Dritter Teil

Sie sassen nach dem >Tannhäuser< zu dreien im Café auf dem Corso und

inmitten des geräuschvollen unverständlichen italienischen Stimmengewirrs,

beim Klappern der Teller und Gläser mit Gefrorenem, unter den fernen

Klängen des Streichorchesters, die durch den Tabaksqualm herüberdrangen,

fühlten sie sich vor der bald bevorstehenden Trennung fast intim, besonders

freundschaftlich gestimmt. Der Offizier mit einem ganzen Hahnenflügel auf

dem Hute und die beiden Damen, die schwarz, aber auffallend gekleidet, am

Nebentische sassen, schenkten ihnen keine Aufmerksamkeit und durch die

Tüllgardinen des offen stehenden Fensters konnte man die Strassenlaternen,

die vorüberfahrenden Equipagen, und die über Trottoir und Fahrdamm

vorbeigehenden Fussgänger sehen und man hörte das Rauschen des

Springbrunnens auf dem nahen Platze.

Wanja hatte seine Gymnasiastenuniform gegen Zivilkleider vertauscht, die

ihm, trotzdem sie ganz gewöhnlich waren, eine gewisse Eleganz verliehen,

ohne das Knabenhafte seines Äusseren zu beeinträchtigen. Er sah blass, hoch

und schlank aus. Daniil Iwanowitsch, der >in der Eigenschaft des Mentors

eines reisenden Prinzen<, wie er scherzend zu sagen pflegte, seinen jungen

Freund überallhin begleitete, plauderte jetzt wohlwollend und gönnerhaft

mit ihm und Ugo Orsini.

»Immer, wenn ich diese erste Szene in der zweiten, der Fassung jenes Wagner

höre, der schon den Tristan geschaffen, fühle ich ein wundersames

Entzücken, einen prophetischen Schauer, wie bei den Bildern Klingers und

der Poesie d'Annunzios. Diese Tänze der Faune und Nymphen, diese

leuchtenden, strahlenden, niedagewesenen, aber bis zum Schmerze tief

vertrauten antiken Landschaften, die sich plötzlich auftun, die

Erscheinungen der Leda und Europa, diese Amouretten, die wie auf

Botticellis >Primavera<, auf die Bäume und die tanzenden und unter ihren

Pfeilen in schmachtenden Stellungen ersterbenden Faune schiessen -- und das

alles vor Venus, die mit überirdischer Liebe und Zärtlichkeit Tannhäusers

Schlaf hütet, das ist alles, wie der Hauch eines neuen Frühlings, einer

neuen, heiss aus dunklen Tiefen aufsteigenden Leidenschaft für das Leben

und die Sonne!« Und Orsini wischte sich das blasse, glattrasierte, bereits

voll werdende Gesicht mit den schwarzen glanzlosen Augen und dem fein

gewundenen Munde.

»Es ist dies das einzige Mal, dass Wagner die Antike berührt,« bemerkte

Daniil Iwanowitsch, »ich habe mehr als einmal diese Szene mit Venus, jedoch

vor der Bearbeitung, gesehen und mir gedacht, dass sie dem Gedanken nach

mit >Parsifal< verwandt ist und mit diesem die grösste der Wagnerschen

Konzeptionen darstellt; aber ich begreife ihren Schluss nicht und mag ihn

auch nicht gelten lassen: wozu diese Entsagung? Wozu dieser Asketismus?

Weder der Charakter von Wagners Genius, noch sonst etwas lockte zu solchen

Ausklängen!«

»Musikalisch harmoniert diese Szene nicht sonderlich mit dem früher

Geschriebenen, und Venus ist ein wenig Nachahmung von Isolde.«

»Sie, als Musiker, müssen das besser wissen, aber der Gedanke, die Idee,

das ist schon des Dichters, des Philosophen Gebiet.«

»Der Asketismus ist eigentlich die naturwidrigste aller Erscheinungen, und

die Keuschheit gewisser Tiere ist nichts anderes als Fabel.«

Ihnen wurde hartes Gefrorenes und Wasser in grossen Gläsern auf hohen

Füssen serviert. Das Cafe begann schon leer zu werden und die Musikanten

wiederholten bereits ihre Stücke.

»Reisen Sie schon morgen?« fragte Ugo, an der roten Nelke in seinem

Knopfloch nestelnd.

»Nein, ich möchte noch von Rom Abschied nehmen und etwas länger mit Daniil

Iwanowitsch zusammenbleiben,« sagte Wanja.

»Sie gehen nach Neapel und Sizilien? Und Sie?«

»Ich gehe mit dem Kanonikus nach Florenz.«

»Mit Mori?«

»Ja, mit ihm.«

»Woher kennen Sie ihn?«

»Wir haben uns bei Bossi Gaëtano kennen gelernt, Sie wissen, der

Archäolog?«

»Der in der Via Nazionale lebt?«

»Ja; er ist doch sehr lieb, der Kanonikus.«

»Ja, ich kann jetzt mit Recht sagen: heute lässest du deinen Diener in

Frieden fahren, ich übergebe Sie Monsignore zu eigenen Händen.«

Wanja lächelte freundlich.

»Bin ich Ihnen denn wirklich so langweilig geworden?«

»Furchtbar!« scherzte Daniil Iwanowitsch.

»In Florenz werden wir uns wohl noch treffen; ich gehe in acht Tagen dahin:

man spielt dort mein Quartett.«

»Ich werde mich freuen. Sie wissen, Monsignore finden Sie immer in der

Kathedrale, und er wird meine Adresse kennen.«

»Ich steige bei der Marchesa Moratti ab, Borgo Santi Apostoli. Bitte,

kommen Sie ohne Umstände, die Marchesa lebt allein und wird sich freuen.

Sie ist meine Tante und ich bin ihr Erbe.«

Orsini lächelte süsslich mit den dünnen Lippen im weissen, voll werdenden

Gesicht mit den schwarzen glanzlosen Augen und die Ringe an seinen Fingern

mit den kurzgeschnittenen Nägeln und der entwickelten Muskulatur des

Pianisten funkelten im elektrischen Lichte.

»Dieser Ugo sieht aus, wie ein Giftmischer, finden Sie nicht?« fragte Wanja

seinen Begleiter, als sie den Corso hinauf nach Hause gingen.

