Aber ich kann doch nicht ohne dich --

»Also, was willst du?«

Du bist unersättlich. Was hab ich dir getan?

»Frag nicht! Frag nicht!«

So will ich dir erzählen. Willst du?

»Von den sieben Prinzessinnen?«

Nein. Von einem Garten im Schwarzwald, wo ein kleiner Knabe mit einem

kleinen Mädchen unter den blauen Fliedern saß. Der Knabe hatte das Mädchen

lieb, und als sie beide größer geworden waren, an einem Abend im warmen

Juni, hingen sie mit roten heißen Lippen aneinander. --

»Weiter! Und dann --?«

Dann kam eine fremde schlanke Frau mit dunkelgroßen Augen, ganz wie du sie

hast. Die sang so schön und war so fremd und lockend, daß der Knabe sein

liebes Nachbarkind vergaß. Er ging mit der fremden Frau in ein anderes

Land, wo die Sterne größer und die Nächte blauer sind. Sie bauten sich ein

helles Schloß und darin einen Saal mit Porphyrsäulen, darin ein ewiger

Brunnen in eine bronzene Muschelschale klang. Dort sitzen sie nun bei dem

Brunnen und sehen den Mond im Wasser verleuchten. Sie haben kühle Hände

ineinander gelegt und reden kühle Worte zu einander, und ich glaube, daß

jedes von den beiden Heimweh hat. Wenigstens der Knabe, der inzwischen alt

und anders geworden ist. Ich weiß, daß er an seine Heimat denkt und daß

eine verjährte, knabenhafte Untreue durch sein Leben geht wie ein feiner

Sprung durch klares Glas.

»Das ist eine traurige Geschichte. Ist sie zu Ende?«

Noch nicht. Und ich glaube, der Schluß wird das traurigste sein. Glaubst du

nicht auch?

»Ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob der Knabe die fremde Frau noch

immer liebt.«

Man hat keine Nachricht darüber. Oder soll ich Ja sagen?

* * * * *

Die dritte Nacht.

Lege deinen blonden Kopf an meine Schulter, meine arme Muse! Ich sehe wohl

auf deiner schönen Stirne diese leisen, schwermütigen Linien, ich sehe wohl

beim Beugen deines Halses diese müde, kranke Bewegung, und ich vermag auch

wohl in dem feinen, feinen Aderspiel deiner klaren, weißen Schläfe zu

lesen.

Komm, weine nur! Das ist Herbst, das ist die letzte zitternde Mahnung der

unaufhaltsamen Jugendflucht. Du kannst sie auch in meinen Augen lesen, auch

auf meiner Stirn und auf meinen Händen steht sie geschrieben, tiefer als

auf deinen, und auch in mir ruft dieses peinigende, schluchzende Wehgefühl:

es ist zu früh, es ist zu früh!

Komm, weine nur! Wir sind noch nicht am Ende, wenn wir noch weinen können.

Wir wollen diese Tränen und diese Trauer mit aller eifersüchtigen Sorge

unserer Liebe bewachen. Vielleicht steht hinter diesen Tränen unser

Kleinod, unsere Poesie, unser großes Lied, auf das wir warten.

Unsere rosenroten Liebeszeiten sind vorüber, aber sie rühren noch mit so

viel zarten Fäden an uns -- laß ihnen ihr schmerzlich schönes

Vergangensein! Wir wollen ihnen mit Kosenamen und mit Liedern rufen, wir

wollen ihre hellen Erinnerungen wie scheue, geliebte Gäste durch Zartheit

und schonende Pflege festhalten. Auch wollen wir nicht mehr davon reden,

wie viele Frühlinge wir uns selber entblättert haben, ich und du; wir

wollen denken: Es hat so kommen müssen, und wir wollen nicht aufhören uns

zu schmücken und zu warten -- auf unser Lied.

Unser Lied! Weißt du noch, wie wir von ihm träumten, in jener ersten Zeit

unserer Liebe? Das war im Kloster, in jener prachtvollen Brunnenkapelle, wo

sich der Laut des fallenden Wassers so zart mit der klösterlichen

Schweigsamkeit der gotischen Kreuzgänge verflocht. Weißt du noch? Und jene

Abende! Die kühlen, mondhellen Abende jenes Spätherbstes, die so weich und

traumverzaubert auf den Dächern des Klosters lagen, und auf dem kahlen

Garten und über den duftigen, kühlen Bergen! Der Wind lief durch die

steinernen Fensterblumen und gewann Klang in den schwarzen Kreuzgewölben,

der Mondschein lief über die breiten Simse und über die weißen Dielen des

Oratoriums. Und ich erzählte meinem Freund Wilhelm in der verborgenen

Fensternische von der fernen dunklen Zeit, in welcher die Klöster und die

großen Dome aus der Erde wuchsen, und von den Stiftern, Rittern, Bauherren

und Äbten, deren bildnisgeschmückte Grabsteine drunten im Kreuzgang fremd

und gespenstisch im weißen Mondschein lagen. Ich hatte damals mehrere

Freunde, von denen Wilhelm mein Liebling war. Du sahest ihn oft mit mir,

zumal in solchen Mondnächten, und auch die andern: schlanke, begeisterte

Knaben wie ich selbst. Frag nicht, wo sie sind und was aus unserer

Freundschaft geworden ist! Auch jetzt hab ich Freunde, zwei, drei -- von

den damaligen ist keiner mehr darunter. Aber du bist noch da und liebst

mich noch, und bald oder spät, wenn auch die Freunde von heute tot oder

fremd sein werden und kein Mensch mehr von meiner Jugend mit mir plaudern

wird, wirst du noch immer bei mir sein, und mich zuweilen bitten, von den

vergangenen schöneren Zeiten zu reden. Dann werden wir auch an heute denken

und dieses traurige Heute wird uns wunderbar fern und lieb erscheinen wie

eine ferne kleine Jugend. Und vielleicht wird dann aus diesem

ferngewordenen, von Erinnerung verklärten Heute unser Lied aufsteigen.

Unser Lied!

Das Lied wäre dann ein weiches, duftiges Bild voll Zauber und Seele, aus

dessen dunkeltönigem Grund unsere Gestalten weich wie ein Traum mit

schwebenden Konturen hervortauchten, der schlaflose Dichter mit der in die

heiße Hand gestützten regen Stirn und an seine Schulter gelehnt der schöne,

müde Blondkopf seiner knieenden Muse. Und dieses eine, zarte Bild würde

allein übrig bleiben von meinem rastlosen Leben; lang nach meinem Tode noch

würden spätgeborene Freunde es betrachten und lieben. »Der arme Dichter!«

würden sie sagen und doch den armen Dichter um sein einziges unsterbliches

Bild und um seine blonde, unbeschreibliche, knieende Muse beneiden.

Du lächelst wieder? Küsse mich, meine blonde Muse! Küsse mich und verzeih

mir und dir um unseres Liedes willen alle Qual und allen Jugendraub, den

wir aneinander begangen haben!

* * * * *

Die vierte Nacht.

Warum willst du die alte Geschichte wieder hören? Ich hatte sie selbst fast

vergessen und das wäre für mich und für die Geschichte das beste gewesen.

-- Der verstorbene Dichter Hermann Lauscher lebte noch und wanderte in den

alten Straßen der Stadt Bern umher. Es war ein Tag im November, windig und

regendrohend. Der vereinsamte Dichter genoß in vollen Zügen die ihm

liebgewordene Stimmung, sich heimatlos am fremden Orte umzutreiben. Die

alten dunkeln Straßen mit den festen, burgartigen Häusern, vorspringenden

Kellerhälsen und finster traulichen Arkaden reizten in dem kranken

Dichtergemüt jene bittere Stimmung aufs höchste, dazu kam die unwirtliche

Rauheit des Tages, so daß der arme Heimatlose härter als je den Zwiespalt

seiner krankhaft reizbaren Seele und an den Erinnerungen seines unsteten,

zerrissenen und fruchtlosen Lebens litt. Wie er mir nachher erzählte,

spielte seine Phantasie beim Anblick dieser dunkeln, engen Arkaden in

melancholischer Laune mit hundert eingebildeten Möglichkeiten. Er dachte

sich einen lang entbehrten Freund, eine verlorene Geliebte, an deren

Begegnung die wichtigste und seligste Entscheidung seines Glückes hinge, in

derselben Straße wandeln, zehn Schritte von ihm, von den Schatten der

nächsten Arkade verborgen. Ein Augenblick vielleicht, in welchem die nahe

Gestalt sichtbar ward, ja vielleicht herüberblickte -- aber eben in diesem

einen Augenblick hat er sich abgewendet und hat mit dieser kleinen,

zufälligen Bewegung Augenblick und Zukunft verscherzt.

Er erschrak, als ich ihn plötzlich auf die Schulter klopfte, und in dieser

Sekunde sah ich in seinen Augen zum erstenmal den flackernden, traurigen

Glanz des Irrsinns zucken. Wir gingen nun zusammen durch die Straßen,

erstiegen den Münsterturm, weideten uns am Anblick der prachtvollen

Gobelins im historischen Museum, aßen in einem Wirtshause tief unter der

großen Aarebrücke gebackene Forellen und strandeten nach einer zweiten

Wanderung im Keller des Kornhauses.

Du weißt, der arme Lauscher war in jener letzten Zeit seines unglücklichen

Lebens ein starker Weinzecher, und so saßen wir bald bei der zweiten und

dritten Flasche. Es war der schäumige Neuenburger, den ich schlecht

ertrage, so daß ich bald mit schwerem Kopf ihn ganz in seinen launisch

wirren Reden gewähren ließ. Er kam auf jene Arkadenphantasie zu sprechen.

Ich lachte ihn aus und rühmte mich, jenen wichtigen Augenblick erfaßt und

ihn, den ich in Bern gewiß nicht zu treffen hoffte, gefunden zu haben. Er

lächelte rauh und sagte: »Kein Beweis, mein Guter! Das Unglück trifft man

überall. Aber weißt du denn, ob nicht eben in dem Moment, wo du mich so

derb aus meinen Gedanken rissest, ob nicht eben in diesem Moment jemand

hinter uns vorüberging, den du seit Jahren suchst und den du in Jahren

nicht wieder treffen wirst?« Mir wurde sonderbar zu Mut. »An wen denkst du

denn dabei?« fragte ich fast schüchtern. Er lachte. »Ei,« sagte er dann,

»ich denke an niemand besonders. Es ist ja nur eine Hypothese. Aber es

hätte ja zum Beispiel eine gewisse blonde Maria sein können.«

Ich kann dir nicht sagen, wie bei diesem Namen mein Herz in Grauen und

Liebe den Takt verlor. »Woher weißt du?« fragte ich Lauschern heftig, »ich

habe nie einem Menschen von Maria erzählt und glaubte, ich selbst hätte sie

und ihren Namen vergessen. Kennst du sie? Lebt sie noch? Ist sie hier in

Bern?«

Lauscher lachte wieder und steckte sich eine neue Zigarre an. »Ob sie noch

lebt,« sagte er, »weiß ich nicht. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht

wiedergesehen.«

»Wann war das?« fragte ich atemlos.

