2. Die Bewegung der vierziger Jahre.

In vielen Dingen hatte der Kaufmann Benas in Krotoschin sehr moderne

Anschauungen, so verlangte er, damals etwas ganz Ungewöhnliches, von

seinen Töchtern, sie sollten jeden Tag spazieren gehen. Und da die Auswahl

der Spaziergänge gerade nicht groß war, gingen die beiden Mädchen

Henriette und Ulrike beinahe täglich die Landstraße entlang, die nach

Zduny führte. Den Reiz der großen Weite, die dem freien Blicke keine

Grenzen zu geben scheint, hatte man damals noch wenig erkannt, die beiden

Schwestern fanden daher ihren täglichen Weg einförmig genug. Die junge

Ulrike rief da manchmal verzagt: „Und von hier aus soll man eine

Weltanschauung bekommen?“

Sie gab damit einer Sehnsucht Ausdruck, die über das allgemeine

Mädchensehnen jener Tage weit hinausging. Aber in den Schwestern war

damals doch schon eine Weltanschauung im Werden, sie bildete sich an der

Bewegung der vierziger Jahre. In dem väterlichen Hause wurden viel

politische Gespräche geführt, und Henriette schrieb davon später nieder:

„Das Jahr 1848 fand uns nicht unvorbereitet für die Erkenntnis seiner

Bedeutung. Bereits im Jahre 1847 hatte Friedrich Wilhelm IV. das Patent

vom 3. Februar erlassen, durch welches die sonst einzeln tagenden Landtage

als vereinigter Landtag nach Berlin berufen wurden. Einige Rechte wurden

eingeräumt, die ihm einen parlamentarischen Charakter geben sollten. Die

Veröffentlichung der Reden der Abgeordneten war von weittragenden Folgen.

In Krotoschin, das keine Zeitung besaß, wurde die Breslauer Zeitung jeden

Abend von der Post geholt und am anderen Morgen vom Vater am

Familientische vorgelesen. Wir hörten mit die Reden der damaligen

Abgeordneten Vincke, Beckerath, Hansemann u. a., und Begeisterung erfüllte

uns für die Redner. Die Verhandlungen betrafen meist Fragen, die außerhalb

der Sphäre unseres Verständnisses lagen – aber die Art der Behandlung

erhob sie in das Gebiet des allgemein Menschlichen, das auch politischen

Fragen nicht fehlt.

Das Hauptinteresse erregten natürlich die Verhandlungen über die

Emanzipation der Juden. Das war eine Menschheitsfrage, die den Herzpunkt

unseres Fühlens und Denkens bezeichnete. Diese Frage wurde von den

freisinnigen Abgeordneten, losgelöst vom konfessionellen, nationalen

Standpunkt, von dem ehemals noch ungekannten, neuesten Standpunkt, rein

menschlich behandelt. Vincke, der damals das Wort prägte: Von einem

christlichen Staat dürfte man nicht reden, das hieße ein Haus bauen wollen

und die Steine dazu vom Mond holen. – Beckerath, der in schmerzlichem

Mitgefühl die Ungerechtigkeit schilderte, die die Juden seit Jahrhunderten

erlitten, – es waren unauslöschliche Eindrücke, die diese Redner uns

gaben. Das war im Jahre 1847! In demselben Jahr lasen wir täglich einige

Stunden „Die Weltgeschichte von Rotteck und Welcker“ ohne zu ahnen, wie

bald die Stimmen der Geschichte, der Zeit, in der wir lebten, sich

vernehmen lassen würden.“

In diese Zeit fiel eine Reise, die die junge Henriette als Begleiterin

ihres Vaters unternahm, die erste Strecke wurde im eignen Wagen

zurückgelegt, dann stiegen die Reisenden in die Postkutsche. Ein junger

Mann stieg in Schmiedeberg in Schlesien zu ihnen, und während der Vater

schlief, begann zwischen den beiden jungen Menschen ein seltsames

Wechselgespräch. Sie redeten nicht von der Sommernacht draußen, nicht von

dem, was sonst wohl junge Menschen zusammen plaudern, von dem Schreiben

sprachen sie, das Georg Herwegh an den König Friedrich Wilhelm IV.

