Angenommen, wir befinden uns tatsächlich jenseits der Schriftkultur,
was heißt das für Deutschland? Das heißt--und zwar nicht nur für
Deutschland--, daß wir alle umdenken müssen. Das klingt sehr einfach,
ist aber tatsächlich das schwierigste Ziel, das man sich selbst
setzen oder von anderen erwarten kann. Aber ohne Umdenken können wir
den Umbruch, der sich in der ganzen Welt vollzieht und unter dem
Deutschland mehr zu leiden scheint als andere Länder, weder verstehen
noch in den Griff bekommen.
Outsourcing ist ein probates Mittel, wenn es um Produktion oder
Dienstleistungen geht, nicht aber, wenn wir über unsere Lage
nachdenken müssen. Auf allen Ebenen der Gesellschaft sind die
Menschen darauf versessen, viel Geld für ein gutes öffentliches Image
zu bezahlen. Wie andere Länder auch, ist Deutschland geradezu
zwanghaft davon besessen, ein positives öffentliches Bild abzugeben.
Oft ist das Erscheinungsbild wichtiger als die Substanz. Weil etwas
gut aussieht, sind wir versucht, das Nachdenken zu verdrängen. So
akzeptieren wir bereitwillig die ererbten veralteten Strukturen.
Gibt es für die Projektion eines guten Image eine bessere Methode,
als die Maschine der schriftkulturellen Praxis gründlich zu überholen
und zur Höchstleistung zu bringen? Schließlich ist das Geld, das
dafür ausgegeben wird, nicht das Geld derer, die es ausgeben.
Berater und Redenschreiber arbeiten keineswegs im Verborgenen und
streichen hohe Profite ein, selbst in Notzeiten. Diese
Imagefabrikanten haben letztendlich nichts anderes zu tun, als mit
Variationen der ausgedienten Schriftkultur, deren Ende dieses Buch
ausgiebig diskutiert hat, ihr eigenes Dasein zu rechtfertigen.
Besser wäre es, sie würden die Entwicklungsschübe erkennen, die ihre
Funktion und die Funktion derer, die sie angestellt haben,
überflüssig, wenn nicht gar kontraproduktiv machen. Der letzte
Wahlkampf in Deutschland ist ein gutes Beispiel für die hier
beschriebene Situation. Aber während die Deutschen noch auf die
Errungenschaften ihrer Vergangenheit blicken--auf ihre
Sozialprogramme, ihre Kunst, ihre Forschung, ihre Wissenschaft und
ihre Gelehrsamkeit--, hat die Zukunft längst begonnen. Diese Zukunft
fordert Lösungen, die in den Formeln der Vergangenheit nicht zu
finden sind.
Wen immer der geneigte Leser bei der letzten Bundestagswahl gewählt
hat, die Chancen, daß er sehr schnell enttäuscht sein wird, sind
nicht gering. Es ist eine traurige Wahrheit, daß es keine Rolle
spielte, wem man seine Stimme gab, weil eine wirkliche Alternative
nicht zur Wahl stand. Diese Aussage betrifft Wahlen schlechthin.
Ich wage eine solche unbequeme, aber keineswegs seltene Auffassung,
weil die Politik, so wie sie überall auf der Welt und besonders in
Deutschland betrieben wird, Ausdruck von Erwartungen und Werten ist,
die aus der Schriftkultur hervorgegangen sind. Sie ist nicht auf die
neue Lebensund Arbeitspraxis der Menschen zugeschnitten. Diese
Politik ist schon seit jeher zutiefst opportunistisch. In Zeiten des
Wachstums und des Wohlstands konnte sie ihren Einfluß erweitern und
praktisch alle Bereiche des menschlichen Lebens ergreifen. In den
Jahren des Wirtschaftswunders konnte Deutschland es sich leisten, den
Einfluß der Politik so weit auszudehnen, daß sie jeden Aspekt des
Lebens erfaßte und regelte: Handelsgesetze (bis hin zu den
Öffnungszeiten der Geschäfte), öffentliche Einrichtungen, Parks,
Kinderspielplätze, Ruhestand, Autofahren, Heiraten und alles andere
nur Denkbare. Auch die Vereinigten Staaten greifen regulierend in
das Sexualleben, in die Kinderrechte, in den Umgang mit der Umwelt,
die Lehrergewerkschaften, das Internet, den elektronischen Handel und
in die Privatsphäre ein. Wirtschaftlicher Erfolg scheint der Politik
die Wege zu ebnen, um auf alle Lebensbereiche zugreifen zu können.
In Krisenzeiten allerdings zieht sich die Politik der Schriftkultur
zurück. Auf alle Schwierigkeiten--hohe Arbeitslosigkeit im heutigen
Deutschland, zunehmende Fremdenfeindlichkeit, mangelnde Motivation
der Staatsbürger, um nur drei zu nennen--, die sie durch den
politischen und sozialen Widerstand gegenüber den Kräften des
Umbruchs selbst erzeugt hat, reagiert die Politik mit dem gleichen
Lösungsmodell: Wir haben ein Problem. Schuld hat (natürlich) ein
anderer, die Opposition, die Fremden, die Globalität unseres Lebens.
Also soll auch ein anderer die Lösung suchen oder durch sein
Verschwinden das Problem eliminieren.
Die Industriegesellschaft konnte sich nach diesem Modell einrichten,
denn es entsprach der Schriftkultur und ihren Merkmalen. Wenn ein
Gerät nicht funktioniert, läßt man es von einem Fachmann reparieren.
Und Familie, Bildung, Gesundheitssystem erfüllen innerhalb der
Schriftkultur die gleichen Funktionen wie Maschinen und werden
entsprechend behandelt. Die grundlegende Schwäche dieses Modells ist
das reaktive Prinzip: Wenn etwas kaputt geht, muß es repariert werden.
Jetzt reparieren wir gerade die Bildung, das Gesundheitssystem, das
Familienleben--freilich per Dekret, von oben herab! Auch die
"Fortschrittsmaschine" lief im Industriezeitalter reibungslos,
solange die grundlegenden politischen Voraussetzungen, die sich in
der Form der Nationalstaaten und des internationalen Handels
ausdrückten, der Skala der Bevölkerung entsprachen. Heute aber geht
dieses reaktive Modell an den Problemen vorbei. An der politisch
nicht gerade weitsichtig vollzogenen Vereinigung der beiden Teile
Deutschlands läßt sich dies gut demonstrieren. Fest steht, daß
Westdeutschland zusammen mit dem Rest der Welt auf den Zusammenbruch
des kommunistischen Systems nicht vorbereitet war und die Gründe
dafür bis heute nicht verstanden hat. Als Antwort auf diese
Entwicklung wurden zwei Einheiten, die einerseits einiges gemeinsam,
andererseits sich aber stark auseinanderentwickelt hatten,
zusammengefügt, und zwar nach dem überholten Modell des
Nationalstaats, nicht mit Blick auf die Bedürfnisse der weltweit
operierenden neuen Dynamik, deren wesentlicher Teil Differenz und
Differenzierung ist. Die Entscheidung der deutschen Politiker, die
aus rein ideologischen Gründen von den Alliierten unterstützt wurden,
führen zurück in das Industriezeitalter und zu den Merkmalen der
Schriftkultur. Symptomatisch ist zuallererst, daß das
Regierungszentrum mit enormem Aufwand nach Berlin zurückverlegt wurde:
ein Monument deutscher Einheit aus einer Zeit, die hundert Jahre
zurückliegt. Andere Einrichtungen folgten diesem Beispiel. Niemand
begreift oder will begreifen, daß in unserer heutigen Zeit
Standpunktfragen irrelevant sind. Statt die Vorteile eines
effektiven verteilten Modells zu nutzen, das eine Infrastruktur
fördern könnte, die vielleicht nicht der Regierung und der Politik,
aber dafür um so mehr der Wirtschaft von Nutzen gewesen wäre,
verankerte sich Deutschland in den völlig ineffizienten
zentralistischen und hierarchischen Strukturen der Vergangenheit.
