Von Molopolole nach Schoschong

Malerische Lage der Stadt.--Rev. Price und Williams.--Die

Kotla.--Ausflug in die Molopolole-Schlucht.--Ein Festtag für

Molopolole.--Millionärs-Laufbahn in Süd-Afrika.--Empfang bei

Seschele.--Die Bakwena's.--Geschichte des Bakwena-Reiches.--Königin

Ma-sebele und Kronprinz Sebele.--Molopolole's Umgebung.--Sitten und

Gebräuche der Betschuana's.--Religiöse Vorstellungen derselben.--Naka's,

Linjaka's und Moloi.--Heilmethode und Heilmittel derselben.--Beschwörung

Khama's.--Regenmacher.--Aufbruch von Molopolole.--Ein dornenvoller

Marsch.--Eingeborne Postboten.--Wassernoth.--In Lebensgefahr.--Barwa's

und Masarwa's.--Abergläubische Gebräuche dieses Sclavenstammes der

Betschuana's.--Ihre Jagdlist.--Neujahrsfeier in der Wildniß.--Im

Bakwenalande verirrt.--Von Masarwa's gerettet.--Ein merkwürdiger

Fund.--Begegnung mit Leoparden.--Ein besorgter Vater.--Einzug in

Schoschong.

[Illustration: Termitenhügel.]

Unstreitig bietet Molopolole von dem Thalkessel aus gesehen den

interessantesten Anblick und die schönste Scenerie unter allen

Betschuanastädten dar. Aus dem kleinen, grün begrasten Thalkessel, in

dem wir stehen, erblicken wir um uns die meist in ihren oberen Partien

oder bis zur Hälfte perpendiculär abfallenden, oder bis an ihren Fuß von

Blöcken gebildeten, zwischen diesen aber und an den minder abschüssigen

Abhängen dichtbebuschten, hie und da mit einer riesigen Aloëspecies

gezierten Felsenhöhen. Zu unserer Rechten die von Norden kommende

Schlucht mit der überaus interessanten Felsenformation des überhängenden

Molopololefelsens und zwischen uns und dieser Schluchtmündung hohe

Laubbäume, die Gebäude der Missionäre und ihre Gärtchen mit dem

tropischen Pflanzenwuchse der Bananen und des Zuckerrohres geschmückt.

Vor uns, am Fuße der östlichen steilen, und rechts von uns an dem der

westlichen bewaldeten Höhe je ein Eingebornendorf, in dem letzteren die

umfangreichen Gehöfte der Handelsfirma Taylor, nächst Francis und Clark

die bedeutendste in den Betschuanaländern, und zwischen den beiden

dringt der Blick durch das nach Süden führende Felsenthor, die

Kobuque--und über dem Dorfe vor uns endlich nach Osten zu--hoch oben der

von den Besten des Stammes bewohnte Stadttheil mit den königlichen

Gehöften. Wenden wir uns nach Norden und Westen, so sehen wir den

nördlichen Stadttheil am Fuße der nördlichen Höhenkette und außerhalb

des Thalkessels die röthlichen Ruinen einer verlassenen Eingebornenstadt

und die breite Ebene, von dem dunklen Grün des eben durchreisten,

tiefsandigen Waldes nach Süden und Südwesten begrenzt. Was uns noch bei

dieser Betrachtung auffällt, sind einige am Fuße der letztgenannten

Höhen wie am Uferrande des Bächleins stehende Riesenbauten der

Termiten.[1]

1: Der eine war 9½ Fuß hoch (die Hauptpyramide) und hatte (mit den

Nebenpyramiden) 40 Fuß Peripherie.

An Molopolole haben wir die Schönheit der Naturscenerie zu bewundern,

ohne daß der Fleiß seiner dunklen Bewohner durch Anpflanzungen oder

hervorragende Form im Baustyle seiner Hütten etwas dazu beigetragen

hätte, nur die Anlage der Stadt an der von der Natur aus befestigten

Stelle spricht zu Gunsten ihres Königs. Der gegenwärtige König Seschele,

dem schon Livingstone einige Capitel seines Buches (»Missionary

Travels«) widmet, und von dem ich noch ausführlicher zu reden haben

werde, wohnte mit seinem Stamme, den Bakwena, der durch innere Reibungen

und Kriege mit den umwohnenden Stämmen bedeutend herabgeschmolzen war,

südöstlich von Molopolole, nahe da, wo wir jetzt die Stadt der Manupi

finden. Ruinen bezeichnen noch die Stelle wo er gehaust; diese seine

erste, gegen die Transvaal-Grenze zu gelegene Residenz hieß Kolobeng.

Hier wurde er im Jahre 1842 von dem Nestor der Afrika-Reisenden besucht.

Aus Kolobeng wurde Seschele von den Boers vertrieben und siedelte sich

dann in Liteyane, 10 englische Meilen westlich von Molopolole an. Seit

1865 residirt er in Molopolole, wo sich schon früher eine Niederlassung

im Thalkessel befand und wohin auch Pilani aus der Mosupa-Stadt

übersiedelte. Das Gebiet Seschele's, das nördlichste der vier erwähnten

Betschuanareiche, grenzt nach Westen an das große Namaqualand, im Norden

an das der westlichen oder N'Gami-Bamangwato's oder der Batowana's und

an das der östlichen oder Schoschong-Bamangwato's, im Osten mit dem

Limpopo und Marico an die Transvaal-Colonie und im Süden an das Land der

Banquaketse. Die Südgrenze verläuft unter 24° 10' s. Breite von Koluany,

an Kolobeng vorbei in südöstlicher Richtung zu den Dwarsbergen bis zum

großen Marico. Die nördliche Grenze gegen die zwei Bamangwato-Reiche

liegt unter 23° 30' s. Breite und folgt zum Theile dem Sirorume-River.

Die Zahl der eigentlichen Unterthanen Seschele's schätze ich auf

32-35.000 und jene der im Lande wohnenden, allein keinen Tribut an

Seschele zahlenden Batloka, Bakhatla und Makhosi auf 18-20.000, während

ich die Kopfzahl der das ganze Banquaketseland bewohnenden Stämme auf

28-30.000, die eigentlichen Unterthanen im Lande Montsua's, des Königs

der Barolongen auf 33-35.000 und jene in seinem Lande südlich vom Molapo

gegen die Batlapinen zu wohnenden, allein ihm nicht Tribut zahlenden

kleinen Barolongenstämme in der Umgebung gewisser Städte, wie Marokana

etc. auf 30.000 veranschlagen möchte. Mankuruane, der Batlapinenkönig

hat über 30.000 unter seinem Scepter, während sich in dem kleinen

Mamusa-Königreiche kaum 8000 finden dürften, obwohl die Stadt Mamusa

allein vor einigen Jahrzehnten an 10.000 Bewohner in ihrem Weichbilde

beherbergt hatte.

Als wir am 21. Abends auf dem Rasenplatze in dem Molopololekessel

lagerten, näherten sich uns ein ärmlich gekleideter Holländer, der hier

Schmiedarbeiten versah, und zwei Eingeborne, welche uns Weideplätze für

die Zugthiere anwiesen. Bald adarauf erschienen die beiden Missionäre

Price und Williams und hießen mich willkommen. Der letztere ist seitdem

nach Europa zurückgekehrt, während Rev. Price von seiner Gesellschaft

nach Central-Afrika beordert wurde. Durch seine zweite Verehelichung mit

Miß Moffat ist er mit Livingstone verschwägert.

Am folgenden Morgen unternahm ich einen Ausflug zu der nach Westen

gelegenen Ruinenstadt und einen zweiten in die mit dem Molopolole-Thor

in den Thalkessel mündende Schlucht aufwärts. In der Ruinenstadt fielen

mir die gewölbten, aus Schilfrohr und Ruthen errichteten und cementirten

Doppelbauten auf, wie ich sie in Mosilili's Stadt am Mosupaflusse

beobachtet habe.

Türkische Feigen und die bekannte südafrikanische violettblühende Datura

gediehen auf diesem Platze vorzüglich.

Unter den bewohnten Hütten der Baknena oder Bakwena fielen mir

namentlich zwei Merkmale auf, durch welche sich dieselben von jenen der

Barolongen und Batlapinen etc. unterscheiden. Sie waren im Allgemeinen

weniger fest gearbeitet und konnten sich mit denen der Barolongenhütten

etc. nicht messen, doch zeigten die meisten aus Thon gearbeitete

Umzäunungen, die wir z.B. bei den östlichen Batlapinen nur noch an dem

Feuerherde, bei den südlichen und westlichen gar nicht vorfinden. In den

Dörfern fand ich frei zwischen den Gehöften stehende Berathungshäuschen,

d.h. ein kegelförmiges, auf 20 und mehr Pfählen ruhendes Strohdach, die

Oeffnungen zwischen den einzelnen Pfählen waren bis auf die

Eingangsstelle mit einer solid gearbeiteten Rohrwand bis zur halben Höhe

der Pfähle geschlossen und diese Wand mit einfachen Ockermalereien

verziert.

Mein Ausflug die Molopolole-Schlucht aufwärts, an den Gebäuden der

Missionäre vorbei, war recht lohnend. Ich schoß in dem Gewässer, das

jedoch noch im Bereiche der Stadt versiegt, mehrere Fische und fing mit

der Angel am Felsenthore sieben Welse. Der linke Flügel des Felsenthores

wird durch einen perpendiculären, man könnte beinahe sagen, in seinen

oberen Partien etwas überhängenden Felsen gebildet, unter welchen sich

eine tiefe Stelle findet, die durch theils natürliche, theils künstliche

Abdämmung stets gefüllt ist und den Fischen auch in trockenen Jahren

eine sichere Zufluchtsstätte bietet; diese würden sich auch in den

oberhalb in der Schlucht befindlichen Tümpeln bedeutend vermehren, wenn

die letzteren ob ihres geringen Umfanges nicht so leicht von den

Fischottern und Leguanen heimgesucht wären.

Mit nicht geringem Erstaunen und zugleich mit Unwillen, hörte ich von

einer Elephantenjagd, die sich einige Monate zuvor mitten in der Stadt

zugetragen. Der letzte Winter (die Zeit des europäischen Sommers) war im

Lande der Bakwena's ungemein trocken. Von allen Seiten brachten die

Barwa's und Makalahari Wildfleisch und Felle zu ihren Herren nach

Molopolole, denn das abgemattete und durstende Wild ließ sich mühelos

erlegen. Die Regentümpel, die Quellen (die Flußbette waren längst

ausgetrocknet) trockneten aus, so daß man die Heerden bis an den unteren

Marico und Limpopo zur Weide führen mußte. In Molopolole selbst war der

Bach beinahe vollkommen versiegt und die Frauen mußten stundenlang

warten, bevor sie ihre Töpfe füllen konnten. Die halbverdursteten

Thiere, Eland-Antilopen, Giraffen, Säbel-Antilopen, gestreifte Gnu's,

nebst einer Unzahl Gazellen und kleiner Antilopen schleppten sich zu den

wenigen übrig gebliebenen Wasserstellen, um hier in den Tod zu laufen,

denn diese waren von Jägern umstellt.

Zu dieser Zeit--im Monate Juni--erscholl eines Tages ein Geschrei von

Hütte zu Hütte, von Dorf zu Dorf im Thale sich verbreitend und auf die

Hohen dringend, ein Geschrei, das die Händler und Missionäre für

Kriegsgeschrei hielten; als sie bestürzt nach der Ursache desselben

forschten, sahen sie mitten im Thalkessel eine zehn Stück zählende, laut

brüllende, nach den Quellen sich Bahn brechende Elephantenheerde vor

sich. Weiße und Schwarze, alles was nur ein Kugelgewehr hatte, sprang

herbei und die Metzelei begann.

Für Molopolole war dies der größte Tag seitdem es zur Residenz des

Königs Seschele auserkoren war. Das Auge des Bakwena, der an der Jagd,

recte Metzelei, Theil genommen, glüht und er lacht und gesticulirt laut,

wenn er von dem Ereignisse spricht, das sich auch bis in die Köpfe der

Greise und der Frauen, selbst die ihrer Kinder eingeschlichen hat, wer

von ihnen hätte auch jener glorreichen Festtage vergeben können, an

denen man einige Tage hindurch an Fleisch ñama (njama) Ueberfluß hatte.

Diese in Molopolole getödteten Elephanten gehörten sämmtlich (wie ich

später von den Boers erfuhr) der größten, doch die kleinsten Zähne

tragenden Varietät des afrikanischen Elephanten an, die Zulah oder

Hohlkopf genannt wird.

Von den beiden Predigern eingeladen, besuchte ich sie und fand, daß Rev.

Price geschmackvoll eingerichtet jeder Bequemlichkeit sich rühmen

konnte. Er hatte aber auch hart arbeiten müssen, bevor er es so weit

gebracht. Er war einer der beiden Missionäre, welche die Mission im

Lande der Makololo, d.i. in dem von ihnen mit Waffengewalt eingenommenen

Gebiete zu errichten bestimmt worden waren und die Arbeit auch in

Angriff genommen hatten, allein durch Mißerfolge entmuthigt, endlich

aufgeben mußten. Rev. Price und Helmore erreichten die Stadt Linyanti am

nördlichen Tschobe im Februar 1860 nach einer siebenmonatlichen Reise

von Kuruman und wurden von dem Makololokönige Sekeletu freundlich

aufgenommen, doch schon nach 14 Tagen waren beinahe Alle am Fieber

erkrankt. Zuerst starb Malatsi, einer der Betschuana-Wagenführer--alle

central-südafrikanischen Betschuana's mit Ausnahme der Batowana's vom

N'Gami-See und der Makoba's am Zuga-River werden in Malaria-Gegenden vom

Fieber decimirt--acht Tage später, als Rev. Price, der sich noch auf den

Füßen erhielt, den Kranken die letzte Wegzehrung reichte und Einer nach

dem Andern mit dem Tode abging, fand er das kleinste der vier neben Frau

Helmore liegenden kranken Kinder kalt und leblos. Der Mutter, die

bewußtlos am Fieber dalag, wurde so das Leid erspart, das erste Opfer

unter den Ihrigen zu sehen; am 9. März starb der Säugling, dem Frau

Price das Leben gegeben. Am 11. schied Selma Helmore aus dem Kreise der

Niedergeworfenen und am nächsten Tage folgte ihre Mutter, den Folgen des

schrecklichen Uebels erliegend. Selbst die Schwarzen wissen nur Gutes

von dieser edlen Frau zu berichten, welche die Wildniß und das giftige

Klima nicht gescheut, um dem Manne zu folgen, und mit ihm das Los seines

Berufes zu theilen, unter einem wilden, kriegerischen Volksstamm das

Wort Gottes zu verbreiten.

Auf der Reise gegen den Tschobe, auf welcher die Reisenden mehr als

einmal vor Durst beinahe umgekommen wären, hatte sie oft ein seltenes,

aufopferndes Beispiel ihrer Mutterliebe gegeben, um ihre Kinder vor dem

Tode des Verdurstens zu retten und nun, in ihre neue Heimat gekommen,

war ihrem, einem der edelsten Leben, in wenigen Tagen Halt geboten

worden. Doch selbst in ihren Delirien--zu einem Skelett abgemagert und

mit entstellten Gesichtszügen--hatte ihre innige Mutterliebe ihr

momentan die überstandenen Sorgen in's Gedächtniß zurückgebracht, denn

oft murmelten die in Fieberhitze glühenden Lippen, daß ihrem »Henri«

(dem ersten Opfer in ihrer Familie) dürste und baten, man möge den ihr

zukommenden Löffel voll des rettenden Elementes dem Kinde reichen. Nach

dem Tode der Frau besserte sich für kurze Zeit der Zustand der übrigen,

verschlechterte sich jedoch wieder im April und am 21. erlag Helmore dem

Fieber, nachdem schon am 11. und 19. März Tabe (sprich Teb) und Setloke,

zwei Betschuana's (Batlapinen), gestorben waren.