»Welch ein Einfall! Er ist ein lieber Mensch, nichts weiter.«

* * * * *

Trotzdem ein feiner Regen herabsickerte, der in Bächlein neben dem

Fusssteige den Berg hinunterfloss, war die Kühle des Museums erwünscht und

angenehm. Nachdem sie im Kolosseum, auf dem Forum und dem Palatin gewesen

waren, standen sie, ganz zum Schluss, kurz vor der Abreise, fast allein im

kleinen Saale vor dem »Laufenden Jüngling«.

»Nur der Torso des sogenannten >Ilioneus< kann sich an Schönheit und Leben

mit diesem Jünglingskörper messen, an dem man unter der weissen Haut das

rote Blut sehen kann, an dem alle Muskeln berauschend schön und bestrickend

sind. Das Fehlen der Arme und des Kopfes stört uns heute nicht weiter. Der

Körper selbst, die Materie wird untergehen, angenommen sogar, dass die

Werke der Kunst, Phidias, Mozart, Shakespeare, zugrunde gehen werden, aber

die Idee, der Schönheitstypus, die in ihnen leben, können nicht untergehen,

und das ist vielleicht das einzig Wertvolle in der wechselnden und

vergänglichen Buntheit des Lebens. Und wie grob auch die Verwirklichung

dieser Ideen sein möge, sie sind göttlich und rein; wurden nicht in den

religiösen Praktiken die höchsten Ideen des Asketismus in einen wilden,

fanatischen, aber vom Symbol, das er in sich trug, erleuchteten Kultus

eingekleidet, und blieben sie nicht göttlich?«

Bei den letzten Ermahnungen vor dem Abschiede sagte Daniil Iwanowitsch:

»Folgen Sie mir, Smurow; wenn Sie geistlichen Zuspruch brauchen, wenn Sie

sich billig einrichten wollen, dann wenden Sie sich an Monsignore, aber

wenn Ihnen Ihr Geld ganz ausgehen sollte, oder wenn Sie einen klugen und

vortrefflichen Rat brauchen -- wenden Sie sich an Larion Dmitrijewitsch.

Ich werde Ihnen seine Adresse geben. Einverstanden? Versprechen Sie mir

das?«

»Kann ich mich denn wirklich an niemand anders wenden? Ich täte es so

ungern.«

»Ich habe niemand, der zuverlässiger wäre; suchen Sie dann schon selbst.«

»Und Ugo? Wird er mir nicht helfen?«

»Kaum, er sitzt selbst immer ohne Geld. Ich begreife wirklich nicht, was

Sie gegen Larion Dmitrijewitsch haben, dass Sie sich nicht einmal brieflich

an ihn wenden können! Was ist geschehen, das diese Veränderung triftig

erklären könnte?«

Wanja sah lange die Büste des jugendlichen Marc Aurel an, ohne zu

antworten, dann begann er schliesslich monoton und langsam:

»Ich lege ihm keine Schuld zur Last, ich habe nicht die Spur von Recht,

mich über ihn zu ärgern, aber es tut mir unsäglich leid, dass ich, seitdem

mir gewisse Dinge bekannt geworden sind, mich, unabhängig von meinem

Willen, zu Stroop nicht mehr stellen kann, wie früher; das hindert mich, in

ihm den erwünschten Führer und Freund zu erblicken.«

»Welch eine Romantik, wenn es bloss nicht auswendig gelernt klingen würde!

Sie sind wie die >ätherischen< Fräuleins seligen Angedenkens, die sich

einbildeten, ihre Verehrer müssten glauben, dass Jungfrauen weder essen,

noch trinken, noch schlafen, noch schnarchen, noch sich die Näschen putzen.

Jeder Mensch hat seine natürlichen Verrichtungen, die ihn keineswegs

erniedrigen, wie unangenehm sie einem anderen auch sein mögen. Auf Fjodor

eifersüchtig sein, heisst sich selbst mit ihm auf eine Stufe stellen, als

hätte man dieselbe Bestimmung, denselben Zweck, wie er. Wie wenig

geistreich das auch sein möge, es ist immerhin noch besser als romantische

Prüderie.«

»Lassen wir das alles; wenn es anders nicht möglich sein wird, werde ich an

Stroop schreiben.«

»Und werden gut daran tun, mein kleiner Kato.«

»Sie selbst haben mich ja Kato verachten gelehrt.«

»Augenscheinlich ohne sonderlichen Erfolg.«

* * * * *

Sie gingen über den geraden Gartenweg, über einen Rasenplatz und an Beeten

mit in der Dämmerung verschwimmenden Blumen vorbei zur Terrasse; der

weissliche Nebel zog sich hin, als liefe er ihnen nach, um sie einzuholen:

irgendwo schrien junge Eulen; im Osten leuchtete flimmernd ein strahlender

Stern durch den sich rosa färbenden Nebel, und die erleuchteten Fenster des

alten Hauses vor ihnen flammten ungewöhnlich und sonderbar, bereits den

Widerschein des Morgenhimmels in ihren Scheiben spiegelnd. Ugo hatte

aufgehört, sein Quartett vor sich hinzupfeifen und rauchte schweigend eine

Zigarette. Als sie an der Terrasse vorübergingen, hörte Wanja deutlich

Russisch sprechen und blieb stehen.

»Sie werden also noch lange in Italien bleiben?«

»Ich weiss nicht, Sie sehen ja, wie schwach Mama ist; aus Neapel werden wir

nach Lugano gehen, aber wie lange wir dort bleiben werden, weiss ich

nicht.«

»So lange werde ich Sie nicht sehen, Ihre Stimme nicht hören dürfen . . .«

begann eine männliche Stimme. -- »Vielleicht vier Monate,« unterbrach sie

hastig eine weibliche. -- »Vier Monate!« wiederholte, wie ein Echo, die

erste. -- »Ich glaube nicht, dass Sie sich langweilen werden . . .«

Sie schwiegen als sie die Schritte von Wanja und Orsini sich nähern hörten,

und in der Morgendämmerung konnte man nur undeutlich die Gestalt einer

sitzenden Frau und die eines neben ihr stehenden, nicht sehr hohen Mannes

unterscheiden.

