I.

Zweiter Aufenthalt zu Neapel. -- Ende der Frankfurter

freireichsstädtischen Herrlichkeit. -- Ich werde von der Terzana

befallen. -- Das Einstürzen der Häuser in Neapel. -- Madame

Gasqui. -- Ein Vexiermarsch nach Capua. -- Großes Avancement im

Regiment. -- Die Vicaria und ihre Höllenkerker. -- Marietta und

Teresina. -- Neapolitanisches Volksleben unter freiem Himmel. --

Hazardspiele und Liebhabertheater. -- Die hübsche Apothekersfrau.

-- Das Aqua Tofana.

Den Tag nach unserer Ankunft suchte ich Vetter Moritz auf, der mehrere

Briefe von meinen Eltern und Verwandten an mich hatte, die schon längere

Zeit angekommen waren, welche er mir aber nicht hatte nachschicken

können, da man nie genau wußte, in welcher Gegend Kalabriens wir uns

befanden. In einem derselben schrieb mir mein Vater aus Frankfurt:

>Mit unserer republikanischen und freireichsstädtischen Herrlichkeit hat

es ein trauriges Ende genommen, Napoleon hat ein Großherzogtum Frankfurt

geschaffen, von dem unsere Stadt die Hauptstadt ward, und Karl von

Dalberg ist unter der Benennung: Fürst Primas, unser Großherzog. Das

Schlimmste bei der Sache ist, daß alle bedeutenden Ämter und Stellen

jetzt von Ausländern besetzt werden und man die Frankfurter, namentlich

auch die Senatoren, ihre Familien und Verwandten, fast unberücksichtigt

hintenansetzt und so weiter.<

Was mein guter Vater als das Schlimmste bezeichnete, war eigentlich das

Beste an der Sache und gereichte Frankfurt zum Vorteil; denn bisher

hatte man, wie später wieder, alle Stellen durchaus nur nach Gunst und

Protektion an Söhne und Verwandte der einflußreichsten Familien

vergeben, ohne nur im geringsten darnach zu fragen, ob das Subjekt

einige Fähigkeiten zur Verrichtung der ihm obliegenden Funktionen

besitze; so konnte zum Beispiel ein Talent, ein Genie wie Klinger, nicht

eine Torschreiberstelle erhalten, sondern wurde schnöde an allen

Senatorstüren mit Impertinenzen und Grobheiten abgewiesen. Er hatte

freilich nicht einmal die Protektion einer Senators- oder

Bürgermeisters-Köchin oder Base (oft die beste). Daß er den

wohlfürsichtigen, hochgelehrten und so weiter Herren in seinem Faust und

später als kaiserlich russischer Generalleutnant ein wenig arg

mitgespielt, kann ihm niemand verargen. Die Wohlregierenden und

Konsorten wurden da oft nach mehrstündigem Antichambrieren abgewiesen

und wieder beschieden und mußten vor dem in der demütigsten Stellung

supplizieren, den sie unter ihrer Würde gefunden hatten, nur anzuhören!

-- Hier herrschte von jeher und herrscht noch die vortreffliche

Ämterverteilung, die Schiller so meisterhaft in seinem Fiesko schildert,

wo Wölfe die Justiz, Füchse die Finanzen, Esel die Polizeigerichte und

so weiter verwalten, in Summa, wo die wichtigsten Ämter durch Dummköpfe,

Ignoranten oder Schurken bekleidet werden, wenn diese nur Ratsverwandte

sind.

Außer den Briefen empfing ich auch etwas Geld von meinen guten Eltern,

das mir jetzt sehr zu statten kam, denn ich war so wie meine Kameraden

fast ganz abgerissen aus Kalabrien zurückgekommen, und das Gouvernement

schuldete uns obendrein schon vier Monate Gage. Indessen hatte ich in

den nächsten vierundzwanzig Stunden alles überstandene Ungemach und

Elend rein vergessen; in den ersten Tagen konnte von Diensttun noch

keine Sprache sein, das Bataillon wurde durch dreihundert vom Depot

angekommene Rekruten verstärkt, die nun einexerziert werden mußten.

Die noch immer in Giesù nuovo wohnenden Damen besuchte ich in den ersten

Tagen nach meiner Zurückkunft. Die liebenswürdige Madame Gasqui klagte

über Langeweile und Migräne, ich tröstete sie, ihr versprechend, beides

zu vertreiben; aber auch mich befiel kurz darauf eine Unpäßlichkeit, so

daß ich mehrere Tage das Bett hüten mußte, die Krankheit löste sich

endlich in eine Terzana (dreitägiges Fieber) auf, das ich sehr lange und

immer wiederkehrend behielt, was mich aber, außer den wenigen Stunden,

die der Anfall dauerte, von nichts abhielt; dies waren die Folgen des

allerdings sehr anstrengenden Feldzugs in Kalabrien. Nach vielen

vergeblichen Versuchen, mich von dem Fieber zu befreien, und nachdem ich

sowohl die mir vom Regimentsarzt, als die von dem berühmten Arzt meines

Vetters Moritz verschriebenen Droguen vergeblich verschluckt hatte, gab

mir endlich der Kommandant der Fortezza del Carmine ein Mittel an, durch

welches ich wenigstens nach jedem Anfall auf vier bis sechs Wochen von

dieser Plage befreit wurde. Ich mußte nämlich gleich nachdem der

Paroxismus vorüber war, eine halbe Unze zu Pulver gestoßene Chinarinde

in gutem Wein nehmen, setzte mich dann zu Pferd und ritt ein paar

Stunden so starken Trab, daß ich recht gerüttelt wurde; das Fieber

verließ mich dann auf längere Zeit, stellte sich aber immer nach einem,

auch zwei Monaten wieder ein, und zwar während fünf Jahren.

Im Kastell Carmine bewohnte ich ein Zimmer, dessen Terrasse die Aussicht

auf das Meer und auf einen kleinen Platz vor demselben hatte, hier

brachte ich manche Morgenstunde mit dem Lesen der italienischen Dichter

zu, besonders war es Ariost's rasender Roland, der mich, nebst Tasso's

befreitem Jerusalem und Dante's göttlicher Komödie, am meisten ansprach.

Den famösen achtundzwanzigsten Gesang des Orlando furioso lernte ich

ganz auswendig. Auch die Gitarre nahm ich wieder zur Hand und studierte

neapolitanische Lieder und Weisen, unter denen die sizilianische

Romanze: »_Un giorno Giove in collera_« eine sehr witzige Kanzonette

war, die damals ganz Neapel exaltierte.

Eines Tages, als ich gerade in der Lektüre des Orlando vertieft war,

hörte ich plötzlich ein entsetzliches _ajuto, ajuto!_ (zu Hilfe, zu

Hilfe!) von Frauenstimmen aus einem der meiner Terrasse

gegenüberliegenden Häuser erschallen, und gleich darauf sah ich mehrere

Damen händeringend an den Balkonen jenes Hauses erscheinen, die »_ajuto

per l'amor di dio_« schrieen. Ich begriff nicht, was den Frauen sei und

glaubte zuerst, es befänden sich Mörder in dem Hause, eilte deshalb die

Terrasse hinab, stürzte zum Fort hinaus und fand schon eine Menge

Menschen, aber in einiger Entfernung vor dem Hause versammelt, in das

sich niemand wagen wollte. Auf mein Befragen, was da vorgegangen sei,

erfuhr ich, daß das Haus dem Einsturz nahe wäre und in dessen Innern

schon mehrere Wände und ein Teil der Treppe wirklich eingestürzt seien.

Die Einwohner desselben standen jetzt alle an den Balkonen des zweiten

und dritten Stockwerks, um Hilfe rufend. Ich ließ eilig mehrere im Fort

befindliche Leitern durch unsere Soldaten herbeiholen, mit deren Hilfe

die geängstigten Bewohner sämtlich in die Straße hinabstiegen und

gerettet wurden. Die Leute atmeten erst wieder auf, als sie auf ebener

Erde waren und konnten mir nicht genug danken, denn ihr Leben hing an

einer Nadelspitze. Ich hörte nun, daß in Neapel das Einstürzen der

Häuser gar nichts Seltenes sei und weit öfter vorkomme als Feuersbrünste

an andern Orten. Die Ursache davon ist, daß die ganz aus Steinen

erbauten und sehr hohen Häuser durch die häufigen Erdbeben so sehr

erschüttert werden, daß sie sämtlich große Risse und Sprünge haben und

mehr oder weniger baufällig sind. Das Zusammenstürzen eines solchen

Hauses ist oft so schnell geschehen, daß an Rettung gar nicht zu denken,

in wenig Sekunden liegt es als ein Steinhaufen da, unter dem alles, was

sich in dem Augenblick darin befand, begraben ist. Ein paar Tage nach

diesem Vorfall stürzte auf dem Markt mitten in der Nacht ein solches

Haus ein, wobei dreiundzwanzig Menschen das Leben verloren.

Ich bot den armen Leuten fürs erste ein Asyl in unserem Fort an, sie

suchten und fanden indessen noch denselben Tag Unterkunft in einem

anderen Teil der Stadt.

Meine meisten Mußestunden brachte ich jetzt in Giesù nuovo zu, wo noch

immer unsere verheirateten Offiziere und mehrere andere wohnten. Herr

von Gasqui war meistens kränklich, und seine junge, lebenslustige Frau

ennuyierte sich mitten in der Hauptstadt des neapolitanischen

Paradieses. Ich musizierte jetzt recht fleißig mit ihr, diese tödliche

Langeweile zu verscheuchen, öfters blieben wir so auf kurze Zeit allein

und wechselten dann Küsse, um einige Veränderung in unsere Unterhaltung

zu bringen. Ist man einmal so weit mit einer hübschen Frau gekommen, so

ist das Übrige eine Kleinigkeit, man nähert sich mit Riesenschritten dem

Ziel, und es fehlt dann nur noch die Gelegenheit, um dasselbe zu

erreichen. Eine solche herbeizuführen war nun mein Bestreben, und da der

gute Gasqui durch seine öftere Entfernung in Dienstangelegenheiten, wo

freilich der Zufall wollte, daß ich mich meistens zu solchen Stunden

einfand, an denen ich ihn im Dienst beschäftigt wußte, uns oft selbst

überließ, indem er mir noch obendrein beim Weggehen empfahl, seine liebe

Frau, die sich hier langweile, bestens zu unterhalten, so hätten wir

gutes Spiel gehabt, wenn wir in Giesù nuovo nicht so häufig durch die

Besuche anderer Offiziersdamen und ihrer Männer gestört worden wären.