In dieser schweren Zeit wurde außerdem einer der Diener mit Namen Mahuse

Verräther an den übrig gebliebenen. Den Zustand derselben wohl

einsehend, fand er sich täglich am Hofe des Sekeletu ein und brachte ihn

endlich zu der Ueberzeugung, daß alles, was dem Herrn Helmore gehöre,

nur ihm, dem Könige, zufallen müsse. Daß diese und ähnliche Worte unter

dem wilden Makololostamme und von Seite seines Königs williges Gehör

fanden, wird man leicht begreifen. Die Makololo stahlen und nahmen was

sie wollten und als Herr Price Linyanti verlassen wollte, da kam

Sekeletu, nahm ihm außer einigen wenigen Kleidungsstücken alles ab und

ließ ihn nur mit dem leeren Wagen von dannen ziehen. Bei dem später

erfolgten Besuche Livingstone's trachtete er seine Infamie auf jede

Weise zu beschönigen, doch sein unruhiger Geist ließ ihm keine Rast, bis

er freiwillig einem in die Tschobe-Gegenden auf die Elephantenjagd

ausgehenden Banquaketse, mit Namen Sebehwe, ein volles Geständniß seines

schurkischen Betragens abgelegt hatte.

Auf seiner Reise von Linyanti nach dem Süden verlor auch Rev. Price sein

treues Weib in den Ebenen des östlichen Mahabi; sie starb am 5. Juli und

wurde von ihrem Gemal unter dem einzigen auf der weiten Grasfläche

sichtbaren Baum beerdigt. Er reiste langsam mit den beiden Waisen des

Herrn Helmore weiter gegen den N'Gami-See und wurde, hier endlich

angekommen, von dem Könige der westlichen Bamangwato's Letschulatebe,

freundlich aufgenommen und behandelt und traf einige Tage später meinen

geliebten Freund, Rev. Mackenzie, der auf dem Wege nach Linyanti

begriffen war, um der Mission Proviant etc. zuzuführen.

[Illustration: Bei König Seschele.]

Rev. Price hatte mir bei meinem Besuche in seinen. Hause in Molopolole

diese Episode mitgetheilt, später hörte ich sie wieder von meinem

Freunde in Schoschong, ohne zu ahnen, daß auch die Zeit an mich

herantreten würde, in der ich mit einem ähnlichen Ungemach zu kämpfen

haben sollte. Doch wenn wir Beide auch aus verschiedenem Antriebe die

Einöden Süd-Afrika's durchwanderten, er mit dem Banner der Religion, ich

um meine geringen Kräfte der Wissenschaft zu widmen, die Sumpffieber

haben unsern Wissens- und Thatendrang nicht zu ersticken vermocht.

Obwohl er sich in Molopolole bereits eine Heimat gegründet hatte, folgte

er willig dem an ihn ergangenen Rufe an den Tanganjika-See.

Neben Rev. Price erwähnte ich Rev. Williams als seinen Brudermissionär,

gleich den Missionären in Kuruman (Batlapinen), Taung, Kanja

(Banquaketse) und Schoschong (östliche Bamangwato) der »London

Missionary Society« angehörend, war er erst einige Jahre in Süd-Afrika

und eben im Begriffe, sich ein Wohnhaus aufrichten zu lassen. Die beiden

Herren erboten sich, mich dem Könige vorzustellen und so machten wir uns

den zweiten Tag nach meiner Ankunft in Molopolole daran, die Felsenhöhe,

auf der wie ein Adlernest der von den Getreuesten der Getreuen

Seschele's bewohnte Stadtheil erbaut ist, hinanzuklimmen. An Mr.

Williams Gebäude vorüber, hatten wir eine enge, steile Schlucht nach

aufwärts zu verfolgen, an derem Eingange die von Mr. Price erbaute

Kirche, ein 60 Fuß langes und 21 Fuß breites, mit einem Anbau

versehenes, gewöhnliches, mit Gras gedecktes Gebäude steht. Von der

Kirche gingen wir durch den südöstlichen Theil des oberen Stadttheiles

nach der Residenz zu, doch zuvor mußten wir in die Kotla eintreten, um

hier in formeller Weise den von meiner Ankunft in Kenntniß gesetzten

König zu begrüßen. Unter der Kotla verstehen wir die aus starken Pfählen

und Baumstämmen geformte runde Umzäunung, wie sie in der Regel in der

Mitte der Betschuanastädte für Berathungszwecke erbaut ist. Auf der der

königlichen Wohnung zugekehrten Seite der Umzäunung befindet sich in

derselben eine Oeffnung, die nach Belieben mit Baumstämmen geschlossen

werden kann. An der den genannten Wohnungen nächsten und besonders dicht

gebauten Stelle findet sich der Ort, wo der Herrscher, auf einem

Stühlchen sitzend zu beiden Seiten von den Aeltesten des Stammes, oder

den Häuptlingen, oder seinen Verwandten umgeben, die Berichte der vor

ihm auf der Erde hockenden Boten, Jäger, Spione und die Parlamentäre

anderer Eingebornenkönige anhört und ihnen selbst, oder durch einen der

zunächst Sitzenden Bescheid ertheilt. Oft ist in der Umzäunung eine

kleine gedeckte Holzhütte erbaut, in welcher in der Regel ein Feuer

brennt, dieselbe wird während der Regenzeit als Versammlungsort benutzt.

Diese Kotla's dienen zugleich als Forts; bei jenen, die am Fuße von

Höhen liegen, sind namentlich die gegen dieselben gewendeten

Umfriedungspartien aus großen und schweren Baumstämmen errichtet, um die

Wirkung der Wurfgeschosse abzuschwächen.

Seschele empfing uns stehend. Der König der Bakwena's ist hoch in den

Fünfzigern, wohlbeleibt, von großer Statur, ein beinahe unaufhörliches

Lächeln umspielt sein Gesicht. Es war leicht erklärlich, daß ich mich in

meinem Urtheile über dieses eigentümliche Lächeln nicht täuschte, und

meine Ansicht auch bestätigt fand. Es drängte sich mir unwillkürlich die

Meinung auf, daß ich einen »Tartuffe« vor mir habe.

Seschele wandte sich, nachdem er unsere Grüße erwidert, zu Rev. Price

und ersuchte ihn, mir zu sagen, es hätte ihm noch nie ein Weißer so

gefallen wie ich. Während mir es Price übersetzte und ich erstaunt war,

solch' ein Kompliment von einem Eingebornen, den ich zum ersten Male

getroffen, zu hören, und den König prüfend anblickte, sah ich, wie

dieser mit seinem rechten Auge einen ihm zunächst stehenden Alten

(Unterhäuptling) und seinem Sohne zuwinkte; sein Mienenspiel der rechten

Gesichtshälfte stand mit dem mir vorhin erwiesenen Komplimente im

offenen Widerspruche. Die Leichtigkeit, mit der er sich aber sofort, als

er mein Erstaunen begriffen, aus der zweideutigen Lage zu helfen wußte,

zeigte von nicht geringer Selbstbeherrschung.

Er lud mich und die beiden Missionäre hierauf ein, ihn in seine

Behausung zu begleiten und eine Tasse Thee zu nehmen. Wenige Augenblicke

später standen wir vor seinem neuen Hause, einem reinen und schmucken

Gebäude, neben welchem sein früheres, nur von dem ältesten Sohne

bewohntes Häuschen stand, an das sich die übrigen von der königlichen

Familie bewohnten anschlossen. Das neue Haus für den König von Taylor um

den Betrag von 3000 £ St. aufgebaut und adaptirt worden, welcher Betrag

dem Kaufmanne in Straußenfedern und Ochsen ausgezahlt wurde.

Unter allen Betschuana-Herrschern ist Seschele am bequemsten und in

europäischem Style eingerichtet. Doch bevor wir mit dem Könige das

reine, gepflasterte Höfchen, in dem die Königin, auf unseren Besuch

unvorbereitet, nach Bakwenasitte auf einem Rindsfelle lag, und sein

Wohnhaus betreten, erlaube ich mir, den geehrten Leser mit Seschele

etwas vertrauter zu machen. In Bezug auf Charakter nimmt Seschele unter

den sechs Betschuana-Herrschern, trotzdem er sich die längste Zeit zur

christlichen Religion bekennt, die unterste Stufe ein, während sein

nördlicher Nachbar, der jetzige König der östlichen Bamangwato, Khama,

am höchsten und ihm als der Nächste unser gutherziger Freund Montsua zur

Seite steht.[1] Seschele ist ein geschickter Intriguant, ein Mann mit

einem Doppelgesicht, seinen Intentionen entspricht die Sentenz »Der

Zweck heiligt das Mittel«.

1: Von Chatsitsive will ich noch nachträglich erwähnen, daß er als

Character zwischen Mankuruan und Montsua die Mitte hält, d.h. daß

ihm mehr zu trauen und zu glauben ist als dem Ersteren, ohne daß er

die Gutmüthigkeit und lobenswerthen Eigenschaften des letzteren

besäße.

Sein Stamm, die Bakwena's, leiten ihren Namen von Ba (oder Ma) und Kuena

(Kwena) her, d.h. »die Menschen des Crocodils, oder die Menschen, die

den Tanz des Crocodils tanzen,« also Menschen, die, ohne das Crocodil zu

vergöttern, ihm eine gewisse Achtung zollen.[1]

1: In dieser Weise finden wir auch die übrigen Betschuanastämme

benannt, d.h. mit Namen, die sie sich selbst gegeben, nachdem sie

das centrale Süd-Afrika eingenommen und sich dann in die

verschiedenen Stämme getheilt hatten. So bedeutet der Name der

Batlapinen eigentlich die Ba-Tlapi, d.h. »die den Fische geweihten«.

Bakhatla (Ba-Khatla), die den Affen Geweihten; Batau = Ba-Tau

(Taung), dei dem Löwen Ergebenen: Makhosi oder Makosi = Ma-Khoschi,

Menschen, die einen Herrn (Häuptling), Banoga = Ba-noga (oder

nocha), die eine Schlange etc. verehren.

Die Bakwena waren noch vor vierzig Jahren, nachdem sie sich bereits von

den Banquaketse getrennt und selbst nachdem ein Theil derselben nach

Norden auswanderte und sich näher an die Bamangwato ansiedelte, ein

reicher Stamm, der sich meist von der Jagd und Viehzucht nährte. Der

schwächere Theil zog nach dem Ngami-See ab, wo er zwar anfangs durch

Fieber arg litt, der Rest aber sich nach und nach acclimatisirte und

über die daselbst wohnenden Stämme die Oberhand gewinnend, mit ihnen

ganz verschmolz. Die zahllosen am Notuany, am westlichen Marico-Ufer und

den westlichen Nebenflüssen des letzteren weidenden Heerden bildeten den

Reichthum des Stammes.

Mochoasele, Seschele's Vater, machte sich eines Verbrechens à la Morena

David schuldig, in Folge dessen er ermordet wurde und die unzufriedenen

Häuptlinge eine andere Herrscherfamilie zu wählen beschlossen. Es

geschah um die Zeit als Sebituane, von dem Stamme der Basuto's, mit

seinen kriegerischen Makololo die Masse der Betschuana's durchbrechend,

nach Norden zog, um sich jener Striche, von denen er vernommen, daß sie

sich eines ewigen Frühlings erfreuen, d.h. der Gegenden am Tschobe und

Zambesi zu bemächtigen. Die Freunde des getöteten Mochoasele sandten

heimlich Boten zu Sebituane und baten ihn, dem jungen Seschele zu seinem

Rechte zu verhelfen. Sebituane entsprach auch ihrem Wunsche und sicherte

dem Sohne des getöteten Fürsten die Herrschaft über die Bakwena's. Diese

Verfügung, sowie die neuerliche Loslösung einzelner Abtheilungen vom

Hauptstamme, welche nach Nordost, Süden und Südost auswanderten,

schwächte die Bakwena's an Zahl und Macht und verminderte ihre

Wohlhabenheit. Auf Livingstone's Anrathen, der im Jahre 1842 Seschele

zum ersten Male besuchte und ihm den ersten Begriff eines rationell

betriebenen Ackerbaues, wenn auch in einfachster Form, beibrachte,

wechselte der junge Herrscher seinen Wohnsitz und ließ sich 20

geographische Meilen entfernt am Kolobengflüßchen nieder; so entstand

seine erste und eigentliche Residenz Kolobeng.

Der Ackerbau schien den Bakwena's Segen zu bringen und der Stamm erholte

sich sichtlich; trotz einiger Dürre-Perioden war der Stamm derart

erstarkt, daß er den anwohnenden Holländern, die, wie es ihr Vorgehen

mit Mankuruan, Montsua und Chatsitsive beweist, ihre Grenzlinien nach

Westen ausdehnen wollten, allzu mächtig zu werden schien und sie ihn

»kleen« zu machen beschlossen. Sie beschuldigten die Bakwena's, daß sie

Diebstähle an ihren Farmen begangen und drangen auf Züchtigung

derselben. Mochte nun auch der Vorwurf des Viehdiebstahls gerechtfertigt

sein, das Vorgehen der holländischen Boer's, welche im Jahre 1852

Kolobeng überfielen und verbrannten, alles Vieh, dessen sie habhaft

werden konnten, raubten und zahlreiche Gefangene mitschleppten, läßt

sich in keiner Weise entschuldigen, es bleibt ein willkürlicher

Gewaltact. Nach der Zerstörung Kolobeng's erstand Liteyane und später

Molopolole.

Seschele wurde in seiner Jugendzeit Christ, als er aber bemerkte, daß

die Mehrzahl seines Stammes am Heidenthume hielt, sein Bruder

Khosilintschi von dem Volke sehr geachtet wurde und durch seine

(Seschele's) Bekehrung die von ihm aufgegebenen heidnischen Gebräuche,

deren Leitung dem jeweiligen König zufielen und mit dem Genuß der ersten

Feldfrüchte und der Regenmacherei etc. verbunden waren, nunmehr von

seinem Bruder geleitet und vollstreckt wurden und dieser in der Gunst

der Volkes stieg, entschloß sich Seschele, wohl bis zu einem gewissen

Punkte, so z.B. den Besuch der Kirche, der Taufe seiner Kinder u.s.w.

Christ zu bleiben, sonst aber, soweit dies mit seiner Macht als

Herrscher zusammenhing, die heidnischen Gebräuche auszuüben und

theilweise auch zu leiten. Die kleine, junge, christliche Gemeinde unter

den Bakwena's sah darin nichts Arges, betrachteten das Singen,

Kirchengehen und die Monogamie als die Hauptpflichten eines Christen,

während die mächtige Partei der Regenbeschwörer, id est Heiden, froh

war, den König den alten herkömmlichen Landesgebräuchen treu zu sehen.

Noch einige Züge aus seinem Leben, um seine Geschichte abzurunden und

dann, lieber Leser, wollen wir sein jetziges »Schlößchen« auf den

Bakwenahöhen betreten. Im Jahre 1864 sandte Seschele einige Hundert

seiner Leute aus, um Sekhomo, den damaligen König der Bamangwato,

anzugreifen. Doch die Makalahari-Vasallen berichteten diesem rechtzeitig

die Annäherung der Bakwena's und diese wurden im Thale des

Schoschon-Rivers, vor der Stadt Sekhomo's, geschlagen. Diese Truppe

wurde von Khosilintschi angeführt. Seschele entschuldigte sich, daß er

den Raubzug auf Anrathen Matscheng's, des früheren, nun flüchtigen und

bei ihm wohnenden Bamangwatokönigs angeordnet hatte. Einer weiteren

Schandthat machte sich Seschele durch die Ermordung Tschukuru's im April

1866, des Schwiegervaters des gegenwärtigen Königs der Bamangwato, Khama

(Sekhomo's Sohn), schuldig. Bei einem der schändlichen Versuche, seine

beiden vom Volke geliebten Söhne Khama und Khamane zu tödten, wobei

diese sich flüchten mußten, sich später aber auf Gnade ergaben, wollte

Sekhomo den Anhängern seiner Söhne gegenüber nicht gleiche Gnade walten

lassen, weshalb diese, darunter auch Tschukuru, auf Seschele's Einladung

hin, Zuflucht bei diesem nahmen. Sie kannten zwar Seschele nicht, allein

weil ihnen ein Sohn Seschele's (ein Getaufter) mitgegeben war, ließen

sie sich doch überreden, nach Molopolole zu wandern. In der ersten Nacht

wurde Tschukuru unter dem Vorhaben aufgeweckt, daß ihn des Königs Bruder

zu sehen wünsche und als er unvorsichtiger Weise dem Boten folgte, im

Walde von Bewaffneten niedergestoßen. Seschele hatte dies angeordnet,

weil sich Tschukuru im Kampfe gegen die Schoschong angreifenden Bakwena

hervorgethan und dann auch, um Sekhomo, der den alten Mann haßte, einen

Gefallen zu erweisen. Als Sekhomo durch den vertriebenen und zu Seschele

geflüchteten Mascheng verdrängt wurde und selbst bei Seschele Zuflucht

nahm, half dieser mit seinen Leuten den Söhnen Sekhomo's, Mascheng,

seinen früheren Schützling, zu vertreiben.

