Drittes Kapitel

Von einer wilden innern Aufregung ergriffen, über deren Ursache er sich

keinerlei Rechenschaft zu geben vermochte, eilte Hauberrisser durch die

Straßen.

Als er an dem Zirkus vorüberkam, in dem die Zulutruppe Usibepu's auftrat --

Zitter Arpád konnte nur sie gemeint haben -- überlegte er einen Augenblick,

ob er sich die Vorstellung ansehen solle, ließ aber gleich darauf seinen

Entschluß wieder fallen. Was kümmerte es ihn, ob ein Neger zaubern konnte;

Neugierde nach Ungewöhnlichem war es nicht, das ihn umhertrieb und ruhelos

machte. Etwas Unwägbares, Gestaltloses, das in der Luft lag, peitschte

seine Nerven auf, -- derselbe rätselhafte Gifthauch, der ihn zuweilen, noch

ehe er nach Holland gereist war, so heftig gewürgt hatte, daß er in solchen

Fällen unwillkürlich mit Selbstmordideen spielte.

Er überlegte, woher es diesmal wieder gekommen sein mochte. Ob es von den

jüdischen Auswanderern, die er gesehen hatte, wie eine Ansteckung auf ihn

übergegangen war?

»Es muß der gleiche unbegreifliche Einfluß sein, der diese religiösen

Fanatiker über die Erde jagt und mich aus meiner Heimat vertrieben hat,«

fühlte er; »bloß unsere Motive sind verschieden.«

Schon lange vor dem Kriege hatte er diesen unheimlichen seelischen Druck an

sich erfahren, nur war es damals noch möglich gewesen, ihn durch Arbeit

oder Vergnügen zeitweilig zu unterdrücken; er hatte ihn als Reisefieber,

als nervöse Launenhaftigkeit, als Begleiterscheinung falscher Lebensführung

gedeutet, dann später, als die Blutfahne über Europa zu flattern begann:

als Vorahnung der Ereignisse. Aber warum steigerte sich jetzt nach dem

Kriege dieses Gefühl noch von Tag zu Tag fast bis zur Verzweiflung? Und

nicht nur bei ihm -- fast jeder, mit dem er darüber gesprochen hatte, wußte

von sich selbst Ähnliches zu berichten.

Sie alle, wie er, hatten sich damit getröstet, wenn der Krieg beendet sei,

werde der Frieden auch in den Herzen der Einzelnen wiederkehren. Statt

dessen war genau das Gegenteil eingetreten.

Die banale Weisheit der gewissen Hohlköpfe, die gewohnheitsgemäß bei allem

und jedem die billigste Erklärung zur Hand haben und die Fieberschauer der

Menschheit auf gestörte Behaglichkeit zurückführten, -- konnte sie das

Rätsel lösen? Die Ursache lag tiefer.

Gespenster, riesenhafte, formlos und nur erkennbar an den entsetzlichen

Verheerungen, die sie angerichtet, bei den heimlichen Sitzungen

kaltherziger, ehrgeiziger Greise um den grünen Tisch herum entstandene

Gespenster hatten sich Millionen von Opfern geholt und sich dann scheinbar

wieder für einige Zeit schlafen gelegt; aber jetzt erhob das grauenhafteste

aller Phantome, längst schon zu lauerndem Leben erweckt durch den

Fäulnishauch einer verwesenden Scheinkultur, sein Medusenhaupt vollends aus

dem Abgrund und höhnte der Menschheit ins Gesicht, daß es nur ein Rad der

Qual gewesen war, das sie im Kreise getrieben hatte im Wahn, dadurch für

kommende Geschlechter die Freiheit zu gewinnen, -- und weiter treiben würde

trotz Wissen und Erkenntnis für alle Zeiten.

In den letzten Wochen war es Hauberrisser scheinbar gelungen, sich über

seinen Lebensüberdruß hinwegzutäuschen; er hatte sich die sonderbare Idee

zurechtgelegt, mitten in einer Stadt, die sozusagen über Nacht infolge der

Zeitläufte aus einem Weltmarkt mit gezügelter Leidenschaft zu einem

internationalen Tummelplatz hirnverwirrender, wilder Instinkte geworden

war, als Einsiedler, als innerlich Unbeteiligter, zu leben, und hatte

seinen Plan auch bis zu einem gewissen Grade durchgeführt, doch jetzt brach

die alte Müdigkeit, durch irgendeinen winzigen Anlaß wieder erweckt,

abermals hervor, stärker als je, verzehnfacht durch den Anblick der plan-

und sinnlos um ihn her durchs Dasein taumelnden Menge.

