Sie war einige Tage verreist, Alberten abzuholen. Heute trat ich in
ihre Stube, sie kam mir entgegen, und ich küßte ihre Hand mit tausend
Freuden.
Ein Kanarienvogel flog von dem Spiegel ihr auf die Schulter.
--"Einen neuen Freund," sagte sie und lockte ihn auf ihre Hand, "er ist
meinen Kleinen zugedacht. Er tut gar zu lieb! Sehen Sie ihn! Wenn
ich ihm Brot gebe, flattert er mit den Flügeln und pickt so artig.
Er küßt mich auch, sehen Sie!"
Als sie dem Tierchen den Mund hinhielt, drückte es sich so lieblich
in die süßen Lippen, als wenn es die Seligkeit hätte fühlen können,
die es genoß.
"Er soll Sie auch küssen," sagte sie und reichte den Vogel herüber.
--Das Schnäbelchen machte den Weg von ihrem Munde zu dem meinigen,
und die pickende Berührung war wie ein Hauch, eine Ahnung liebevollen
Genusses.
"Sein Kuß," sagte ich, "ist nicht ganz ohne Begierde, er sucht
Nahrung und kehrt unbefriedigt von der leeren Liebkosung zurück."
"Er ißt mir auch aus dem Munde."sagte sie.--Sie reichte ihm einige
Brosamen mit ihren Lippen, aus denen die Freuden unschuldig
teilnehmender Liebe in aller Wonne lächelten.
Ich kehrte das Gesicht weg. Sie sollte es nicht tun, sollte nicht
meine Einbildungskraft mit diesen Bildern himmlischer Unschuld und
Seligkeit reizen und mein Herz aus dem Schlafe, in den es manchmal
die Gleichgültigkeit des Lebens wiegt, nicht wecken!--Und warum
nicht?--Sie traut mir so! Sie weiß, wie ich sie liebe!