ZUR EINFÜHRUNG.

Als der Allgemeine Deutsche Frauenverein, schon mitten in den Wirren des

Weltkrieges, seine Fünfzigjahrfeier in Leipzig beging, saß unter den

Ehrengästen auch eine kleine alte Dame. Silberweiße Löckchen – die

Haartracht einer vergangenen Zeit – umrahmten die Schläfen, und unter dem

schwarzen Spitzentuch blickten die großen, klugen Augen klar und gütig auf

das Treiben umher, anteilnehmend und doch schon von der Warte des hohen

Alters aus das Leben überschauend. Es klangen große, mutige Worte in den

Saal hinein; Worte von Erreichtem und zu Erhoffendem, auch Worte von

deutschem Siege, deutscher Kraft, und vielleicht war in dem übervollen

Saal niemand so tief, fast prophetisch klar von der Angst um das Vaterland

erschüttert, das Land, das sie seit ihrer Kindheit mit Bewußtsein liebte,

wie die alte Frau _Henriette Goldschmidt_. Sie, die einst in der frühesten

Jugend des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins mit ihren, ihr längst in

die unbekannten Weiten vorangegangenen Genossinnen, Luise Otto-Peters und

Auguste Schmidt, öffentlich für die Rechte der Frauen aufgetreten war,

hörte nun, wie im Krieg laut der Ruf nach der Mithilfe der Frauen ertönte.

Aus den wenigen von einst waren viele geworden, eine gewaltige Masse, und

die alte Frau sah Erreichtes, sah die Frauen, sich ihrer Bestimmung

bewußt, auf ihrem Posten stehen, sie sah aber auch das um die

Jahrhundertwende aufgerichtete Ideal eines Frauenweltbundes in Scherben am

Boden liegen. Würde sich die kraftvolle Hand finden, die Zerbrochenes,

Zertrümmertes wieder zusammenfügte?

Es gehört heute weniger Mut dazu, rechts oder links den steilen Gipfel zu

besteigen und Kampfrufe über die Masse hinauszuschreien, als ihn vor mehr

als einem halben Jahrhundert Henriette Goldschmidt aufbringen mußte, die

aus dem wohlumhegten Frieden des Hauses hinaustrat und zuerst die Frage

stellte: „Wir haben Väter der Stadt, wo bleiben die Mütter?“

Damals von der Gleichberechtigung der Frau im öffentlichen Leben zu

sprechen war eine Tat; die Frauen aber, die zuerst diese Tat ausführten,

hatten im Grunde wohl viel weniger das stolze Bewußtsein auf einer hohen

Lebenswarte zu stehen, wie es dann viele ihrer Nachfolgerinnen bei

geringeren Leistungen aufgebracht haben. Sie begannen ihr Werk, weil ihr

innerstes Fühlen und Erkennen sie dazu trieb, sie standen im Bann einer

großen, sie erfüllenden Idee, und so wurden sie Pionierinnen in jener

unbewußten Sicherheit, die das Kind leicht auf einer lose schwankenden

Brücke über den Abgrund schreiten läßt.

Eine solche Pionierin, die bei aller Kraft des Wollens, unverrückt ein

hohes Ziel vor Augen, doch immer jene Kindlichkeit des Wesens wahrte, die

sie Abgründe nicht sehen ließ, war Henriette Goldschmidt. Sie blieb bis

über das biblische Alter hinaus eine Kämpferin und wurde dann mehr und

mehr die weise, gütige Lebensüberwinderin, die noch mit zitternder Hand

nach Lessing das Wort niederschrieb: „Müßte, so lange ich das leibliche

Auge hätte, die Sphäre desselben auch die Sphäre meines inneren Auges

sein, so würde ich, um von dieser Einschränkung frei zu werden, einen

großen Wert auf den Verlust des ersten legen.“

Die Schwere des hohen Alters machte sich auch ihr fühlbar. Das Leben

rauschte immer lauter, drängender an ihr vorbei; fremde Melodien tönten

auf, die Menschen redeten nicht mehr die Sprache ihrer Jugend, und der

Geist von Weimar wurde in Deutschland von anderen Stimmen übergellt, aber

Henriette Goldschmidt fand doch immer in der anmutigen Beweglichkeit ihres

Geistes die Kraft, Verbindungswege herzustellen, sie fand das weise

Lächeln des „Alles verstehen heißt alles verzeihen.“ Bis zuletzt aber

blieb ihr auch das ungeteilte Interesse an dem Werk ihres Lebens, dem

Leipziger Verein für Familien- und Volkserziehung und seinen Anstalten.

Und bis zur letzten Bewußtseinsstunde zehrte an ihr tief die trauernde

Sorge um das Vaterland.

Das Leben dieser Frau ist von einer seltenen Geschlossenheit; es geht die

ganz klare Linie folgerichtiger Entwicklung hindurch; es gibt keine

Brüche, kein sprunghaftes Hinundher in ihren Anschauungen, keine

Seitenpfade und Irrwege. Wir begegnen in diesem Leben nicht

unbegreiflichen Verwirrungen des Gefühlslebens, es quellen nicht plötzlich

aus dunklem Unterbewußtsein seltsame Lebensäußerungen und Empfindungen

auf, und schon das junge Mädchen findet ganz klar den Weg heraus aus der

Verstrickung, in die es sein Familiensinn für kurze Zeit hineingetrieben

hatte.