Trotz aller äußeren Anzeichen der Modernisierung wurde der Osten
dieses Landes in die Weimarer Zeit zurückversetzt: Die
vergangenheitsorientierten Politiker waren mehr daran interessiert,
ihre Machtpositionen zu sichern als das enorme kreative Potential des
neuen Marktes freizusetzen, der durch die schnelle Einführung der
D-Mark so billig akquiriert worden war. Das Geld floß in Beton und
Ziegelsteine, nicht in die kognitiven Ressourcen und nicht in die
Interaktionsnetzwerke. Bürger aus beiden Teilen Deutschlands sind
mit der jetzigen Situation unzufrieden.
Jenseits der Schriftkultur beginnt das Reich der Proaktivität.
Proaktiv denken heißt zunächst einmal zu verstehen, daß alle
gegenwärtig wirksamen Prozesse--ob sie nun Individuen,
Wirtschaftsunternehmen, die Bildung, Handel, Kunst, Ethik oder
Einwanderung betreffen--notwendigerweise kürzer sind als die
Wirkprozesse der Vergangenheit. Parallel dazu sind die
Erneuerungszyklen--für ein stark exportorientiertes Land
lebenswichtig--kürzer. Vor allem aber heißt es, daß Zentralismus und
Hierarchie, auf die offenbar jeder in diesem Lande setzt, die
Effektivität des Staates und damit die Effektivität aller wichtigen
Tätigkeiten--von risikofreudigen Individuen, Unternehmen und selbst
Regierungsstellen--einschränken. Verschlankte Entscheidungsabläufe
(lean management) und Aufgabenverteilung werden zu entscheidenden
Wettbewerbsfaktoren--und nicht nur deshalb, weil die USA und England
hier schon weiter sind als Deutschland. Das neue Denken muß sich aus
der Einsicht ergeben, daß der Umbruch notwendig ist und daß im Zuge
dieses Umbruchs eine nationalistische Mentalität abgelegt werden muß.
Weil dies eine große historische Chance ist, könnte Deutschland wie
kein anderes Land ein Beispiel setzen. Doch wenn es diese
Gelegenheit verstreichen läßt, wird es vermutlich einen sehr hohen
Preis dafür bezahlen müssen.
Nur wenn sich Deutschland auf allen Ebenen--auf lokaler, staatlicher
und nationaler Ebene--von den Normen und Zwängen seines
traditionellen Systems, aus Verordnungen und Regulierungen befreit,
kann aus den guten Vorsätzen mehr werden als nur vorübergehender
Erfolg. Ein proaktives politisches Klima und ein in Verordnungen und
Regulierungen stagnierender Geist schließen sich gegenseitig aus. Im
übrigen hat sich gezeigt, daß insbesondere im Bereich der
Kommunalpolitik, hier wieder besonders bei der Förderung von
Existenzgründungen, gute Vorsätze zu nachweisbaren Erfolgen geführt
haben. Manch ein Gemeinderat mußte sich dabei um alte Gesetze
herummogeln, um Existenzgründungen im Bereich der Telekommunikation
oder der Dienstleistungsangebote im Internet fördern zu können.
Hierbei waren die Anreize, die man für Existenzgründungen geboten
hatte, besonders attraktiv. Sie reichen indes keineswegs aus. Die
meisten Existenzneugründungen beruhen noch immer auf Eigeninitiative
ohne jegliche öffentliche Hilfe. Auch hier gilt die alte Erfahrung:
Je lauter und öfter eine Erfolgsgeschichte wiederholt wird, desto
eklatanter sind die insgesamt mageren Ergebnisse, die damit
beschönigt werden sollen. Jeder, der sich mit den neuen
bürokratischen Mechanismen, die solche Initiativen fördern sollen,
etwas auskennt, weiß, wie wenig von der gesamten Investitionssumme
tatsächlich für Innovationen aufgewendet wurde. Es fehlt nicht an
Geld, sondern an Transparenz. Die bei weitem meisten Gelder fließen
noch immer in den Wasserkopf der Schriftkultur: in die semantischen
Spielchen demagogischer Argumentation und Rechtfertigung. Die
riesigen Plakate, mit denen der Weg in die Selbständigkeit
angepriesen wird, kosten weitaus mehr als das, was die jungen
Menschen als Starthilfe benötigen würden.
Deutschlands Modernisierungsversuche werden auch dadurch behindert,
daß es für jeden Schritt, den es in Sachen Deregulierung nach vorne
macht, hinsichtlich der Bürokratisierung der europäischen
Verhältnisse zwei Schritte zurückgeht. Die schwerfällige Bürokratie
der europäischen Behörden bedürfte dringend einer Neustrukturierung,
die der neuen Pragmatik entspricht. Diese aber von denen zu erwarten,
die zu dieser Bürokratie gehören und von ihr profitieren, wäre naiv.
Sie denken nur in Vor-Schriften, die ihnen Sicherheit, Ordnung und
Fortschritt zu versprechen scheinen, selbst wenn der Preis dafür eine
hohe Arbeitslosigkeit ist. Man kann nur hoffen, daß die Europäer
selbst, wenn sie sich in ihrem neuen Haus erst einmal eingerichtet
haben, die Initiative ergreifen und Alternativen entwickeln werden.
Diese müßten dann sehr viel stärker auf Dezentralisierung, auf lokale
Autonomie, also auf kleine, sich selbst organisierende Kernzentren
setzen, ausgerichtet am föderalistischen Vorbild der USA oder, wenn
dieses Beispiel in Europa nicht willkommen sein sollte, an der
Schweiz. Und dann wird man sehen, woher die richtungsweisenden Ideen
kommen: von den Unternehmern, die auf der lokalen Ebene um ihr
wirtschaftliches Überleben kämpfen, sich aber der globalen Dimension
ihrer Tätigkeit vollkommen bewußt sind; von den Intellektuellen in
ihren behaglichen akademischen Schutzhüllen; oder von den Politikern.
Eine besondere Rolle werden die Gewerkschaften spielen, die in der
Vergangenheit ein wesentlicher Veränderungsfaktor gewesen sind, heute
aber aus einer kurzsichtigen Politik heraus eher einen konservativen
Kurs betreiben. Kein status quo kann den Interessen derer nützen,
die sich in den Gewerkschaften repräsentiert sehen, sondern nur
wirksame Veränderungen, die die einzelnen stärken. Heute verhindern
die Gewerkschaften die Einführung neuer Technologien oder erschweren
sie zumindest. Schon morgen werden sie vielleicht erkennen, daß der
Preis für diese kurzsichtige Politik sehr hoch ist: daß sie nämlich
niemand mehr haben will.
