Neuntes Kapitel

Einsilbig und zerstreut saß Hauberrisser noch eine Stunde nach dem Souper

mit Dr. Sephardi und Baron Pfeill beisammen.

Seine Gedanken weilten beständig bei Eva, so daß er manchmal fast erschrak,

wenn das Wort an ihn gerichtet wurde.

Seine Einsamkeit in Amsterdam, die ihm so wohlgetan, schien ihm mit

einemmal unaushaltbar, wenn er an die kommende Zeit dachte.

Außer Pfeill und Sephardi, zu dem er sich vom ersten Augenblick an, als er

ihn kennen gelernt, stark hingezogen fühlte, besaß er weder Freunde noch

Bekannte, und die Beziehungen mit seiner Heimat waren längst abgebrochen.

-- Würde er das einsiedlerhafte Leben, das er bisher geführt, jetzt, wo er

Eva gefunden hatte, ertragen können?

Er überlegte, ob er seinen Wohnsitz nicht nach Antwerpen verlegen solle, um

mit ihr wenigstens dieselbe Luft zu atmen, wenn sie schon nicht wünschte,

daß sie beisammen seien; vielleicht ergab sich dann doch bisweilen eine

Gelegenheit, sie zu sehen.

Es schmerzte ihn, wenn er sich ins Gedächtnis zurückrief, wie kühl sie

ihren Entschluß ausgesprochen hatte, es der Zeit und mehr oder weniger dem

Zufall zu überlassen, ob sich ein dauerndes Band zwischen ihnen anknüpfen

werde, dann wieder dachte er, Minuten lang berauscht von Glück, an ihre

Küsse und daß sie sich ja bereits für immer gefunden hätten.

Nur an ihm lag es, sagte er sich, wenn sich die Trennung länger als ein

paar Tage hinauszog.

Was hinderte ihn, sie schon in der kommenden Woche zu besuchen und sie zu

bitten, im Verkehr mit ihm zu bleiben? -- Sie war, so viel er wußte,

vollkommen unabhängig und brauchte niemand zu fragen, wenn sie ihre Wahl

treffen wollte.

So überaus klar und geebnet ihm der Weg zu ihr auch erschien, wie er alle

Umstände in Betracht zog, -- immer wieder drängte sich vor seine Hoffnungen

dasselbe unabweisbare Gefühl einer unbestimmten Angst um Eva, das er zum

erstenmal so deutlich empfunden, als sie Abschied voneinander genommen

hatten.

Er wollte sich die Zukunft in rosigen Farben ausmalen, kam aber nicht über

die Anfänge hinaus: sein krampfhaftes Bemühen, das eiserne »Nein«

wegzuleugnen, das jedesmal in seiner Brust wie eine Antwort auf seine Frage

an das Schicksal ertönte, wenn er sich ein befriedigendes Ende vorzustellen

zwang, brachte ihn fast zur Verzweiflung.

Er wußte aus langer Erfahrung, daß es nichts half, die hartnäckigen Stimmen

jener seltsamen, scheinbar auf nichts begründeten inneren Gewißheit eines

drohenden Unheils zu überschreien, wenn sie einmal wach geworden waren, --

und so suchte er sie zu beschwichtigen, indem er sich vorhielt, seine

Besorgnis sei die natürliche Folge der Verliebtheit; trotzdem glaubte er

jetzt schon die Stunde kaum erwarten zu können, wo er erfahren würde, Eva

sei wohlbehalten in Antwerpen angekommen.

In der Station Weesperpoort, die der Mitte der Stadt näher liegt als der

Zentralbahnhof, stieg er gemeinsam mit Sephardi aus, begleitete ihn ein

Stück nach der Heerengracht und eilte dann zum Amstelhotel, um einen Strauß

Rosen, den ihm Pfeill lächelnd mitgegeben, als hätte er seine Gedanken

erraten, beim Portier für Eva zu hinterlegen.

Fräulein van Druysen sei soeben abgereist, hieß es; aber, wenn er einen

Wagen nähme, könne er den Zug möglicherweise noch vor Abgang erreichen.

Ein Automobil brachte ihn in schneller Fahrt zum Bahnhof.

Er wartete.

Minute um Minute verstrich, Eva kam nicht.

Er telephonierte an das Hotel -- -- sie war auch nicht nach Hause

zurückgekehrt. -- Er solle in der Gepäckhalle fragen. --

Die Koffer waren nicht abgeholt worden. Er glaubte, der Boden wanke unter

seinen Füßen.

Jetzt, wo er sich in Angst um Eva verzehrte, begriff er erst, wie heiß er

sie liebte und daß er ohne sie nicht mehr leben könnte.

