14. Kapitel: ^Blutiges Morgenrot^

Im Hofe des Schneidturmes herrschte noch am selben Abende, da der

Oberschultheiß mit den Todesurteilen vom Fürstbischofe geschieden

war, ein hastendes, geräuschvolles Leben. Der Henker stellte in einen

Winkel einen Block zurecht, der überreiche Blutflecken an sich trug;

dann brachte er aus einer Gewölbekammer zwei sargähnliche Truhen, die

ebenfalls schon Spuren häufigen Gebrauches zeigten; an den Block lehnte

er sein langes Richtschwert, nachdem er es zuvor noch ein paarmal

prüfend in der Luft geschwungen hatte.

Der alte Kerkermeister stand etwas abseits und sah den Vorbereitungen

des Henkers mit trübem Auge zu.

»Um neun Uhr, Alter?« rief der Henker.

Der Angeredete nickte stumm mit dem zitternden Haupte und wischte sich

eine Träne aus dem Auge.

»Morgen wird es heiß hergehen,« fuhr der Henker fort; »so viele auf

einmal sind noch nie von mir zur Richtstätte geführt worden. Sind ja an

die Dreißig, die verbrannt werden!«

»Und alle unschuldig!« setzte der Kerkermeister mit einer vor Erregung

zitternden Stimme bei.

»Oho, Alter, das Heidingsfelder Gaunervolk wird doch nicht unschuldig

sein!« lachte der Henker.

»Insoweit sie der Zauberei angeklagt sind, sind auch sie ohne Schuld.«

»Schau, Alter, das gilt mir ganz gleich. Ich frage nicht, warum, ich

frage nicht, ob schuldig oder unschuldig; schenkt mir das Gericht einen

Missetäter, so tue ich mein Amt, und damit Punktum!«

Der Kerkermeister schüttelte den Kopf.

»Mir geht das Ding tiefer zu Herzen als dir. Ich habe meinen Dienst

gekündigt. Morgen gehe ich.«

Der Henker blickte verwundert auf.

»Du bist wohl nicht bei Trost, daß du von deinem guten Brote laufst,

und gar jetzt noch in deinen alten Tagen.«

»Gutes Brot!« rief der Kerkermeister mit bitterem Lachen. »Gutes

Brot, an dem das Blut der Unschuldigen klebt! Nein, lieber sterbe ich

Hungers, als daß ich noch länger in diesem Schanddienste bleibe.«

»Und wohin gehst du?«

»Fort, weit fort aus dem würzburgischen Lande. 's ist ein Schmachland

geworden!«

Vom Toreingange her tönte ein Glöckchen. Pater Spee trat, die heilige

Wegzehrung tragend, von einem dienenden Knaben begleitet, in den Hof.

Der Kerkermeister warf einen Blick tiefen Schmerzes nach dem Jesuiten

und schritt ihm dann voraus, um ihm das Gefängnis des Chorherrn und des

Vikars zu öffnen. Dort waltete nun der Pater seines erhabenen Amtes und

bereitete zwei Seelen zum Gange in die Ewigkeit. --

Es schlug vom Neumünster her die neunte Abendstunde, und die übrigen

Glocken der Stadt fielen ein. Dann läuteten sie von allen Türmen das

Ave; aber es klang heute so wehmütig und freudearm, als klagten all

die Glocken tiefes Leid zum Himmel.

Aus einer Türe des Turmes trat ein stillernster Zug. Voran ging der

Kerkermeister, ihm folgte Spee, begleitet von dem Chorherrn Nikodemus

Hirsch und dem Vikarius Christophorus Barger. Die drei Priester beteten

mit lauter Stimme den Psalm _Miserere_. Ihr Antlitz war ruhig, und eine

himmlische Ergebung lag darüber ausgegossen.

Der Henker ließ, auf sein Schwert gestützt, den Zug an sich

herankommen. Als die Priester neben dem Blocke standen, trat er an sie

heran, reichte jedem die Hand und sprach: »Verzeiht dem Henker, wenn er

an euch seines Amtes waltet!«

»Du bist ein braver Mann,« sprach Nikodemus Hirsch, jenem die Hand

drückend. »Wir scheiden in Liebe und Frieden.«

Und nun knieten die Priester vor Pater Spee nieder. Ihre gefalteten

Hände zitterten, die Häupter waren tief zur Erde gebeugt. Mit bebenden

Lippen beteten sie nochmals das _Confiteor_. Jedes Wort des demütigen

Gebetes war von Glaube und Ergebung durchglüht.

