1. Kapitel: Fahrendes Volk

Rings düsterer Wald. Alte Buchen, mächtige Föhren und Tannen

beschatten einen Boden, den nur selten eines Wanderers Fuß betritt.

Ungestört äst dort der Hirsch, weidet das Reh und krächzt die Eule.

Die geheimnisvolle Weihe von Jahrhunderten liegt über diesem Meere

von Bäumen, über das wilde Stürme hinweggebraust und über dem so

oft des herrlichen Frankenlandes Sonne aufgegangen. Neben der in

sich zusammenbrechenden Eiche keimt und sproßt neues junges Leben in

saftweichem Grün, unter dem Schatten weitästiger Buchen glüht unbegehrt

und ungepflückt im schwellenden Moosgrunde die Erdbeere. Dem Schiffe

gleich, das stolz die Wellen durchschneidet, fliegt in majestätischem

Flügelschlage der Geier über das wogende Meer grünender Kronen, während

in dem dichten Geäste die Sänger des Frühlings aus frischen Kehlen

singen.

Dort, wo der Wald sich lichtet und von sanfter Anhöhe nach dem Tale

niedersteigt, steht im Tannenschatten ein einsames Haus. Fest, massiv

sind seine Mauern, aus regellosem Gesteine gefügt. Rings an den Wänden

kriecht der schwarzgrüne Efeu träge hinauf und verschleiert mit seinen

Blättern die kleinen Fensterbogen mit ihren sonnenblinden, runden

Glasscheiben. Die Haustüre steht offen und gewährt freien Einblick

in einen gewölbten, halbdunklen Hausflur, an dessen Ende ein roh

gezimmerter alter Eichentisch auf weit gespreizten Beinen steht. Über

diesem an der graufarbigen Wand hängt ein Kruzifix, schwarz, schmutzig,

von Spinnengeweben umzogen, vom Holzwurme angefressen.

's ist Frühlingsabend. Die scheidende Sonne hat ihren Glanz in

ungezählte Lichter gebrochen, welche auf dem jungen zarten Grün der

Buchen und auf dem dunkeln Boden des Waldes ihren Abendreigen in

feenhaftem Tanze feiern. Auch an dem alten Hause zieht scheidend ein

rosiger Strahl vorüber, ein warmer Kuß, auf Leichenlippen gehaucht, und

stirbt dann in dem Schatten der Waldesnacht.

Kein Vogelsang mehr! Die kleinen Flöten sind müde geworden und träumen

von neuen Liedern für den morgigen Tag. Nur die Eule ächzt wie das

Gewissen eines schlaflosen Sünders durch die tiefe Stille des Abends.

Gott grüß euch, ihr Sterne! Warum soll ich euch denken als riesige

Körper in endlos weiten Fernen, an denen des Menschen forschender Geist

Zirkel und Zahl versucht? Nein, ihr seid mir liebe Engelsaugen, die

freundlich auf Flur und Wald und in fromme Menschenherzen niedergrüßen.

Ein greller Pfiff, darauf ein rohes Lachen. Dort teilt sich des

Niederwaldes dichtes Geäste und wilde, verwetterte Gestalten treten

heraus. Sie schreiten dem alten Hause zu und lagern sich vor demselben

ins schwellende Gras.

»Heda, Zuckerwastl!« ruft ein kleiner, dicker Geselle, den breiten

Schlapphut fest auf den Kopf gedrückt; »heda, wirf deinen

zusammengestohlenen Kram ins Gras! Bist nicht halb mehr der Spitzbube,

wenn du die Ware vom Rücken nimmst.«

Der Angeredete streifte stechenden Auges den Dickwanst. Erst löste

er die Lederbänder seiner Kraxe, stellte diese beiseite und reckte

Arme und Beine; dann fuhr er mit dem Ärmel über sein wettergebräuntes

Gesicht, um sich den Schweiß abzutrocknen, und strich endlich mit

stolzem Selbstbewußtsein über das abgeschlissene Sammetwams, über dem

um den dürren Hals eine Messingkette hing.