Als sei er bisher blind gewesen, erschreckte ihn plötzlich auf's tiefste

der Ausdruck in den Gesichtern, die ihn umwimmelten.

Das waren nicht mehr die Mienen von Menschen, die, vergnügungssüchtig oder,

um die Sorgen des Tages zu verschütten, zu einer Schaustellung eilten, wie

sie von früher her in seiner Erinnerung lebten! Die beginnenden Anzeichen

eines unheilbaren Entwurzeltseins sprachen aus ihnen.

Der bloße Kampf ums Dasein gräbt andere Furchen und Linien in die Haut.

Er mußte an Kupferstiche denken, die die Pestorgien und Tänze des

Mittelalters darstellten, und dann wieder an Vogelschwärme, die, das Kommen

eines Erdbebens spürend, lautlos und in dumpfer Angst über der Erde

kreisen. -- --

Wagen um Wagen raste zum Zirkus, und mit einer nervösen Hast, als ginge es

um Leben und Tod, eilten die Leute hinein: Damen, brillantenübersät, mit

fein geschnittenen Gesichtern, zu Kokotten gewordene französische

Baronessen, vornehme, schlanke Engländerinnen, noch vor kurzem zur besten

Gesellschaft gehörig, jetzt zu zweit am Arme irgendeines über Nacht reich

gewordenen Börsenhalunken mit Rattenaugen und Hyänenschnauze, -- russische

Fürstinnen, jede Fiber an ihnen zuckend vor Übernächtigkeit und

Überreiztheit; nirgends mehr auch nur eine Spur ehemaliger aristokratischer

Gelassenheit -- alles hinweggespült von den Wellen einer geistigen

Sintflut.

Wie das Vorzeichen einer kommenden furchtbaren Zeit erscholl im Innern des

Hauses in Intervallen, bald schreckhaft nahe und laut, dann wieder

plötzlich erstickt von zufallenden dicken Vorhängen, das langgezogene

heisere Gebrüll von wilden Bestien, und ein beißender Geruch nach

Raubtieratem, Parfüm, rohem Fleisch und Pferdeschweiß wehte auf die Straße

heraus.

Durch den Ideenkontrast wachgerufen, schob sich ein Bild aus der Erinnerung

vor Hauberrissers Blick: ein Bär hinter den Käfigstäben einer wandernden

Menagerie, der, die linke Tatze gefesselt, eine Verkörperung grenzenloser

Verzweiflung, von einem Bein auf's andere trat -- unablässig, tagelang,

monatelang, noch Jahre später, als er ihm wieder auf einem Schaubudenmarkte

begegnete.

»Warum hast du ihn damals nicht losgekauft!« schrie ein Gedanke

Hauberrisser ins Hirn hinein, -- ein Gedanke, den er wohl hundertmal schon

verjagt hatte, der aber immer wieder aus dem Hinterhalte auf ihn lossprang,

immer mit demselben brennenden Gewand des Vorwurfs angetan, wenn seine

Stunde kam, -- ewig jung und unversöhnlich wie am ersten Tage, als er

entstanden war, -- ein Zwerg, scheinbar nichtig und klein gegenüber den

riesengroßen Versäumnissen, die im Leben eines Menschen einander die Hand

reichen, und dennoch von allen Gedanken der einzige, über den die Zeit

keine Macht besaß.

»Die Schatten der Myriaden gemordeter und gefolterter Tiere haben uns

verflucht und ihr Blut brüllt nach Rache«, ballte sich eine wirre

Vorstellung in Hauberrissers Gehirn einen Pulsschlag lang zusammen; »wehe

uns Menschen, wenn beim jüngsten Gericht die Seele auch nur eines einzigen

Pferdes im Rate der Ankläger sitzt. -- Warum habe ich ihn damals nicht

losgekauft!« -- -- Wie oft hatte er sich schon die bittersten Vorwürfe

deshalb gemacht und sie jedesmal mit dem Argument erstickt, daß die

Befreiung des Bären belangloser gewesen wäre als das Umdrehen eines

Sandkorns in der Wüste. Aber -- er überflog im Geiste sein Leben -- hatte

er jemals irgend etwas vollbracht, das belangreicher gewesen wäre? Er hatte

studiert und die Sonne versäumt, um Maschinen zu bauen, hatte Maschinen

gebaut, die längst verrostet waren, und darüber versäumt, andern zu helfen,

daß sie sich hätten der Sonne erfreuen können, -- hatte nur sein Teil

beigetragen zur großen Zwecklosigkeit.

