=Vexiersaloon=
van
Chidher Grün
las der vornehm gekleidete Fremde, der auf dem Fußsteig der Jodenbreestraat
unschlüssig stehen geblieben war, auf der schwarzen Ladentafel eines schräg
gegenüberliegenden Gebäudes eine kuriose Inschrift aus weißen, auffallend
verschnörkelten Buchstaben.
Neugierig geworden, oder um der Menge nicht länger als Zielscheibe zu
dienen, die ihn in holländisch bärenhafter Plumpheit umdrängte und ihre
Glossen über seinen Gehrock, seinen blanken Zylinder und seine Handschuhe
machte, -- lauter Dinge, die in diesem Stadtteil Amsterdams zu den
Seltenheiten gehörten, -- überquerte er zwischen hundebespannten
Gemüsekarren hindurch den Fahrdamm, gefolgt von ein paar Gassenbuben, die,
die Hände tief in die unförmlich weiten, blauen Leinwandhosen vergraben,
mit krummem Rücken, eingezogenem Bauch und gesenktem Hintern, dünne
Gipspfeifen durch die roten Halstücherknoten gesteckt, sich in schlurrenden
Holzschuhen faul und schweigsam hinter ihm dreinschoben.
Das Haus, in dem der Laden des Chidher Grün in einen gürtelartig rings
herumlaufenden, rechts und links bis in zwei parallele Quergäßchen sich
hineinziehenden schmalen Glasvorbau mündete, schien, nach den trüben
leblosen Fensterscheiben zu schließen, ein Warenspeicher zu sein, dessen
Rückseite vermutlich in eine sogenannte Gracht abfiel -- eine der
zahlreichen, für den Handelsverkehr bestimmten Wasserstraßen.
In niedriger Würfelform aufgeführt, glich es dem oberen Teil eines dunkeln
viereckigen Turmes, der im Lauf der Jahre allmählich bis zum Rande seiner
steinernen Halskrause -- des jetzigen Glasvorbaues -- in der weichen
Torferde versunken war.
Mitten im Schaufenster des Ladens lag auf einem mit rotem Tuch bespannten
Sockel ein dunkelgelber Totenkopf aus Papiermaché von unnatürlichem
Aussehen, -- der Oberkiefer unter der Nasenöffnung viel zu lang und die
Augenhöhlen und Schatten um die Schläfen schwarz getuscht, -- und hielt
zwischen den Zähnen ein Pique-As.
»Het Delpsche Orakel, of de stemm uit het Geesteryk«, stand darüber
geschrieben.
Große Messingringe, ineinandergreifend wie Kettenglieder, hingen von der
Decke herab und trugen Girlanden grellbemalter Ansichtskarten, die
warzenübersäte Gesichter von Schwiegermüttern mit Vorhängeschlössern an den
Lippen darstellten oder bösartige, mit Besen drohende Ehegattinnen; andere
Bildchen dazwischen in transparenten Farben: üppige junge Damen im Hemde,
den Brustlatz schamhaft festhaltend, und darunter die Erklärung: »Tegen het
licht te bekijken. Voor Gourmands.«
Verbrecherhandschellen, als die »berühmte Hamburger Acht« bezeichnet,
daneben ägyptische Traumbücher in Reihen ausgebreitet, künstliche Wanzen
und Schwaben (ins Bierglas des Wirtshausnachbars zu werfen), bewegliche
Nasenflügel aus Gummi, retortenförmige Glasflaschen mit rötlichem Saft
gefüllt: »das köstliche Liebesthermometer oder der unwiderstehliche Schäker
in Damengesellschaft«, Würfelbecher, Schüsseln mit Blechgeld, »der
Coupéschrecken« (ein unfehlbares Mittel für die p. p. Herren
Handlungsreisenden, während der Eisenbahnfahrt dauernde Bekanntschaften
anzuknüpfen), bestehend aus einem Wolfsgebiß, das man unter dem Schnurrbart
befestigen konnte, -- und über all der Pracht reckte sich aus
stumpfschwarzem Hintergrund segnend eine Wachsdamenhand, um das Gelenk eine
papierne Spitzenmanschette.