Besonders war es Madame Grenet, die es verstand, sich immer zu der Zeit

einzufinden, wo sie mich anwesend wußte. Eines Vormittags jedoch war

diese mit noch einigen anderen Damen und deren Männern von unserem

Großmajor Omeara zu einem Frühstück in der Villa Reale eingeladen, dem

die gleichfalls gebetene Madame Gasqui unter dem Vorwand von

Unpäßlichkeit entsagte; ihr Mann hatte aber die Einladung akzeptiert. --

Wir hofften nun endlich ein paar Stunden ganz ungestört unter vier Augen

zubringen zu können, aber diese Hoffnung wurde vereitelt, denn kaum

hatten wir begonnen, uns im zweiten Zimmer, dem Schlafgemach der

liebenswürdigen Louise, die unzweideutigsten Beweise unserer

gegenseitigen Zuneigung zu geben, als wir die Türe des ersten Zimmers

öffnen hörten. Madame Gasqui sprang, ein großes Tuch überwerfend, aber

in einem sehr erhitzten Zustand, schnell hinaus, die Türe hinter sich

abschließend, und ließ mich als Arrestanten im hintern Gemach. -- Ich

erkannte bald die Stimme des Kapitäns Linange, wie man ihn im Regiment

nannte, eines Grafen Leiningen, den Fürst Y. erst vor wenig Monaten als

Hauptmann angestellt und zum Regiment nachgeschickt hatte. Er war ein

Mann von ungefähr fünfzig Jahren, der früher, ich weiß nicht mehr in

welchen deutschen Diensten gestanden und nun unserem zweiten Bataillon

zugeteilt war, das bis jetzt Neapel noch nicht verlassen hatte. --

Gleich nach seiner Ankunft schloß er mit Herrn Gasqui eine dicke

Freundschaft und machte nebenher seiner jungen Frau den Hof. -- Auch er

war zu dem Frühstück in der Villa Reale eingeladen, hatte sich aber

losgemacht. Madame Gasqui allein in Giesù nuovo vermutend, war er

hierher geeilt. Ich mußte nun in meinem Versteck alle Süßigkeiten

anhören, die der halbhundertjährige Liebhaber meiner Schönen vorleierte,

welche ihn verlegen anhörte, da sie wußte, daß ich kein Wort von dieser

Unterhaltung verlieren würde. Es kam zu einer förmlichen Liebeserklärung

und sogar zu einem Kniefall, aber meine Louise spielte nicht nur die

Unerbittliche und Grausame, sondern schien im Ernste böse und

aufgebracht zu sein, und drohte mit ihrem Mann; ob sie ebenso gehandelt

haben würde, wenn ich nicht im Schlafzimmer gewesen wäre, oder dann

vielleicht den guten Linange derb ausgelacht hätte, muß ich

dahingestellt sein lassen; denn wer vermag Weiberherzen zu ergründen? --

ebensowenig wie deren oft so bizarren Geschmack; aber jetzt mußte ihr

alles daran gelegen sein, den Herrn Grafen baldmöglichst zu entfernen.

Wie leicht konnte nicht ihr Mann, Madame Grenet oder sonst jemand noch

dazu kommen, und dann steckte ich in einem _Cul de sac_, aus dem kein

anderer Ausweg war, als durch das vordere Zimmer. Es war nicht so

leicht, den Herrn von Linange los zu werden, und Louise konnte dies

endlich nur dadurch bewirken, daß sie ihm, wenn er gehorsam sei, in

weiter Ferne einen Hoffnungsschimmer blicken ließ. Nachdem sie ihm noch

eine Romanze vorgesungen, denn er bestand darauf, wenigstens ihre

Engelsstimme hören zu wollen -- sie war boshaft genug, ihm ein Spottlied

auf einen alten Gecken vorzutragen --, entfernte er sich mit einem

ehrerbietigen Handkuß, ich wurde endlich aus meinem Gefängnis erlöst;

aber auch ich mußte fort, wenn wir nicht zum zweitenmal überrascht

werden sollten. Linange war über eine gute Stunde geblieben, und es war

hohe Zeit, daß ich ging. Ich verließ die Dame mit einer heißen Umarmung,

mir vornehmend, jetzt auf passendere Gelegenheit zu unseren

Zusammenkünften zu sinnen. --

Zwei Tage darauf lud ich Herrn und Madame Gasqui zu einem kleinen Souper

in die Villa Reale ein[1], und da sich Linange gerade bei ihnen befand,

so konnte ich nicht umhin, auch diesen zu invitieren, der die Einladung

mit Dank annahm. -- Bei diesem Souper ließ ich zum Dessert die

köstlichsten Weine, Cyprier und Christuszähren auftragen, und munterte

die beiden alten Herrn auf, wacker zuzusprechen, wozu es des Nötigens

eben nicht bedurfte. Als man recht im Train und _allegro allegrissimo_

war, machte ich den Vorschlag, das Theater zu besuchen. -- Gasqui aber

meinte, es gefiele ihm weit besser hier, wenn aber seine Frau Lust habe,

so könne sie dies Vergnügen mit mir genießen, er wolle noch eine Weile

mit seinem guten Freund Linange recht behaglich der Ruhe pflegen und

sich dann direkt nach Giesù nuovo begeben, wohin ich ihm seine Frau nach

beendigtem Schauspiel bringen solle. Dies war Wasser auf meine Mühle.

Linange machte zwar ein griesgrämiges Gesicht dazu, konnte aber seinem

Kameraden nicht gut abschlagen, ihm Gesellschaft zu leisten, und mußte

_nolens volens_ bleiben. Auch mochte wohl der gute Wein, dem er eben

nicht Feind war, ein Übriges dazu beigetragen haben, genug, er blieb zu

meiner großen Freude, und wir machten uns davon. Wir waren so eilig, daß

ich sogar vergaß, die Zeche zu bezahlen, und die beiden alten Krieger

gewissermaßen im Pfand zurückließ. Vor der Villa angekommen, bemerkte

mir Madame Gasqui, daß sie ihre Lorgnette nicht bei sich, und da sie

kein sehr gutes Gesicht habe, sie das Vergnügen des Theaters ohne diese

nur halb genießen würde.

»Ei, dann wollen wir vorher schnell nach Giesù nuovo, sie zu holen.«

[Fußnote 1: Am Eingang der Villa Reale befinden sich mehrere

Restaurationen, Kaffeehäuser und so weiter, wo man trefflich serviert

wird und Speisen und Getränke von der besten Qualität findet.]

»Wo denken Sie hin, es ist über eine halbe Stunde Wegs.«

»Die wir in einem Kalesso[2] in zehn Minuten zurücklegen.«

Ich nahm nun das erste vor der Villa haltende Fuhrwerk, versprach dessen

Führer noch ein Trinkgeld, wenn er uns recht rasch befördern würde, und

in acht Minuten stiegen wir vor Giesù nuovo aus, wo ich dem braven

Wagenlenker das doppelte der Taxe einhändigte, der uns vergnügt mit

einem _felicissima notte_ dankte.

Madame Gasqui eilte in ihr Schlafzimmer, das sie aber hinter sich

zuriegelte, mich im vorderen Zimmer stehen lassend, angeblich ihre

Lorgnette zu holen. Des Harrens müde, bat ich sie, mich einzulassen,

aber siehe da, der Eintritt wurde mir gegen alles Erwarten verweigert,

und nur erst nach einigem Hin- und Herkapitulieren an der verschlossenen

Türe, wobei ich hatte versprechen müssen, mich recht fein und artig zu

benehmen, wurde sie mir geöffnet; was dieses kleine Zwischenspiel zu

bedeuten hatte, war mir kein Rätsel, auch stürzte ich, sobald die Türe

offen war, der liebenswürdigen Dame in die Arme, erstickte ihren Mund

mit Küssen, trug sie auf das schwellende Bett und -- eine halbe Stunde

darauf half ich der verschämten Frau die Lorgnette suchen, fuhr mit ihr

nach dem kleinen Theater San Karlino, wo wir in einer geschlossenen

Loge, einem _chiaroscuro_, denn das Haus war schlecht beleuchtet, das

tolle Zeug, das man aufführte, unter Lachen und Schäkern mit ansahen. --

Nach Mitternacht verließen wir das Theater, ich brachte meine Dame

wieder in einem Kalesso nach Giesù nuovo zurück, wo uns Gasquis Bursche

empfing, und mitteilte, daß sein Herr noch nicht zurück sei und er ihn

schon seit zwei Stunden, da er ihn um zehn Uhr bestellt habe, erwarte.

[Fußnote 2: Kalesso heißt in Neapel ein kleines, zweiräderiges, offenes

Fuhrwerk, eine Art Kabriolet, in dem man mit Blitzesschnelle,

selbstkutschierend, der Führer stellt sich hinten auf, das rasche

kalabrische Pferd durch sein Rufen lenkend, fährt, und für den längsten

Kurs nicht mehr als 10 Grani (etwa acht Kreuzer oder zwei Groschen)

bezahlt.]

»Alle Wetter,« rief ich aus, »ich habe ja die Zeche in der Restauration

nicht bezahlt, am Ende hatten die Herren nicht soviel Geld bei sich und

sind dort im Versatz geblieben!«

Madame Gasqui lachte und lispelte: »Wohl möglich, wenigstens hat mein

Mann keine zehn Lire bei sich.«

»Und Linanges Kasse ist auch nicht zum besten bestellt,« versetzte ich,

»er verspielt alles. Da muß ich gleich wieder in die Villa Reale

zurück.«

Ich wollte mich nun der Madame Gasqui empfehlen, aber diese sagte:

»Wollen Sie mich denn nicht mitnehmen? -- Ich glaube, es ist besser,

wenn wir zusammen hinfahren, ein allenfallsiges kleines Donnerwetter

abzuwenden. Sie wissen ja, wie mir der unausstehliche Linange zusetzt,

er könnte leicht meinem Mann allerlei Dinge in den Kopf setzen.«

Ich gab ihr recht und dem Burschen ein gutes Trinkgeld, ihm verbietend,

seinem Herrn zu sagen, daß wir zuerst hier waren, bevor wir nach der

Villa zurückkehrten; von unserer ersten Zusammenkunft aber wußte er

nichts, denn man hatte ihn weislich weggeschickt. Als wir in der Villa

Reale ankamen, trafen wir die Herren noch beim Zechen und mit glühenden

Gesichtern. Gasqui empfing uns freundlich und wohlwollend, Linange aber

mit einem mürrischen Gesicht, und sagte mir mit zornigem Blick: »Wenn

man die Leute einladet, so sorgt man auch für die Zahlung, wir sitzen

vier Stunden hier wie angenagelt, und können nicht vom Fleck, da wir

nicht darauf vorbereitet waren, die Zeche bezahlen zu sollen.«

Ich entschuldigte mich tausendmal, indem ich sagte, daß es meine Absicht

gewesen, wieder hierher zu kommen; Gasqui fiel mir auch mit einem:

»_c'est bon, c'est bon_« ins Wort, Linange aber brummte in den Bart;

Madame Gasqui fing vom Theater zu erzählen an und konnte ihrem Mann

nicht genug versichern, wie viel Vergnügen ihr die Späße des Arlechino

und Pulcinello gemacht hätten.