Er erkämpfte sich mühsam einen Weg durch die andrängende Menge zu einem

freien Platz, rief eine Droschke an und ließ sich hinaus vor die Stadt

fahren.

Ein Heißhunger nach versäumten Sommertagen hatte ihn mit einemmal

überfallen. -- --

Die Räder rumpelten mit quälender Langsamkeit über das Pflaster, und die

Sonne war doch schon im Untergehen begriffen; vor Ungeduld, ins Freie zu

kommen, wurde er nur noch gereizter.

Als er endlich das fette Grün des Landes, bis in die unendlich scheinende

Ferne von einem Gitter aus braunen regelmäßigen Wasserstraßen zerschnitten,

vor sich sah, mitten in den Inseln abertausende gefleckter Rinder, die alle

eine Matratze auf dem Rücken trugen als Schutz gegen die abendliche Kühle,

und dazwischen die holländischen Bäuerinnen mit den weißen Hauben, den

messingnen Krulletjes an den Schläfen und den saubern Melkeimern, -- wie

das Bild auf einer großen blaßblauen Seifenblase stand es vor ihm, in der

die Windmühlen mit ihren Flügeln als die ersten schwarzen Kreuzeszeichen

einer kommenden ewigen Nacht erschienen.

Es war ihm wie das Traumgesicht eines Landes, in das er den Fuß nicht mehr

setzen dürfe, wie er so an schmalen Wegen die Weideplätze entlang fuhr,

immer durch einen, von den letzten Sonnenstrahlen roten Flußstreifen von

ihnen getrennt.

Der Geruch nach Wasser und Wiesen, der zu ihm herüber zog, löste seine

Unruhe nur in ein Gefühl der Schwermut und Verlassenheit auf.

Dann, als das Gras dunkel wurde und aus der Erde ein silbriger Nebel stieg,

bis die Herden in Rauch zu stehen schienen, kam es ihm vor, als wäre sein

Kopf ein Kerker, und er selbst säße darin und blickte durch seine Augen

hindurch wie durch langsam erblindende Fenster in eine Welt der Freiheit

hinein, die für immer Abschied nimmt.

* * * * *

Die Stadt lag in tiefer Dämmerung, und das hallende Dröhnen von den

zahllosen seltsam geformten Türmen und ihre Glockenspiele zitterten durch

den Dunst, als die ersten Häuserreihen ihn aufnahmen.

Er entließ den Wagen und ging der Richtung zu, in der seine Wohnung lag,

durch winklige Gassen, Grachten entlang, in denen regungslos schwarze

plumpe Kähne schwammen, eingetaucht in eine Flut fauler Äpfel und

verwesenden Unrats, unter Giebeln mit eisernen Hebearmen hinweg, die aus

vornübergeneigten Mauern sich im Wasser spiegelten.

An den Türen saßen gruppenweise auf Stühlen, die sie aus ihren Stuben

geholt hatten, Männer in blauen weiten Hosen und roten Kitteln, Weiber

flickten schwätzend an Netzen, und Scharen von Kindern spielten auf der

Straße.

Rasch schritt er hindurch an den offenen Hausfluren vorbei, die ihn

anhauchten mit ihrem Atem von Fischgeruch, Arbeitsschweiß und ärmlichem

Alltag, über Plätze hin, wo an den Ecken die Waffelbäcker ihre Stände

aufgeschlagen hatten und ein Brodem von brenzlichem Schmalzdampf bis in die

schmalen Gassen zog.

Die ganze Trostlosigkeit der holländischen Hafenstadt mit dem sauber

gewaschenen Pflaster und den unsagbar schmutzigen Kanälen, den wortkargen

Menschen, dem fahlweißen Netzwerk der Schiebefenster an den engbrüstigen

Häuserfassaden, den engen Käse- und Heringsläden mit ihren schwelenden

Petroleumlichtern und den giebligen rotschwärzlichen Dächern, legte sich

ihm auf die Brust.

Einen Augenblick sehnte er sich fast aus diesem Amsterdam mit seiner

finsteren Abkehr von Heiterkeit zurück in die lichteren Städte, die er von

früher kannte und in denen er gelebt hatte. Das Dasein in ihnen schien ihm

mit einemmal wieder begehrenswert, -- wie alles, was in der Vergangenheit

liegt, schöner und besser erscheint als die Gegenwart, -- doch die letzten,

häßlichen Erinnerungen, die er von ihnen mitgebracht hatte, die Eindrücke

äußern und innern Verfalls und des unaufhaltsamen Hinwelkens erstickten

sofort das leise erwachende Heimweh.