Die letzte Schranke zwischen ihr und ihm, -- das leise Gefühl des

Sich-noch-fremd-seins, entstanden durch die ungewöhnliche Art, wie sie

einander näher gebracht worden waren, -- fiel in nichts zusammen unter dem

Übermaß seiner Sorge um sie, und er wußte, wenn sie jetzt vor ihm stünde,

würde er sie in die Arme schließen und mit Küssen bedecken und nie wieder

von sich lassen.

Es blieb ihm kaum eine Hoffnung, daß sie in letzter Minute noch kommen

könne, dennoch wartete er, bis sich der Zug in Bewegung setzte.

Daß ihr ein Unglück zugestoßen sein mußte, lag auf der Hand. Gewaltsam

zwang er sich zur Ruhe.

Welchen Weg konnte sie genommen haben? Keine Minute durfte mehr verloren

gehen. Hier konnte nur noch, wenn nicht bereits das Schlimmste geschehen

war, das kalte, hellsichtige Durchschauen und Abwägen der Sachlage helfen,

das er schon in seinem ehemaligen Beruf als Ingenieur und Erfinder als eine

fast nie versiegende Quelle rettender Einfälle erkannt hatte.

Seine Vorstellungskraft bis aufs Äußerste anspannend, mühte er sich ab,

einen Blick in das geheime Räderwerk der Geschehnisse zu werfen, die sich

um Eva, bevor sie das Hotel verlassen hatte, möglicherweise abgespielt

haben konnten. -- Er versuchte, sich in die Stimmung des Wartens

hineinzuversetzen, in der sie sich vermutlich befunden, bevor sie

aufgebrochen war.

Der Umstand, daß sie ihr Gepäck zur Bahn vorausgeschickt hatte, statt den

Hotelwagen zu benutzen, brachte ihn auf den Gedanken, sie müsse einen

Besuch bei irgend jemand geplant haben.

Aber bei wem -- und in so später Stunde noch?

Plötzlich fiel ihm ein, daß sie Sephardi ans Herz gelegt hatte, er möge ja

nicht vergessen, nach Swammerdam zu sehen.

Der alte Schmetterlingssammler wohnte am Zee Dyk -- einem

Verbrecherviertel, wie aus dem Zeitungsbericht über den Mord deutlich

hervorging. -- Ja! Nur dorthin konnte sie sich gewandt haben.

Ein kalter Schauer überlief Hauberrisser, als ihm all die gräßlichen

Möglichkeiten durch den Kopf schossen, die ihr unter dem Hafengelichter

dieser verrufenen Gegend drohten.

Er hatte von Spelunken gehört, in denen Fremde ausgeraubt, ermordet und

durch Falltüren in die Grachten geworfen worden waren; -- das Haar sträubte

sich ihm, wenn er daran dachte, Eva könne es vielleicht ähnlich ergangen

sein.

Im nächsten Augenblick sauste das Automobil über die Openhavenbrücke zur

Nikolaskirche und hielt.

Man könne in die engen Gassen des Zee Dyk nicht hineinfahren, erklärte der

Chauffeur, -- der Herr möge sich in die Schenke »Zum Prins van Oranje«

bemühen -- er deutete auf einen Lichtschein -- und sich beim Wirt nach der

gewünschten Adresse erkundigen.

* * * * *

Die Tür der Spelunke stand weit offen, Hauberrisser stürzte hinein; das

Lokal war leer bis auf einen Mann, der hinter dem Schanktisch stand und ihn

heimtückisch musterte.

In der Ferne erscholl wüstes Geheul wie von einer Rauferei.

Herr Swammerdam wohne im vierten Stock, bequemte sich der Wirt zu verraten,

nachdem er ein Trinkgeld bekommen hatte, und leuchtete widerwillig die

halsbrecherische Stiege hinauf.

»Nein, Fräulein van Druysen ist seitdem nicht mehr bei uns gewesen,« sagte

der alte Schmetterlingssammler kopfschüttelnd, als ihm Hauberrisser in

fliegender Eile seine Besorgnisse vortrug; er war noch nicht schlafen

gegangen und vollkommen angezogen.

Eine einzige, fast schon herabgebrannte Talgkerze auf dem leeren Tisch und

sein gramerfülltes Gesicht verrieten, daß er stundenlang im Zimmer gesessen

und über das furchtbare Ende seines Freundes Klinkherbogk nachgesonnen

haben mochte.