Loslösung von der Schriftkultur heißt vor allem, daß wir uns auf ein
proaktives Denken, auf Deregulierung, Dezentralismus und die
Abschaffung von Entscheidungshierarchien einlassen. Proaktives
Denken beinhaltet die Bereitschaft zum Experiment, zum Verlassen
alter, eingetretener Pfade und zum Beschreiten neuer Wege. Obwohl in
Deutschland große Summen für die Forschung ausgegeben werden, die vor
allem in die hervorragenden Max-Planck-Institute und die von der DFG
finanzierten Forschungsprojekte fließen, hat es lange Zeit keine
ausreichenden Rahmenbedingungen für neue Technologien wie Biogenetik,
künstliche Intelligenz (KI), künstliches Leben (ALife) und modernes
wissenschaftliches Rechnen (advanced scientific computation) gegeben.
Die Hochleistungsforschung im Bereich der traditionellen
Wissenschaften und Technologiebereiche war und ist ausgezeichnet.
Viele Ergebnisse im Bereich der Lasertechnologie, der
Hochgeschwindigkeitstelekommunikation, alternativer Energiequellen
(um nur einige wenige zu nennen) sind aber im Ausland, von deutschen
oder ausländischen Unternehmen, praktisch umgesetzt worden, weil in
Deutschland die Voraussetzungen hierfür fehlten! Das ist das direkte
Ergebnis einer Fixierung auf Tradition, Kontinuität, Vergangenheit
und der mangelnden Bereitschaft, sich auf radikal neue pragmatische
Rahmenbedingungen einzulassen. Kultur als Stagnationsfaktor ist
jedoch eine falsch verstandene Kultur.
Während also Deutschland seine Vergangenheit erfolgreich exportiert,
werden alle zukunftsorientierten Technologien importiert. Ich rede
hier nicht von billigem Benzin oder Heizöl. Hinsichtlich einiger
wissenschaftlicher Entwicklungen hat sich die bundesdeutsche
Regierung geradezu als Zensurinstanz erwiesen. Offenbar unter dem
Eindruck einer Vergangenheit, die niemand vergessen will und
vergessen sollte, wurde es vermieden, das Wort Genetik direkt zu
verwenden. Ironischerweise erinnert mich das daran, daß während
meiner Studienzeit in einem kommunistischen Land das Wort Genetik
(zusammen mit dem Wort Computer) verboten war. Die Folge einer
solchen Einstellung aber ist, daß die Deutschen, die sich des
unstrittigen Gefahrenpotentials der Genetik bewußt sind, nunmehr im
Ausland darin investieren. Deutsche Firmen unterstützen
amerikanische Universitäten mit Forschungsgeldern, weil ihre eigenen
Universitäten ihre wissenschaftlichen Möglichkeiten nicht wahrnehmen.
Jetzt sucht man in Deutschland verzweifelt den Anschluß in einem
zukunftsträchtigen Wissenschaftsbereich, der in der Kultur jenseits
der Schriftkultur von zentraler Bedeutung ist. Mittlerweile sind
neue Gesetze verabschiedet worden, die den Anschluß an die
wissenschaftliche Entwicklung erleichtern sollen. Das Problem liegt
aber nicht so sehr im Bereich der Technologie, in dem Deutschland
immer noch führend ist, es ist ein Mentalitätsproblem. Neue Gesetze
ändern keine Mentalität und stellen nie die ausreichende Antwort auf
das dar, was zu unternehmen ist.
Silicon Valley hätte kein amerikanisches Phänomen bleiben müssen.
Deutschland hätte genügend Gelegenheiten für eigene wissenschaftliche
Erfolgsgeschichten gehabt, wäre es nicht allzu sehr auf die
Strukturen fixiert geblieben, innerhalb derer sich vergangener (und
kurzlebiger) Ruhm und vergangenes Versagen herausgebildet hatten.
Man mag sich gar nicht vorstellen, mit welcher Leichtfertigkeit und
Geschwindigkeit unzählige Milliarden zur Subvention völlig veralteter
Industriezweige (unter anderem für die Steinkohleindustrie)
ausgegeben worden sind. Wäre dieses Geld in neue Technologien und
neue Medien investiert worden, hätte Deutschland mehr als eine
Erfolgsgeschichte und weniger Arbeitslose zu vermelden gehabt. In
der politischen Gleichung einer subventionsgestützten Wirtschaft sind
in Deutschland die heutigen Steuerzahler und die zukünftigen
Generationen die echten Verlierer. So vergeudet Deutschland nicht
nur enorme Summen, sondern seine wertvollste Ressource--eine hoch
gebildete Bevölkerung. Einige der führenden Köpfe haben das Land
bereits verlassen und im Ausland Erfolg gehabt. Kai Krause von
MetaCreations; John Kluge, der deutsche Emigrant, der in den
achtziger Jahren ein Mobilfunknetzwerk an Southwestern Bell und eine
Ferngesprächfirma an WorldComm verkauft hat. Solche Erfolge könnten
der Deutschen Telekom die Farben des Neides oder der Scham ins
Gesicht treiben. Auch mit anderen Erfolgen, die allesamt in
Deutschland unvorstellbar wären--z. Zt. Metromedia Energy als
Strommakler--, macht er von sich Reden. Und es gibt zahlreiche
andere Erfolgsgeschichten von Innovatoren, die es in ihrer geliebten
Heimat zu nichts bringen konnten wegen der bürokratischen Hindernisse,
die man jungem Unternehmergeist in den Weg legt. Solche Beispiele
sind weder neu noch außergewöhnlich. Dieser Zustand in Deutschland
ist abnormal; er ist das schmerzliche Ergebnis einer politischen,
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation, die man hätte
vermeiden können. Immer mehr breiten sich in Deutschland
Unzufriedenheit und ein Fatalismus aus, den es in diesem Ausmaß seit
dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland nicht mehr gegeben hat.
Falsch wäre es indes, das Silicon Valley oder die erwähnten
Erfolgsgeschichten einfach nachschreiben zu wollen, wie es einige
Politiker im Bereich der Neuen Medien und der Telekommunikation
offenbar versuchen. Eine Neuorientierung müßte in grundsätzlichen
politischen und wirtschaftspolitischen Aktivitäten liegen. Um mich
nicht in Allgemeinplätzen zu verlieren, will ich versuchen, ein
Szenario zu skizzieren, in dem solche Alternativen entwickelt werden
könnten.
Dank ihrer Tradition und ihrer besonderen wissenschaftlichen
Kompetenz sind die Deutschen hervorragend geeignet, bei der
technologischen Entwicklung der allgegenwärtigen Computation eine
Führungsrolle zu übernehmen. Das Digitale, ein wesentlicher
Bestandteil der neuen Grundstruktur menschlicher Tätigkeit, hat seine
ersten Gehversuche gerade hinter sich. Auf einer spektakulären
Konferenz unter dem Titel "Die nächsten 50 Jahre der Computation"
(1997), die der Entwicklung der Datenverarbeitung in den kommenden
fünfzig Jahren gewidmet war, diente als Hintergrund für die
Präsentation neuester Computermodelle das Bild einer Höhle aus der
Steinzeit. Im Vergleich zu dem, was die Industriegesellschaft
produziert hat, vor allem aber hinsichtlich der sich abzeichnenden
neuen Möglichkeiten, ist die heutige Computertechnologie relativ
primitiv. Das in Presse und Computerkreisen viel diskutierte Problem
der Jahrtausendwende (einige Computer sind auf die Umstellung nicht
richtig programmiert) ist z. B. das Ergebnis wissenschaftlicher
Kurzsichtigkeit und technologischer Grenzen, die die Welt Milliarden
von Dollar kosten wird. Kein anderer Industriezweig hat die
Gesellschaft auf eine ähnlich gefährliche Weise herausgefordert.
