Am 30. November

Ich soll, ich soll nicht zu mir selbst kommen! Wo ich hintrete,

begegnet mir eine Erscheinung, die mich aus aller Fassung bringt.

Heute! O Schicksal! O Menschheit!

Ich gehe an dem Wasser hin in der Mittagsstunde, ich hatte keine

keine Lust zu essen. Alles war Öde, ein naßkalter Abendwind blies vom

Berge, und die grauen Regenwolken zogen das Tal hinein. Von fern

seh' ich einen Menschen in einem grünen, schlechten Rocke, der

zwischen den Felsen herumkrabbelte und Kräuter zu suchen schien. Als

ich näher zu ihm kam und er sich auf das Geräusch, das ich machte,

herumdrehte, sah ich eine gar interessante Physiognomie, darin eine

stille Trauer den Hauptzug machte, die aber sonst nichts als einen

geraden guten Sinn ausdrückte; seine schwarzen Haare waren mit Nadeln

in zwei Rollen gesteckt, und die übrigen in einen starken Zopf

geflochten, der ihm den Rücken herunter hing. Da mir seine Kleidung

einen Menschen von geringem Stande zu bezeichnen schien, glaubte ich,

er würde es nicht übelnehmen, wenn ich auf seine Beschäftigung

aufmerksam wäre, und daher fragte ich ihn, was er suchte?--"Ich

suche," antwortete er mit einem tiefen Seufzer, "Blumen--und finde

keine."--"Das ist auch die Jahreszeit nicht." sagte ich lächelnd.

--"Es gibt so viele Blumen," sagte er, indem er zu mir herunterkam.

"In meinem Garten sind Rosen und Jelängerjelieber zweierlei Sorten,

eine hat mir mein Vater gegeben, sie wachsen wie Unkraut; ich suche

schon zwei Tage darnach und kann sie nicht finden. Da haußen sind

auch immer Blumen, gelbe und blaue und rote, und das

Tausendgüldenkraut hat ein schönes Blümchen. Keines kann ich finden."

--Ich merkte was Unheimliches, und drum fragte ich durch einen Umweg:

"Was will er denn mit den Blumen?"--Ein wunderbares, zuckendes

Lächeln verzog sein Gesichte. "Wenn er mich nicht verraten will,"

sagte er, indem er den Finger auf den Mund drückte, "ich habe meinem

Schatz einen Strauß versprochen."--"Das ist brav," sagte ich.--"O!

" sagte er, "sie hat viel andere Sachen, sie ist reich."--"Und doch

hat sie seinen Strauß lieb," versetzte ich.--"O!" fuhr er fort, "sie

hat Juwelen und eine Krone."--"Wie heißt sie denn?"--"Wenn mich die

Generalstaaten bezahlen wollten," versetzte er, "ich wär' ein anderer

Mensch! Ja, es war einmal eine Zeit, da mir es so wohl war! Jetzt

ist es aus mit mir. Ich bin nun." Ein nasser Blick zum Himmel

drückte alles aus.--"Er war also glücklich?"fragte ich.--"Ach ich

wollte, ich wäre wieder so!" sagte er "Da war mir es so wohl, so

lustig, so leicht wie einem Fisch im Wasser!"--"Heinrich!" rief eine

alte Frau, die den Weg herkam, "Heinrich, wo steckst du? Wir haben

dich überall gesucht, komm zum Essen."--"Ist das euer Sohn?" fragt'

