Den 15. März

Ich habe einen Verdruß gehabt, der mich von hier wegtreiben wird. Ich

knirsche mit den Zähnen! Teufel! Er ist nicht zu ersetzen, und ihr

seid doch allein schuld daran, die ihr mich sporntet und treibt und

quältet, mich in einen Posten zu begeben, der nicht nach meinem Sinne

war. Nun habe ich's! Nun habt ihr's! Und daß du nicht wieder sagst,

meine überspannten Ideen verdürben alles, so hast du hier, lieber Herr,

eine Erzählung, plan und nett, wie ein Chronikenschreiber das

aufzeichnen würde.

Der Graf von C... liebt mich, distinguiert mich, das ist bekannt, das

habe ich dir schon hundertmal gesagt. Nun war ich gestern bei ihm zu

Tafel, eben an dem Tage, da abends die noble Gesellschaft von Herren

und Frauen bei ihm zusammenkommt, an die ich nie gedacht habe, auch

mir nie aufgefallen ist, daß wir Subalternen nicht hineingehören. Gut.

Ich speise bei dem Grafen, und nach Tische gehn wir in dem großen

Saal auf und ab, ich rede mit ihm, mit dem Obristen B..., der dazu

kommt, und so rückt die Stunde der Gesellschaft heran. Ich denke,

Gott weiß, an nichts. Da tritt herein die übergnädige Dame von S...

mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter mit der

flachen Brust und niedlichem Schnürleibe, machen en passant ihre

hergebrachten, hochadeligen Augen und Naslöcher, und wie mir die

Nation von Herzen zuwider ist, wollte ich mich eben empfehlen und

wartete nur, bis der Graf vom garstigen Gewäsche frei wäre, als meine

Fräulein B. hereintrat. Da mir das Herz immer ein bißchen aufgeht,

wenn ich sie sehe, blieb ich eben, stellte mich hinter ihren Stuhl und

bemerkte erst nach einiger Zeit, daß sie mit weniger Offenheit als

sonst, mit einiger Verlegenheit mit mir redete. Das fiel mir auf.

Ist sie auch wie all das Volk, dacht' ich, und war angestochen und

wollte gehen, und doch blieb ich, weil ich sie gerne entschuldigt

hätte und es nicht glaubte und noch ein gut Wort von ihr hoffte

und--was du willst. Unterdessen füllte sich die Gesellschaft. Der

Baron F. mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten Franz des

Ersten her, der Hofrat R..., hier aber in qualitate Herr von R...

genannt, mit seiner tauben Frau etc., den Übel fournierten J... nicht

zu vergessen, der die Lücken seiner altfränkischen Garderobe mit

neumodischen Lappen ausflickt, das kommt zu Hauf, und ich rede mit

einigen meiner Bekanntschaft, die alle sehr lakonisch sind. Ich

dachte--und gab nur auf meine B... acht. Ich merkte nicht, daß die

Weiber am Ende des Saales sich in die Ohren flüsterten, daß es auf die

Männer zirkulierte, daß Frau von S. mit dem Grafen redete (das alles

hat mir Fräulein B. nachher erzählt), bis endlich der Graf auf mich

losging und mich in ein Fenster nahm.--"Sie wissen", sagt' er, "unsere

wunderbaren Verhältnisse; die Gesellschaft ist unzufrieden, merkte ich,

Sie hier zu sehn. Ich wollte nicht um alles"--"Ihro Exzellenz," fiel

ich ein, "ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich hätte eher dran

denken sollen, und ich weiß, Sie vergeben mir diese Inkonsequenz; ich

wollte schon vorhin mich empfehlen. Ein böser Genius hat mich

zurückgehalten." Setzte ich lächelnd hinzu, indem ich mich neigte.

--Der Graf drückte meine Hände mit einer Empfindung, die alles sagte.

Ich strich mich sacht aus der vornehmen Gesellschaft, ging, setzte

mich in ein Kabriolett und fuhr nach M., dort vom Hügel die Sonne

untergehen zu sehen und dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zu

lesen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinehirten bewirtet wird. Das

war alles gut.

Des Abends komm' ich zurück zu Tische, es waren noch wenige in der

Gaststube; die würfelten auf einer Ecke, hatten das Tischtuch

zurückgeschlagen. Da kommt der ehrliche Adelin hinein, legt seinen

Hut nieder, indem er mich ansieht, tritt zu mir und sagt leise:"du

hast Verdruß gehabt?"--"Ich?" sagt' ich.--"Der Graf hat dich aus der

Gesellschaft gewiesen."--"Hol' sie der Teufel!" sagt' ich, "mir war's

lieb, daß ich in die freie Luft kam."--"Gut," sagt' er, "daß du's auf

die leichte Achsel nimmst. Nur verdrießt mich's, es ist schon überall

herum."--Da fing mich das Ding erst an zu wurmen. Alle, die zu Tisch

kamen und mich ansahen, dachte ich, die sehen dich darum an! Das gab

böses Blut.

Und da man nun heute gar, wo ich hintrete, mich bedauert, da ich höre,

daß meine Neider nun triumphieren und sagen: da sähe man's, wo es mit

den Übermütigen hinausginge, die sich ihres bißchen Kopfs überhöben

und glaubten, sich darum über alle Verhältnisse hinaussetzen zu dürfen,

und was des Hundegeschwätzes mehr ist--da möchte man sich ein Messer

ins Herz bohren; denn man rede von Selbständigkeit was man will, den

will ich sehen, der dulden kann, daß Schurken über ihn reden, wenn sie

einen Vorteil über ihn haben; wenn ihr Geschwätze leer ist, ach da

kann man sie leicht lassen.

Die Leiden des jungen Werther — Band 2 · 第 11 / 54 题