Aber nicht die Krise, sondern die Chancen interessieren uns hier.
Gewiß, wenn Autos, Züge und Flugzeuge genauso unzuverlässig wären,
wäre die halbe Menschheit bei Verkehrsunfällen getötet oder sämtliche
Fahrzeuge wären stillgelegt worden. Die Computer müssen sich also
weiterentwickeln, sie werden ausreifen und billiger werden. Ihre
Leistungsfähigkeit wird sich steigern. Zuverlässigkeit wird dabei im
Mittelpunkt stehen, denn die Experten sind sich der Tatsache bewußt,
daß hier große Risiken liegen und daß andererseits das Digitale in
der neuen Infrastruktur menschlichen Lebens und menschlicher Arbeit
von zentraler Bedeutung sein wird. Wir brauchen also neue Konzepte
und eine neue Generation von Ingenieuren. Dafür muß unser Bildungs-
und Ausbildungssystem auf eine neue Grundlage gestellt werden, die
die digitale Struktur zum zugrundeliegenden Prinzip hat. Darin
liegen ungeahnte Chancen, freilich auch nicht wenige Gefahren. Das,
woran IBM, Microsoft und Siemens nicht interessiert waren, werden
kleine risikofreudige Unternehmer bewerkstelligen, die dort ihre
Chance sehen, wo große Monopolisten offenbar blind oder schwerfällig
sind. In dem großen Bereich der Betriebssysteme hätte Deutschland
mehr zu sagen, als es derzeit (als stiller und zufriedener Kunde)
geschieht. Auch steht die Integrierung des Computers in die gesamte
gesellschaftliche Infrastruktur (ubiquitous computing) in Deutschland
noch bevor, wobei diese Entwicklung im übrigen von den
Betriebssystemen entscheidend abhängt. Auch kann in dieser Hinsicht
die Umweltpolitik, die in Deutschland traditionellerweise eine große
Rolle spielt, durch die Produktion umweltfreundlicher Produkte
profitieren. Als in Deutschland ein Internetanbieter verurteilt
wurde, weil er den Zugang zu unsittlich-ekelhaften Webseiten möglich
gemacht hatte, die niemand gutheißt (die sich aber offenbar viele,
auch Deutsche, heimlich anschauen), war das ein denkwürdiger Vorgang.
Doch müßte man nach der gleichen Logik (oder dem gleichen
juristischen Vor-Urteil) die Bundesbahn dafür verurteilen, daß sie
Transportmittel bereitstellt, die Frauen nach Holland in die
Abtreibungskliniken bringen, die Lufthansa dafür, daß sie deutsche
Urlauber in asiatische Länder fliegt, in denen die Kinderprostitution
blüht, und die Telekom und ihre Konkurrenten dafür, daß über ihre
Dienstleistungen Nazipropaganda und terroristische Anleitungen
verbreitet werden. Um die Möglichkeiten und Gefahren einer
vernetzten Gesellschaft wirklich abwägen zu können, muß man sich sehr
genau und vorurteilslos mit allen technischen Aspekten, besonders
aber mit den menschlichen und politischen Dimensionen befassen.
Nach allem, was man in den deutschen Medien über die vernetzte Welt
lesen kann, überrascht es nicht, daß kein Bundesbürger daran glaubt,
daß ein deutscher Bundeskanzler (egal welcher!) weiß, wie man mit
einer Maus oder mit einem ähnlichen Computerbestandteil umgehen muß.
Hier ist der--zugegeben kontroverse--peruanische Präsident Fujimori
weiter: Er wußte, wie er über seinen Laptop an Daten herankam, mit
deren Hilfe er sinnvolle Wirtschaftsprogramme darlegen konnte. Das
Bild des Deutschen, das sich aus der gegenseitigen Abhängigkeit der
politischen Praxis in einer stark regulierten Gesellschaft und den
Methoden, mit denen sie ihre Legitimität verteidigt, ergibt, ist dann
etwas folgendes: technologisch versiert, technologisch interessiert
und dennoch unwillens, den entscheidenden Schritt vom Ottomotor zur
digitalen Maschine zu gehen.
Um den Umbruch wirklich mitgestalten zu können, müßten die Deutschen
ihr jetziges System mit allen seinen Grenzen grundsätzlich in Frage
stellen. Sie müßten vor allem ihr Schicksal selbst in die Hand
nehmen und es nicht denjenigen überlassen, denen sie bislang ihr
Geschick allzu leichtfertig anvertraut haben. Eine
Top-down-Strategie, wie ich sie in den vorausgegangenen Kapiteln in
verschiedenen Zusammenhängen dargestellt habe und wie sie in dem
hierarchisch strukturierten Deutschland besonders wirksam etabliert
ist, wäre der falsche Ansatz. Schauen wir doch den Tatsachen ins
Gesicht: In den vergangenen Jahren haben sich die Politiker in
Deutschland darin überboten, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme nach
der anderen zu entwickeln und enorme Summen in sie zu investieren;
nahezu alle zielten auf die Keynessche Lehre von der staatlichen
Intervention ab, die auch in die wahnwitzigen Subventionen für die
desolate Kohleindustrie eingegangen ist. Wirkliche Abhilfe könnte
nur die Einschränkung staatlicher Eingriffe bringen, ein Rückzug der
zentralen Staatsgewalt und eine verstärkte Motivation und Kompetenz
lokaler Einrichtungen, die natürlich im Netzwerk eingebunden sein
müssen, die gegenseitige Hilfe, aber auch kreativen Wettbewerb
fördern. Staatliche Einrichtungen müßten nach denselben Prinzipien
bewertet und bezahlt werden wie die Vorstandsmitglieder großer
Unternehmen: nämlich nach ihrer Leistung bei der Kostenreduzierung,
bei der Verschlankung der Bürokratie und bei der Stärkung von
Eigeninitiativen. Derartiges Downsizing würde uns vom Wasserkopf der
schriftbasierten Regulierungssucht befreien. Gute und erfolgreiche
Politik in der heutigen Zeit würde zuallererst darin bestehen, die
Regierung mindestens um die Hälfte zu verkleinern. Ist diese
Sichtweise realistisch?