Spee breitete seine Hände segnend über sie. »_Misereatur vestri

omnipotens Deus_ -- -- --«

Und nun erhoben sie sich.

»Wir sterben unschuldig und ohne Groll im Herzen. Pater Spee, Gott möge

Euere Liebe Euch vergelten! Auf Wiedersehn im Paradies!«

Ein langer, heißer Kuß aufs Kreuz -- ein Blick voll Sehnsuchtsglut

nach oben -- ein im Mondlicht aufblitzender Schwertstreich, und nun

noch einer -- rings am Boden heißes, dampfendes Blut, und in ihm zwei

Leichen! --

Der Henker legte die entseelten Körper der Priester in die Truhen. Es

war das erstemal in seinem Leben, daß ihm Hand und Herz bebten und eine

Träne in seinem Auge stand. Spee besprengte die Leichen mit geweihtem

Wasser und betete das _De profundis_. Dann hoben zwei Knechte die

Truhen auf einen Wagen, und nun ging es in langsamem, traurigem Zuge

hinaus durch die Stadt nach dem Richtplatze, wo bereits ein großer

Scheiterhaufen errichtet war. Auf diesen wurden die Leichen gelegt und

dann das Holz angezündet. Bald züngelten die Flammen hinauf und hüllten

alles in Feuer und Rauch.

Blutrot sah der Mond vom nächtigen Himmel zur Erde nieder,

verhängnisvoll leuchtete des Scheiterhaufens Flamme von der Anhöhe

hinab in die Stadt, und alle, welche die züngelnde Lohe und den

schwarzqualmenden Dampf, der wie eine dunkle Säule zum Himmel aufstieg,

sahen, beteten ein stilles, schmerzliches Gebet für die Gerichteten.

Und als es Mitternacht war, da erloschen die Flammen, und nur ein

Häuflein Glut leuchtete noch durch die Nacht. Und als auch dieses

erstarb, war es Morgen geworden -- der Morgen eines schrecklichen

Tages.

Der Tod der beiden Priester durchlief wie eine Schauermäre am frühen

Tage die ganze Stadt. Allenthalben stieß man auf ängstlich flüsternde

Gruppen und Mienen voll Trauer und Gram. Besonders aber unter der

Geistlichkeit war der Schmerz ein ebenso großer als gerechter; denn die

beiden hingerichteten Mitbrüder hatten als fromme und liebenswürdige

Männer die Hochachtung und aufrichtige Verehrung aller genossen. Man

begriff sehr wohl, daß die geheime Hinrichtung weniger eine Rücksicht

auf den Stand der armen Priester, als eine Tat der Vorsicht war, da

die öffentliche Enthauptung und Verbrennung von Geistlichen leicht zu

schlimmen Volksauftritten, mochten sie sich nun gegen die weltliche

Obrigkeit oder gar gegen den Priesterstand richten, hätte führen können.

Weniger, ja gar keine Rücksichten glaubte man dagegen bei der

Urteilsvollstreckung an den übrigen Gefangenen hegen zu müssen. Im

Gegenteile. Der Tag und die Stunde der Massenhinrichtung ward mit

Absichtlichkeit in Würzburg bekannt gemacht. Es sollte möglichst viel

Volk Zeuge des schrecklichen Schauspieles sein, und zugleich sollte der

Menge durch Entfaltung aller richterlichen Macht neuerdings tiefste

Ehrfurcht vor dem Malefizgerichte beigebracht und der teilweise bereits

wankend gewordene Glaube an Hexen und Zauberer neu bestärkt werden.

Es war ein trüber Morgen, der über der Stadt brütete. Der Himmel war

von fliegendem Gewölke umzogen, das sich zuletzt zu dunkeln Massen

anstaute und regenschwer über Würzburg hing. Das Licht des wachsenden

Tages war dämmerig, die Luft feucht und kalt, und stoßweise fegte ein

brausender Westwind durch die Gassen.

Die Kirchentüren standen schon am frühesten Morgen weit offen, und die

heiligen Räume waren unablässig von Betenden gefüllt, welche einem

frommen Gebrauche gemäß vor dem hochwürdigsten Gute für jene zu Gott

flehten, welche heute dem Tode durch den Henker verfallen sollten.