Weniger aus Kauflust, als um der Fischgeruchaura seiner beiden jugendlichen
Begleiter zu entrinnen, betrat der Fremde den Laden.
In einem Lehnstuhl in der Ecke, den linken Fuß mit dem arabeskenverzierten
Lackschuh über den Schenkel gelegt, studierte ein dunkelhäutiger Kavalier,
violett rasiert und mit fettglänzendem Scheitel -- der Typus eines
Balkangesichtes -- die Zeitung und blitzte einen messerscharfen, musternden
Blick nach ihm, während gleichzeitig eine Art Waggonfenster in dem
mannshohen Verschlag, der den Raum für die Kunden von dem Innern des
Geschäftes trennte, prasselnd herabgelassen wurde und in der Öffnung die
Büste eines dekolletierten Fräuleins mit hellblauen verführerischen Augen
und blonder Pagenfrisur erschien.
Im Handumdrehen hatte sie an der Aussprache und dem stockenden Holländisch:
»Kaufen, gleichgültig was, irgend etwas«, erkannt, daß sie einen Landsmann,
einen Österreicher, vor sich habe, und begann ihre Erklärung eines
Zauberkunststückes an drei rasch ergriffenen Korkpfropfen in deutscher
Sprache, wobei sie den ganzen Charme wohlgeübter Weiblichkeit in allen
Schattierungen spielen ließ, vom Stechen mit den Brüsten nach dem
männlichen Gegenüber angefangen, bis zum fast telepathisch-diskreten
Hautduftausstrahlen, das sie durch gelegentliches Achsellüften noch
wirksamer zu gestalten verstand.
»Sie sehen hier drei Stöpsel, mein Herr, nicht wahr? Ich lege den ersten in
meine rechte Hand; hierauf den zweiten, und schließe die Hand. So. Den
dritten stecke ich« -- sie lächelte errötend -- »in die Tasche. Wieviel
habe ich in der Hand?«
»Zwei.«
»Nein, drei.«
Es stimmte.
»Dieses Kunststück heißt: die fliegenden Korke und kostet nur zwei Gulden,
mein Herr.«
»Schön; bitte, zeigen Sie mir den Trick!«
»Wenn ich vorher um das Geld bitten darf, mein Herr? Es ist
Geschäftsusance.«
Der Fremde legte zwei Gulden hin, bekam eine Wiederholung des Experimentes
zu sehen, das lediglich auf Fingerfertigkeit beruhte, mehrere neuerliche
Wellen weiblichen Hautgeruches und schließlich vier Korkstöpsel, die er
voll Bewunderung für die kaufmännische Umsicht der Firma Chidher Grün und
mit der festen Überzeugung, das Zauberkunststück niemals nachmachen zu
können, einsteckte.
»Sie sehen hier drei eiserne Gardinenringe, mein Herr,« begann die junge
Dame abermals, »ich lege den ersten -- --« da wurde ihr Vortrag durch
lautes Johlen, gemischt mit schrillen Pfiffen, von der Gasse her
unterbrochen und gleichzeitig die Ladentür heftig aufgerissen und klirrend
wieder ins Schloß geworfen.
Erschreckt drehte sich der Fremde um und erblickte eine Gestalt, deren
wundersamer Aufzug sein höchstes Erstaunen erweckte.
Es war ein riesenhafter Zulukaffer mit schwarzem, krausem Bart und
wulstigen Lippen, nur mit einem karrierten Regenmantel bekleidet, einen
roten Ring um den Hals und das von Hammeltalg triefende Haar kunstvoll in
die Höhe gebürstet, so daß es aussah, als trüge er eine Schüssel aus
Ebenholz auf dem Kopfe.