»Das glaub' der Teufel,« murmelte Linange auf deutsch, »ich wollt' dich

bespaßen, wenn ich dein Mann wäre.«

»Und wie artig war nicht Kolumbine,« fiel ich ein, tuend, als hätte ich

Linanges Worte nicht gehört, der noch ein Himmelsakrament brummte.

Ich rief nun schnell dem Aufwärter, befahl einen Ananas-Punsch, und dies

erheiterte selbst des Herrn Grafen Gesicht wieder, die Unterhaltung

wurde fröhlicher, Pulcinello und Arlechino mußten das ihrige redlich

beitragen, und erst um zwei Uhr nach Mitternacht dachten wir an das

Heimkehren. -- Beim Abschied sagte Linange, mit dem Finger drohend, zu

mir: »Sie sind mir ein loser Vogel, nehmen Sie sich aber vor der

Leimrute in Obacht!«

»Das tue ich auch, Herr Graf.«

Ich hatte der Madame Gasqui versprochen, sie nun, wenn es der Dienst

erlaube, jeden Tag zu besuchen, um mit ihr zu musizieren, auch wollten

wir noch gemeinschaftlich Gitarre-Unterricht bei einem neapolitanischen

Lehrer nehmen, und dies alles war ihr guter Mann nicht nur zufrieden,

sondern er war sogar seelenvergnügt darüber. Ich brachte jetzt die

meiste Zeit, die ich ermüßigen konnte, in Giesù nuovo zu, führte Madame

Gasqui oft allein, bisweilen aber in Begleitung ihres Mannes in das eine

oder andere Theater und nach demselben in restaurierende Kaffees, wo wir

uns besondere Kabinette geben ließen, in denen wir dann, wenn wir allein

waren, dem frivolen Gott Cupido und seiner Frau Mutter Weihrauch

streuten.

Eines Abends, als ich wieder von so einer Partie um ein Uhr nach

Mitternacht im Kastell del Carmine ankam, fand es sich, daß meine

Kompagnie mit noch drei anderen schon seit drei Stunden nach Kapua

abmarschiert war. Ich hatte zwar dem Sergeanten von der Wache

hinterlassen, daß ich immer in Giesù nuovo zu finden sei, aber da wußte

man nicht, wo ich mit Madame Gasqui hingeraten war. Ich trieb schnell

einen Fiaker auf, mit dem ich so rasch wie möglich den abmarschierten

Truppen nachfuhr, deren Arrieregarde ich in Averso einholte, und mit der

ich in Kapua ankam. Dennoch ging es nicht ohne Verweis ab, ich war aber

nicht der einzige Offizier, dem es so gegangen war, noch ein halbes

Dutzend waren in demselben Fall und kamen meist erst nach mir an. --

Müde und erschöpft warf ich mich ganz angekleidet auf das Bett in dem

mir angewiesenen Quartier und einem erquickenden aber festen Schlafe in

die Arme, aus dem ich erst gegen Abend wieder erwachte. Ich sah eine

Zeitlang durch das Fenster die Straße hinab, wobei es mir auffiel, daß

ich nicht einen von unseren Soldaten erblickte, die doch sonst in allen

Straßen herumschwärmten, sobald sie in einem Orte eingerückt waren. Es

ward mir jetzt nicht wohl bei der Sache, ich verließ mein Quartier, und

hörte bald, daß die Truppen seit ein paar Stunden schon wieder

abmarschiert seien, und zwar nach Neapel zurück. -- »Ei, da soll ja eine

Bombe dreinschlagen,« sagte ich zu einem Sergeant-Major, der, so wie

noch mehrere Offiziere, die ich auf dem Marktplatz traf, auch den

Abmarsch verschlafen hatte, keiner von uns hatte die Rappelle schlagen

hören. Wir rotteten uns zusammen und bildeten noch eine

Extra-Arrieregarde, die, zum Teil beritten, beinahe zu gleicher Zeit

oder doch nur wenige Minuten nach dem Truppenkorps in Neapel eintraf. --

Es war ein Marsch für die Affen, wie man zu sagen pflegte, den wir

gemacht hatten, denn auf ein leeres Gerücht hin, daß die Galeerensklaven

und Gefangenen in Gaëta revoltiert hätten, waren wir zum Marsch dahin

beordert worden; aber bald nach unserem Abgang waren Berichte

angekommen, welche dartaten, daß an der ganzen Sache nichts, und sie aus

der Luft gegriffen war. Glücklicherweise war unser abermaliges

Zurückbleiben weder bemerkt noch gemeldet worden, da so viele nachkamen

und wir den größten Teil des Weges in der Nacht zurücklegten. Ich war

froh, daß alles so gut ablief, denn ich fürchtete Arrest zu erhalten.

Damit mir aber künftig nichts Ähnliches mehr passieren möge, befahl ich

meinem Burschen, der mit verschlafen hatte, sich künftig, nachdem er

mich bedient, immer in der Kaserne oder dem Ort aufzuhalten, wo das Gros

des Bataillons einquartiert sei.

Ich lebte nun meinen lustigen Train in Neapel fort und erteilte der

Madame Gasqui auch Unterricht im Italienischen, das ich jetzt schon gut

sprach und durch das Lehren noch besser lernte; ich hatte in allen

Dingen eine gelehrige Schülerin an der hübschen Frau, mit der ich fast

jeden Abend ein anderes Theater, bald San Carlo, Fiorentino, Fondo,

Nuovo und so weiter besuchte. Trotzdem Madame Grenet und Linange

intrigierten, ließ sich ihr Mann doch nicht irre machen und uns alle

Freiheit, bisweilen begleitete er uns in die Theater, verließ uns aber

immer spätestens zur Hälfte der Vorstellung, denn es lag ihm gewaltig

viel daran, vor elf Uhr in seinem Bett zu ruhen. -- Nach den

ausgestandenen schweren Strapazen führte ich ein Leben _in dolce

giubilo_, aß bisweilen doch selten bei Moritz, den ich fast nur

besuchte, wenn totale Ebbe in meinen Beutel eingetreten, was bei meiner

Lebensart nicht selten war.

Nachdem unsere Rekruten einexerziert waren, wurde der Dienst wieder

beschwerlicher, und namentlich die Wachen, die jetzt häufiger an mich

kamen.

Wir mochten ungefähr vier Wochen aus Kalabrien zurück sein, als ein

großes Avancement in dem Regiment stattfand, bei dem alle Offiziere, die

wir verloren hatten, ersetzt wurden; viele Sergeanten, die tauglichsten

Subjekte, wurden zu Unterleutnants befördert, und ich wurde bei dieser

Gelegenheit Oberleutnant; ein gutes Avancement bei kaum anderthalb

Jahren Dienst und für mein Alter. -- Wenn dies so fortgeht, dachte ich,

dann kannst du bald den Marschallstab erhalten. -- Zu gleicher Zeit

verkaufte mir der junge Stock ein sehr schönes Reitpferd um einen

Spottpreis, den sein Onkel bestimmt hatte und für meine Rechnung

bezahlte, mir dabei bemerkend: daß, da sich in meinem Fort keine Ställe

befänden, er ihm einstweilen einen Platz in dem seinigen nebst der Kost

geben wolle, die er mir gehörig in Anrechnung bringen würde, wozu ich

ihn jedoch nie bewegen konnte.

Jetzt gefiel es mir unendlich besser in Neapel, als das erstemal. Kein

Wunder, denn ich amüsierte mich königlich und suchte mich nebenbei auch

noch möglichst in der Musik, namentlich im Gesang zu vervollkommnen, in

welchem ich bei einem berühmten Kastraten, Matuccio, Unterricht nahm, um

mir die italienische Schule völlig anzueignen. Einen Zechino mußte ich

diesem Musico, wie man hier die Kastraten nennt, für jede Stunde

bezahlen.

Bald darauf hatte ich zum erstenmal die Wache in der Vicaria, dem

ehemaligen Kastell Capuano, das jetzt in einen Justizpalast umgewandelt

war, in welchem die Tribunale und verschiedene Gerichte ihren Sitz

aufgeschlagen hatten, auch die Zahlenlotterie wurde daselbst gezogen,

und sie enthielt zugleich die furchtbarsten und scheußlichsten Kerker,

in denen vielleicht über tausend Unglückliche, Verbrecher und wohl

manche Unschuldige schmachteten. Diesen Wachtposten, der mir sehr

unangenehm schien, da man die ganze Nacht hindurch unaufhörlich das

Klirren der Eisenstäbe an den Gittern, welche die Aufseher anschlagen,

um zu sehen, ob keine durchfeilt sind, und das Ächzen und Stöhnen der

Gefangenen hört, hatte ich längere Zeit zu meiden gewußt, mit anderen

Kameraden tauschend, was sich aber diesmal nicht hatte tun lassen. Die

Vicaria ist eines der schrecklichsten Gefängnisse, die ich in meinem

Leben gesehen, und der Palast bietet ein schaudererregendes Bild des

menschlichen Elendes und aller Verworfenheit dar, er war der

Schlupfwinkel der niedrigsten und teuflischsten Intrigen und Kabalen

einer feilen Justiz und ihrer infamen Schleichwege. Schon das Äußere

dieses Gebäudes, das auf einem kleinen, freien Platze steht, ist

abschreckend genug. Diese ehemalige Residenz der Könige von Neapel, von

Wilhelm I. bis Ferdinand I., war mit Mauern und mit von faulem Wasser

angefüllten Gräben umgeben; ringsherum waren an den schwarzgrauen Mauern

eiserne Käfige angebracht, in denen man die Köpfe hingerichteter

Verbrecher aufbewahrte, die halb oder ganz entfleischt noch von Raben

und andern Raubvögeln heimgesucht wurden, die daran hackten. Scharf

geladene Kanonen mit brennenden Lunten daneben bewachten den Eingang zu

dieser Hölle, auf welche Dantes berühmte Inschrift sehr gut gepaßt

hätte; denn nur wenigen der Gefangenen, die zu jener Zeit diesen

Schauerort betraten, blieb noch der Schimmer einer Hoffnung, ihn wieder

lebendig zu verlassen.