»Bist der schmuckste Junker im Frankenlande,« spottete der Dicke

weiter; »gehst in Sammet und Seide gleich einem Grafen. Nur schade, daß

der ganze Plunder sowenig wert ist als der, der ihn trägt.«

»Pappenheimer,« gab trocken der Zuckerwastl zurück, »stecke deine rote

Nase nicht zu tief in meinen Topf, es möchte dir sonst übel ergehen!«

Mit diesen Worten wandte er sich von dem Dicken ab und seinen anderen

Gesellen zu.

»Du mein Gott!« lachte er, einem mürrischen Alten vertraulich auf die

Schultern schlagend, »wie wirst du grau und schwach, zerbrochener

Paulus! Hab' dich auch einst in besseren Zeiten gesehen, ehe sie

dir in München im Falkenturme die Glieder gestreckt haben. Ja, ja,

Spitzbubenleben macht noch schneller alt als Herrenleben; es geht eben

gar zuviel Ungewitter über einen richtigen Schelmenkopf!«

»Dir hat es doch nicht übel bekommen,« gab der zerbrochene Paulus, ein

hinkender Alter, halb verdrossen, halb neidig zurück.

»Glaub's wohl,« lachte der Neunaugen, ein widerlicher Kerl mit dünner

Stimme und schielenden Augen; »es versteht sich nicht jeder so gut auf

sein edles Handwerk wie der Junker Zuckerwastl! So einer solch weisen

Kopf zwischen seinen Schultern sitzen hat, mögen ihm die hochgelahrten

Herren mit den hänfenen Halskrausen und dem peinlichen Rechte nicht

beikommen.«

Der Zuckerwastl nickte dankend für das gespendete Lob, pfiff ein Lied

und schritt nach dem Hausflure, um dort den Schenkwirt aufzusuchen. --

Wir haben hier eine Gesellschaft vor uns, wie sie sich in einem alten

Gerichtsakte gezeichnet findet, Gauner vom reinsten Wasser, echte

Erzeugnisse jener wilden Zeit des beginnenden siebzehnten Jahrhunderts,

wo die unteren Volksschichten fast ohne Bildung waren und eine ganz

erbärmliche Justiz den letzten Rechtsbegriff in der Menge zerstörte.

Der Zuckerwastl war eine lange, hagere Gestalt mit stechenden Augen

und dünnen schwarzen Haaren; jenen Namen trug er, weil er stets einen

kleinen Kram mit sich trug, der aus Zucker, Gewürz, Hutschnüren,

Schamlot und Hosenbändern bestand; diese Gegenstände aber sollten ihm

nicht zu redlichem Erwerbe dienen, sondern vielmehr ein Mittel sein,

sich als fahrender Händler in die Häuser einzuführen, die Gelegenheit

zum Stehlen auszukundschaften und dann mit seinen Gesellen nach Lust

und Möglichkeit zu rauben, oder, wenn es nicht anders ging, wohl auch

zu morden. Er gehörte zu jenen Landfahrern, welche von wandernden

Eltern stammen, ohne Heim und bleibende Stätte, dem Wandertriebe

folgend von der Wiege bis zum Galgen oder, wenn er unter einem guten

Sterne geboren war, bis zu einer Grube draußen im Walde; ohne Aufblick

nach oben, ohne Verständnis des Diesseits, ohne Hoffen und Sehnen

nach einem besseren Jenseits. Die wenigen Begriffe von Gott und

Religion fanden sich in solchen Menschen nur im Zustande greulichster

Verzerrung, daher auch jene mehr dämonische als bloß abergläubische

Auffassung vom Wesen und der Gewalt des Satans. Ja, diese Gattung Leute

betrachtete sich im Bewußtsein der eigenen Verworfenheit und in dem

Gefühle der Verachtung, mit der ihnen jede über ihnen stehende Schichte

der Gesellschaft begegnete, als bereits bei lebendigem Leibe dem Teufel

zu eigen verfallen und fand, dadurch mit dem Gifte des Hasses erfüllt,

eine satte Befriedigung darin, wenn möglich durch Hilfe des Satans

Rache an jenen zu üben, die, sei es durch Tugend oder Geistesbildung

oder Glücksgüter, hoch über ihnen standen.