gerichtet hatte nach dem Verbot seiner Schriften. Von dem, der die

Gedichte eines Lebendigen geschrieben, sprachen sie beide, von ihm, der

alle nach Freiheit sehnsüchtigen Herzen entflammt hatte. Draußen verging

die Sommernacht, der Vater schlief ruhig weiter, aber den jungen Menschen

schlugen die Herzen heiß. Der Mann kannte die Gedichte auswendig, und da

erlebte die junge Henriette wieder einen Dichter ganz tief im Herzen, sie

rief endlich aus: „Hätte ich doch die Gedichte!“ und ihr Reisegefährte,

glücklich, ihr diesen Wunsch erfüllen zu können, legte ein schmales

Bändchen in ihre Hand. Davon schrieb noch später die Greisin: „Ich darf

wohl sagen der ‚Lebendige‘, dessen Wirkung auf seine Zeitgenossen eine

wahrhaft lebenerweckende war, hat kaum eine so bewegt, als mein junges,

nach Freiheit begehrendes Mädchenherz. Der Funken, der so schnell zündete,

hat während meines langen Lebens seine leuchtende und wärmende Kraft

bewahrt. Noch wenn ich nach Jahrzehnten mit meinem Manne durch Thüringens

Wälder zog, marschierten wir nach dem Rhythmus des Herweghschen Liedes:

„Eure Tannen, eure Eichen

Habt die grünen Fragezeichen

Deutscher Freiheit ihr gewahrt?

Nein, sie soll nicht untergehen!

Doch ihr fröhlich Auferstehen

kostet eine Höllenfahrt!“

Ja, noch viel später, als sie die 90 schon überschritten hatte, konnte die

Greisin wohl eins der Herweghschen Gedichte mit starker, ganz junger

Stimme sagen, und in den Augen lag der Glanz jenes Erlebnisses.

Und der junge Reisegefährte?

In den Erinnerungen heißt es von ihm: „Mein Reisegefährte war Julius

Behrens, evangelischer Theologe, der aber damals schon entschlossen war,

die Theologie mit der Politik zu vertauschen. Er war es, der später als

der „rote Behrens“ bekannt wurde und in der ersten Kammer, nach der

Revolution, den Antrag auf Anerkennung der Revolution von seiten der

preußischen Regierung gestellt hatte. Ich habe ihn in den fünfziger Jahren

in Berlin nochmals wiedergesehen, aber die Reaktion war damals schon in

vollem Gange, so daß er in sehr gedrückter Stimmung war und den Entschluß

gefaßt hatte, nach Australien zu gehen, den er später auch ausgeführt hat.

Mein Onkel, bei dem ich in Berlin wohnte, war einigermaßen entsetzt über

meine Bekanntschaft mit dem „roten Behrens“, die allerdings eine Aufregung

nach sich zog. Man hatte nämlich bei ihm, dem politisch Geächteten, eine

Haussuchung abgehalten und dabei einen Brief von mir gefunden, der sich

auf eine Erkundigung eines Berichterstatters über die Verhältnisse der

Provinz Posen für die Nationalzeitung bezog. So kam auch ich ganz

unverdienter Weise zu der Ehre einer Haussuchung, der man in damaliger

Zeit sehr leicht teilhaft werden konnte.“

Mit den „Gedichten eines Lebendigen“ als Reiseergebnis kehrte die junge

Henriette nach Krotoschin zurück. In dem kleinen Nest waren es mehr oder

weniger Seifenblasen, die die Revolution erzeugte. Nur die Juden dort

wurden durch die polnische Frage ganz besonders erregt. „Mein Vater,“

schrieb Henriette Goldschmidt, „empfand den Segen der Kultur, den die

preußische Regierung der Provinz Posen gebracht. Als der Aufstand 1848

ausbrach, fühlte er sich als preußischer Bürger, ja – wir müssen im Geist

jener Zeit sagen, als preußischer Untertan.“ Daß dies nicht buchstäblich

zu nehmen ist, sehen wir daraus, daß er sich einen

Majestätsbeleidigungsprozeß zuzog.