Als sie den Saal betraten, aus dem ihnen die etwas drückende Wärme des mit

Menschen gefüllten Raumes entgegenschlug, fragte Wanja Ugo:

»Wer waren diese Russen?«

»Anna Blonskaja und einer von euren Künstlern, ich komme eben nicht auf

seinen Namen.«

»Er scheint in sie verliebt zu sein?«

»Oh, das wissen alle, ebenso, wie man sein zügelloses Leben kennt.«

»Ist sie schön?« fragte Wanja noch etwas naiv.

»Sehen Sie sie an, da kommt sie.«

Wanja kehrte sich um und sah ein schlankes, bleiches Mädchen mit glatt über

die Ohren gekämmtem Haar, feinen Gesichtszügen, einem etwas grossen Munde

und blauen Augen. Ihr folgte nach einigen Minuten vornübergebeugt ein etwa

sechsundzwanzigjähriger Mann mit blondem Spitzbärtchen und sich kräuselndem

Haar, stark hervortretenden hellen Augen unter dichten, wie altes Gold

gefärbten Brauen und spitzen Faunsohren.

»Er liebt sie und führt ein ausschweifendes Leben, und das eine ist, wie

das andere, allgemein bekannt?« fragte Wanja.

»Ja, er liebt sie zu sehr, um in ihr das Weib zu erblicken. Russische

Phantasien!« fügte der Italiener hinzu.

Man begann aufzubrechen und ein dicker Geistlicher wiederholte, die Augen

verdrehend:

»Seine Heiligkeit ermüdet so sehr, ermüdet so sehr . . .«

Ein heller Sonnenstrahl blitzte in die Fenster, und man hörte das dumpfe

Geräusch der vorfahrenden Wagen.

»Also auf Wiedersehen in Florenz,« sagte Orsini, Wanja die Hand drückend.

»Ja, morgen reise ich.«

* * * * *

Sie lagen alle auf den bunten gesteppten Polstern, mit denen die

Fensterbretter belegt waren: Signora Poldina und Filumena in einem,

Scholastica mit der Köchin Santina im anderen Fenster, als Monsignore mit

Wanja durch die schmale, dunkle und kühle Gasse vor dem alten Hause mit dem

eisernen Klopfring statt einer Klingel, vorfuhr. Als die erste Woge des

Lärmes, der Freudenrufe und Schreie bei der Begrüssung verebbt war, liess

Signora Poldina allein den Strom ihrer Beredsamkeit sich ergiessen.

»Ullyss sagt, >ich bringe einen russischen Signor mit, er wird bei uns

leben<. Ullyss, du scherzest, niemals hat jemand bei uns gelebt; er ist ein

Prinz, ein russischer Edelmann, wie werden wir ihn verpflegen? -- Ja, was

dem Bruder einfällt, das macht er auch. Wir dachten, dass der russische

Signor gross und dick sein werde, wie Herr Buturlin, den wir hier gesehen

haben, und jetzt kommt dieser Knabe an, so ein schlanker, so ein Täubchen,

so ein Cherubino,« und die greisenhafte Stimme Signora Poldinas klang in

süssen Kadenzen aus.

Monsignore führte Wanja in die Bibliothek, um ihm seine Bücher zu zeigen

und die Schwestern entfernten sich in die Küche und in ihr Zimmer.

Monsignore stieg, die Soutane hochgerafft, auf der Leiter empor, so dass

man seine dicken mit zu Hause gestrickten schwarzen Strümpfen bespannten

Waden und die übermässig derben Schuhe sehen konnte; er las laut mit der

Intonation des Geistlichen die Titel der Bücher, die seiner Meinung nach

Wanja interessieren konnten und überging die übrigen schweigend. Er war

trotz seiner fünfundsechzig Jahre stämmig und rotbäckig, eigensinnig,

beschränkt und lehrhaft. Auf den Bücherbrettern standen und lagen

italienische, lateinische, französische, spanische, englische und

griechische Bücher. Thomas von Aquino neben Don Quixote, Shakespeare mit

Heiligenlegenden, Seneka mit Anakreon zusammen.

»Ein konfisziertes Buch,« erklärte der Kanonikus, der den erstaunten Blick

Wanjas aufgefangen hatte und einen kleinen illustrierten Band Anakreon

beiseite schob: »Hier gibt es viele, bei meinen Beichtkindern konfiszierte

Bücher. Mir können sie keinen Schaden antun.«

»Das ist Ihr Zimmer!« sagte Mori, Wanja in einen grossen quadratischen Raum

führend, der mit bläulichen Tapeten ausgeklebt war. Vor den Fenstern hingen

weisse Vorhänge, in der Mitte des Zimmers stand ein Himmelbett; den Schmuck

der ziemlich kahlen Wände bildeten ein paar Stiche von Heiligen und der

Madonna >vom guten Rat<, ein einfacher Tisch, das Bücherbrett mit

Erbauungsschriften, die bemalte Wachsfigur des heiligen Luigi Gonzaga, in

ein aus Stoff genähtes Kleid enfant de choeur gehüllt, unter dem Glassturz

auf der Kommode, das Weihwasserbecken an der Tür vervollständigten die

Einrichtung des Zimmers und gaben ihm das Aussehen einer Klosterzelle, das

nur durch das Pianino an der Balkontür und den Toilettentisch am Fenster

beeinträchtigt wurde.

»Die Katze, ach, die Katze, wirst du wohl gehen!« und Poldina stürzte sich

auf den fetten weissen Kater, der zur Vervollständigung der Feier im Saal

erschienen war.

»Weshalb verjagen Sie ihn denn? Ich liebe Katzen sehr,« bemerkte Wanja.

