Alle schlafen, auch ich schon zur Hälfte; dennoch will ich mir Weg und
Ankunft vergegenwärtigen, morgen ist vielleicht keine Zeit. Früher wußte
ich ja nicht, wozu man Aufzeichnungen schreibt; jetzt aber sind sie mir
wie die Brotkrümchen, welche Hänsel und Gretel im Walde ausstreuten, um
gewiß wieder nach Hause zu finden. Freilich, als die Kinder dann
wirklich den Heimweg antreten wollten, da hatten die Vögel alles
aufgepickt, -- aber da beginnt ja auch erst das eigentliche Märchen.
Der Schneefall dauerte noch den ganzen Vormittag. Die Leute hatten
innerhalb der Baracken in großen Blechkesseln Feuer angezündet; einige
wuschen sich, andere lagen rauchend und lesend auf dem halbgrünen
Maisstroh. Jeder spürte nun erst seine ganze Ermüdung, jeder lobte das
beharrliche, ruheverbürgende Gestöber. Draußen sah ich einen Mann, der
aus Übermut Brot in Schnee packte und über das Barackendach warf. So
besprengt man da und dort in Niederbayern zur Weihnachtszeit
Schneeballen mit geweihtem Wein und schleudert sie über das Haus, um es
vor Unglück zu bewahren. Aber nach zwölf Uhr schneite es nicht mehr;
Ostwind öffnete den Himmel, und bald hörte man wieder Schüsse aus
schwerem Geschütz das Tal durchhallen. Um die zweite Stunde kam der
Marschbefehl. Dem Trotusul entlang zogen wir bald über ungarisches, bald
über rumänisches Gebiet. Eine Strecke ging es durch das Gesichtsfeld der
Russen, deren Bergstellungen sich dort nahe heranbiegen. Sie bemerkten
uns, zielten aber schlecht; Granaten schlugen in den Fluß und jagten
Wassersäulen auf, beschädigt wurde niemand. Ciugesu durcheilten wir ohne
Aufenthalt und stiegen dann durch ein Seitental aufwärts. Überall ist
Schnee zu hohen Wehen durcheinander gebaut; blaue Schattenwände stießen
an Wände von brennendem Silber. In Cyges warteten wir über eine Stunde,
niemand wußte, worauf. Der Major war vorausgeritten; der Adjutant,
wunderlich verstimmt und verstockt, gab keine Auskunft über das Ziel der
Bewegung. Einmal, an kahler Gegenwand, springt die Straße schräg nach
oben zurück, und während wir als Letzte noch tief unten in Schattenkälte
gingen, sahen wir unsere vordersten Gruppen bereits hoch über uns vor
orangerot beleuchtetem Gestein aufsteigen und dahinter verschwinden.
Diese gehorsam-stetige Prozession grauer Männer, die aus der scharf
abscheidenden Helle ins Unbekannte wanderte, zog immer wieder den Blick
empor; man freute sich, auch bald auf den hochbeglänzten Steig zu
gelangen und vergaß darüber den beschwerlichen Weg.
Oben, während einer kurzen Rast auf weitem Schneefeld, meldete sich ein
Infanterist krank, einer der Neulinge, die erst in Palanka zu uns
gekommen sind. Während er sich nähert, muß er von Leuten seines Zuges
harte Worte hören, ja einer macht Miene, ihm den Weg zu vertreten, und
weicht erst auf meinen Anruf zurück. »Achtundzwanzig Monate wart ich auf
Urlaub,« schreit der alte Lutz; »krumm und grau werd ich im Krieg, und
du, papieriger Kerl, willst dich am zweiten Tage drücken!« »Durchhalten,
Herr Kamerad, durchhalten!« höhnt ein anderer. Der junge Mensch, ein
verwöhntes Knabengesichtchen unter viel zu großem Stahlhelm, erklärt
fast weinend, er habe sich freiwillig zur Front gemeldet und werde
wiederkommen, sobald er gesund sei, jetzt aber könne er nicht mehr. Man
lacht ihn aus. Sein Atem stößt weißrauchend in die Kälte, und die Augen
glänzen von Fieber; aber dafür haben die andern jetzt keinen Blick. Von
Müdigkeit und ungewisser Zukunft überreizt, hassen sie wie Verdammte
einen jeden, der sich der gemeinsamen Hölle entziehen will. Ich
beschloß, die zudringlichen Schreier einfach zu überhören und die Sache
kurz zu machen, fühlte den Puls, fragte nach bestimmten Symptomen und
wollte eben eins der rotgeränderten Täfelchen nehmen, um die nötigsten
Angaben daraufzuschreiben und es dem Kranken an den Mantel zu heften,
damit er seinen Weg ins Lazarett antreten könne, da rennt, mit
ängstlicher Miene, Dehm daher, entschuldigt sich wegen Verspätung und
beginnt nun aus der alltäglichen Sache eine große Angelegenheit zu
machen, schiebt die zwei riesigen Ledertaschen auf dem Schnee zusammen,
läßt den Mann darauf lagern, befiehlt ihm, Mantel und Rock auszuziehen
und meldet mir gestreng, daß Infanterist Löhr zur Untersuchung
bereitliege. Nach und nach fing ich wieder einmal an, Dehms überlegene
Weisheit zu begreifen. Er hat bedacht, wie gar ansteckend die Neigung,
sich krank zu melden, in solchen Fällen werden kann; selber Soldat von
festestem Holz, will er lieber grausam scheinen, als die längst
gefährdete Zucht gelockert sehen. Ja, die mißtrauischen Späher sollen
erfahren, daß es bei uns keine Läßlichkeit gibt, daß wir peinlich wie
Krämer die Schwere der Krankheit abwägen wollen. Achtungsvoll, doch
unerbittlich, leitet er mich in die Rolle des höchst schwierigen
Sanitätsoffiziers hinein, -- was bleibt mir übrig, als den frierenden
Menschen umständlich abzuklopfen, abzuhorchen, ihm den Fiebermesser
einführen zu lassen wie im Spital? Still wird es um uns; im Banne der
klinischen Zeremonien erstirbt jedes widerwärtige Wort. An dem schwach
Darniederliegenden erkennen die andern allmählich, wie sehr sie selber
doch stark und aufrecht sind, und als der Junge wieder angekleidet,
gegürtet und mit seinem Krankentäfelchen behangen ist, stapft er
unbehelligt wie ein Räudiger gegen Palanka davon.