»Hab ich dirs nie erzählt?« sagte er und nahm einen starken Schluck. »Sie

war so schön! Sie saß mit mir auf einer grünen Bank im Veilchengarten, die

Nachtigall sang zum erstenmal im Jahr. Wir lasen zusammen in einem großen

Buch --«

»Halt ein,« rief ich totblaß, »halt ein oder ich bringe dich um! Das war ja

ich, das war ich, der mit Maria auf der grünen Bank saß, und das Buch --«

»Schrei doch nicht so,« sagte Lauscher und schenkte mein Glas voll.

»Aber Lauscher, sag mir um Gotteswillen --« flehte ich.

»Bibamus! Dein Wohl!« lächelte er und stieß an. »Soll ich weiter erzählen?

Das Buch enthielt eine schöne Jugendgeschichte und war höchst angenehm zu

lesen. Zwischen den Lettern stiegen Maria und ich als kleine arabeskenhafte

Figuren durch allerlei Blumenranken auf und ab.«

»Maria und ich!« rief ich aus.

»Nun ja, wie ich sage,« fuhr Lauscher fort. »Maria aber las unruhig und

zerstreut. Und als die Geschichte anfing traurig zu werden, da schlug sie

eine ganze Handvoll Blätter um und --«

»Und lief in den Wald, und die Nachtigall sang wieder -- o Lauscher!«

»Bibamus,« sagte Lauscher.

Ich legte den schweren Kopf in beide Hände und hätte am liebsten laut

geschluchzt. Als ich nach einer Weile mich erhob, war Lauscher fort. Mit

schmerzender Stirne und halb berauscht verließ ich den Keller. Es war kurz

vor Lauschers Tod.

* * * * *

Die fünfte Nacht.

Eigentlich waren die Veilchen an allem schuld, die Veilchen und der

Frühling, und ohne sie wäre die ganze süße Pein mir fremd geblieben, an der

seither mein Leben verblutet.

Jene Veilchen im Garten waren schuld, daß in meiner fröhlichen Knabenseele

die duftend dunklen Schatten emporstiegen. Ihr Duft war daran schuld, daß

die Frühlingsgeschichte in unserm Buche plötzlich so beklommen, traurig und

sehnsüchtig wurde, daß die schöne Maria davonlief und daß die Nachtigall im

dunkeln Abendlaub so angstvoll süß und herzbeklemmend zu singen begann.

O wenn ich diese Nachtigall nie gehört hätte! Dann hätten nicht die

liebsten Lieder aufgehört mich zu erfreuen, dann wäre nicht die dunkle

Sehnsucht in mir erwacht. Dann hätte ich nicht begonnen, von jenem Glück zu

träumen, das irgendwo hinter dem Leben wie hinter einer verwunschenen Hecke

schläft. Dann wäre auch der unselige Traum noch ungeträumt, daß das beste,

seligste Stück meines Lebens in jenem Buche ungelesen und unerlebt

geblieben sei. Dann wäre ich kein Dichter geworden und die traurig beredte,

zweifelsüchtige Sprache des Leidens wäre mir unbekannt geblieben.

Aber Träume sind keine Schäume. Und das Lied unserer Nachtigall mit seiner

letzten, grausam schönen Dissonanz klingt in mir weiter und sehnt sich nach

seiner Lösung. Und es verwandelte sich in meinen Lieblingstraum von jenem

Lied der Lieder, dessen ungesungene, vereinzelt aufdämmernde Takte mir in

Blut und Leben übergegangen sind und mich stündlich mit ihren feinen, noch

ungelösten Dissonanzen peinigen. Ich glaube nicht an jene Dichter, aus

deren Haupte, wie man sagt, die fertigen klingenden Verse wie gepanzerte

Göttinnen hervorspringen. Ich weiß, wieviel innerstes Leben und wieviel

rotes Herzblut jeder einzige echte Vers getrunken haben muß, ehe er auf

seinen Füßen stehen und wandeln kann. Und das wäre noch leicht zu ertragen.

Aber dann jedesmal das spottend grausame Gefühl, daß der Vers, so hübsch er

sei, doch wieder nicht die Tiefe erschöpft, doch wieder den Keim der alten

Dissonanz in sich trägt und doch wieder nur ein Spiegel des Dichters und

nicht der Spiegel seines glühend schönen, sehnsüchtigen Traumes ist! Und

doch hat er so tief an unserm Leben sich genährt und so viel Herzblut

mitgenommen! Ach und dann, wenn man älter wird und seine Grenzen ahnt --

diese Hast, dieses Wechseln von Schonung und Verschwendung, diese immer

enger drückende, furchtbare Angst zu sterben, ehe der geträumte Ton

erklang, zu sterben ohne Erfüllung nach einem lebenlangen Warten und

Vorbereiten! Und dazu bei jedem neuen Unterliegen und Zweifeln diese

vorwurfsvolle Stimme der dem Unbewußten entrissenen, gemarterten eigenen

Seele, deren Entblößung nur durch das unberechenbare Glücken des großen,

unsterblichen Wortes versöhnt und geheiligt wird! Ach, man hat so viel

Schimpfliches von den Dichtern gesagt, aber das Schimpflichste wußten und

wissen sie selber und halten es ängstlich geheim -- sogar vor den eigenen

Augen!

* * * * *

Die sechste Nacht.

Finsternis, Stille, Einsamkeit. Diese furchtbaren Nächte sind endlos für

das winzige Taktmaß meiner tickenden Uhr und meines in den heißen Schläfen

fiebernden Blutes. An alles Sanfte und Tröstende versuche ich zu denken,

ich beschwöre alle milden Erinnerungen, alle freundlichen Sterne des

Gedankens und der Poesie, alle besänftigenden Gleichnisse. Es ist umsonst,

und kein Gedanke hält vor der bedrückenden Gegenwart dieser Stunde stand.

Wenn jetzt selbst meine Mutter sich zu mir setzte und mir alle

Zärtlichkeiten der Liebe und Erinnerung gewährte -- ich würde lächeln und

nicht weniger leiden.

O schlaflose Nacht! Alle Kräfte und Beziehungen meines Wesens und meines

Lebens an die trübe Oberfläche dieser einen Nacht gedrängt zu machtlos

müder Selbstbetrachtung! Hat kein von mir verehrter Gott so viel Mitleid,

hat kein Andenken oder Gebet eines fernen Freundes so viel Leben und keine

meiner liebsten Erinnerungen so viel Wahrheit, den Bann dieses unsäglichen

Leidens zu brechen? Alles, was mich jemals freute und über die Stunde

erhob, hat Blick und Wärme verloren. Meine Götter sind steinern, und mein

Leben war ein blasser Traum, dessen Bildungen mein inneres Auge nur wie

fremde Schattenbilder berühren.

Liegt jetzt vielleicht einer meiner Freunde in einer fernen Stadt auf

seinem Bette wach und denkt an mich? Ach, er schläft! Und wohin ich meinen

trostbedürftigen Gedanken wende, finde ich nichts. Oder finde doch nur

Mitleidende, andere Dulder, eine blasse müde Gemeinde von Schlaflosen,

deren jeder so wie ich gepeinigt ohne Ruhe liegt, bleich, großäugig und

leidend. Ich grüße euch, traurige Brüder, die ihr fern von mir und fern

voneinander in vielen einsamen und dunkeln Schlafgemächern lieget. Ihr

leidet wie ich, ihr suchet mit großen Augen die unsichtbaren Gestalten der

Finsternis und habt Schmerzen, sobald ihr die starren Lider schließet.

Denkt ihr an Eure Brüder? Denkt ihr an mich? Ach wenn wir alle aneinander

dächten und alle das Gefühl dieser unsichtbaren schweigenden Gemeinde

hätten! Ich glaube, wir verständen uns, unsre feinen, rastlosen Nerven

wären der Mitteilung und Erwiderung fähig. Wir könnten uns ohne Worte über

viele stille nächtliche Meilen hinweg unser Leben, unsre Leiden und

Hoffnungen erzählen. Wir könnten vielleicht über fremde Schicksale weinen

und die eigenen würden uns im Mitteilen wieder neu und lieb. Wir würden

Zusammenhänge und Ahnungen, die uns im eigenen Leben emporstiegen, bei

Fremden wiederfinden, der Kreis erweiterte sich und wir sähen die Fäden,

deren Anfang und Ende wir in Händen zu halten glaubten, über Erdteile und

Geschlechter gemeinsam gezogen. An diesen Fäden rührend wie an einzelnen

Saiten einer Riesenharfe würden wir uns ein gemeinsames klareres Leben

weiterdichten und Schritte in der Erkenntnis des Ewigen tun, die wir allein

nicht tun können.

Ich kann euch nicht zurufen, meine Brüder. Aber ich will in jeder Nacht

mich euer erinnern und euch mit dem Gruß des Mitleidenden grüßen.

Indes ich dieses denke, berührt mich eine sanfte Hand. Meine Muse! O wie

ich Heimweh nach ihr hatte! Und sie wartete nur, bis in meiner

alleingelassenen Seele ein Gedanke der Güte aufstiege!

Die Nacht wird weicher, linder und freundlicher, die Sterne glänzen zarter,

und vor meiner Seele beginnt ein bekanntes Bild sich aus der Dunkelheit zu

lösen. Ich kenne dich! Das ist der Park, das ist die halbrunde Träumerbank,

das ist der Morgenduft jener Stunde, in der ich mein erstes Lied gedichtet

habe! Mein erstes Lied! Eine junge frühlinghafte Blutbuche stand darüber

und hüllte mich in ihre goldig roten Schatten. O jene süße, von Dichtung

und Liebe schüchtern berührte Stunde! Ich danke dir, meine Muse!

* * * * *

Die siebente Nacht.

Frag nicht so viel! Von der Blutbuchenbank im Park von B . . . soll ich dir

erzählen? Und von der toten Elise? Und wieder von Maria, und von den andern

-- lauter Liebesgeschichten?