Wie die Neuzeit trotz ihrer teils wirklichen, teils vermeintlichen

Aufklärung sich einem epidemischen Wahnsinne im Tischklopfen,

Somnambulismus und Magnetismus hingegeben und damit, bewußt oder

unbewußt, einen Dämonenkult getrieben hat, und wie diese Abirrung ihren

Grund in einer verrückten Anschauung aller göttlichen und irdischen

Ordnung und in einer krankhaften sozialen Auffassung hatte: so auch

jene Erscheinungen voll beschämender Verirrungen, die uns im Hexen-

und Zauberwahne entgegentreten. Sie waren nichts anderes als eine

häßliche soziale Krankheit, großgezogen durch religiöse Unbildung und

unverstanden von jenen, deren heiligste Pflicht und schönste Aufgabe

es gewesen wäre, hier rettend, heilend, versöhnend dazwischenzutreten.

Die rohe Gewalt des Scheiterhaufens war dem geistig kranken Volke

kein Gegenbeweis seines Irrtums, sondern vielmehr eine unumstößliche

Bestätigung seines Wahnglaubens. --

Der Zuckerwastl war so ganz ein Produkt seiner Zeit: keck, verwegen,

auf einen Gott nicht hoffend, aber dem Teufel vertrauend, ein Fremdling

auf der weiten Welt und doch überall zu Hause, wo Gelegenheit oder

Verbrechen ihm den Tisch deckten, jeden hassend und sich selbst nicht

liebend, dagegen Rad und Galgen als sicheren Schlußstein eines trost-

und friedelosen Lebens stets vor Augen.

Eine dunkle, gestaltlose Ahnung erzählte ihm noch von Eltern. Als Bube

streunte er bettelnd und stehlend Land auf und ab, sah keine Schule,

hörte kein Gotteswort, kniete in keinem Beichtstuhle, verstand kein

Gebet, ward Jüngling und Mann und Verbrecher, und berechnete als

solcher sein Leben nicht nach Tagen und guten Werken, sondern nur mehr

nach Übeltaten und rohen Genüssen.

Die Gesellschaft, die sich in buntem Wechsel um ihn als ihren Kernpunkt

kristallisierte, war nicht besser als er selbst. Dort sehen wir unter

dem langen Abendschatten des einsamen Waldhauses den ^Pappenheimer^ und

den ^zerbrochenen Paulus^, beide Kesselflicker aus der Passauer Gegend,

Meister in der Zunft der Diebe, Räuber und Brandstifter. Dann noch den

^Neunaugen^, einen ehemaligen Dorfschmied, der sich wegen eines Mordes

aus seiner Heimat geflüchtet hatte, unterwegs eine sechzehnjährige,

ihren Eltern entlaufene, umherstreunende Dirne aufgriff und zum

Weibe nahm, obwohl er zu Hause Weib und Kinder im tiefsten Elende

zurückgelassen. --

* * * * *

Der zerbrochene Paulus hatte sich neben dem Neunaugen ins Gras gelegt

und stierte unverwandten Blickes nach dem abendlichen Himmel empor, an

dem ein Stern nach dem andern in mildem Lichte aufleuchtete.

»Bist gewaltig ernst und nachdenklich,« brach der Neunaugen das

Schweigen; »willst vielleicht in den Sternen lesen, wann für dich

Galgen und Rad gezimmert werden?«

»Nein!«

»Nun, was guckst du denn dann?«

»Verstehst es doch nicht, wenn ich es dir auch sagen wollte, windischer

Kopf!«

»Meinst du? Käme erst auf eine Probe an. Wollt' ich doch meine

Seligkeit an einen Krug Wein verwetten, ich wäre klüger geworden als

mancher Ratsherr, wenn ich nicht zwischen den Stauden der Heide

aufgewachsen wäre.«

»Mag sein! Weil dein Verstand nicht ganz gestorben zu sein scheint, so

will ich dir also sagen, was ich gucke und mir dabei denke. Siehst du

die Sterne?«

»Ei wohl!«

»Denkst du dir auch etwas ^über^ diesen Sternen?«

»Man sagt gewöhnlich, der Herrgott wohne dort.«

»Gut. Ich denke mir das auch. Nun sage mir, alter Sünder, hoffest du

dort auch einmal hinaufzukommen?«

Der Neunaugen richtete sich in hellem Erstaunen aus dem taufeuchten

Grase auf und schaute seinen Nachbar mit einem langen, fragenden Blicke

an.