In der Hand hielt er einen Speer.
Sofort sprang das Balkangesicht aus dem Lehnstuhl, machte dem Wilden eine
tiefe Verbeugung, nahm ihm dienstbeflissen die Lanze ab, stellte sie in
einen Regenschirmständer, und nötigte ihn, mit verbindlicher Handbewegung
einen Vorhang zur Seite ziehend, unter höflichem: »als 't u belieft,
Mijnheer; hoe gaat het, Mijnheer?«, in ein Nebengemach einzutreten.
»Bitt' schön, vielleicht auch weiter zu kommen«, wendete sich die junge
Dame wieder an den Fremden und öffnete ihren Verschlag, »und ein wenig
Platz zu nehmen, bis sich die Menge beruhigt hat«; dann eilte sie zur
Glastür, die abermals aufgeklinkt worden war, stieß einen vierschrötigen
Kerl, der breitbeinig auf der Schwelle stand und im Bogen hereinspuckte,
mit einer Flut von Verwünschungen: »stik, verrek, god verdomme, fall dood,
stek de moord« zurück und schob den Riegel vor.
Das Innere des Ladens, das der Fremde inzwischen betreten hatte, bestand
aus einem durch Schränke und türkische Portièren abgeteilten Raum mit
mehreren Sesseln und Taburetts in den Ecken, sowie einem runden Tisch in
der Mitte, an dem zwei behäbige alte Herren, anscheinend Hamburger oder
holländische Kaufleute, mit gespanntester Aufmerksamkeit beim Lichte einer
elektrisch montierten Moschee-Ampel in Guckkästen -- kleine
kinematographische Apparate, wie das Surren verriet -- stierten.
Durch einen dunkeln, aus Warenstellagen gebildeten Gang konnte man in ein
kleines Bureau mit auf die Seitengasse mündenden Milchglasfenstern
hineinblicken, in dem ein prophetenhaft aussehender alter Jude im Kaftan,
mit langem weißem Bart und Schläfenlocken, ein rundes seidenes Käppi auf
dem Haupte und das Gesicht im Schatten unsichtbar, regungslos vor einem
Pulte stand und Eintragungen in ein Hauptbuch machte.
»Sagen Sie, Fräulein, was war das vorhin für ein merkwürdiger Neger?«
fragte der Fremde, als die Verkäuferin wieder zu ihm trat und die
Vorstellung mit den drei Gardinenringen fortsetzen wollte.
»Der? Oh, das ist ein gewisser Mister Usibepu. Er ist eine Attraktion und
gehört zu der Zulutruppe, die im Zirkus Carré auftritt. -- Ein sehr ein
fescher Herr,« setzte sie mit leuchtenden Augen hinzu. »Er ist in seiner
Heimat medicinae doctor -- -- --«
»Ja, ja, Medizinmann, -- ich verstehe.«
»Ja, Medizinmann. Und da lernt er bei uns bessere Sachen, um, wenn er
wieder heimkommt, seinen Landsleuten gehörig imponieren zu können und sich
gelegentlich auf den Thron zu schwingen. -- Der Herr Professor des
Pneumatismus, Herr Zitter Arpád aus Preßburg, unterrichtet ihn grad,« --
sie hielt mit den Fingern einen Schlitz im Vorhang auseinander und ließ den
Fremden in ein mit Whistkarten austapeziertes Kabinett schauen.
Zwei Dolche kreuzweis durch die Gurgel gestochen, so daß die Spitzen hinten
herausragten, und ein blutbeflecktes Beil tief in einer klaffenden
Schädelwunde stecken, verschluckte das Balkangesicht soeben ein Hühnerei
und zog es dem Zulukaffern, der abgelegt hatte und sprachlos vor Staunen,
nur mit einem Leopardenfell bekleidet, vor ihm stand, aus dem Ohr wieder
heraus.