In den obern Stöcken desselben befanden sich die Archive und

Gerichtssäle, von denen einer, der sogenannte Audienzsaal, so groß ist,

daß er an zweitausend Menschen fassen kann. Im Erdgeschoß saßen die

weniger gefährlichen und nicht so schwer angeschuldigten Gefangenen,

aber tief unter der Erde wurden diejenigen, denen man schwere

Verbrechen, Rebellion und Verschwörung gegen die Regierung zur Last

legte, oder die mächtige Feinde hatten, in feuchten Kerkern und Höhlen

aufbewahrt, in welche nie ein Sonnenstrahl drang; in den untersten

derselben, deren Boden ganz schlammartig war, hatten die Unglücklichen

Schlangen, Kröten, Skorpione und Unken, die ihr Lager auf längst

verfaultem Stroh mit ihnen teilten, zur Gesellschaft, und kein frischer

Luftzug erneuerte je die verpestete faule Atmosphäre dieser Behälter.

Sobald die Sonne hinunter war, gingen die Gefängnisaufseher von Gitter

zu Gitter, mit Stangen an den Stäben klopfend, um sie zu prüfen; dies

Manöver erneuerte sich jede halbe Stunde und währte, bis der Tag wieder

zu grauen begann. Eine wahrhaft höllische Nachtmusik. Oft übersteigt die

Zahl der hier Eingekerkerten vier- bis fünftausend, und mancher

schmachtete, von der ganzen Welt vergessen, schon über ein halbes

Jahrhundert hier; andere saßen unter der früheren Regierung zwanzig und

dreißig Jahre, ohne daß ihre Sache nur zum Spruch kam, und litten, in

verfaulte Lumpen gehüllt, vom Ungeziefer bei lebendigem Leib

aufgefressen, mit Geschwüren und Beulen bedeckt, tausendfachen Tod, bis

sie der wirkliche endlich erlöste. Gott, wie ist man doch mit der

Menschheit schon umgegangen! -- Die Bastille in Paris war noch ein

Lusthaus gegen diese Vicaria, wo sich auch noch die scheußlichsten

Folterkammern mit all ihren Marterwerkzeugen befanden.

Da sich bei jedem Tumult und Aufruhr das Volk immer zuerst der Vicaria

zu bemächtigen sucht, so zählte die Wache daselbst über achtzig Mann und

wurde jeden Abend noch durch eine zum Patrouillieren bestimmte

Abteilung, über hundert Mann, verstärkt. An den Hauptgerichtstagen

finden sich hier ganze Heere von Richtern, Anwälten, Prokuratoren,

Advokaten, Rechtsverdrehern und Rabulisten ein, ich sah Leiterwagen voll

Akten in die Höfe fahren und zählte die an einem Morgen ankommenden, mit

Litiganten besetzten Kutschen zu Hunderten. Alle Richter, Advokaten und

so weiter waren in lange Mäntel und Perücken gehüllt und ließen ihre

Akten in großen Körben die Treppen hinauftragen. An solchen Tagen, oder

wenn die Zahlenlotterie gezogen wurde, war das Gedränge so groß, daß die

Hälfte der Wache immer unter dem Gewehr stehen mußte. Nimmer hätte ich

mir träumen lassen, daß ich an diesem Ort der Greuel noch so manche

selige Stunde wonnetrunken zubringen würde.

Bei meiner ersten Wache daselbst vernahm ich ein paar Stunden nach

Sonnenuntergang plötzlich aus einem Fenster der mittleren Gebäude,

welche meiner Wachtstube gegenüberlagen, den Klang einer Mandoline und

Gitarre, und bald darauf hörte ich zwei schöne klangreiche Sopranstimmen

neapolitanische und sizilianische Volkslieder mit Begleitung dieser

Instrumente singen. Ich horchte hoch auf und war recht verdrießlich, als

die liebliche Musik, die gewiß auch manchem der Gefangenen auf einige

Augenblicke seine Qualen erleichterte, durch das mißtönende Klirren der

Eisenstäbe unterbrochen wurde. Indessen fuhr der Gesang fort, und um ihn

besser zu hören, ging ich in den Hof hinab, wo ich hinter einem Balkon

die Schatten zweier niedlicher Frauengestalten sah, welche diese sonoren

Töne erschallen ließen. Auf meine Erkundigung, wer die Damen seien,

welche diesen traurigen Ort durch ihre Musik so erheiterten, erfuhr ich,

daß die eine die Tochter, die andere aber die Nichte des Oberverwalters

oder Kastellans der Vicaria, und beide ein paar junge, muntere, recht

artige Mädchen seien. Begierig, deren Bekanntschaft zu machen, ließ ich

meine Gitarre durch meinen Burschen holen und stimmte, nachdem sie

aufgehört, einige italienische Kavatinen, namentlich das schelmische

»_Una povera ragazza_« an. Die Mädchen horchten, wie ich wohl merkte,

hoch auf und waren mäuschenstill, auch sangen sie diesen Abend nichts

mehr, sondern spielten später, nachdem auch ich wieder still geworden,

noch eine Tarantella und verschwanden. Ich aber spazierte noch lange

beim Mondschein in dem Hof auf und nieder und ging endlich nach

Mitternacht auf mein Wachtzimmer, wo ich mich auf das lederne Ruhebett

warf und phantasierend mir die Gesichter und Figuren der beiden

Sängerinnen ausmalte, mit Ungeduld den Tag erwartend, der, wie ich

hoffte, mich die Mädchen von Angesicht zu Angesicht würde sehen lassen.

Endlich brach die ersehnte Dämmerung heran; als der Tag kaum erschienen

war, sah ich durch mein Fenster die jenseitige Haustüre öffnen, aus der

zwei niedliche Gestalten in schwarzer, neapolitanischer Nationaltracht,

mit Gebetbüchern in der Hand, traten, die über den Hof und durch das Tor

zur Frühmesse in die nächste Kirche eilten. Dies sind ohne Zweifel meine

charmanten Sängerinnen, dachte ich, und hatte recht. Es ärgerte mich

nun, nicht im Hof gewesen zu sein, als sie durch denselben schritten; um

sie aber bei der Rückkehr nicht zu verfehlen, die unmöglich lange dauern

konnte, spazierte ich unter dem Tor auf und nieder, sie erwartend. Es

dauerte auch kaum eine halbe Stunde, so kamen sie zurück; ich grüßte

sehr freundlich, als sie an mir vorübergingen, und hatte das Vergnügen,

meinen Gruß recht artig, wenn auch etwas verschämt und mit

niedergeschlagenen Augen, erwidert zu sehen; eine derselben war

allerliebst und die andere wenigstens sehr leidlich. Noch denselben

Morgen machte ich die Bekanntschaft des Herrn Papas und Oheims, den ich

unter dem Vorwand, ihn um etwas in Dienstangelegenheiten fragen zu

wollen, zu mir herunterbitten ließ. Der Kastellan war so gefällig, sich

einzufinden, und nachdem ich mich über mancherlei, die Sicherheit der

Gefängnisse und so weiter betreffend, bei ihm erkundigt, bot ich ihm ein

kleines Frühstück an, das er anzunehmen und sich schmecken zu lassen die

Güte hatte. Er gab mir manche nicht uninteressante Notizen über die

Vicaria und ihre Gefangenen und erzählte mir, daß er bereits seit

sechsundzwanzig Jahren den Verwalterdienst hier versehe, ein geborener

Palermitaner und Witwer sei, zwei Söhne, die sich in Sizilien bei

Verwandten aufhielten, und eine Tochter habe, die mit seiner Nichte,

auch einer Palermitanerin, bei ihm wohne. Noch teilte er mir einige

gräßliche Geschichten mit, die unter der vorigen Regierung in der

Vicaria vorgefallen und so empörend waren, daß sie mir das Blut in

Wallung brachten.

Während dieser Unterhaltung schielte ich öfters nach den

gegenüberliegenden Fenstern, aber von den Mädchen ließ sich keine

blicken, doch glaubte ich zu bemerken, daß sich ein Vorhang manchmal ein

wenig lüfte, woraus ich schloß, daß sich meine Schönen hinter demselben

befänden, und zwar ganz richtig, wie ich später von ihnen selbst erfuhr.

-- Nach drei Viertelstunden verließ mich der Alte recht vergnügt, um

seinen Amtsgeschäften nachzugehen, und sagte beim Abschied, er hoffe

mich recht bald wieder in der Vicaria zu sehen, wo er mir dann noch gar

manches Merkwürdige mitteilen wolle. Ich spazierte eine Zeitlang im Hof

auf und nieder, aber meine grausamen Schönen ließen sich nicht mehr

blicken, und schon hörte ich die Trommel der ankommenden Wache, ein

Klang, der mir sonst immer erwünscht war, mich aber diesmal ärgerte. Als

jedoch die Schildwache >_aux armes_< rief und die neue Wache im

Paradeschritt anmarschierte, da zeigten sich auch die beiden Signoras

wieder am Balkon, das Schauspiel der Ablösung mit anzusehen, was mich so

sehr zerstreute, daß ich statt rechts, links in die Flanken zum Abmarsch

kommandierte, doch lachend den Fehler reparierte und im Abmarsch die

Damen mit dem Degen salutierte, was beide über und über erröten machte.

-- Ich nahm mir nun vor, von jetzt an, so oft unser Regiment diesen

Posten zu besetzen hatte, mit dem Offizier, der diese Wache bezog, zu

tauschen, und ging dies nicht an, die hier wachthabenden Offiziere

fleißig zu besuchen.

