Elf Uhr abends

Das Ganze war mit Schweigen angehört worden. Endlich äußerte Raab, er

habe nur Weniges recht verstanden, doch gefalle es ihm, er sei ganz

fröhlich davon geworden. Die anderen schauten zu dem niederbrennenden

Gebäude hinüber und sagten nichts. Leider geschah noch etwas höchst

Unerwartetes. Der kleine Lüttich erhob sich auf einmal und ging stark

taumelnd auf die Säge zu. Einer schrie Halt, ein anderer lief ihm nach;

er aber, vielleicht im Fieber, vielleicht in Morphiumbenommenheit,

schwankte weiter und fiel plötzlich, weich einbrechend, zusammen. Wir

holten ihn heran, er war tot. Ein schmaler Eisensplitter stak in der

linken Schläfe. Um dreiviertel fünf Uhr feuerten die Russen noch einmal

aus allen Rohren, doch nur eine halbe Minute lang. Um fünf Uhr, wie auf

Befehl, hörten die Explosionen im Sägewerk auf. Dämmerung und Nacht

bezogen das Tal. Kristl fertigte für Lüttich ein Kreuz und schrieb Namen

und Datum darauf. Uhr und Erkennungsmarke wurden abgenommen und

verwahrt, hierauf begruben wir ihn. Der Boden ist bis tief hinab

gefroren, wir brauchten über zwei Stunden. Schnee und Sterne gaben

schwaches Licht. Um zehn Uhr erreichten wir Sóstelek.

Gedruckt bei Fr. Richter

in Leipzig

Hans Carossa:

Doktor Bürgers Ende. Letzte Blätter eines Tagebuchs. _Zweite

Auflage. In Pappband M 3.50, in Halbleder M 6.--_

Rumänisches Tagebuch · 第 60 / 64 题