2. Römische Kaiserzeit -- 30 v. Chr.-395 n. Chr. Zentrum der
Kunst und Wissenschaft ist ¨Alexandria¨.
Die ersten 6 Dynastien bilden das alte Reich, etwa von 3400-2500. Die
Hauptstadt ist Memphis, gegründet vom Könige ¨Menes¨, dem Men Herodots,
der lange völlig sagenhaft war, bis vor kurzem sein Grab bei Negade in
Oberägypten mit der Leiche gefunden wurde. Das Grab, eine gewaltige
Kammer aus Ziegelsteinen, ist eine sogenannte ¨Mastaba¨, ein arabisches
Wort, das eine grosse Bank bezeichnet. Das Grab, eine Nachbildung des
Palastes, ist vorbildlich geworden, aus ihm sind die Gräber der Grossen
und die Pyramiden, die Gräber der Könige, zunächst die der dritten und
vierten Dynastie, hervorgegangen. Die Stufenpyramide von ¨Sakkara¨
(siehe Abb.) zeigt, wie sich die Pyramide aus aufeinandergesetzten
Mastabas entwickelt hat. Nur durch ihre Höhe und Masse konnten die
Gräber vor der Verwehung durch den Wüstensand geschützt werden.
Vor der Scheintür in der westlichen Mitte, aus der der Tote oder
vielmehr seine Seele, der Ka, mit der Welt verkehren sollte, waren die
Opfersteine und später die Opfertempel, wo die Angehörigen dem Ka ihre
Gaben darbringen konnten. Die vollständige Anlage des Königsgrabes
zeigten die Funde ¨Borchardts¨ bei Abusîr, der aus ihnen die Gräber der
Könige der V. Dynastie, des Sahurê und des Neweserrê rekonstruiert hat.
Zuerst der Empfangsraum, in den die Königsleiche aus dem Kahn getragen
wird, dann ein sehr langer gedeckter Gang, mit vielen Reliefs geziert,
der zum Totentempel führt, in dessen Hintergrund sich der Eingang
in die Pyramide, die Scheintür der Mastaba, befand. Die Pyramide
enthält viele Kammern und viele Kostbarkeiten, aber Statuen, wie in den
Mastabas, sind dort nicht gefunden worden. Die vielen Kostbarkeiten
entwickelten eine eigene Zunft der Gräberdiebe, uns sind die Akten
eines grossen Prozesses unter Ramses IX. erhalten, und durch einen
sonderbaren Zufall haben Northampton, Spiegelberg und Newberry bei
ihren Ausgrabungen in der Gräberstadt (Nekropole) von Theben diese
Akten verifizieren können (excavations in the Theben necropolis, London
1908).
Aus Furcht vor den Dieben sind die Königsgräber später in die schwer
zugänglichen Felsentäler von Biban el Moluk gelegt, deren Zugänge
polizeilich überwacht wurden, trotzdem sind sie geplündert worden.
¨Menes¨ hat nach der Tradition die beiden Reiche Ober- und Unterägypten
vereinigt, aber die Verwaltung war noch lange getrennt, es gibt zwei
Silberkammern (Reichsbank), zwei Oberrichter oder Vorsteher des Südens
und des Nordens. Der König trägt die beiden Kronen von Ober- und
Unterägypten. Der König ist zugleich Oberpriester, geniesst göttliches
Ansehen, er ist Sohn des Amon oder des Re, des Sonnengottes, ist Horus,
d. h. Frühlingsgott.