Gewiß nicht innerhalb eines Modells der zentralen
Mittelvergabe--zentral auf der Ebene der Bundesländer, des Bundes und
jetzt auch der Europäischen Union. Beim gegenwärtigen Stand der
Dinge sieht es eher so aus, als würde die Interventionspolitik mit
staatlichen Subventionen Deutschlands Zukunftschancen zerstören. Zu
stark sind die Seilschaften, die Einflußnahme durch Interessengruppen
und der politische Opportunismus: allesamt aus der Schriftkultur und
auf ihr begründet. Wo Wettbewerb und Motivation fehlen, herrscht
Mittelmäßigkeit; Transparenz wird durch Regulierung ersetzt. Einen
wirklichen Wettbewerb im Bereich der gesetzlich vorgeschriebenen
Ausschreibungen von Projekten kann es schon deshalb nicht geben, weil
die Gelder oft schon verteilt sind, bevor die Bürokraten die Ziele
einiger dieser staatlichen Programme festgelegt haben. Einige
Modethemen beherrschen den politischen Diskurs--überfüllte Autobahnen
und Tempolimits, Multimedien, neue Produktstoffe, Umweltschutz--und
rufen entsprechende Aktivitäten auf Landes- und Bundesebene hervor.
Aber auch hier fließen die Gelder an die, die in den richtigen
Positionen sitzen oder die richtigen Beziehungen haben und die,
schlimmer noch, die Gutachter über diejenigen sind, die aus einer
anderen Position oder einem anderen Blickwinkel heraus diese Probleme
angehen würden. Auch hier fördert die staatliche Intervention--ganz
wie in Japan--Vorabsprachen und Vorentscheidungen und verhindert
Transparenz. Im Mittelpunkt steht weniger das Ergebnis als ein
entsprechendes Gutachten: ein weiteres Produkt der Schriftkultur.
Die Hoffnungen mancher Unternehmer, Forscher und akademischer Lehrer,
daß sich diese Situation auf europäischer Ebene verändern würde, sind
weitgehend enttäuscht worden. Bürokratische Strukturen sind am
allerwenigsten für Selbstkontrolle und Selbstkorrekturen geeignet.
Je weiter sie sich von ihren Geldgebern entfernen, desto mehr wird
das System der demokratischen Gewaltenkontrolle unterminiert. Das
Brüsseler Modell, auf dem die Europäische Union gründet, wirkt alles
andere als integrativ. Oft ist es nichts anderes als organisierte
Verschwendung und überregulierte Stagnation. Das gilt ganz besonders
für die vielen Kooperationsprogramme, für die erhebliche Summen zur
Verfügung stehen. In dem verzweifelten Bemühen, Forschern und
Studenten der verschiedenen Mitgliedsländer die Zusammenarbeit zu
erleichtern, werden künstliche und in mancherlei Hinsicht
unangemessene sogenannte Partnerschaften gegründet. Natürlich gibt
es hier auch Erfolge zu vermelden. Im großen und ganzen jedoch hat
die eilige Suche nach Partneruniversitäten und der damit verbundene
erhebliche Verwaltungsaufwand nur zu neuen bürokratischen Strukturen
und Organisationsformen geführt. Man kommt sich nicht näher, indem
man Mitteln hinterherläuft, die opportunistisch verteilt werden. Auf
dem Papier sieht alles sehr gut aus; aber die Wirklichkeit hat mit
den guten Intentionen leider nur sehr wenig zu tun.
Die Alternative zu diesen Mängeln wären kleine, selbstregulierende
Einheiten, die ohne diese bürokratischen Regulierungen in einen für
alle transparenten Wettbewerb eintreten. Erst wenn die Studenten in
Deutschland und in den anderen europäischen Ländern nach einem kurzen,
aber zielorientierten Studium mit Eigeninitiativen in den
Berufsmarkt eintreten, statt an den Universitäten für ein manchmal
Jahrzehnte dauerndes Studium eingeschrieben zu bleiben, hätte sich
wirklich Wesentliches verändert. Erst wenn die deutschen Professoren
ihren Beamtenstatus (und die damit verbundenen Privilegien einer
Lebenszeitanstellung, hoher Sozialleistungen und einer gesicherten
Pension) gegen riskante, aber sinnvolle und auch Genugtuung bringende
wissenschaftliche Herausforderungen eintauschen würden, hätten wir
einen alle überzeugenden Kontext für Kreativität und Kompetenz
geschaffen. Schließlich und vor allem aber muß sich die Wissenschaft
aus der schützenden Umarmung des Staates lösen und noch mehr als
bisher in den Wettbewerb um Ideen und Methoden eintreten. Dann erst
wäre in Deutschland ein Umfeld geschaffen, in dem sich Kreativität
gegen Selbstzufriedenheit, Redundanz und reine Beschäftigungstherapie
durchgesetzt hätte. Die unglaubliche Produktivität, die derzeit für
die Beantragung von Forschungsgeldern aufgewendet wird, ist lediglich
ein Symptom dafür, daß die Wissenschaft (und die Künste, die sehr
ähnlichen Mechanismen unterliegen), noch immer Geiseln der
Schriftkultur sind. Wirkliche alternative Mittel und Methoden, wie
etwa multimediale Präsentationen oder netzwerkgestützter Wettbewerb
um Forschungsgelder, werden weder akzeptiert noch wird dazu ermutigt.
Das überrascht und enttäuscht, wissen wir doch, daß wirklicher
Wettbewerb in Wissenschaft und Bildung mindestens so wichtig ist wie
im Geschäftsleben. Im gegenwärtigen System ist in Deutschland
Mißlingen de facto ausgeschlossen, denn es würde dem öffentlichen
Ansehen schaden. Es wäre in diesem Zusammenhang vielleicht ganz
wichtig, wenn man sich die Folgen vor Augen hielte, die diese Art von
Selbsttäuschung in anderen Ländern bewirkt hat.
Unter der protektionistischen Atmosphäre, die im früheren Sowjetblock
Wissenschaft, Kunst und Bildung beherrschte, haben Wissenschaftler,
Künstler und eminente Universitätsprofessoren höchst qualifizierte
Arbeit geleistet, aber diese hatte überhaupt keine Auswirkungen auf
die Gesellschaft gehabt. Man zollte ihnen Lob und gewährte ihnen
einen besseren Lebensstandard als den Durchschnittsbürgern. Aber in
dem Land, das seit jeher die besten Mathematiker und Logiker
hervorbringt--die nun alle außerhalb ihres Landes leben und
arbeiten--, wurden die Computer nicht auf der Grundlage ihrer
theoretischen Arbeit gebaut, sondern als Kopien von Computern, die
aus dem Westen illegal eingeschmuggelt waren. Mit der heute üblichen
Vermischung von Staatssozialismus und Marktwirtschaft nähert sich
Deutschland auf gefährliche Weise jenen Zuständen, die zum
Zusammenbruch der osteuropäischen Gesellschaften geführt haben und
die man völlig zu Recht wegen ihrer mangelnden Flexibilität und
Innovationsangst kritisiert hat. Die Deutschen bezweifeln die
offiziellen Inflations-, Arbeitslosenund Kriminalitätsraten, ohne
allerdings dabei die Politik der schriftkulturellen Selbsttäuschung,
die solche Zahlen hervorbringt, in Frage zu stellen.