Immer dichtere Menschenmassen wogten nach der Gegend des Schneidturmes

hin und drängten sich dort um das alte, finstere Gebäude. Kein froher

Scherz, kein heiteres Lachen tönte aus der Menge heraus; allenthalben

war Trauer und aufrichtiger Schmerz sichtbar, und über viele Wangen

perlten Tränen, von tiefem Mitleide mit den armen Opfern geweint.

Es mochte die achte Morgenstunde sein, als der Oberschultheiß,

begleitet von zwei Bütteln, am Schneidturme erschien. Er hatte seine

volle Amtstracht angetan und schritt mit unvergleichlichem Stolze durch

die drängende Menge.

»Platz gemacht!« rief er einigen Bürgern zu, die ihm den Weg

versperrten.

Murrend traten diese auseinander.

»Der Oberhenker!« brummte ein Grobschmied. -- »Herrgott, ^der^ wenn ein

Stück Eisen wäre und ich hätte ihn auf meinem Ambos!«

Kein Mensch grüßte den Gestrengen. Überall, wohin er blickte, begegnete

er finsteren, feindseligen Mienen. Er atmete hoch auf, als er unter den

Torbogen des Schneidturmes trat und dort vom Aktuarius mit einem tiefen

Bücklinge empfangen wurde.

»Das Volk scheint mir eine etwas bedenkliche Haltung anzunehmen,«

sprach der Oberschultheiß in leisem Tone zum Aktuarius und ließ sein

Auge langsam und prüfend über die Menge gleiten.

»Ah bah! sie schauen finster,« antwortete dieser verächtlich. »Das ist

auch alles, wozu sich der Witz und Mut dieser Leute aufzuschwingen

vermag. Lassen wir ihnen das wohlfeile und unschädliche Vergnügen!«

»Und doch möchte ich die Sache ernster nehmen als Ihr. Es sind noch

zwei Stunden bis zur Hinrichtung, Zeit genug, daß das Volk aus

finsterem Brüten zu lauter Auflehnung übergehen könnte. Ich beauftrage

Euch daher, ein wachsames Auge auf die Leute zu haben, und sobald Ihr

etwas Verdächtiges bemerkt, mir sogleich Mitteilung zu machen.«

Nach diesen Worten trat er in des Kerkermeisters Stube.

»Sind alle Gefangenen, die ich bezeichnete, im untern Saale versammelt?«

»Ja, Euer Gestrengen,« antwortete abgewandten Gesichtes der Alte.

»Ihr habt uns ja den Dienst gekündet?«

»Ja.«

»Und warum?«

»Weil ich nicht Mördern dienen will!«

»Alter, ich warne Euch!«

»Und ich danke Euch nicht darum.«

»Aber wovon wollt Ihr in Eueren alten Tagen leben?«

»Von der Schande gewiß nicht!«

»Ihr seid ein mürrischer Kopf!«

»Aber ehrlich, Herr!«

»Vorwärts!«

-- In einem niederen, mit Quadern belegten Saale waren die vorgerufenen

Delinquenten versammelt. -- Nur die armen Kinder hofften, man werde sie

nun endlich einmal ihren Eltern wiedergeben, die Erwachsenen ahnten nur

zu sehr, warum man sie hieher berufen.

Der Oberschultheiß trat ein, gefolgt vom Kerkermeister, der einen Stab

trug. Er räusperte sich und las:

»Auf unseres durchlauchtigsten, gnädigsten Fürsten Befehl wird zu Recht

erkannt, daß sämtliche hier anwesende Kinder ohne Ausnahme, dann die

Jungfrauen Elsa Gering und Edeltraut Göbel, der Studiosus Heinrich

und die Ammfrau Bernin wegen Bündnisses mit dem Teufel, ferner der

Zuckerwastl, der Pappenheimer, der Neunaugen und die Streunerin Helena

wegen eines Mordes und dringenden Verdachtes höchst verwerflicher

Zauberei und Hexengemeinschaft zu der gewöhnlichen Richtstatt geführt

und allda die Kinder an der Säule durch den Nachrichter vom Leben zum

Tode stranguliert, auch alsbald die Körper mit dem Feuer zu Pulver

verbrannt werden, die Erwachsenen aber bei lebendigem Leibe dem

Scheiterhaufen übergeben werden sollen.«

Bei den letzten Worten nahm er den Stab aus des Kerkermeisters Händen,

brach ihn entzwei, warf ihn den Verurteilten vor die Füße und verließ

eiligst den Saal.

Warum fliehst du, der du dich Wächter des Gesetzes nennst, warum

fliehst du und schaust nicht den Jammer, der deinen Worten folgt?