Es sind so viele! Frauen, die mich liebten, und andere Frauen, schönere,

wunderbarere, geliebtere, die mich nicht liebten. Ich weiß nicht, welche

mich mehr gequält haben. Jene drei Sterne erster Größe, die so hell und

schwärmerisch am Himmel meiner Jugend und meiner Dichtung stehen: Maria,

Elise, Lilia -- die haben mich nicht geliebt. Von allen dreien aber litt

ich nicht solche Qual wie von der Einen, wilden Eleonor, und diese liebte

mich. Eleonor! Schon der Name! Fürstlich, schön, kühl, übermütig, süß und

feindselig zugleich. Ach, ich werde einmal von ihr singen --: Abend,

Spätsommer, tiefsammetblau, Sterne fallen aus der warmen Höhe. Wir beide in

der Spätrosenlaube, ich und Eleonor, selig elend, eins des andern innersten

Mangel kennend. Eleonor! Vorwissend spielten wir unsre Liebe zu Ende,

tragisch hohen Stils, mit großen Gebärden und in jedem Blick schon

unverhüllt der Anfang vom Ende! Und nahmen Abschied in einer

wetterleuchtenden Spätsommernacht zwischen letzten falben Rosen und rotem

Weinlaub, lachend-leidend, und gossen die herbe Hefe der Leidenschaft aus

zerspringenden Gläsern in die Nacht.

Ich will nicht mehr davon erzählen. Es ist seit jener Nacht, daß ich vom

Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, wie das Aufstehen

einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert

ist, gelebt zu werden. -- Laß mich lieber von jenen andern Frauen reden!

Sie liebten mich nicht, sie hatten für mich nur jenes Mitleid, das in

großen gütigen Frauenaugen so unerträglich schön und grausam aussieht. Und

Eine davon verstand auch die Schönheit meiner Liebe und begriff, daß sie

nicht mit Umarmungen zu stillen wäre.

Dichterliebe! Du weißt, die Menschen achten sie nicht hoch, so wenig als

den Schmerz oder die Schönheit eines Liedes -- es ist ja nur ein Lied! Daß

einer liebt und vom ersten Tag seiner Liebe an auf den Genuß dieser Liebe

verzichtet und sie, ihm selbst unerreichbar, bekränzt zu Sehnsucht und

Traum in den Kreis der Sterne erhebt -- wie sollten sie es auch verstehen?

Sie wissen ja nicht, was Leben ist. Sie steigen wie kleine Wellen aus dem

Fluß der Zeit, und fallen zurück, und haben nie gewünscht, ihr Dasein mit

irgend einem Faden an die Ewigkeit zu knüpfen. Sie wissen nicht, daß jeder

Dichter sein Leben lang, oft halbbewußt, an den unsinnlich schönen Zügen

einer Beatrice dichtet. Heraufgespült und rasch stromab getrieben vom

trüben Fluß der Tage, schiffbrüchig schwimmend zwischen Geburt und Tod --

wo sollten wir mit unsern sehnsüchtigen Blicken das in uns gespiegelte Bild

des Ewigen suchen, wenn nicht in den Sternen? Von ihnen wissen wir, daß es

dieselben sind, an denen schon in heimatlos durchirrten Nächten das kluge,

traurige Auge des Dulders Odysseus hing.

O meine Muse, laß nicht die schönen Augen so mitleidig auf mir ruhen!

Siehst du, wie hinter dieser wachen, blassen Stirn ein unbegriffenes

körperloses Leben in fruchtlos aufzuckenden Flammen verlodert? Siehst du

schon die Nacht, in der ich so wie jetzt vor dir liegen werde, nur blasser,

ruhiger; die Nacht, in der die letzten verzweifelten Flammen hinter dieser

Stirn verglüht sein werden?

Doch nein! Daran denkst du nicht. Ich verstehe dich nun. Dein Blick verrät

mir: du weißt, daß du meine letzte Liebe bist. Daß du Maria, Elise, Lilia

und Eleonor hießest. Daß du Beatrice bist! Ich wußte es längst und brauchte

es nicht aus der florentinischen Schlankheit deiner Glieder, aus deinen

dantesken Zügen zu lesen. Vor deiner süßen Nähe zitterte mein Knabenherz

unter der Blutbuche, und es waren deine Augen, aus denen ich in jener

schwülen Spätsommernacht so viel Liebe und Elend las.

Und dein Blick verrät mir: du weißt, daß ich dein eigen bin und daß du mir

den Fuß auf den Nacken setzen darfst. Das ist der Mitleidblick im Auge

jener Frauen, vor denen eine edelgeborene Mannheit auf Knien liegt, jenes

halbe Herneigen, jene Lust einen Sklaven zu haben -- und dahinter die

spöttisch traurige Frage: Ist das Alles? Ist das die Liebe?

Wende diesen Blick von mir! Ich ertrage ihn nicht, mit seiner verborgenen

Frage, mit seiner traurigen Grausamkeit. O wie könnte ich dir mit Vorwürfen

antworten! Aber ich kenne dich. Du hörst mich an, du lächelst, nickst

sogar, wenn ich dich der Bitterkeit und des Bruches erinnere, die durch

dich in mein Leben gekommen sind. Du hörst mich an, du lächelst, du nickst

sogar und fragst zuletzt: Soll ich fortgehen?

Du weißt: Er sagt nicht Ja.

* * * * *

Die achte Nacht.

Auch heute wieder! Dieses leise Sieden des Blutes, dieses Knistern hinter

den Tapeten, diese langen Atemzüge des Windes! Eine Sekunde, eine Minute,

noch eine, wieder eine, und so rinnt ein Tropfen des kurzen, kurzen Lebens

um den andern fremd und unaufhaltsam an mir vorbei. Wieviele Stunden sind

mir so unter den fiebernden Händen zerronnen? Vielleicht tausend,

vielleicht zehntausend! Sie sind hin, sie haben kein Leid noch Glück mehr

zu verschenken, sie sind ungelebt und doch abgezogen von dem mir

Bestimmten.

Und dann werde ich weiß und schweigend liegen! Und unter geschmacklosen

Förmlichkeiten in einem Holzkasten in die schmale feuchte Grube gelegt

werden! Bekannte werden hinterher gehen, von Tagesgeschichten plaudernd.

Ein Prediger wird vielleicht am Grabe in der entsetzlichen Sprache Jehovas

die Lehre von Zeit und Ewigkeit verkündigen. Am Grabe eines Dichters!

Ja, lache nur, schöne Muse! Ich weiß, du wirst hinter dem Prediger stehen

und deine süßen ironischen Staunaugen machen. Du bist ja schon an so vielen

Gräbern gestanden. Und wie du aufhorchen wirst, wenn er von meiner

unsterblichen Seele redet! Diese Seele ist ja du, oder ist doch ein Teil,

ein Zug von dir. Sie lebt und ist ewig in einer deiner Geberden, in einer

Art zu lächeln, in einer besonderen Biegung deiner Stimme, in einer Nuance

deines Lockenfalls. Wieviele tote und vergessene Dichter haben an dir

gedichtet, bis du zu mir kamst, bis du so gliederschön, schlank und biegsam

wurdest! Und nun bist du mein! Wenn auch kein Wort noch Reim von mir mich

überdauert, einen Zug von mir wirst du Unsterbliche doch weitertragen. Und

den werden meine Nachfolger, die meinen Namen nicht kennen, ehren und

verstehen. In dem unsterblichen Werke, das einer von ihnen vollenden wird,

wird irgendwo, sei's nur in einem Wort, einem Ton, einem kleinen zarten

Zug, mein Leben verewigt sein. Eine kleine Stelle doch wird dich in den

besonderen Zügen malen, die du mir verdankst. Eine kleine Schönheit doch

wird in dem unsterblichen Werke sein, die ohne mich nicht wäre möglich

gewesen, und der unerlöste Nachklang meines Lebens wird als willkommener

Ton in eine Harmonie der Ewigkeit sich fügen. Ewigkeit! Was ist dann noch

Tod, Grab und Prediger? Unbequeme Zufälle, wie tausend im Leben sind.

Und so arbeite ich bewußt an meinem Werk, an dem Völker, Erde und Gestirne

unbewußt mitschaffen. Was sind Jahrtausende? Eine Spanne Zeit, Staub im

Vergleich mit einem einzigen Blick des Ewigen. Jene schöne junge Nausikaa,

die vor unendlichen Zeiten am Meere wandelte, ward von einem solchen Blick

getroffen und ist heute so schön, jung und lebendig wie an jenem seit

Jahrtausenden vergangenen Tage.

Du lächelst wieder? Meine schöne Muse, du bist ein Weib. Ihr Frauen stehet

dem Ewigen so nah, daß ihr unser Händeausstrecken und Hinübersehnen nicht

verstehet. Und was ihr nicht verstehet, darüber lachet ihr. »Wie komisch!«

-- so könnt ihr ausrufen, wenn eines Andern Züge von Leiden entstellt sind,

die ihr nicht kennt. Dir zuliebe werde ich einmal versuchen müssen elegant

zu sterben!

Ich beneide dich, meine Muse! Ach, für dich ist mein ganzes Leben eine

Episode, eine Herbstgeschichte, eine unruhige, kranke Nacht! Nachher wirst

du wieder lachen und blühen, als wäre nichts gewesen, nichts als ein

nervöser, unangenehmer Augenblick. »Nachher« -- das heißt: wenn ich tot

sein werde. »Ein unangenehmer Augenblick« -- das heißt: mein Leben vom

ersten bis zum letzten Lallen, mit der ganzen Welt von Jauchzen und

Verzweifeln. Es wird ja nicht ins Leere fallen, aber was ist dieser

Schimmer von Ewigkeit? Was sind selbst die größten Toten: der große

Alexander, der große Tizian, der große Napoleon? Einem Hungernden ist ein

Bissen Brot wichtiger als der große Alexander. Und wer hungert nicht? Wer

ist nicht von tausend elenden Bedürfnischen umgeben, deren jedes ihm

wichtiger ist als der große Alexander? Wieviel von meiner Unsterblichkeit

würde ich geben, wenn ich jetzt schlafen könnte, wenn ich das leise, infame

Fiebern der unflüggen Gedanken hinter meiner Stirn und den schmerzenden

Augen zur Ruhe bringen könnte? Ein Viertel, die halbe, die ganze!

O wie du mich ansiehst! Wie du mich leiden siehst! Und alles um ein Weib,

und alles um dich! Und jeder schwere Herzschlag in meiner Brust, und jedes

schmerzliche Zittern meiner Lider, und jedes bedrückte heisere Atemholen

meines Mundes ist ein Tropfen Leben für dich, ein Meißelführen, ein

Pinselzug an deinem Bilde.

Ermahne mich nicht! Laß mich nicht denken, wie es wäre, das alles zu leiden

nicht für dich, ohne dich, für Nichts! Lies mir ein Märchen vor! Sag mir,

daß du mich liebst, daß die Ewigkeit an meinem Lager sitzt und mit mir

leidet.