Gern hätte der Fremde noch mehr gesehen, aber die junge Dame ließ rasch die
Portière fallen, da ihr der Herr Professor einen verweisenden Blick zuwarf
und ein schrilles Klingeln sie überdies ans Telephon rief.
»Seltsam bunt wird das Leben, wenn man sich Mühe gibt, es in der Nähe zu
betrachten, und den sogenannten wichtigen Dingen den Rücken kehrt, die
einem nur Leid und Verdruß bringen,« dachte der Fremde, nahm von einem
Bord, auf dem allerhand billiges Spielzeug lag, eine kleine offene
Schachtel herunter und roch zerstreut daran.
Sie war angefüllt mit winzigen, geschnitzten Kühen und Bäumchen, deren Laub
aus grün gebeizter Holzwolle bestand.
Der eigentümliche Duft nach Harz und Farbe nahm ihn einen Augenblick ganz
gefangen. -- Weihnachten! Kinderjahre! Atemloses Warten vor
Schlüssellöchern; ein wackliger Stuhl mit rotem Rips überzogen, -- ein
Ölfleck darin. Der Spitz -- Durudeldutt, ja, ja, so hat er geheißen --
knurrt unter dem Sofa und beißt der beweglichen Schildwache ein Bein ab,
kommt dann, das linke Auge zugekniffen, schwerverstimmt hervorgekrochen:
die Feder des Uhrwerkes ist losgegangen und ihm ins Gesicht gesprungen. --
Die Tannennadeln knistern, und die brennenden roten Kerzen am Christbaum
haben lange Tropfbärte. --
Nichts vermag die Vergangenheit so schnell wieder jung zu machen, wie der
Lackgeruch von Nürnberger Spielzeug, -- der Fremde schüttelte den Bann ab,
»es wächst nichts Gutes aus der Erinnerung: erst läßt sich alles süß an,
dann hat das Leben eines Tages plötzlich ein Oberlehrergesicht, um einen
schließlich mit blutrünstiger Teufelsfratze -- -- -- nein, nein, ich will
nicht!« -- er wandte sich dem drehbaren Büchergestell zu, das neben ihm
stand. »Lauter Bände in Goldschnitt?« -- Kopfschüttelnd buchstabierte er
die wundersamen, ganz und gar nicht zur übrigen Umgebung passenden,
gekerbten Rückentitel: »Leidinger, G., Geschichte des akademischen
Gesangvereins Bonn,« »Aken, Fr., Grundriß der Lehre vom Tempus und Modus im
Griechischen,« »Neunauge, K. W., Die Heilung der Hämorrhoiden im
klassischen Altertum«? -- »nun, Politik scheint, Gott sei Dank, nicht
vertreten zu sein« -- und er nahm: »Aalke Pott, Über den Lebertran und
seine steigende Beliebtheit, 3. Band« vor und blätterte darin.
Der miserable Druck und das elende Papier standen in verblüffendem
Gegensatz zu dem kostbaren Einband.
»Sollte ich mich geirrt haben? Handelt es sich vielleicht gar nicht um eine
Hymne auf ranziges Öl?« -- der Fremde schlug die erste Seite auf und las
erheitert:
»Sodom- und Gomorrhabibliothek«
Ein Sammelwerk für Hagestolze.
(Jubiläumsausgabe.)
Bekenntnisse eines lasterhaften
Schulmädchens.
[Fortsetzung des berühmten Werkes: Die Purpurschnecke.]
»Wahrhaftig, man glaubt die 'Grundlage des zwanzigsten Jahrhunderts' vor
sich zu haben: außen brummliges Gelehrtengetue und innen -- der Schrei nach
Geld oder Weibern,« brummte er vergnügt und lachte dann laut hinaus.
