Am 10. Oktober

Ossian hat in meinem Herzen den Humor verdrängt. Welch eine Welt,

in die der Herrliche mich führt! Zu wandern über die Heide, umsaust

vom Sturmwinde, der in dampfenden Nebeln die Geister der Väter im

dämmernden Lichte des Mondes hinführt. Zu hören vom Gebirge her, im

Gebrülle des Waldstroms, halb verwehtes Ächzen der Geister aus ihren

Höhlen, und die Wehklagen des zu Tode sich jammernden Mädchens, um

die vier moosbedeckten, grasbewachsenen Steine des Edelgefallnen,

ihres Geliebten. Wenn ich ihn dann finde, den wandelnden grauen

Barden, der auf der weiten Heide die Fußstapfen seiner Väter sucht

und, ach, ihre Grabsteine findet und dann jammernd nach dem lieben

Sterne des Abends hinblickt, der sich ins rollende Meer verbirgt, und

die Zeiten der Vergangenheit in des Helden Seele lebendig werden, da

noch der freundliche Strahl den Gefahren der Tapferen leuchtete und

der Mond ihr bekränztes, siegrückkehrendes Schiff beschien. Wenn ich

den tiefen Kummer auf seiner Stirn lese, den letzten verlassenen

Herrlichen in aller Ermattung dem Grabe zuwanken sehe, wie er immer

neue, schmerzlich glühende Freuden in der kraftlosen Gegenwart der

Schatten seiner Abgeschiedenen einsaugt und nach der kalten Erde, dem

hohen, wehenden Grase niedersieht und ausruft: "Der Wanderer wird

kommen, kommen, der mich kannte in meiner Schönheit, und fragen: 'wo

ist der Sänger, Fingals trefflicher Sohn?' Sein Fußtritt geht über

mein Grab hin, und er fragt vergebens nach mir auf der Erde."--O

Freund! Ich möchte gleich einem edlen Waffenträger das Schwert ziehen,

meinen Fürsten von der zückenden Qual des langsam absterbenden

Lebens auf einmal befreien und dem befreiten Halbgott meine Seele

nachsenden.

Die Leiden des jungen Werther — Band 2 · 第 32 / 54 题