Der Anlaß war eine Volksversammlung, bei der er das Wort ergriff, um einen

Protest zu veranlassen gegen das Reaktionsministerium, das Friedrich

Wilhelm IV. an Stelle des März-Ministeriums berufen wollte. Er tat es

leidenschaftlich und heftig, denn das Wort sorgsam und vorsichtig abwägen,

war seine Sache nicht.“ Der Prozeß verlief ergebnislos im Sande, übrigens

nahm ihn der Vater Benas sehr gelassen hin. Es gab damals Petitionen über

Petitionen, jeder Stand petitionierte, und die beiden politisch so stark

erregten Schwestern wollten auch eine Petition erlassen, im gleichen Sinne

wie der Vater gesprochen hatte. Sie schrieben sie nieder, da aber damals

die Frauen keinerlei öffentliche Rechte hatten, mußten sie schon die

Unterschriften von Männern dazu haben. Henriette Goldschmidt erzählt: „Da

wir in einer Stube im Parterre unseres Hauses wohnten, riefen wir vom

Fenster aus alle vorübergehenden Männer herein und baten sie, die Petition

zu unterschreiben. Wir bekamen eine stattliche Anzahl Unterschriften und

sandten die Petition auch nach Berlin. Da unsere Stube durch die vielen

Männerstiefel recht unsauber geworden war, baten wir die Mutter, sie

scheuern zu lassen, denn wir hatten viele dienstbare Geister im Hause. Sie

aber sagte: Ihr könnt sie selbst scheuern, ich habe für solche Sachen

keine Bedienung.“ Den Schwestern erschien es nicht allzu schwer, dies

Opfer für ihre politische Meinung zu bringen. „Wir schürzten unsere Röcke

und scheuerten darauf los. Die Glieder taten weh ob der ungewohnten

Arbeit, aber wir lachten und sagten: Wenn man eine Nacht durchtanzt, hat

man auch Gliederschmerzen.“

Die jungen Revolutionärinnen haben dann noch einmal herzhaft gelacht in

dem tollen Jahr, sie übten eine Schelmerei aus, freilich dazu nur von

ihrem Gerechtigkeitsgefühl getrieben; auch davon erzählte die Greisin,

immer noch ein wenig mit dem Lachen und dem Glanz in den Augen der für

Recht und Freiheit begeisterten Jugend: „Es gab in der Provinz Posen

Aufstand und auch in Krotoschin rückte Militär ein. So kam es, daß

preußische Offiziere auch in jüdische Familien einquartiert wurden und

sich ein gemütlicher Verkehr zwischen den Offizieren und ihren

Quartiergebern bildete. Die deutsche Beamtenwelt Krotoschins hatte eine

gesellige Vereinigung, Ressource genannt, gegründet und diese

veranstaltete einen Ballabend zu Ehren der preußischen Offiziere. Diese

sprachen recht angeregt bei ihren Wirten von dem bevorstehenden Vergnügen

in der angenehmen Erwartung, mit den jungen Töchtern des Hauses tanzen zu

dürfen. Das war eine große Verlegenheit für die guten Kinder, denn sie

schämten sich zu gestehen, daß sie keinen Zutritt zu diesem Balle hatten.