Hauberrisser faßte seine Hand: »Verzeihen Sie, Herr Swammerdam, daß ich Sie

mitten in der Nacht überfalle und -- und so gar keine Rücksicht auf Ihren

Schmerz nehme; -- ja, ich weiß, welcher Verlust Sie betroffen hat« -- brach

er ab, als er die erstaunte Miene des Alten bemerkte -- »ich kenne sogar

die näheren Umstände; Doktor Sephardi hat sie mir heute erzählt. Wenn es

Ihnen recht ist, sprechen wir später ausführlich darüber; jetzt bin ich

halb wahnsinnig vor Angst um Eva. Was, wenn sie wirklich zu Ihnen gehen

wollte und unterwegs überfallen wurde und -- und -- um Gotteswillen, es ist

ja nicht auszudenken!«

Er sprang, außer sich vor Unruhe aus dem Sessel auf und lief im Zimmer hin

und her.

Swammerdam dachte eine Weile angestrengt nach, dann sagte er

zuversichtlich:

»Bitte, fassen Sie meine Worte nicht als leeren Trost auf, Mynheer; --

Fräulein van Druysen ist nicht tot!«

Hauberrisser fuhr herum. »Wieso wissen Sie das?« Der ruhige, feste Ton des

alten Mannes nahm ihm -- er wurde sich nicht klar, warum -- einen Stein vom

Herzen.

Swammerdam zögerte einen Moment mit der Antwort.

»Weil ich sie sehen würde,« sagte er endlich halblaut.

Hauberrisser griff nach seinem Arm. »Ich beschwöre Sie, helfen Sie mir,

wenn Sie können! Ich weiß, Ihr ganzes Leben ist ein Weg des Glaubens

gewesen; vielleicht dringt Ihr Blick tiefer als der meine. Ein

Unbeteiligter sieht oft -- -- --«

»Ich bin nicht so unbeteiligt, wie Sie glauben, Mynheer,« unterbrach

Swammerdam. »Ich habe das Fräulein nur einmal im Leben gesehen, aber, wenn

ich sage, ich liebe sie so innig, als ob sie meine Tochter wäre, so ist es

nicht zu viel gesagt;« -- er wehrte mit der Hand ab, -- »danken Sie mir

nicht, es ist da nichts zu danken. Es ist mehr als selbstverständlich, daß

ich alles, was in meinen schwachen Kräften steht, tun werde, um ihr und

Ihnen zu helfen, und wenn ich mein altes wertloses Blut darum vergießen

müßte. -- Hören Sie mir jetzt, bitte, ruhig zu: -- Sie haben bestimmt recht

gehabt mit Ihrer Ahnung, daß Fräulein Eva irgendein Unglück widerfahren

ist. -- Bei ihrer Tante ist sie nicht gewesen, ich hätte es von meiner

Schwester, die soeben noch im Béginenstift war, erfahren. -- Ob wir ihr

heute noch beistehen können, -- das heißt, sie auffinden, -- bin ich

außerstande zu sagen, aber jedenfalls werden wir kein Mittel unversucht

lassen. -- Trotzdem seien Sie, bitte, unbesorgt, auch wenn wir sie nicht

finden sollten; ich weiß so bestimmt, wie ich hier stehe, daß ein --

Anderer, gegen den wir beide ein Nichts sind, die Hand über ihr hält. Ich

möchte nicht in Ausdrücken reden, die Ihnen ein Rätsel sein müssen, --

vielleicht kommt einmal die Zeit, wo ich Ihnen sagen kann, was mich so fest

überzeugt sein läßt, daß Fräulein Eva einen Rat, den ich ihr gab, befolgt

hat. -- -- -- -- -- -- -- -- Wahrscheinlich ist das, was ihr heute

geschehen ist, bereits die erste Wirkung davon.

Mein Freund Klinkherbogk hat einst einen ähnlichen Weg eingeschlagen, wie

jetzt Fräulein Eva; ich habe längst tief innerlich das Ende vorausgesehen,

wenn ich mich auch stets an die Hoffnung klammerte, es ließe sich

vielleicht doch noch durch heiße Gebete abwenden. Die verflossene Nacht hat

mir bewiesen, was ich immer schon wußte, -- bloß war ich zu schwach,

darnach zu handeln --: daß Gebete nur ein Mittel sind, um Kräfte, die in

uns schlummern, gewaltsam zu erwecken. Zu glauben, daß Gebete den Willen

eines Gottes zu ändern vermöchten, ist Torheit. -- Die Menschen, die ihr

Schicksal dem Geiste in sich überantwortet haben, stehen unter geistigem

Gesetz. Sie sind mündig gesprochen von der Vormundschaft der Erde, über die

sie dereinst Herren werden sollen. Was ihnen im Äußern noch zustößt,

bekommt einen vorwärts treibenden Sinn: alles, was mit ihnen geschieht,

geschieht so, daß es keinen Augenblick besser geschehen könnte.

