Ein Zufall führte N. S. Lěskov der Literatur zu. Da seine Familie
infolge wiederholter großer Feuersbrünste, die nahezu ihren gesamten
Besitz zerstörten, verarmt war, konnte er die bereits begonnenen
Universitätsstudien nicht vollenden und sah sich gezwungen, sich einen
praktischen Beruf zu erwählen. Im Auftrage seines Verwandten, des
Engländers Scott, in dessen Dienste er getreten war, bereiste er in
geschäftlichen Angelegenheiten Rußland und machte auch einige
Auslandsreisen. Die Reiseberichte, die er an seinen Auftraggeber
richtete, gefielen dem Schriftsteller Selivanov, der zufällig von ihnen
Kenntnis erhielt, derart, daß er die literarischen Kreise auf den
begabten jungen Mann aufmerksam machte.
Lěskov war nahe an die Dreißig,[1] als in einer Petersburger
Zeitschrift seine erste Arbeit erschienen, ein Schreiben, in dem er über
die unmäßig hohen Preise Klage führt, zu welchen die Buchhändler in Kiev
das damals soeben zum erstenmale in russischer Sprache erschienene
Evangelium verkaufen. Der warme Ton, in dem das Schreiben gehalten war,
erregte allgemeine Aufmerksamkeit und machte den angehenden Literaten
rasch bekannt. Bereits in den ersten Sechzigerjahren erschienen zumeist
in Petersburger Monatsschriften und Sammelwerken die ersten
novellistischen Arbeiten und Romane dieses Autors, der neben Gogol,
Gončarov, Tolstoj, Dostojevskij, Pisemskij, Saltykov und Ostrovskij
zu den hervorragendsten Repräsentanten des russischen Schrifttums des
neunzehnten Jahrhunderts zählt, wie wohl er selbst in seiner Heimat auch
heute noch nicht nach Gebühr geschätzt wird.
Daß diesem originellen, reichbegabten und seinen Beruf ernst
auffassenden Schriftsteller solange die ihm gebührende Anerkennung
versagt wurde, daran ist in erster Reihe die politische Gesinnung
Lěskovs schuld, der, ursprünglich liberal, sich später (ebenso wie
Pisemskij und Turgeněv) gegen die Auswüchse und Übertreibungen der
radikalen Richtung erklärte und durch Romane, in denen er die neuen
Strömungen karrikierte (»Nekuda«, »Na nožach« und »Obojdennie«), sich
den glühenden Haß der Jugend zuzog. Er wurde auch beschuldigt, in den
Diensten der Polizei zu stehen und ein Verräter und Spion zu sein. Es
braucht wohl nicht erst bemerkt zu werden, daß alle diese
Beschuldigungen im höchsten Grade ungerecht waren und auch nicht ein
Fünkchen Wahrheit enthielten, aber sie genügten, um Lěskov beim
Publikum verhaßt zu machen. Nur nach und nach ist es dem Autor, der sich
in seinen tendenziösen ersten Romanen unstreitig zu Übertreibungen hatte
hinreißen lassen, gelungen, die Gunst eines weiten Leserkreises zu
gewinnen.
[Fußnote 1: Nik. Semenovič Lěskov wurde am 4. Feber 1831 im Dorfe
Gorochov (Gouvernement Orlov) als der Sprosse einer adeligen Familie
geboren, von deren Mitgliedern mehrere Geistliche waren. Nach dem jähen
Abbruch seiner Universitätsstudien trat er zunächst in den Justizdienst
ein, um später einen Posten bei der Finanzdirektion in Kiev anzunehmen.
Dann war er eine Zeitlang als Verwalter der Scottschen Güter tätig,
widmete sich jedoch frühzeitig einzig und allein der Literatur. Er
übersiedelte im Jahre 1861 nach Skt. Petersburg, wo er am 21. Feber 1895
verschied.]
Diesen Erfolg, der umso mehr bedeutet, als, wie gesagt, die gesamte
öffentliche Meinung lange Zeit hindurch gegen ihn voreingenommen war,
erreichte er durch die Wahrheitsliebe, die aus allen seinen Werken
sprach, durch die Originalität und Bodenständigkeit derselben, sowie
durch den Gerechtigkeitssinn und den tiefen sittlichen Ernst, der sich
in seinen Arbeiten äußert. Er ist ein Altruist im besten Sinne des
Wortes und er bringt allen, die da leiden, ein warmes Mitgefühl und
ungeheuchelte Sympathien entgegen. Besonders gelungen sind seine
Schilderungen aus dem Leben der russischen Geistlichkeit, deren
Verhältnisse er eingehend kannte und mit trefflicher Plastik schilderte.
In dieser Beziehung kann es von den russischen Schriftstellern nur noch
_A. Pečerskij-Melnikov_ mit ihm aufnehmen. Mit seltener Meisterschaft
hat er eine ganze Anzahl köstlicher Gestalten aus dieser
gesellschaftlichen Sphäre geschildert. Sein Hauptwerk, der Roman
»Soborjane«, ist gleichfalls dem Leben der Geistlichkeit entnommen.
Aber auch andere Schichten der russischen Gesellschaft liefern ihm
dankbare Vorwürfe für sein Schaffen, so jene der Kaufleute, der
Ökonomen, der Beamtenwelt. Lěskov kannte seine Menschen genau und war
mit allen Einzelheiten ihres Lebens vertraut und daher mag es kommen,
daß wir bei der Lectüre seiner Arbeiten den Eindruck gewinnen, als ob
sich uns eine ganz neue, uns bisher durchaus unbekannte Welt erschließen
würde. Sein psychologischer Scharfblick, sein kerniger origineller Stil
und die flammende Menschenliebe, die aus seinen Werken spricht, machen
ihn zu einem der bedeutendsten und eigenartigsten russischen
Schriftsteller, dem die Zukunft zweifelsohne die gerechte Würdigung, die
ihm die Mitwelt versagte, gewähren wird. Seine Stellung im neueren
russischen Schrifttum präzisiert der treffliche Kenner der Literatur
seiner Heimat, der Kritiker _Vengerov_, wie folgt: »Durch einige Seiten
seiner Begabung Ostrovskij, Pisemskij und Dostojevskij nah verwandt,
steht er keinem dieser großen Meister des russischen Wortes in Bezug auf
rein künstlerische Qualitäten nach. Kein einziger russischer
Schriftsteller verfügt über einen solchen Reichtum der Fabulierungkunst.
Mit diesem Reichtum ist die Koncentrirung der belletristischen Manier
Lěskovs eng verknüpft. Endlich findet man in der russischen Literatur
wenig Autoren, die es mit Lěskov in Bezug auf den Farbenreichtum und
die Originalität der Sprache aufnehmen könnten.«
Außer einigen größeren Romanen hat Lěskov eine große Anzahl Novellen
hinterlassen, die in künstlerischer Beziehung den besten
Hervorbringungen des neueren russischen Schrifttums beizuzählen sind und
wertvolle Beiträge zu einer näheren und tieferen Erkenntnis der
Verhältnisse Rußlands und der Sitten seiner Bewohner in der zweiten
Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bilden.