Nervös fuhr der eine der beiden wohlbeleibten Handelsherren von seinem
Guckkasten empor (der andere, der Holländer, ließ sich nicht stören),
murmelte verlegen etwas von »wunnerschoenen Sstädteansichten« und wollte
sich schnell entfernen, nach Kräften bestrebt, seinem durch den
überstandenen optischen Genuß ein wenig ins Schweinskopfartige zerflossenen
Gesichtsausdruck wieder das altgewohnte Gepräge des unentwegt auf
geradlinig strenge Lebensauffassung gerichteten Edelkaufmanns zu verleihen,
da leistete sich der satanische Versucher aller Schlichtgesinnten in
Gestalt eines hämischen Zufalls, aber fraglos in der Absicht, die Seele des
Biedermanns nicht länger im Unklaren zu lassen, in welch frivoler Umgebung
sie sich befand, einen höchst unziemlichen Scherz:
Durch eine allzueilige Flatterbewegung beim Anziehen des Mantels hatte der
Handelsherr mit dem Ärmel das Pendel einer großen Wanduhr in Bewegung
gesetzt, und sofort fiel eine mit trauten Familienszenen bemalte Klappe
herunter; nur erschien statt des zu erwartenden Kuckucks der wächserne Kopf
nebst spärlich bekleidetem Oberleib einer über die Maßen frechblickenden
Frauensperson und sang zum feierlichen Glockenklang der zwölften Stunde mit
verschleimter Stimme:
»Tischlah sejen
ganz verwejen,
hobeln flott drauf los;
fein und glatt
wird das Blatt -- -- --«
»Blatt, Blatt, Blatt« -- ging es plötzlich, sich rhythmisch wiederholend,
in einen krächzenden Baß über. Entweder hatte der Teufel ein Einsehen oder
war ein Haar ins Grammophongetriebe geraten.
Nicht länger gesonnen, neckischen Kobolden zum Opfer zu fallen, suchte der
Chef der Meere mit empört gequäktem »aarch anstößich« fluchtartig das
Weite.
Obschon mit der Sittenreinheit nordischer Völkerstämme wohl vertraut,
konnte sich der Fremde dennoch die übermäßige Verwirrung des alten Herrn
nicht recht erklären, bis ihm langsam der Verdacht dämmerte, er müsse ihn
irgendwo kennen gelernt haben, -- ihm wahrscheinlich in einer Gesellschaft
vorgestellt worden sein. Ein schnell vorübergehendes, damit verknüpftes
Erinnerungsbild: eine ältere Dame mit feinen traurigen Zügen und ein
schönes junges Mädchen, bestärkte ihn in seiner Annahme, nur konnte er sich
des Ortes und der Namen nicht mehr entsinnen.
Auch das Gesicht des Holländers, der soeben aufstand, ihn mit kalten,
wasserblauen Augen verächtlich von oben bis unten abschätzte und sich dann
träge hinauswälzte, half seinem Gedächtnis nicht nach. Es war ein ihm
völlig Unbekannter von brutalem, selbstbewußtem Aussehen.
Immer noch telephonierte die Verkäuferin.
Nach ihren Antworten zu schließen, handelte es sich um große Aufträge für
einen Polterabend.
»Eigentlich könnte ich auch gehen,« überlegte der Fremde; »worauf warte ich
denn noch?«
Ein Gefühl der Abspannung überfiel ihn; er gähnte und ließ sich in einen
Sessel fallen.