Halten Sie daran fest, Mynheer, daß dies auch bei Fräulein Eva der Fall

ist.

Das Schwere ist die Anrufung des Geistes, der unser Schicksal lenken soll;

-- nur wer reif ist, dessen Stimme hört Er, und der Ruf muß aus Liebe

geschehen und um eines andern Menschen willen, sonst machen wir die Kräfte

der Finsternis in uns lebendig.

Die Juden der Kabbala drücken es aus: »es gibt Wesen aus dem lichtlosen

Reiche Ob -- sie fangen die Gebete ab, die keine Flügel haben;« -- sie

meinen damit nicht Dämonen _außer_ uns, denn gegen solche sind wir durch

die Mauer unseres Körpers geschützt, -- sondern magische Gifte _in_ uns,

die, wachgerufen, unser Ich zerspalten.«

»Aber kann nicht Eva,« fiel Hauberrisser erregt ein, »ebenso dem Verderben

entgegen gegangen sein wie Ihr Freund Klinkherbogk?«

»Nein! Bitte lassen Sie mich zu Ende sprechen. -- Ich hätte nie den Mut

gehabt, ihr einen so gefährlichen Rat zu geben, wenn in jenem Augenblick

nicht Der um mich gewesen wäre, von dem ich vorhin gesagt habe: wir beide

sind gegen ihn wie ein Nichts. Ich habe in einem langen, langen Leben und

durch unsägliches Leid gelernt, mit Ihm zu reden und Seine Stimme von den

Einflüsterungen menschlicher Wünsche zu unterscheiden. -- Die Gefahr war

nur, daß Fräulein Eva in einem _unrichtigen_ Moment die Anrufung hätte

vornehmen können; dieser Moment der Gefahr -- der einzigen -- ist, Gott sei

Dank, vorüber. Sie ist gehört worden« -- Swammerdam lächelte freudig -- --

»erst vor wenigen Stunden! -- Vielleicht -- ich will mich nicht damit

brüsten, denn solche Vorgänge spielen sich bei mir in Augenblicken höchster

Entrückung ab, -- vielleicht war ich so glücklich, ihr bereits helfen zu

können;« -- er ging zur Tür und öffnete sie für seinen Gast, »aber jetzt

wollen wir das tun, was uns der nüchterne Verstand gebietet. Erst, wenn von

unserer Seite alles geschehen ist, was in irdischer Macht liegt, haben wir

ein Recht, die Hilfe geistiger Einflüsse zu erwarten. -- -- Gehen wir

hinunter in die Schenke, geben Sie den Matrosen Geld, damit sie nach dem

Fräulein suchen, und versprechen Sie dem, der sie findet und wohlbehalten

bringt, einen Preis und Sie werden sehen, daß sie das Leben für sie in die

Schanze schlagen, wenn es darauf ankommt. -- Diese Menschen sind in

Wirklichkeit weit besser als man glaubt; sie haben sich nur verirrt in die

Urwälder ihrer Seelen und gleichen in ihrem Zustand reißenden Tieren. In

jedem von ihnen steckt ein Stück Heroismus, der so manchen gesitteten

Bürgern fehlt; er offenbart sich bloß in ihnen als Wildheit, weil sie nicht

erkennen, was es für eine Kraft ist, die sie treibt. -- Sie fürchten den

Tod nicht und kein mutiger Mensch ist ein wahrhaft schlechter Mensch. Das

sicherste Zeichen, daß jemand die Unsterblichkeit in sich trägt, ist, daß

er den Tod verachtet.« -- --

Sie betraten die Spelunke.

Das Schenkzimmer war vollgepfropft von Menschen und in der Mitte auf dem

Boden lag mit zerschmettertem Schädel die Leiche des chilenischen Matrosen,

den der Zulu auf seiner Flucht mit dem Knie vor die Stirn getroffen hatte.

Es sei nur eine Rauferei gewesen, wie sie fast täglich am Hafen stattfände,

erklärte der Wirt ausweichend, als sich Swammerdam nach den näheren

Umständen erkundigte.

»Der verdammte Nigger, der gestern -- --« fiel die Kellnerin Antje ein,

aber sie kam nicht zu Ende: der Wirt versetzte ihr einen so heftigen Stoß

in die Rippen, daß sie die Worte verschluckte, und schrie dazwischen:

»Halt's Maul, Drecksau! Ein _schwarzer Heizer_ war's von einem

Brasilienfahrer, verstanden!«

Hauberrisser nahm einen der Strolche beiseite, drückte ihm ein Geldstück in

die Hand und begann, ihn auszuforschen.