Wie deine Hand zu streicheln versteht! Ich fühle dabei die ganze Geschichte

dieser Hand, die ganze adlige Kultur ihrer Form und Geste, an der schon die

Maler des frühen Florenz gearbeitet haben, die auf so viel

lorbeerbekränzten, ungenügsamen, scharfgefalteten Künstlerstirnen ruhte. Wo

ist ein Fürst, dessen uradlig geborene Geliebte solche Hände hat? Und auch

in meiner Hand und auf meiner Stirn ruht deine Rechte nicht vergebens, auch

von mir geht der leise Strom eines eigenartigen und feinen Lebens in sie

über. Sie wird, wenn niemand mehr von mir weiß, auf andern Stirnen liegen,

andere Schultern berühren, und in ihrer Berührung wird mit allen tausend

andern auch meine Schönheit, Krankheit und Kunst verewigt und tätig sein.

Und diese Kultur, dieser unsichtbare, leise, ununterbrochene Strom bewußten

Lebens, in welchem Dante und Donatello nur schöne Windungen sind -- das ist

die Ewigkeit. Das ist die Ewigkeit! Das bist du, meine schöne Muse!

Tagebuch 1900.

Basel, 7. April 1900.

Abends. Ein dunkler, kühler Tag. Ich lege Tolstois »Auferstehung« aus der

Hand. Ich hatte geschworen, sie nicht zu lesen, aber alle Welt war voll

davon, ich mußte darein beißen, und nun ist es hinter mir. Zwar etwas von

der trostlos traurigen, rohen, schrecklichen Luft dieses Russen drückt mich

noch -- es ist körperlich ungesund, solche Sachen zu lesen. Mit Tolstoi

geht es mir genau wie mit Zola, mit Ibsen, mit Robert, mit Uhde, mit Hebbel

und zwanzig andern Größen -- sehe ich sie, so muß ich den Hut abnehmen,

wohler aber ist mir, wenn ich sie nicht sehe. Tolstoi ist von einer

imponierenden seelischen Größe, er hat einmal die Stimme der Wahrheit

gehört und folgt ihr nun wie ein Hund und wie ein Märtyrer, durch dick und

dünn, durch Schmutz und Blut. Was ihn so häßlich macht, ist eben das

Russische an ihm, dessen Schwere, Düsterkeit, Mangel an Kultur, Mangel an

Freude sogar den zarten Turgenjew ungenießbar macht. Die Heiligen Martin

und Franziskus haben dieselbe Lehre wie Tolstoi gepredigt, aber bei ihnen

ist Person und Lehre ebenso hell, elastisch und erfreuend wie bei Tolstoi

dunkel, spröde und niederdrückend. Vielleicht, ich will nicht leugnen,

kommt von dorther die Erneuerung der Welt; aber ehe aus diesen herben,

frischen, rohen Keimen Kunst werden kann, müssen sie noch hundert Jahre und

länger reifen.

Mir träumte einmal, ich wäre mitten in einer großen, sonderbar schweigsamen

Gesellschaft. Ein starker Mann in einem zu weiten Frack trat mich plötzlich

ernst, streng und herrisch an und fragte mit rauher Stimme: Glaubst du an

Christus? Während ich mich besann, was ich antworten sollte, sah ich sein

glühendes Auge und seine groben, herausfordernden Züge so unangenehm nahe,

daß das Gefühl der Beleidigung sich mir aufdrängte; ich mußte ein eisiges,

verächtliches Nein sagen, lediglich um diesen aufdringlichen Blick und die

ganze unerwünschte Gegenwart des groben Fragers abzuweisen.

In dieser Weise fragt Tolstoi. Seine Stimme hat nicht nur die zitternde

Glut des Fanatikers, sondern auch den peinlich rohen Gurgelton des

östlichen Barbaren.

Ich habe Sehnsucht danach, mich am nächsten warmen Tage in den hellen

Frühlingswald zu legen und dort ein paar Seiten Goethe zu lesen.

Basel, 11. April 1900.

Glaubst du an Christus?

Es war gestern, auf Riehenhof, in der kleinen Halle gegen Abend; ich war

zwei Tage bei Doktor Nagels zu Gast. Die freundliche Wirtin saß mit mir in

herzlichem Gespräch in der zarten Abendglut, es war eine ungerufene

glückliche Stunde; unsre Fragen rührten an alles Wichtige, Ernste,

Beglückende, an den Tod, an die Sterne, an das Wunder. Auf die letzten

Fragen gab kein Wort mehr Antwort, ein freundschaftlich vertrauendes

Schweigen, ein Kopfnicken, ein Blick in die Röte des Himmels, ein stummes

Deuten auf die sammetblauen Vogesen und den klaren, dunkelgrünen

Schwarzwald --, und vor dem Schlafengehen lasen wir den dritten der Hymnen

des Novalis.

Auf dem Kanapee im großen Gesellschaftszimmer auf Riehenhof stand ein fast

vollendetes Bild von Fritz Burger: die Bachwiese mit reichem Obstblust. Bei

solchen entstehenden oder eben entstandenen Kunstwerken empfinde ich immer

Schmerz, Erhebung und Neid zugleich, denn ich stehe ja, mitten in Tag und

Kram, ferner als je von meinem Werk, nach dem ich doch täglich lüsterner

und sehnsüchtiger werde.

Basel, 15. April 1900.

Diese warmen, grünen Abende auf Riehenhof! Seit Monaten hatte sich mir

keine Zeile gereimt, und jetzt -- es quillt so weich und ohne Ende, Verse,

Verse! Es ist ganz wie es in schönen Anthologien steht: Frühling, junges

Grün und Amselgesang, und dem Dichter verhängt ein selig goldener Nebel die

Welt. Ich liege im Rasen, ich wandere durch die Wiesen, ich lehne im

Halbdunkel abends im Zimmer, ich gehe zum Wein, und meine Lippen sind heiß

und rot von lauter Reimen. Kein Inhalt, kein Gedanke, nur Musik von

schlanken, lachenden Worten, nur Takt, nur Reim. Ich weiß dabei wohl, daß

diese Verse, wenn noch so gut, noch nicht einmal Lyrik sind, und weiß, daß

ich schon bald an heute und gestern als an etwas Unbegreifliches, Schönes,

Vergangenes denken werde, mit Schmerz und Ironie. Auch ist mir, ein Dichter

hätte das, was ich eben denke, schon mit sehr schönen Versen zu Tode

gesungen, und wenn ich mich besinne, so ist es der unangenehme Freund Heine

und sind es die Zeilen:

Sag nicht, daß du mich liebst,

Ich weiß, das Schönste auf Erden,

Der Frühling und die Liebe,

Es muß zu schanden werden.

Der Frühling und die Liebe. Liebe? Ich weiß nicht. Es ist nur ein Name, und

bei mir ist die Liebe eben dieser weich zerfließende Lyrismus, der mich als

besondere Form des Sentimentalen jeweils befällt und eben so süß als

schwächend ist. Oder soll ich dabei an Elisabeth denken? Ist das denn

Liebe, daß ich manchmal Lust habe ihr mehr zu sagen, als man sonst Mädchen

sagt? Daß es mich zuweilen traurig macht, wenn ich mir vorstelle, ich mache

ihr Geständnisse und führe mit Schande von dannen? Müßte ich nicht den

unsichern Grund meines ganzen jetzigen Lebens antasten, einen steinernen

Grund legen und von da aus mit der roten Fahne der Leidenschaft, mit

Stürmen und Opfern nach ihr jagen? Wenn ich mich jener ernstlichen,

brennenden Leidenschaft erinnere, mit der ich noch als halber Knabe der

ersten Frauenliebe verfiel, an jene Entzückungen, an jene durchweinten

Nächte, an jene im Fieber entworfenen, von plötzlichen Selbstmordgedanken

gekreuzten, dennoch selig frechen Lebenspläne, an jene Wut, den Namen Elise

viele hundert Mal im Bette zu flüstern, im Garten zu singen, im Walde laut

zu schreien -- wenn ich an das alles denke, so muß ich traurig lachen und

kann dieses zarte Hinüberneigen nicht Liebe nennen. Eine Stimmung, ein in

Dämmerung angeschlagener Moll-Akkord, ein scheuer Anfang eines unsicher

elegischen Gedichtes -- und schließlich eben dennoch seit Jahren die

einzige, wenn noch so leise Erregung, bei der mir der Name Liebe einfiel.

Der lodernde Rausch von damals, durch viel Philosophie, viel Ästhetik, viel

Kunst und viel Ironie jahrelang ins Blassere, Flüchtigere nuanciert, ists

doch vielleicht. Aber ich träume doch zuweilen von jener alten Liebe so rot

und feuerfarben, habe Sehnsucht nach einer Leidenschaft, die gellend und

bacchantisch sich aus Übermut und Ungenügen zum Verhängnis wöbe. Ist dieser

Traum und diese Sehnsucht alles, was ich vermag, ist es der Nachklang der

alten Liebe oder Ahnung einer kommenden, noch möglichen? Und steigt dieser

Traum rein aus dem unbewußten Leben, aus Instinkt und verlorener

Erinnerung, oder hat er seine Farben von Böcklin und seinen großen,

dämonischen Takt von Chopin und Wagner?

Ich glaube, daß kein anderer Mensch über die Gründe seines inneren Lebens

und über die wahren Ursachen seines Begehrens und Ungenügens so durchaus im

Dunkeln ist und immer tiefere Finsternis findet, wie eben der, der seine

flüchtigsten Regungen beobachtet und dem Entstehen jeder Reizung nachspürt.

Als ob dadurch sich das verscheuchte Unbewußte nur enger konzentrierte und

sich, ängstlich geworden, vollends jedem vorsichtigsten Blick entzöge.

Axenstein, 3. Mai 1900.

Hier darf man nicht schreiben. Mir ists wie eine Ahnung von Gesundwerden.

Basel, 13. Mai 1900.