Den kommenden Morgen fand ich mich in aller Frühe vor der Vicaria ein,

aufzupassen, wenn die beiden Mädchen wieder in die Messe gehen würden,

um ihnen daselbst das Weihwasser zu präsentieren. Zur nämlichen Stunde

wie den Tag vorher traten sie aus dem Tor und gingen nach der Kirche San

Pietro ad Arano, in welcher der heilige Petrus die nicht minder heilige

Candida getauft haben soll. Ich eilte ihnen zuvor, da ich mich schon den

Tag vorher bei dem Herrn Papa erkundigt hatte, in welcher Kirche sie die

Messe hörten, placierte mich an den Weihkessel, ihnen das Weihwasser auf

meinen Fingerspitzen reichend, das sie auch dankend und wieder errötend

von mir annahmen und sich nun überzeugt hielten, daß ich ein gut

katholischer Christ sein müsse. -- Ich nahm ein paar Schritte von den

Mädchen Platz, so daß ich imstande war, sie während der Dauer der Messe

mit aller Bequemlichkeit zu beobachten, und bemerkte, daß bald die eine,

bald die andere verstohlen nach mir herüberschielte. -- Nach gehörig

vollbrachter Andacht leistete ich beim Herausgehen den beiden Mädchen

denselben Dienst wie beim Eintritt und wurde nicht minder dankbar

belohnt, hütete mich aber wohl, sie heim zu geleiten, da eine

Neapolitanerin im Nationalkostüm mit einer französischen Uniform

gesehen, sich allen möglichen Unannehmlichkeiten aussetzte; den nächsten

Tag aber war ich so klug, mich in Zivilkleidern in die Messe zu begeben,

unterhielt mich nach beendigtem Gottesdienst recht angenehm mit ihnen,

sie jetzt heimbegleitend, und teilte ihnen mit, daß ich in zwei Tagen

wieder die Wache an der Vicaria beziehen, so das Vergnügen haben würde,

sie daselbst zu sehen und hoffentlich auch singen zu hören. Etwas

verlegen fragte mich die Nichte, wie es denn komme, daß ich so schnell

wieder an diese Wache käme, worauf ich ihr gestand, daß ich deshalb mit

einem Kameraden getauscht habe. -- Statt den geraden Weg nach der

Vicaria zu gehen, schlugen wir einen ziemlich krummen Umweg nach der

Porta Capuana zu ein, und ich begleitete dann die Mädchen bis an das

Ende der Straße Carbonara, wo ich mich ihnen in der Hoffnung eines

baldigen Wiedersehens bestens empfahl. -- Ich hatte von ihnen

herausgebracht, daß die hübscheste, die sich Teresina nannte, die

Nichte, und die andere, die anmutigste, Marietta, die Tochter des

Kastellans war. Den nächsten Morgen verhinderte mich der Dienst, die

Messe zu besuchen, und den folgenden hielt ich es nicht der Mühe wert,

da ich ein paar Stunden später die Wache an der Vicaria beziehen sollte.

Als ich mit derselben anmarschiert kam, fand ich die beiden Mädchen

schon auf ihrem Balkon sitzend und grüßte sie wieder mit dem Degen, ohne

diesmal einen Fehler im Kommando zu machen. Nachdem sämtliche Posten

abgelöst und die alte Wache abmarschiert war, kam der alte Kastellan

recht freundlich auf mich zu, freute sich, mich wiederzusehen, da ich

der einzige Offizier sei, der von den Franzosen diese Wache beziehe, mit

dem man doch ein Wort sprechen könne, indem die anderen keine Silbe

Italienisch verstünden, und wurde so gesprächig, daß es mir fast lästig

war. Ich leitete die Unterhaltung auf den Gesang und die schönen

Stimmen, die ich bei meiner letzten Wache hier gehört.

»Corpo di Bacco,« fiel er ein, »das waren meine Mädchen! Nicht wahr,

Signor Uffiziale, meine Ragazza singt schön; es hat mich aber auch Geld

gekostet, denn ich ließ sie bei einer der ersten Choristinnen des

Fiorentino lernen.«

Als ich ihm sagte, daß auch ich musikalisch sei und singe, rief er aus:

»Ei, das ist ja scharmant, da können Sie mit meinen Mädchen musizieren,«

und bald hatte ich ihn so weit, daß er mich bei den artigen Kindern

einführte, die unter der Aufsicht einer ehrbaren Tante standen, welche

die Haushaltung besorgte. Ich brachte nun fast den ganzen Nachmittag bei

diesen Mädchen zu, meine Wache immer im Auge habend, und spielte und

sang bis nach Mitternacht mit ihnen. Marietta, die Tochter, war eine

maronenfarbige Brünette, mit schalkhaften Feueraugen, munter und fast

wild, Teresina, die Nichte, hatte ganz schwarzes Haar, einen feinen,

sehr niedlichen Wuchs und eine äußerst liebliche Gesichtsbildung, war

auch weit sanfter. Beide sprachen mich fast gleich an, und ich wußte

anfänglich nicht, welcher ich den Vorzug geben sollte, bald entschied

ich mich jedoch für die Nichte, ohne deshalb der Tochter gerade abhold

zu sein. Noch denselben Abend brachte ich es bei beiden zum Händedruck

und Handkuß, ohne merken zu lassen, welche mir am besten gefiel; als wir

uns endlich um Mitternacht trennten, küßte ich beide auf die Stirn und

der ehrbaren Tante die Hand, der Papa war fast immer in seinen

Berufsgeschäften abwesend und freute sich, wenn er dann und wann auf

einige Augenblicke eintrat, uns so vergnügt und einig zu sehen. -- Noch

längere Zeit, nachdem ich mich entfernt hatte, sah ich Licht in dem

Zimmer der Mädchen und ihre Schatten an den Fenstern vorübergleiten. Den

anderen Morgen sprach ich sie nochmals an dem Tor und bat um die

Erlaubnis, sie am Nachmittag besuchen zu dürfen, die mir auch auf das

verbindlichste erteilt ward. Ich versprach neue Musik mitzubringen und

fuhr mit meinem Don Juan unter dem Arm in die Vicaria, wo wieder »_la ci

darem la mano_« seine Schuldigkeit tun mußte, das ich den beiden Mädchen

um die Wette einstudierte. Jetzt war der Weg gebahnt, ich brachte nun

meine meisten Nachmittage und Abendstunden in der furchtbaren Vicaria

zu, Giesù nuovo fast ganz vernachlässigend und mich bei Madame Gasqui

unter allerlei Vorwänden bestens entschuldigend, sie nicht mehr so

häufig auf Promenaden und in die Theater führen zu können. -- Beide

Mädchen hatten noch nicht das fünfzehnte Jahr erreicht und waren

wirklich zum Ersticken naiv, aber dahin konnte ich es sobald nicht

bringen, sie mit mir in die Theater oder sonst wohin nehmen zu können,

dies wollte der Vater und Oheim nicht zugeben, so großes Vertrauen er

auch sonst in mich zu setzen vorgab, nicht einmal in Begleitung der

Tante. Dagegen aber durften sie ganz allein allen Kirchenfesten

beiwohnen, so spät es auch schon in der Nacht sein mochte. -- Diese

Abendandachten waren in Neapel äußerst anziehend und durch die

trefflichste Musik verherrlicht, schade nur, daß diese schönen Töne aus

den Kehlen der häßlichen und widerlichen Kastraten kamen.

Schon zehn Tage lang besuchte ich die Vicaria und hatte es immer noch

nicht weiter als zu wechselseitig abwechselnden Küssen gebracht, denn

ich hatte die Mädchen noch nicht dahin bringen können, die Kirche zu

verlassen und irgendwo andershin einen Abstecher mit mir zu machen,

obgleich sie schon mancherlei artige Geschenke von mir erhalten hatten.

Auch wußte ich sie nicht zu trennen, da jede von ihnen überzeugt schien,

meine Aufmerksamkeit gelte ihr allein. -- Des Nachmittags war mir

indessen doch gestattet, sie in Zivilkleidern auf der Promenade und

durch die Straßen begleiten zu dürfen, wobei ich dann Gelegenheit hatte,

das neapolitanische Volksleben genauer kennen zu lernen, indem die

Mädchen meine Ciceroni machten, mir alle gewünschte Aufklärung gaben und

mir alle Laster, Tugenden, Sitten und Gebräuche dieses Volkes erklärten.

Wir besuchten vorzugsweise die Kirchen und Klöster, in welchen gerade

religiöse Feste gefeiert wurden, wobei die Böller immer eine große Rolle

spielten und so stark geladen waren, daß ihr Abfeuern einen Knall wie

eine zwölfpfündige Kanone hervorbrachte. Anfänglich glaubten auch wir in

den Kasernen jedesmal Kanonendonner zu hören, wenn in einer der näheren

Kirchen ein Fest gefeiert wurde, wo oft fünfzig und mehr Böller vor

derselben aufgepflanzt waren und Schlag auf Schlag gelöst wurden. Am

höllischsten war der Lärm, wenn eine Nonne ihr Gelübde ablegte und

eingekleidet wurde.

Am häufigsten besuchten wir Toledo, wo ich meine Signoras mit Eis

regalierte und sie dann in die Villa Reale, an den Hafen, auf den Molo

und so weiter führte. Von dem Leben und Treiben in Neapel auf offener

Straße kann sich niemand einen deutlichen Begriff machen, der es nicht

selbst mit angesehen, es geht über alle Vorstellung; da wird fast alles

unter freiem Himmel verrichtet, was sonst nur hinter den Mauern

verborgen geschieht. Man kocht, siedet, bratet, ißt, trinkt, schläft,

schreibt, liest, barbiert und frisiert, verrichtet seine Notdurft und

zeugt sogar Kinder, -- wenigstens bei Nacht, alles unter der

Himmelsdecke und dem gestirnten Firmament; dies tun wenigstens

fünfzigtausend Menschen, und unter den Hallen oder Portalen der Kirchen

und Paläste oder auf den Stufen und Bänken derselben wird manches

Wochenbett gehalten, weshalb man auch die hier zur Welt gekommenen

Kinder sowie überhaupt diese beständig auf Bänken herumfahrenden Leute

oft scherzweise _banchieri_ nennt. Diese Bankiers laufen, flöhen und

reinigen sich von Kot und Ungeziefer, ohne sich im mindesten zu genieren

vor dem vorübergehenden Publikum, das, an solche Szenen längst gewöhnt,

nicht den geringsten Anstand an denselben nimmt.

Wer sich in Neapel glücklich fühlen will, muß sich ganz dem Vergnügen

des süßen Nichtstun überlassen, denn dies ist eine Huldigung, die man

dem dortigen Klima zu bringen hat, das heißt, man muß sein Glück in dem

fast immer heiteren Himmel, der majestätischen See und den balsamischen

Lüften, die uns sanftsäuselnd umwehen, finden, aber alle ernsteren

Gedanken und Gefühle möglichst zu entfernen suchen.

Endlich war ich, und zwar mit Marietta, so weit gekommen, daß sie mir

versprach, ein Mittel ausfindig zu machen, sie einmal ganz ohne Zeugen

sprechen zu können, und zwar in der Vicaria selbst, in der kleinen

Kapelle, in welcher gewöhnlich die zum Tod Verurteilten die letzten

Stunden vor ihrer Hinrichtung zubringen. Schon den kommenden Tag sprach

ich sie daselbst, jedoch ohne mehr als einen Händedruck zu erlangen, da

die Türe des Gotteshäuschens immer offen stand und alle Augenblicke

Leute vorübergingen; es gelang mir, sie zu überreden, mich auf meiner

nächsten Wache an der Vicaria gegen Morgen zu besuchen, auch riet ich

ihr, Teresina zu ihrer Vertrauten zu machen, weil sie sich nicht wohl

ohne deren Wissen, da beide in einer Stube schliefen, entfernen konnte.