»Ich -- in den Himmel? Nein!«

Das stieß er heftig, fast schmerzlich heraus.

»Und warum nicht?« fragte der andere mit steigendem Ernste.

»Das will ich dir sagen, denn ich weiß es. Ein Teil Menschen gehört

unserem Herrgott, der andere dem Teufel. Und wir armen Teufel -- nun,

wir gehören eben dem Teufel.«

Dazu stieß er ein häßliches, heiseres Lachen aus.

»Ich will dir etwas sagen,« fuhr der Neunaugen ruhiger fort und rückte

näher an die Seite des zerbrochenen Paulus. »Ich weiß eigentlich gar

nicht, wozu unsereiner auf der Welt ist. In einem Stadel oder unter

einem Waldbaume zur Welt gekommen, sind wir gleich dem Wilde, das aus

einem Jagdbogen in den andern läuft, bis ihm der Jäger das tötende Blei

ins arme Herz schießt. Ja,« fuhr er fort und ballte die Rechte, »die

drinnen in den Städten, die sattgemästeten Bürger und die stolzen,

übermütigen Junker, die dicken Ratsherren und erst gar die Priester und

Mönche, diese alle können leicht auf unseren Herrgott hoffen, ihnen ist

Zeit und Ewigkeit wie auf das Butterbrot gestrichen -- aber wir? Was

fangen wir an? Weißt du,« flüsterte er und stieß seinen Nachbar mit dem

Ellenbogen an, »für uns ist es immerhin das beste, wir verschreiben uns

kurzweg dem Satan!«

»Was nützt uns ^der^?« gab der zerbrochene Paulus verdrossen zurück.

»Ist er doch ein Schelm gleich uns!«

»Magst nur zu sehr recht haben. Aber er kann uns armen Tropfen doch

manchen Nutzen schaffen. Du, glaube ich, wärest der letzte, der es

verschmähte, wenn ihm der Teufel die Gewalt gäbe, aus glühenden Kohlen

Gold zu machen, verborgene Schätze zu heben und unterschiedlichen

Zauberspuk zu treiben.«

»Ja, wenn es nur so wäre!« seufzte Paulus auf und schaute wieder nach

den Sternen. --

-- Drinnen im Hause sitzt der Zuckerwastl in einer dunkeln Ecke und

führt mit dem Wirte flüsterndes Zwiegespräch.

»Nun, alter Diebsvater, weißt du nirgend einen fetten Bissen, der auf

unsere langen hungerigen Finger wartet?«

Der Schenkwirt, ein alter Mann, dessen linkes Auge ausgeronnen ist, und

über dessen kahlen Scheitel sich eine breite Schramme zieht, scheint

diese Frage nicht zu beachten. Er sitzt mit überschlagenen Beinen auf

seiner Holzbank und heftet den Blick auf den roten, ausgetretenen

Ziegelboden.

»Ich war jüngst in Würzburg unten,« begann er in halblautem

Selbstgespräche. »Die herrliche Stadt ist häßlich geworden; wohin

immer du gehst, riecht es nach Blut. Da drinnen reitet der Satan die

Herren bei lebendigem Leibe! Du glaubst nicht, alter Freund, wie sie

da drunten morden und brennen! Lauter echtes Hexenfleisch! Jetzt ist

dort alles und jegliches Hexe und verhext! Möchte nicht wetten, ob sich

die klugen Herren am Gerichte in ihrer großen Weisheit nicht selbst

zuletzt noch für Zauberer und vom Teufel Besessene halten. Wenn die

Herren nicht so dumm wären, so wäre dies ein gar kluger Gedanke für

sie. Denn wenn doch einmal alles des Teufels sein muß, dann sind sie

wahrlich dazu die besten. Aber höre, Alter, dazwischen klingt etwas wie

Wundermäre! Bei den Jesuitern ist ein junger Pater, ich habe ihn selbst

gesehen, dieser nimmt sich mit brennender Liebe der armen Hexen an, als

wären es seine eigenen Schwestern. Er schwört bei allem Heiligen, es

geschehe den Ärmsten allen unrecht, denn es gebe keine Hexen --«

»Was?« fuhr der Zuckerwastl dazwischen. »Solches sagt er?«

»Jawohl, das sagt er!« bestätigte der Wirt mit großem Ernste. »Und noch

mehr! Er tut das mit eigener großer Gefahr, denn alle die Hochweisen

am Gerichte behaupten steif und fest, solches sei helle Ketzerei,

und man dürfe sowenig Hexen und Unholde leugnen als unseren Herrgott

selbst, und es liefen der Hexen wohl hundert und tausend durch das

Land und suchten Menschen und Vieh und alle Erdenfrucht zu verderben.