»Daß einem nicht der Kopf zerspringt, oder man sonstwie überschnappt,«
schälte sich ein Gedanke in seinem Hirn los, »bei all dem verrückten Zeug,
das das Schicksal um einen herumstellt! Es ist ein Wunder! -- Und warum man
im Magen Übelkeit empfindet, wenn die Augen häßliche Dinge
hineinschlingen?! Was hat denn, um Gottes willen, die Verdauung damit zu
tun! -- Nein, mit der Häßlichkeit hängt's nicht zusammen« grübelte er
weiter, »auch bei längerem Verweilen in Gemäldegalerien packt einen
unvermutet der Brechreiz. Es muß so etwas wie eine Museumskrankheit geben,
von der die Ärzte noch nichts wissen. -- Oder sollte es das Tote sein, das
von allen Dingen, ob schön oder häßlich, ausgeht, die der Mensch gemacht
hat? Ich wüßte nicht, daß mir schon einmal beim Anblick selbst der ödesten
Gegend übel geworden wäre, -- also wird es wohl so sein. -- Ein Geschmack
nach Konservenbüchsen haftet allem an, das den Namen »Gegenstand« trägt;
man kriegt den Skorbut davon.« -- Er mußte unwillkürlich lächeln, da ihm
eine barocke Äußerung seines Freundes Baron Pfeill, der ihn für Nachmittag
ins Café »De vergulde Turk« bestellt hatte und alles, was mit
perspektivischer Malerei zusammenhing, aus tiefster Seele haßte, einfiel:
'der Sündenfall hat gar nicht mit dem Apfelessen begonnen; das ist wüster
Aberglaube. Mit dem Bilderaufhängen in Wohnungen hat's angefangen! Kaum hat
einem der Maurer die vier Wände schön glatt gemacht, schon kommt der Teufel
als »Künstler« verkleidet und malt einem »Löcher mit Fernblick« hinein. Von
da bis zum äußersten Heulen und Zähneklappern ist dann nur noch ein Schritt
und man hängt eines Tages in Orden und Frack neben Isidor dem Schönen oder
sonst einem gekrönten Idioten mit Birnenschädel und Botokudenschnauze im
Speisezimmer und schaut sich selber beim Essen zu.' -- -- »Ja, ja, man
sollte wirklich bei allem und jedem ein Lachen bereit haben,« fuhr der
Fremde in seiner Gedankenreihe fort, »so ganz ohne Grund lächeln die
Statuen Buddhas nicht und die der christlichen Heiligen sind
tränenüberströmt. Wenn die Menschen häufiger lächeln würden, gäb's
vermutlich weniger Kriege. -- Da laufe ich nun schon drei Wochen in
Amsterdam herum, merke mir absichtlich keine Straßennamen; frage nicht, was
ist das oder jenes für ein Gebäude, wohin fährt dieses oder jenes Schiff,
oder woher kommt es, lese keine Zeitungen, um nur ja nicht als »Neuestes«
zu erfahren, was schon vor Jahrtausenden in blau genau so passiert ist; ich
wohne in einem Hause, in dem jede Sache mir fremd ist, bin schon bald der
einzige -- Privatmann, den ich kenne; wenn mir ein Ding vor Augen kommt,
spioniere ich längst nicht mehr, wozu es dient, -- es dient überhaupt
nicht, läßt sich nur bedienen! -- und warum tue ich das alles? Weil ich es
satt habe, den alten Kulturzopf mit zu flechten: erst Frieden, um Kriege
vorzubereiten, dann Krieg, um den Frieden wieder zu gewinnen usf.; weil ich
wie Kasper Hauser eine neue urfremde Erde vor mir sehen will, -- ein neues
Staunen kennen lernen will, wie es ein Säugling an sich erfahren müßte, der
über Nacht zum erwachsenen Manne heranreift, -- weil ich ein Schlußpunkt
werden will und nicht ewig ein Komma bleiben. Ich verzichte auf das
»geistige Erbe« meiner Vorfahren zugunsten des Staates und will lieber
lernen, alte Formen mit neuen Augen zu sehen, statt, wie bisher, neue
Formen mit alten Augen; vielleicht gewinnen sie dann ewige Jugend! -- Der
Anfang, den ich gemacht habe, war gut; nur muß ich noch lernen, über alles
zu lächeln und nicht bloß zu staunen.«
Nichts wirkt so einschläfernd wie geflüsterte Reden, deren Sinn dem Ohre
unverständlich bleibt. Die in leisem Ton und großer Hast geführten
Gespräche zwischen dem Balkangesicht und dem Zulukaffern hinter dem Vorhang
betäubten den Fremden durch ihre hypnotisierend eintönige Unablässigkeit,
so daß er einen Moment in tiefen Schlummer fiel.