Die Verwaltung ist aufs genaueste organisiert, das Land ist in Gaue
verteilt, denen Gaufürsten mit eigenem Hofstaat vorstehen. Es ist die
Zeit jugendlicher Kraft, des Erblühens von Kunst und Wissenschaft, die
Glanzzeit ist die der V. Dynastie; riesige Tempelbauten, Mastabas,
Steinkammern, dann die Riesenpyramiden des Cheops, des Chephre und des
Mykerinos; sie fallen in die IV. Dynastie. Die Bautätigkeit tritt so
in den Vordergrund, dass die Prinzen den Titel eines Vorstehers der
Arbeiten des Königs tragen. Um den Syenit, das vorzügliche Baumaterial,
zu gewinnen, hat sich das Reich bis an die Katarakten, bis nach Syene
ausgedehnt. Aber nach der VI. Dynastie, nach Pepi III. geriet die
Königsmacht in Verfall. Die Gaugrafen werden selbständig und erblich,
im östlichen Delta um Tanis setzen sich libysche Stämme fest. Schon zur
Zeit Pepis treten neben der Totenstadt, der Nekropole, von Memphis
andere Nekropolen auf, die Gaufürsten lassen sich in ihrer Heimat
begraben und viele Vornehme auch auf dem heiligen Boden von Abydos
neben der Grabstätte des Osiris. Es bildet sich dann in Theben eine
neue Dynastie heran, die in der XI. Dynastie das Land vereinigt und es
beginnt mit der XII. Dynastie das mittlere Reich, dessen erster König
¨Amenemhet¨ I. gründlich Ordnung stiftet. Es muss wirr genug in Ägypten
ausgesehen haben als Amenemhet das Land mit seinem Heere durchzog. In
der uns erhaltenen Inschrift des Chnemhôtep eines sehr hohen Beamten
heisst es: Damit er die Sünde vernichte, er, der wie der Gott ¨Atum¨
glänzte, da musste er auch wieder herstellen, was er zerstört fand. Er
trennte eine Stadt von der anderen; er lehrte jede Stadt ihre Grenze
gegen die andere kennen und stellte ihre Grenzsteine fest wie den
Himmel auf. Er unterrichtete sich über die Wassergebiete der einzelnen
Städte aus dem was in den Büchern stand und verzeichnete sie nach dem
was in alten Schriften stand, weil er die Wahrheit so sehr liebte.
Das mittlere Reich geht bis etwa 1800. Gewaltige Bauten an Tempeln
und Gräbern besonders in Theben, daneben auch nützliche Arbeiten
wie Nildämme und besonders das grosse Staubecken des Mörissee, von
¨Amenemhet III. Labares¨, dem Erbauer des Labyrinths angelegt, das
sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat und die Landschaft Fajum
erst fruchtbar machte. Zum ersten Mal wirkliche Eroberungskriege;
Nubien, »Das elende Kusch«, wird der Goldminen in seiner Wüste halber
nach langem Kampfe endgültig von Sen-wosret erobert, der im Herzen des
Landes bei Semneh die Grenzfestung anlegt; auch mit Syrien und Arabien
tritt Ägypten in Verbindung. Doch nach den 200 Jahren Blütezeit unter
der XII. Dynastie zerrütten Thronstreitigkeiten, dieser Krebsschaden
aller orientalischen Länder, ausgehend von den mächtigen Gaufürsten,
das Land. Es erliegt dem Ansturm semitischer Nomadenstämme, den
Hirtenfürsten, den Hyksos der Griechen, die von Nordosten her, von
Suez eindringen und zweifelsohne von den Gaufürsten unterstützt werden.
Ihre Herrschaft nahm den Verlauf, den der Einbruch der Mongolen in
das Kalifenreich und den der Germanen in das Römerreich genommen
hat. Mit unwiderstehlicher Gewalt werfen die Barbaren das zerrüttete
Reich über den Haufen, schaffen Ruhe und sehen dann, dass sie einen
solchen Grossstaat zwar erobern aber nicht verwalten können. Die
alte Regierungsmaschine arbeitet weiter und nur Garnisonen in den
Grossstädten erinnern an die Fremdherrschaft. Nach einigen Generationen
nivellieren sich die Fürsten und Vornehmen, und die späteren
Hyksoskönige sind so gut Ägypter wie die Nachkommen Dschingis Khans
gute Moslems wurden. Aber mit der Zivilisation, die sie gewinnen,
verlieren die Barbarenfürsten ihre Kraft und so wurden die Hyksos
allerdings nicht ohne Kampf nach etwa 300 Jahren von Theben aus durch
Amose I. vertrieben.