Die politischen Führer Deutschlands--gleich welcher Couleur--sind
weder verlogen noch unfähig, die Komplexität der heutigen Situation
zu erfassen. Der politische Diskurs und die politische Streitkultur
haben in Deutschland eine Ebene erreicht, um die es die meisten
anderen Länder beneiden. Die politischen Skandale, die die USA für
die restliche Welt der Lächerlichkeit preisgeben, sind hier nahezu
unbekannt. Was aber fehlt, sind der Mut und die Bereitschaft, jene
Wege zu verlassen, die die beispielhafte soziale Tradition
Deutschlands markiert haben, die aber inzwischen Holzwege geworden
sind. Die Politiker sprechen heute leichtfertig über die
Gesellschaft und deren Verpflichtungen gegenüber dem Bürger, aber die
Gesellschaft, von der sie reden, gibt es gar nicht mehr. Sie berufen
sich auf einen Sozialvertrag, der durch die egoistischen Motivationen
der Bürger jenseits der Schriftkultur tatsächlich überholt wurde, ob
es uns paßt oder nicht. Deutschland ist in einem Maße auf seine
Vergangenheit fixiert, daß niemand auch nur auf den Gedanken kommt,
daß die Bewahrung der Tradition in der Zukunft nicht mehr die einzig
denkbare Alternative ist, so gut sie auch klingen mag.
Konkreter heißt das, daß man entschiedener von einer Produktions- zu
einer Dienstleistungsgesellschaft voranschreiten muß. Der Zugang zur
Tradition kann auch durch andere als durch schriftkulturelle Mittel
geschaffen werden. Natürlich kann man verstopfte Straßen und
Autobahnen dadurch entlasten, daß man neue und größere Straßen baut;
auf Dauer würde das aber nicht viel ändern, denn als Folge davon
würden die Menschen nur noch mehr Autos kaufen. Die mechanische
Mobilität, für die wir einen hohen ökologischen und menschlichen
Preis bezahlen müssen, sollte zumindest in Teilen durch den digitalen
Zugang und die digitale Verbreitung von Wissen ersetzt werden.
Physische Kopräsenz (die die geselligen Deutschen so lieben) könnte
teilweise durch virtuelle Präsenz ersetzt werden. Es geht längst
nicht mehr um die Menge der verarbeiteten Rohstoffe, sondern um die
Menge der freigelegten kognitiven Ressourcen. Auf dem Weg vom
denkwürdigen Bauhaus zum neuen Denkhaus der Möglichkeiten zeichnen
sich viele Wege ab, um aus der Tradition, die heute vielfach nur als
Last erscheint, eine Quelle der Erneuerung zu machen.
Ähnlich stellt sich die soziale Tradition Deutschlands dar. Bei der
Regelung der sozialen Aspekte des Daseins gilt Deutschland in
vielerlei Hinsicht dem Rest der Welt als Beispiel. Die sozialen
Leistungen sind vermutlich die besten in der westlichen Welt.
Bildung und Ausbildung genießen selbst in wirtschaftlichen
Krisenzeiten absolute Priorität und werden gänzlich durch den
Steuerzahler finanziert. Lebensqualität, wie sie sich im
Lebensstandard, im Reisen, im Gesundheitswesen, in der Länge der
Urlaubszeit und im Bildungsangebot ausdrückt, ist ein Grundrecht
geworden. Doch zeichnet sich mittlerweile ab, daß Deutschland diesen
beneidenswerten Status nur auf Kosten anderer erhalten kann, es sei
denn, neue, innovative Impulse würden die Effizienz durch andere
Faktoren als nur durch Größenordnungen erhöhen. Eine schmerzliche
Alternative wird darin liegen, einige der hart erarbeiteten
Leistungen gegen neue Möglichkeiten einzutauschen.
Die erste Option--auf Kosten anderer zu leben--hätte nur kurzfristig
Chancen. In weniger als einer Generation wird sich zeigen, daß man
für die Erhaltung des hohen Lebensstandards in einigen Ländern
(Deutschland, Frankreich, Italien, Schweden) nicht mehr einfach
andere zahlen lassen kann. Hierbei wird der politische
Zusammenschluß Europas eine große Rolle spielen. Niemand kann
ernsthaft davon ausgehen, daß es möglich ist, die großen Unterschiede
zwischen den deutschen Leistungen im Sozial- und Gesundheitswesen und
denen in anderen europäischen Ländern beibehalten zu können. Um aber
die anderen Länder zu einem vergleichbaren Standard zu führen, müßten
Mittel aufgebracht werden, die schlichtweg nicht zur Verfügung stehen.
Das würde bedeuten, daß der allgemeine Lebensstandard zum Zweck der
allgemeinen Angleichung in Deutschland gesenkt werden muß. Die
zweite Option--technologische Innovationen, die die deutsche
Führungsrolle in diesem Bereich stärken--würde sich ebenfalls nicht
sehr lange auswirken. Die Wissensverbreitung in einer global
vernetzten Welt wird sich noch schneller als bisher vollziehen, so
daß auch Führungskonzepte in innovativen Bereichen jeweils sehr viel
kürzer existieren werden. Also sind gesellschaftliche
Reformen--unsere dritte Option--angezeigt, so schwer diese Medizin
auch zu schlucken ist. Diese werden sich vermutlich durch eine
gewisse Absenkung des Lebensstandards durchsetzen lassen. Dafür aber
werden neue Möglichkeiten entstehen, und das Leben wird sich weniger
als Umsetzung von Vorschriften und mehr als Entfaltung der
Verschiedenheiten, die uns als Individuen definieren, darstellen.
Gibt es Grund zur Besorgnis? Zwischen 1970 und heute ist das
Geldvermögen der privaten deutschen Haushalte von 524 Milliarden DM
auf 5344 Milliarden DM angestiegen (Immobilien und Betriebsvermögen
nicht eingerechnet). Das heißt, daß jeder deutsche Haushalt
durchschnittlich 150000 DM besitzt. Wenn unter den heutigen
Bedingungen erhöhter wirtschaftlicher Effektivität diese enormen
Summen nicht aktiviert werden, dann sind sie bald weniger wert als
all die Nullen, die man zum Schreiben dieser Zahlen benötigt.
Jenseits der Schriftkultur etabliert sich ein Bereich der
Mitbeteiligung und Mitbestimmung, der allein soziale Gleichheit und
Qualitätsmaßstäbe garantiert.
In den vergangenen Jahren hat der Druck des Marktes zu Reformen
geführt, die in der Gesellschaft Zweifel an der Globalität (als
könnte man sich ihr entziehen) haben aufkommen lassen, weil man sie
für einige der verlorenen Sozialleistungen verantwortlich macht. Im
gleichen Zug wurden Wettbewerb, Marktwirtschaft und sogar die nach
dem Zweiten Weltkrieg erworbene Toleranz gegenüber Fremden in Zweifel
gezogen. "Deutschland ist kein Einwanderungsland" ist nicht nur der
Kampfruf einer kleinen reaktionären Minderheit, sondern eine durchaus
verbreitete Einstellung--sind die Grünen hier eine Ausnahme?--, mit
der man die Fremden zum Sündenbock für alle möglichen politischen
Probleme erklärt. Das Fremde wird in Deutschland nur unter
spezifisch deutschen Gesichtspunkten akzeptiert: als Urlaubsrefugium
(Mallorca, Tunesien, die Dominikanische Republik, Türkei), wo man
seine Sorgen für einen Augenblick vergessen kann; als billiges
Reiseziel für Arbeitslose oder für diejenigen, die ihre Autos
billiger als in Deutschland kaufen möchten; oder als Ort (Polen,
Rumänien, die Tschechische Republik), an dem Personen mit kleineren
Pensionsansprüchen besser als zu Hause leben können. Die Einsicht,
daß die Welt jenseits der Schriftkultur eine integrierte Welt ist,
stellt sich nur in Ausnahmefällen ein, ungeachtet der Bedeutung, die
diesem Thema im offiziellen politischen Diskurs beigemessen wird.