Wollte jemand diesen Lebensweg bildlich darstellen, er müßte die lange

gerade bergansteigende Landstraße wählen, ohne Seitenwege und Biegungen,

Baumschatten und Sonnenflecke darüber und in der Ferne das hohe, helle,

klare Ziel: die geistige Befreiung der Frauen, die Erziehung der Frau zum

tätig bewußten Glied der Volksfamilie, die innerliche Versöhnung dieser

Volksfamilie und das Überbrücken sozialer Unterschiede durch den Einfluß

und die Teilnahme der Frau am öffentlichen Leben.

Ehrenbezeigungen, wie Ordensverleihungen vermochten die überzeugte

Demokratin, die alte Achtundvierzigerin nicht zu beeinflussen und den Weg

des neuen Deutschland ging sie innerlich nicht mit, und vielleicht sah sie

gerade darum von Anfang, von der Stunde an, da England in den Weltkrieg

gegen Deutschland eintrat, so klar, daß Deutschland unterliegen würde. Bei

allem Siegesjubel der ersten Zeit blieb immer ihr Wort: „Ach, ich will

mich ja so gern irren!“

Bei der großen Schärfe ihres Verstandes, ihrem philosophischen Erkennen

des Lebens war Henriette Goldschmidt immer die Frau voll Anmut und

Kindlichkeit, sie besaß eine Grazie des Geistes, die immer ohne Schärfe

das richtige Wort fand. Sie sah aber daher auch das Dunkle, Lauernde am

Wege nicht; ein Ja war ihr ein Ja, ein Nein ein Nein, und sie hat es nie

verstanden, daß im Handumdrehen aus Neinsagern Jasager werden konnten. Und

wohl darum ist sie auch mitunter verkannt worden, auch von ihren

Mitarbeiterinnen in der Frauenbewegung; ihr unverrückbares Zielsehen wurde

nicht immer gewürdigt. Sie suchte immer die Einheit in der

Mannigfaltigkeit, nach der Lehre ihres Meisters Friedrich Fröbel. Sie aber

war selbst eine Einheit.

Leider sind die Aufzeichnungen, die Frau Henriette Goldschmidt

hinterlassen hat, nur lückenhaft. Sie hatte nie das Gefühl der

Verpflichtung, über jeden Lebensabschnitt der Nachwelt gewissermaßen

Rechenschaft abzulegen. Sie lebte dem Tag und seiner Arbeit, lebte mit

großer Leidenschaft ihrem Ziel, und die Vergangenheit war ihr goldenes

Buch, das sie selbst, dank ihres glänzenden Gedächtnisses, zu jeder Stunde

aufschlagen konnte, sich heiter daran freuend oder nachdenklich darüber

sinnend. Selbst schrieb sie darüber: „Ich bin häufig von älteren und

jüngeren Freunden, denen ich im geselligen Beisammensein Einzelheiten aus

meinem Leben mitteilte, gebeten worden, meine Lebensgeschichte zu

schreiben, doch konnte ich mich nicht dazu entschließen. In den Jahren

lebensvoller Betätigung war es nicht nur der Mangel an Zeit, es war

vielmehr der Mangel an Selbstbewußtsein. Durch meine öffentliche

Wirksamkeit sind biographische Notizen in Zeitungen und Zeitschriften

gelangt, so daß ich es für überflüssig hielt, meine Persönlichkeit noch

öffentlich vorzustellen.“

Über manche Zeit ihres Lebens, so ihre Anteilnahme an der deutschen

Frauenbewegung, sind schon Niederschriften vorhanden, und es ist nicht der

Zweck dieses kurzen Lebens- und Arbeitsbildes, zu schnell Festgelegtem

vielleicht, eine neue Beleuchtung zu geben, vielmehr soll hier das ganz

eigene persönliche Wirken Henriette Goldschmidts, besonders, wie sie neben

ihrer Pionierarbeit in der deutschen Frauenbewegung sich ihren eigenen

Wirkungskreis schuf, in den zwei Abschnitten „Leben“ und „Schaffen“

dargestellt werden.

Aus Niedergeschriebenem, Erzähltem, Erinnerungen, geführten Gesprächen und

flüchtig hingeworfenen Worten ist dieses kurze Lebensbild gewoben. Es

zeigt nicht die modernen grellen Linien derzeitiger Gewebe, der Hauch der

vergangenen, der wirklich guten alten Zeit ruht über diesem Leben, denn

seine Wurzeln hingen noch in der klassischen Zeit. Der Geist von Weimar

war es, der dieser Frau die Kraft und den Aufschwung gab, sich selbst zu

einer Persönlichkeit von ganz eigenartigem Gepräge zu entwickeln. Dem

Geist von Weimar blieb sie ihr Leben lang treu, von ihm wich sie nicht um

eines Halmes Breite ab, und so lebte sie ihr inneres und in seiner

Einfachheit auch ihr äußeres Leben in dem Lichte, das uns von Weimar

gekommen ist.

Henriette Goldschmidt: Ihr Leben und ihr Schaffen · 第 3 / 20 题