Am 9. Mai

Ich habe die Wallfahrt nach meiner Heimat mit aller Andacht eines

Pilgrims vollendet, und manche unerwarteten Gefühle haben mich

ergriffen. An der großen Linde, die eine Viertelstunde vor der Stadt

nach S... zu steht, ließ ich halten, stieg aus und hieß den Postillon

fortfahren, um zu Fuße jede Erinnerung ganz neu, lebhaft, nach meinem

Herzen zu kosten. Da stand ich nun unter der Linde, die ehedem, als

Knabe, das Ziel und die Grenze meiner Spaziergänge gewesen. Wie

anders! Damals sehnte ich mich in glücklicher Unwissenheit hinaus in

die unbekannte Welt, wo ich für mein Herz so viele Nahrung, so vielen

Genuß hoffte, meinen strebenden, sehnenden Busen auszufüllen und zu

befriedigen. Jetzt komme ich zurück aus der weiten Welt--o mein

Freund, mit wie viel fehlgeschlagenen Hoffnungen, mit wie viel

zerstörten Planen!--Ich sah das Gebirge vor mir liegen, das

tausendmal der Gegenstand meiner Wünsche gewesen war. Stundenlang

konnt' ich hier sitzen und mich hinüber sehnen, mit inniger Seele

mich in den Wäldern, den Tälern verlieren, die sich meinen Augen so

freundlich-dämmernd darstellten; und wenn ich dann um die bestimmte

Zeit wieder zurück mußte, mit welchem Widerwillen verließ ich nicht

den lieben Platz!--Ich kam der Stadt näher, alle die alten,

bekannten Gartenhäuschen wurden von mir gegrüßt, die neuen waren mir

zuwider, so auch alle Veränderungen, die man sonst vorgenommen hatte.

Ich trat zum Tor hinein und fand mich doch gleich und ganz wieder.

Lieber, ich mag nicht ins Detail gehn; so reizend, als es mir war, so

einförmig würde es in der Erzählung werden. Ich hatte beschlossen,

auf dem Markte zu wohnen, gleich neben unserem alten Haus. Im

Hingehen bemerkte ich, daß die Schulstube, wo ein ehrliches altes

Weib unsere Kindheit zusammengepfercht hatte, in einen Kramladen

verwandelt war. Ich erinnere mich der Unruhe, der Tränen, der

Dumpfheit des Sinnes, der Herzensangst, die ich in dem Loche

ausgestanden hatte.--Ich tat keinen Schritt, der nicht merkwürdig

war. Ein Pilger im heiligen Lande trifft nicht so viele Stätten

religiöser Erinnerungen an, und seine Seele ist schwerlich so voll

heiliger Bewegung.--Noch eins für tausend. Ich ging den Fluß hinab,

bis an einen gewissen Hof; das war sonst auch mein Weg, und die

Plätzchen, wo wir Knaben uns übten, die meisten Sprünge der flachen

Steine im Wasser hervorzubringen. Ich erinnerte mich so lebhaft, wenn

ich manchmal stand und dem Wasser nachsah, mit wie wunderbaren

Ahnungen ich es verfolgte, wie abenteuerlich ich mir die Gegenden

vorstellte, wo es nun hinflösse, und wie ich da sobald Grenzen meiner

Vorstellungskraft fand; und doch mußte das weiter gehen, immer weiter,

bis ich mich ganz in dem Anschauen einer unsichtbaren Ferne verlor.

--Sieh, mein Lieber, so beschränkt und so glücklich waren die

herrlichen Altväter! So kindlich ihr Gefühl, ihre Dichtung! Wenn

ulyß von dem ungemeßnen Meer und von der unendlichen Erde spricht,

das ist so wahr, menschlich, innig, eng und geheimnisvoll. Was hilft

mich's, daß ich jetzt mit jedem Schulknaben nachsagen kann, daß sie

rund sei? Der Mensch braucht nur wenige Erdschollen, um drauf zu

genießen, weniger, um drunter zu ruhen. Nun bin ich hier, auf dem

fürstlichen Jagdschloß. Es läßt sich noch ganz wohl mit dem Herrn

leben, er ist wahr und einfach. Wunderliche Menschen sind um ihn

herum, die ich gar nicht begreife. Sie scheinen keine Schelmen und

haben doch auch nicht das Ansehen von ehrlichen Leuten. Manchmal

kommen sie mir ehrlich vor, und ich kann ihnen doch nicht trauen.

Was mir noch leid tut, ist, daß er oft von Sachen redet, die er nur

gehört und gelesen hat, und zwar aus eben dem Gesichtspunkte, wie sie

ihm der andere vorstellen mochte. Auch schätzt er meinen Verstand und

meine Talente mehr als dies Herz, das doch mein einziger Stolz ist,

das ganz und alles Elendes. Ach, was ich weiß, kann jeder

wissen--mein Herz habe ich allein.

Die Leiden des jungen Werther — Band 2 · 第 17 / 54 题