Seit ich mein Gepäck immer so klein und nah beisammenhalte, bin ich
stets zum Aufbruch bereit und kann mir in den Minuten, wo ich mich sonst
in der Sorge, nicht fertig zu werden, abhetzte, das eben Erlebte ein
wenig zu erklären suchen. Der Vormittag verging mit Lesen und Schreiben;
auf drei Uhr war die Gesundheitsprüfung angesetzt, für welche sich der
große Stadel bei der Krankenstube gut eignete. Der Kälte wegen trieb ich
zur Eile. Niemand zeigte sich einer Ansteckung verdächtig; das Geschäft
verlief ohne Aufenthalt, doch gab es zum Schluß eine seltsame Störung.
Während an der hellsten Stelle der Scheune die letzte Reihe völlig
entkleideter Soldaten an mir vorüberzog, kam unversehens, halb
schwankend, halb tanzend, die junge Frau des Hauses herein, in der
linken Hand einen Krug schwingend, die Rechte wie zum Greifen
ausgestreckt, und ging geradenweges auf die nackten Männer zu, wobei sie
unverständliche Worte, rumänisch mit ungarisch vermischt, vor sich hin
sang. Wie wir gehört haben, ist sie die kinderlose Witwe eines in
Rußland Gefallenen und verwaltet nun mit Hilfe eines alten Knechtes und
einiger Mägde ihr Anwesen so gut es geht. Ob sie in ihrem Kummer
überhaupt der Trunksucht verfallen ist, wissen wir nicht; jedenfalls hat
sie gestern, als uns Freiwein gewährt wurde, mehreren Leuten einen Teil
ihres Maßes gegen Milch und Eier abgetauscht und, wie es scheint, einen
ansehnlichen Vorrat zusammengebracht. In ihrem Rausche muß sie,
vielleicht vom Stall aus, unsere ungewöhnliche Parade erspäht haben, und
es ließ ihr keine Ruhe, bis sie eingedrungen war. Eigentlich hätte ich
sie ohne Verzug hinausweisen sollen; aber die Erscheinung war voll
bannender Kraft, nie vorher hatte ich Besessenheit so vollkommen
gesehen, man konnte sich nicht abwenden, und alle Bedenken schwiegen.
Das Gesicht ist von der halb madjarischen, halb romanischen Schönheit,
die einem hierzulande oft begegnet; bei nüchternen Sinnen mag es ein
sehr anmutiges, eher schüchternes Wesen sein. Jetzt aber drückten ihre
Züge zugleich Erstarrung und Entfesselung aus; kein Lachen oder Lächeln
hatte Raum in diesem Antlitz, vor Lebensgier erschien es totenhaft.
Augenscheinlich ist auch, daß sie sich, trotz dem Werktag, mit ihrem
Sonntagsstaat angetan hat; das Kopftuch ist von feiner schwarzer Seide,
die pergamentgelbe Weste mit Gold- und Farbenstickereien überreich
verziert. Es waren gerade die jüngsten Leute des Bataillons, die noch
nackt vor mir dastanden; ihnen näherte sie sich, hob ihnen den Krug
entgegen und trank ihnen zu. Nun merkte ich erst, daß ihre Augen fast
ganz geschlossen waren; sie schien durch die Lider zu blicken, als wären
diese von durchsichtigem Stoff. Als sie einem der Jünglinge den Krug
anbieten wollte, reichte sie ihn vorüber einem Unsichtbaren, so daß ihr
Gehaben ein wenig an jene wahnsinnige Greisin vom Berge Kishavas
erinnerte. Die jungen Leute hatten sich indessen von ihrem Staunen
erholt; sie begannen sich zu schämen und warfen ihre Hemden über. Nun
war es Zeit, die Szene zu beenden. Dehm und Raab führten die Frau
hinaus. Sie ließ es geschehen, ging aber dabei rücklings, den Blick
immer ins Innere des Raums gerichtet, singend und mit dem erhobenen Krug
winkend.
Nach beendetem Dienste stieß ich im Hof auf den Gefreiten, der den
Abmarschbefehl überbrachte. Ihm folgte ein sehr alter Mann in
rumänischer Tracht, ein dicht verhülltes Kind im Arm, nahm den Hut ab
und fragte, ob ich der Feldgeistliche wäre. Der Säugling, sein
Urenkelkind, sei auf den Tod erkrankt und noch ungetauft, kein Priester
weit und breit zu finden, ob ich es nicht übernehmen wolle, ihm das
Sakrament zu spenden. Mir fiel Unteroffizier Stelzer ein; er ist
Kandidat der Theologie und hat bereits die niederen Weihen, -- ihn ließ
ich rufen und übergab ihm das Neugeborene, dessen Zustand wenig Hoffnung
läßt. Auf der Straße sammelte sich bereits das Bataillon, keine Zeit war
zu verlieren, und so vollzog der künftige Priester die einfache
Handlung, zu der im Notfall eigentlich jeder Christ berechtigt wäre,
gleich in der Stube der jungen Bäuerin, die noch immer nicht aufhörte,
zu trinken und zu jauchzen, bis Dehm sie heftig anfuhr und ihr
unverzüglich Wasser zu bringen befahl, was sie einigermaßen ernüchterte.
Die gelassene hart scheinende Art, wie er auch weiterhin mit dem Weibe
umging, gefiel mir sehr; sie hob ihn über sein gewöhnliches Wesen
hinaus, mir war, als sähe ich ihn zum erstenmal. Indem er fortfuhr, böse
mit ihr zu tun, legte er ihr schließlich das Kind in die Arme und gebot
ihr, es über das Becken zu halten und zu schweigen. Der junge Stelzer
waltete begeistert seines Amtes; klar und ohne Hast sprach er sein
lautes Ego te baptizo, während auf der Straße draußen die Kompagnien
bereits ihre Tornister aufnahmen. Die schöne Bacchantin nahm sich
gewaltig zusammen; eingeschüchtert von der Würde des Vorgangs wandte sie
keinen Blick von dem Kinde, dessen Patin sie nun unversehens geworden
war. Allmählich war es, als füge sie sich mit heimlicher Lust in ihre
sanfte Demütigung; einmal hörte man sie schluchzen, und plötzlich fielen
Tränen auf den Täufling nieder, der immer schwächer dem Tod
entgegenröchelte.
Ich muß schließen; das Pferd stampft und blickt wiehernd nach mir um.
Der Himmel wölkt sich tief herab; kleine Flocken wirbeln. Major und
Adjutant sind unruhig und geben keine Antwort, wenn jemand sie nach dem
Ziel des Marsches fragt. Wieder soll ein großer Berg an die Russen
verloren gegangen sein.