Der See wirkt noch leise nach. Seine Schönheit ist unerschöpflich und ist

jetzt, da alle Berge noch tiefen Schnee haben, noch frischer und reiner. So

oft ich ihn schon besuchte, er ist immer wieder neu, voll Trost und

Reichtum. Jedesmal, wenn ich in Luzern an den Quai trete, beginnt seine

Wirkung und ist jedesmal verstärkt oder verändert. Ich meine nicht die

schönen Matten, nicht den Pilatus, die Wälder oder den Rigi, den

langweiligsten aller Berge, -- was mein Auge so begeistert, ist einzig die

Schönheit dieses klaren Wassers, das vom Blauschwarz übers Grün und Grau

bis zum silbernsten Silber jeder Farbe und Nuance fähig ist. Bald hat das

Wasser ein metallen schweres Grau, bald bei schwachem Wellenschlag ein

kühles Hellgrün, bald ist »Öl auf dem See«, wie die Maler verzweifelnd

sagen. Dies ist das Schönste, diese Flecken von verschiedenster Farbe, oft

mit scharfem Kontur begrenzt, oft in den verfeinertsten Übergängen

aufgelöst, darauf tiefblau die Wolkenschatten und silbern oder bleiern, je

nach der Sonne, die Schneespiegel. Aus großer Höhe verliert der See fast

allen Reiz, am schönsten ist er vom Boot aus oder, wenn viel Sonne ist, von

Morschach oder Seelisberg.

Ich sah neulich dort ein kühles, helles Blaugrün, ganz wie am Himmel das

Spätblau nach dem Abendrot, aber nicht goldig, sondern silbern getönt, --

diese unbeschreibliche Farbe und ihr Übergang zum völligen Mattsilber

gewährte mir eine ganz überschwängliche Lust, ein Gefühl der Befreiung vom

Gesetz der Schwere, ein Gefühl der Auflösung, als läge meine Seele kühl und

ohne von mir zu wissen auf dem schweigenden Seebusen ausgebreitet, ganz

Äther, ganz Farbe, ganz Schönheit. Nur äußerst selten hat mich ein Eindruck

künstlerischer, poetischer oder philosophischer Art in diese Höhe und Ruhe

versetzt. Das war nicht mehr die Freude am schönen Bild, die freundliche

Selbsttäuschung, welche man sich vor guten Kunstwerken gestattet -- im

Anblick dieser Farbe genoß ich für Augenblicke den Triumph der reinen

Schönheit über alle Regungen des bewußten und unbewußten Lebens. Hatte ich

nicht doch zuweilen an meinem Stern gezweifelt und war geneigt, einigen

landläufigen Angriffen gegen die »ästhetische Weltanschauung« Recht zu

geben? Ich weiß nun, daß meine Religion kein Aberglaube ist, daß es sich

lohnt, alle körperlichen und geistigen Dinge nur in ihren Beziehungen zur

Schönheit zu betrachten und daß diese Religion Erhebungen schenken kann,

die an Reinheit und Seligkeit denen der Märtyrer und Heiligen nicht

nachstehen. Daß sie zugleich nicht mindere Opfer verlangt und nicht

geringere Qualen und Zweifel und Kämpfe bringt, wußte ich längst. Der

Schönheit gegenüber ist in uns dieselbe Erbsünde, dasselbe Fallen und

Wiederaufstehen, dasselbe mit Beseligungen abwechselnde Elendgefühl, wie im

Leben des Christen. Überhaupt sind diese wahrhaftig Frommen für uns

Ästheten die einzigen würdigen Feinde, denn sie allein kennen ebenso tief

wie wir die Abgründe des täglichen Lebens, das Leiden unter der Gemeinheit,

das auf Knien Liegen vor dem Ideal, die Ehrfurcht vor der Wahrheit und die

schonungslose Konsequenz des Glaubens. Seit dem Untergang der von uns immer

nur höchstens annähernd verstandenen Antike sind immer nur diese beiden

Wege über das Gemeine hinausgegangen, denn nach meinem Gefühl ließen sich

die Wege der Ästheten und der Christen durchaus auch in der Geschichte der

Philosophie verfolgen. Jedenfalls führt auch der Weg des Denkers, sobald er

irgend eine Stellung zum Ewigen bewahrt, durch dieselben Opfer und Leiden,

durch schmerzhaftes Berühren einer immer offenen Wunde, durch Weltentsagung

in irgend einem Sinn, durch niedergezwungenen Ekel und durch die

Finsternisse des Zweifels am Ideal. Ist es der Philosoph, der

Schönheitsucher oder der Christ, zu dessen Ideal die immer gleiche »Welt«

im peinlicheren Kontraste steht? Alle drei jedenfalls leiden und alle drei

verschmähen die Kompromisse, also das »von Fall zu Fall«, und den Humor.

Oder gibt es wirklich einen Humor, vom gemeinen Witz abgesehen, dessen

letzter Grund nicht eine Schwachheit, ein Schwindeln und Zurücktreten vor

der schmerzlichen Konsequenz des Idealisten ist? Spürt man die Grenze nicht

in jedem witzigen Gespräch, wenn ein Mitredender noch so geistreich beginnt

an Dinge zu rühren, deren Wesen Würde ist und deren Mithereinziehen in den

Kreis des Witzes auch dem Gröbsten zuweilen ans Gewissen greift? Wie kann

man Mitspieler in einem Lustspiel sein wollen, da man doch weiß, daß der

Witz der Komödie auf der Erbärmlichkeit der Personen beruht? Jedoch liegt

für den toleranten Idealisten ein höchster komischer Reiz eben im

Untersinken eines Helden zum Gemeinen. Es gehört zu den Opfern, die wir dem

Ideal schuldig sind, auch diesen überaus verführerischen Reiz zu töten. Die

schwärmerischen Verliebten, die nach erfolgter Aufklärung über die geringe

Mitgift so komisch Halt machen, die Helden, die auf dem Weg zu etwas Edlem

im Augenblick des körperlichen Ermattens ihr Ideal für eine Mahlzeit

verkaufen, diese und alle ähnlichen Lustspielfiguren haben unter ihren

applaudierenden Zuschauern immer eine Menge von Brüdern, für welche der

heftigste Reiz des Spiels im halberwachenden Gewissen liegt. Manche von

diesen hätten vielleicht für Augenblicke Lust zur Entrüstung, da aber der

Mut fehlt und da sie schon hundertmal an derselben Klippe gestrandet sind,

applaudieren sie dem Helden und ahmen ihn nach, indem sie ihr Ideal für das

Vergnügen zu lachen verkaufen. Ich kenne wenige, denen es gelingt, und mir

selbst gelingt es selten, auch ein solches Spiel, falls dieses es verdient,

rein als Kunstäußerung und ohne Bezug zur stofflichen Komik zu genießen.

Die wenigen Lustspiele solcher Art, welche ich besuche, machen mich

meistens nur ärgerlich oder traurig, je nach der künstlerischen Qualität.

Basel, 19. Mai 1900.

Elisabeth. Ich traf sie im Garten. Sie trug eine neue Sommertoilette, sehr

einfach, matt hellblau. Sie saß auf der Schaukel und wiegte sich wie ein

schöner Vogel, der weiß, wie schön er ist. Und dann kam Frau Doktor, und es

wurde dunkel, man trank Tee und Eiswasser, Sterne kamen herauf. Ich

begleitete sie nach Hause und fühlte, daß ich heute abend langweilig war.

Ich erzählte sogar von einem Roman, den ich schreiben wolle und den ich ihr

zu dedizieren versprach.

Jetzt scheinen mir die Sterne ins Zimmer. Etwas von der ehemaligen süßen

Trauer klingt in mir an, eine Melodie von Chopin, aus der G-Moll-Ballade,

fällt mir ein.

Basel, 23. Mai 1900.

Ironie! Wir sprachen den ganzen Abend davon. Natürlich schreib ich wieder

nachts, ein Uhr. Ironie? Wir haben wenig davon. Und doch, sonderbar, lüstet

mich oft nach ihr. Meine ganze schwerblütige Art aufzulösen und als

schmucke Seifenblase ins Blaue zu blasen. Alles zur Oberfläche machen,

alles Ungesagte mit raffinierter Bewußtheit sich selber als entdecktes

Mysterium servieren! Ich weiß wohl, das ist Romantik. Das ist Fichte in

Schlegel, Schlegel in Tieck und Tieck ins Moderne übersetzt. Warum nicht?

Tieck ist unerreicht, auch von Heine unerreicht, und müßte eigentlich mit

seiner unplastischen, musikalischen Grazie mein Liebling sein.

Basel, 30. Mai 1900.

Schopenhauer. Ich habe oft das Gefühl, er mime und habe nicht recht, ohne

daß ich doch etwas besseres wüßte. Oder doch, ich weiß etwas besseres, aber

es ist zu schwer und unversucht zum Sagen.

Basel, 6. Juni 1900.

Meine Märchennovelle ist fertig. Man lobt sie, zuweilen mit Verständnis.

Mir genügt sie wieder nicht, so sehr die Lust beim Schreiben wuchs. Den

Cäsarius hab ich zu Ende. In den Kapiteln de tentationibus (?) speziell de

tentatione dormiendi (?) einige kleine reizende Stoffe. Meine Sammlung

Romantica um zwei gute Stücke vermehrt, die »Minnelieder« von 1803 und der

erste Sternbald, erstere überaus köstlich. Hoffmann tritt mir als

romantischer Erzähler immer mehr an die erste Stelle, Tieck versagt doch

öfters, auch in den Märchen, Novalis ist nicht fertig geworden und Brentano

ist doch zu bewußt formlos. Übrigens ist der Godwi ein geniales Buch,

oberflächlicher, aber unendlich reizender als der Lovell. Den Ofterdingen

abgerechnet, der nicht mehr Literatur ist, schätze ich doch eigentlich die

»Brambilla« am höchsten. Technisch betrachtet ist das meiste Seitherige

minderwertig, auch Keller hat nur wenige Mal einen Stoff so von innen

erleuchtet und so ganz zu Kunst gemacht. Wieviel Romantik übrigens in

Kellers Technik noch steckt, ist auffallend.

Vitznau, 4. September 1900.

In den Uffizien von Florenz könnte ich nicht so fleißig, selig und

eifersüchtig der Schönheit nachgehen wie auf diesem herrlichen Stück

Wasser.

September. Vormittagsnebel; selten ein Regentag. Heiße Mittagsstunden,

kühle Nächte bei zunehmendem Mond. Noch nirgends sieht man ein welkes

Blatt, das Laub ist spätsommergrün und bekommt schon überall den

Metallglanz des Septembers; Äpfel, Pfirsiche und Feigen fallen von den

überladenen Bäumen. Die Abende sind ohne Ausnahme hell, farbig und

leuchtend.

Vitznau, 5. September 1900.

O wenn ich jetzt die naive Genußsucht meiner früheren Jahre wieder hätte,

wenn noch mein Herz wie früher des berauschten schwelgerischen Schlagens

fähig wäre!

