Mutter

(halblaut). Mein gutes Kind!

Hero.

Hörst du? Sie sprach. O süßer, süßer Klang,

So lange nicht gehört. O meine Mutter!

Priester (in den Hintergrund tretend, zu einem Diener).

Komm hier!

Vater.

Nun weint sie gar. Daß doch!--Was schaffst du, Bruder?

(Er geht nach rückwärts, die Hand dem gleichfalls dort stehenden

Tempelhüter auf die Schulter legend.)

Ah, du mein Ehrenmann?--Was schafft ihr da?

Priester. Ein Ringeltauber flog in diesen Busch,

Wohl gar zu Nest. Das darf nicht sein. He, Sklave,

Durchforsche du das Laub und nimm es aus!

Vater.

Wie nur? warum?

Priester. So will's des Tempels Übung.

Vater.

Doch jene--

Priester. Laß sie nur!

Vater. Sie reden.

Priester. Laß sie!

Hero (mit ihrer Mutter im Vorgrunde rechts).

Nun aber Mutter hemme deine Tränen,

Vielmehr sag deutlich was du fühlst und denkst.

Ich höre dich und folge leicht und gern;

Denn nicht mehr jenes wilde Mädchen bin ich,

Das du gekannt in deines Gatten Hause,

Die Göttin hat das Herz mir umgewandelt,

Und ruhig kann ich denken nun und schaun.

Auch--

Mutter. Kind!

Hero. Was ist?

Mutter. Sie sehn nach uns.

Hero. Ei, immer!

Im Tempel hier hat auch die Frau ein Recht,

Und die Gekränkten haben freie Sprache.

Doch ängstet dich ihr Aug', wohlan, so tret ich

Hin zwischen dich und sie. Kein Blick erreicht dich.

Nun aber sag, ob ich dich recht erriet:

Nicht gleichen Sinns mit deinem Gatten kamst du,

Und wäre dir der freie Wunsch gewährt,

Du führtest gar die Tochter mit dir heim

Aus ihres Glückes sturmbeschützter Ruh'

In deiner dunkeln Sorgen niedre Hütte?

Ist's also? Ist es wahr? Sprich nein, o Mutter!

Mutter.

Kind, ich bin alt und bin allein.

Hero. Allein?

Dir ist dein Gatte ja. Zwar er--? Ein reiches Haus;

Sind Dienerinnen, die dein sorglich warten.

Dann--Gute Götter, so vergaß ich denn

Das Beste bis zuletzt. Dir ist mein Bruder,

Der bringt die Braut ins Haus und dehnt sich breit,

Und gibt dir Enkel mit der Väter Namen.

Mutter.

Dein Bruder, Kind--

Vater (im Hintergrunde zum Sklaven).

Greif herzhaft immer zu!

Mutter.

Dein Bruder, Kind, ist nicht mehr unter uns!

Hero.

Wie, nicht?

Mutter. Nach manchem herben Leid,

Den Eltern doppelt schwer, verließ er uns,

Verließ die Braut, die sein in Tränen dachte,

Und zog dahin mit gleichgesinnten Männern

Auf kühne Wagnis in entferntes Land.

Zu Schiff, zu Roß? Wer weiß? wer kann es wissen?

Hero.

So ist er nicht mehr da? Nun doppelt gerne

Kehrt' ich mit dir nach Haus, seit kund mir solches.

Doch ist nicht er, sind da noch hundert andre,

Von gleichem Sinn und störrisch wildem Wesen.

Das ehrne Band der Roheit um die Stirn,

Je minder denkend, um so heft'ger wollend.

Gewohnt zu greifen mit der starren Hand

Ins stille Reich geordneter Gedanken,

Wo die Entschlüsse keimen, wachsen, reifen

Am milden Strahl des gottentsprungnen Lichts.

Hineinzugreifen da und zu zerstören,

Hier zu entwurzeln, dort zu treiben, fördern

Mit blindem Sinn und ungeschlachter Hand.

Und unter solchen wünschest du dein Kind?

Vielleicht wohl gar--?