Als er sich gleich darauf wieder emporriß, hatte er die Empfindung, eine
überwältigende Menge innerer Aufschlüsse bekommen zu haben; aber nur ein
einziger dürrer Satz war als Quintessenz in seinem Bewußtsein
zurückgeblieben, -- eine phantastische Verkettung von kürzlich erlebten
Eindrücken und fortgesponnenen Gedanken: »Schwerer ist es, das ewige
Lächeln zu erringen, als den Totenschädel in den abertausend Gräbern der
Erde herauszufinden, den man in einem früheren Leben auf den Schultern
getragen; erst muß der Mensch sich die alten Augen aus dem Kopf weinen,
bevor er die Welt mit neuen Augen lächelnd zu betrachten vermag.«
»Und wenn es noch so schwer ist, der Totenschädel wird gesucht!«, verbiß
sich der Fremde hartnäckig in die Traumidee, felsenfest überzeugt, daß er
vollkommen wach sei, während er in Wirklichkeit wieder tief eingenickt war,
»ich werde die Dinge schon zwingen, deutsch mit mir zu reden und mir ihren
wahren Sinn zu verraten, und zwar in einem neuen Alphabet, statt mir, wie
früher, mit wichtigtuerischer Miene alten Kram ins Ohr zu raunen, wie:
'Siehe, ich bin ein Medikament und mache dich gesund, wenn du dich
überfressen hast, oder: ich bin ein Genußmittel, damit du dich überfressen
und wieder zum Medikament greifen kannst.' -- Hinter den Witz, daß sich
alles in den Schwanz beißt, wie mein Freund Pfeill sagt, bin ich nachgerade
gekommen, und wenn das Leben keine gescheiteren Lektionen aufzugeben weiß,
gehe ich in die Wüste, nähre mich von Heuschrecken und kleide mich in
wilden Honig.«
»_Sie_ wollen in die Wüste gehen und die höhere Zauberei lernen, -- nebbich
--, wo Sie noch so dumm sind, einen albernen Trick mit Korkstöpseln bar in
Silber zu bezahlen, einen Vexiersalon von der Welt kaum unterscheiden
können und nicht einmal ahnen, daß in den Büchern des Lebens etwas anderes
steht, als hinten drauf gedruckt ist? -- _Sie_ sollten »Grün« heißen und
nicht ich,« hörte der Fremde plötzlich eine tiefe, bebende Stimme auf seine
Reminiszenzen antworten und, als er erstaunt aufblickte, stand der alte
Jude, der Inhaber des Ladens, im Raum und starrte ihn an.
Der Fremde entsetzte sich; ein Gesicht, wie das vor ihm, hatte er noch nie
gesehen.
Es war faltenlos, mit einer schwarzen Binde über der Stirn, und dennoch
tief gefurcht, so, wie das Meer tiefe Wellen hat und doch nie runzlig ist.
-- Die Augen lagen darin wie finstere Schlünde und waren trotzdem die Augen
eines Menschen und keine Höhlen. Die Farbe der Haut spielte ins Olive und
war wie aus Erz; so, wie es die Geschlechter der Vorzeit, von denen es
heißt, sie wären gleich schwarzgrünem Gold gewesen, ähnlich gehabt haben
mögen.
»Seit der Mond, der Wanderer, am Himmel kreist,« sprach der Jude weiter,
»bin ich auf der Erde. Ich habe Menschen gesehen, die waren wie Affen und
trugen steinerne Beile in den Händen; sie kamen und gingen von Holz« -- er
zögerte eine Sekunde -- »zu Holz, von der Wiege zum Sarg. Wie Affen sind
sie noch immer -- und tragen Beile in den Händen. Es sind Abwärtsstarrer
und wollen die Unendlichkeit, die im Kleinen verborgen liegt, ergründen.