Es beginnt das neue Reich, 1580-1100. Die Zeit der Thutmosen und
Ramessiden, Ägypten wird Weltmacht. Noch der Urenkel des grossen
Eroberers Thutmose III., Amenhôtep III. herrschte über Nubien, Libyen,
Ägypten, Arabien, Palästina und Syrien, bis an den Euphrat und die
Ramessiden behaupteten dieses Reich noch gegen die mächtige semitische
Grossmacht der Chetafürsten. Aber das neue Reich ist ganz vom alten
verschieden. Der Feudaladel wird systematisch vernichtet, etwa wie der
französische durch Richelieu; es ist ein Militär- und Priesterstaat.
Libysche und semitische und hellenische Söldner schlagen die Kriege;
denn der ägyptische Bauer, tapfer wie jeder Bauer, wenn er sein
Eigentum schützt, ist für Eroberungskriege nicht zu brauchen. Der
König ernährt die Heere und die Priester, alles Land, soweit es nicht
den Göttern gehört, d. h. den Priestern, die durch immer grössere
Geschenke gewonnen werden, gehört dem König, der es den Bauern gegen
eine Abgabe von 20 % des Ertrages vermietet. Aber in Wahrheit sind die
Söldnerführer und der Hohepriester mächtiger als der König. Es ist die
bekannte Verbindung von Thron und Altar, wobei gewöhnlich dem Altar
der Löwenanteil zufällt.
Sehr lehrreich ist hierfür der grosse Papyrus ¨Harris¨, über den uns
¨Erman¨, Berl. Ber. XXI, 1903, aufgeklärt hat. Man glaubte vorher,
dass es sich um ins Ungeheuerliche gehende Schenkungen Ramses III.
an die Tempel handle, E. hat gezeigt, dass es sich um eine für die
Begräbnisfeier dieses Königs in grösster Eile zusammengestellte
Lobschrift handle, und dass die sogen. Geschenke die Bestätigung des
Tempelbesitzes durch den König bedeuten. Aber wir erfahren auch, dass
dieser Besitz mässig geschätzt ein Zehntel des ganzen Landes umfasste.
Insbesondere war der Besitz und damit die Macht der Priester des Amon
zu Theben ins Riesenhafte angeschwollen, daneben Heliopolis, äg. On,
mit dem Tempel des Atum, der Abendsonne, und Memphis mit dem Tempel des
Weltschöpfers Ptah.
Ich füge hier gleich einiges über die Religion und den Kultus an.
Das ursprüngliche Negervolk hatte Fetischdienst, jeder Ort und Gau
seinen Lokalgott, wie z. B. das Seenland Fajum den in Krokodilsgestalt
verehrten Sokk. Mit dem Eindringen der sehr stark religiös veranlagten
Semiten wurden aus den Fetischen im wesentlichen Lichtgötter,
insbesondere wird die Sonne Gegenstand der Verehrung, bald als
Abendsonne Atum, als Frühlingssonne Horus, als Mittagssonne Rê, als
sich stetig erneuerndes Gestirn Osiris, als Lebenspenderin Amon. Mit
der straffen Zentralisation des Reiches zentralisierte sich auch der
Olymp, die Hausgötter der Dynastien wurden Herrscher in der Götterwelt,
und werden mehr und mehr zu einer Gottheit, im wesentlichen die
Sonne. Am frühesten sind Amon und Rê zum Amon-Rê verschmolzen. Längst
musste die Geheimlehre der Priester monotheistisch gewesen sein, als
Amenophis IV. sich entschloss, alle Machtmittel des Königs daran zu
setzen, den Monotheismus zur Volksreligion zu machen. Zweifelsohne
haben politische Motive mitgewirkt, der König erkannte die Gefahr,
welche die Macht der Amonspriester zu Theben für die Dynastie
barg, und versuchte sie zu brechen. Mit wahrhaft fanatischem Eifer
bekämpfte er den Dienst des Amon, aus allen Denkmälern tilgte er den
verhassten Namen, seinen eignen Namen, der Amon enthielt, änderte er
in ¨Chinatôn¨, »Verkörperung der Sonnenscheibe«, und seine Residenz
verlegte er aus Theben nach El-Amarna. Ebendort wurde 1888 von Arabern
seine Korrespondenz mit den asiatischen Tributfürsten in Keilschrift
auf Tontäfelchen gefunden, sie bewies, dass er es vorzog, Jerusalem
dem Ansturm der Chabiri (Hebräer) preiszugeben und das Anwachsen der
Chetamacht zu dulden als seine Truppenmacht für die Durchführung der
religiös-politischen Revolution zu schwächen.
