Eine andere, ganz eigenartige Arbeit Holbeins aus dem nämlichen Jahre
lehrt uns ihn als einen Meister schnell fertiger Erfindung kennen.
Das sind seine Randzeichnungen zu dem „Lob der Narrheit“ des Erasmus
von Rotterdam. Erasmus war im Jahr 1513 zum erstenmal nach Basel
gekommen, um mit dem berühmten Buchdrucker Johannes Froben über
die Veröffentlichung seiner Sammlung von Sprichwörtern und seiner
Ausgabe des Neuen Testaments zu verhandeln. Seitdem verweilte der
hoch gefeierte Gelehrte alljährlich längere Zeit in Basel. Bei Froben
erschien auch im Jahre 1514 das in lateinischer Sprache, aber in
volkstümlichem Sinne geschriebene scharf satirische Buch „~Encomion
morias~“ (Lob der Narrheit). In einem Exemplare dieses Buches, welches
für den eigenen Gebrauch des Verfassers bestimmt war, zeichnete
Holbein auf die etwa fünf Centimeter breiten Ränder 82 Bildchen. Er
führte diese Arbeit, wie in einem auf dem Titelblatt eingetragenen
Vermerk bekundet wird, in der Zeit von zehn Tagen aus, damit Erasmus
sich daran ergötze. Aus einer anderen Notiz erfahren wir, daß diese
Illustrationen gegen das Ende des Jahres 1515 angefertigt wurden.
Unbekannt bleibt, ob dieselben ihre Entstehung einem Wunsche des
Erasmus selbst verdanken oder ob etwa ein Freund sie als Geschenk für
diesen bestellte. Das kostbare Buch befindet sich jetzt unter den
Holbeinschätzen des Baseler Museums. Die Zeichnungen, mit der Feder
in flotten, sicheren Strichen ohne lange Überlegung hingeworfen,
illustrieren mit Witz und gesundem Humor die nebenstehenden Textstellen
oder die erläuternden Randglossen. Die Einleitung bildet eine
Darstellung der „Moria“ (Narrheit), die in Gestalt eines mit der
Schellenkappe bekleideten jungen Weibes den Lehrstuhl besteigt, um ihr
eigenes Lob zu verkünden. In der mannigfaltigsten Weise hat dann der
Zeichner aus dem Text und den Randbemerkungen herausgezogen, was ihm
gerade zur Verbildlichung geeignet erschien. Seine Einfälle erfaßten
nicht immer den Kern der Sache, sondern häufig gab ihm eine bloß
zufällig vorkommende Redensart den Gedanken zu einer Zeichnung ein; so
hat er zum Beispiel zu einer Stelle, wo der sprichwörtliche Ausdruck
„von einer Sache so viel verstehen, wie der Esel vom Lautenspiel“
gebraucht wird, einen Esel gezeichnet, der mit dem köstlichsten
Ausdruck einem ritterlichen Harfner gegenübersteht und dessen Spiel
mit seiner schönen Stimme begleitet. Die in den Glossen enthaltenen
Erklärungen zu den im Text vorkommenden mythologischen Anspielungen
haben ihn ganz besonders gereizt zu mutwillig launigen Darstellungen,
welche die Göttergeschichten ins Lächerliche ziehen. Eine sprechende
Probe von der Lebhaftigkeit des Geistes, mit welcher Holbein Bildstoffe
in den Worten fand, gibt die Zeichnung zu einer Stelle, wo der
mittelalterliche Theologe Nikolaus de Lyra erwähnt wird; hier hat der
bloße Name genügt, um ihm einen Bildgedanken einzugeben: der fromme und
gelehrte Herr sitzt mit einem Leierkasten neben seinem Pult. Einmal
nennt Erasmus seinen eigenen Namen im Text. Da hat Holbein auch ihn
in seiner Studierstube sitzend an den Rand gezeichnet und den Namen
Erasmus groß dazu geschrieben. Das Bildchen enthält nichts Boshaftes,
aber der Gelehrte hat sich doch an dem jungen Künstler für den Scherz,
das Abbild seiner eigenen Person unter die Witzbildchen gebracht zu
haben, gerächt: auf der folgenden Seite steht bei der Zeichnung eines
feisten Schwelgers, der bei Weib und Wein die Lehren des Epikurus
befolgt, der Name Holbein von der Hand des Erasmus beigeschrieben. Man
braucht aus diesem Scherz gegen Scherz nicht gleich zu folgern, daß
der junge Holbein ein besonderer Wüstling gewesen wäre; aber das folgt
daraus, daß zwischen den beiden Männern, von denen der eine auf der
Höhe des Ruhmes, der andere erst an der Schwelle seiner Laufbahn sich
befand, schon ein freundschaftliches Verhältnis bestand, das dem jungen
Künstler zur großen Ehre gereichen mußte. Die größte Mehrzahl der
Randzeichnungen beschäftigt sich natürlich mit den Thorheiten selbst,
die den Menschen aller Stände anhaften, und in diesen bildlichen
Verspottungen menschlichen Dünkels erweist der Künstler sich als dem
Verfasser der Satire ebenbürtig in Bezug auf treffende Darstellung.
Das Schlußbild zeigt wieder die Moria selbst, wie sie, nachdem sie den
Hörern Lebewohl gesagt, die ihr mit den verschiedensten Gesichtern
nachsehen, vom Lehrstuhl herabsteigt (Abb. 7). Das Überraschendste an
all diesen kleinen flüchtigen Zeichnungen ist neben ihrer frischen
Munterkeit die Schärfe der mit so wenigen Strichen gegebenen
Charakteristik.
[Illustration: Abb. 10. +Das Aushängeschild eines Schulmeisters.+
Ölmalerei von 1516.