Daß Deutschland wie alle anderen Länder in Zukunft höhere
Einwanderungszahlen zu verzeichnen haben wird, ist nicht nur eine
Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit. Ohne Einwanderung würde
Deutschland zu einem geistigen Mikrokosmos zusammenschrumpfen, dem
die wiederbelebenden Impulse fremder Kulturen fehlen; abgesehen davon,
daß es nicht genügend qualifiziert ausgebildete junge Menschen in
allen Arbeitsbereichen hätte. Jenseits der Schriftkultur ergibt sich
Dynamik aus Unterschieden, nicht aus Uniformität.
Den fundamentalen pragmatischen Zusammenhang von Arbeit und Leben in
einer integrierten Welt, deren Sprache die Sprache des Konsums ist,
hat man in Deutschland nie wirklich verstanden. Deutschlands
führende Denker widmen sich nahezu ausschließlich der Vergangenheit
und warten mit immer neuen Auslegungen von ihr auf. Wenn Reformen
(von denen die meisten ohnehin nur akute Brandherde löschen statt
neue Wege aufzuzeigen) durchgesetzt werden müssen--wie im Fall der
Lohnfortzahlung oder von Rationalisierungsmaßnahmen in der
Wirtschaft--schallt der Ruf "Wir wollen keine amerikanischen
Verhältnisse." Als hätten die Krisen, die die Probleme in der
Stahlindustrie, in der Automobilindustrie oder in der Chemie- und
Pharmaindustrie hervorgerufen haben, nichts mit den Problemen zu tun,
die auch in Amerika und in allen anderen Ländern zu Krisen und zu
erhöhtem Wettbewerb, und im übrigen zu erhöhter Wettbewerbsfähigkeit,
geführt haben. Wenn die Deutschen ihren Lebensstandard erhalten
wollen, müssen sie wie alle anderen Staaten Alternativen finden.
Stagnation ist keine Alternative, sondern eine Sackgasse.
Manteltarifverträge zum Beispiel, die einer Welt, die immer
differenzierter wird, Uniformität aufzwingen wollen, helfen nicht
weiter. Viele andere Probleme, die sich aus der festen Bindung an
die Tradition ergeben, bedürfen innovativer Alternativen. Zu lange
hat man in Deutschland aus Selbstzufriedenheit und Mittelmäßigkeit
zukunftsgerichtete Initiativen und Erneuerungsimpulse verworfen.
Ein besonders auffälliges Beispiel ist der Zustand des deutschen
Universitätssystems. Einst gab die deutsche Universität das Muster
für viele andere Länder ab und zog Studenten aus aller Welt an.
Heute ist das Universitätssystem vornehmlich damit beschäftigt, allen,
die es wollen, einen freien Zugang zu einer mittelmäßigen Bildung
und Ausbildung zu gewähren. Viele Universitäten kämpfen ums
Überleben, obwohl Deutschland auf dem Papier die höchsten
Studentenzahlen der ganzen Welt hat. Die derzeitigen Finanzprobleme
machen sich hier besonders bemerkbar: überall fehlt es an Geld,
verbeamtete Professoren kosten mehr, als sich die Gesellschaft
leisten kann; die auf eine illustre Geschichte zurückgehenden
Studienpläne wurden in fast keinem Fall auf die neue Lebenspraxis
ausgerichtet. Die kostbare Bildung, eine Errungenschaft, auf die
Deutschland so stolz blickt, ist sehr kostspielig geworden. Unter
dem Druck der Verhältnisse werden Reformen in Angriff genommen--für
das Jahr 2006. Niemand fragt dabei, ob unter den gegebenen Umständen
des technologischen Fortschritts und der rasanten wissenschaftlichen
Entwicklung im Jahr 2006 die Universitäten überhaupt noch die
richtigen Institutionen für Bildung und Ausbildung sind. Wenn neue
Universitäten und Fachhochschulen gegründet werden, geschieht dies
immer noch nach dem mittelalterlichen Modell, das sich an einem
einige Jahrhunderte alten Bildungsideal orientiert, aber die heute
erforderliche Effizienz eher verhindert. Spektabilitäten und
Magnifizenzen, von denen einige als Hochschullehrer versagt haben,
produzieren Unmengen von beschriebenem Papier, die viel Mittelmaß
erkennen und jegliche bildungspolitische Perspektive vermissen lassen.
Sofern die Studienpläne in Einzelheiten verändert werden, dauert es
Jahre, bis sie durch die universitären Gremien gelaufen und von den
Ministerien genehmigt worden sind. Die universitätsinterne
Mittelverteilung orientiert sich ebenfalls nicht an zukünftigen
Bedürfnissen. Den Rektoren und Kanzlern stehen Dienstwagen mit
Chauffeur zur Verfügung, während es in einigen Unterrichtsräumen
selbst an Tafeln fehlt, von den neuen Multimedien und den
wissenschaftlichen Netzwerken gar nicht zu reden. Wettbewerb unter
den Professoren ist oft nicht ein Wettbewerb um bessere Arbeits- und
Forschungsbedingungen, sondern um höhere Institutshaushalte oder
Gehälter. All diese Regeln und Strukturen haben sich aus der
sogenannten Autonomie der Hochschulen ergeben. Strukturreformen mit
Blick auf die heute notwendigen interdisziplinären Forschungszentren
und eine entsprechend neu orientierte akademische Lehre werden durch
diese Verhältnisse schwer, bisweilen sogar unmöglich gemacht. An
deutschen Universitäten gilt noch immer als höchstes Prinzip: Stecke
dein Gebiet ab, wahre deinen Besitzstand! Und das in einer Zeit, in
der in sich geschlossene, autonome Wissenschaftseinrichtungen kaum
noch irgendwelche relevanten Forschungstätigkeiten durchführen können.
Die deutsche Universität ist vermutlich mehr als alle anderen
Bereiche der Gesellschaft auf die (sehr glorreiche) Vergangenheit
fixiert. Entsprechend fehlt den Studierenden die nötige, auf
zukünftigen Erfolg ausgerichtete Motivation. So schaffen sie sich
Lebensbedingungen, in welchen das Studium im Vergleich zu den anderen
Lebenserwartungen eine relativ marginale Rolle spielt. Studenten
machen Urlaub unabhängig von den Vorlesungszeiten. Ihre
Nebentätigkeit ist ihnen oft wichtiger als Seminare und
wissenschaftlichen Projekte; denn wissenschaftliche Leistung ergibt
sich kaum noch aus dem Bedürfnis nach wissenschaftlicher Erkenntnis,
sondern aus der Notwendigkeit, Scheine zu sammeln. Wo sollten sie
auch diese Leistungsqualität suchen und finden? Sicher nicht bei den
Professoren, die nur auftauchen, wenn ihre anderen Verpflichtungen es
ihnen erlauben, oder bei denen, die ihre intellektuelle Entwicklung
mit der Verbeamtung beendet haben. Die politischen Aktivitäten der
Studierenden richten sich ebenfalls auf Fragen des Lebensstandards,
nicht auf ungenügende Lehrpläne, sondern auf Sozialleistungen wie
BAFöG, das Recht auf unbegrenztes Studium, Preisermäßigungen aller
Art, freien Zugang zum Internet und billiges Mensaessen.