Erst zwei Tage später konnte ich es veranstalten, daß ich diese Wache

wieder bezog, nach der ich mich noch nie so sehr wie diesmal gesehnt

hatte. Teresina war bereits in das Geheimnis eingeweiht, wie sie mich

selbst hatte merken lassen, als ich den Nachmittag vorher bei meinen

liebenswürdigen Schülerinnen zubrachte, und daher das weitere ganz offen

mit beiden verabredete. Als endlich der ersehnte Tag und die noch

ersehntere Nacht herankam, gab ich eine halbe Stunde nach Mitternacht,

als eben wieder eine Visitation der Gefängnisse vorüber war, und ich

alles ruhig fand, den beiden Mädchen das verabredete Zeichen zum

Herabsteigen mit einem weißen Tuch. Ein paar Augenblicke darauf kamen

sie auch, in dunkle Tücher gehüllt, und ich führte sie ganz unbemerkt

auf meine Wachstube, die in einer Art Entresol lag und ein eigenes

Treppchen hatte. Vorsichtig hatte ich die ohnehin düster brennende Lampe

in einen Winkel hinter einen Tisch gestellt, und so ein herrliches

_Chiaroscuro_ hervorgebracht. Die erst vierzehn Jahre zählende Marietta

zog ich neben mich auf mein ledernes Ruhebett, während Teresina

gedankenvoll in den Hof hinabsah, um zu beobachten, was daselbst vorging

oder vorgehen konnte. Die bald in meinen Armen ruhende Marietta sträubte

sich indessen ganz gewaltig und ließ mich ihre Gunst nur bis zu einem

gewissen Grad genießen, was mir indessen dennoch weit mehr Vergnügen

gewährte, als die baldige gänzliche Ergebung verheirateter und

routinierter Frauen, denn Marietta war völlig Anfängerin, die liebe

Unschuld selbst, und seitdem war: »_la mia passione predominante, sempre

la giovin principiante_.«

Mehrere Stunden hatten wir bereits vertändelt, und schon verkündete ein

lichter Schein die herannahende Dämmerung, als die noch immer am Fenster

sitzende und von Zeit zu Zeit seufzende Teresina uns ernstlich ermahnte,

daß es hohe Zeit sei, sich zu trennen. Ich fand, daß sie vollkommen

recht hatte, ging in den Hof hinab, um allenthalben zu rekognoszieren,

ob sich die Mädchen ohne Gefahr und unbemerkt wieder hinüberschleichen

könnten, begleitete sie alsdann bis an ihre Haustüre, wo ich beiden

einen feurigen Abschiedskuß gab, meine letzte Ronde machte, worauf der

Tambour die Diane schlug, und ich mich zur Ruhe auf mein Feldbett warf,

das soeben noch der stumme Zeuge meines Glücks gewesen; allerlei

phantasierend, schlief ich so gut, als hätte ich eben einen forcierten

Marsch zurückgelegt.

Gegen zehn Uhr brachte mir der Bursche der Madame Gasqui ein Billet, in

welchem mich die Dame dringend einlud, sie doch gleich nach abgelöster

Wache zu besuchen, da sie mir etwas von großer Wichtigkeit mitzuteilen

habe. -- Was mag sie wollen? dachte ich bei mir selbst; denn was es mit

so einer Damenwichtigkeit auf sich hat, war mir längst bekannt.

Unterdessen frühstückte Papa Kastellan mit mir auf der Wache, und als

ich mit der Mannschaft abmarschierte, salutierte ich die beiden,

verschämt hinter der Fenstergardine hervorsehenden Mädchengesichter.

Kaum hatte ich die Mannschaft dem Unteroffizier zum Heimführen übergeben

und den Degen in die Scheide gesteckt, so war ich auch schon auf dem Weg

nach Giesù nuovo, wohin mich die Neugierde trieb, wo ich aber für meinen

pünktlichen Gehorsam mit Vorwürfen, daß ich mich gar nicht mehr sehen

lasse, von Louise empfangen ward. Sie sagte, dies habe ihr Madame Grenet

alles vorausbemerkt, sie aber nimmermehr glauben wollen; nun sehe sie

wohl ein, daß jene recht gehabt und deren Warnung gut gemeint gewesen

sei. Ich entschuldigte mich mit dem so anstrengenden Dienst, der mir Tag

und Nacht keine Ruhe mehr lasse, und bat sie, daß wenn sie meinen Worten

nicht glauben wolle, sie sich beim Adjutant-Major erkundigen könne, ob

ich nicht dreimal in einer Woche die Wache an der Vicaria, die

beschwerlichste und unruhigste in ganz Neapel, gehabt, und wenn dies

nicht wahr, so wolle ich in meinem ganzen Leben keinen Kuß mehr von ihr

erhalten; um sie noch besser von der Wahrheit meiner Aussage zu

überzeugen, küßte ich die schmollende Dame auf der Stelle ein halbes

Dutzendmal. Sie glaubte mir nun und endigte sogar damit, mich wegen

meiner gehabten schweren Strapazen herzlich zu bedauern, fügte dann

hinzu, dies sei nicht der Grund gewesen, warum sie mich eigentlich zu

sich gebeten, sondern sie habe es nun soweit gebracht, daß ein

französisches Liebhabertheater in Giesù nuovo gebildet werden solle, zu

dem sich schon mehrere Damen und Offiziere als aktive Teilhaber gemeldet

hätten, ich möchte jetzt nur die weiteren Schritte tun und die Leitung

des Ganzen übernehmen. Mit Vergnügen vernahm ich diese Mitteilung und

willigte freudig in das an mich gestellte Begehren, da ich schon lange

eine gleiche Absicht gehabt, aber andere Dinge und auch der Dienst mich

verhindert hatten, an die Ausführung derselben zu denken. Noch sagte mir

Madame Gasqui, daß ihr Mann im Sinn habe, nächstens mit einigen guten

Freunden den Vesuv zu besteigen, ich möge doch auch mit von der Partie

sein. Auch dies war längst mein Wunsch und mir willkommen, nur aus den

angeführten Gründen hatte ich bis jetzt diesen und noch andere Ausflüge

in die Umgegend von Neapel, wie nach Herkulanum und Pompeji und so

weiter, zu meinem Leidwesen unterlassen müssen.

Ich verließ nun die jetzt nicht mehr schmollende Dame, mit dem

Versprechen, mich baldmöglichst wieder einzufinden und beschäftigte

mich, so weit es die Umstände erlaubten, mit der Ausführung der

projektierten Partie, wobei ich mir bei Vetter Moritz Rat holte, ohne

jedoch meine Wachen an der Vicaria und die damit verknüpften

Vergnügungen aufzugeben. Indessen fing ich bald an, mehr Gefallen an der

Nichte als an der Tochter des Kastellans zu finden; aber für meine

Absichten auf Teresina war Marietta ein schwer zu überwindendes

Hindernis, da ich niemals die eine ohne die andere sah.

In einer Nacht, als die beiden Mädchen kaum einige Minuten auf meiner

Wachtstube waren, gab es plötzlich Lärm im Hof der Vicaria, und man

schrie, daß mehrere Gefangene entsprungen seien, die Wache trat unter

das Gewehr, alles wurde lebendig und die lieben Kinder wollten

verzweifeln, da sie fürchteten, man möchte auch ihre Abwesenheit

entdecken und sie gar bei mir finden. Über das letztere beruhigte ich

sie und schloß, indem ich hinabeilte, die Türe hinter mir ab. Vor der

Wache traf ich schon den Oberaufseher der Gefängnisse und den Kastellan,

die mir meldeten, daß zwei Gefangene eines Kellergefängnisses fehlten,

dessen auf das Pflaster des Hofs gehende Gitter durchsägt seien, aber

die Kerls müßten sich noch im Palazzo befinden, da sie weder durch das

geschlossene Tor, noch über Dächer, Mauern und Gräben hätten entwischen

können. Ich tröstete die geängstigten Leute, indem ich ihnen sagte, daß,

da die Gefangenen nicht aus dem Schloß sein könnten, wir sie wohl

auffinden würden, und ersuchte sie, mit vier Mann Wache, die ich ihnen

gab, alle Winkel zu durchsuchen und bei den entferntesten anzufangen,

ich wolle einstweilen hier alle in den Hof gehende Türen mit

Schildwachen besetzen lassen. Sie befolgten meinen Rat, und ich ließ

unterdessen die Mädchen in den Hof entschlüpfen, die aber

unglücklicherweise von ein paar Soldaten, welche die Entflohenen in

ihnen zu wittern glaubten, angehalten wurden, ehe sie noch ihre

ebenfalls besetzte Türe erreicht hatten; ich kam jedoch dazu und

befreite sie von der momentanen Haft, brachte sie an ihre Türe, wo die

Tante herausstürzte, um die Mädchen, deren Abwesenheit sie schon

entdeckt, zu suchen. Ehe aber weder die Tante noch die Nichten zu Wort

kommen konnten, sagte ich zu der ersten: »Hier, Signora, Ihre Kinder,

welche in der Angst über den entstandenen Lärm die Unvorsichtigkeit

begingen, ihre Wohnung zu verlassen, ich bringe sie Ihnen unversehrt

zurück, sie können unter allen Umständen nicht besser aufgehoben sein

als bei Ihnen.« »_Mille grazie, signor Uffiziale_,« erwiderte die Tante

und sagte zu den Mädchen: »Aber wie geht es zu, daß ihr euch noch gar

nicht schlafen gelegt hattet, es ist doch längst Mitternacht vorüber.«

»_Oh cara zia_,« versetzte Marietta schnell, »wir saßen noch am offenen

Fenster, der Musik lauschend, die der Signor _Tenente_ machte.«

»Sonderbar, ich habe doch gar nichts gehört.«

»Vermutlich schliefen Sie gut, Signora, auch spielte und sang ich nur

_pianissimo_.«

»Ja, das ist etwas anderes, mit zunehmendem Alter werden auch alle Sinne

schwächer. Ich lag zwar schon längst im Bett, war aber noch nicht

eingeschlummert, als der Lärm anging.«

»Hier sind sie, ich habe sie,« rief nun plötzlich eine Donnerstimme, es

war die eines der wachthabenden Sergeanten, der die beiden Entwischten

in der Kapelle hinter einem Beichtstuhl gefunden hatte, und zwar in

geistlichem Gewande, welches sie daselbst aus einem Schrank, den sie

aufgebrochen, genommen und mit dessen Hilfe sie ganz in der Frühe

unangehalten zum Tore hinausgehen zu können hofften.