»Der Signor liebt Katzen! Ach, mein Söhnchen! Ach, mein Täubchen! Filumena,

bring einmal Miscina mit den Jungen her, ich will sie dem Signor zeigen

. . . Ach, mein Täubchen!«

Sie durchstreiften vom Morgen an Florenz und Monsignore erzählte mit

singender lauter Stimme Ereignisse, Anekdoten und Tatsachen des XIV., wie

des XX. Jahrhunderts, gab mit gleicher Begeisterung die Skandalchronik der

Gegenwart, wie die Histörchen aus Vasari wieder; inmitten belebter

Quergassen blieb er stehen, um seine schönrednerischen, meist anklagenden

Perioden zu entwickeln, sprach Vorübergehende an, unterhielt sich mit

Pferden und Hunden, lachte laut, sang vor sich hin, und die ganze

Atmosphäre um ihn mit seiner etwas plebejischen Höflichkeit, seiner ein

wenig groben Delikatesse, in seiner Belehrung ebensowenig spitzfindig, wie

in seiner Heiterkeit, erinnerte an die Atmosphäre Sacchettischer Novellen.

Mitunter, wenn der Vorrat an Geschichten seinem Bedürfnis, in Bildern, mit

Intonation und Gesten zu reden, aus der Unterhaltung ein primitives

Kunstwerk zu machen, nicht mehr entsprach, kehrte er zu den allerältesten

Novellisten zurück und gab sie mit naiver Rhetorik und Überzeugung zum

besten. Er kannte alle und alles und jede Ecke, jeder Stein seines Toskana

und geliebten Florenz hatte seine Legenden, seine historischen Anekdoten.

Er führte, den Umstand, dass Wanja sich auf der Durchreise befand,

ausnutzend, seinen Schützling überall umher. Da gab es vor dem Bankrott

stehende Marchesen, und Grafen, die in vernachlässigten Palästen wohnten,

Karten spielten und sich mit ihren Lakaien um das Spiel zankten; da gab es

Ingenieure und Ärzte, Kaufleute, die einfach, nach alter Art:

haushälterisch und zurückgezogen lebten; anfangende Musiker, die nach

Puccinis Ruhm strebten und ihn mit bartlosen, dicken Gesichtern und

Krawatten zu kopieren versuchten; ferner war da ein feister, wichtiger und

wohlwollender persischer Konsul, der mit sechs Nichten unterhalb von San

Miniato lebte; Apotheker; Jünglinge, die als Laufburschen fungierten; zum

Katholizismus bekehrte Engländerinnen und schliesslich auch noch M-me

Monier, eine Ästhetin und Künstlerin, die mit einer ganzen Gesellschaft von

Gästen in Fiesole eine mit zarten Frühlingsallegorien ausgemalte Villa

bewohnte, von der man einen Ausblick auf Florenz und das Arnotal genoss.

M-me Monier war immer heiter, klein von Wuchs, schwatzhaft, rothaarig und

schrecklich hässlich.

Sie waren am Tisch auf der Terrasse sitzengeblieben. Die Teller auf dem

rosa Tischtuche sahen in der sich bereits herabsenkenden Dämmerung wie

schwarzrote Blutlachen aus, und der Duft von Zigarren, Erdbeeren und dem

Wein in den nicht geleerten Gläsern mischte sich mit dem Blumenduft im

Garten. Man hörte eine Frauenstimme im Hause alte Lieder singen, hin und

wieder wurde sie durch ein kurzes Schweigen oder eine längere Unterhaltung

und Lachen unterbrochen; als drinnen Licht gemacht wurde, sah die jetzt

schon halbdunkle Terrasse wie eine Dekoration zu Maeterlincks >L'Intérieur<

aus. Und der blasse und bartlose Ugo Orsini mit der roten Nelke im

Knopfloch erzählte weiter:

»Sie können sich keine Vorstellung machen, an was für ein Frauenzimmer er

sich fortwirft! Wenn der Mensch nicht Asket ist, so gibt es kein grösseres

Verbrechen, als keusche Liebe. Er liebt die Blonskaja und sehen Sie bloss,

mit wem er sich abgibt: gut an der Cybò sind nur die lasterhaften

Nixenaugen in ihrem bleichen Gesicht. Ihr Mund, ach, ihr Mund! -- hören Sie

nur, wie sie spricht; es gibt keine Gemeinheit, die sie nicht wiederholte,

und jedes ihrer Worte ist vulgär! Wie bei jenem Mädchen im Märchen springt

mit jedem Wort, das sie sagt, eine Kröte oder eine Maus aus ihrem Munde.

Tatsächlich! . . . Und sie wird ihn nicht loslassen: er wird die Blonskaja

und sein Talent und alles auf der Welt für dieses Weib vergessen. Der

Mensch in ihm geht zugrunde und vor allem der Künstler.«

»Und Sie glauben, wenn die Blonskaja . . . wenn er die anders lieben würde,

dass er dann mit der Cybò brechen könnte?«

»Ich glaube, ja.«

Nach einigem Schweigen begann Wanja wieder schüchtern:

»Und ihn selbst halten Sie wirklich einer keuschen Liebe nicht für fähig?«

»Sie sehen, was dabei herauskommt! Man braucht ihn nur anzuschauen, um das

zu verstehen. Ich behaupte nichts, weil man für nichts einstehen kann, aber

ich sehe, dass er zugrunde geht, und sehe auch woran, und das macht mich

wütend, weil ich ihn sehr liebhabe und ihn schätze, und deshalb hasse ich

gleichermassen die Cybò, wie die Blonskaja.«

Orsini rauchte seine Zigarette zu Ende und ging ins Haus, und Wanja, der

allein zurückblieb, dachte an den jungen Künstler mit der gebeugten

Haltung, mit den blonden Locken und dem Spitzbärtchen und den hellen,

grauen, stark vortretenden Augen unter den wie altes Gold gefärbten Brauen,

Augen, die gleichzeitig spöttisch und traurig blickten. Und ihm fiel, er

wusste selbst nicht weshalb, Stroop ein.

Aus dem Saal schallte M-me Moniers affektierte Vogelstimme herüber:

»Erinnern Sie sich an Segantinis Genius mit den mächtigen Flügeln über dem

Liebespaar, beim Quell auf den Höhen? Die Verliebten selbst müssten Flügel

haben, wie alle, die kühn, frei sind, wie alle, die lieben.«

»Ein Brief von Iwan Strannik; welche liebe Frau! Sie sendet uns Grüsse und

den Segen Anatol Frances. Ich küsse deinen Namen, grosser Meister.«

»Ihre eigene Komposition? Zu d'Annunzios Worten? Natürlich,

selbstverständlich, warum singen Sie denn nicht?«

Und man hörte das Geräusch zurückgeschobener Stühle, den Klang des

Klaviers, auf dem laute und stolze Akkorde angeschlagen wurden, und die

Stimme Orsinis, der mit etwas grober Leidenschaft eine breite, ein wenig

banale Melodie einsetzte.