Fehlt dir der Mut, die Klagen anzuhören, die steinerweichend über

Kinderlippen fließen? Willst du nicht die Tränen sehen, die über

edler Mädchen Wangen perlen, nicht sehen, wie der Schmerz ihre Augen

erstarren macht und ihre Lippen bleicht? Und willst du nicht sehen

den Jüngling, der sein Haupt dort an die Mauer lehnt und dessen Zunge

des Fieberwahnsinns Sprache redet? Hast du nicht so viel Mut, das

hoffnungsreiche Leben mit kaltem Auge anzuschauen, das du mit deinem

Narrenrechte in den Staub getreten hast? Du hast wohl Furcht vor

giftigen Blicken und jenen wilden Flüchen, die über heiße Gaunerlippen

rollen und die zu Tod und Hölle dich tausendmal verwünschen? Du hast ja

deine Pflicht getan, gestrenger Richter -- nun -- ^nun kannst du auch

getrost dem Leid den Rücken wenden^!

-- Der Student lehnte noch immer an der Mauer, sein glühendes Haupt an

den feuchten Steinen kühlend. Sein Denken war zerrissen, wie sein Herz

zerfleischt in seinem Leibe blutete. Wilde, wirre Phantasien jagten

durch sein brennendes Gehirn, und wieder war's, als griffen Engel in

der wunden Seele Saiten und sängen drin die herrlichsten Akkorde.

Edeltraut war neben ihn getreten. Aus ihrem Auge strahlte die Sonne der

Liebe.

»Heinrich!«

»Wer ruft mich?« fragte mit hohler Stimme der Student.

»'s ist die Edeltraut!«

Der Jüngling wandte sich rasch um.

»O Edeltraut, ^meine^ Edeltraut!« rief er, die Arme ausbreitend. »Du,

Engel, bist wohl aus des Himmels Höhen herniedergestiegen, um meine

Seele mit dir fortzunehmen! Nimm mich fort auf deinen reinen Schwingen,

o bitte, bitte!«

Er sank zum Boden nieder und hob die Hände flehend auf.

»Hör' mein Leid! Ich trug einst ein reiches Hoffen in meiner Seele, dem

Frühling gleich, der tausend Knospen schwellt. Es war so wundersüß! Ich

hoffte, dich, reine Blume, an dieses Herz zu legen und dort so treu und

warm zu betten. Die Hoffnung wuchs zur Seligkeit, da ich aus deinen

Augen meiner Wünsche Himmel leuchten sah. Nie sprachst du ein Wort

der Liebe zu mir -- es war ja besser, edler so. Wozu das Wort auch,

wenn die Herzen ihre reiche Sprache reden! Da kam ein wilder Sturm

verheerend über meine Hoffnung und brach die Knospen, und all mein

Hoffen fiel wie welkes Laub vom Baume. Rings starrt der Tod, und da --

da, Edeltraut, am Morgen fange langsam auch ich zu sterben an. Noch bin

ich nicht zu Ende mit dem Sterben, ein winzig Teilchen Leben kämpft

noch mit dem Tode. Der Kampf wird bald zu Ende sein, die junge Sonne

geht zur Rüste -- Abend wird's -- dann tiefe Nacht im Grab!«

»Wir sterben miteinander!« schluchzte Edeltraut.

»Du? du mit mir?« stammelte Heinrich, und aus seinen stieren Augen

dämmerte der neu erwachende Wahnsinn.