Mutter. Was soll ich dir's verhehlen?

Das Weib ist glücklich nur an Gattenhand.

Hero.

Das darfst du sagen, ohne zu erröten?

Wie? und mußt hüten jenes Mannes Blick,

Des Herren, deines Gatten? Darfst nicht reden,

Mußt schweigen, flüstern, ob du gleich im Recht,

Ob du die Weisre gleich, stillwaltend Beßre?

Und wagst zu sprechen mir ein solches Wort?

Vater (im Hintergrunde).

Die Mutter flattert auf.

Mutter. O wehe, weh!

Sie haben mir mein frommes Kind entwendet,

Ihr Herz geraubt mit selbstisch eitlen Lehren,

Daß meiner nicht mehr denkend, harten Sinns,

Sie achtlos hört der Nahverwandten Worte!

Hero (von ihr wegtretend).

Ich aber will mit heiterm Sinne wandeln

Hier an der Göttin Altar, meiner Frau.

Das Rechte tun, nicht weil man mir's befahl,

Nein, weil es recht, weil ich es so erkannt.

Und niemand soll mir's rauben und entziehn.

(Mit starker Betonung.)

Wahrhaftig!

Der Sklave (der im Hintergrunde auf einem Schemmel

stehend, den Busch durchsucht, strauchelnd).

Ah!

Hero (umschauend). Was ist?

Mutter. So siehst du nicht?

Unschuldig fromme Vögel stören sie

Und nehmen aus ihr Nest. So reißen sie

Das Kind auch von der Mutter, Herz vom Herzen,

Und haben des ihr Spiel. O weh mir, weh!

Hero.

Du zitterst, du bist bleich.

Mutter. O seh ich doch

Mein eignes Los.

Priester (zu dem Diener, der das Nest in ein Körbchen

gelegt, auf dem oben die brütende Taube sichtbar ist).

Geh nur und trag es fort!

(Der Diener geht.)

Hero.

Halt du' und setz es ab, wenn's jene kränkt.

Gib sag ich!

(Sie hat dem Diener das Körbchen abgenommen.)

Armes Tier, was zitterst du?

Sieh, Mutter, es ist heil.

(Die Taube streichelnd.)

Bist du erschrocken?

(Sie setzt sich auf den Stufen der Bildsäule links im Vorgrunde

nieder, das Körbchen in den Händen; indem sie bald durch Emporheben

die Taube zum Fortfliegen anlockt, bald betrachtend und

untersuchend sich mit ihr beschäftigt.)

Priester (zum Diener).

Was ist? Befahl ich nicht?

(Der Diener weist entschuldigend auf Hero.)

Priester (zu ihr tretend). Bist du so neu im Dienst,

Daß du nicht weißt was Brauches hier und Sitte?

Mutter (rechts im Vorgrunde stehend).

Mein Herz vergeht. O jammervoller Anblick!

Priester (zu ihr hinübersprechend).

Nun also denn zu dir. Schwachmütig Weib,

Was kommst du her, zu stören diese Stunde?

Und staunst ob dem was du doch längst gewußt,

Der heil'gen Ordnung dieses Götterhauses.

Kein Vogel baut beim Tempel hier sein Nest,

Nicht girren ungestraft im Hain die Tauben,

Die Rebe kriecht um Ulmen nicht hinan,

All was sich paart bleibt ferne diesem Hause,

Und jene dort fügt heut sich gleichem Los.

Hero (die Taube streichelnd).

Du armes Tier, wie streiten sie um uns!

Priester.

Scheint dir das schwer, und zitterst du darob?

Was willst du? soll sie heim? Komm hier, und nimm sie!

Was braucht die Göttin dein und deines Kinds?

Nicht ehrt man hier die ird'sche Aphrodite,

Die Mensch an Menschen knüpft wie Tier an Tier,

Die Himmlische, dem Meeresschaum entstiegen,

Einend den Sinn, allein die Sinne nicht,

Der Eintracht alles Wesens hohe Mutter,

Geschlechtlos, weil sie selber das Geschlecht,

Und himmlisch, weil sie stammt vom Himmel oben.