Wir hörten von andrer Seite, der Vorstand der Ressource hätte in einer

Sitzung die Frage aufgeworfen, ob Juden in die Gesellschaft aufgenommen

werden sollten. Das Jahr 1848 klopfte mit dieser Frage an die Tore einer

neuen Zeit, denn bis dahin dachte niemand an die Möglichkeit, daß Juden zu

den Beamten- und Offizierskreisen Zutritt bekämen. Wir hörten nun, daß der

Vorsitzende der Gesellschaft sich entschieden gegen die Aufnahme der Juden

ausgesprochen hätte. Obgleich die Sache mich persönlich gar nicht

berührte, da unser Haus keine Offiziere beherbergte, kränkte meine junge

Schwester und mich das Vorkommnis tief und wir beschlossen, dem besagten

Herrn Vorsitzenden einen Schabernack zu spielen. Eine große Schlafmütze

wurde aus Papier gefertigt, ein dicker Zopf von Stroh geflochten, beides

in eine Kiste gelegt und obenauf ein Schreiben: ‚Die Schlafmütze und den

Zopf, die Deutschland abgeworfen, senden wir Ihnen zum morgenden

Ballabend. Die Gesellschaft ist vorbereitet, Sie in diesem Schmucke zu

begrüßen!‘

Die Urheber wurden entdeckt, und der betreffende Herr wandte sich an

meinen Vater, der dadurch die Geschichte erfuhr. Dieser nahm die Sache

nicht sonderlich schwer, ja im Grunde leitete ihn wohl bei seiner

Beurteilung das gleiche Gefühl wie seine Töchter, ähnliche Empörung für

eine offenbare Ungerechtigkeit. Und in dem Brausen und Fluten der Zeit,

die damals über Deutschland dahinzog, wurde leicht ein törichter

Mädchenstreich vergessen.“

Von dem gewaltigen, ihr innerstes Wesen aufwühlenden Eindruck, den diese

Zeit aber auf Henriettes ganzes Leben und das Gleichgesinnter gemacht,

heißt es in ihren Erinnerungen: „Wie mächtig das Jahr 1848 die

Zeitgenossen erregte, zeigt die Nachwirkung, die es ausübte. Kein späteres

Ereignis, selbst nicht der Krieg von 1870/71 hat eine gleiche

Erschütterung hervorgerufen. Meine beiden Kolleginnen Luise Otto-Peters

und Auguste Schmidt, namentlich die erstere, waren gleich mir der

Überzeugung, daß die Frauenbewegung der politischen Bewegung jener Zeit

ihre Entstehung verdankt.“

Die Bewegung ebbte ab, die Reaktion der fünfziger Jahre trat ein. Fast

gleichzeitig verlor Henriette Benas die Heimat. 1850 siedelte die Familie,

gar nicht zur Freude der Kinder, nach Posen über. Sie fühlten sich dort

fremd und entwurzelt, und die Schwestern blieben auch fremd in der so viel

größeren Stadt. Nur einen kleinen Nachklang des Jahres 1848 gab es noch,

die erstmalige Teilnahme an einer sozialen Arbeit. „In Posen habe ich

mich“, erzählt Henriette Goldschmidt, „zum erstenmal an freiwilliger

sozialer Hilfsarbeit beteiligt. Ein alter Herr hatte die Idee, einen

Verein zu gründen für ‚Frauen und Jungfrauen‘, die sich armer Kinder nach

den Schulstunden annehmen sollten, ihre Schularbeiten beaufsichtigen,

ihnen Handarbeitsunterricht erteilen, ihnen überhaupt Schutz und Pflege

angedeihen lassen.“ Die junge Henriette interessierte sich lebhaft für

diese Gründung, nicht ahnend, daß sie damit etwas tat, das mit ihrer

späteren Lebensarbeit in tiefstem innerem Einklang stand. „Zuerst sollten

eine Anzahl junger Damen Mitglieder für diesen Verein werben“, schreibt

sie. „Ich unterzog mich in Begleitung eines anderen jungen Mädchens dieser

Mission. Wir trugen damals Schuhe, die mit Bändern zusammengebunden waren,

die sich leicht lösten. So mußte bald meine Begleiterin stehenbleiben, um

wieder zu binden, bald mußte sie warten, weil ich dasselbe vorzunehmen

hatte. Ob dieses öfteren Stehenbleibens wurde ich ungeduldig und sagte:

Warum können wir nicht, wie die Männer mit Gummieinsatz die Schuhe

festhalten?

Da sah mich meine Begleiterin verwundert an und sagte: ‚Was Sie für Ideen

haben, Sie werden wohl noch einmal eine Revolution machen!‘ Ich erwiderte

lachend, daß diese ja schon gewesen sei.“ Doch hat sie später bei dem

Kampf um das Recht der Frau oft an das prophetische Wort denken müssen!

Aber ehe Henriette Benas diesen Kampf begann, ehe die in den vierziger

Jahren gesäte Saat reifen konnte, trat erst noch eine große Veränderung in

ihrem Leben ein, sie wurde Frau, folgte einem Gatten in die wirkliche

Fremde, sie, die Freiheitssehnsüchtige, kam in Europas unfreiestes Land,

nach Rußland, und mit dem Gatten zugleich waren es drei mutterlose Kinder,

die ihre Sorge und Liebe verlangten, die sie treu an ihr Herz nahm.

Henriette Goldschmidt: Ihr Leben und ihr Schaffen · 第 6 / 20 题