, mitten im kahlen
Herbste, und dachte an den Sommer und die Stoppeln schmerzten mich, wie
Krüppel kamen sie mir vor.
Ich ging weiter.
Ich ging umher, besuchte alle Bänke, Steine, Lichtungen, die von
Erinnerungen umschwebt waren. Es gab viele heilige Orte im Walde, solche,
die ich nicht betrat, ich sah sie nur aus der Ferne an. Schwermütige
Geheimnisse waren in meiner Brust.
Meine gewöhnlichen Wege waren das.
Dann wurde es dunkel, die Sonne verschwand bald und nach kurzem Abschiede
hinter den Bergen.
Es war Herbst, Herbst. Der Wind wehte kalt. Gewiß würde es bald dunkel und
kalt sein auf der Welt, auf lange, lange Wochen. Alle Dinge froren schon,
die den Winter ahnten und die finsteren Nächte.
Es war lange bis zum Frühling.
Ich blickte in den Wald hinein, der braunschwarz in der Tiefe war. Ach,
traurig sah es da drinnen wohl aus. Und ich dachte -- wie ich darauf kam,
weiß ich nicht -- ich dachte -- so kann es wohl sein: Unter einem faulen
Pilz, da sitzt ein Zwerg im finstern Walde und er flickt zähneklappernd den
Wintermantel aus Maulwurfspelz. Eine Schnecke leuchtete ihm.
Ich werde sterben, klagt die Schnecke.
Ich werde leben, erwidert der Zwerg und seine Zähne klappern. Ihr Schnecken
habt es gut! Es ist lange bis zum Frühling!
Ich trat ins Haus. Vielleicht war auch ein Zwerg im Walde, ein grauer,
müder Zwerg, der sich eigenhändig in die Erde einschaufelte.
Es war so stille im Hause und überall schien einer zu stehen, der etwas
sagen möchte. Ich pfiff.
Eine Tür öffnete sich und der kahle Kopf der alten Maria erschien kugelrund
in der hellen Spalte.
»Ich bin es,« rief ich laut. »Hat man die Zeitungsannonce wegen Pazzos
besorgt?«
»Ja, Herr.«
»Dann ist es gut. Er wird nun bald kommen, unser guter Pazzo. Haha. Gute
Nacht, Mütterchen!«
»Gute Nacht auch, Herr.«
Nun kam die Nacht, die lange Nacht.
Ich schlief sehr wenig in diesen ersten Wochen. Ich saß in der Bibliothek
und las. Ich spielte Klavier. Da kam dann Ingeborg aus allen Tönen, in
allen Gebärden, es war schön, aber oft mußte ich aufhören.
Ich saß auf dem Fenstersims in den weißen Zimmern und wartete auf den
Morgen. Ingeborg war um mich.
Ein Duft von Waldmeister war in den weißen Zimmern, er war mir früher nie
so stark aufgefallen. Am Morgen, da wohnte die Frühsonne darin. Es
tummelten sich Milliarden blitzender Fünkchen in den weißen Räumen, sie
flogen mir in die Augen, so daß ich sie geblendet schließen mußte. Nachts
da zitterte ein gespenstisches, mattes Licht über allen Dingen und die
welken Sträuße in den Vasen und Krügen begannen zu duften. Ihr Geruch war
der Geruch der Vergangenheit, man wußte: hier hat jemand gewohnt.
Entblätterte Rosen lagen auf dem Boden, gelber Blütenstaub auf der
Tischdecke. Ein feiner Geruch von Ingeborgs Gewändern und ihrem Nacken,
ihren Haaren schwebte aus den toten Möbeln. Ich saß auf dem Fenstersims, im
blauen Mondlicht und plauderte mit ihr. Ganz wie einst. Wir führten
Gespräche und ich ahmte Ingeborgs Stimme nach, so gut es ging. Wir führten
mitunter scherzhafte Gespräche, ich stellte mich ungeschickt, unwissend.
Wir lachten. Wir plauderten.
Der Mond geht auf, ich sage:
»Der Mond ist ein Brief von Silber, den die Sonne an die Erdenkinder
schreibt, weil sie verreist ist, Ingeborg.«
Alte Worte.