Um seinen Weg abzukürzen, passierte er eine eiserne Brücke, die über eine

Gracht in die feinen Stadtviertel führte, und durchquerte eine in Licht

getauchte, dicht belebte Straße mit prunkvollen Schaufenstern, um ein paar

Schritte später, als habe die Stadt blitzschnell ihr Antlitz verändert,

wieder in einer stockfinstern Gasse zu stehen: Die alte Amsterdamer »Neß«,

die berüchtigte Dirnen- und Zuhälterstraße, vor Jahren niedergerissen, war

hier wie eine scheußliche Krankheit, die plötzlich von neuem hervorbricht,

in einem andern Stadtteil wieder auferstanden mit einem ähnlichen, nicht

mehr so wilden und rohen, aber weit furchtbareren Gesicht.

Was Paris, London, die Städte Belgiens und Rußlands an Existenzen

ausspieen, die, auf kopfloser Flucht vor den losbrechenden Revolutionen

ihre Heimat mit dem erstbesten Zug verlassen hatten, traf hier in diesen

»vornehmen« Lokalen zusammen.

Portiers mit langen blauen Röcken, Dreispitze auf dem Kopf und Stäbe mit

Messingknäufen in der Hand, rissen stumm wie Automaten die gepolsterten

Eingangstüren auf und schlugen sie wieder zu, als Hauberrisser

vorüberschritt, sodaß jedesmal ein greller, blendender Schein auf die Gasse

fiel und eine Sekunde lang wie aus einer unterirdischen Kehle heraus ein

wüster Schrei von Negermusik, Cymbalbrausen, oder wahnwitzig aufheulenden

Zigeunergeigen die Luft zerriß.

Oben, in den ersten und zweiten Stockwerken einzelner Häuser, herrschte

eine andere Art Leben -- ein lautloses, flüsterndes, katzenhaft lauerndes

hinter roten Gardinen. Kurzes, schnelles Fingertrommeln an den Scheiben, da

und dort gedämpfte Rufe, hastig abgerissen, in allen Sprachen der Welt und

dennoch nicht mißzuverstehen, -- ein Oberleib in weißer Nachtjacke, der

Kopf unsichtbar in der Finsternis, wie abgehauen von einem Rumpf mit

winkenden Armen, -- dann wieder: offene, pechschwarze Fenster, leichenhaft

still, als wohne in den Zimmern dahinter der Tod.

Das Eckhaus, das die lange Gasse abschloß, schien verhältnismäßig harmlosen

Charakters zu sein; -- ein Gemisch aus Tingeltangel und Restaurant, nach

den Zetteln zu schließen, die an den Mauern klebten.

Hauberrisser trat ein.

Ein menschenüberfüllter Saal mit runden, gelbgedeckten Tischen, an denen

gegessen und getrunken wurde.

Im Hintergrund ein erhöhtes Podium mit einem Halbkreis von etwa zwölf

Chansonetten und Komikern, die auf Stühlen saßen und warteten, bis ihre

Nummer daran kam.

Ein alter Mann mit kugelförmigem Bauch, aufgeklebten Glotzaugen, weißem

Kehlbart, die unglaublich dünnen Beine in grünen Froschtrikots mit

Schwimmhäuten, saß zehenwippend neben einer französischen Coupletsängerin

im Incroyablekostüm und unterhielt sich flüsternd mit ihr über anscheinend

sehr wichtige Dinge, während das Publikum verständnislos den in deutscher

Sprache gehaltenen Vortrag eines als polnischer Jude verkleideten

Charakterdarstellers in Kaftan und hohen Stiefeln über sich ergehen ließ,

der, eine kleine Glasspritze, wie sie in Bandagistenläden feil sind -- für

Ohrenleidende -- in der Hand hielt und dazu, nach jeder Strophe einen

grotesken »Deigestanz« einschaltend, durch die Nase sang:

»Jach ordiniier

vün draj bis vier

und wohn' im zweinten Stock;

als Spezialist

berihmt sehr ist

der Doktor Feiglstock.«

* * * * *

Hauberrisser sah sich nach einem noch freien Platz um; überall war die

Menge -- anscheinend zumeist Einheimische bürgerlichen Mittelstandes, --

dicht gedrängt; nur an einem Tisch in der Mitte lehnten auffallenderweise

noch ein paar leere Stühle. Drei wohlbeleibte, gereifte Frauen und eine

alte, strengblickende mit Adlernase und Hornbrille saßen, emsig Strümpfe

strickend, um eine mit buntwollener Gockelhaube bedeckte Kaffeekanne herum

wie in einer Insel häuslichen Friedens.