»Am Scheiterhaufen!«

Der Jüngling schüttelte das Haupt. »Das begreife ich nicht, daß Engel

sterben.«

»Sie haben mich als Hexe zum Feuertode verdammt.«

Des Jünglings Augen schienen aus ihren Höhlen zu treten, seinem

Munde entströmte glühender Atem. »Dich, dich,« rief er, »nennen

sie eine Hexe! Ja, ja, ich fühl' es, die Welt dreht sich im wirren

Wahnsinnswirbel, nur ich allein bin frischen, heilen Geistes. Du, eine

Hexe -- haha ha --«

Er stieß ein gräßliches Lachen aus. Dann hielt er seine Hand vor die

Lippen und flüsterte: »Sei klug, mein Kind, und breite deine Schwingen

und flieh hinauf hoch über alle Sterne! O flieh, flieh, die Erde ist

so voll des Schmutzes und der Schande, daß sie nicht Lilien auf ihrem

Boden tragen kann.«

»Ich kann nicht fliehen, teurer Heinrich; und könnte ich auch, ich

möchte nicht. Ich sterbe gerne, sterbe ich doch mit dir. Gott wird

uns gnädig seinen Himmel öffnen und dort in seiner Liebe unsere Liebe

segnen. Leb' wohl, mein Freund, auf Wiedersehen im Jenseits!«

Sie reichte ihm die beiden Hände. Der Jüngling ergriff sie mit Inbrunst

und ließ seine glühende Stirne aus ihnen ruhen. »Leb' wohl, mein Herz,

mein Lieben und mein Hoffen; du Blume Gottes, lebe wohl! -- -- Du

scheidest, wie der Tag, der tief in Feuergluten seine letzte Stunde

hüllt, um dann als schönerer Morgen der Erde tauige Tränen aufzuküssen!

-- -- Leb' wohl -- ich sterbe gerne, freudig des Lebens letzten Rest,

-- auf Wiedersehen bei Gott!«

Edeltraut entzog ihm leise ihre Hände. Er schien es kaum zu fühlen.

Gleich einem Marmorbilde kniete er, das Haupt geneigt, und seine Seele

trank Entzücken.

-- -- Die dem Tode Geweihten wurden von dem Kerkermeister nach ihren

Gefängnissen zurückgebracht. Als Edeltraut und Elsa in ihren Kerker

traten, fanden sie dort Pater Spee.

»Ich bringe euch den Leib des Herrn,« sprach er, auf das Kreuz an

seiner Brust zeigend, in dessen Mitte sich das Heiligste befand.

»O, Gott ist gut, unsäglich gut mit uns,« rief Elsa und sank anbetend

auf die Knie.

»Nun, Kinder, reinigt euere Seelen von jedem Makel durch das

Beichtgericht. Hat auch der Erde Verderben keinen Teil an euch, so

denkt, daß auch der Reinste nicht vor Gott besteht, wenn sein Erbarmen

nicht den letzten Hauch der Sünde von uns nimmt!«

-- -- -- »Ich arme Sünderin« -- -- --

»Gott sei mit dir, -- mit euch! Mit euch sein Friede!« sprach der

Priester und reichte beiden Mädchen den Leib des Herrn.

-- »Nun laßt den letzten Schmerz ums Irdische vernarben, ihr traget

Gott in euch; noch eine Stunde, eine lange, lange, und ihr schaut den

in seiner Herrlichkeit, der in des Brotes demutsvoller Hülle euch im

Kerker zum reinsten Troste geworden! Zaget nicht, zittert nicht, ihr

lieben, reinen Tauben! Zum Himmel auf geht euer Flug, ^zum Schauen euer

Glauben^!« --

Pater Spee hatte auch die übrigen Kerker besucht, um überall den

gleichen Himmelstrost zu spenden; doch ward derselbe nicht von allen

gerne angenommen. -- Der Student zeigte sich innigst dankbar für

den Empfang dieser Gottesgnade, auch der Zuckerwastl nahm den Pater

freundlich auf. Die übrigen aber wiesen ihn mit unbeugsamem Trotze von

sich. Gott habe sich nie um sie bekümmert, meinte Helena; nun wolle

sie auch nichts von ihm wissen und trage gar keine Sehnsucht nach ihm;

es sei ihr ganz gleichgültig, ob sie zum Teufel fahre oder nicht; sie

finde dort jedenfalls bessere und vornehmere Gesellschaft, als sie je

auf Erden gehabt.

Auch der Neunaugen ließ sich nicht aus seinem blöden Brüten aufrütteln,

während der Pappenheimer die ganze Laune seines Spottes über Gott,

Glaube und Priestertum ausgoß. Wenn ihm der Pater Spee denn doch

noch einen Gefallen erweisen wolle, so möge er sich von ihm den Hals

umdrehen lassen, denn er hoffe sicherlich, die beste Aufnahme in der

Hölle zu finden, wenn er erst einen Jesuiten geschunden habe.

Spees Herz blutete ob der hartgesottenen Verstocktheit dieser armen

Menschen, die mit vollem Bedachte einem zweifachen Tode entgegengingen.

Alle seine innige Liebe blieb unverstanden, all sein flehendes Bitten

unerhört, alle Hinweisungen auf einen barmherzigen wie auch einen

gerechten Gott fanden nur eine höhnende Antwort.

Herzzerreißend war der Kinder Jammer und Klage, als Spee auch bei ihnen

eintrat. Es bedurfte langer Zeit, ehe ihn sein eigener Schmerz jene

Worte der tröstenden Liebe sprechen ließ, von denen seine Lippen sonst

so herrlich überflossen.