Was braucht die Göttin dein und deines Kinds?

Geh hin und bette sie in Niedrigkeit,

In der du selbst, dir selbst zur Qual, dich abmühst.

Sie sei die Magd des Knechtes der sie freit,

Statt hier auf lichter Bahn, nach eignem Ziel,

Die einz'ge sie des dürftigen Geschlechts,

Ein Selbst zu sein, ein Wesen, eine Welt.

Allein du willst es, sie ist frei, hier nimm sie!

Bist du die Mutter doch! Du, Hero, folge!

Die Torheit ruft. Folg ihr als Mensch, als Weib!

Hero (aufstehend, zur Taube).

Da gilt es denn zu reden, kleines Ding!

(Das Körbchen dem Diener gebend.)

Du nimm's und trag es hin, und gib ihm Freiheit,

Die Freiheit wie das Tier sie kennt und wünscht.

(Diener ab.)

Du aber Ohm, schilt meine Mutter nicht,

Denn fromm ist ihre Meinung und sie liebt mich.

Uns andre laß nur schweigen, Stille, Gute!

Hat er doch recht und tut nur was ihm Pflicht.

Ich soll mit dir? Bleib du bei mir! O Mutter!

Wenn dich die Deinen quälen, komm zu mir.

Hier ist kein Krieg, hier schlägt man keine Wunden,

Die Göttin grollet nicht, und dieser Tempel

Sieht immerdar mich an mit gleichem Blick.

Kennst du das Glück des stillen Selbstbesitzes?

Du hast es nie gekannt; drum sei nicht neidisch!

Nein frohen Mutes folge mir zum Fest!

Heut stolz im Siegerschritt, und kommt der Morgen,

Einförmig still, den Wasserkrug zur Hand,

Beschäftigt, wie bisher, an den Altären;

Und fort so Tag um Tag. Willst du, so komm!

Sieh nur: sonst trag ich dich, denn ich bin stark.

Allein sie weicht. Sie lächelt. Siehst du Ohm?

(Halblaut.)

Gib nur das Zeichen nun. Du aber folge,

Die Zeit verrinnt, man rüstet schon das Fest.

(Im Gehen, tändelnd.)

Und siehst du erst den Schmuck, die reichen Kleider,

Und was man all mir Herrliches bereitet,

Du sollst wohl selbst--

(Ein paar Schritte voraus und dann zurückkehrend.)

Und eile mir ein wenig!

(Beide nach der rechten Seite ab.)

Vater.

Nun Bruder aber rasch--

Priester. Rasch, und warum?

Was lange dauern soll sei lang erwogen.

Wüßt' ich sie schwach, noch jetzt entließ' ich sie.

Vater.

Allein bedenk!

Priester. Zugleich bedenk ich wirklich,

Daß heilsam feste Nötigung der Abschluß

Von jedem irdisch wankem, wirrem Tun.

Du wähltest ewig unter Möglichkeiten

Wär' nicht die Wirklichkeit als Grenzstein hingesetzt.

Die freie Wahl ist schwacher Toren Spielzeug.

Der Tücht'ge sieht in jedem Soll ein Muß

Und Zwang, als erste Pflicht, ist ihm die Wahrheit.

(Zu den Dienern gewendet.)

Das Fest beginnt.

Naukleros' Stimme (hinter der Szene).

Hierher nur, hier!

Priester. Was ist?

Tempelhüter.

Zwei Fremdlinge, des langen Harrens müde,

Sie bahnen selbst durch Büsche sich den Weg.

- Kehrt ihr zurück?--Dieselben sind es, Herr,

Die heute morgens schon am Gittertor--

Auch dort von rückwärts wächst des Volkes Drang,

Das murrend nur erträgt die Zögerung.

Priester.

Weis jene dort zurück.

(Der Tempelhüter nach der linken Seite ab.)

Des Meeres und der Liebe Wellen: Trauerspiel in fünf Aufzügen · 第 6 / 18 题