In den folgenden erneuten Kämpfen zwischen Sekhomo und seinem Sohne

Khama bot er beiden seine Hilfe zugleich, gegen eine Summe von 2000 £

St. in Straußenfedern und Elfenbein. Eine seiner letzten Ehrenthaten war

das von ihm erlassene Gesetz, womit er einigen holländischen Jägern

gegen schweres Geld Erlaubniß gab, durch sein Land zu ziehen und in

dessen nordwestlichem Theile zu jagen, dabei aber den Makalahari, welche

die Jagdgebiete bewohnten, sowie den Führern der Jäger verbot, diesen

die Wasserstellen zu zeigen. Die von den Bakwena's unter Führung seiner

Söhne im Jahre 1876 an den Bakhatla's verübten Grausamkeiten sind noch

in frischer Erinnerung.--

Bei unserem Eintritt in den Hof des königlichen Hauses wurden wir von

der sich erhebenden Königin, einer großen starken Frau, die ein nach

hinten zusammengebundenes Kopftuch, so wie ein großes, wollenes

Umschlagtuch und ein Cattunkleid trug, bewillkommnet und in's Haus

geführt. Des Königs voller Titel ist »Seschele M'Kwase Morena ea

Bakwena.« [1]

1: Unter den centralen Betschuana's ändert der Vater seinen Namen

wenn seine Familie mit mehreren Söhnen bedacht ist und diese im

Aufwachsen begriffen sind, indem er den Namen des ältesten Sohnes

annimmt, z.B. heißt der Häuptling der östlichen Bakhatla gegenwärtig

Ra-Piti, d.h. der Vater (Ra) des Piti (sein ältester Sohn), während

die Mutter den des jüngsten Sohnes annimmt, so heißt die Königin

oder Seschele's Frau, Ma-sebele, d.h. (Ma oder M') Mutter des

Sebele.

Wir wurden von Seschele zuerst in das Empfangszimmer geführt, während

Ma-sebele den Auftrag gab, uns einen Imbiß zu bereiten. Das

Empfangszimmer (Seschele gebraucht den englischen Ausdruck

»drawing-room«, nur daß er ihn in einer regelwidrigen Weise ausspricht)

ist vollkommen mit europäischem Comfort eingerichtet, Stühle etc. aus

Nußbaum, die Sitzpolster mit rothem Sammt überzogen. Ein selbstbewußtes

Lächeln, durch die hohe Meinung über sich selbst hervorgerufen,

besonders wenn er sich in seinem drawing-room befand, soll das ohnehin

freundlich lächelnde Vollgesicht des Bakwena-Herrschers umspielen, so

oft er einem Weißen das Innere seines Palastes zu zeigen in der Lage

ist, und sich an dem Erstaunen des Fremden weiden kann--auch mir armen

Sterblichen wurde das hohe Glück zu Theil, es zu schauen.

Während wir uns niederlassen mußten, breitete sich der König erst sein

Schnupftuch (das er jedoch nicht zu gebrauchen scheint) auf den von ihm

erkorenen Stuhl aus, bevor er sich auf denselben niederließ. Ma-sebele

trat später auch ein, und ließ sich auf einem Holzstuhle nieder. Durch

meine beiden Begleiter befragte mich Seschele nach dem Zwecke meiner

Reise, nach meiner und der Nationalität meiner Begleiter. Da er, wie die

meisten der Betschuana's nur »Engländer« und »Boers« kannte, die ersten

gerne sah, die letzteren »nicht liebte«, so war er sehr erstaunt zu

hören, daß ich ein Weißer sein konne, ohne zu einer der beiden Nationen

zu gehören. Endlich hatte er sich das Wort »Austria« eingeprägt und nun

fragte er, an welchem Flusse ich wohne und ob in einer Stadt oder auf

einem Viehposten, d.h. auf dem Lande. Ich nannte Prag, für ihn ein neues

Räthsel und dies um so mehr, als ich, um die Größe der Stadt nach

Betschuanabegriffen darzustellen, ihm mittheilte, daß Prag seine

Residenz Molopolole zwanzig Mal an Umfang übertreffe. Er meinte, sein

»Herz wäre voll Staunen über das große Dorf« und nachdem er die ihm

übersetzten Worte meiner Begleiter nachgesprochen, erzählte er der

Königin, die mich gnädig zu mustern schien, die ganze Episode mit den

Worten: »Er (nach mir weisend) ist ein Naka (Njake, Njaga oder auch

Njaka, d.h. Doctor) no Englishman, no Boer (er sprach Bur), sondern

ein--hier sah er wieder fragenden, doch auch lächelnden Antlitzes Herrn

Price an; dieser nickte auch und sagte Au--strian--O--O--stri--en,

plapperte Seine Majestät nach und stand auf, um sich in die Brust zu

werfen, da ihm dies gelungen.

Ein neuer Ankömmling, lachend und beide Missionäre begrüßend, ward nun

auf der Thürschwelle sichtbar, es war ein etwa 14jähriger, hoch

aufgeschossener, mit Hemd, Weste und Beinkleidern angethaner Jüngling,

der eine rothe, wollene Zipfelmütze trug. Er lachte zu allem was

gesprochen wurde, namentlich als ihn seine Mutter--denn der

schmucke Jüngling mit dem Barett auf dem wolligen Kopfe war kein

Minderer als Sebele, der Jüngste oder Ma-sebeles _darling Baby_

(Herzenskindlein)--mir mit den Worten _mo Sebele o Th[=o]-li[)ng]

B[)e]b_ vorzustellen geruhte. Nach einer halben Stunde fiel es

plötzlich dem jungen Königssohne ein, seiner Mutter mitzutheilen, daß

der Thee im Speisesalon aufgetragen sei.

Seschele eröffnete hierauf den Zug, wir folgten und Ma-sebele bildete

den Nachtrab. Wir waren alle im besten Humor--namentlich ich und

Tholing--, ich weil ich zum ersten Mal seit zwei Monaten, und Tholing

Beb, weil er schon zum zweiten Mal an diesem Morgen die »Kuchen« des

Makoa (die Kuchen des weißen Mannes) erblickte. Doch wurde ihm das Glück

nicht zu Theil, gleich uns an der Tafelrunde zu sitzen; er war bestimmt

die »Honneurs« zu machen, worauf er sich ziemlich gut zu verstehen

schien.

Das Speisezimmer hatte eine schöne mit weißem Linnen gedeckte Tafel, der

Thee wurde in napfförmigen Tassen servirt, von denen die des Königs, der

oben an der Tafel saß, mindestens einen Liter fassen mochte. Die Kannen,

Zuckerdose und das übrige auf einem Seitentischchen stehende

Tischgeschirr war aus Silber gearbeitet und wie ich hörte, dem Könige

von den periodisch sich in Molopolole aufhaltenden Kaufleuten verehrt

worden. Der Thee war gut und die Kuchen ließen nichts zu wünschen übrig.

Unser Gespräch aus dem _drawing-room_ wurde fortgesetzt und ich über das

Gebahren der englischen Regierung in den Diamantenfeldern und jenes der

holländischen in Pretoria und Bloemfontein befragt.

Ihre schwarze Majestät schien an unserer Conversation kein Interesse zu

finden und fing anfangs leise und verstohlen, doch als nach und nach die

Natur über sie die Oberhand gewann, merklicher und hörbarer, ihre durch

unser Eintreten in's Höfchen unterbrochene Beschäftigung wieder

aufzunehmen, d.h. zu schlummern. Der Herr Ehegemahl sah dies und da es

ihm vielleicht etwas ungebührlich dünkte, gab er ihr erst durch ein

Hüsteln und als dieses nichts half, zeitweilig durch eine zarte

Berührung mit seinen Elephantenfüßchen den begangenen Verstoß gegen die

Hofsitte zu verstehen. Ich hatte alle Mühe meine Lachmuskeln im Zaume zu

halten und bemeisterte endlich die Versuchung, indem ich an den König

das Wort richtete.

»Morena! Als ich ein Knabe von dreizehn Jahren war und zum ersten Male

die Bücher Naka Livingstone's las und in denselben auch Deinen Namen

fand, dachte ich wahrlich nicht, daß ich einst Dich selbst sehen,

sprechen, ja noch Thee und Kuchen in Deinem Hause genießen würde.«

Seschele, der es, trotzdem er die Regendoctorei prakticirt, sehr gut

versteht, an passender Stelle Bibelsprüche anzuführen, war auch sofort

mit einer ebenbürtigen Erwiderung zur Hand. »Die Wege der Vorsehung sind

wunderbar,« waren seine unmittelbar darauf folgenden Worte; doch schon

während Mr. Williams Uebersetzung meiner Worte hatte der König, dessen

rechte Gesichtshälfte uns, die linke seinem Weibe die nöthige

Aufmerksamkeit zuzuwenden schien, zu seinem Bedauern beobachtet, daß

Ma-sebele wieder eingeschlummert war und diesmal sich gefährlich nach

der Seite neigte. Mich mit listigem Blicke betrachtend, applicirte er

seiner Frau einen so unzarten Fußstoß, daß Ma-sebele, die arme Königin,

mit ihrer Stirne beinahe die vor ihr stehende Tasse umgeworfen hätte.

Nach Tisch machte ich mit den beiden Herren einen Spaziergang auf die

Felsenhöhe, auf welcher Molopolole erbaut ist; diese Höhe heißt

Mo-ra-a-Khomo, d.h. der Vater der Ochsen, so genannt nach einem einst

hier ansässigen Bakwena-Viehzüchter und bildet mit der ihr gegenüber

liegenden Höhe das Felsenthor Kobuque.

Die früher hier ansässigen Makalahari's und Bakwena's--es geschah dies

noch als Seschele in dem nahen Liteyane wohnte--benützten die steil

abfallenden Wände der Moraakhomo-Höhe an dem Felsenthore, um

altersschwache Eltern oder nahe Verwandte, deren Ernährung und

Verpflegung ihnen lästig fiel, über dieselben herabzustürzen. Die Unthat

wurde vom nächsten in demselben Gehöfte wohnenden Verwandten

vorgeschlagen und mit Hilfe seiner Nachbarn im Dunkel der Nacht

vollbracht. Die Schwachen und Hilflosen, wohl wissend, was ihnen

unausweichlich bevorstehe, wurden ohne Widerstand an den Felsenrand

hingebracht oder hingetragen und Hyänen oder Schakale besorgten noch in

derselben Nacht die Bestattung der Herabgestürzten oder machten den

Leiden der durch den Sturz nur Schwerverletzten ein Ende.

Das unter dem Molopolole-Felsen, d.h. am nördlichen Felsenthore

befindliche, von dem etwa 2½ englische Meilen auswärts in der Schlucht

entspringenden Tschanjana-Flüßchen gefüllte, drei bis vier Fuß tiefe

Felsenloch wird an trockenen Tagen von der dunklen Jugend Molopolole's

als Badeort benützt. Daß jedoch Baden und Waschen keine den Betschuana

eigentümliche Tugend ist, konnte ich an den Jungen, die sich vor mir

badeten, und wobei natürlich Sebele, des Königs Sohn, den Anführer

spielte, und die unsinnigsten Sprünge etc. ausführte, bemerken. Sie

krochen wohl in's Wasser, beeilten sich jedoch, bald aus dem nassen

Elemente herauszukommen und sich an den sengenden Sonnenstrahlen zu

trocknen; an trüben Tagen mieden sie ängstlich das Wasser.

Die freie Zeit meines Aufenthaltes in Molopolole benützte ich zu

Ausflügen in die nächste Umgebung, auf welchen meine Sammlungen um

manches interessante Object vermehrt wurden. Theils erstand ich, theils

erhielt ich als Geschenk: einige Carossen, einige sehr primitiv

gearbeitete Assagaie, d.h. Wurfspieße, deren Schaft kurz und fingerdick,

deren Eisen stumpf und äußerst schlecht gearbeitet, deren oberes

Schaftende mit Sehnen umflochten, oder mit einigen Stückchen einer im

nassen Zustande umgelegten und zusammengenähten Boahaut zusammengehalten

war, ferner Schlachtbeile, welche in dem ¾ Meter langen, hölzernen Stiel

lose befestigt, unseren Hackbrettmessern nicht unähnlich sind, ferner

einige gut gearbeitete Holztöpfe und einige Beschwörungsmittel, eines

aus Rüsselkäfern, zwei aus Samen und eines aus Vogelklauen, Haut- und

Hornstücken gearbeitet. Herr Williams verehrte mir einen aus Boababrinde

(Andansonia) gearbeiteten Reissack, den er von den von einem Raubzuge

aus dem Maschonalande heimkehrenden Matabele erhalten hatte.

Meine zoologischen Sammlungen vermehrten sich um einen schönen Orix

capensis-Kopf mit langen Hörnern, ein Leopardenfell und eines von

Gueparda jubata, einige Hyraxfelle, ferner eines von Viverra Zivetia,

welches jedoch selten zu sein scheint, und mehrere von Felis caligata.

Herr Williams brachte mir den Cadaver eines dreijährigen Kamafuchses,

das Thier hatte sich früher schon in einem Schlageisen gefangen, war

jedoch nach Zurücklassung des einen Hinterfußes davongekommen, nun hatte

es sich zum zweiten Male täuschen lassen und diesmal sein Leben

verwirkt. Die Bakwenahöhen beherbergen auch den schönen Klippspringer;

im Lande der Bakwena's, nördlich von Molopolole begegnen wir endlich zum

ersten Male der Eland-(Elen-)Antilope und der Giraffe.

Unter den Vögeln fiel mir die Häufigkeit mittelgroßer Raubvögel auf,

namentlich Sperber, Falken, Bussarde und Milane; von letzteren hatte

Herr Williams mehrere erlegt, da sie die Küchlein seiner Frau Gemahlin

decimirten. Sonst fielen mir durch ihre Häufigkeit Eulen, Uhu's,

Schleiereulen und Zwergkäuze auf, welche in den Felshängen ihre

Wohnsitze aufgeschlagen hatten. In den Felsenritzen und unter den vielen

Felsblöcken herrscht ein reges Thierleben--Säugethiere, namentlich

Raubthiere in großer Zahl, dann Reptilien, besonders Schlangen und

Eidechsen finden hier die besten Schlupfwinkel; an die reiche und üppige

Pflanzenwelt, die an den Abhängen vermodernden Baumstümpfe ist die

Existenz zahlloser Insecten, darunter Lepidoptera, Fliegen etc.

gebunden. Meine Ausbeute an Käfern, Spinnenarten und Scolopender war

eine sehr reiche; für einen Naturforscher ist überhaupt der Aufenthalt

in dem Bakwena-Höhennetze in jeder Beziehung ein äußerst lohnender.