Aber trotzdem -- ich feiere täglich einen Kranz von Festen. Der See

entschleiert sich allmählich meinem fleißigen Auge und hält mich nun

fortwährend in einem Kreis von Lockungen, Reizen und Überraschungen

gefangen. Zuweilen hält er an sich, läßt mich warten und wirft mich dann

unversehens händevoll mit Kostbarkeiten, daß mir die Augen flimmern. Die

wesentlichen Farbenwechsel der einzelnen Buchten, Himmelsrichtungen und

Tageszeiten habe ich wohl erfaßt, aber was ist dieses Gerippe gegen das

überströmend freudige Leben, das sich ohne Ziel und Norm von Augenblick zu

Augenblick in unglaublicher Üppigkeit verblutet und erneuert!

Ich verbringe alle Stunden des Tages damit, dem See seine Farbenspiele und

Geheimnisse abzuspähen. Nachdem ich in den ersten Tagen die Uferwege

unzähligemal hin und her gestrichen, bringe ich nun ziemlich meine ganze

Zeit auf dem Wasser selbst zu. Zuweilen versuche ich es noch mit dem Blick

von oben her, ohne große Entdeckungen. Von der Höhe der Hammetschwand ist

das Wasser für mein Auge eben noch zu genießen, darüber hinaus schwindet

Glanz und Farbe von Meter zu Meter, und von Rigikulm aus ist der See stumpf

und beinahe grau anzusehen. In geringerer Höhe gewährt er noch einige feine

Reize, namentlich durch Wald hindurch betrachtet, wobei Buchen-, Kastanien-

und Eichenlaub zuweilen köstliche Nuancen gewähren.

Doch wozu diese ärmeren und entlegeneren Blicke suchen und Zeit und Sonne

daran vergeuden? Statt dessen kreuze ich den ganzen Tag im Boot auf der

Fläche und in den Buchten umher. Ein leichtes Kielboot, für die Ruhepausen

eine Zigarre und ein Band Plato, sowie Rute und Angelzeug, das ist meine

Ausrüstung.

Ob der Tag noch kommen wird, an dem ich in Worten diese Flut von bunten

Seligkeiten und farbig erregten Momenten werde zu Ende dichten können?

Diese Lockungen, Lüsternheiten, Begierden, diese plötzlichen

Befriedigungen, Ekstasen und Blendungen? Heute kann ich nur stammeln und

prosaisch notieren. Vielleicht wird es dabei bleiben, vielleicht ist es

überhaupt der Sprache nicht möglich, dem individuell forschenden und

genießenden Auge auch nur bis über die ersten gröberen Nuancen weg zu

folgen. Auch die Maler müssen ja schon bei den scheinbar simpelsten

Mischungen sich dem Instinkt überlassen und problematische eigene Wege

gehen. -- Kann man sich einen sprachlichen Pointillisten denken? Und doch

-- was ist Blaugrün? Was ist Perlblau? Wie läßt sich das leise Überwiegen

etwa des Gelb, des Kobaltblau, des Violett aussprechen? -- und doch liegt

in diesem leisen Überwiegen das ganze süße Geheimnis einer Stimmung, einer

beglückenden Kombination beschlossen.

Vitznau, 6. September 1900.

Das ist mein Fluch und Glück, daß ich keine Schönheit grob und froh

genießen kann, daß ich sie auflösen, durchdringen, in Einheiten zerlegen

und über die Möglichkeit ihres Wiederaufbauens auf künstlerischem Wege

nachdenken muß. Nur zuweilen kommt das alte schwere Wesen, das ich so

konsequent von mir abstreifte, für Augenblicke anklingend wieder über mich

-- die alte unschuldig stumpfe Hingebung und rechenschaftslose Schwelgerei.

Diese Augenblicke müssen immer seltener werden, ich darf um ihre kurze

trübe Lust nicht mein Ideal verkaufen, denn ein völliges Zurückkehren in

die harmlose Dämmerung ist mir doch nie mehr erlaubt. Wenn irgendwo, so

liegt für mich Lust und Sinn des Lebens im Fortschreiten, im immer

bewußteren Klarlegen und Durchdringen der Wesenheit und Gesetze des

Schönen.

Eine Stunde jenes Zurückdämmerns hatte ich heute. Nach Mittag, in der

herrlichen Sonnenglut, mitten auf dem breiten See, Weggis gegenüber. Ich

lag über die Rudersitze hingestreckt und blickte über die Seefläche. Eine

Flut von Rotblau und Gold schwoll vor meinem Blick breit und rastlos hin.

Alle meine Sinne schliefen und träumten; ein warmes schwärmerisches

Wohlsein hielt mich gebannt. Mein Auge vermochte keinen Kontur, keinen

Strahl, keine Lichtgrenze zu unterscheiden, mein Blick verlor allen Willen

und taumelte wie ein Freigelassener durch ein Meer von unverstandener

Schönheit, von Rot, Blau und Gold, ungleich und ziellos wie der Flatterflug

eines Falters.

Vitznau, 7. September 1900.

Der äußerste Vorsprung der »oberen Nase«, vom Lande unzugänglich, ist mit

einer kleinen Pflanzung junger, ich schätze etwa fünfzehnjähriger Eichen

bestanden. Das helle, in der Farbe herbe Laub gibt im Wasser einen

wunderbaren Effekt. Der ganze Wasserfleck erscheint schon von ferne

ausgezeichnet durch eine aparte, gelbliche Helligkeit, und überraschend

köstlich ist es, aus dem tiefgrünen, vormittäglichen See in diese

scharfbegrenzte, hellere Fläche zu fahren. Ich sah heute dort, leider ohne

Sonne, den Spiegelkontur einer weißen Wolke diese eichengrüne Grenze

zweimal schneiden. Das Weiß blieb unverändert und zeigte nur an der

Seeseite schärfere Konturen. Während ich die schönen Linien verfolgte, ging

ein Dampfer vorüber, in dessen Kielwasser plötzlich das Silber eines

flüchtigen Sonnenblickes aufblitzte. Einige Sekunden lang blieb der ebene

Wasserstreif im Silber, die jenseitigen Schiffswellen glänzten matt

goldbraun, die diesseitigen blieben hellgrün mit weißen Lichtern. Einige

Sekunden -- und in diesen Sekunden verstand und genoß ich mit freiem Auge

diese plötzliche, raffinierte Kombination wie das Lächeln einer Göttin, wie

den aufleuchtenden, reimgeschmückten, prägnanten Vers eines Gedichtes.

Vitznau, 8. September 1900.

Ein unsicherer, windiger Tag, mit flüchtigen Sonnenblitzen. Ich fuhr Buochs

gegenüber am Bürgenstock hin. Jenseits glomm der See gegen das Ufer hin

unzähligemal in einer seltsamen, feinen, kühlen Farbenflucht auf, ganz wie

blanker Stahl im Verkühlen: rotblau, rotbraun, gelb, weiß. Von halber Höhe

des Bürgenstocks drang Geläute von Kuhglocken herab. Die schönen, welligen

Matten standen lichtgrün in den blassen Himmel und zeigten jenen

unsäglichen, traurig-kühlen herbstlichen Ton, den man nie entstehen sieht

und der jedes Jahr wieder in irgend einer Stunde plötzlich da ist und uns

erinnert, wie uns der Name eines lieben Toten erinnert -- an den großen

Wechsel, an die Unsicherheit des Grundes, auf dem wir bauen, an den Tod, an

die unzähligen mühsamen Wege, die wir unnützerweise gegangen sind.

Ich ruderte aus, um die Tönungen der Wellen im Buochser See zu betrachten,

um mein Gedächtnis mit dem Bild einiger Farbenvermischungen, einiger

Lichtbrechungen, einiger Silbertöne zu bereichern. Ich ruderte aus, kühl,

fröhlich und elastisch, einen Reim im Ohr, einen Vers auf den Lippen, um

die Schönheit auf einigen mir noch fremden Wegen, in einigen neuen Spielen

zu belauschen -- und endete damit, diese Herbstmatten zu finden, die ersten

dieses Jahrs, diese unabweislichen, zarten, traurigen Boten.

Ich wendete mich um und ließ das Auge lang auf dem bewegten, frischen

Wasser ruhen, ich beobachtete in der Luft gegen Brunnen und an der Wand des

Oberbauen einen einzelnen Sonnenstrahl; aber mein Gedanke verfolgte ihn

nicht mit seinem rastlosen, elastischen Eindringen. Nur mein Auge sah die

blaßgoldenen Reflexe zittern und verleuchten, mein Gedanke nahm nicht teil,

er verweilte hinter mir, über dem steilen Walde, auf jenen bleichgrünen

Matten. -- Herbst!

Und ich besann mich, ob ich auf dem rechten Wege sei, ob mein rastloser

Lauf mich meinem Sterne nähere oder entführe, ob er mich jemals in geistige

Höhen führen könne, in welchen dieser Herbst und diese Traurigkeit mich

nicht mehr würden berühren können.

Hier gab es in meinem Nachsinnen einen Moment, in welchem ich, hätte ich es

in meiner Macht gehabt, den ganzen Schleier des äußeren Lebens von mir

gelegt und alle Fäden der Lust, der Liebe, der Trauer, des Heimwehs und der

Erinnerung abgeschnitten hätte. Ein Höhepunkt, ein kurzes, ruhiges

Atemholen auf hohen Gipfeln: hinter mir alle Beziehungen des Menschlichen,

vor mir die leichte, kühle Weite der Schönheit des Absoluten, des

Unpersönlichen. Ein Augenblick -- ein Atemzug!

Die Glockenlaute schwankten herab, ich schloß die Augen und sank und sank

von der Höhe. Eine schwere, körperhafte Trauer bekam Gewalt über mich. Ich

wollte entrinnen, mein Gedanke bäumte sich noch einmal wie ein mißhandeltes

Roß, aber ich unterlag. Und jene schwere, müde Traurigkeit überwältigte

mich, beugte mich tiefer und tiefer, löschte alle Sterne aus, quälte mich

und feierte alle schmachvollen Triumphe eines grausamen Siegers.

Klar und nahe, wie durch eine plötzlich zerrissene Hülle, lag der helle

Garten meiner frühesten Erinnerungen vor meinem Auge. Und meine Eltern. Und

meine Knabenzeit, meine ersten Liebeszeiten, meine Jugendfreundschaften. In

dieser bedrückten Stunde redeten sie alle eine so traurig-fremde, schöne

Sprache, so heimwehmachend und so ernsthaft fragend wie die Züge von Toten,

denen wir Tränen nicht getrocknet und Wohltaten nicht erwidert haben. Ich

wies sie von mir, und sie gingen, eine tote Gegenwart hinterlassend.