Bald umstand ihn eine ganze Rotte wilder Gestalten, die einander in

gestenreichen Schilderungen überboten, wie sie den Neger zugerichtet haben

wollten; -- nur in einem Punkte waren sie vollständig einig, nämlich, daß

es ein _fremder Heizer_ gewesen sei. -- Die warnende Miene des Wirtes hielt

sie in Schach und sein lautes Räuspern ließ sie erraten, daß sie unter

keinen Umständen Näheres aussagen dürften, was auf die Spur des Zulus hätte

führen können. Sie wußten, daß der Wirt nicht den Finger gerührt haben

würde, wenn es ihnen eingefallen wäre, einen noch so wertvollen Stammgast

niederzustechen, -- sie wußten aber auch, daß es das heiligste Gesetz der

Hafenschenke war, sofort zum Feinde zu halten, wenn Gefahr von außen her

drohte.

Ungeduldig hörte Hauberrisser den Prahlereien zu, bis plötzlich ein Wort

fiel, das ihm alles Blut zum Herzen trieb: Antje erwähnte, der fremde Neger

habe eine vornehme, junge Dame überfallen.

Er mußte sich einen Augenblick an Swammerdam halten, um nicht

zusammenzubrechen, -- dann leerte er seine Börse in die Hand der Kellnerin

aus und forderte sie, unfähig einen Laut hervorzubringen, durch ein Zeichen

auf, ihm den Hergang des Begebnisses zu schildern.

Man hätte Schreie einer Frauenstimme gehört und sei hinausgelaufen, riefen

alle durcheinander; -- »ich hab sie auf dem Schoß gehalten, sie war

ohnmächtig,« gellte Antje dazwischen.

»Aber wo ist sie, wo ist sie?« schrie Hauberrisser auf.

Die Matrosen verstummten und sahen einander verblüfft an, als kämen sie

jetzt erst zur Besinnung.

Keiner wußte, wo Eva geblieben war.

»Ich hab sie auf dem Schoß gehalten,« beteuerte Antje immer wieder; man sah

ihr an, daß sie selbst nicht die leiseste Ahnung hatte, wohin Eva

verschwunden sein könnte.

Dann liefen sie alle hinaus, Hauberrisser und Swammerdam mitten unter

ihnen, durchsuchten die Gassen, brüllten den Namen Eva, beleuchteten jeden

Winkel im Kirchengarten.

»Dort hinauf ist er, der Nigger,« erklärte die Kellnerin und deutete auf

das grün glitzernde Dach, »und hier auf'm Pflaster hab ich sie liegen

lassen, wie ich ihm auch hab nachwollen, und dann haben wir den Toten ins

Haus gebracht und ich hab auf sie vergessen.«

Man weckte die Bewohner der umliegenden Häuser, ob Eva sich vielleicht in

eins von ihnen geflüchtet habe; -- Fenster rollten in die Höhe, Stimmen

riefen herab, was geschehen sei. -- Nirgends eine Spur der Vermißten.

Gebrochen an Leib und Seele versprach Hauberrisser jedem, der in seine Nähe

kam, alles, was er sich nur wünsche, wenn man ihm eine einzige Nachricht

über den Verbleib Eva's brächte.

Vergebens suchte ihn Swammerdam zu beruhigen; der Gedanke, Eva könne aus

Verzweiflung über das Geschehene -- vielleicht in Geistesverwirrung ihrer

nicht mehr mächtig -- Selbstmord begangen und sich ins Wasser gestürzt

haben, raubte ihm den letzten Rest klarer Besinnung.

Die Matrosen zerstreuten sich bis über die Prins Hendrik Kade die ganze

Nieuwe Vaart entlang, -- kehrten unverrichteter Dinge zurück.

Bald war das gesamte Hafenviertel auf den Beinen; Fischer, halbnackt noch,

fuhren mit Bootslichtern umher, suchten die Quaimauern ab und versprachen,

bei Tagesgrauen ihre Schleppnetze durch sämtliche Grachtmündungen zu

ziehen.

Jeden Augenblick fürchtete Hauberrisser von der Kellnerin, die ihm

unablässig in tausend Variationen erzählte, wie alles gekommen sei, zu

erfahren, daß der Neger Eva vergewaltigt habe. Die Frage versengte ihm die

Brust, und doch konnte er sich lange nicht entschließen, sie zu stellen.

Endlich überwand er sich und deutete stockend an, was er meinte.

Die Strolche, die ihn umstanden und mit gräßlichen Schwüren, sie würden den

Nigger, sobald sie ihn erwischten, lebendig in Streifen schneiden, zu

trösten versuchten, schwiegen sogleich -- vermieden mitleidig seinen Blick,

oder spuckten wortlos aus.