»Soll ich dir den Mond schenken, Ingeborg?«
Ingeborg lacht. »Ich schenke dir die Schmetterlinge von hundert Sommern,
Axel. Willst du?«
Alte Worte.
Zuweilen schauere ich zusammen. Es ist so stille in den weißen Zimmern und
ich spreche mit einem Gespenste.
Ich schlich herum in diesen Zimmern, schlich, flüsterte.
Ich betastete die Möbel. Es gab ein Kissen, in dem zuletzt ihr Kopf geruht
hatte. Man sah es -- -- --
Diese Zimmer zogen mich immer wieder und wieder an! Hier war ihre Stimme,
ihr Gesang! Oft fingen die Zimmer ganz deutlich zu singen an. Die Türe, die
zum Schlafzimmer führte, stand halb offen, sie schien sich zu bewegen und
noch leise zu knarren. Ich entdeckte Spuren ihrer Schritte auf den
Teppichen, ich fand ein Löschblatt, auf das ein Tannenbaum gekritzelt war,
eine Kuh, ein Monogramm, geflochten aus A und I. Auf einem Tische lag ein
Buch Karls, viele Stellen waren mit feinen Strichen angemerkt. Ich fand
auch ein goldenes Haar zwischen zwei Seiten. Wie erschrak ich da, als ich
ganz plötzlich dieses goldene Haar fand!
Ich hatte es vielleicht geküßt, ja sicherlich, es war um meinen Nacken
geschlungen gewesen. Diesen ganzen Tag wühlte ich in goldenen Haaren, ich
badete mich darin, ich ließ sie über mein Gesicht streichen.
Ich fand eine Stelle in Karls Buch, die Ingeborg angestrichen hatte. Sie
hieß: Wir sahen uns an. Deine Seele umschlang die meinige und sie wollten
sich nicht mehr lassen und doch standen wir viele Schritte voneinander
entfernt. Dann gingst du. Auch ich ging. Wahrhaftig, wie zwei Fische im
Meer zogen wir aneinander vorüber. Das ist Menschenart.
Ich hörte Ingeborg seufzen. Ich entfloh.
Es sang in der Nacht. Herrlich sang es. Ich erwachte und lauschte. Die
Stimme entfernte sich. Ich lächelte und preßte die Hände auf das Herz. --
-- --
In einer Nacht, da bellte ein Hund vor dem Hause. Ich sprang aus dem Bette.
War es Pazzo? Nein, es war nichts zu sehen. Nun heulte es ganz tief im
Walde. Ich kleidete mich an und lief in den Wald hinein. Ich pfiff.
Nichts regte sich als das Geräusch der fallenden Blätter.
30
Eines Nachmittags fielen zwei Menschen in mein Haus, zwei Menschen, die
lachten und guter Dinge waren.
Harry Usedom mit dem schmalen hohen Frauenkopf und ein rothaariger Irrwisch
mit Sommersprossen, treuherzigen Augen und einer kleinen Nase, eine
Eggern-Weikersbach, Isabella hieß sie. Sie war eine Kusine von mir.
Schülerin von Usedom, jetzt seine Frau.
»Er hat mich aus Verzweiflung geheiratet!« sagte sie. Sie lachte, konnte
keinen Augenblick still sitzen und schob ihren Hut hin und her auf dem
Kopfe.
Harry Usedom sprach und sprach. Sie unterhielten mich beide, lachten,
bestellten Kaffee und Wein und Kognak, und taten, als ob sie sich einnisten
wollten. Ich merkte recht gut, daß sie gekommen waren, um mich zu
zerstreuen.
»Wir werden dir den ganzen Mozart vorspielen, Axel.«
Ich versuchte fröhlich mit ihnen zu sein, mit ihnen zu plaudern, es ging
nicht. Ich lächelte hie und da.
Isabella schlug Harry Usedom auf den Mund, wenn er keck wurde.
Nun, sie gingen wieder.
»Wir kommen jeden Tag, Axel! Nur keine Ausflüchte!«
Sie gingen, Isabella kam nochmals zurück.
Sie umschlang mich und schmiegte sich an mich. »Höre,« sagte sie, »was ist
doch mit dir? Wie siehst du aus? Du siehst ja wie eine Leiche aus! Ganz
grün und wächsern. Axel, beichte!«
Ich lächelte.