Jede Verallgemeinerung ist falsch und gefährlich, und es hilft auch
nicht viel weiter, immer nur mit dem Finger auf die derzeitigen
Symptome zu zeigen. Ich verfolge hier lediglich die Absicht, das
offen auszusprechen, was viele Kollegen untereinander diskutieren und
in Privatgesprächen bestätigen. Sie tun nichts dagegen, weil sie
befürchten, daß man dagegen nichts mehr tun kann. Natürlich gibt es
noch immer diejenigen, die unter großen persönlichen Opfern
hochkarätige Forschung betreiben, mit Kollegen aus anderen
Disziplinen erfolgreich zusammenarbeiten und ihre Studierenden
motivieren. Es wäre unfair, das nicht festzustellen. Es ist
allerdings auch kontraproduktiv, die erheblichen Probleme des
deutschen Universitätssystems hinter den Erfolgsmeldungen zu
verstecken: das würde den Zynismus in der akademischen Welt nur
erhöhen.
Ein wichtiger Schritt bei der Reform des deutschen
Universitätssystems bestünde darin, daß sich die Universitäten
ernsthaft um eine Öffnung für alternative Ausdrucks- und
Kommunikationsmittel bemühen. Des weiteren müßten ihre
Entscheidungsstrukturen dezentralisiert und der Verwaltungsapparat
insgesamt eingeschränkt werden. Wichtiger als neue Hochschulbauten
sind Netzwerke für wissenschaftliche Interaktion; wichtiger als neue
Studien- und Prüfungsordnungen wären Überlegungen, wie man die
universitäre Ausbildung auf die zukünftigen Bedürfnisse der
Gesellschaft ausrichten könnte. Statt Uniformität müßten das
Außergewöhnliche, das Unterschiedliche, das Innovative gefördert
werden, auch und gerade im Bereich der unterschiedlichen
Intelligenzen und Veranlagungen. Jegliche Form von geistiger
Kreativität in eine uniforme Bildung zu zwängen, hieße die von der
Schriftkultur propagierte Demokratie falsch zu interpretieren.
In vielerlei Hinsicht ähnelt die Situation in Deutschland dem, was
ich in der englischen Fassung des vorliegenden Buches ausführlicher
als Asienkrise dargestellt habe. Es wäre schön, wenn eine
europäische Krise, die ganz wesentlich von der Art und Weise abhängt,
wie Deutschland (aber nicht nur!) mit seinen Problemen umgeht, durch
die weitsichtigen Handlungen derer vermieden würde, die etwas
bewirken könnten.
Ich habe wiederholt darauf hingewiesen, wie notwendig eine proaktive
Haltung ist. Und hier, das sei noch einmal in aller Deutlichkeit
festgestellt, muß das Bildungssystem als wichtige Quelle der
Erneuerung eine Führungsrolle übernehmen und darf sich nicht mit der
Rolle eines passiven Zeugen der Stagnation begnügen. Deregulierung,
Dezentralisierung und eine Befreiung von hierarchischen Strukturen
wären die Stützpfeiler eines zukunftsweisenden politischen Konzepts.
Viele deutsche Unternehmen haben kompetitive Methoden wie
Aufgabenverteilung und parallele Arbeitsabläufe bereits umgesetzt.
Die Anbindung an Netzwerke wird gerade vollzogen. In den Betrieben
und den Entwicklungsabteilungen der großen Unternehmen wird die
Schriftkultur zunehmend durch eine Kultur des Visuellen und durch
Multimedien ersetzt. Viele Studierende, die in diesem Bereich viel
weiter sind als ihre Professoren, übernehmen die Rolle von Lehrenden
und füllen das Ausbildungsvakuum im Bereich der neuen Technologien.
Noch wichtiger jedoch wäre es zu erkennen, daß sich die Dynamik des
Umbruchs aus kleineren, selbstorganisierenden Zellen ergibt.
Manche studentischen Versuche, die Herdenmentalität des
Bildungssystems (und der deutschen Gesellschaft) zu überwinden und
nach Bildungsalternativen zu suchen, sind geradezu aufregend. Statt
in überfüllten Hörsälen Vorlesungen zu lauschen, die der Professor
zum soundsovielten Male wiederholt, erforschen sie das World Wide Web,
studieren im Ausland, kümmern sich in der studentischen
Selbstverwaltung um Räume und Ausrüstung, ohne sich dabei groß um die
vorgeschriebenen bürokratischen Wege zu scheren. Das sind solche
selbstorganisierenden Zellen, aus denen die späteren neuen
Kleinunternehmen hervorgehen oder aus denen sich möglicherweise
Alternativen zu dem Monstrum entwickeln, das wir Universität nennen.
Diese kleinen innovativen Unternehmen im Umfeld der Universitäten
halten die Beziehungen zur Universität aufrecht, ermöglichen
Wissenstransfer und auch eine stärker an der Wirklichkeit
ausgerichtete Ausbildung.
Ein deutscher Politiker, der gern im Rampenlicht steht, hat
vorgeschlagen, die Universitäten zu verkaufen, weil sie vom Staat
nicht mehr zu finanzieren sind. Das könnte ein erster Schritt sein,
die verbürokratisierte Verwaltung zum Sonderpreis anzubieten. Damit
wäre eine wichtige Voraussetzung zur Konstituierung von
selbstorganisierenden Zentren innerhalb des Universitätssystems
geschaffen, die zu einer wirklichen Autonomie der Hochschulen führen
könnte. Solche selbstorganisierenden Zellen entstehen überall, wo
die Bedingungen für einen Wandel von denen, die die gegenwärtige
Dynamik verstanden und Initiativen ergriffen haben, geschaffen werden.
Ein gutes Beispiel hierfür ist Jenoptik, ein Unternehmen, das
gerade an die Börse gegangen ist, nachdem es die traditionellen
Produktionsweisen, die den früheren Ruhm begründet hatten, durch neue
Produkte und Produktionsformen ersetzt hat. Hier werden auch neue
Formen der Mitarbeitermotivierung erprobt, in Form von
Aktienanrechten, die den Bedingungen eines wettbewerbsorientierten
Marktes viel angemessener sind als die mächtigen Tarifverträge
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Ähnliche Beispiele, auch
wenn sie leider eher selten sind, wird der Leser selber kennen. So
wichtig Stabilität in den Augen von Pädagogen, Wissenschaftlern,
Gelehrten und vor allem Verwaltungsangestellten auch sein mag, Formen
der Selbstorganisation sind kennzeichnend für ein dynamisches System,
nicht für schale Stabilität oder Egoismus. "Il faut laissez faire
les hommes.": Diese Feststellung Colberts aus dem 17. Jahrhundert hat
Bismarck überdauert, nicht, weil die den Deutschen so lieb gewordenen
Tugenden von Ordnung und Disziplin schlecht sind, sondern weil sich
jenseits der Schriftkultur ein Bereich entfaltet, in dem sich die
erfolgreiche menschliche Selbstkonstituierung ausschließlich auf
menschliche Ressourcen gründet. Die Fähigkeit zum Umdenken ist eine
solche Ressource.