Wir finden auch hier wie an den Bamangwato- und anderen auf dem

Hochplateau des zentralen Süd-Afrika gruppenförmig ansteigenden,

felsigen, mit dem Marico- oder Matabele-Gebirgscentrum zusammenhängenden

Höhen, den steilen, zerklüfteten Abfall der Tafelberge oder

tafelförmige, mit kegelförmigen, isolirten Höhenspitzen besäete

Hochflächen. Dieses Gesammthöhennetz geht allmälig nach Norden in eine

bewaldete und meist tiefsandige Hochebene über, um sich dann wieder

ebenso allmälig in einer Ausdehnung von 30 bis über 100 englische Meilen

zu einem seicht eingeschnittenen Flußbette zu verflachen, auf dessen

gegenüber liegendem Ufer ein ähnlich beschaffenes Höhennetz, wie das

eben beschriebene sich fortsetzt. Granit, Quarzitschiefer, Trapdykes,

Kalkadern und eisenhaltiger, sandiger Thon bilden die Hauptformation der

Höhen, deren Vegetation durch mehrere riesige Aloëspecies charakterisirt

wird, welche förmliche Gehölze bilden.

Bevor wir von Molopolole scheiden, sei es mir erlaubt, hier einige der

wichtigen religiösen und lokalen Gebräuche unter den Betschuana's zu

erwähnen. Ich verdanke die folgenden Mitteilungen der Güte der

englischen Missionäre Herren S. Mackenzie, Hephrun, Price, Williams,

Brown und Webb und des deutschen Missionärs T. Jensen, ferner einigen

der hervorragendsten Trader und einigen gebildeteren holländisch und

englisch redenden Betschuana's und fand dieselben aus eigener Anschauung

während meiner drei in's Innere unternommenen Reisen betätigt.

Religion im eigentlichen Sinne des Wortes besitzen die Betschuana's,

d.h. die das centrale Süd-Afrika bewohnenden Stämme dieser Völkerfamilie

nicht, doch kennen wir aus dem Umstande, daß sie bei den ersten

Belehrungen über das Christenthum dem unsichtbaren Gott sofort den Namen

Morimo beilegten, ohne daß das Wort eine anderweitige Verwendung fände,

schließen, daß sie in längstvergangener Zeit einem sichtbaren oder

unsichtbaren Wesen göttliche Verehrung gezollt haben mußten. So hat sich

denn das Wort Morimo bei ihnen traditionell erhalten. Das

nächstverwandte Wort zu Morimo ist Barimo, welchen Ausdruck die

Betschuana's noch immer häufig gebrauchen und der »die Geister der

Abgestorbenen« bezeichnet. Trotzdem sie also keine eigentliche Religion

besitzen, hängt doch die Masse an vielen Gebräuchen, welche bei anderen

Völkern, die Vielgötterei treiben, als religiöse Gebräuche angesehen

werden, z.B. eine gewisse Verehrung, die sie, wie schon erwähnt,

gewissen Thieren zollen, dieselbe ist jedoch nur darauf beschränkt, daß

sie das Thier nicht tödten, sein Fleisch nicht genießen und sein Fell

nicht gebrauchen. So finden wir auch, daß diese Gebräuche von

bestimmten, dazu herangebildeten Personen gelehrt und ausgeübt werden,

welche den König, oder ist der König ein Christ geworden, einen ihm an

Würde zunächststehenden Heiden als ihr Oberhaupt anerkennen und auf

diese Weise die Kaste der Priester und des Oberpriesters repräsentiren,

welche unter den Betschuana's Naka (Njaka, Njaga) heißen. Als die

Betschuana's ein wohl in mehrere Unter-Familien getheiltes, doch noch

unter einem Scepter vereinigtes Volk und Reich darstellten, war das

Königthum in der Familie Baharutse erblich. Selbst als sich später die

Betschuana's theilten, der eine Stamm (eine Abzweigung, Unter-Familie)

etc. nach Norden, die anderen nach Süden, Osten, Südost und Südwest

zogen und selbstständige kleinere und größere Königreiche errichteten,

die alte königliche Familie von den meisten ihrer Unterthanen verlassen

auf die Unter-Familie, aus der sie entsprang, beschränkt, und machtlos

geworden war, blieb ihr doch das Vorrecht jene abergläubischen, dem

Hohenpriesteramte unter den Betschuana's zukommenden Gebräuche zu

verrichten, und Mitglieder königlicher Familien, sowie Naka's aus den

neuerstandenen Betschuana-Reichen wanderten an den Hof der Baharutse

(Bahurutse) um von dem jeweiligen Oberhaupte diese Gebräuche verrichten

zu sehen. Seitdem jedoch einzelne der losgetrennten Stammzweige der

Betschuana's eigene, ziemlich mächtige Reiche errichteten und einige der

Chefs oder Könige Christen geworden sind, hat dies beinahe völlig

aufgehört, trotzdem aber wird von allen Betschuana's mit höchster

Verehrung von der alten königlichen Familie gesprochen, welche seitdem

durch des Geschickes Walten ihre Macht durch eine abermalige Theilung

ihrer Mitglieder und der daraus folgenden Zersplitterung ihres Stammes

völlig eingebüßt hat und gegenwärtig als Unterthanen der

Transvaal-Colonie in und im Weichbilde der Stadt Linokana (früher zur

Lebzeit des Häuptlings Moilo nebenbei Moilio oder Moiloa genannt) und

als Unterthanen des Königs der Banquaketsen, Chatsitsive, die Stadt

Moschaneng bewohnt. Der gegenwärtige Häuptling der ersteren (der

östlichen Baharutse) und somit das eigentliche Oberhaupt der

Betschuana's ist Kopani, ein noch junger Mann.

[Illustration: Regenbeschwörer.]

Zu jenen Gebräuchen, die in den einzelnen Betschuana-Reichen von dem

Oberhaupte des Landes oder wo verschiedene Stämme ein Reich bewohnen von

den diesen vorgehenden Häuptlingen angeordnet werden, gehört vor Allem

der ceremonielle Genuß der ersten geweihten Feldfrüchte (meist

Kürbisse), ferner die Ausübung der Heilkunde, das Regenmachen und das

Bezaubern. Dem Stammes-Oberhaupte als obersten Doctor, Zauberer etc.

stehen bei der Ausübung der Zeremonien mit Ausnahme der ersten

obgenannten, die er nur allein verrichten kann, die Linjaka's

(Priester), die man jedoch auch Naka (Njaka) nennt, zur Seite (wir

wollen sie aber der Unterscheidung und ihrer untergeordneten Stellung

halber Linjaka's nennen), welche die übrigen Zeremonien der Zauberei und

der Regenmacherei verrichten und damit auch einige primitive Kenntnisse

der Heilkräuter verbinden.

Als Heilkünstler erkennt man sie in der Oeffentlichkeit an einem aus

Pavianfell (Cynocephalus Babuin) verfertigten Mäntelchen, und in ihren

Wohnungen an den aus dem Felle der Hynena crocaia (maenlaia)

gearbeiteten Fußdecken (Teppichen), auf denen sie Audienzen ertheilen.

Manche tragen auch um den Hals an Schnüren oder Riemchen verschiedene

Säugethier-, Vögel- und Reptilienknochen, doch immer auch vier meist aus

Elfenbein, zuweilen aus Horn geschnitzte, mit eingebrannten Zeichnungen

versehene Stäbchen und Pflöckchen, welche Würfel darstellen und zur

Diagnose benutzt werden. Diese letzteren werden auch von Menschen

getragen, welche gegen Bezahlung des Lehrgeldes blos in dem Werfen

dieser Dolo's unterrichtet werden, ohne daß sie wirkliche Linjaka's

wären.

Ihr Amt ist unter den Betschuana's erblich, doch werden auch

wißbegierige junge Männer zu Doctoren gebildet. Der Aspirant hat als

Honorar seinem Lehrer eine Kuh (gegenwärtig zumeist andere Objecte im

gleichen Werthe), oder falls derselbe in den Diamantenfeldern Mali

(Geld) verdient hat, 4-7 £ St. zu geben und wird darauf sofort in die

»Lehre« genommen. Der medicinische Lehrcurs beginnt mit dem Ausgraben

(das »Graben« bildet einen wichtigen Begriff und eine wichtige

Manipulation bei vielen Zeremonien der Betschuana's) der Heilkräuter,

wobei er von seinem Lehrmeister durch Wald und Flur geleitet, über die

Species der Pflanzen, die zur Benützung gelangenden Theile, sowie über

die Jahres- und Tageszeit, zu welcher die Pflanze ausgegraben werden

muß, belehrt wird. Die gesammelten Pflanzentheile werden sodann

getrocknet, geröstet oder zerstampft und dann ein Pulver oder Absud

derselben als »Heilmittel« erklärt, wobei jedoch gewisse Sprüche und

Formalitäten bei der Zubereitung wie bei der Verabreichung zu beobachten

sind, welche von den Aerzten bei der Behandlung wohlhabender Leute unter

großem Lärm inscenirt werden.

Ein oft verordnetes Heilmittel sind schweißtreibende Vegetabilien und

dies, wie das Schröpfen um locale, so jenes um innere, im ganzen Körper

oder über größere Partien desselben verbreitete Schmerzen (Typhus,

Dysenterie etc.) zu beseitigen, dabei wird der Kranke verhalten, sich in

seine beste Carosse oder in eine gekaufte Wolldecke zu hüllen, und

nachdem das Mittel seine Schuldigkeit gethan, erscheint der Doctor, um

die Carosse oder die Decke mit dem Schweiße, dem transpirirten

Krankheitstoffe »einzugraben«, d.h. sie in Besitz zu nehmen, während der

Kranke froh ist, den Grund seines Uebels aus dem Hause entfernt zu

wissen. Der Patient würde es nie wagen, dieselbe zurückzufordern, sollte

er auch nach seiner Genesung die Frau Doctorin mit seinem Schakalmantel

in den Straßen des Dorfes herumstolziren sehen.

Den letzten Lehrcurs bildet die Belehrung über das Werfen der Dolo's.

Neben dem Dienste der Medicinmänner haben die Linjaka's auch einen

zweiten Dienst, den der Beschwörer oder guten Zauberer zu versehen.

Hierher gehören: das Herbeischaffen, der Gebrauch und der Verkauf von

Mitteln, welche an einer Schnur an der Stirne und am Halse getragen,

z.B. den Träger einer Löwenklaue muthig und flink, seine Verfolger träge

und ihn selbst kugelfest machen sollen. Solche Mittel sind ferner: aus

kleinen Tarsus- und Carpusknochen gewisser kleiner Säugethiermännchen,

verschiedener Vierfüßler, Schuppen des Schuppenthieres,

Metatarsus-Knochen gewisser Vögel und den Klauen bestimmter Raubvögel,

aus Schlangen- und Leguanhaut, kleinen Schildkröten, den Leibern großer

Rüsselkäfer verfertigte Amulete; mit verschiedenen eingebrannten Zeichen

versehene Holzpflöckchen, eingeschnittene Ziegenbockhörner und kleine

Hörnchen der zarteren Gazellenarten etc. welche allein oder mit

verschiedenen buntbemalten Glasperlen an eine Gras- oder

Giraffenschwanzhaar-Schnur angefädelt als Schutz vor Krankheiten, Uebeln

und Unfällen am Arme oder um den Hals getragen werden. In den Amtsberuf

der Linjaka's gehört endlich der Gebrauch der Dolo's um die Zukunft oder

z.B. den Ort zu erfahren, an welchem ein gestohlenes Gut oder ein

Flüchtling zu finden ist etc. etc.; die Beschwörungsweisen, um böse und

unreine Menschen und Thiere zu schrecken, und sich von den ersteren zu

befreien: z.B. durch das Aufhängen verschiedener Artikel unmittelbar an

oder in der Nähe der Umzäunung des Gegners, durch das Errichten von

Feuer in seiner Nähe, welche umgangen, umtragen und über welche gewisse

Formeln gemurmelt werden.

[Illustration: Die Beschwörung Khama's.]

Zur Arbeit der guten Zauberer gehört auch die Ausübung der zum

öffentlichen Wohle gereichenden Beschwörungsgebräuche, wie das Vergraben

von zwei Antilopenhörnern an den zu einer Stadt führenden Pfaden, das

Aufhängen von Töpfen auf Pfählen zwischen den Gehöften, in manchen

Hofräumen oder an den die Stadt beherrschenden Punkten, das Aufhängen

von Pavianköpfen nahe am Eingange zur Kotla und der Köpfe größerer

Raubthiere in der Nähe jenes Viehkraals, dessen Insassen von dem

betreffenden Raubthiere getödtet worden waren etc.

All' dieses geschieht, um damit Segen und Gedeihen über eine Stadt zu

verbreiten, um sie gegen Feuersbrunst und feindliche Angriffe zu

schützen, im letzteren Falle um die Heerde vor einem weiteren Unfall zu

bewahren. Auch die Felder werden in ähnlicher Weise mit

Beschwörungsmitteln umgeben, um eine gute Ernte zu sichern und

Heuschrecken abzuhalten. Aus diesem Grunde werden auch diese

_öffentlichen_ Amulete, lipeku genannt, auf die feierlichste und

geheimnißvollste Weise bereitet (bei den Marutse am centralen Zambesi

wurden Menschenopfer zu diesem Zwecke dargebracht) und nur die ältesten

Linjaka's zu der Zubereitungs-Ceremonie zugelassen. Nur einige solcher

Ceremonien sind auch Fremden zugänglich, z.B. der Khomo kho lipeku, d.h.

der dem lipeku geweihte Ochs; zu dieser Ceremonie wird ein bishin weder

als Zug- noch als Packthier benütztes Thier ausgesucht, diesem die

Augenlider mit seinen Thiersehnen zugenäht und dasselbe wieder in die

Heerde eingetrieben, dabei sorgfältig bewacht und nach einiger Zeit

geschlachtet; hierauf wird sein Blut mit anderen Mitteln zusammengekocht

und der Brei in kleinen Kürbisgefäßen aufbewahrt. Im Kriege beschmieren

sich der König und die Heerführer mit diesem Brei oder behängen sich mit

kleinen, damit gefüllten Gefäßen.

Linjaka's, welche aus Rache oder Böswilligkeit, Jemandem schaden wollen,

aber auch solche, deren Zauberschwindel eine der beabsichtigten

entgegengesetzte Wirkung hervorbringt, erhalten den Beinamen Moloi, d.h.

böser Zauberer und werden gefürchtet und gehaßt, so daß schon der Name

Moloi den Ausdruck der höchsten Verachtung bezeichnet und man dem

Betschuana keinen ärgeren Schimpf anthun kann, als ihm diesen beilegen.

Der Moloi erscheint den Betschuana's auch mächtiger als der Linjaka, da

ihm ohne die Ausübung seiner Zaubermittel selbst die stumme Natur

gehorcht, er bewegt sich, klettert über Zäune und Felsen und geht über

Flüsse, ohne gehört zu werden, Feuer schadet ihm nicht, Hunde, Schakale

etc. hören auf zu heulen und verhalten sich stille, wenn er an ihnen

vorbeigeht oder an sie herantritt. Mütter gebrauchen den Namen Moloi, um

ihre schlimmen und schreienden Kinder zur Ruhe zu verweisen.

Die bösen Zauberer trachten auch die Ernte zu schädigen; werden jedoch

die Linjaka's von ihren Häuptlingen ausgesandt, dies einem Nachbarstaate

anzuthun, so trägt nur der Auftraggeber das Odium der That, sie, die

blos seinen Befehl ausgeführt, bleiben wie zuvor Linjaka's. Die

Betschuana's behaupten, daß die Moloi's Leichen ausgraben, um ihnen

gewisse Körpertheile zu entnehmen, auch daß sie Neugeborne tödten und

aus gewissen Korpertheilen derselben Zaubermittel bereiten, doch die

wichtigsten ihrer Mittel (d.h. die ihrer Meinung nach schädlichsten)

behaupten die Moloi von Thieren zu gewinnen, die allgemein gefürchtet

sind und nur schwer in die Gewalt des Menschen gelangen, so z.B. von der

Boa, vom Krokodil und anderen. Haßt ein Mann seinen Nebenmenschen, ist

er auf ihn eifersüchtig, so begibt er sich in der Dämmerung zu einem

Moloi, um diesen gegen entsprechendes Honorar für seinen Plan zu

gewinnen. Ereignet es sich nun zufällig, daß der auf der Jagd Abwesende

oder Verreiste der bösen Macht des Zauberers erliegt und natürlichen

Todes stirbt oder von einem Thiere getödtet wird, dann heißt es, der

Mann sei im ersten Falle durch das Molemo (Gift), oder im letzteren

Falle durch das vom Moloi gewonnene Thier (Büffel, Löwe etc.) getödtet

worden.