Eine Stunde nach diesem unangenehmen Intermezzo war alles wieder in der

besten Ordnung, die Gefangenen in einem tieferen Kerker angeschmiedet,

und der Kastellan kam zu mir, sich bei mir zu bedanken, daß ich seine

naseweisen Dinger, welche die Dummheit begangen, wegen dem Lärm aus der

väterlichen Wohnung zu laufen, so heil zurückgebracht habe.

Kurz nach dieser Begebenheit, als ich wieder einen Nachmittag bei den

Kindern zubrachte, gab ich Teresinen verstohlen einen Kuß, was ich schon

öfter praktiziert hatte; aber diesmal wollte es mein Unstern, daß es

Marietta bemerkte, und diese wurde von dem Augenblick an so zänkisch und

mürrisch, eigensinnig und bissig, daß es gar nicht mehr mit ihr

auszuhalten war und ich sie bald nichts weniger als liebenswürdig fand.

Eines anderen Tages brachte ich den Mädchen zwei sehr schön fassonierte

Körbchen von Schokolade, wie ich mich überhaupt nie ohne etwas Naschwerk

bei ihnen einstellte; diese Schokoladearbeiten wurden schon damals zu

Neapel in der höchsten Vollkommenheit fabriziert. In jedes Körbchen

hatte ich etwas Bonbon gelegt, aber in das der Teresina noch obendrein

einen kleinen goldenen Ring, eine Allianz, wie ich Marietten schon

längst eine verehrt hatte, die neben den anderen Bonbons in Papier

gewickelt war. Die beiden Mädchen untersuchten ihre Geschenke und die

schon längst argwöhnische Marietta auch die ihrer Cousine und fühlte

unglücklicherweise sogleich das Papier, in welchem die Allianz

eingewickelt war, ohne daß ich es hindern konnte, denn Teresina hatte

die Zeichen, die ich ihr machte, nicht bemerkt oder nicht verstanden,

nahm es weg, öffnete es, fand den Ring und las auf dem Papierchen die

Worte: _alla piu amabile_, die ich mit Bleifeder darauf geschrieben

hatte. Nun geriet das Mädchen in einen solchen Zorn, daß sie die beiden

Körbchen mit ihrem Inhalt zur Erde warf, mit ihren kleinen Füßen

zerstampfte und zertrümmerte und den Ring mit den Zähnen zerbiß.

Vergeblich gab ich mir alle Mühe, sie zu besänftigen, indem ich sie

versicherte, daß das Ganze auf einem Irrtum beruhe und ich die Körbchen

verwechselt habe, sie hörte gar nicht darauf, fuhr so zu wüten und zu

toben fort, daß ihr zuletzt der Schaum vor dem Munde stand und sie nach

mir und ihrer Cousine biß, bis sie die heftigsten Krämpfe bekam und sich

in denselben auf dem Boden wälzte, so daß mir bange wurde, sie möchte in

dem Anfall bleiben. Ganz erschöpft fiel sie endlich in eine starke

Ohnmacht und blieb beinahe eine halbe Stunde bewußtlos; wir brachten sie

in diesem Zustand auf ihr Bett. -- Nun aber fing auch Teresina heftig zu

weinen an, machte mir Vorwürfe, daß ich den Frieden und die Eintracht

zwischen ihnen beiden gestört habe, ich hätte mich an die eine oder die

andere allein halten und nicht beiden zugleich die Kur machen sollen und

so weiter. Ich hatte jetzt alle Mühe, dieses sonst so sanfte Mädchen zu

besänftigen und zu trösten, die mir noch mitteilte, daß sie schon seit

einiger Zeit wegen mir viel von ihrer Cousine zu leiden habe, die sie

gleich einem Schatten verfolge, ihr das Leben verbittere, ja wohl

imstande wäre, ihr Arges anzutun; denn ich kenne diese Sizilianerinnen

und Neapolitanerinnen noch nicht, die zu allem fähig seien, wenn sie

sich hintergangen und betrogen und wegen einer anderen zurückgesetzt

fänden, sie werde nun wohl Neapel verlassen müssen oder gar

fortgeschickt werden.

Endlich schlug Marietta die Augen wieder auf, war aber so matt und

erschöpft, daß sie kaum leise zu sprechen vermochte. Ich gab mir

nochmals alle Mühe, sie zu beruhigen, konnte es aber nicht dahin

bringen, sie ganz zu besänftigen und ein wohlwollendes Wort von ihr zu

hören. Nachdem sie sich wieder ziemlich erholt hatte, entfernte ich

mich, ihr zum Abschied sagend, daß es unter solchen Umständen wohl das

Beste sei, uns künftig zu meiden. Diese Worte ärgerten sie so, daß sie

beinahe einen zweiten Anfall bekommen hätte. Um dies zu vermeiden, eilte

ich schnell zur Tür hinaus. Von jetzt an mied ich die Wachen an der

Vicaria ebenso sehr, wie ich sie früher gesucht hatte. Einige Zeit

darauf erfuhr ich, daß ihr Vater beschlossen habe, einen Advokaten, der

sich in das Mädchen verliebt, mit ihrer Hand zu beglücken, und dieser

sie auch bald darauf als sein eheliches Gespons heimführte. Ich vermied

nun zwar diese Wachen nicht mehr, drängte mich aber auch nicht dazu,

obgleich ich wußte, daß jetzt Teresina allein in dem Hause ihres Oheims

mit der Tante hauste.

Unterdessen hatte ich Madame Gasqui wieder viel öfter besucht und mir

viel Mühe gegeben, das beabsichtigte Liebhabertheater instand zu

bringen; es war endlich so weit gediehen, daß wir es mit Beaumarchais

Figaro, in dem ich die Rolle des Figaro und Madame Gasqui die Gräfin

spielte, eröffnen konnten. Die Einrichtung der Bühne und des Raumes für

die Zuschauer war allerliebst, und es wurde uns sogar die Ehre zuteil,

daß König Joseph unsere Vorstellungen einigemal zu besuchen würdigte.

Ich bin überzeugt, die ehrwürdigen Väter Jesu hätten ebenfalls ihre

Freude daran gehabt, wenn sie diesem Schauspiel in ihrem alten Betsaal

hätten beiwohnen können; im Grunde hatte das Lokal seine ehemalige

Bestimmung wieder erhalten, man spielte nur Komödie in anderer Manier.

Durch unseren Bataillonschirurgen hatte ich zufällig die Bekanntschaft

einer hübschen jungen Apothekersfrau, einer geborenen Römerin, gemacht.

Der Doktor nahm seine Medikamente für die Kunden, die er sich in der

Stadt erworben, meistens sogenannte geheime Kranke, bei ihrem Eheherrn

und hatte dadurch Zutritt im Haus erlangt. Diese Apotheke lag in der

Nähe unseres Forts, und ihr Besitzer war ein gastfreundlicher Mann, der

die Musik liebte. Eines Tages hatte ihm der Doktor gesagt, daß sich beim

Regiment ein junger Offizier befände, der sehr musikalisch sei, Klavier

und Gitarre spiele, gut singe und sogar komponiere, den er, wenn es dem

Signor Speziale angenehm sei, einmal mitbringen wolle. Der Apotheker

hatte ihm erwidert, er würde ihm dankbar dafür sein. Doktor Kullmann, so

hieß der Bataillonschirurgus, lud mich daher ein, ihn doch einmal zu

seinem guten neapolitanischen Freunde zu begleiten, und teilte mir dann

ganz im Vertrauen mit, daß dieser eine sehr schöne Frau habe, der er den

Hof mache; aber obgleich er manchmal eine ganze Stunde, während der Mann

in der Apotheke beschäftigt, mit ihr allein gewesen, doch nicht viel

weiter gekommen sei, da er mit der verteufelten Sprache nicht fort könne

und er oft die größte Mühe habe, sich dem Manne mit seinem Rackerlatein

verständlich zu machen; er meinte daher, ich könne ihm wohl behilflich

sein, wenn ich den Dolmetscher (also den Kuppler) machen wolle. Ich

lehnte es längere Zeit unter allerlei Vorwand ab, den Herrn Doktor zu

begleiten; aber er hörte nicht auf, mich so lange darum anzusprechen und

erzählte mir soviel von der Liebenswürdigkeit der Signora, die auch ganz

vortrefflich singe, daß mich die Neugierde bewog, endlich nachzugeben

und den Wunsch des Äskulap zu erfüllen.

Wir wurden von dem Signor Speziale recht artig aufgenommen, der uns

sogleich in sein Wohnzimmer führte, wo seine Frau mit kleinen

Handarbeiten beschäftigt war. Ich fand die Signora hübsch genug, um ihr

Artigkeiten zu sagen, und daß der Doktor gar keinen so üblen Geschmack

hatte, auch es wohl der Mühe wert sei, ihm und dem Mann zugleich eine

Nase zu drehen; letzterer bat mich, da er von seinem Amico gehört, daß

ich ein großer Virtuos sei, ihm und seiner Frau doch das Vergnügen zu

machen, sie etwas von mir hören zu lassen; ich entschuldigte mich, indem

ich erwiderte, man habe ihm viel zu viel von mir gesagt, so daß er zu

große Erwartungen hege, denen ich niemals entsprechen würde, und es also

nicht wagen könne, ihm etwas vorzutragen. Er ließ aber nicht ab, mich zu

bestürmen, sowie der Doktor ebenfalls in mich drang, und da die Signora

ihre Bitte mit denen der beiden Herren vereinigte, so konnte ich nicht

umhin, sie zu erfüllen, um so mehr, da mir der Apotheker versprochen

hatte, ich solle dann auch die Stimme seiner _cara Moglie_ hören. Ich

sang nun einige italienische Lieder, unter denen auch die Romanze des

Pagen aus Mozarts Figaro, mit Gitarrebegleitung; die Leute hatten kein

Klavier, da die Dame dies Instrument nicht spielte. Nun kam die Reihe an

diese, welche dann nach einigem Zieren ebenfalls ihre Kunst zum besten

gab, aber bei einer allerdings schönen und klangreichen Stimme doch nur

ganz Naturkind im Gesang war, ja, wie ich bald erfuhr, nur nach dem

Gehör sang und nicht einmal die Noten kannte, wie dies so häufig in

Italien, selbst bei Sängerinnen vom Fach und bei dem Theater angestellt,

der Fall war, denen ihre Partien mit der Violine eingegeigt werden

mußten. Ich versprach der Signora Golia, der Name ihres Mannes, bei

meinem nächsten Besuch einige recht hübsche neue Kanzonette mitbringen

zu wollen und ihr diese einzustudieren, worüber sie und ihr Mann ganz

vergnügt waren, wozu aber der Doktor ziemlich scheel sah. So hatte er es

nicht gemeint, und er sah bald ein, daß er einen Eselsstreich gemacht

und den Bock zum Gärtner gesetzt habe, mich in das Haus einzuführen, in

dem ich bei meinem ersten Besuch schon weiter gekommen war, als der

Pflastermann, ein ehrlicher, recht bedächtiger Schwabe, die jeden Tritt

und Schritt hundertmal erwägen und überlegen, ehe sie ihn zu tun wagen,

seit Monaten. Aber der Bock war nun einmal geschossen und ließ sich

nicht wieder rückgängig machen. Der Signor Golia wurde häufig in die

Apotheke abgerufen, und ich benutzte seine kurze Abwesenheit, der

Signora Fleuretten mit Occhianten begleitet zu sagen, die mein ehrlicher

Kullmann nicht einmal verstand. Endlich empfahlen wir uns, wobei ich der

Dame die Hand küßte, etwas, das mein Äskulap noch nicht einmal gewagt

hatte und mir jetzt zum erstenmal nachmachte; ich versprach baldiges

Wiederkommen. Als wir das Haus verlassen hatten, machte mir der Doktor

Vorwürfe, daß, statt sein Interesse zu wahren, ich mir alle Mühe

gegeben, ihn aus dem Sattel zu heben.