»Ob, wie mich das freut! Onkel, sagen Sie? grossartig! . . .« zwitscherte

M-me Monier, ganz in Rosa, rothaarig, hässlich und kokett, auf die Terrasse

hinaustretend.

»Sie sind hier?« rief sie, Wanja erblickend. »Eine Neuigkeit! Ein Landsmann

von Ihnen ist angekommen. Aber er ist kein Russe, obgleich er in Petersburg

lebt. Ein guter Freund von mir; er ist Engländer. Wie? Was?« warf sie hin

und lief, ohne die Antwort abzuwarten den Ankommenden auf der Fahrstrasse

zum Garten entgegen, der jetzt schon im Mondschein dalag.

»Um Gottes willen, gehen wir, ich fürchte mich, ich will das nicht, gehen

wir, ohne uns zu verabschieden, gleich, augenblicklich!« drängte Wanja den

Kanonikus, der vor seinem Gefrorenen sass und ihn erstaunt ansah.

»Nun ja doch, mein Kind! Aber ich begreife nicht, weshalb Sie sich

aufregen; gehen wir, ich suche bloss noch meinen Hut.«

»Schneller, schneller, cher père!« verging Wanja vor grundloser Angst.

»Hierher, hierher, dort kommen sie!« zog er den Kanonikus von der Strasse,

auf der Pferdegetrappel und Wagenrollen hörbar wurden, in einen Seitengang,

und an der nächsten Wendung stieg, ganz nahe bei ihnen, um das Haus auf

einem Fusspfade zu erreichen, M-me Monier mit einigen ihrer Gäste aus dem

Wagen, und ohne dass ein Versehen möglich war, erkannte Wanja im hellen

Mondschein Stroop.

»Bleiben wir,« flüsterte Wanja, den Arm des Kanonikus drückend, der

deutlich sah, wie das lächelnde, erregte Gesicht seines Schützlings sich

mit tiefem, sogar im Mondlicht bemerkbarem Rot überzog.

* * * * *

Sie fuhren in zweirädrigen mit Eseln bespannten Wagen durch die Pforte des

Hauses, das schon im XIII. Jahrhundert erbaut war und einen Brunnen im

Speisesaal des zweiten Stockes für den Belagerungsfall besass, einen Kamin

hatte, in dem sich bequem eine Hütte hätte unterbringen lassen, und eine

Bibliothek, Porträts und eine Kapelle beherbergte. Für den Fall, dass es

beim Aufstieg kalt sein sollte, brachten Diener Mäntel und Plaids an die

Wagen, andere Diener waren mit Mundvorräten vorausgeschickt worden. Aus

Florenz waren sie mit der Bahn bis Borgo San Lorenzo und dann mit Pferden

an Scarperia mit dem Schlosse und den Stahlwarenfabriken und an Santa

Agatha vorbei weitergefahren, und eilten das Frühstück zu beenden, um noch

vor Anbruch der Dunkelheit von den Bergen zurückzukehren. Man unterhielt

sich nicht, nur das Klappern von Gabeln und Messern und gleichzeitig auch

schon das der Kaffeelöffel war zu hören. Sie fuhren durch Weingärten, an

Molkereien unter Kastanien vorbei, immer höher und höher auf dem sich

schlängelnden Wege empor, es kam dabei vor, dass der erste Wagen sich

gerade oberhalb des letzten befand, die südliche Vegetation wurde von

Birken, Fichten, Moosen und Veilchen abgelöst und man sah die Wolken schon

unter sich. Noch bevor sie den Gipfel des Giuogo erreicht hatten, von wo

man, wie es hiess, das Adriatische und das Mittelmeer sehen könne,

erblickten sie plötzlich an einer Biegung Fierenzuola unter sich, das wie

ein Haufen rotgrauer Steine aussah, und die sich Faënza zu windende

Heerstrasse, über die eine altmodische Diligence hinkroch. Der Omnibus

machte halt, um eine Frau aussteigen zu lassen und der Kutscher auf dem

hohen Bocke rauchte friedlich in Erwartung des Zeichens zum Weiterfahren.

»Wie das an Goldoni, seligen Angedenkens, erinnert! Welch eine bezaubernde

Schlichtheit!« geriet M-me Monier in Entzücken, und liess ihre Peitsche mit

dem roten Griffe knallen. Man setzte ihnen in der verräucherten Taverne,

die wie eine Räuberhöhle aussah, Rührei, Käse, Chianti und Salami vor, und

die Wirtin, ein einäugiges, sonnverbranntes Weib, hörte, die Wange auf die

Lehne eines hölzernen Stuhles gedrückt, zu, wie ein Mann mit schwarzen

Brauen und grossen Augen, in Hemdsärmeln, einen grün gewordenen Filzhut auf

dem Kopfe, den Herrschaften ihre Geschichte erzählte:

»Es war schon längst bekannt, dass Beppo nachts hierher komme . . . Die

Carabinieri sagten zu ihr: >Tante Pasqua, verschmähe unser Geld nicht,

Beppo muss ja doch in unsere Hände fallen.< Sie überlegte sich's und konnte

sich lange nicht entschliessen . . . sie ist eine ehrliche Frau, sehen Sie

sie nur an . . . Aber Schicksal ist Schicksal; einmal kam er von der

Hochzeit eines Landsmannes betrunken zurück und legte sich schlafen . . .

Pasqua hatte die Carabinieri früher verständigt und pfiff, das Gewehr und

die Messer hatte sie Beppo schon vorher abgenommen. Was konnte er machen?

Er war ein Mensch, Signori.«

»Wie er fluchte! Als er schon gefesselt war, schleuderte er diese Bank hier

mit den Füssen ins Zimmer, warf sich auf die Erde und fing an sich

herumzuwälzen!« sagte Pasqua mit heiserer Stimme und ihre Zähne und das

einzige Auge, das sie besass, blitzten dabei, während ihre Lippen

lächelten, als erzähle sie die angenehmsten Geschichten.