Das vorstehende Bild stellt eine Scene dar, die sich im Jahre 1866 in

Schoschong zutrug. König Sekhomo hatte Moloi's gedungen, welche durch

verschiedene in der Nacht vor dem Häuschen Khama's, seines beim Volke

beliebten Sohnes, auszuführende Zaubereien diesen tödten sollten. Khama

erwachte durch den Glanz des vor seiner Einfriedigung hell auflodernden

Feuers, schlich sich an den Zaun und sah ruhig zu. Als sich zufällig

einer der »Alten« nach seiner Wohnung umsah und ihn erblickte, stieß er

einen Schrei aus; bei dem nun folgenden Tumulte suchten die Zauberer das

Weite. Khama trat vor, zerschlug die Beschwörungsgefäße, warf den

Beschwörungströdel in's Feuer, löschte dieses aus und erschien zum

größten Erstaunen Sekhomo's und der von ihm gedungenen Moloi's am

nächsten Morgen, frischer und froher wie je in der Kotla.

In Uebereinstimmung mit ihrem Charakter gelten die Moloi auch als Feinde

des Regens. Die Moloi glauben durch die frischen Zweige eines grünen

Busches, welche unter einer Verwünschungsformel in die Flammen geworfen

werden--den Regen bannen zu können, ferner suchen sie denselben Zweck

durch die Verwüstung der von den Regendoctoren ausgesetzten Zaubermittel

zu erzielen, auch glauben sie, daß das wiederholte Abfeuern von Gewehren

die sich nähernden Wolken verscheuche.

Der wichtigste Dienst, der von den Linjaka's und ihrem Oberhaupte

gefordert wird, ist die Regenbeschwörung. Da jedoch der Mißerfolg bei

dieser _öffentlichen_ Beschwörung nur zu leicht ersichtlich wäre,

überträgt man zur Zeit langer Dürre-Perioden die Beschwörung des Regens

an Linjaka's aus regenreichen Gegenden. Es sind meist die am rechten

Ufer des mittleren Limpopo wohnenden Ma-lokwana, welche gegen ein

Geschenk an Vieh zu dieser Arbeit gewonnen werden.

In feuchten, niederschlagsreichen Jahren wird die Arbeit den heimischen

Linjaka's überlassen; allein oder von Freiwilligen begleitet, begeben

sich dieselben auf ein speciell dazu bestimmtes, fruchtbares Grundstück,

um »isimo ea pula« d.h. das Feld des Regens zu graben. Dies ist eine

allgemeine Ceremonie und geschieht zeitlich im Frühjahr. Dann folgt das

Umgraben der Fluren durch die Frauen, nachdem noch zuvor die Männer von

den Linjaka's durch Beschwörung gesegnete Samen (Kafirkorn, Mais,

Kürbis, Wassermelone etc.) gekauft und diese in die vier Ecken des

Feldchens eingepflanzt haben. An diesem Tage wird alle Arbeit

eingestellt und erst am folgenden von den Frauen fortgesetzt.

Von diesem Tage ab ist es ferner den Betschuana's verboten, die jungen

Zweige der Bäume abzubrechen, vor Allem aber nicht jene des schon oft

erwähnten Wart-en-bichi(bitje)-Baumes, der unter den Betschuana's

allgemein verehrt wird. Erst zur Kafirkornreife und von den Njaka

angeführt, versammeln sich die mit Aexten und Messern versehenen Männer

in der Kotla, um einige Aeste von der geheiligten Accacie abzuhauen; mit

den ersten wird der an die Kotla angrenzende königliche Viehkraal

ausgebessert und nachdem dies geschehen, dasselbe an den übrigen

Kraalzäunen gethan. Vor der Ernte einen abgeschnittenen Ast der Accacia

detinens um Mittagszeit in einem Betschuanadorfe herumzutragen, käme

einer schweren Beleidigung des Stammes gleich.

[Illustration: Pit, der Griqua, entdeckt Leopardenspuren.]

Zur Erntezeit müssen alle Baum- und Buschfrüchte, Straußenfedern und

Elfenbein bedeckt aus dem Walde zur Stadt gebracht werden. Hat es in der

Nacht geregnet und der Regen bis zum Morgen angedauert, so bebaut

Niemand an diesem Tage die Felder, um den Regen nicht aufzuhalten und zu

stören. Hat sich die nasse Jahreszeit eingestellt, oder, wie der

Betschuana sagt, der Linjaka mit seinen Medicinen den Regen

herbeigerufen, so trachten nun die letzteren auch den Regen auf längere

Zeit zu »fesseln«. Aus diesem Grunde besuchen sie allein oder von ihren

Schülern oder von den Besitzern der Felder begleitet einsame Orte, meist

Höhen, pfeifen, schreien, murmeln Formeln und entzünden hie und da an

den vorspringenden Stellen der Höhen Feuer, wobei sie zuweilen gewisse

Ingredienzen in's Feuer werfen.

Versagen alle angewendetem Zaubermittel und fällt kein Regen, dann wird

in der Regel die Schuld auf die Masse geschoben und dieselbe irgend

eines Verstoßes gegen die herkömmlichen Gesetze beschuldigt; meist sind

es Witwen und Witwer, welchen der Vorwurf trifft, die vorgeschriebenen

Reinigungen unterlassen zu haben. Die Untersuchung beginnt und findet

sich nun ein Schuldiger oder eine Schuldige, so wird der- oder dieselbe

verurtheilt, sich öffentlich der Reinigung zu unterziehen. Die Linjaka's

bauen ihnen dann gegen Bezahlung außer der Stadt Grashütten, in welcher

sie einige Zeit bleiben müssen, um sich ihre Wolle vom Kopfe abschaben

und sich von den Linjaka's reinigen zu lassen; dann erst können sie zu

den Ihrigen heimkehren.

Hilft auch dies nichts, dann wird eine allgemeine Reinigung des Feuers

und der Herdsteine vorgenommen. Die Linjaka's beseitigen in jedem

Höfchen die drei Herdsteine, auf denen der Topf an's Feuer gestellt war

und tragen sie auf einen bestimmten Punkt vor die Stadt, wo sie

aufgehäuft und neue geweiht werden. Während der Dauer dieser Zeremonie

müssen alle Herdfeuer im Orte ausgelöscht werden. Abends oder am

folgenden Morgen erscheint der Unterpriester mit Reisig und einem

geweihten brennenden Stock, um, nachdem die Feuerstelle gut abgescheuert

worden ist, die Feuer in der ganzen Stadt anzuzünden.

Sollte dies Alles noch keinen Regen zur Folge haben, ordnet man eine

allgemeine Reinigung der Stadt an, herumliegende Fellstücke, Knochen, im

Felde, vielleicht nahe an der Stadt zu Tage liegende Menschenreste

werden begraben. Liegt der Ort in der Nähe der Begräbnißstelle eines

Häuptlings, die sonst sehr geheim gehalten wird, so schlachtet man ein

Stück Hausvieh, um damit den vielleicht erzürnten Todten zu besänftigen.

Es werden auch ganze Jagden auf gewisse Thiere abgehalten, von welchen

die Linjaka's gewisse Organe als Regen beschwörende Mittel gebrauchen;

diese Jagd heißt »Letschulo« und wird unter den Auspicien der

Regenmacher abgehalten.

Obgleich das Christenthum das Loos der Frauen unter den Bekehrten etwas

gemildert hat, konnte es ihnen doch viele der schwersten Arbeiten nicht

abnehmen, und erst der eingeführte Pflug, dessen Gebrauch sich

gegenwärtig immer mehr einbürgert, hat das Loos des Betschuanaweibes

erleichtert, dadurch, daß der Mann ihn mit Hilfe der Ochsen verwendet,

welche die Frau nie berühren darf. Einen ähnlichen guten Einfluß wird

die Einbürgerung des Pflugs auf das allmälige Verschwinden der eben

betriebenen abergläubischen und sinnlosen Regenbeschwörungs-Gebräuche

nehmen.

Ich schließe hiemit diese vorläufige ethnographische Skizze und kehre

zur Schilderung meiner Reiseerlebnisse zurück.

Der freundlichen Einladung Rev. Williams, die Weihnachts-Feiertage noch

in Molopolole zuzubringen, konnte ich leider nicht willfahren.

Durch das Kobuque-Felsenthor verließen wir den Thalkessel von Molopolole

und zogen im Thale eines Tschanjanazuflusses nach Norden. Die üppigste

Vegetation sproßte um uns her, das Ufer des Flüßchens und die unbebauten

Thalstellen, die Abhänge an den Felsenhöhen waren mit den mannigfachsten

Blumen und Gräsern bekleidet, stellenweise bebuscht und mit Bäumen

bestanden, so daß die hier röthlichen, dort gelblichen, dann wieder auch

grauen bis schwarzbraunen senkrechten Felsenmauern, stufenförmige,

natürliche Felsenterrassen, die viereckigen und die abgerundeten, sowie

die herabgekollerten Felsblöcke wie von einem buntgeblümten hier hellen,

dort dunkelgrünen Teppich umrahmt schienen.

Der Himmel hatte leider kein Erbarmen mit uns, in strömendem Regen

mußten wir uns durch den tiefen Sand des Weges hindurcharbeiten. Das

Mißgeschick dieses Tages war aber damit nicht erschöpft. Als ich nach

des Tages Mühen ruhen wollte, fehlten die beiden schwarzen Diener

Stephan und Dietrich, die ich von Musemanjana mitgenommen, und mit ihnen

waren zwei meiner kräftigsten Zugthiere spurlos verschwunden. Es war mir

schon am verflogenen Abend aufgefallen, daß die beiden Flüchtlinge mich

wiederholt vor umherstreifenden Löwen warnten, sie hatten offenbar mich

damit von der Verfolgung abhalten wollen. Obwohl bereits 15 englische

Meilen von Molopolole entfernt, beschloß ich, dahin zurückzukehren, um

Seschele zu bitten, die Diebe durch Reiter auf Chatsitsive's Gebiet

verfolgen zu lassen. Von Boly und Pit begleitet, machte ich mich am

nächsten Tage, nachdem der Regen etwas nachgelassen, zu Fuß auf den Weg.

[Illustration: Eingeborne Postboten.]

Doch schon nach fünfstündigem Marsche war ich außer Stande den Weg

fortzusetzen, die schwere Fußbekleidung hatte meine Fuße gänzlich

dienstunfähig gemacht; ich blieb am Rande des zum Molopololekessel

führenden Kobuque liegen und sandte Boly und Pit zu Rev. Price und

Seschele. Stunde um Stunde verrann, es war ein böses Omen für den Erfolg

ihrer Mission--endlich spät Nachmittags hatten sie mich wieder erreicht,

wie ich es geahnt, war ihr Gang vergebens.

Die Rückkehr zum Wagen war für mich eine wahre Martertour. Der Regen

hatte zahllose Samen einer Ranunculus-Species (_R. crepens_) von der

Höhe in das Thal herabgeschwemmt, die ob ihrer stachlichen Eigenart von

den Boers »Develkies« genannt werden. Unfähig in meiner Beschuhung den

Rückweg anzutreten, mußte ich es barfuß thun,--das weitere bedarf keiner

näheren Schilderung. Mitternacht war nicht fern, als wir das lodernde

Feuer des Lagers meiner Gefährten mit einem Freudenschrei begrüßten--die

Stunde der Erlösung war gekommen.

[Illustration: Scene aus dem Leben der Masarwa's.]

Wir beeilten uns am 27. zeitlich Morgens die Stätte trüber Erinnerungen

zu verlassen und setzten die Reise durch den tiefsandigen Wald nach

Norden fort. Die schlechte Beschaffenheit des Weges nöthigte uns zu

öfterem Rasten; während einer solchen kam Pit, welcher die Zugthiere

abseits des Wagens zwischen den Grasbüschen weiden ließ, athemlos auf

mich zugelaufen und schrie von Weitem. »Teiger, Teiger, Bass!« Bei

näherer Untersuchung fanden wir zwar keinen _Teiger_ (Leopard), jedoch

zahlreiche Spuren desselben auf den salzhaltigen Stellen des Bodens. Ich

hielt es daher für rathsam, den Marsch wieder weiter aufzunehmen.

Die Reise am 28. führte uns theils durch einige seichte Vertiefungen,

welche deutlich den Abfall des Bodens nach Osten zu zeigten und in

einige in der Regenzeit dem Limpopo zufließende Bachbetten ausliefen,

theils durch sandigen Wald, in dem ich mir, nach dem Weglaufen der

Diener als unfreiwilliger Wagenlenker meine Sporen zu verdienen hatte.

Von Wildspuren fanden wir jene des gestreiften Gnu, der Elandantilope,

des kurzschwänzigen Schuppenthieres und auch solche von Hyänen zahlreich

vor.

Auch am 29. war die Fahrt recht beschwerlich, nicht allein daß der Sand

nicht abnahm, es hob sich das Land merklich gegen Norden. Die Entfernung

von Molopolole nach Schoschong beträgt in der kürzesten Strecke 128

englische Meilen, doch kann man diese, häufigen Wassermangels halber,

nicht zu allen Jahreszeiten passiren und muß deshalb zeitraubendere

Touren wählen. Zu Fuße kann die Strecke mit Benützung der Fußpfade in

fünf Tagen zurückgelegt werden, eine Leistung, die auch von den

Post-Betschuana's zu Stande gebracht wird. Der im westlichen Theile des

Marico-Districtes wohnende Missionär, Herr T. Jensen, versieht den

Dienst des Postmeisters für das Innere, d.h. für die in den

Eingebornenstädten wohnenden Missionäre und Händler, bei denen auch die

Briefe, die den Jägern von den Ihrigen nachgesendet werden, aufbewahrt

werden. Wöchentlich kommt ein Eingeborner mit den Briefen von Molopolole

und bringt die in Linokana angekommenen nach der Balwenastadt; alle

vierzehn Tage werden wieder zwei Bamangwato von Schoschong von dem

dortigen Prediger nach Molopolole gesandt, um die Post, die der

Molopololer von Linokana gebracht, nach Schoschong zu befördern. Ein

Feuerbrand, einige Assagaien, auf welche sie rohes Fleisch spießen und

der lederne Gurt mit den Briefen ist die ganze Ausrüstung der Postboten.

Früher wurde je ein Mann für diesen Postdienst von Schoschong nach

Molopolole auf sechs Monate gemiethet, er erhielt Kost und wurde mit

einer Muskete und etwas Schußmaterial, gegenwärtig aber mit barem Gelde

für seine Mühe entlohnt.

[Illustration: Flüchtender Leguan.]

Zahlreiche Löwen- und Leopardenspuren am Rande der vielen

vegetationslosen Bodeneinsenkungen mahnten uns am folgenden Tage zur

größten Vorsicht, auch bot der tiefe Sand, in dem die Räder bis acht

Zoll tief einsanken, große Schwierigkeiten. Einst mochten diese eben

durchzogenen Gegenden sehr wildreich gewesen sein, dafür sprachen die

aufgehäuften Skelette von Antilopen, besonders des Elands und der

Giraffe. An keinem der vielen, hier und auf der weiteren Reise nach

Schoschong angetroffenen Giraffenschädeln beobachtete ich die kleinen

knöchernen Stirnauswüchse gleich hoch, an manchen einen, an manchen

beide mit Exostosen bedeckt, oder durch solche an der Stirnbasis

brückenförmig mit einander verbunden.

[Illustration: Trocknen von Giraffenhäuten.]