»O, Axel, bessere dich. Was warst du für ein lustiger Kamerad, früher. Ich
sagte zu allen Leuten, das ist gar nichts, da solltet ihr Axel sehen! Nun
Adieu, du!« -- --
Ich besah mich im Spiegel. Ja, ich sah wie eine Leiche aus. Woher kam es?
Kam es daher, daß ich immer mit einem Gespenste lebte? -- -- --
Sie kamen wieder, Usedom und Isabella, ich war nicht zu Hause. Sie luden
mich nach Rote Buche ein. Sie schickten den Wagen, der mich abholen sollte.
Nein, ich ging nicht.
Merkten sie es denn nicht, daß ich keine Menschen sehen konnte?
31
Das Schloß lag im kahlen Bergwalde, im Regen, im Winde, geduckt unter den
schleppenden Wolken, es sah verlassen aus. Es war still wie ein Haus, in
dem jemand gestorben ist.
Die Tage waren lang und die Nächte noch länger. Es regnete und wehte, die
Welt hatte ihre trübste Seele.
Diese Tage und Nächte waren nicht leicht zu ertragen.
In den schönsten Stunden, da träumte ich, daß Pazzo zurückkäme und ich mit
ihm sprechen könnte, in den schönsten Stunden, da träumte ich von Ingeborg.
Ein Rausch brauste durch die weiten Säle, die Blumen der Tapeten blühten
wieder, die Gesichter an den Wänden lächelten wieder, es brannten viele
Kerzen in meinem Zimmer und ich ging trunkenen Herzens hin und her. Es war
Sommer.
Ingeborg lacht und fragt: »Wie oft wirst du mich heute noch küssen?« Ich
stehe vor ihr und meine Brust ist weit. »Tausendmal!« sage ich. Und
Ingeborg schlägt die Hände vors Gesicht, schüttelt sich und lacht.
Es ist Sommer und im Parke singen die Vögel, daß man glaubt, einer
schüttele ein Bündel heller Schellen wie verrückt in der Hand.
Die Sonne funkelt. Hallo! Ein Regenbogen ist das Tor zu diesem Hause!
Die Kerzen erlöschen, eine um die andere, es wird dunkeler um mich und
dunkler in meinem Herzen.
Ich sitze vor der letzten Kerze und sehe zu, wie sie kleiner wird. So
vergeht die Zeit, sie schmilzt und man sieht es.
Ich bin allein, die Gäste gingen.
Und ich denke: schwer ist das Leben, es stellt schwierige Aufgaben. Suche
dir ein Glück, o Mensch! Lebe ein Glück, o Mensch! Lächle wieder, nachdem
du vor Glück geschluchzt hast, o Mensch!
Spricht das Leben und zuckt mit keiner Wimper.
In einer Nacht, da der Wind an den Scheiben rüttelte, verfiel ich auf den
Gedanken, an Ingeborg zu schreiben. Ich schrieb die ganze Nacht hindurch
und mein Herz wurde leichter. Ich schrieb:
Ingeborg, Ingeborg, warum hast du mich verlassen? Ja, warum? Habe ich dich
nicht geliebt, war es nicht schön in diesem Frühling und Sommer? Ich frage
dich, es soll kein Vorwurf sein, nein. Du sahst Karl, du sahst Karls
wirkliches Gesicht, sein wirkliches. Dann mußtest du wohl. Ich schreibe an
dich. Du wirst diese Briefe nie erhalten, aber es ist so verlockend schön,
an dich zu schreiben.
Wüßtest du, wie einsam es bei mir ist. Nichts regt sich in den Zimmern. Ich
schlage die Türen zu, ich pfeife, aber die Stille schlägt darauf um so
furchtbarer über mich zusammen. Wüßtest du, was ich alles erdulde!
Vielleicht kämst du auf eine Stunde zu mir. Vielleicht schriebest du mir
ein paar Worte. Ja, du bist so gütig, du würdest es gewiß tun. Wüßtest du
nur alles.