Zugleich mit dem lastenden, schwächenden Herbstgefühl stieg eine peinigende

Abschiedsstimmung in mir auf. Ich sah hinter den wenigen noch freien,

einsamen Ruhetagen die Stadt und das wiederbeginnende aufreibende Leben auf

mich warten, die vielen Menschen, die vielen Bücher, die unzähligen

Nötigungen zu Lüge, Selbstbetrug und Zeitverderb. Und plötzlich brannte

meine ganze Jugend in schmerzlicher Lebenslust in mir auf, ich warf mich in

die Ruder, kreuzte auf der großen Bucht umher, kehrte um den Vorsprung des

Bürgenstocks zurück, bis an die Matt, bis nach Weggis. Die notwendige

Ermüdung sättigte mich nicht, gierig und verzweifelnd erfüllte mich ein

klaffendes Ungenügen, eine Lust, alle Freiheit und Kraft meines Lebens in

eine einzige Stunde gedrängt jäh und lachend zu vergeuden. Der See war mir

zu schaal, die Berge zu grau, der Himmel zu niedrig. In Weggis nahm ich ein

Bad und schwamm in den See hinein, drängte mich mit beiden Armen in das

Wasser, tief atmend. Müde geworden legte ich mich auf den Rücken, ganz

langsam schwimmend, und hing mit wartenden Augen am Himmel, unbefriedigt,

überdrüssig. Ich hätte mein Leben für das Gefühl der Fülle und des Genusses

gegeben, nach dem ich dürstete.

Und dann schwamm ich zurück und bestieg das Boot wieder mit der ganzen

dumpfen Trauer des Herbstes, des Abschieds und der inneren Ungewißheit.

Seither bin ich ruhiger geworden. Mein Prinzip hat gesiegt, ich genieße nun

diese Trauer und Hoffnungslosigkeit, wie ich mich gewöhnt habe, auch

schlechtes Wetter zu genießen. Sie hat ihre eigene Süßigkeit. Ich unterrede

mich mit ihr und spiele auf ihr, wie ein Sänger auf einer schwarzen in Moll

gestimmten Harfe spielt. Was will ich im Grunde anders von jedem Tag als

eine Stimmung, eine ihm eigentümliche Farbe, und, wenn es glückt, ein Lied?

Vitznau, 9. September 1900.

Als ich heute mit der Angelrute am Ufer saß, der nachklingenden gestrigen

Traurigkeit ergeben, trat mir plötzlich der Name Elisabeth auf die Lippen.

Es gelang mir, ihre Gestalt scharf und rein in mir heraufzubeschwören, so

daß sie mich aus meinem Traum wie aus einem tiefen Spiegel anblickte.

Zugleich empfand ich eine mächtige Sehnsucht nach der Lektüre der vita

nuova, so daß ich beinahe diesem herrischen Gelüste zulieb schon heute nach

Basel zurückgekehrt wäre.

Bölsche könnte an mir einen eklatanten Fall von Distanzliebe konstatieren.

Prüfe ich mich genau, so muß ich sagen, daß die Anziehungskraft, die

Elisabeth auf mich übt, vom ersten Augenblicke an auf einer einzigen

frappanten Profillinie beruhte, namentlich auf dem raffiniert eleganten

Kontur des Halses und des Kinns im Profil. Aber -- was ist an meinem Fall

am Ende besonderes, da erwiesenermaßen schon eine Frisur, ja schon ein

Kleid, ein Gürtel, ein Band diese Wirkung üben kann.

Ich besitze die Schönheit meiner Liebe in dieser Linie, wie man ein

Meisterbild nach reichlicher Anschauung besitzt, so daß es nur an dem

jeweiligen Versagen der Vorstellungskraft liegt, wenn ich noch nach ihrer

körperlichen Gegenwart verlange. Und doch -- ich tue Unrecht, meine Liebe,

das arme Schoßkind, so formal zu deuten. Wie oft habe ich doch gewünscht,

ihre feine Hand zärtlich zu berühren, sie zum Plaudern zu bringen, lang in

ihre Augen zu sehen! In diese Gedanken und Begierden spielen schon alle

unfaßbaren Reflexe der jenseitigen Schönheit herein. Sobald meine Skepsis

einen Augenblick schläft, höre ich doch in meiner Liebe die Engel singen

und Paradieserinnerungen an die Pforte meiner Seele pochen. Und sie selbst,

meine Seele, leidet lächelnd unter allen Rohheiten und Vergewaltigungen des

herrschsüchtigen Gedankens. Sie schläft unter dunklen Schleiern, schläft

und träumt vielleicht von den innersten Geheimnissen jener Welt, an deren

Toren mein bewußtes Leben in seinen höchsten Momenten noch beklommen stehen

bleibt.

Und diese meine Seele erzählt mir in wohllaut-fremder Sprache von einer

seligen Heimat, deren wir beide, Elisabeth und ich, verlaufene Kinder und

verirrte Bürger sind. Wie ein fremdartig süßer Duft, wie Takte einer

niegehörten, dennoch traumbekannten Melodie -- wie Antwort auf nie

gefragte, dennoch wohlgefühlte Fragen.

O diese Seele, dieses schöne, dunkle, heimatliche, gefährliche Meer!

Während ich ihre schillernde Oberfläche unermüdlich prüfe, liebkose,

befrage und bestürme, spült sie zuweilen immer wieder wie zum Hohn ein

fremdfarbiges Rätsel aus bodenloser Tiefe vor mir aus, Muscheln, die von

unermeßlichen, fremden Räumen reden, wie ein Stück uralten Schmuckes

vereinzelte, unsichere Ahnungen einer versunkenen Vorzeit beschwört.

Dort liegt vielleicht auch meine Kunst, dort schläft vielleicht mein Lied,

das heiße, stolze Lied mit den stürmenden, bacchischen Takten, während ich

auf unfruchtbaren Feldern Kraft und Jugend vergeude. O, fände ich jene

Stimmungen wieder, die in vergangenen Jahren mir jede Frühlingsnacht so

reich und üppig gab, jenen schwärmerisch maßlosen Herzschlag, jenes satte

Verlorensein an die Phantasie und an das erregte Klingen des eigenen

Blutes!

Vitznau, 10. September 1900.

Ich kannte heute kaum die Menschen mehr, die seit acht Tagen neben mir zu

Tische sitzen. Als wären seit gestern zehn Jahre vergangen. Meine Bücher,

mein Zimmer, mein Angelzeug, meine Kleider, meine eigene Hand -- alles

fremd, alles mir nicht zugehörig, alles mich mit seiner unerwarteten

Gegenwart bedrückend.

O diese Nacht! Zehn Stunden ohne Schlaf, jede Minute ein Kampf meiner

unterdrückten Seele mit dem grausamen, gewaltherrischen Gedanken, ein Kampf

mit Zähneknirschen und Schluchzen, ein Ringen ohne Waffen, Brust an Brust,

mit allen Listen und Grausamkeiten der Verzweiflung. Alle Dämme und

Grenzen, die ich meinem inneren Leben gezogen hatte, alle mühsam

vorbereiteten Saaten, alle gelegten Grundsteine sind in diesen Stunden

zertreten und vernichtet worden. Mir ist es noch wie ein Traum.

Nach einem schweren, traurigmüden Abend -- es war ein Sonnenuntergang, wie

ich nie einen gesehen -- legte ich mich früh zu Bette. Vor meinem Fenster

dampfte der See und schlug mit feinen, regelmäßigen Wellen an die Mauern.

Ich sah vom Bett aus die Hammetschwand in den bleichen Himmel stechen. Da

begann ich zu fühlen, daß die Stunde eines lang verschobenen Kampfes

unerbittlich gekommen war, daß alles Unterdrückte, an Ketten Gelegte,

Halbgebändigte in mir erbittert und drohend an den Fesseln zerrte. Alle

wichtigen Augenblicke meines Lebens, in denen ich meiner Bestimmung einen

neuen, engeren Kreis gezogen, in denen ich dem Gefühl des Ewigen, dem

naiven Instinkt, dem eingeborenen, unbewußten Leben ein Feld entzogen

hatte, traten in voller, feindseliger Schar vor mein Gedächtnis. Vor ihrem

Andrängen begannen alle Throne und Säulen zu zittern. Und nun wußte ich

plötzlich, daß nichts mehr zu retten wäre; freigelassen taumelte die ganze

untere Welt in mir hervor, zerbrach und verhöhnte die weißen Tempel und

kühlen Lieblingsbilder. Und dennoch fühlte ich diese verzweifelten Empörer

und Bilderstürmer mir verwandt, sie trugen Züge meiner liebsten

Erinnerungen und Kindertage.

Zugleich mit diesem Wiedererkennen drang ein scharfer Schmerz todesbitter

durch mein innerstes Wesen, der mich in verzerrten, zwiespältigen Gefühlen

marterte und aufrieb, lang, stundenlang, bis ich wurde wie ein gequältes,

ratloses, verängstetes Kind. Ein Schluchzen überfiel mich, ein Schluchzen

ohne Tränen, unsäglich bitter, zuckend und verzweifelnd.

Genug, genug! Die Nacht ist um; ich weiß, daß eine so entsetzliche nicht

wiederkommen kann. Ich spüre keinen Schmerz mehr, nur eine träge

Erschlaffung und ein Gefühl, ein müdes, rätselhaftes, unsicher

schmerzendes, als wäre mir im Innern etwas gesprungen, ein Nerv zerrissen,

ein Keim geknickt. Und ich glaube -- . . . . Nein, nein!

Und dennoch: ich glaube nicht, ich fühle, ich weiß mit unabänderlicher

Gewißheit -- das ist meine Jugend, das ist meine Hoffnung, das ist mein

Bestes und Heiligstes, dessen abgeknickte Ranke ich wie etwas Fremdes,

Störendes in mir spüre. Herbst.

Es leidet mich nicht länger hier. Morgen will ich in die Stadt zurück.

Dieser melancholisch stille See mit den bleichen Herbstmatten, diese kühlen

Berge und dieser kühle Himmel ängstigen mich. Der mitgebrachte Plato liegt

auf dem Tisch. Elende Scharteke! Was ist mir Plato? Ich muß Menschen sehen,

Wagen fahren hören, neue Bücher und Zeitungen aufschneiden und den

frischen, unreifen Duft des schnellen Lebens atmen, auch sehne ich mich

danach, Nächte in kleinen Weinschenken zu verbringen, mit gemeinen Mädchen

gemeine Gespräche zu führen, Billard zu spielen und tausend Nichtigkeiten

zu treiben, die ich mir selber als tausend Gründe dieses Jammergefühls

aufzählen kann, das ich ohne Gründe und ohne Betäubung nicht länger

ertrage. Es muß noch Genüsse geben, die mir unbekannt geblieben sind, es

muß noch Reize geben, auf die meine Nerven heftig reagieren, noch rare

Bücher, die mir Freude machen können, noch irgend eine neue, raffinierte

Musik.

