Das Automobil wartet. Auf der breiten Straße mit den Kilometersteinen.
Der Chauffeur trinkt sein Bier und liest die Zeitung: Die
parlamentarische Kommission der konservativen Rechten ...
* * * * *
Er legt die Hand um ihre Taille. Sie erbebt, erhebt sich, wächst empor,
und wie die Lilie im Zauberwald ..., streift langsam seine Hand ab ...
behält ... sie ... in ihrer Hand ...
Vielleicht strömt ihr bisheriges, stilles Leben an ihr vorbei?
Vielleicht eine Szene hinter dem Ladentisch? Wie sie gerade mit der
Schere ein widerspenstiges Haarlöckchen abschnitt, sorgenfrei ...
Sie wendet langsam ihr Gesicht ihm zu: die Augen blicken ernst, der Mund
ist halb offen.
Er sieht ihre eingefallenen Wangen und wie die Brust atmet. Und Hermiens
Augen werden groß und matt, wie es die Sonne jetzt tut im Westen.
Hermia steht auf dem Felsgrat. Und in blauen Tiefen sieht sie die
Sphären schwingen. Wird Hermia schwindelfrei sein, und die Tiefe unter
ihr nicht ihren weißen Nacken lähmen?
Wird sie es vermögen, den blauen Tiefen noch rechtzeitig ihr nicht
weniger tiefes Blauauge zu entreißen, hinter sich zu blicken und einem
schwachen Mädchenfuß alte Kraft und Sicherheit wiedergewinnen zu lassen,
froh und befreit niederzuwandern zwischen Bergblumen?
Siehe, aber _sie_ vermochte es nicht, Hermia, als sie hinaustrat auf den
Felsgrat ihres Lebens. --
Hermia hatte nicht gelernt auf Felsgraten zu tanzen.
Die schwingenden Sphären nahmen sie an sich, komm zu uns, komm zu uns,
riefen sie und Hermia fühlt, wie sie aufgehoben wird, abgehoben von dem
Fels unter ihren Füßen, und hinabgleitet: -- Sie fällt ihm um den Hals,
Hermia, Graf Udo Ferdinand N., und birgt ihr Gesicht an seiner starken
Brust.
Sein ist Hermia und die Seele blickt auf ...
* * * * *
Harmonium solo.
Und dann wird es das alte Lied: Hermia liegt zu Bett. Das hat an Kopf
und Fußende ein kaltes, eisernes Gestänge. Und da sind noch viele
Betten, und eines sieht dem anderen ähnlich auf ein Haar ... Neben dem
großen Bett steht ein kleines Bettchen. Es ist nicht die Himmelswiege,
es ist das große Bett aber _en miniature_.
Darin bewegt sich das Würmchen ...
Hermia aber liegt stumm, dann und wann tun sich die großen Augen auf und
schauen die Zimmerdecke an ...
Neben Hermiens Bette sitzt die alte Wärterin, sie stickt.
Sie hat zeitlebens nur Anna geheißen und Kranke gepflegt, an Peppo
gewürgt, und Peppo ist es in den Geschichtchen der Hermien, die hier im
Spitale liegen und mit großen Augen der Wöchnerin zur leeren weißen
Saaldecke schauen, nach den Bildern ihrer Erinnerung.
Und jetzt war Peppo sogar Graf, Graf Udo Ferdinand N., erzählt Hermia
...
Vielleicht könnte sie sich ein wenig im Bette aufsetzen? Anna ist ihr
behilflich.
Nein, sie kann es nicht, Hermia, sie ist noch zu schwach und sie sinkt
wieder zurück.
Die schönen schmalen Hände liegen wieder neben dem Körper, bleich auf
der Decke ...
* * * * *
In den ersten Nachmittagstunden, das Krankenzimmer liegt an der Sonne.
Ein Sperling singt auf dem Fenstersims Frühlingslieder. Hoch oben unter
der Saaldecke ist das Fenster, und es ist offen. Unter ihm schläft das
Kleine in seinem Bettchen. Es hat sich mit den Ärmchen müde gespielt.
Hermia erzählt. Sie erzählte so gern ...
Sie wünscht, daß Anna ihr das Etui mit dem Medaillon herüberreiche. Anna
tut es und mit einem mitleidsvollen Blick (der von Hermia nicht gesehen
werden darf). --
Hermia nimmt das Medaillon heraus. Wie sind die Hände so langsam und die
Finger spitz ...!
Sie schaut das Medaillon an und ihr Hals macht dabei unter dem Kinn eine
Falte. Er muß den Kopf ein wenig heben, der Hals, daß die großen Augen
das Medaillon sehen können und da macht er die Falte. Können denn die
Hände das Medaillon nicht höher halten? Nein, sie sind zu schwach.
Hermia legt das Medaillon in das Etui, gibt dieses der Anna zurück ...
Sie möge es zu dem kleinen Ferdinand neben ihr ins Bettchen legen.
Will sie sich denn schon vorbereiten zum Sterben?