Am 12. September

Sie war einige Tage verreist, Alberten abzuholen. Heute trat ich in

ihre Stube, sie kam mir entgegen, und ich küßte ihre Hand mit tausend

Freuden.

Ein Kanarienvogel flog von dem Spiegel ihr auf die Schulter.

--"Einen neuen Freund," sagte sie und lockte ihn auf ihre Hand, "er ist

meinen Kleinen zugedacht. Er tut gar zu lieb! Sehen Sie ihn! Wenn

ich ihm Brot gebe, flattert er mit den Flügeln und pickt so artig.

Er küßt mich auch, sehen Sie!"

Als sie dem Tierchen den Mund hinhielt, drückte es sich so lieblich

in die süßen Lippen, als wenn es die Seligkeit hätte fühlen können,

die es genoß.

"Er soll Sie auch küssen," sagte sie und reichte den Vogel herüber.

--Das Schnäbelchen machte den Weg von ihrem Munde zu dem meinigen,

und die pickende Berührung war wie ein Hauch, eine Ahnung liebevollen

Genusses.

"Sein Kuß," sagte ich, "ist nicht ganz ohne Begierde, er sucht

Nahrung und kehrt unbefriedigt von der leeren Liebkosung zurück."

"Er ißt mir auch aus dem Munde."sagte sie.--Sie reichte ihm einige

Brosamen mit ihren Lippen, aus denen die Freuden unschuldig

teilnehmender Liebe in aller Wonne lächelten.

Ich kehrte das Gesicht weg. Sie sollte es nicht tun, sollte nicht

meine Einbildungskraft mit diesen Bildern himmlischer Unschuld und

Seligkeit reizen und mein Herz aus dem Schlafe, in den es manchmal

die Gleichgültigkeit des Lebens wiegt, nicht wecken!--Und warum

nicht?--Sie traut mir so! Sie weiß, wie ich sie liebe!

Die Leiden des jungen Werther — Band 2 · 第 29 / 54 题