Dieses Blatt war eines der letzten, die Holbein für den Baseler
Buchdruck zeichnete. In den seiner Abreise nach England vorausgehenden
Jahren hatte er noch einige sinnvolle Titel zu theologischen Schriften
gezeichnet. Jetzt ging, wie es scheint, die Bilderfeindlichkeit so
weit, daß auch eine solche Schmückung geistlicher Bücher Bedenken
erregte. Nur ein Blatt gehört noch dieser späteren Zeit an, eine
Darstellung des heiligen Paulus in einem Gehäuse von ähnlichem Stil wie
jenes des Erasmustitels.
[Illustration: Abb. 110. +Zierleiste.+ Tuschzeichnung, im Museum zu
Basel.]
Zum Malen kirchlicher Bilder gab es in Basel jetzt selbstredend gar
keine Gelegenheit mehr. Schon zu Ostern 1528 waren aus mehreren Kirchen
alle Bilder entfernt worden; im folgenden Jahre brach der wüsteste
Bildersturm los. Der Rat war nicht imstande, den Eiferern Widerstand
zu leisten. Das Aufstellen religiöser Gemälde in den Kirchen wurde
untersagt.
Dem feinen Empfinden des Erasmus, der von den damaligen Vorgängen
lebhafte Schilderungen hinterlassen hat, waren solche Roheiten ein
Greuel. Er entschloß sich mit schwerem Herzen, die Stadt, die ihm
als „der behaglichste Musensitz“ lieb geworden war und wo er seit
1521 sich dauernd angesiedelt hatte, zu verlassen. Er begab sich, von
Bonifacius Amerbach begleitet, nach Freiburg im Breisgau. Dort muß ihn
auch der befreundete Künstler aufgesucht haben. Denn ein von Holbein
gemaltes kleines Bildnis des Erasmus -- Kopf in Dreiviertelansicht,
die Hände auf einem geöffnet auf dem Tische liegenden Buche ruhend --
trägt die Jahreszahl 1530. Das Original dieses Bildes befindet sich
in der Gemäldegalerie zu Parma, Kopien davon gibt es in verschiedenen
Sammlungen. -- Die nämliche Ansicht des Kopfes zeigt ein kostbares
Rundbildchen von nur zehn Centimeter Durchmesser im Baseler Museum,
Brustbild in schwarzer Kleidung mit braunem Pelz auf grünlichblauem
Hintergrund (Abb. 114).
Wie ein Gegenstück zu dem Miniaturporträt des Erasmus erscheint ein
ebenso fein ausgeführtes Bildnis des Melanchthon (Abb. 113), das die
königliche Gemäldegalerie zu Hannover besitzt, und das sich noch in
der ursprünglichen, mit grau in grau gemalten Ornamenten verzierten
Schutzkapsel befindet.
Im Sommer 1530 besann sich der Rat von Basel endlich darauf, daß er
noch über eine Gelegenheit verfügte, einem Maler von der Bedeutung und
dem schon weit verbreiteten Ruhm Holbeins Thätigkeit zu verschaffen.
Er beauftragte ihn mit der Ausmalung der vor acht Jahren unbemalt
stehen gelassenen Wand im Rathaussaale. Die Gegenstände wurden
diesmal, der veränderten Geistesrichtung entsprechend, nicht aus
der klassischen, sondern aus der biblischen Geschichte gewählt. Das
eine der beiden großen Gemälde, mit denen Holbein die betreffende
Wand bedeckte, zeigte den König Rehabeam, wie er die Abgesandten des
Volkes, die um Erleichterung des Joches bitten, mit harter Antwort
zurückweist. Das andere zeigt den König Saul, wie er aus dem Feldzuge
gegen die Amalekiter heimkehrt und von Samuel hören muß, daß er wegen
seines Ungehorsams gegen Gottes Gebot verworfen sei. -- Wenn auch
die Wandgemälde selbst schon vor Ablauf des XVI. Jahrhunderts durch
die Feuchtigkeit zerstört wurden, so lassen uns doch die erhaltenen
Entwürfe zu beiden Bildern (im Baseler Museum) erkennen, in wie
großartiger Weise Holbein diese Aufgabe gelöst hat; sie zeigen, daß er
auch als Monumentalmaler den größten Meistern beizuzählen ist.