Die Gestrengen sind dem Pater schon hart angelegen, er solle doch

endlich Vernunft annehmen und auch wie jeder klar denkende Mensch an

Hexen glauben; hätten ihn doch seine Ordensobern ebendarum vom Rheine

herauf nach Würzburg gesendet, um den armen Wesen, die ganz vom Teufel

besessen sind, in der letzten Stunde tröstend und erlösend beizustehen;

aber der Spee ist wie aus Eisen, er biegt und beugt sich nicht; es gibt

keine Hexen -- das ist sein tägliches Wort, und das sagt er so sicher

und fest, als sagte er einen Ausspruch aus Gottes Mund, und mit alledem

steht der Pater ganz allein, niemand hilft ihm, niemand steht auf

seiner Seite!«

Der Zuckerwastl machte große Augen und wiegte nachdenklich das Haupt.

»Es soll dem Manne keine Schande sein, wenn ein Kerl, wie ich einer

bin, ihn lobt. Aber meinst du auch, er setzt seinen Kopf durch?«

»Ich kann es schier nicht glauben; es sind zu viele gegen ihn, und

darunter alle Großen. Und diese können und wollen das Rädern, Martern

und Verbrennen nicht mehr lassen. Sie sind es gewohnt, wie du das

Stehlen; und sowenig du dich deines Schelmenhandwerks schämst, sowenig

schämen sich die Herren ihrer Grausamkeit. Weißt du, sie haben für ihre

Dummheit ein gar heiliges Pflaster, sie sagen: sie dienen Gott!«

»Sei mir stille, alter Schwätzer, und lasse mich denken! Ich bin nur

ein armer, windflüchtiger Geselle, den es Mühe kostet, an einen Gott zu

glauben, den er nicht schaut, den es aber noch mehr Überwindung kostet,

an die Liebe der Menschen zu glauben, die er nicht sieht. Der Spee ist

ein seltener Mensch; er setzt sich aller Gefahr und Feindschaft aus,

nur um solcher willen, denen jeder andere aus dem Wege geht, die alle

hassen und verachten. Das kann ihm nicht Geld und nicht Ehre und auch

nicht Frieden einbringen; sag' mir, alter Zigeuner, warum tut er das

wohl?«

»Ich weiß es nicht,« versetzte der Wirt. »Mir ist der Mann ein heiliges

Rätsel. Drunten in der Stadt sagen die einen, Spee tue dies alles aus

fester Überzeugung und reiner Menschenliebe; andere nennen ihn einen

verrückten Kopf, und wieder andere flüstern sich in die Ohren, er stehe

selbst mit dem Satan im Bunde und nehme sich der Hexen und Unholde

nur darum an, damit diese desto ungestörter Land und Leute verderben

könnten.«[A]