Antje schluchzte leise in sich hinein.

Sie war trotz eines Lebens in grauenhaftestem Schmutz immer noch Weib

genug, um zu begreifen, was ihm das Herz zerriß.

Nur Swammerdam war gelassen und ruhig geblieben.

Der Ausdruck unerschütterlicher Zuversicht in seinen Mienen und die

freundliche Geduld, mit der er immer wieder mild lächelnd den Kopf

schüttelte, wenn Mutmaßungen laut wurden, Eva könne sich ertränkt haben,

gaben Hauberrisser allmählich eine neue Hoffnung, und schließlich folgte er

seinem Rat und ging, von ihm begleitet, zögernd nach Hause.

»Legen Sie sich jetzt zur Ruhe,« redete ihm Swammerdam zu, als sie vor der

Wohnung angelangt waren, »und nehmen Sie Ihre Sorgen nicht mit in den

Schlaf hinüber. Wir können mehr tun mit unserer Seele, wenn der Körper sie

mit seinem Kummer nicht mehr stört, als die Menschen ahnen. -- Überlassen

Sie mir, was noch im Äußern zu geschehen hat; ich werde die Polizei

verständigen, damit sie nach Ihrer Braut sucht. -- Trotzdem ich mir nichts

davon verspreche, soll alles geschehen, was der nüchterne Verstand

gebietet.«

Er hatte bereits unterwegs Hauberrisser behutsam auf andere Gedanken zu

bringen getrachtet, und mit kurzen Worten war der junge Mann unter anderem

auf die Tagebuchrolle und die damit verknüpften Pläne eines neuen Studiums

zu sprechen gekommen, das jetzt wohl für lange Zeit, wenn nicht für immer,

unterbrochen sei.

Swammerdam griff auf das Thema zurück, als er in Hauberrissers Gesicht die

alte Verzweiflung wieder aufwachen sah. Er faßte seine Hand und ließ sie

lange nicht los. -- »Ich wünschte, ich könnte Ihnen von der Sicherheit

geben, die ich Fräulein Eva's wegen empfinde. Wenn Sie nur einen kleinen

Teil davon hätten, würden Sie selbst wissen, was das Schicksal von Ihnen

will, das Sie tun sollen, -- so aber kann ich Ihnen nur raten. Ob Sie

meinen Rat befolgen werden?«

»Verlassen Sie sich darauf,« versprach Hauberrisser unwillkürlich

erschüttert, denn Evas Worte in Hilversum fielen ihm ein, daß Swammerdam in

seinem lebendigen Glauben auch das Höchste zu finden imstande sei; --

»verlassen Sie sich darauf. Es geht von Ihnen eine Kraft aus, daß mir

bisweilen zumute wird, als schütze mich ein tausendjähriger Baum vor dem

Sturm. Jedes Wort, das Sie mir sagen, ist mir wie eine Hilfe.«

»Ich will Ihnen ein kleines Begebnis erzählen,« fing Swammerdam wieder an,

»das mir einst, so scheinbar unbedeutend es aussah, als Wegweiser im Leben

gedient hat. -- Ich war damals noch ziemlich jung und hatte eine bittere,

grausame Enttäuschung erlitten, so daß mir die Erde lange dunkel und wie

eine Hölle erschien. In dieser Stimmung und fast verbittert, daß das

Schicksal wie ein erbarmungsloser Henker mit mir verfuhr und, wie ich

glaubte, ohne Sinn und Zweck auf mich losschlug, begab es sich, daß ich

eines Tages Zeuge wurde, wie man ein Pferd abrichtete.

Man hatte es an einen langen Riemen befestigt und trieb es, ohne ihm nur

eine Sekunde Ruhe zu gönnen, im Kreise umher. -- So oft es an eine Hürde

kam, über die es springen sollte, brach es aus oder bockte. Hageldicht und

stundenlang sausten die Peitschenhiebe auf seinen Rücken nieder, aber immer

weigerte es sich zu springen. Dabei war der Mann, der es quälte, keineswegs

ein roher Mensch und litt selber sichtlich unter der grausamen Arbeit, die

er verrichten mußte. -- Er hatte ein gutes, freundliches Gesicht und sagte

mir, als ich ihm Vorstellungen machte: 'ich würde ja gern dem Gaul für

meinen ganzen Tagelohn Zucker kaufen, wenn er dann nur begriffe, was ich

von ihm will. Ich hab dergleichen oft genug versucht, aber es hilft nichts.