Rehabeam ist in einer reichen Halle thronend dargestellt; hinter
ihm sitzen zu beiden Seiten seine Räte, die alten, deren Mahnung er
unbeachtet gelassen hat, und die jungen, denen er zum Schaden des
Reiches folgt. Vor ihm stehen die würdevollen, bejahrten Abgesandten,
bestürzt über des Königs Worte und teilweise schon zum Gehen gewendet;
denn im höchsten Zorn hat er ihnen eben zugerufen: „Mein kleiner Finger
soll dicker sein als meines Vaters Lenden; mein Vater hat euch mit
Peitschen gezüchtigt, ich will euch mit Skorpionen züchtigen.“ Durch
ein mit der größten Unbefangenheit ersonnenes, höchst ausdrucksvoll
sprechendes Gebärdenspiel hat der Künstler diese Worte des Königs
verbildlicht: Rehabeam streckt an der den Abgesandten drohend
entgegengeworfenen Faust den kleinen Finger aus, und mit der anderen
weist er geringschätzig, ohne den Arm von der Thronlehne zu erheben,
auf die Geißel in der Hand eines an den Thronstufen stehenden
Pagen. Außerhalb der Halle sieht man im Hintergrunde die Folgen der
eigenwilligen Härte des Herrschers: den Abfall eines Teiles des Volkes,
verbildlicht durch die Krönung des Gegenkönigs Jerobeam (Abb. 115).
Von diesem Entwurf, der als Tuschzeichnung mit einigen Farbenangaben
-- in der Ferne und den Fensterdurchblicken in die Luft, im Fleisch
und an wenigen anderen Stellen -- ausgeführt ist, ist der Meister
bei der Übertragung ins Große wesentlich abgewichen. Das sieht man
an den spärlichen Resten des Wandgemäldes, die in einigermaßen
erhaltenem Zustand aufgefunden und in das Museum gebracht worden
sind. Unter diesen Resten befindet sich der Kopf und die erhobene
Hand Rehabeams mit dem ausgestreckten kleinen Finger; der Kopf, ein
Meisterwerk mächtigen Ausdrucks, ist nicht, wie in der Skizze, von
vorn, sondern scharf von der Seite zu sehen. Dieser Stellung des Königs
entspricht eine gleichfalls erhaltene, sehr schöne Gruppe von Köpfen
bedenklicher Zuhörer. Es ist keine Frage, daß der Künstler durch die
Gegenüberstellung des Sprechenden und der Angeredeten im Profil ein
Mittel zu lebhafter Steigerung des Eindrucks gewann; schon deswegen,
weil es ihm auf diese Weise möglich wurde, auch von denjenigen
Abgesandten, die sich noch nicht von dem König abwenden, die Gesichter
zu zeigen. -- Bemerkenswert ist, daß die kleinen Reste erkennen lassen,
daß Holbein auch bei der Wandmalerei die Anwendung von Vergoldung nicht
verschmähte.
[Illustration: Abb. 111. +Zierleiste.+ Tuschzeichnung im Museum zu
Basel.]
Die vorhandene Skizze zu dem anderen Wandgemälde ist etwas weiter
durchgebildet als jene, nicht maßgebend gebliebene des Rehabeambildes.
Die vollendete Abgewogenheit der Komposition, die sich durch keine
Änderung hätte besser machen lassen, berechtigt uns zu der Annahme,
daß sie im wesentlichen unverändert beibehalten worden sei. Es ist
ein wuchtiges Bild (Abb. 116). Wir sehen das siegreiche Heer, Reiter
und Fußvolk in antiker Rüstung, mit dem gefangenen Amalekiterkönig
heimkehren. Noch brennen die Burgen und Städte, die der Krieg verheert
hat. Aus der Ferne werden die Herden herbeigetrieben, um derentwillen
der Sieger den göttlichen Befehl übertreten hat. König Saul schreitet
an der Spitze seiner Streiter; er ist vom Roß gestiegen, um den
Propheten Samuel ehrerbietig zu begrüßen. Der aber tritt ihm mit
drohend ausgestrecktem Arm entgegen; man glaubt die gewaltige Stimme
vernehmen zu müssen, mit der er den Sieger niederschmettert: „Will
etwa der Herr Brandopfer und Schlachtopfer und nicht vielmehr, daß
man gehorche der Stimme des Herren? Weil du des Herren Wort verworfen
hast, hat dich der Herr verworfen, daß du nicht König seiest.“ Die
Gestalt des einen Mannes ist so mächtig aufgefaßt, daß sie dem ganzen
ihr entgegenmarschierenden Zuge das Gegengewicht bietet. Eine Tafel
zur Aufnahme der Worte Samuels, in denen der Inhalt und die mahnende
Bedeutung des Bildes ausgesprochen waren, ist in der Skizze angegeben.