Gegen Abend fiel mir Niger's Betragen auf, der im Grase zu unserer

Linken hin- und herlief. Ich rief Onkel herbei--wir hatten nach und nach

die übrigen Hunde (sieben) eingebüßt--beschleunigte meine Schritte und

kam eben noch zur rechten Zeit, um einen riesigen Landleguan gemächlich

auf einen Baum klettern zu sehen. Auf dem ersten horizontallaufenden,

dicken Aste legte er sich flach nieder und dehnte sich derart, daß man

ihn leicht übersehen hätte, wenn nicht die gelblichen Querstreifen von

der grauen Rinde des Baumes grell abgestochen hätten. Das Thier, welches

durch sein plötzliches Erscheinen die befiederten Bewohner des Baumes

nicht wenig erschreckt hatte, blieb vollkommen ruhig auf dem Aste

liegen, man sah nur die Bewegungen der Augenlider und das momentane

Aufblitzen der kleinen schwarzen, glänzenden Augen. Ein Schrotschuß

tötete das Thier, das meinen Sammlungen einverleibt wurde.

Am 31. waren wir wieder in tiefsandigen Wald gelangt, die Gegend zeigte

wellenförmige, geringe Bodenerhebungen, welche stellenweise bebuscht

oder mit Bäumen schütter bestanden, stellenweise jedoch dicht bewachsen

waren, während die seichten Vertiefungen eine äußerst üppige, wenn auch

nicht tropische Vegetation bargen. Der Regen hatte in den letzten Tagen

abgenommen und die südafrikanische Decembersonne ließ uns warm ihre

Strahlen fühlen. Auf dem tiefsandigen engen Wege einherziehend, machte

mich B. auf einen dunklen, auf einem hohen Kameeldornbaum hängenden

Gegenstand aufmerksam. Wir fanden nähergekommen mehrere große Stücke

trockener Giraffenhaut, die von den Jägern vor langer Zeit aufgehangen

und vergessen worden sein mochten. In der Untersuchung derselben wurden

wir durch einen herbeieilenden Makalahari unterbrochen, welcher durch

seine Mittheilung, daß die Haut dem Morena Seschele gehöre, alle

Annexionsgedanken im Keime erstickte. Er und seine im Walde wohnenden

Gefährten waren hier stationirt, um die zeitweilig anzutreffenden

Giraffen zu jagen. Das Fleisch gehörte ihnen, doch die Haut dem Könige.

Die weitere Mittheilung des von mir beschenkten schwarzen Jägers, daß

wir erst zu Mittag des folgenden Tages auf Wasser stoßen würden, trieb

uns zur Eile an. Erst die einbrechende Nacht machte unserem Tagemarsche

ein Ende.

Am Lagerplatz angelangt, berieth ich eben mit meinen Gefährten, wie der

Wassernoth zu begegnen sei, als die Hunde zu knurren anfingen. Aus dem

Benehmen derselben, die, ohne die Nähe des Feuers zu verlassen, auf eine

Stelle in's Dunkle hinblickten und dann sich nach der entgegengesetzten

Seite kehrten, wobei es uns auffiel, daß sie einen sich um unser Gefährt

in den Gebüschen bewegenden Gegenstand witterten, schloß Pit, daß

diesmal Masarwa oder Makalahari (die Sclaven der Bakwena's) die

Ruhestörer waren.

Ein leises »Rumela, Sir!« das uns aus den Gebüschen entgegentönte, löste

jeden Zweifel; nachdem Pit die Hunde zur Ruhe verwiesen hatte, traten

zwei Schwarze an's Feuer, es waren die Postboten aus Schoschong auf dem

Wege nach Molopolole. Der eine trug ein großes Stück Fleisch, das er in

einem, eine halbe Tagreise entfernt liegendem Barwadorfe für eine

Handvoll Zündhütchen erhandelt; als sie sahen, daß wir mit dem Wasser

recht sparsam umgehen mußten, boten sie uns ihre beiden mit Wasser

gefüllten und mit frischen Grasbüscheln zugepfropften Kalebassen an,

leider konnten wir des starken Geruches der unrein gehaltenen

Kürbisgefäße halber von ihrem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch

machen.

Der Neujahrsmorgen 1874 brach recht trübe an, Tags zuvor war es glühend

heiß gewesen, heute war der Himmel mit Wolken bedeckt und die Atmosphäre

bedeutend abgekühlt. Gegen Mittag heiterte sich der Himmel auf und als

wir unsere Ost bei Nord-Richtung in eine nördliche änderten, sahen wir

in eine Vertiefung vor uns, die sich nach Osten zu ziehen und der Anfang

eines Thales zu sein schien, sowie eine kleine Rauchsäule an der

bebuschten Erhebung ober dieser Vertiefung. Ein Säule Gold hätte uns

alle nicht so elektrisiren können, wie es der bläuliche, in kleinen

Wölkchen sich emporhebende Dunst und Rauch vermochte. Nach und nach

erkannten wir auch einige elende Grashütten, dann spielende Kinder in

ihrer Nähe und unten in der Tiefe zwei Barwa, die auf uns zu warten

schienen. Ich sandte Pit voraus, um nach Wasser zu fragen; als wir zur

Gruppe gestoßen waren, theilte uns der Diener mit, daß außer einigen

tiefen, engen Löchern, aus denen nur die Bewohner des kleinen Dörfchens

Wasser holten und aus denen höchstens Ziegen trinken konnten, kein

trinkbares Wasser in der Nähe sei, wohl aber gegen Sonnenuntergang,

wohin sie uns mit der Erlaubniß ihres Herrn, eines Bakwena's, führen

wollten.

Unser Führer gehörte ebenfalls dem Bakwenastamme an. Ich glaube schon

erwähnt zu haben, daß die Betschuana's sowie die Koranna's von Mamusa

Diener, oder besser gesagt Sclaven besitzen, die dem Makalaharistamme

(auch Bakalahari) angehören, welcher früher die Gebiete zwischen dem

Zambesi und dem Oranjeflusse sein eigen nannte. Außer diesen Sclaven,

die jedoch ziemlich mild behandelt werden, befinden sich in den sechs

Betschuana-Reichen noch zwei andere Stämme in der Stellung von Sclaven

den Betschuana's gegenüber, doch ist diese Stellung eine drückendere,

denn während es zu geschehen pflegt, daß Makalahari freigelassen werden,

und zuweilen eine Annäherung und Verschmelzung der Ma- oder Bakalahari

und der Bakwena's etc. statthat, geschieht dies nie zwischen den

letzteren oder anderen freien Betschuanastämmen und den beiden hart

behandelten Sclavenstämmen, den Barwa's, die bei den nördlichen

Betschuana's Masarwa's genannt werden, und den Madenassana's, die in dem

nordwestlichen Gebiete der östlichen, und dem nordöstlichen der

westlichen Bamangwato's wohnen.

[Illustration: Masarwa's am Feuer.]

Ich möchte die Barwa's und Masarwa's als ein Mischlingsvolk,

hervorgegangen aus der Verschmelzung der Makalahari, d.h. eines Zweiges

derselben, mit den Buschmännern bezeichnen. Gestalt, Teint, Gebräuche

und die Sprache sind ebenso viele Indicien für diese beiderseitige

Verwandtschaft und ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich die Barwa's

und Masarwa's ein Bindeglied zwischen den Buschmännern und der

Banthufamilie nenne. Während die Makalahari etwa Leibdiener,

hauptsächlich aber Hirten der Betschuana's sind, haben die übrigen

Sclavenstämme Jagddienste zu versehen, in welcher Beschäftigung sie ihre

Gebieter auch weit übertreffen. Der Bogen und der Pfeil, den

Betschuana's fremd, sind bei den Barwa und Masarwa wie bei den

eigentlichen Buschmännern noch immer im Gebrauch, ebenso verstehen sie

die Thiere in Fallen, d. h. mit vergifteten Assagaien (siehe die

Illustration Seite 44) und in Fallgruben zu fangen, als Antreiber sind

sie--wie die ihnen bezüglich der Sprache und des Gesichtsausdrucks

verwandten, doch sich sonst an die westlichen Eingebornenstämme

anlehnenden Madenassana's--vorzüglich verwendbar. Nur gegen ihre

Verschmitztheit, Untreue und ihren Hang zum Diebstahl ist es gerathen,

sich vorzusehen.

[Illustration: Anschleichende Masarwa's.]

Sie bewohnen in wildreichen Gegenden kleine Dörfchen, d.h. Hütten, deren

heuschoberähnliches Gerippe aus einigen in die Erde schief

eingetriebenen, etwa fünf Fuß über dem Boden miteinander verbundenen

Pfählen besteht und mit einer Lage von dürren Zweigen und Gras überdeckt

wird. Sonst zeigt keine Umzäunung, blos einige glatte Steine, worauf

Samen zerrieben, Knochen zerschlagen oder geschliffen werden, sowie

einige Aschenhaufen, zahlreiche trockene Schoten von Leguminosen

(Bäumen, Sträuchern und Pflanzen) und einige Fußpfade, daß hier Menschen

hausen oder gehaust haben. Gewehre und Schießbedarf werden ihnen

anvertraut, die Felle, Straußenfedern, Elfenbein und Rhinoceroshorn,

nebstdem auch wilde Früchte, wie jene des Baobab, der Fächerpalme etc.

müssen sie an ihre Herren abliefern. In der Regel finden wir jedoch

einen Bamangwato oder Barolong etc., dessen Leibdiener sie sind, mit

ihnen jagen, kehrt er heim, so übergibt er dem ältesten von ihnen das

Commando. In jedem andern Falle müssen sie sich nach zwei bis fünf

Monaten in der Hauptstadt einfinden und die Jagdbeute abliefern. Bei dem

Besuche derselben ist es ihnen aber nicht gestattet, bei Tage in die

Stadt zu treten, sie lassen sich vor der Stadt nieder, und nachdem sie

dem nächsten besten Einwohner ihren Namen, ihren Wohnort und den Zweck

ihres Kommens mitgetheilt und dieser es dem König hinterbracht hat, wird

ihnen am Abend nach Sonnenuntergang ein Bote zugesendet, der sie in die

Kotla führt. Solche, die den Besuch der königlichen Stadt zur bestimmten

Zeit unterlassen, wenden durch einen von dem Chef ausgesendeten Boten an

ihre Pflichten gemahnt und abgeholt.

Die Masarwa's sind von mittelgroßer Statur, besitzen einen

röthlichbraunen Teint und abstoßende Gesichtszüge; in ihrer Gestalt

nähern sie sich dem Buschmanne, in ihren Gesichtszügen und dem Teint den

Makalahari's. Sie sind weniger treu und anhänglich als letztere, darum

werden sie auch von ihren Herren seltener im Kampfe und als Hirten

benützt, wohl aber als Spione oder um die Grenzen zu bewachen und von

der ersten Annäherung eines feindlichen Haufens nach des Königs Stadt

Nachricht zu bringen.

Kein Stamm im centralen Süd-Afrika versteht es in den trockensten

Gegenden mit solchem Erfolge nach Wasser zu spüren, die Fährte des

Wildes so treu aufzunehmen und das Wild so geschickt und unbemerkt zu

beschleichen und zu überlisten wie die Barwa's und Masarwa's. Weil sie

jedoch in Folge ihrer Untugenden von den Betschuana's hart behandelt

werden, sind sie auch den Weißen gegenüber mißtrauisch geworden. Reist

man durch die Kalahari, oder in den sandigen Wäldern, die wir eben

durchzogen, oder in jenen zwischen Schoschong und dem Zuga-River und

jenen zwischen den Salzseen und dem Zambesi, so ist man oft, ohne die

leiseste Ahnung davon zu haben, von Angehörigen dieses Stammes gefolgt,

der ob seines Mißtrauens und um nicht schwere Arbeit verrichten zu

müssen, sich scheu in der Ferne des Weißen hält. Hat man jedoch ein

Stück Hochwild geschossen, so sieht man sich, bevor noch die Beute

erstarrt, von einem Trupp Barwa's umringt, welche mit Ungeduld den

Moment erwarten, zum Ausweiden der Jagdbeute aufgefordert zu werden, um

einen Theil des Fleisches als Entlohnung zu erhalten. Ich möchte sagen,

sie sind unter den südafrikanischen Racen das, was unter den Vögeln der

Aasgeier und unter den Säugethieren die Schakale. Kreist in den

obgenannten Gegenden ein Aasgeier hoch in den Lüften, so hat ihn auch

schon des Masarwa Auge erspäht und er eilt rasch nach der Stelle zu, wo

der Geier sich niedergelassen. Ueberraschen sie nun bei solcher

Gelegenheit den König der Thiere beim Mahle, so trachten sie durch

Geschrei, mit Stein- und Feuerbrandwürfen das Raubthier zu verscheuchen,

angegriffen, flüchten sie sich wie die Affen in die Bäume und

verkriechen sich wie die Wiesel in die Dorngebüsche, um dem sie

verfolgenden Löwen einen ihrer vergifteten Pfeile in eine dünnere

Hautstelle einzubohren.

Nach der Mittheilung meines Freundes Mackenzie werden diese Masarwa's

und Barwa's von den Betschuana's in der Regel Masarwa a bolotsana thata,

d.h. schlechte Menschen (Bösewichter) und Masarwa Ki linoga hela (wahre

Schlangen) betitelt.

Gleich den Buschmännern in der Colonie und im Oranje-Freistaat hassen

die Barwa's und Masarwa's Ackerbau und Viehzucht, doch beobachtete ich

nie--außer an einigen, jenen der Makalahari's ähnlichen, auf Bein und

Holz ausgeführten, höchst einfachen, eingebrannten oder eingeschnittenen

Strichen etc.--daß sie Gravirungen in Stein ausführen oder steinerne

Objecte in ihrer einfachen Haushaltung benützen würden. Dagegen arbeiten

sie lange Ketten aus rundlichen Straußeneier-Scheibchen und andere

Verzierungen aus diesem Material. Ich konnte bei ihnen weder von einem

Höhlenbau in Felsen, noch etwas von einer Ausschmückung der Felsenkuppen

sehen oder in Erfahrung bringen, hingegen fand ich bei ihnen den

crassesten Aberglauben in voller Blüthe.

Auf der Jagd, mag der Masarwa nun allein oder in Begleitung seines

Betschuanaherrn sein, werden die einfachen Knochen- und Holz-Amulete

(Dolos) geschüttelt und geworfen, um die Richtung des Wildes, die Art

und Zahl desselben und den Erfolg der Jagd zu erfahren. Sie werden auch

in Krankheitsfällen befragt, und ob der »Herr« kommt. Von den

Betschuana-Herren hat er den Namen Morimo für Gott aufgeschnappt, und

obgleich der Betschuana selbst den Begriff Morimo, der von seinen

Vorfahren verehrt wurde, bis auf den Gedanken, daß Morimo ein höher als

die Morena's (Fürsten) gestelltes Ding oder höheres Wesen bezeichnet,

verloren, so bezeichnet doch auch der Masarwa und der Barwa seine Dolos,

die ihn über alles belehren und unterweisen sollen, seinen Schatz und

seinen theuersten Besitz mit Morimo, er meint »dies ist mein Gott (Se-se

morimo-se)« oder er sagt »die Dinge meines Gottes (Lilo tsa Morimo oa

me)« und Dinge die ihn benachrichtigen, »Lilo-lia impulelela mehuku.«

Doch nicht allein, daß ihm die Dolos sein Morimo oder die Eigenschaft,

das Eigenthum eines mächtigen Wesens sind, er behauptet auch

andererseits, daß er selbst mit dem Werfen dieser Dolos Morimo

Gelegenheit gebe, seine Kenntniß darzuthun, und daß er selbst Morimo's

Werkzeug sei.

Die Barwa- und Masarwamänner zeigen ihren Frauen gegenüber mehr

Anhänglichkeit als die Betschuana's und Makalahari's, die schwerste

ihnen zukommende Arbeit ist das Wasserholen in den mit Bast, Stricken

oder Thierhautstreifen umflochtenen Straußeneier- oder Kürbisschalen und

das Tragen der kaum nennenswerthen Hausutensilien. Die primitiven Hütten

sind in wenigen Stunden mühelos hergestellt. Eine große Anhänglichkeit

zeigt der Masarwa für seine Hunde, die, im Gegensatz zu der schlechten

Behandlung, die diesem Hausthiere von den Betschuana's zu Theil wird,

bei ihnen zumeist gut gepflegt werden.