Ich werde es nicht vergessen, mein Leben lang nicht. O diese Nacht! Ich

werde in jeder schlaflosen Nacht an der Erinnerung dieser Qualen leiden,

sie werden aus jedem Genuß, aus jeder Reizung wie verborgene böse Geister

hervorblicken, alle Grenzen von Wohl und Weh verwischend und alle

Empfindungen auflösend in jenes stachelnde, giftig süße, schmerzlich

ermüdende Gefühl, das mich nie so wie in dieser Nacht gepeinigt hat. Das

Presto jener unheimlichen B-Moll-Sonate von Chopin hat etwas davon -- es

ist einem dabei, als würden feine, feine bloßliegende Nerven streichelnd

berührt. Prickelndes Wehgefühl, leiser süßer Schmerz -- aber ein Takt zu

viel und man fällt in alle Foltern einer verzweifelten, raffinierten

Traurigkeit, die bis zum heftigen körperlichen Schmerz zu steigen vermag.

Elisabeth -- . . . . .

Ziehen wir das Fazit! Mir bleibt bei leidlich jungen Jahren der noch

respektabel konservierte Rest einer ehemals recht ansehnlichen Phantasie,

eine gewisse, wenn schon etwas abgenützte Fähigkeit zum Genießen und

Arrangieren schillernder Stimmungen, sowie ein kleiner Fonds von »Seele«,

der bei vorsichtigem Gebrauch eventuell noch eine und die andere Liebe

leichteren Genres zu inszenieren und zu überdauern vermag. Rechnen wir dazu

eine durch lange Gewohnheit erworbene Fertigkeit im Tragisch-Idealischen

und in der souverän duldenden Pose, so muß ich mir selbst zu so schönen

dichterischen Fähigkeiten gratulieren und habe keinen Grund, um meine

Zukunft als Autor besorgt zu sein. Ich werde Niels Lyhne nicht ohne

persönliche Note imitieren und die sublimsten Wiener in Ekstasen

übertreffen. Das heißt auf deutsch: Pfui Teufel! Aber wozu habe ich

Neudeutsch und Wienerisch gelernt?

Basel, 16. September 1900.

Schon wieder genug und übersatt! Ich hatte mich auf meine Bücher gestürzt,

die Pausen der vita nuova-Lektüre mit E. T. A. Hoffmann und Heine gefüllt,

in müden Stunden zwischen den preziösen George und den lyrischen

Hofmannsthal ein Kapitel Jakob Böhme eingeflochten. Übrigens Respekt vor

meinem Antiquar! Er hat mir den unvergleichlichen 1730er Böhme verschafft,

ed. Ueberfeld, mit angefügten Kupfern. Wenn nur der »Gottselige

Hocherleuchtete Teutonicus Philosophus« mit seiner ganzen Theosophia

revelata etwas amüsanter wäre! Es sind Kapitel von besonderem Reiz

vorhanden, aber man muß sparsam lesen, um der Sprache die fremde Tonart zu

lassen. Den Spruch von der Galle, den ich heute bei ihm gelesen, will ich

mir doch notieren: »Siehe, ein Mensch hat in sich eine Galle, das ist Gift,

und kann ohne die Galle nicht leben, denn die Galle macht die siderischen

Geister beweglich, freudenreich, triumphierend oder lachend, denn sie ist

ein Quell der Freuden. So sie sich aber in einem Element entzündet, so

verderbt sie den ganzen Menschen, denn der Zorn in den siderischen Geistern

kommt von der Galle.« Und dann: »Eben einen solchen Quell hat auch die

Freude, und auch aus derselben Substanz wie der Zorn. Das ist, wenn sich

die Galle in der liebhabenden oder süßen Qualität entzündet, in dem, was

dem Menschen lieb ist, so zittert der ganze Leib vor Freuden, in welchem

manchmal die siderischen Geister auch angesteckt werden, wenn sich die

Galle zu sehr erhebt und in der süßen Qualität entzündet.«

Vor wenig mehr als zwanzig Jahren machte ich als kleiner, blonder Knabe den

ersten Leseversuch. Mein Vater fand mich über ein Buch gebückt und nannte

mir einige Lettern. Dann aber schloß er das Buch und erzählte mir nach

seiner klugen, liebreichen Art von der großen Welt der Buchstaben und

Bücher, die sich mir mit dem A-B-C erschließen würde und zu deren Kenntnis

das längste Leben des fleißigsten Lesers nicht zum tausendsten Teil genüge.

Er selber war damals schon über Büchern fast grau geworden und trug die

Werte unzähliger Bände hinter seiner hohen, scharfen, allzu oft

schmerzenden Stirn gespeichert. Zwanzig Jahre! Ich habe seither ein

tüchtiges Stück dieser Buchstabenwelt umgeackert und manchen fast

verschollenen Schmöker hervorgekramt und umgeblättert. Und jetzt -- die

wenigen überragenden Worte, die noch Gewalt über mich haben, würden keine

zehn Bände füllen. Es gibt noch eine Zahl von seltenen alten Schriften,

nach denen ich Verlangen habe und deren jede mich, wenn sie in meine Hände

fällt, neugierig zu machen und zu erregen vermag -- und dann ist es wie mit

dem gefangenen Schmetterling: die Lust ist gebüßt, das seltene Exemplar hat

einen Augenblick den erfreuenden Glanz gehabt, und übrig bleibt -- ein

Büchertitel und eine Lücke im Register der noch zu erhoffenden

Befriedigungen.

Basel, ohne Datum.

Ich wartete gestern abends am Kasino, um das Publikum aus dem Konzertsaal

kommen zu sehen. Es war kalt und regnete. Dann quoll die Menschenmasse

heraus. Und auf der Treppe von den Balkonsitzen tauchte plötzlich zwischen

bekannten Gesichtern das Gesicht Elisabeths hervor. Sie stieg langsam herab

und verschwand mit ihren Begleitern in der Menge. Diese Minute, in welcher

die ganze schöne Gestalt auf der beleuchteten Treppe warm und fröhlich

heraustrat, gab mir eine eigentümliche Stimmung. Ganz wie in schönen

antiquierten Romanen war ich der traurige Liebhaber, der vor erleuchtetem

Festsaal in der Regennacht steht und seine Dame geschmückt und scherzend

mit begünstigten Begleitern vorüberschreiten sieht. Sein Hut ist tief in

die schmerzende Stirn gedrückt, sein grauer Mantel flattert im Wind. Sein

Auge blickt Verachtung, aber auf den schmerzlich verzogenen Lippen liegt

Liebesweh und zehrende Trauer. Er wendet sich ab, lüftet den Hut, streicht

mit der heißen Hand über die heiße Stirn und das regennasse Haar und

verschwindet in den Nebeln der unwirtlichen Regennacht.

Und zwar zu Frau Buser in die Fischerstube. Diese brachte mir in

zahlreichen Bechern die »süße Qualität« herbei, nachdem die Reaktion der

Galle auf die »liebhabende Qualität« den guten Böhme Lügen gestraft hatte.

Ich hatte dort ein langes Gespräch mit Hesse, der mich natürlich wieder

nörgelte und zwickte, bis ich grob wurde. Dann war er zufrieden, ich auch,

und am Ende führte mich der Gute durch alle Fährlichkeiten wankender

Häuserreihen und walzertanzender Gaslaternen meinen Penaten zu.

Basel, ohne Datum.

Wenn sich mein Jugendfreund Elenderle nicht in jener ärgerlichen Nacht im

Tübinger »Walfisch« erschossen hätte, würde ich ihn zur Aufnahme in unsern

famosen Klub vorschlagen. Wir haben nämlich zu dreien einen »Klub der

Entgleisten« gegründet. Drei Mitglieder ist wenig, aber die Stadt Basel

vermag in dieser Branche nicht mehr.

Basel, ohne Datum.

Hesse will mir einen Artikel über Tieck abjagen, den er doch besser kennen

müßte als ich. Dabei fiel mir plötzlich die fabelhafte Ähnlichkeit auf, die

zwischen jenem Märchendichter und mir besteht. Bei uns beiden dieselben

sensibeln Nerven, derselbe Mangel an Plastik, derselbe Zug zum

Flüchtigsten, Oberflächlichsten, zum Schillernden, Flackernden und

Unfesten, dieselbe launenhaft bewegte Phantasie, dieselbe Verwandtschaft

mit der Musik, dieselbe Tendenz zur Auflösung der Prinzipien, zur

künstlerischen Ironie.

Basel, ohne Datum.

Ah! ce n'est point gai tous les jours, la bohème!

Basel, ohne Datum.

Das Weintrinken wird auch nicht lange vorhalten. Ich sitze zuweilen in der

Wolfsschlucht, trinke Hallauer und blättere in Böhmes »Weg zu Christo«,

wobei mir zuweilen die eigentliche Ruchlosigkeit dieser Lektüre für

Augenblicke einen leisen Reiz gewährt. »Ich will dich aber gewarnet haben,«

sagt der Theosophus, »ist dirs nicht ein Ernst, so laß die teuern Namen

Gottes, daß sie dir nicht den Zorn Gottes in deiner Seele entzünden.« Und

später: »Bist du nicht in ernstem Vorsatze, auf dem Wege zur neuen

Wiedergeburt, so laß die obgeschriebenen Worte im Gebete ungenannt, oder

sie werden dir in dir zum Gerichte Gottes werden.«

Der fromme Weise hat recht. Seine Worte machen mich unheiligen Leser

traurig und »wirken Verzweiflung«, denn jedes von ihnen besitzt jene Kraft

und ewige Jugend der Begeisterung und des Glaubens, deren Anblick mich mit

Neid und Heimweh erfüllt.

Basel, ohne Datum.

Ich will verreisen. Mir träumte diese Nacht von meiner Jugend, als wohne

sie irgendwo verzaubert in einem fernen Lande zwischen grünen Bergen. Auch

war mir, als spielte eine schöne, wohlbekannte Frau auf dem

Veilchenstraußflügel die Nocturne in Es-Dur von Chopin, jenes Lied, das nur

Heimweh- und Flügelkranke ganz verstehen, mit seinen zarten, durch ein

geheimes Leiden vergeistigten Takten. Ich holte meine vergessene und

verstaubte Geige hervor und rief die zärtlich scheue Melodie mit leisem

Striche wach, und aus dem alten, braunen Instrument sang meine verlorene

Jugend in heimlichen Untertönen mit.

Letzte Gedichte.

(Sommer und Herbst 1900.)

Meiner Liebe.

Hermann Lauscher · 第 14 / 17 题