Ingeborg, sei gegrüßt! Ich denke immerfort an dich. Du mußt es mir nicht
verübeln in diesen ersten Wochen. Sobald ich einmal nicht mehr Abschied von
dir nehmen werde, wird es besser gehen.
Ingeborg, ich sehe dich. Du lächelst und aus deinen Augen springen Funken,
hell wie die Funken, die aus einem Steine springen.
Ingeborg, du bist ein goldener, runder Ring, du bist eine goldene Kugel,
ja, das bist du, denn die Kugel ist die Handschrift des Schöpfers, du bist
wie die weiche Luft im Frühling, wenn der Schnee zerrinnt, Ingeborg. Du
bist eine weiße Glockenblume voller Tau.
Wieviel schreibe ich dir doch, Ingeborg! Aber es ist erst zehn Uhr und die
Nacht ist lang. Nun schreibe ich dir noch ein Stückchen.
Ingeborg, so fahre ich fort, ich fühle es, wenn du an mich denkst. Ich
lese, aber da werde ich plötzlich unruhig, du stehst hinter mir, du
streichst leise über meinen Scheitel und berührst die abstehenden Härchen,
wohl fühle ich es.
Ingeborg, es kann sein, daß dein Antlitz in der Luft schwebt oder nur der
Glanz deiner Wange, ein Lächeln deines Mundes. Ingeborg, höre, manche Nacht
kommst du zu mir und legst mir zwei Tränen unter die Augenlider. Da erwache
ich dann, denn die Tränen fangen an zu glühen, und ich finde sie auf meiner
Wange.
Ingeborg, zuweilen sprichst du mit mir, du sprichst wie jemand, der sich
abwendet und fortgehen will. Axel, so flüsterst du, weshalb gehe ich doch
von dir? Wie schön war unsere Liebe!
Das Schicksal winkte.
Ich wollte dir nicht wehe tun. Axel.
Nein, nimmermehr, du Gute, wie könntest du es doch gewollt haben. Gehe hin
und freue dich. Alles wird gut sein, lasse nur noch einige Tage
verstreichen. Bis ich nicht mehr Abschied von dir nehme, weißt du -- -- --
Ingeborg, Ingeborg, fielen mir doch rasch zehntausend schöne Namen für dich
ein!
* * * * *
Ingeborg kämmt sich die Haare. Ich denke daran.
Ingeborg liebte es, sich die Haare zu kämmen, sie konnte Stunden damit
zubringen. Und ich konnte stundenlang zusehen.
Es waren so viele Haare! Es waren Bäche, sie rieselten, stürzten über ihre
Schultern, über ihre Brust, wenn sie den Kopf schüttelte, so bewegten sie
sich von oben bis unten, wie Flammen wehten sie. Sie konnten das Gesicht
einhüllen, daß es wie aus einer Höhle blickte. Dann schimmerten die Augen
so stolz und gütig.
Sie bändigte die freigelassenen Haare mit der Hand und drehte den Kopf nach
links, während sie mit dem Kamme durch die Haare fuhr. Ich habe nie
gesehen, daß sie den Kopf nach rechts gedreht hätte. Und es knisterte.
»Heute knistert es besonders stark!« sagte Ingeborg. Die Haare lagen auf
meiner Hand, ein Netz, ein Gespinst, sie waren weich, sie schmeichelten.
Man konnte sich nicht denken, was es ist, Haare, nein, etwas ganz
Wunderbares war es.
Dann wurden sie gefesselt und in den Nacken gewunden. Ich sah ihnen nach.
Ingeborg kämmt sich die Haare. Ich denke daran. Stunden vergehen. Es ist
eigentümlich, ganz unbedeutende Dinge können zu Ereignissen werden.
Aus einer Zeit, da ich einen gespitzten Mund küßte und ausrief: Alle Tage
ist nun Hochzeit, du!
* * * * *
Ich habe einen Geschmack auf den Lippen.
Zuweilen vergeht er, aber er taucht immer wieder auf.
Ich fühle ihn des Morgens, wenn ich aufstehe und das ist mein ganzes Glück
für den Tag. Es kann sein, daß ich den Geschmack auf den Lippen verliere,
aber ich träume des Nachts von ihm, ich erwache, er ist auf meinen Lippen.
--