»Freund, das ist unmöglich, Sie sitzen ja noch gar nicht darin.«

»Spotten Sie nur, aber das ist kein Freundschaftsstückchen, einem

Freunde den Bissen vor dem Maul wegschnappen zu wollen.«

»Aber wer will denn das, seien Sie doch kein Kind, alles was ich tat,

geschah nur einzig und allein in Ihrem Interesse, wenn Sie nur

verstanden hätten, was ich der Signora gesagt, so würden Sie nicht so

reden und sich dankbarer gegen mich bezeigen. Ich sprach nur zu Ihrem

Lobe und zu Ihren Gunsten.«

»Den Teufel auch, ich müßte ja blind sein, wenn ich Ihr Augenspiel nicht

bemerkt hätte.«

»Das war ja auch in Ihrem Interesse; hörten Sie denn nicht, wie sehr ich

Ihre Geschicklichkeit pries und hervorhob.«

»Mag sein, aber ich verstand kein Wort davon, es kam mir aber so vor,

als wollten Sie sich bei der Signora Golia beliebt machen.«

»Mein Gott, das muß ich ja, wenn ich für Sie wirken soll.«

»Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie mich hintergehen und Sie einmal krank

werden, dann ...«

»Dann werden Sie mir doch kein Gift verschreiben?«

»Das nicht, aber ich lasse Sie im Stich.«

»Oh, darüber tröste ich mich, denn ich weiß, wie ich es mit euch Herren

Medizinern zu halten habe:

Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;

Ihr durchstudiert die groß' und kleine Welt,

Um es am Ende gehn zu lassen

Wie's Gott gefällt.«

»Ach, das ist albernes Zeug.«

»Ei, ei, Herr Doktor, Sie blamieren sich. -- Doch allen Scherz beiseite,

ich werde mein möglichstes tun, den Doktor bei der Apothekerin beliebt

zu machen.« --

Wir trennten uns nun, und jeder ging seinen Weg, der meinige führte mich

nach Giesù nuovo zur Probe eines neu einzustudierenden Vaudevilles, das

ich mit Madame Gasqui zusammengeflickt, »_Les français à Naple_«

betitelt hatte und das den Beifall unseres Publikums und selbst Seiner

Majestät erhielt, obgleich es manchen Seitenhieb auf dessen Gouvernement

gab, den Joseph jedoch nicht zu verstehen schien oder nicht verstehen

wollte. Übrigens fing es an, wenigstens etwas leidlicher in der

Verwaltung zu gehen, namentlich seit Röderer das Finanzwesen und ein

neues Abgabensystem organisiert hatte; aber verhindern konnte er die

fortdauernde unnütze Prodigalität nicht.

Schon den folgenden Tag besuchte ich meinen braven Apotheker wieder und

musizierte mit seiner Frau, die bald das Steckenpferd, mit dem ich alle

meine Intrigen _con amore_ einleitete, Don Juans Duettino, mit mir

singen konnte, worüber sich Herr Golia königlich freute. -- Ich dachte:

>Nun sage mir noch einer, die neapolitanischen Ehemänner seien Teufel

der Eifersucht!< Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Mein guter

Doktor war doch bald überzeugt, daß ich ihn zum besten gehabt, und

setzte nun dem Mann Flöhe ins Ohr, so daß dieser mich immer kälter

empfing und auch ein paarmal unter dem Vorwand, seine Frau sei

ausgegangen und er sehr beschäftigt, ganz kurz abwies. Das erstemal

blieb ich jedoch noch eine geraume Zeit in der Apotheke, die Zurückkunft

der Signora abwartend, brachte bei dieser Gelegenheit die Sprache auf

die italienischen Gifte und namentlich auf das berüchtigte Aqua Tofana,

ein Thema, das den Signor Golia ansprach, über welches er, trotzdem daß

er mich bereits nicht mehr mit den wohlwollendsten Augen ansah, so

gefällig war, mir manche Aufklärung zu geben. Ich erzählte ihm nun,

welche abenteuerlichen Vorstellungen man sich in Deutschland von

demselben mache, daß man glaube, es werde aus dem Schaum rasend

gewordener Menschen fabriziert, die man, um sie zum höchsten Grad der

Wut zu bringen, unter den Fußsohlen kitzle, daß man vermittelst dieses

Giftes genau Tag, Stunde und Minute, in welcher der seit Monaten schon

Vergiftete seinen Geist aufgeben müsse, bestimmen könne und so weiter.

Der Apotheker lächelte über diese Mitteilung und erklärte mir, daß die

Hauptingredienzien des Acquetta, wie man hier dieses Gift nennt, aus

Arseniksäure, mit etwas Laudanum, bitterer Mandelessenz und einigen

anderen Liquiden vermischt, um die Bestandteile desselben besser zu

verbergen, bestände; daß man allerdings nach der Quantität der

beigebrachten Dosis den Tod des Vergifteten früher oder später

herbeiführen, aber nie genau den Tag, viel weniger die Stunde angeben

könne, in welcher dieser erfolgen müsse, da dies von gar mancherlei

Umständen abhinge, wie von der Konstitution, der Nahrung und sogar der

Beschäftigung des Vergifteten. Ich erkundigte mich später noch bei

anderen Personen nach diesem berühmten Gift, mehrere leugneten dessen

Bestehen gänzlich, andere sagten, die Kunst, es zu bereiten, sei längst

verloren gegangen, Moritz versicherte mir, es sei durchaus nichts weiter

als künstlich präpariertes Arsenik. Dies Resultat ergab auch später eine

unter Mürat auf meine Veranlassung angestellte polizeiliche

Untersuchung, und die über dasselbe verbreiteten Märchen sind nichts

weiter als Erfindungen abenteuerlicher Reisebeschreibungen und

Romanschreiber.

Als ich am anderen Tag wiederkam, wurde ich noch kälter von dem Signor

Speziale empfangen, der mir diesmal fast gar kein Gehör gab, welches

Thema ich auch immer aufs Tapet bringen mochte. Aber es war zu spät; der

gute Mann, der anfänglich mit Entzücken zuhörte, wenn ich seiner Frau

Singunterricht ohne Noten erteilte, hatte erst Lunte gerochen, als das

Feuer schon lichterloh brannte. Längst wußte ich, daß Signora Golia alle

Morgen die Messe bei den Karmelitern besuchte, und sprach sie nun hier,

ohne daß es ihr Mann oder der Doktor ahnten. Dagegen besuchte ich die

Apotheke nur noch sehr selten und auf einen Augenblick im Vorübergehen.

Gewiß waren beide erfreut, mich so schnell losgeworden zu sein, während

ich so weit schneller zum Ziel gelangte. Die Signora mochte den Merluzzo

(Stockfisch) von einem Doktor, der kein gescheites Wort mit ihr reden

konnte, nicht leiden, war über ihren Marito (Eheherrn) erbost, daß er

mich so auswies, und gab mir Rendezvous bei einer Amica, die sich

Signora Rapisarda nannte, in der Strada Pignosecca, deren Adresse sie

mir auf einem mit Bleifeder beschriebenen Papierchen mitteilte. Ich

suchte das angegebene Haus zur bestimmten Stunde auf und fand in einem

Gemach des dritten Stockes beide mich erwartenden Freundinnen, graziös

auf einem Sofa sitzend. Als sie mich erblickten, standen beide auf, und

Giulietta, dies war der Taufname der Apothekerin, sprang auf mich zu und

ließ mir kaum Zeit, der Dame des Hauses meine schuldige Höflichkeit zu

bezeigen. Sie stellte mir diese endlich als die Frau eines Beamten vor,

welcher dem Hof Ferdinand IV. nach Sizilien gefolgt sei, und seine

Gattin, die sich nicht von Neapel habe trennen wollen, wo sie alle ihre

Freunde und Bekannten habe, verlassen hätte. Die Amica war so

aufmerksam, uns mit Rosolio und _Pane di Spagna_ aufzuwarten und sich

dann zu entfernen. -- Nun wurde die Türe verschlossen, und wir

schwelgten ein paar Stunden im Hochgenuß, nach denen sich die Amica

wieder einfand, die zwar äußerst angenehm, aber doch schon etwas

verblüht war, und die ich nicht reizend genug fand, um ihr zu Gefallen

eine Untreue gegen meine neue Freundin zu begehen, was nur zuweilen bei

dem _tête-à-tête_ mit der Madame Gasqui geschah, die dann immer so

liebenswürdig war, daß schwerlich der heilige Antonius selbst der

Versuchung widerstanden haben würde.

Als Krönung unseres heiteren Lebens in Neapel beschlossen wir, den Vesuv

zu besteigen; aber anders hatte es das Schicksal oder vielmehr das

Gouvernement beschlossen, und ich sollte abermals Neapel verlassen, ohne

zu meinem großen Leidwesen nähere Bekanntschaft mit dem alten

Feuerspeier gemacht zu haben; denn das Bataillon erhielt Order, nach dem

Kirchenstaat und zwar nach Civita-Vecchia abzumarschieren. Ich tröstete

mich indessen damit, Rom wiederzusehen, von dem ich kaum erst einen

Schatten im Vorübergehen erblickt hatte.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 6 / 22 题