»Dumme Menschen!« lachte der Zuckerwastl. »Der Pater selbst ein Unhold

-- ^der^ Blödsinn sieht der Ratsherrnweisheit so ähnlich, wie ein Ei

dem andern. Aber,« fuhr er, plötzlich ernster werdend, weiter, »meinst

du wirklich, der Jesuit ergreife wohl aus reiner Menschenliebe für

die Hexen Partei? Sieh, ich verstehe das nicht, aber es kommt mir wie

Sonnenschein über meine alte schmutzige Seele, wenn ich denke, daß es

doch noch ein Menschenherz gibt, das auch die Verdammten liebt; denn

verdammt sind sie ja doch alle, die Hexen und Zauberer.«

»Habe mir auch schon oft so meine eigenen Gedanken darüber gemacht,«

antwortete der Schenkwirt; »klar bin ich mir aber über den Mann nicht

geworden. Aber was ich seit meinen jungen Jahren nicht mehr verspürt

habe, das habe ich gegen den Pater empfunden: Liebe, ehrliche,

aufrichtige Liebe. Schau, Alter, wenn der Spee recht hätte und machte

mit seinem hellen Verstande und mit seiner scharfen Zunge und noch

mehr mit seiner großen Menschenliebe dem Morden ein Ende: ich glaube,

ich gäbe selbst noch in meinen alten Tagen mein längstgewohntes

Schelmenleben auf und ginge unter die ehrlichen Leute!« --

-- Treten wir in einen niedern, gewölbten Raum. Auf dem Herde brennt

ein knatterndes Feuer und wirft seinen rötlichen Schein auf die rußigen

Mauern der Küche. Auf dem Fenstergesimse sitzt ein dicker, schwarzer

Kater und schnurrt; dort am Herde steht die Schenkwirtin, eine dürre

Alte; die grauen, ungekämmten Haare hängen ihr unter der Haube hervor,

die Augen sind unruhig und stechend, Nase und Kinn langgezogen und

spitzig; dünne, schmale Lippen bedecken den zahnlosen Mund. Der

Widerschein des Feuers gibt dem aschfahlen Gesichte eine eigene,

unheimliche Färbung.

In ihrer Nähe kauert auf einem Schemel ein junges Weib, das des

Neunaugen. Ihre Züge wären hübsch, wenn sie nicht in einer widerlichen

Roheit erstarrt zu sein schienen. Die Kleidung ist zigeunerhaft;

buntfarbige Fetzen und Lappen, schmutzig und zerrissen. Die Miene ist

zornig und trotzschwer.

»Nun, so laufe ihm davon, Helena,« meinte die Alte, »wenn dein Mann

dich gar so hart und schlecht hält! Solche Gauner, wie der deine einer

ist, wachsen an jedem Baume; brauchst nur zu schütteln; am billigsten

sind sie draußen am Galgen zu haben.«

»Mag nicht!« gab die Angeredete kurz zurück. »Nach den Schlägen, die er

mir gibt, frage ich wenig; bin das Prügeln ja von Kindheit auf gewöhnt.

Aber daß er schwelgt und das ergaunerte Geld verspielt, indes ich

darben und hungern muß, das verzeihe ich ihm nicht! Oder meint er, weil

er mich auf der Straße aufgelesen hat, sei ich nicht besser als ein

Hund?«

»Mach' dir selbst Geld, windische Hopfin!« warf die Alte achselzuckend

hin. »Die Dummheit der Menschen ist nicht ausgestorben, brauchst sie

nur zu Silber zu machen.«

»Was meint Ihr damit?«

»Wie du einfältig bist!« höhnte die Alte. »Mache den Leuten ein bißchen

Hokuspokus vor, tue dergleichen, als könntest du mehr denn Suppe essen

und Äpfel von den Bäumen brocken, nimm ein geheimnisvolles Wesen an,

und hundert gegen eins, die Bauernweiber geben dir Staupet und Pezen

genug und machen noch dazu den Reuport weit auf.«

»Was ist das?«

»Ah, du verstehst nicht rotwelsch!« lachte die Wirtin. »Staupet und

Pezen sind Mehl und Eier, und der Reuport ist der Geldsäckel. Nun gib

acht! Du nimmst ein junges Birkenreis; das hängst du denen, die an den

Augen leiden -- gleichviel, ist's Vieh oder Mensch -- um; dazu murmelst

du einen Spruch, den niemand versteht, auch du selbst nicht, und du

wirst sehen, immer hilft es -- dir. Dann nimm ein Büchslein voll Salbe;

kann Schweinefett oder sonst Talg sein; tue aber gar geheimnisvoll

damit und sage, es sei Fett von ausgegrabenen Leichen, und mit dieser

Salbe könnest du alle Schäden heilen. Die Esel zahlen es dir mit

schwerem Gelde, wenn du ihnen ihre kranke Haut damit einschmierst.

Aber vergiß auch dabei auf den Spruch nicht, denn dieser ist hier die

Hauptsache! Dann, wenn du in ein Haus kommst, wo die Leute mit dem

Nachbar in Feindschaft leben, so gib ihnen Stup und sage, sie sollten

ihn dem andern nur getrost unter die Füße streuen, dann sterbe dieser

in kurzer Zeit eines schnellen Todes; oder das Pulver kann auch dem

Vieh untergestreut werden, dann fällt es davon um und verendet.«

Helena hatte der Rede der Alten aufmerksam zugehört. »Dank' Euch,«

sprach sie, »Euer Rat gefällt mir gar wohl!«

»Und groß Unrecht ist auch nicht dabei,« fiel die Wirtin dazwischen.