Es ist rein, als ob in so einem Tier der Teufel steckt, der ihm den

Verstand verblendet. Und dabei ist's doch so wenig, was es tun soll'. --

Ich sah die Todesangst in den wahnsinnigen Augen des Pferdes, wenn es an

die Hürde kam, jedesmal von neuem aufleuchten, und las in ihnen die Furcht:

'jetzt, jetzt wird die Peitsche auf mich niederfallen'. -- -- Ich zerbrach

mir den Kopf, ob es denn kein anderes Mittel gäbe, einen Weg der

Verständigung mit dem armen Tier anzubahnen. Und wie ich vergeblich

versuchte, ihm im Geiste und später in Worten zuzurufen, es solle springen,

dann sei sofort alles vorüber, -- und zu meinem Leide einsehen mußte, daß

doch nur der grimmige Schmerz es war, der als Lehrer schließlich zum Ziele

kam, da blitzte in mir die Erkenntnis auf, daß ich selber es auch nicht

anders machte als das Pferd: das Schicksal hieb auf mich ein, und ich wußte

nur, daß ich litt, -- ich haßte die unsichtbare Macht, die mich folterte,

aber, daß alles nur geschah, damit ich irgend etwas vollbringen sollte --

vielleicht eine geistige Hürde überspringen, die vor mir lag, -- das hatte

ich bis dahin nicht begriffen.

Jenes kleine Erlebnis wurde von nun an ein Markstein auf meinem Weg: ich

lernte die Unsichtbaren, die mich vorwärts peitschten, lieben, denn ich

fühlte, sie gäben mir auch lieber 'Zucker', wenn es auf diese Art ginge,

mich über die niedrige Stufe sterblichen Menschentums in einen neuen Stand

zu erheben. -- --

Das Beispiel, das ich bekommen habe, hinkt natürlich,« fuhr Swammerdam

humoristisch fort, »denn es ist ja die Frage, ob das Pferd dadurch, daß es

springen lernte, wirklich einen Fortschritt gemacht hat, und ob es nicht

besser gewesen wäre, es in seiner Wildheit zu belassen. Doch das brauche

ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen. -- Wichtig für mich war vor allem das

eine: ich hatte bis dahin in dem Wahne gelebt, was mir an Leid geschähe,

sei eine Strafe, und mich mit Grübeln zerquält, womit ich mir sie wohl

verdient haben könnte, -- dann mit einemmal kam für mich Sinn in die Härten

des Schicksals, und wenn ich auch sehr oft nicht zu ergründen vermochte,

was für eine Hürde ich überspringen sollte, so war ich doch von da an nach

bestem Willen ein gelehriges Pferd.

Ich erlebte damals in einer Sekunde an mir den Satz der Bibel von der

Vergebung der Sünden in der seltsam verborgenen Bedeutung, die ihm zugrunde

liegt: -- mit dem Begriff der Strafe fiel auch von selbst die Schuld weg

und aus dem Zerrbild eines rächenden Gottes wurde im veredelten, von Form

losgelösten Sinn eine wohltätige Kraft, die mich nur belehren wollte -- so,

wie der Mann das Pferd.

Oft, sehr oft habe ich Andern dieses unscheinbare Begebnis erzählt, aber es

fiel fast nie auf fruchtbaren Boden. -- Die Leute glaubten, wenn sie meinen

Rat anwandten, immer leicht erraten zu können, was der unsichtbare

'Dresseur' von ihnen verlangte, und hörten die Schläge des Schicksals dann

nicht sogleich auf, so gerieten sie wieder in ihr altes Geleise und

schleppen murrend oder -- 'ergeben', wenn sie zur Selbstbelügung der

sogenannten Demut ihre Zuflucht nahmen -- ihr Kreuz weiter. Ich sage: wer

schon so weit ist, daß er nur _zuweilen_ erraten kann, was die drüben, --

oder besser: 'Der große Innerliche' -- von ihm will, das er tue, der hat

schon mehr als die Hälfte der Arbeit hinter sich. Das Erraten_wollen_

bedeutet allein schon eine vollkommene Umwälzung der Lebensauffassung; das

Erraten_können_ ist bereits die Frucht dieser Saat. --

Es ist ein schweres Ding, dieses Erratenlernen, was wir tun sollen!

Im Anfang, wenn wir die ersten Versuche wagen, ist es wie ein

unvernünftiges Tappen, und wir begehen da zuweilen Handlungen, die denen

eines Verrückten gleichen und lange keinen Zusammenhang zu haben scheinen.

Erst nach und nach bildet sich aus dem Chaos ein Gesicht, aus dessen Mienen

wir den Willen des Schicksals lesen lernen können; im Beginn schneidet es

Grimassen.