Ein freundliches Nicken der vier Damen gestattete ihm, sich zu setzen.

Im ersten Augenblick hatte er geglaubt, es sei eine Mutter mit ihren

verwitweten Töchtern, aber, wie er jetzt sah, konnten sie kaum verwandt

sein. Dem Typus nach waren die drei jüngern, wenn auch einander gänzlich

unähnlich -- alle blond, fett, etwa fünfundvierzig Jahre alt und von

kuhartiger Behäbigkeit -- Holländerinnen, während die weißhaarige Matrone

offenbar aus dem Süden stammte.

Schmunzelnd brachte ihm der Kellner das Beefsteak; ringsum die Leute an den

Tischen grinsten, sahen herüber, tauschten halblaute Bemerkungen, was hatte

das alles zu bedeuten? Hauberrisser konnte nicht klug daraus werden; er

musterte heimlich die vier Frauen, nein, unmöglich, -- sie waren die

Spießbürgerlichkeit selbst.

Schon das gesetzte Alter verbürgte ihre Ehrbarkeit.

Oben auf dem Podium hatte soeben ein sehniger Rotbart mit

sternenbannergeschmücktem Zylinderhut, enganliegenden, blauweißgestreiften

Hosen, an der grüngelb karrierten Weste eine Weckeruhr und in der Tasche

eine erwürgte Ente -- seinem Kollegen, dem greisen Frosch, unter den

gellenden Klängen des Yankeedoodle den Schädel gespalten, und ein

Rotterdamer Lumpensammlerehepaar sang »met pianobegeleiding« das alte

schwermütige Lied von der gestorbenen »Zandstraat«:

»Zeg Rooie, wat zal jij verschrikken

Als jij's thuis gevaren ben:

Dan zal je zien en ondervinden

Dat jij de Polder nie meer ken.

De heele keet wordt afgebroken,

De heeren krijgen nou d'r zin.

De meides motten uit d'r zaakies

De burgemeester trekt er in.«

Ergriffen, als handle es sich um einen protestantischen Choral, -- die

Augen der drei fetten Holländerinnen glänzten tränenfeucht, -- brummte das

Publikum mit:

»Ze gaan de Zandstraat netjes maken

't Wordt 'n kermenadebuurt

De huisies en de stille knippies

Die zijn al an de Raad verhuurt.

Bij Nielsen ken je nie meer dansen

Bij Charley zijn geen meisies meer.

En moeke Bet draag al'n hoedje

Die wordt nu zuster in den Heer.«

* * * * *

Grell, wie die Arabesken in einem Kaleidoskop, lösten die Nummern des

Programms einander ab, ohne Pause, kunterbunt zusammengestellt:

pudellockige englische Babygirls von schreckenerregender Unschuld, Apachen

mit rotwollenen Shawls, eine syrische Bauchtänzerin, gefüllt mit wild

wogenden Eingeweiden, Glockenimitatoren und bayrische melodisch rülpsende

Schnadahüpfler.

Eine fast narkotische Nervenberuhigung ging von diesem Mischmasch von

Sinnlosigkeiten aus, als hafte ihnen etwas an von der seltsamen

Zauberkraft, die einem kindischen Spielzeug innewohnt und oft ein besseres

Heilmittel ist für ein vom Leben zermürbtes Herz, als das erhabenste

Kunstwerk.

Hauberrisser verging die Zeit, er merkte es kaum, und als eine

Schlußapotheose die Vorstellung krönte und die Artistentruppe mit

entfalteten Bannern aller Völker der Erde -- vermutlich ein Symbol für den

glücklich wiederhergestellten Weltfrieden -- abzog, voran ein

kakewalktanzender Neger mit dem üblichen:

Oh Susy Anna

Oh don't cry for me

I'm goin' to Loosiana

My true love for to see -- -- --

konnte er sich nicht genug wundern, daß er das Verschwinden der zahlreichen

Zuschauer nicht gemerkt hatte; der Saal war beinahe leer.

Auch seine vier Tischnachbarinnen hatten sich lautlos empfohlen.

Statt dessen lag als zartes Angebinde auf seinem Weinglas: eine rosa

Visitenkarte mit zwei schnäbelnden Tauben und der Aufschrift

MADAME GITEL SCHLAMP

die ganze Nacht geöffnet

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 7 / 38 题