Vor fünf Uhr hielten wir an einem hohen steilen Hang; man sah in das Tal
eines halbvereisten Flusses hinab. Zwischen Häusern brannten Lagerfeuer,
in deren Schein österreichische Soldaten ruhig hin und her gingen. Wir
standen und schauten. Von Osten scholl Kampflärm; ein breiter Gipfel
erschien von Leuchtraketen und Einschlägen vulkanisch, doch nur eine
Minute lang, dann reihte sich der Berg unscheinbar grau zu vielen
andern. Rings aber schuf der letzte Sonnenrand ein seltsames Licht.
Hellgrün lagen die Schatten auf rötlichem Schnee, ein Birkenbäumchen war
mit reinstem Smaragd hingezeichnet, und wer vor sich hinsah, erblickte
sich selber als grüne Gestalt. Niemand hatte Lust zu reden; man hörte
Stückchen gefrorenen Schnees klingend hinunterhüpfen wie leichtes
Metall. Auf einmal wehte es kälter, da war auch schon das untergängliche
Licht vom Weiß der Landschaft abgelaufen wie von Porzellan. Der
Adjutant, auf der Karte suchend, erläuterte, wir stünden über dem
Sulta-Tal, und die Häuser gehörten zu dem ungarischen Grenzdorf
Sóstelek, von hier aus hätten wir noch sechs Kilometer nach Kóstelek
zurückzulegen.
Da sich kein Fußweg fand, stiegen und rutschten wir hinunter wie es
ging. An den Feuern vorbei, deren Glut unsere Wangen streifte, zogen wir
auf der Straße weiter, von jetzt ab die Front im Rücken. Nach manchen
Aufenthalten erreichten wir Kóstelek um elf Uhr. Der abnehmende Mond
stand schon hoch, zwei ruhig leuchtende Planeten dicht über ihm. Mit dem
Adjutanten, dem Assistenzarzt, dem Ordonnanzoffizier und einigen
Telephonisten bin ich in der großen Stube eines Häuschens untergebracht,
das abgesondert auf einem Hügel steht. Von einem qualmenden Lämpchen war
der Raum halb hell. Ein schönes Weib erhob sich, als wir eintraten,
völlig angekleidet, mit zwei ganz verschlafenen Mädchen von einem
breiten, mit Heu gefüllten Bettgestell. Sie sah uns an, gefaßt, wachsam.
Endlich, mit stolz-gastfreundlicher Geste, gab sie zu verstehen, daß sie
uns das Lager abtreten und auf Stroh neben dem Ofen schlafen wollten, in
allen übrigen Räumen des Hauses sei es für die Kinder zu kalt. Wir
lehnten dies ab und ließen merken, daß wir für uns bleiben und ihre Ruhe
so wenig als möglich stören wollten.
Während wir uns zu Tische setzten, kehrten sich die drei zur Wand und
sprachen halblaut ein Gebet, manchmal sich verneigend oder sich
bekreuzigend, wobei das kleine Schwesterchen sich jedesmal mit aller
Faustkraft in die Magengrube schlug. Ich beugte mich vor, um das
Kruzifix oder Heiligenbild zu sehen, dem sie solche Verehrung erwiesen;
aber da war nur ein Haken, darunter ein heller viereckiger Fleck mit
schwarzem Saum an der leeren Wand. Hier also hatte das Bild gehangen,
gewiß viele Jahre; nun ist es verschwunden, vielleicht von Soldaten als
Brennholz verwendet, wer weiß es, dem Blick der Frommen aber sichtbar
alle Zeit. Glavinas Traum fiel mir ein, wie er als Kind über Gebirge
ging und auf einem leeren Blatt beseligende Dinge las, unbekümmert um
Gewitter und Rufe der Toten.
Die Mädchen schliefen bald wieder; die Frau saß noch eine Zeit am Bette,
das Kinn in der Hand. Ihr schmales bleiches Gesicht ist durch allen
Kummer hindurch von wunderbarer Beständigkeit und Klarheit. Sie muß
Böses erlitten haben und erwartet auch von uns nichts Gutes. Mir kam nun
erst die schreckliche Kahlheit des Zimmers zum Bewußtsein. Nicht nur das
eine Heiligenbild fehlt, auch andere Tafeln sowie Kreuz und Uhr sind
bloß durch Staub und Spinnenweben angedeutet.
Der Adjutant wurde jetzt gesprächiger; er verriet uns, daß die Russen
weit vorgedrungen seien und den Gymespaß gefährdeten, wir müßten uns auf
unruhige Tage gefaßt machen. Übrigens sei die Lage nicht klar, er
wenigstens wisse keineswegs genau, welche Berge vom Gegner besetzt
seien.