»Ja, ja, sie ist ein ganzer Kerl, die Pasqua, wenn sie auch nur ein Auge

hat! Noch ein Gläschen?« forderte der bärtige Mann auf und klopfte der

Wirtin auf die Schulter.

»Smurow, Orsini! Gehen Sie bitte rasch nach oben zurück, ich habe meinen

Sonnenschirm vergessen. Ihr seid die Letzten, wir warten auf euch! Wie?

Was? Den Sonnenschirm, den Sonnenschirm,« rief M-me Monier aus dem ersten

Wagen, ihr lächelndes hässliches rosa Gesicht zurückwendend und hielt ihr

Eselgespann auf.

Die Taverne war leer, der noch nicht abgeräumte Tisch, die verschobenen

Bänke und Stühle erinnerten an die Gäste, die eben hier gewesen waren, und

hinter dem Vorhang, wo das Bett stand, hörte man Seufzen und leises

Geflüster.

»Ist niemand da« rief Orsini auf der Schwelle. »Eine Signora hat ihren

Schirm hier stehen lassen, habt ihr ihn nicht gesehen?«

Hinter dem Vorhang wurde wieder geflüstert; dann kam Pasqua mit verwühltem

Haar, ohne Tuch und Mieder heraus, im Gehen ihren schmutzigen Rock

zurechtrückend, hager und ungeachtet ihrer Jugend, so schrecklich alt, und

zeigte schweigend auf den weissen, spitzenbesetzten Sonnenschirm mit einem

unbestimmten gelblichen Muster und einem weissen Griff. Hinter dem Vorhang

rief eine Männerstimme: »Pasqua, hörst du, Pasqua? Wird's bald? Sind sie

schon fort?«

»Gleich,« antwortete das Weib mit heiserer Stimme und steckte sich, vor die

Spiegelscherbe an der Wand tretend, die rote Nelke, die Orsini vergessen

hatte, ins verwühlte Haar.

* * * * *

Sie waren fast die einzigen im Theater, die mit ganzer Aufmerksamkeit

Isoldens Ergüssen vor Brangäne folgten und fast nicht bemerkten, wie der

König mit beiden Königinnen die Loge der Szene gegenüber betrat und sich,

nachdem er dem Publikum, das ihn mit Rufen begrüsste, eine ungeschickte

Verbeugung gemacht hatte, auf einen Stuhl an der Balustrade niederliess.

Das sentimentale und harte Gesicht des kleinen Mannes mit dem grossen Kopfe

und dem Schnurrbart hatte den gelangweilten Ausdruck eines von Geschäften

in Anspruch genommenen Menschen. Obgleich es keine Pause war, war der Saal

voll erleuchtet: die Damen in den Logen, in Décolleté und Halsschmuck,

sassen fast mit dem Rücken zur Bühne und plauderten lächelnd; die Herren

mit Blumen im Knopfloch, gelangweilt und korrekt, machten von Loge zu Loge

Besuche. Es wurde Gefrorenes herumgereicht, und die älteren Herren sassen

im Hintergrunde der Logen, in vor sich ausgebreitete Zeitungen vertieft.

Wanja, der zwischen Stroop und Orsini sass, hörte nicht das Flüstern und

Geräusch ringsumher und war ganz vom Gedanken an Isolde in Anspruch

genommen, der aus dem Rauschen der Blätter Hifthörner zu erklingen

schienen.

»Das ist die Apotheose der Liebe! Ohne Nacht und Tod wäre es das höchste

Lied der Leidenschaft und die Konturen der Melodie und der Szene selbst,

wie rituell sind sie, wie ähneln sie ergreifenden Hymnen!« sagte Orsini zu

Wanja, der bleich geworden war.

Stroop sah, ohne sich umzukehren, durch das Opernglas zur

gegenüberliegenden Loge hinüber, wo nahe nebeneinander der blonde Künstler

und eine kleine Frau sassen. Sie hatte rabenschwarzes gewelltes Haar. Ein

Paar riesige farblose Augen starrten aus ihrem ungeschminkten Gesicht mit

dem grossen tiefroten Munde und dem vulgären Kinn, das von grenzenloser

Entschlossenheit sprach. Sie trug ein grellgelbes goldbesticktes Kleid und

war prätentiös auffallend. Und Wanja hörte mechanisch den Berichten von den

Abenteuern dieser Veronica Cybò zu, in denen viele Namen von Männern und

Weibern genannt wurden, die sie alle zugrunde gerichtet hatte.

»Eine Nichtswürdige ist sie, diese Canaille,« hörte er Ugos Stimme, »ein

Typus aus dem XVI. Jahrhundert.«

»Bah, das ist viel zu vornehm für sie! Einfach eine schmutzige Dirne,« und

aus dem Munde der korrekten Herren, die gierig zum gelben Kleide und den

lasterhaften Nixenaugen hinüberäugten, kamen die gröbsten Bezeichnungen.

Wenn Wanja sich, selbst mit einer ganz harmlosen Frage, an Stroop wandte,

wurde er rot und lächelte und es machte den Eindruck, als spräche er mit

einem Freunde nach einem stürmischen Zwist oder mit einem Rekonvaleszenten,

der eine schwere Krankheit überstanden.

»Ich denke immer an Tristan und Isolde,« sagte Wanja zu Orsini, im Korridor

auf und ab gehend. »Es ist eine ideale Darstellung der Liebe, eine

Apotheose der Leidenschaft, aber wenn man die äussere Seite und das Ende

der Geschichte in Betracht zieht, ist es dann eigentlich nicht ganz

dasselbe, was wir in der Taverne auf dem Giuogo gesehen haben?«

»Ich verstehe nicht ganz, was Sie sagen wollen. Beunruhigt Sie das

Vorhandensein der fleischlichen Vereinigung?«

»Nein, aber jede reale Handlung hat etwas Komisches und Beschämendes:

Isolde und Tristan mussten doch ihre Kleider aufknöpfen und ausziehen,

Mäntel und Beinkleider waren auch damals schon ebensowenig poetisch, wie

unsere Röcke.«

»Welche Gedanken! Das ist komisch!« lachte Orsini auf, und sah Wanja

verwundert an. »Das ist doch immer so; ich verstehe nicht was Sie

eigentlich wollen.«

»Wenn die nackte Tatsache ein und dieselbe ist, ist es da nicht

gleichgültig, wie man zu ihr gelangt, ob nun in weltenerfüllender Liebe

oder in tierischer Brunst?«

»Was haben Sie? Ich erkenne den Freund des Kanonikus Mori nicht wieder! Es

ist selbstverständlich, dass die nackte Tatsache nicht wichtig ist,

sondern, dass es auf die Stellungnahme zu ihr ankommt, und die empörendste

Tatsache, die unglaublichste Situation kann durch die Stellungnahme zu ihr

gerechtfertigt und geläutert werden,« sagte Orsini ernst und fast lehrhaft.