»Kinder, ihr kommt zu Gott!« das war der beste Trost, den der

Priester den jungen Seelen geben konnte. Und endlich kam auch in

die Kinderherzen stille Ergebung; wohl mag auch des Schmerzes lange

ertragenes Übermaß die zarten Seelen ermüdet haben, so daß sie, wenn

auch stille weinend, doch gottergeben zu des Priesters Füßen von ihrer

Himmelsheimat sich süße Worte sagen ließen.

Edeltraut und Elsa hatten, ehe sie dem Tode verfielen, noch eine

schmerzenschwere Viertelstunde zu bestehen. Beide Mädchen lagen betend

auf den Knien, als deren Väter zu ihnen in den Kerker traten. Edeltraut

warf sich mit dem ganzen Ungestüm ihrer hocherregten Seele in ihres

zitternden Vaters Arme und schluchzte, als wollte ihr das Leid das arme

Herz abstoßen.

»O Vater, Vater!« stöhnte sie, das Haupt an seine Brust bergend, »o

bete, daß mich Gott an deinem Herzen sterben läßt. O diese eine --

eine Gnade soll mir Gott erzeigen! Ich will ja gern mein junges Leben

sterben lassen, und alles, was ich hoffte -- liebte, mit mir zu Grabe

tragen, aber lebend von den Flammen aufgefressen werden -- an jedem

Gliede tausend Todesqualen leidend -- dieser Gedanke ist so unfaßbar

gräßlich, daß mir das arme, von Leiden totgehetzte Herz im Leib

erstarrt!«

»Ich kann dir, armes, teures Kind,« sprach mit tränenerstickter Stimme

der alte Göbel, »keinen Trost geben als Gottes reiches Erbarmen. Es

wird deine Leiden kürzen, Edeltraut, und deine reine Seele wird der

weißen Taube gleich sich zu den Himmeln schwingen. Mein Kind, ich bin

so eigen ruhig gestimmt. Ich weiß, daß du mir stirbst und mit dir

meines Lebens höchste, letzte Freude welk zur Erde fällt, und dennoch

klage ich nicht. Ich fühle es an meiner Herzensuhr; sie schlägt die

letzten Viertelstunden; dann bricht auch dieses morsche Räderwerk

in Stücke, und bald folge ich durch des Todes Pforte dir zu einem

schöneren Leben.«

-- Elsa hing lange Zeit an ihres Vaters Hals und tauschte mit ihm

der scheidenden Liebe heißen Kuß. Dann aber entwand sie sich seiner

Umarmung und kniete nieder. »Nun deinen Segen, teuerer Vater! Mit ihm

will ich hinübergehen zu meinem Gotte. Ist doch der Elternsegen des

Kindes herrlichster Geleitsbrief, wenn es vor Gott erscheint. Und

nun noch meines ganzen großen, treuen Herzens vollen Dank für deine

Vaterliebe. Sie war mein Licht, mein Trost und meine reinste Freude in

der Nacht des Lebens. Du warst so innig gut mit deiner armen blinden

Elsa, und was dein reiches Herz an Liebe an sich trug, war mein

schönster Reichtum. Ich gehe zu Gott -- ich sage es mit Seligkeit! --

Ist auch die Pforte grauenvoll und begleitet tiefstes Weh den letzten

Lebensschritt, so kennt doch meine Seele keine Furcht. Ich gehe zu

Gott, und wenn ich dort den ersten Blick ins tiefe Meer der Gottesliebe

schaue, dann, Vater, wird deine Elsa betend sprechen: »O guter, großer,

lieber Gott, mir lebt auf Erden einsam trauernd ein treues Vaterherz.

Tröste und segne es und gib ihm aus dem Schatze deiner Liebe reichen

Lohn für all das Gute, das seine Hand an mir tat.« -- Und also will ich

beten, bis der Tag gekommen, an dem ich mit lautem Jubel drüben an der

Schwelle des Himmels dich begrüßen kann. Dann, Vater, dann hat alles

Leid ein Ende und jede Träne wird zur Seligkeit! Noch einen Kuß, ein

Kreuz von deiner Hand auf meine Stirne, dann sage deinem Kinde gute

Nacht -- auf Wiedersehen!«

Die Zeit der Hinrichtung war gekommen. Sämtliche zum Tode

Verurteilten waren in Totenhemden gekleidet und bestiegen die für sie

bereitgehaltenen Wagen.