»Ei was, Recht oder Unrecht, danach frage ich just gar nichts; das gilt

mir alles gleich!«

»So gefällst du mir,« lobte die Alte, und aus ihren Augen zuckten

blitzende Lichter. »Recht hast du, hilf, was helfen mag, und wäre es

der Teufel selber!«

Die flüsternd geführte Unterhaltung stockte eine Weile. Das junge Weib

sah nachdenklich vor sich nieder und schielte zuweilen mit fragendem

Blicke nach der Alten, die sich mit Bereitung des Hirsebreies zu

schaffen machte.

»Wirtin, ich möchte Euch was fragen.«

»Und das wäre?«

»'s ist wegen der Hexen. Ihr könnt doch schweigen? Ich tat zuvor

dergleichen, als wüßte ich nichts von Zauberei; aber da Ihr mich selbst

darauf verwiesen habt, mag ich wohl offen reden.«

»Ei, sieh einer das junge Ding an!« grinste die Alte, »also auch schon

von der Zunft?«

»Meine Mutter hat mir gar verschiedenes von Zaubereien und Hexenkünsten

erzählt, so daß mir oft mein junger, dummer Kopf darüber ganz heiß und

wirr geworden ist. Wenn ich nun so hinter meinem Manne Land auf und

ab gezogen bin und habe mir jene Reden überlegt, da hatte ich gar oft

das Verlangen, auch eine Hexe zu werden; aber dann packte mich wieder

eisigkalte Furcht, und ich suchte den Gedanken wieder loszuwerden.

^Bin^ auch keine Hexe,« fuhr sie aufgeregten Tones fort; »aber eines

möchte ich doch wissen --«

»Und was denn?«

»Nun ja, wegen des Bündnisses mit dem Satan!« gab Helena kurz zur

Antwort.

Die Alte sah dem Weibe scharf ins Auge. »Warum fragst du mich das?«

fuhr sie zornig heraus. »Meinst du, ich wisse alles? Und wenn ich es

wüßte, meinst du, ich wollte es dir sagen? Ich weiß gar nichts, ich

schwör's bei meiner Seele, gar nichts! Wenn du aber ein Hexlein werden

willst, so weiß ich dir guten Rat. Geh' du nur nach Würzburg hinein und

frage nach der schielenden Ammfrau, die alte Bernin heißt sie, die kann

dir mehr sagen, als deinem Kopfe gut ist. Ich aber weiß nichts.«

»Dank' Euch! Geh' nicht zu ihr,« warf Helena entschieden hin; »aber

warum seid Ihr auf einmal so böse?«

»Bin nicht böse, bei Gott, nein! Hast mich nur mit der dummen Frage

erschreckt. Ich warne dich, die Wände haben Ohren! Rede nicht laut vom

Bündnis mit dem Bösen! Die Herren in Würzburg drinnen haben ein gar

fein Gehör. Möchte deinetwegen nicht mit dem Henker noch Scheiterhaufen

Bekanntschaft machen.«

»Ei, wo denkt Ihr hin?« lachte Helena und ging aus der Küche. Die Alte

aber sah ihr mit giftigem Auge nach. »Das Weibsbild wäre dumm genug,

dich aufs Hexengericht zu plaudern!« murmelte sie, und bange Angst

starrte aus ihren Zügen. -- --

Die Männer hatten sich unterdessen um den Tisch in dem Hausflur

gelagert und spielten. Gierig folgten die dunklen, glänzenden Augen

dem Rollen der Würfel, und mancher derbe Fluch begleitete das Klappern

derselben.

»Doppelter Satz!« polterte der Zuckerwastl, einen kleinen Taler aus dem

ledernen Zugbeutel herausholend und auf den Tisch werfend.

»Vielleicht Kirchengeld?« fragte nicht ohne scharfe Betonung der

zerbrochene Paulus.

Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle · 第 3 / 38 题