»Vielleicht ist das auch, trotz seiner Erbaulichkeit, wahr,« bemerkte Wanja

lächelnd und setzte sich neben Stroop, den er aufmerksam betrachtete.

* * * * *

Sie kamen etwas zu früh auf den Bahnhof, um M-me Monier zu begleiten, die

vor der Saison in Paris zwei Wochen in der Bretagne zubringen wollte. Auf

dem blassgelben Himmel leuchteten die Kugeln der elektrischen Lampen, man

hörte rufen: »Pronti, partenza«, die Reisenden eilten zu den früher

abgehenden Zügen, und aus dem Büfett klangen ununterbrochen Bestellungen

und das Klappern der Löffel herüber. In Erwartung des Zuges tranken sie

Kaffee; auf einem ausgebreiteten »Figaro« lag ein Bukett

Gloire-de-Dijon-Rosen neben den Handschuhen von M-me Monier, die in einem

maisfarbenen Kleide mit blassgelben Bändern abseits sass, die Herren

witzelten über die eben gelesenen politischen Tagesneuigkeiten, da erschien

am nächststehenden Tische Veronica Cybò im Reisekleide mit

heruntergezogenem grünem Schleier, der Künstler folgte ihr mit einem

Porteplaid und dem Träger mit dem Gepäck.

»Sehen Sie doch, sie reisen fort! Er geht endgültig zugrunde!« sagte Ugo,

der sich mit dem Künstler begrüsst hatte, als er zu seiner Gesellschaft

zurückkehrte.

»Wohin reisen sie denn? Sieht er denn gar nichts? Ah, diese Canaille, diese

Canaille!«

Die Cybò hob den Schleier, sie sah blass und herausfordernd aus, und wies

stumm dem Träger den Platz, wohin er die Sachen stellen sollte, dann legte

sie ihre Hand auf den Arm ihres Begleiters, als ergriffe sie Besitz von

ihm.

»Sehen Sie da -- die Blonskaja! Wie sie es bloss erfahren hat. Ich beneide

weder sie noch die Cybò,« flüsterte M-me Monier, während die andere Frau,

die ganz in Grau gekleidet war, schnell auf den Künstler und seine

Begleiterin zuging. Der Künstler sass mit dem Rücken zu ihr und konnte sie

nicht sehen, die Cybò starrte bewegungslos mit ihrem Nixenblick vor sich

hin. Als die Blonskaja dicht vor beiden stand, sagte sie leise auf

russisch:

»Sergej, wohin und weshalb reisen Sie? Und weshalb ist das ein Geheimnis

für mich, für uns alle? Sind Sie denn nicht unser aller Freund? Es ist

einerlei, ich weiss . . . ich weiss, dass das Ihr Untergang ist! Vielleicht

trage ich selbst Schuld daran und kann etwas wieder gutmachen?«

Die Cybò starrte die Blonskaja bewegungslos an, als sei sie blind und sähe

sie nicht.

»Vielleicht hält es Sie zurück, wenn ich Sie heirate? Dass ich Sie liebe,

wissen Sie.«

»Nein, nein, ich will nicht!« stiess er grob hervor, als befürchte er

nachgeben zu können.

»Kann denn hier wirklich nichts helfen? Ist das denn wirklich unabwendbar?«

»Vielleicht. Vieles geschieht zu spät.«

»Sergej, kommen Sie zu sich! Kehren Sie zurück, es wird ja nicht nur der

Künstler in Ihnen zugrunde gehen, sondern Sie selbst richten sich

zugrunde.«

»Was soll das Gerede? Es ist zu spät gut zu machen, und dann will ich es

auch so!« Die Cybò heftete jetzt ihre Augen auf ihn.

»Nein, Sie wollen es nicht so,« sagte die Blonskaja.

»Weiss ich am Ende selbst nicht, was ich will?«

»Sie wissen es nicht. Und welch ein Knabe Sie sind, Sergej.«

Die Cybò hatte sich erhoben, um dem Träger, der den Handkoffer voraustrug,

zu folgen und wandte sich geräuschlos ihrem Begleiter zu; dieser erhob

sich, seinen Mantel anziehend, ohne der Blonskaja zu antworten.

»Sergej, Sie reisen also doch, Sergej?«

M-me Monier verabschiedete sich, laut zwitschernd, von ihren Freunden und

nickte schon hinter dem Bukett Gloire-de-Dijon-Rosen hervor aus dem Waggon

die letzten Grüsse. Als sie zurückgingen, sahen sie die Blonskaja, die ganz

in Grau, auf ihren Sonnenschirm gestützt, zu Fuss ging.

»Es ist, als wären wir auf einem Begräbnis gewesen,« bemerkte Wanja.

»Es gibt Leute, die jeden Augenblick auf ihrem eigenen Begräbnis zu sein

scheinen,« meinte Stroop, ohne Wanja anzusehen.

»Wenn ein Künstler zugrunde geht, so ist das sehr schwer.«

»Es gibt Menschen, die Künstler des Lebens sind; ihr Untergang ist nicht

weniger schwer zu ertragen.«

»Und es gibt Dinge,« fügte Wanja hinzu, »die zu tun es mitunter zu spät

ist.«

»Ja, es gibt Dinge, die zu tun es mitunter zu spät ist,« wiederholte

Stroop.