Die Macht des Chetareiches ist es wohl auch gewesen, welche bald nach
Chinatôns Tode den energischen ¨Haremheb¨ bewog, seinen Frieden mit
den Priestern zu machen und den alten Zustand rücksichtslos wieder
herzustellen. Er ermöglichte es so seinen Nachfolgern Sethos I. und
Ramses II. den Kampf mit den Cheta mit Erfolg aufzunehmen. Der Kult
der Götter war ein Herzensbedürfnis des Volkes, im Opferzeremoniell
steht der König, der der eigentliche Hohepriester ist, obenan, wie
es denn überhaupt anfänglich ein Laienpriestertum der hohen Beamten
gab, neben dem aber auch eine eigene Priesterkaste stand, die später
den Kult ausschliesslich leitete. Der Gott bewirtet das Volk und ein
grosser Teil der Einkünfte der Priesterschaft ging für Brot und Bier
zur Speisung des Volkes an den Festen auf, wie uns die zahlreich
erhaltenen, sehr detaillierten Tempelrechnungen beweisen. Bei Erman
findet man S. 388 die Beschreibung und S. 389 die Abbildung des
grossartigen Tempels der Sonnenscheibe von Tell el Amarna.
Etwa ein Jahrhundert nach der Zeit Ramses III., der als der letzte das
Weltreich im vollen Umfang besass, nahm der Hohepriester von Theben den
Thron ein, um 100 Jahre später dem gewaltigen Scheschonk (Schischak),
dem Führer der libyschen Söldner Platz zu machen. In den Kämpfen, die
das Reich zerrütten, beginnt der Vorstoss oder Rückstoss der Assyrer,
nur noch einmal von 625-525 bis auf Kambyses gelingt es der libyschen
Dynastie, Psammetich, Nekao, Amasis, aus Herodot uns wohlbekannt, eine
kurze Blüte ägyptischer Kultur, die absichtlich an das alte Reich
anknüpft, herbeizuführen. Dann wird Ägypten persisch und wird mit
Persien von Alexander dem Grossen erbeutet. Nach dessen Tode regiert
300 Jahre lang die Diadochenfamilie der Ptolemäer. Die hellenistische
Kultur dringt ein, berührt aber nur die Vornehmen, unter Kleopatra wird
30 v. Chr. Ägypten römische Provinz. Die Kultur dieser Zeit verwächst
mit der griechisch-römischen als hellenistische.
Ägyptische Sprache und Schrift.
Die ägyptische Sprache gilt heute als verwandt mit dem Semitischen, dem
Arabischen, Babylonischen und Hebräischen. Wir können sie verfolgen von
4000 v. Chr. bis 1650 n. Chr. Wir unterscheiden:
1. Das Altägyptische, die Sprache der Pyramidentexte, die als
gelehrte Literatursprache bis in die römische Zeit unter Kaiser
Decius fortlebt.
2. Die Volkssprache des mittleren und neueren Reiches, das
Neuägyptische.