ich, zu ihr tretend.--"Wohl, mein armer Sohn!" versetzte sie. "Gott

hat mir ein schweres Kreuz aufgelegt."--"Wie lange ist er so?" fragte

ich.--"So stille," sagte sie, "ist er nun ein halbes Jahr. Gott sei

Dank, daß er nur so weit ist, vorher war er ein ganzes Jahr rasend,

da hat er an Ketten im Tollhause gelegen. Jetzt tut er niemand nichts,

nur hat er immer mit Königen und Kaisern zu schaffen. Er war ein so

guter, stiller Mensch, der mich ernähren half, seine schöne Hand

schrieb, und auf einmal wird er tiefsinnig, fällt in ein hinziges

Fieber, daraus in Raserei, und nun ist er, wie Sie ihn sehen. Wenn

ich Ihnen erzählen sollte, Herr."--Ich unterbrach den Strom ihrer

Worte mit der Frage: "was war denn das für eine Zeit, von der er rühmt,

daß er so glücklich, so wohl darin gewesen sei?"--"Der törichte

Mensch!" rief sie mit mitleidigem Lächeln, "da meint er die Zeit, da er

von sich war, das rühmt er immer; das ist die Zeit, da er im

Tollhause war, wo er nichts von sich wußte."--Das fiel mir auf wie

ein Donnerschlag, ich drückte ihr ein Stück Geld in die Hand und

verließ sie eilend. Da du glücklich warst! Rief ich aus, schnell vor

mich hin nach der Stadt zu gehend, da dir es wohl war wie einem Fisch

im Wasser!--Gott im Himmel! Hast du das zum Schicksale der Menschen

gemacht, daß sie nicht glücklich sind, als ehe sie zu ihrem Verstande

kommen und wenn sie ihn wieder verlieren!--Elender! Und auch wie

beneide ich deinen Trübsinn, die Verwirrung deiner Sinne, in der du

verschmachtest! Du gehst hoffnungsvoll aus, deiner Königin Blumen zu

pflücken--im Winter--und trauerst, da du keine findest, und begreifst

nicht, warum du keine finden kannst. Und ich--und ich gehe ohne

Hoffnung, ohne Zweck heraus und kehre wieder heim, wie ich gekommen

bin.--Du wähnst, welcher Mensch du sein würdest, wenn die

Generalstaaten dich bezahlten. Seliges Geschöpf, das den Mangel

seiner Glückseligkeit einer irdischen Hindernis zuschreiben kann! Du

fühlst nicht, du fühlst nicht, daß in deinem zerstörten Herzen, in

deinem zerrütteten Gehirne dein Elend liegt, wovon alle Könige der

Erde dir nicht helfen können. Müsse der trostlos umkommen, der eines

Kranken spottet, der nach der entferntesten Quelle reist, die seine

Krankheit vermehren, sein Ausleben schmerzhafter machen wird! Der

sich über das bedrängte Herz erhebt, das, um seine Gewissensbisse

loszuwerden und die Leiden seiner Seele abzutun, eine Pilgrimschaft

nach dem heiligen Grabe tut. Jeder Fußtritt, der seine Sohlen auf

ungebahntem Wege durchschneidet, ist ein Linderungstropfen der

geängsteten Seele, und mit jeder ausgedauerten Tagereise legt sich

das Herz um viele Bedrängnisse leichter nieder.--Und dürft ihr das

Wahn nennen, ihr Wortkrämer auf euren Polstern?--Wahn!--o Gott!

Du siehst meine Tränen! Mußtest du, der du den Menschen arm genug

erschufst, ihm auch Brüder zugeben, die ihm das bißchen Armut, das

bißchen Vertrauen noch raubten, das er auf dich hat, auf dich, du

Allliebender! Denn das Vertrauen zu einer heilenden Wurzel, zu den

Tränen des Weinstockes, was ist es als Vertrauen zu dir, daß du in

alles, was uns umgibt, Heil--und Linderungskraft gelegt hast, der wir

so stündlich bedürfen? Vater, den ich nicht kenne! Vater, der sonst

meine ganze Seele füllte und nun sein Angesicht von mir gewendet hat,

rufe mich zu dir! Schweige nicht länger! Dein Schweigen wird diese

dürstende Seele nicht aufhalten--und würde ein Mensch, ein Vater,

zürnen können, dem sein unvermutet rückkehrender Sohn um den Hals

fiele und riefe: "ich bin wieder da, mein Vater! Zürne nicht, daß ich

die Wanderschaft abbreche, die ich nach deinem Willen länger

aushalten sollte. Die Welt ist überall einerlei, auf Mühe und Arbeit

Lohn und Freude; aber was soll mir das? Mir ist nur wohl, wo du bist,

und vor deinem Angesichte will ich leiden und genießen."--Und du,

lieber himmlischer Vater, solltest ihn von dir weisen?

Die Leiden des jungen Werther — Band 2 · 第 44 / 54 题