Aber es ist mit allen großen Dingen so; -- jede neue Erfindung, jeder neue

Gedanke, der in die Welt hereinfällt, hat im Entstehen etwas Fratzenhaftes.

Das erste Modell einer Flugmaschine war auch lange Zeit eine

drachenähnliche Grimasse, bevor ein wirkliches Gesicht daraus wurde.«

»Sie wollten mir sagen, was Sie glauben, das ich tun solle,« bat

Hauberrisser fast schüchtern. Er erriet, daß der alte Mann nur deshalb so

weit abschweifte und vorbereitete, weil er fürchtete, sein Rat, dem er

offenbar den größten Wert beimaß, könne, wenn zu schnell vorgebracht, nicht

entsprechend gewürdigt werden und verloren gehen.

»Gewiß will ich das, Mynheer; ich mußte nur zuerst das Fundament legen,

damit es Ihnen weniger befremdlich vorkomme, wenn ich Ihnen etwas zu tun

empfehle, was wie ein Abbrechen und nicht wie ein Fortführen dessen, wozu

es Sie jetzt treibt, aussieht. -- Ich weiß, -- und es ist sehr begreiflich

und menschlich, -- daß Sie augenblicklich nur der Wunsch erfüllt, Eva zu

suchen; aber dennoch ist das, was Sie tun _sollen_: diejenige magische

Kraft zu suchen, die es für die Zukunft ausschließt, daß Ihrer Braut jemals

wieder ein Unheil zustoßen kann; sonst möchte es vielleicht geschehen, daß

Sie sie finden, um sie immer wieder zu verlieren. So, wie sich die Menschen

auf der Erde finden, um vom Tod auseinander gerissen zu werden.

Sie müssen sie finden, nicht wie man einen verlorenen Gegenstand findet,

sondern auf eine neue doppelte Art. -- Sie haben mir auf dem Weg hierher

selbst gesagt, Ihr Leben sei nach und nach wie ein Strom geworden, der sich

im Sande zu verlieren droht. Jeder Mensch kommt einmal zu diesem Punkt,

wenn auch nicht in einem einzigen Dasein. Ich kenne das. -- Es ist wie ein

Sterben, das nur das Innere betrifft und den Körper verschont. Aber gerade

dieser Moment ist der kostbarste und kann zum Sieg über den Tod führen. --

Der Geist der Erde fühlt gar wohl, daß ihm in diesem Augenblick die Gefahr

droht, vom Menschen überwunden zu werden, und deshalb stellt er uns gerade

da die tückischsten Fallen. -- Fragen Sie sich einmal selbst: was würde

geschehen, wenn Sie in diesem Moment Eva fänden? -- Wenn Sie Kraft genug

haben, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, müssen Sie sich sagen: der Strom

Ihres Lebens und des Lebens Ihrer Braut würde wohl ein Stück weiter rinnen,

dann aber im Sande des Alltags unrettbar versiegen. Erzählten Sie mir

nicht, daß Eva sich vor der Ehe fürchte? -- Gerade, weil das Schicksal sie

davor bewahren will, hat es Sie beide so rasch zusammengeführt und gleich

darauf wieder auseinander gerissen. -- Zu jeder andern Zeit als der

jetzigen, in der fast die gesamte Menschheit vor einer ungeheuern Leere

steht, könnte es vielleicht sein, daß das, was Ihnen geschehen ist, nur

eine Grimasse des Lebens wäre, -- _heute_ scheint es mir ausgeschlossen.

Ich kann nicht wissen, was in der Rolle steht, die Ihnen auf so seltsame

Weise zugekommen ist, -- trotzdem rate ich Ihnen heiß und dringend, lassen

Sie alles _Äußere_ seiner Wege treiben und suchen Sie in den Lehren, die

jener Unbekannte niedergelegt hat, das, was Ihnen nottut. Alles übrige wird

sich von selber einstellen. -- Auch wenn es wider Erwarten nur eine

irreführende Fratze wäre, die Ihnen daraus entgegen grinst, und wenn diese

Lehren an sich noch falsch sein sollten, so würden Sie dennoch das für Sie

Richtige in ihnen finden.

Wer richtig sucht, der kann nicht angelogen werden. Es gibt keine Lüge, in

der nicht die Wahrheit stäke: es muß nur der Punkt der richtige sein, auf

dem der Suchende steht,« -- Swammerdam drückte Hauberrisser rasch die Hand

zum Abschied -- »und eben heute stehen Sie auf dem richtigen Punkte: Sie

können ohne Gefahr nach den furchtbaren Kräften greifen, die sonst

unrettbar den Wahnsinn bringen, -- denn Sie tun es jetzt um der Liebe

willen.«

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 21 / 38 题