Pater Spee saß auf dem ersten derselben inmitten der armen Kinder,

die weinend und schluchzend sich um ihn drängten. Auf einem zweiten

befanden sich Elsa und Edeltraut, wieder auf einem andern die alte

Ammfrau Bernin und der Student, beide von der Nacht des Wahnsinns

umschattet, und endlich auf dem letzten der Pappenheimer, der

Zuckerwastl, der Neunaugen und Helena. Der Zug hatte sich in dem großen

Hofraume des Gefängnisses geordnet und bewegte sich nun durch das enge,

finstere Tor hinaus aus die Gasse. Ein Fähnlein Landsknechte eröffnete

denselben. Die langgezogenen Töne einer Trompete schnitten durch Mark

und Bein. Darauf folgte hoch zu Roß der Oberschultheiß, das Todesurteil

zusammengerollt in seiner Linken, indes die Rechte die Zügel hielt.

Hinter ihm gingen Schergen und der Henker, und diesen folgten die

einzelnen Wagen mit den Verurteilten. An den letzten schlossen sich

die Mitglieder der Armenseelenbruderschaft betend an. Zu beiden Seiten

schritten enggeschlossen Stadtsoldaten mit gezückten Schwertern.

Erst war es tiefstille, als der Zug ins Freie kam, als wäre jeder

Laut erstarrt, bald aber brach ein lautes Schluchzen aus, das

immer mehr zur herzzermalmenden Klage anschwoll, und dem sich das

neugeweckte Weinen der Kinder anschloß. Es war, als zitterten nicht

nur alle Menschenherzen vor Leid und Gram, sondern als zöge auch ein

geisterhafter Wehruf durch die Luft und hallte von den Häusern wider.

Ein leiser Regen fiel hernieder, es waren Tränen des Himmels!

Kein Auge blieb trocken, auch die Wangen der härtesten Männer netzte

des Schmerzes bitteres Naß. Nur der Oberschultheiß überschaute mit

kaltem Blicke, dem kein Mitgefühl innewohnte, die drängende, klagende

Menge. An der Ecke der Domstraße staute sich der Zug. Dort stand, in

sich versunken, der alte Bildschnitzer Meister Gothard an die Mauer

gelehnt. Des Greises graues Haar hing wirr um die faltenschwere Stirne,

und aus den Augen brannte ungesöhnter Haß.

Als der Zug, sich langsam vorwärts wälzend, um die Ecke bog, da trat

der Bildschnitzer vor, fest, mit ruhigem, sicherem Schritte, ging auf

den Oberschultheiß zu, hielt die Zügel von dessen Pferd an und rief

mit lauter Stimme: »Bluthund von einem Menschen, sei verflucht! Dich,

aller Henker schlechtesten, sollen die Teufel ewig quälen, und schon

auf Erden soll deine Seele keine Ruhe finden! Gleich giftigen Schlangen

sei dir dein Gewissen, ein jeder Bissen, den du issest, wandle sich

in Unrat, und jeder Tropfen Wassers, den du auf deine Zunge bringst,

schmecke nach Menschenblut! Wachend soll dich aller Menschenhaß

verfolgen, und deine Träume sollen dir die Teufel malen. Und wenn du

stirbst, soll kein Priester dir zur Seite stehen, und bist du tot, kein

Kreuz die Stätte zeichnen, wo dein elendes Herz verfault. Geh' hin, du

Satan, geh' und morde deine Opfer, geh', und sei verflucht!«

Sprach's und trat zurück unter die Menge, die einen schützenden Wall um

ihn schloß. Der Oberschultheiß saß weiß wie eine Leiche und starr vor

Schrecken auf seinem Rosse, den Blick zu Boden geschlagen.

In demselben Augenblicke stürzte ein junges Weib händeringend und mit

aufgelösten Haaren durch die Soldaten nach dem Wagen, auf welchem die

Kleinen saßen, und rief mit einer Stimme, wie sie nur dem höchsten

Mutterschmerz eigen ist: »Mein Kind, mein Kind, o gebt mein Kind mir

wieder!«

Dabei klammerte sie sich mit der Macht der Verzweiflung an den Wagen,

da die Soldaten den Versuch machten, sie loszureißen und fortzuführen.