Von ihren Gebräuchen sind nur wenige bekannt, da noch kein Reisender in

der Lage war, längere Zeit in oder in der Nähe eines Masarwadorfes zu

wohnen und ihrer Sprache mächtig zu werden; wir wissen blos, daß sie

sich im Stadium der Pubertät, mit einem Knochen die Nasenscheidewand

durchbohren und ein Holzpflöckchen einschieben, um eine kleine

kreisrunde Oeffnung zu erzeugen. Das Hölzchen wird, nachdem der Zweck

erreicht, wieder entfernt; sie benennen diese That rupa, was jedoch ein

aus der Setschuana entnommenes Wort ist und die Einleitungceremonie zu

der Beschneidung bei den Betschuana's bezeichnet.

[Illustration: Neujahrstafel im Urwalde.]

Was vielleicht dem Reisenden am meisten an den Masarwa's, die in manchen

Gegenden über Mittelgröße, ja zuweilen im Lande der Bamangwato's oder

Bakwena's etc. ebenso wie der herrschende Stamm von hoher Statur sind,

neben der Häßlichkeit ihrer Gesichtszüge am meisten auffällt, das sind

die röthlichen, wie halbgeröstet aussehenden vorderen Schienbeinflächen,

oft tragen die Vorderarme und der Rücken sowie die Fußrücken und

Schenkel ähnliche narbenartige Merkmale. Der Masarwa--in selteneren

Fällen der Makalahari--der kaum mehr als ein kurzes Fellstück, über die

Schulter geworfen hat und zuweilen außer einem kleinen aus Elandfell

gearbeiteten Schildchen nichts zu seinem Schutze mit sich trägt, ist

gegen die Kälte sehr empfindlich. Statt sich nach Betschuanasitte ein

umzäuntes Höfchen zu machen und hier oder nach jener der Koranna's in

der Hütte selbst ein Feuer anzuzünden, entzündet er das seine stets im

Freien und sucht sich dann so rasch wie möglich zu erwärmen; er rückt

dem Feuer so nahe wie möglich und schläft hockend mit auf die Kniee

gesunkenem, zwischen die Arme gepreßtem Kopfe ein, daher sind dann auch

die vorderen Unterschenkelflächen dieser armen Geschöpfe denen des

Metatarsus der paarenden Straußenhähne nicht unähnlich gefärbt.

Berichtet man von dem Buschmann der Colonie, daß er die Haut des Wildes

benützt, um sich demselben bis auf Treffweite seines Pfeiles zu nähern,

so benützt der Masarwa einen kleinen dichten Busch als Deckung, d.h. den

Busch mit der einen Hand vor sich hinhaltend und vorschiebend, um in

kriechender Stellung seine Opfer zu beschleichen. »Eines Abends,«

erzählte ein mir wohlbekannter Jäger, »saß ich allein an meinem Feuer in

einer der weiten Ebenen des Mababifeldes. Vor mir lag die Ebene, das

Gras war noch jung, kaum zwölf Zoll hoch. Ich rauchte und blickte auf

die Ebene hinaus; vor mir hob sich hie und da ein kleiner Busch empor.

Als ich nach einer Weile wieder aufsah, schien es mir, als ob sich der

eine Busch an einer Stelle befände, an welcher ich zuvor keinen

erblickt, d.h. kaum 50 Schritte vor mir. Ich fixirte das Object, doch

mehr denn eine Viertelstunde verrann und noch immer stand der Busch an

seiner Stelle. Ich hielt das ganze für Sinnestäuschung und kehrte mich

zum Wagen--doch wer beschreibt meine Ueberraschung, als ich mich nach

einigen Minuten zufällig umwandte und etwa 20 Schritte vor mir einen

Masarwa erblicke.«

Bei den Wassertümpeln angelangt, fühlte ich mich bedeutend wohler.

Unsere Haltstelle, wo ich uns eine mehrtägige Rast gönnen wollte, schien

vor einem Jahre, oder doch während dieser Zeit von Jägern bewohnt

gewesen zu sein. Einige Hufe von Zebra's, welche mit Auswüchsen, durch

Wespenmaden hervorgebracht, wie mit Zoten dicht überwachsen waren, sowie

Bruchstücke von Kudu- und Bläßbockhörnern, gestreifte Gnuschädel, ein

Giraffen- und ein beschädigter Nashornschädel, und Reste einiger

Grashütten wiesen deutlich darauf hin. Unsere Masarwa-Führer betätigten

meine Vermuthung und theilten mir mit, daß hier Bakwena's (die Herren

des Landes) unter der Anführung eines Sohnes Seschele's, d.h. des

königlichen Prinzen mit mehreren Pferden gejagt und nebst einigen

Straußen einen großen Wagen mit Fellen und Fleisch beladen nach

Molopolole zurückgebracht hätten.

Nachdem wir uns alle gelabt und erfrischt hatten, konnten wir endlich

daran denken, den Tag der Jahreswende zu feiern. Es geschah dies nicht

ohne jedes Ceremoniell, ein Toast auf das Wohl des Kaisers von

Oesterreich schloß die Feier des Neujahrstages 1874 im Herzen der

südafrikanischen Wildniß. Erstaunt sah uns der Masarwa an, er sah uns in

die Lüfte sprechen und frug Pit, ob wir zu unserem Morimo geredet

hätten.

Gegen Abend fühlte ich mich so weit hergestellt, daß ich sogar einige

hundert Schritte weit in die Büsche gehen konnte, wobei mir ein

undurchdringliches dichtes Gehölz nahe an der Stelle, wo der nach Westen

zu führende Weg plötzlich nach Norden sich wendet, durch seine Höhe

auffiel. Gruppenweise fanden sich in diesem Walde zwischen Molopolole

und Schoschong bis zu 60 Fuß hohe Bäume. Eine der Acacia horida äußerst

ähnliche Art war besonders häufig vertreten. Alte Stämme waren

niedergefallen, lagen theilweise zwischen den zerschmetterten, schwarz

berindeten Aesten gebettet, theils lehnten sie an anderen, sich noch

kräftigen Gedeihens erfreuenden und bildeten mit den vielen neu

aufsprossenden Bäumen, dem anderweitigen Gebüsch, sowie den durch den

Moder der absterbenden Bäume beförderten reichen Pflanzenwuchs dichte,

oft undurchliche, wenn auch beschränkte Urwaldpartien in dem

unabsehbaren, tiefsandigen Niederwalde. Bei der herrschenden Dunkelheit

hielt ich es nicht für gerathen, in das oberwähnte Gehölz einzudringen,

trotzdem mich ein mehrstimmiges Perlhuhngegacker anlockte.

Nachdem ich sie reichlich beschenkt, entließ ich die beiden

Masarwa-Führer und ließ ihrer Mahnung entsprechend, sechs große Feuer um

unser Lager anzünden, um die hier zahlreich herumwandernden Raubthiere

abzuhalten. Ohne Ahnung, daß der folgende Tag für mich einer der

ereignißreichsten und zugleich trübsten während meines siebenjährigen

Aufenthaltes werden sollte, verfiel ich bald darauf in einen

wohlthätigen Schlummer. Später als ich es sonst gewohnt war, wachte ich

durch ein unnatürliches Kältegefühl auf, welches durch eine von der

Wärme angelockte und wohl irgendwo unter den zahlreichen umliegenden

Thierschädeln wohnende kleine Schlange verursacht worden war. Die Sonne

stand schon hoch und am Feuer saßen Besucher aus dem gestern von uns

wahrgenommenen Dorfe. Ich erkannte sie an dem Bakwena, der das Wort

führte. Der Mann hatte einige Pallahfelle, einige weiße, doch nicht

besonders feine Straußenfedern und einen etwa neun Pfund schweren

Elephantenzahn mitgebracht, der deutliche Spuren trug, daß er von einem

der Thiere »verloren«, durch lange Jahre irgendwo im Grase gebleicht

hatte, bevor ihn der Zufall dem Bakwena oder einem seiner Masarwa-Diener

in die Hände gespielt hatte.

[Illustration: Verirrt.]

[Illustration: Von Masarwa's gestörtes Löwenmahl.]

Gegen Mittag schulterte ich das in Moschaneng erstandene Doppelgewehr,

nahm 12 Patronen mit und schlug eine westliche Richtung ein, um unseren

Tisch mit frischem Wildfleisch zu versehen. Etwa 700 Schritte vom Wagen

stieß ich auf Gnu's und nach weiteren 1000 Schritten, nachdem ich diese

in Süd- bei West-Richtung verfolgt, auf quer über meinen Pfad nach

Norden führende, frische Giraffenspuren. Ich verließ sofort die zuerst

eingeschlagene Richtung und folgte den Giraffen, die, etwa 20 an der

Zahl hier ihren Weg genommen haben mußten. Nach einer Stunde Weges

theilten sich die Spuren, ich folgte den zahlreicheren, die nach

Nordwest zu führen schienen. Der Rasen wurde dicht ohne hoch zu sein,

die Spuren wurden immer undeutlicher, trotzdem fand ich an einigen

abgebrochenen Zweigen deutliche Merkmale, daß hier die Thiere noch vor

einigen Stunden geweidet haben mußten. Die Gegend war derselbe

Niederwald, doch nur stellenweise dichter, und bestand aus geringen

Senken und ebenso unbedeutenden sandigen Bodenerhebungen. Seitdem ich

die abgebrochenen Zweige wahrgenommen, hatte ich weniger die Richtung im

Auge behalten und als ich bei meinem Suchen drei Meilen zurückgelegt,

hatte ich dieselbe vollkommen verloren. Während ich mich zu orientiren

versuchte, fühlte ich mich recht matt und abgeschlagen, dabei mächtigen

Hunger, das Aergste von Allem jedoch war, daß es in meinem Kopfe wohl

durch den Einfluß der brennenden Sonnenhitze wie in einer Mühle sauste

und sich stechende Schmerzen in den Schläfen einstellten. Ich war so,

ohne es zu wissen, zweimal im weiten Bogen zurückgegangen und mußte mich

höchstens fünf Meilen weit vom Wagen befinden, doch in meiner Verwirrung

und von unsäglichem Kopfschmerz geplagt, schlug ich die entgegengesetzte

Richtung ein und ging so rasch es meine Müdigkeit nur gestattete, gerade

nach Nordnordwest. War der Kopfschmerz die Ursache, oder war ich so matt

und meine Sinne durch die große Hitze so abgestumpft, ich kann es mir

selbst heute nicht erklären, daß es mir in dieser Zeit, als ich schon

die Giraffenspuren verlassen und den Heimweg angetreten zu haben wähnte,

nicht einfiel, das goldene Himmelsgestirn anzusehen, nicht eher, als bis

es sich schon zum Untergange neigte und die langen Schatten der Bäume

das Ende des Tages anzeigten.

Da schlug ich eine südöstliche, dann aber eine östliche Richtung ein, um

den von Molopolole nach Schoschong führenden Weg zu treffen. Allein als

ich zu diesem Entschlusse gekommen war, hatte auch meine Abmattung den

Gipfelpunkt erreicht und ich konnte kaum 20 Schritte gehen, ohne

ausruhen zu müssen. Der Durst quälte mich entsetzlich. In der Hoffnung,

daß ich vielleicht dem Wagen näher war als ich es vermuthen konnte, oder

aber um die Aufmerksamkeit zufällig in der Nähe jagender Masarwa's auf

mich zu lenken, feuerte ich acht Schüsse ab und horchte mit größter

Spannung auf den Erfolg meines Nothsignals. Doch Alles blieb stille.

Mit Anstrengung und der Wunden nicht achtend, die mir das Erklimmen

eines Dornbaumes verursachte, feuerte ich nochmals von seiner Spitze

zwei Schüsse ab, vielleicht wurde ich nun gesehen, doch wie weit mein

wirrer Blick auch reichte, keine Bewegung in den Büschen, kein

Gegenstand zu erblicken, der mir Hilfe hoffen ließ. Nun sank mir der

Muth. Ich fühlte mich außer Stande, einige Meilen weiter zu gehen. Die

letzten beiden Schüsse konnte ich doch nicht aufopfern, ich fühlte mich

so schwach, daß mir das Tragen des Gewehres zur Last wurde und hätte es

wegwerfen mögen. All' dies wohl die Folge der heutigen Anstrengungen,

des Unwohlseins und der Unfälle, die mir Tags zuvor zugestoßen waren.

Was nun thun! Schreien! Ja, Schreien, ich begriff nicht, daß mir dies

nichts helfen, höchstens wilde Thiere anlocken würde. Ich kroch auf

einen Termitenhügel und schrie aus Leibeskräften. Es währte nicht lange

und ich hatte mich--ohnehin derart abgemattet, daß ich mich mit

aller Macht an den Termitenbau anklammern mußte, um nicht

herunterzugleiten--heiser geschrieen. Als ich mich zur Erde gleiten ließ

und hier neben dem Gewehre lag, brach ich, durch die glühende Sonne und

die gänzliche Ermattung wie sinnesverwirrt, in ein Gelächter aus. Es kam

mir selbst sinnlos vor, in dieser Wildniß, in der weit und breit im

Umkreise keine menschliche Seele zu treffen war, auf solche Weise

Rettung zu suchen. Das krampfhafte Lachen hatte einen krampfhaften

Husten zur Folge und dieser führte mich wieder zur Besinnung zurück.

Der in mir wühlende Durst drohte mir den Rest meiner Kräfte zu rauben,

vergebens sah ich mich nach Blättern um, deren Feuchtigkeit meinen

brennenden Lippen Kühlung gewähren konnte, die einen waren dürr, die

anderen mit Wollhaaren bedeckt; mechanisch griff ich nach den Blättern

eines mir unbekannten Busches und führte sie an die Lippen, doch auch

sie waren--Ironie des Schicksals--gallbitter. Noch einige Schritte und

ich ließ das Gewehr fallen, Blitzartig durchzuckte mich jedoch bald

nachher der Gedanke, daß ich damit meinen einzigen Schutz, meinen besten

Freund geopfert und mit Aufgebot aller Kräfte schleppte ich mich zur

Stelle zurück und hob das Gewehr, das noch zwei Schüsse barg, auf. Was

war ich ohne Waffe in dieser Wildniß--ein wehrloses Opfer hungriger

Hyänen!

Meine letzte Hoffnung war darauf gerichtet, mit einem der Schüsse ein

kleines Feuer zu entzünden, unter dessem Schutze ich die Nacht überleben

konnte. Doch auch dieses letzte Auskunftsmittel versagte, die dürren

Aeste fingen kein Feuer. Nun ergriff mich nackte Verzweiflung, wie im

Fieberwahnsinn jagten die tollsten Gedanken durch mein erhitztes Gehirn,

Verwünschungen drängten sich auf die Lippen und mechanisch griff ich

nach dem Gewehre.

Ich fühlte nun vollends meine Kräfte schwinden und erinnere mich nur

noch, daß ich auf die Knie fiel, beide Hände ausstreckte und wie sich in

diesem Momente eine schwarze Gestalt vor mir auf die Erde warf, an mich

herankroch und mich erfaßte. Ich war gerettet--gerettet durch einen

Masarwa, der viele Meilen weit von Westen her auf dem Wege zu der

gestern passirten Niederlassung begriffen war, um seine Genossen zu

holen, denn er hatte früh am Morgen weit von hier ein Gnu erlegt.