Daß im Bauch der Würmer Millionen von winzigen Wesen leben und in diesen
wieder Milliarden, haben sie ergründet, aber noch immer wissen sie nicht,
daß es auf diese Art kein Ende nimmt. Ich bin ein Abwärtsstarrer und ein
Aufwärtsstarrer; das Weinen habe ich vergessen, aber das Lächeln habe ich
noch nicht gelernt. -- Meine Füße sind naß gewesen von der Sintflut, aber
ich habe keinen gekannt, der Grund zum Lächeln gehabt hätte; mag sein, ich
habe ihn nicht beachtet und bin an ihm vorübergegangen.
Jetzt spült an meine Füße ein Meer von Blut, und da soll einer kommen, der
lächeln darf? Ich glaub's nicht. -- Ich werde wohl warten müssen, bis das
Feuer selbst Wogen wirft.«
Der Fremde zog sich den Zylinder über die Augen, um das schreckliche
Gesicht, das sich immer tiefer in seine Sinne einfraß und seinen Atem
stocken machte, nicht länger zu sehen, und daher bemerkte er nicht, daß der
Jude zum Pult zurück ging, die Verkäuferin auf den Zehenspitzen an seine
Stelle trat, einen Totenkopf aus Papiermaché, ähnlich dem in der Auslage,
aus dem Schrank nahm und geräuschlos auf ein Taburett stellte.
Als dem Fremden plötzlich der Hut vom Kopf rutschte und zu Boden fiel, hob
sie ihn blitzschnell auf, noch ehe sein Besitzer danach greifen konnte, und
begann gleichzeitig ihren Vortrag:
»Sie sehen hier, mein Herr, das sogenannte Delphische Orakel; durch es sind
wir jederzeit in der Lage, einen Blick in die Zukunft zu tun und sogar
Antworten auf Fragen, die in unserm Herzen« -- sie schielte aus unbekannten
Gründen in ihren Busenausschnitt -- »schlummern, zu erhalten. Ich bitte,
mein Herr, im Geiste eine Frage zu tun!«
»Ja, ja, schon gut,« brummte der Fremde, noch ganz verwirrt.
»Sehen Sie, der Schädel bewegt sich bereits!«
Langsam öffnete der Totenkopf das Gebiß, kaute ein paarmal, spuckte eine
Papierrolle aus, die die junge Dame hurtig auffing und entrollte, und
klapperte dann erleichtert mit den Zähnen; --
»Ob deiner Seele Sehnsucht in
Erfüllung geht? -- Fahr drein
mit fester Hand und setz' das
Wollen an der Wünsche Statt!«
stand mit roter Tinte -- oder war es Blut? -- auf dem Streifen geschrieben.
»Schade, daß ich mir nicht gemerkt habe, was es für eine Frage war,« dachte
der Fremde. -- »Kostet?«
»Zwanzig Gulden, mein Herr.«
»Schön. Bitte --,« der Fremde überlegte, ob er den Schädel gleich mitnehmen
solle, -- »nein, es geht nicht, man würde mich auf der Straße für den
Hamlet halten,« sagte er sich, »bitte, schicken Sie ihn mir in meine
Wohnung; hier ist das Geld.«
Er warf unwillkürlich einen Blick in das Bureau am Fenster, -- mit
verdächtiger Unbeweglichkeit stand der alte Jude vor seinem Pult, als hätte
er die ganze Zeit über nichts als Eintragungen ins Hauptbuch gemacht, --
dann schrieb er auf einen Block, den die Verkäuferin ihm hinhielt, seinen
Namen nebst Adresse:
Fortunat Hauberrisser
Ingenieur