Plötzlich verließ die Ärmste alle Kraft, sie brach zwischen den Rädern

zusammen, die Pferde zogen zu gleicher Zeit den Wagen an, -- er ging

der Mutter übers Herz. Sterbend hob man sie vom Boden auf, sie warf

noch einen Blick nach ihrem Kinde, flüsterte dessen Namen und schloß

das brechende Auge für ewig! -- --

»Vorwärts!« herrschte der Gestrenge in höchster Erregung und trieb den

Zug zur Eile an. Fürchtete er doch, es möchte sich das Volk zuletzt in

Masse auf die Wagen stürzen und die Gefangenen befreien. Und fürchtete

er wohl nicht auch für sein Leben, das dem Fluche verfallen war?

Endlich langte der Zug auf der Richtstätte an. Die Kinder wurden von

starker Henkershand vom Wagen gerissen, unter den Galgen gebracht,

jedem eine Schlinge um den Hals gelegt, ein Zug am Stricke -- und -- --

-- -- Die Feder will den Dienst versagen! --

Inmitten des großen Planes waren fünf Scheiterhaufen aufgerichtet,

mächtig groß. Aus jedem ragte ein starker Pfahl empor. Die zum Tode

Verurteilten wurden auf die einzelnen Scheiterhaufen geführt, auf denen

sie enden sollten.

Pater Spee ging noch zu einem jeden, reichte das Kreuz zum Kusse und

segnete alle mit der ganzen Inbrunst seiner heiligen Liebe.

»Mut, Mut, liebe Kinder,« sprach er, »Gott ist euch nahe; euere

Unschuld --«

Der Oberschultheiß trat glühend vor Zorn auf den Pater zu.

»Ein Wort noch wenn Ihr von Unschuld redet, lasse ich Euch gefänglich

abführen!«

»Sie sind unschuldig,« sprach mit ruhiger, fester Stimme Spee und trat

von den Gefangenen zurück.

Die Opfer bestiegen die einzelnen Scheiterhaufen.

»Laßt mich mit Elsa sterben!« flehte Edeltraut den Henker an.

Dieser nickte Gewährung, half den beiden Mädchen auf einen gemeinsamen

Holzstoß und band sie darauf an den Armen und Füßen um den Pfahl fest.

Und nun ward Feuer an die einzelnen Scheiterhaufen gelegt. Das

Reisig, das zwischen den großen Holzstücken lag, loderte knisternd

auf, und bald züngelte die Flamme um die Füße der armen Opfer. Die

Rauchwolken ringelten sich erst in Wirbeln auf, dann wuchsen sie zur

mächtigen Säule, deren schwarze, qualmende Wolken von den roten Flammen

schauerlich durchzogen waren.

Ein leiser Aufschrei und ein Seufzer, namenlos wehklagend, drang

zitternd durch die Luft.

»Elsa -- Edeltraut!« riefen zwei Väter schmerzlich aus -- und wankten

zu dem Scheiterhaufen.

»Edeltraut... Geduld, mein Kind... ich komme ... nur noch... ein paar

müde... letzte Herzensschläge ... o Gott ... sei gnädig ... Amen!«

Tot sank er nieder! Sein Herz war gebrochen, seine Seele flog mit der

seines Kindes gegen Himmel.

Der alte Gering stürzte in stummem Schmerze über der Leiche seines

Freundes zusammen. Der Gram hatte ihn zwar nicht getötet, aber die

Kräfte seiner Seele wie seines Leibes waren gelähmt.

* * * * *

Nacht ist's, dunkle, finstere Nacht.

Das Feuer der Scheiterhaufen ist erloschen, fünf Häuflein Asche

kennzeichnen den Platz, an dem menschlicher Wahnwitz »im Namen des

Gesetzes« zum ewig verächtlichen Mörder geworden war.

Rings tiefe Stille! Zuweilen schreit ein Käuzlein, und Raben krächzen

um den Galgen, an welchem die Kinder hängen, und unter dem zwei

Henkersknechte finster brütend sitzen.

»Hat es noch nicht die zwölfte Stunde der Nacht geschlagen?«

»Ja.«

»So schneide die Kinder ab und wirf ihre Leichen dort auf den frischen

Scheiterhaufen. Die Nacht ist kalt und schwarz, frisch vorwärts, daß

der Haufen brennt, mich friert an Leib und Seele!«

Und bald züngeln neue Flammengarben in rotem Scheine durch die Nacht

zum Himmel auf -- o Würzburg, deine Kinder sind's, die nun zu Asche

brennen!

-- -- Im Namen des Gesetzes! -- --

* * * * *

Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle · 第 20 / 38 题