Ein labender Trunk hätte mich nicht mehr elektrisiren konnen als diese

Erscheinung. Er richtete mich auf und als ich mit den Fingern nach dem

Munde wies, daß ich durstig sei, da holte er aus seinem Ledersacke am

Rücken eine Handvoll Beeren und preßte sie mir in die Hand. Als ich sie

geschluckt und mich an ihrem süßlichen Saft gelabt, fühlte ich mich wie

verjüngt. Nun trachtete ich ihm mit dem Namen Koloj begreiflich zu

machen, daß ich zum Wagen gehen wolle, Koloj ist kein Setschuana-Wort,

doch bei den Betschuana's, ihren Vasallen und den Makalaka's etc.

eingebürgert. Mein Retter grinste mich an und wies nach Südost;

»Pata-Pata« meinte er. Dies ist unter diesen Stämmen der aus dem

Holländischen entnommene und verunstaltete Ausdruck für einen Weg, den

ein Wagen befahren kann, und ich konnte nur nicken, um ihm meine

Befriedigung auszudrücken. Mich erhebend, versuchte ich zu gehen und der

Mann, obwohl kleiner als ich, stützte mich; er nahm mein Gewehr und

schulterte es mit seinen drei Assagaien auf die linke Schulter, während

er mir die rechte als Stütze bot. Allmälig kehrten meine Kräfte zurück

und wenn auch nur äußerst langsam und nach längeren Ruhepausen--aber es

ging vorwärts.

Als die Sonne unter den Horizont gesunken war, befanden wir uns am

Fahrwege. Im Osten zeigte der Himmel eine dunkle Färbung, dort blitzte

es und dumpf grollte der Donner zu uns herüber. Die Atmosphäre war

kühler geworden und obgleich noch immer warm, schauerte ich doch unter

dem Hauche des leisen Windes, der aus Nordosten durch die Bäume strich.

Ich war in Schweiß gebadet und mein Hemd (ich hatte die Jacke im Wagen

zurückgelassen) klebte am Körper. Nach einer halben Stunde Ganges wollte

ich mich niedersetzen, doch mein Begleiter ließ es nicht zu. Kurz darauf

ging er links vom Wege in die Büsche, ich wollte ihm nicht folgen, es

war ja eine verkehrte Richtung, die er einschlug. Da wies er auf den

Mund und ahmte einen schlürfenden Laut nach. »Meci? (Wasser)« frug ich.

»E-he, E-he! (ja, ja)« antwortete er mit einem Kopfnicken und Grinsen

und ich gehorchte.

Nahe am Wege in einer kleinen Sandvertiefung lag eine kleine von

Eingebornen ausgegrabene, mit schlechtem Pfützenwasser gefüllte, doch

mir sehr willkommene Grube. Gnu's hatten die Stelle kaum eine Stunde

zuvor besucht und sich mit demselben Naß ihren Durst gestillt. Kaum

hatte ich mich von dem Pfuhle erhoben, bedeutete mir der Masarwa ihm zu

folgen, indem er nach dem Gewitter im Osten wies; die Dunkelheit war

schon eingebrochen als wir vom Wege abbogen, und beinahe zur selben Zeit

brach auch der Sturm los. Bald fiel der Regen in Strömen, die großen

Tropfen schienen mir wie Schloßen und erzeugten, auf meinen schwitzenden

Leib fallend, ein höchst unangenehmes Gefühl von Abmattung und

Kraftlosigkeit.

Mein Führer hatte sein kleines Ledermäntelchen um mein Gewehr geschlagen

und auf meinen Retter gestützt, ging es, stellenweise bis an die Knie

durch das Wasser watend vorwärts. Endlich hörte ich die Hunde anschlagen

und kaum hatte man mich erblickt, kamen E. und B. auf mich zu gelaufen

und schalten mich wegen der Besorgniß, die ich ihnen mit meinem

Ausbleiben bereitet hatte. Sie ahnten wohl nicht, wie es mir ergangen.

Nun, da ich wieder im Innern meines Wagens geborgen war, erwachten

wieder alle Lebensgeister. Ich bat sie, den Masarwa zu bewirthen und ihn

bei Pit am Feuer schlafen zu lassen. Ein kräftiger Imbiß und ein

mehrstündiger tiefer Schlaf hatten mich so weit hergestellt, daß ich

mich schon am nächsten Morgen ohne Stütze bewegen konnte.

Da nach Aussage des uns begleitenden Bakwena's der direkte Fahrweg in

Folge des heftigen Regenfalles schwer passirbar geworden, schlugen wir

am folgenden Morgen (am 3. Jänner 1874) einen etwas weiteren Seitenweg

durch die Büsche ein. Schon nach einigen hundert Schritten stießen wir

auf eine verendete Deukergazelle, welche in der verflossenen Nacht von

einer Hyäne getödtet worden war. So unglaublich es mir auch schien, die

von den Masarwa's verfolgten Spuren ließen keinen Zweifel darüber

aufkommen, daß die schlanke Gazelle dem plumpen unbeholfenen Raubthiere

zum Opfer gefallen war.

Nicht weit vom Wege trafen wir die Reste--einer amerikanischen Pumpe.

Ein größeres Räthsel konnte uns nicht aufstoßen--unsere Führer konnten

uns darüber keinen Anschluß geben, d.h. sie wollten oder durften es

nicht. Nicht eher als in Schoschong wurde mir das Räthsel gelöst.

Seschele hatte, als die Händler noch die directe, sehr wasserarme Route

nach Schoschong frequentirten (gegenwärtig wird zumeist der wasserreiche

Weg über die Dwarsberge und längs des Marico und Limpopo eingeschlagen),

aus diesem Umstande Profit ziehen wollen, und sich deshalb durch einen

der in seiner Stadt wohnenden Händler eine amerikanische Pumpe von Port

Elizabeth bringen und an jener Stelle einsetzen lassen. Hier hatten

Makalahari für die nach dem Innern reisenden Jäger, Händler etc. Wasser

auszupumpen und jene dafür an den König eine Abgabe zu bezahlen. Da

jedoch eine amerikanische Kettenpumpe den Makalahari's etwas

Ungewöhnliches war und von ihnen trotz aller Instructionen unrichtig

behandelt wurde, so währte es nicht lange und sie versagte den Dienst.

[Illustration: Trinkende Masarwa's.]

Freund Eberwald, der dem Wagen vorausging, um demselben den Weg durch

die Gebüsche anzuweisen, kam plötzlich athemlos zum Wagen

zurückgelaufen. »Kommt rasch, nehmt Eure Gewehre, verseht sie mit

frischen Zündhütchen, allein rasch, sonst verlieren wir ein schönes

Stück Wild, das heißt Sie, Doctor, einen sehr schönen Balg. Wir folgten

ihm alle, auch die Masarwa's. Hundert Schritte vom Wagen entfernt, war

Eberwald plötzlich im hohen Grase auf einen Leoparden gestoßen. Das

Thier sprang auf, fauchte und fletschte ihn an, machte einen Sprung und

duckte sich weiter abwärts einige 30 Schritte vor ihm im hohen Grase

nieder. Da Eberwald nur mit Schrot geladen hatte, wollte er sich nicht

zu einem Schusse auf das Thier erkühnen und holte Succurs. An Ort und

Stelle angekommen, konnten wir jedoch nichts wahrnehmen, einer der

Masarwa warf seinen Speer nach der deutlich bezeichneten Stelle, doch

nichts regte sich. Ich ließ die Hunde holen, doch da ich den Haß kenne,

mit dem sich diese beiden Thiere stets verfolgen und Niger, der immer

dem starken Onkel voraus war, dabei leicht zu Schaden kommen konnte,

hielt ich und Pit die Hunde an der Leine, während B. mit einem Masarwa

als Wächter am Wagen zurückblieb. Bellend nahmen die Hunde die Spur auf,

welche geraden Weges auf das hohe dichte Gehölz zuführte, welches ich

bereits Abends zuvor bemerkt hatte. Doch der Leopard war verschwunden,

in dem dichten Buschwerk war er übrigens vor Entdeckung sicher.

[Illustration: Begegnung mit einem Leoparden.]

Im weiteren Verlaufe unseres heutigen Marsches, der des aufgeweichten

Bodens halber sehr beschwerlich war, begegneten uns Masarwa's, welche

mit Honig beladen heimkehrten. In Wäldern folgen sie dem Honigvogel, auf

der Grasebene und da, wo nur niederes Gebüsch zu treffen ist, dem Fluge

der von den Wasserstellen heimkehrenden Bienen. Die Thiere folgen eines

dem andern der Richtung nach ihrem Bau und leiten auf diese Weise die

Honigsucher zu ihrem Neste. Ist der Eingang zum Bau (meist eine Höhlung

im Baume) entdeckt, trachtet man die Bienen auszurauchen und sich dann

des Honigs zu bemächtigen. Für ein etwa 1½ Zoll langes, fingerdickes

Tabakstückchen erstand ich mehr denn einen halben Liter Honig.

Der Weg wurde auch am folgenden Tage nicht besser, an den sumpfigen

Stellen trafen wir zahlreiche Schildkröten-Leichen. Zu den dem Auge

wohlgefälligsten Schlingpflanzen Süd-Afrika's gehören unstreitig einige

der gurkenartigen Gewächse. Auch auf der heutigen Fahrt beobachtete ich

welche, die sich an Büschen emporschlangen, von denen sie durch ihre

gelappten, schönen bläulichgrünen Blätter, namentlich aber durch ihre

mehr denn daumenstarken und lang herabhängenden, unreif

hellbläulichgrünen, weiß gescheckten, reif scharlachrothen Früchte

deutlich abstechen. Eine solche Staude trägt oft drei bis sieben, ja bis

zehn Früchte, von denen selten drei in gleichem Entwicklungsstadium

stehen. Zumeist fand ich das herabhängende Ende der Frucht

scharlachroth, den dem Stengel zugekehrten Theil jedoch noch grün und

den dazwischen liegenden im allmäligen, oder auch plötzlichen Uebergang

von bläulichgrün oder hellgrün zu gelb, orange und röthlichgelb. Während

der Nacht begegnete uns ein Händler, der mit Elfenbein, Straußenfedern,

Carossen und ungegerbten Thierhäuten über Molopolole und weiter südwärts

nach der Cap-Colonie fuhr.

Auch am 5. Jänner blieb der Weg tiefsandig, der Wald wurde immer lichter

und endlich gelangten wir auf eine große, blos stellenweise mit Büschen

bewachsene Grasebene. Ich erbeutete auf derselben eine 4½ Fuß lange

giftige, von mir bisher noch nicht beobachtete Schlange. Was mir

besonders während der heutigen Fahrt auffiel, waren die zahlreichen,

nicht blos in den nächstanliegenden südlichen Strichen, sondern auf

weite Flächen hin einzeln auftretenden hohen, bald pyramiden-, bald

kegel- und kegelstutzförmigen, sowie auch säulenförmigen, bis zu vier

Meter hohen, graulichweißen Termitenhügel, welche sich in dem hohen

Grase freistehend oder sich oft an ein kleines, dichtes Gebüsch

anlehnend, gleich Monumenten emporhoben.

Nachdem wir etwa weitere 11¼ Meilen zurückgelegt hatten, sahen wir

einen nur mit zwei Assagaien und einer Holzaxt bewehrten, mit einem

Lederschürzchen bekleideten Makalahari auf uns zukommen. Nach Wasser

befragt, erbot er sich unsere Thiere zu einem etwa drei Meilen

entfernten Tümpel zu führen. Unterdessen ließ ich unser Nachtlager

aufschlagen.

Hundegebell schreckte mich aus dem Schlafe auf; aus dem Wagen

hervortretend, fand ich mich zwei Eingebornen gegenüber, die mich mit

einem Redeschwall in der Setschuana begrüßten, von dem ich nicht ein

einziges Wort verstehen konnte. Ich weckte Pit und erfuhr von ihm, daß

ich zwei Bamangwato's, beide Unterthanen Sekhomo's, vor mir habe, wovon

einer des Königs Abgesandter, eine Art Polizist, und der zweite ein

»betrübter Vater« sei, der seinen entlaufenen Sohn, den er »Kind«

titulirte, suche. Der Ungehorsame, der sich schon die »männlichen«

Sandalen zu tragen berechtigt glaubte, hatte Schoschong und den Seinen

heimlich Valet gesagt und sich dann am vorigen Tage einem

vorüberziehenden Händler als Diener verdungen. Der besagte Vater frug

nun, ob und wo wir sein »Kind« und den Weißen gesehen, dem es

nachgelaufen, er müsse es zurückbringen, zu welchem Zwecke er den mit

einer Donnerbüchse bewaffneten Vertreter der Behörde mitgenommen.

Nachdem sie den gewünschten Bescheid erhalten, verließen uns die

Verfolger raschen Schrittes. Einige Tage später, als ich bereits in

Schoschong weilte, kam ein ältlicher Mann mit einem etwa

vierzehnjährigen Jungen zu mir, mich freundlich und im vertraulichen

Tone begrüßend. Pit kam meinem Gedächtnisse zu Hilfe. »Erkennst Du ihn

nicht, Herr?« warf mein Griqua ein. »Es ist der Alte, der jene Nacht an

uns vorbeirannte, um sein entflohenes Kind zu suchen. Das ist das Kind,

er kommt es Dir zu zeigen.«

[Illustration: Bamangwatoknabe.]

Der 6. Jänner war wieder ein durch mancherlei Unfälle ausgefüllter Tag.

Kaum hatte ich mich von einem Stoße erholt, den mir eines unserer

unbändigen Zugthiere versetzte, als mich Monkey in den Daumen biß, da

ich eben daran war, die durch Sturm und Regen beschädigte Deckleinwand

des Wagens in Stand zu setzen. Spät Nachmittags begegneten wir auf die

Jagd ziehenden Bamangwato's, welche uns auf die Nähe der Stadt

Schoschong aufmerksam machten.

Nach einer 1½stündigen Fahrt langten wir in dem großen, flachen Thale

eines Flusses, in den sich zur Regenzeit der Schoschon als linkes

Nebenflüßchen ergießt und bei den Feldern der Bamangwato's an. Dieses

Thal scheidet die Bamangwatohöhen in eine nördliche und eine südliche

Partie, von welchen die südliche durch einige Höhenketten charakterisirt

wird, welche ihrerseits wieder durch Querthäler untereinander getrennt

werden. Die nördliche Partie bildet ein sehr interessantes, von

zahlreichen Parallel- und Querthälern durchzogenes Höhennetz, von denen

das des Schoschon- und Unicorn-Flusses zu den bedeutendsten gehören;

Hochplateaus auf den abgeflachten Höhen, kegelförmige kleine Kuppen,

die hie und da aus diesem emporsteigen und aus großen Blöcken

gebildet werden, Felsenthore etc. charakterisiren das nördliche

Bamangwato-Höhennetz. Mit dem schon erwähnten Höhenrücken am Limpopo und

durch diesen mit dem Central-Gebirgsknoten im Marico-District sind die

Bamangwatohöhen durch einige kegelförmige Berge verbunden; die nördliche

Partie der Bamangwatohöhen hängt durch die Tschopokette mit dem

nördlichen Central-Gebirgsknoten des Matabele-Reiches zusammen. Dieses

für die Geschichte der Bamangwato's bedeutende Thal--die wichtigsten

geschichtlichen Episoden dieses Stammes spielten sich darinnen

ab--erlaubte ich mir »Franz Josef-Thal«, sowie den höchsten Punkt des

Höhennetzes »Franz Josef-Kuppe« zu benennen.

Ich zog am 8. Jänner zum ersten Male in Schoschong ein. Da meine

Provisionen sehr abgenommen hatten und ich nicht im Stande war, neue mit

barem Gelde zu erstehen, da ich ferner keinen Diener miethen konnte und

bestrebt sein mußte, mich in drei Monaten auch wieder in den

Diamantenfeldern einzufinden, um bei meinen früheren Kranken nicht

vollkommen in Vergessenheit zu gerathen und die Mittel für die dritte,

_die eigentliche Reise_ zu gewinnen, so wurde Schoschong der _fernste

nördliche Punkt_ meiner zweiten Versuchsreise und ich wandte mich von

hier nach einem längeren Aufenthalte, den ich im Folgenden näher

beschreiben will, wieder nach dem Süden.

Sieben Jahre in Süd-Afrika. Erster Band. Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von den Diamantenfeldern zum Zambesi (1872-1879). · 第 26 / 37 题