Man hat sich die Inschrifttafel von dem Gebälk der umrahmenden
Architektur, von der eine Säule mit auf das Blatt gezeichnet ist,
herabhängend zu denken. Das Vorhandensein dieser Beiwerksangaben
spricht gleichfalls dafür, daß Holbein diesen Entwurf dem Gemälde
als maßgebend zu Grunde legte. Von der Farbe des Gemäldes bekommen
wir freilich auch hier keine Vorstellung. Denn die Farbenangaben des
Entwurfs beschränken sich auf Blau in der Luft, in den fernen Bergen
und in einem die Ebene durchziehenden Wasserlauf, auf Rot in den
Bränden und auf eine bräunliche Antuschung des Geländes, die sich an
gegebenen Stellen, wie in dem Bäumchen des Mittelgrundes, mit einem
blauen Ton zu Grün verbindet: Angaben, die kaum einen anderen Zweck
haben, als den, den Hintergrund zu lockern und die Figuren als etwas
Gesondertes hervortreten zu lassen. Die Figuren sind braun gezeichnet
und mit kaltgrauen Schattentönen ausgetuscht.
[Illustration: Abb. 112. +Erasmus von Rotterdam („im Gehäuse“).+
Titelholzschnitt zu den Werken des Erasmus.
Nach dem seltenen ersten Druck mit der Unterschrift:
Wenn einer von des Erasmus Gestalt noch kein Bild hat gesehen,
Zeigt ihm ein solches dies Blatt, das nach dem Leben gemalt.
Für den Mangel an sonstigen Aufträgen konnte die eine große Arbeit den
Meister freilich nicht entschädigen.
Mit wie geringfügigen Arbeiten der große Künstler wieder vorlieb nehmen
mußte, beweist die Aufzeichnung in den Ratsrechnungen, daß ihm im
Herbst 1531 für „beide Uhren am Rheinthor zu malen“ vierzehn Gulden
ausbezahlt wurden. Der Betrag von vierzehn Gulden für eine solche
kleine Straßenmalerei erscheint allerdings verhältnismäßig hoch, wenn
man erfährt, daß für die beiden großen Rathausgemälde nur 72 Gulden
gezahlt worden waren.
Der Gedanke, sein Glück von neuem in England zu versuchen, mußte
Holbein um so verlockender nahe treten, als sein Gönner Thomas Morus
inzwischen das höchste Amt im Königreich erhalten hatte und als
Lordkanzler die Staatsgeschäfte leitete. So wandte er Basel abermals
den Rücken und reiste nach London. Als er fort war, schickte der Rat
von Basel ihm ein schmeichelhaftes Schreiben nach und bot ihm ein
festes Jahresgehalt an, wenn er zurückkehren wollte. Aber dieses
Anerbieten kam zu spät. Denn Holbein fand in London alsbald reichliche
und lohnende Thätigkeit.
Thomas Morus hatte im Mai 1532 -- das war wohl vor Holbeins Ankunft --
die Bürde seines hohen Amtes wieder niedergelegt. Der glänzende Kreis,
in den der Lordkanzler ihn würde eingeführt haben, öffnete sich dem
Künstler nicht gleich. Aber ein anderer Kreis nahm ihn auf, der ihm
Verkehr in Sprache und Sitten der Heimat und reichliche Verwertung
seines Könnens bot. Das waren die deutschen Kaufleute, deren sehr
viele in London ansässig waren und die miteinander eine geschlossene
Gemeinschaft bildeten. Ihr Vereinigungspunkt war der sogenannte
Stahlhof, ein Besitztum der Hansa, in dem sich um das alte Gildehaus
Warenlager und Wohnhäuser reihten, dem auch ein eigenes Weinhaus und
ein wohlgepflegter Garten nicht fehlten.
[Illustration: Abb. 113. +Philipp Melanchthon.+ Miniaturölgemälde.