* * * * *

Sie traten in eine niedrige Kammer, die nur durch die offenstehende Tür

erleuchtet wurde, und in der ein alter Schuster mit einer runden Brille,

wie auf einem Bilde von Dou, über einen Stiefel gebückt sass. Nach der

Sonne auf der Strasse war es kühl. Es roch nach Leder und Jasmin, von dem

einige Blüten in einer Flasche ganz oben unter der Oberlage auf dem letzten

Brett eines Regals mit Stiefeln standen; der Geselle betrachtete den

Kanonikus, der mit gespreizten Beinen, sich das Gesicht mit einem roten

Seidentuche wischend, dasass. Und der alte Giuseppe sagte mit singendem

gutmütigem Ton:

»Was bin ich? Ich bin bloss ein armer Handwerker, aber es gibt Künstler,

Künstler! Oh, das ist nicht so einfach, einen Stiefel nach den Regeln der

Kunst zu nähen; man muss den Fuss studieren, muss ihn kennen, für den man

einen Stiefel nähen soll, man muss wissen, wo der Knochen breiter, wo er

schmäler ist, wo ein Hühnerauge sitzt, wo das Blatt höher ist, als es

sollte. Kein Mensch hat einen Fuss, wie der andere, und man muss ein

Pfuscher sein, um zu glauben, dass jeder Stiefel auf jeden Fuss passt. Und

ach, was für Füsse gibt es, Signori! Und alle müssen gehen. Gott der Herr

hat den Fuss mit fünf Zehen und einer Ferse ausgestattet, und doch hat

alles andere, verstehen Sie, ebenso seine Berechtigung. Und wenn einer

sechs oder vier Zehen hat, so hat doch auch Gott der Herr selbst ihm solche

Füsse gegeben und er muss gehen, wie andere Leute, das muss der

Schuhmachermeister dann wissen und es möglich machen.«

Der Kanonikus trank, laut schluckend, Chianti aus einem grossen Glase und

fächelte mit seinem breitrandigen Hut die Fliegen weg, die sich ihm auf die

mit Schweisstropfen bedeckte Stirn setzten; der Geselle fuhr fort, ihn zu

betrachten und Giuseppes Rede klang monoton, singend und einschläfernd.

Als sie über den Platz vor der Kathedrale ins Restaurant Giotto gingen, wo

die Geistlichkeit zu verkehren pflegte, begegneten sie dem alten Grafen

Ghidetti, der geschminkt, eine Perücke auf dem Kopfe, daherkam und sich

fast auf die beiden blutjungen Mädchen stützte, die bescheiden und ehrbar

ihm zur Seite gingen. Wanja fielen die Geschichten ein, die über den

entnervten Greis, über seine sogenannten >Nichten<, über die Erregungen

erzählt wurden, die die abgestumpften Sinne des alten Wüstlings mit dem

leichenhaften, geschminkten Gesicht und den von Geist und Witz sprühenden,

lebhaften Augen, erheischten; ihm fielen seine Gespräche ein, bei denen aus

dem stammelnden Munde Paradoxa, Witze und Geschichten hervorsprudelten, wie

sie in unserer Zeit immer seltener werden, und er hörte Giuseppes Stimme

sagen: »Wenn einer auch sechs oder nur vier Zehen hat, so hat doch Gott der

Herr selbst ihm solche Füsse gegeben, und er muss gehen, wie andere Leute.«

»Die Steine, die Mauern wurden rot, als der Prozess des Grafen verhandelt

wurde,« sagte Mori, in das Zimmer links tretend, das von schwarzen

Gestalten Geistlicher und einiger weniger weltlicher Personen gefüllt war,

die am Freitage Fastenspeisen zu essen wünschten. Eine ältliche Engländerin

unterhielt sich mit einem glattrasierten Jüngling in stark gebrochenem

Französisch.

»Wir Konvertiten lieben den Katholizismus um so mehr, sind uns tiefer der

ganzen Schönheit und Anmut seines Ritus, seiner Dogmen und Disziplin

bewusst.«

»Arme Frau,« erläuterte der Kanonikus, seinen Hut neben sich auf die

Holzbank legend, »sie stammt aus einer reichen, guten Familie, und jetzt

läuft sie umher und gibt Stunden, leidet Not, denn sie ist des wahren

Glaubens teilhaftig geworden und alle haben sich von ihr losgesagt.«

»Risotto! Dreimal.«

»Wir waren unser dreihundert, als wir aus Pontasieve aufbrachen, Pilger zur

Annunziata gibt es immer genug. Der heilige Georg, der Erzengel Michael,

die heilige Jungfrau, mit solchen Beschützern braucht man sich im Leben vor

nichts zu fürchten!« verschwamm die Stimme der Engländerin im allgemeinen

Lärm.

* * * * *

»Er war aus Bithynien gebürtig; Bithynien ist mit seinen grünenden Bergen,

Wildbächen, Triften die Schweiz Kleinasiens, und er selbst war Hirt, bevor

Hadrian ihn zu sich nahm; er begleitete seinen Imperator auf dessen Reisen,

und auf einer solchen hat er auch in Ägypten den Tod gefunden. Es waren

damals dunkle Gerüchte im Umlauf, dass er sich selbst den Göttern für das

Leben seines Beschützers zum Opfer gebracht und den Tod im Nil gesucht

habe, andre behaupteten, er sei ertrunken, wie er beim Baden Hadrian retten

wollte. In seiner Todesstunde entdeckten die Astronomen einen neuen Stern

am Himmel; sein vom Nimbus des Geheimnisvollen umgebener Tod belebte die

Kunst, die bereits zu stagnieren begann, seine ungewöhnliche Schönheit

wirkte nicht nur auf die Kreise des Hofes, und der untröstliche Imperator,

der seinen Liebling ehren wollte, verleibte ihn der Zahl der Götter ein,

stiftete ihm zu Ehren Spiele, gründete Palästren, baute Tempel, rief Orakel

ins Leben, in denen er zu Anfang selbst in altem Versmass die Antworten

schrieb. Aber es wäre ein Irrtum, anzunehmen, dass der neue Kultus nur mit

Gewalt im Kreise der Höflinge verbreitet worden, offiziell gewesen und mit

seinem Begründer gefallen sei. Wir finden noch mehrere Jahrhunderte später

Vereine zu Ehren der Diana und des Antinous, deren Zweck Beerdigung ihrer

Mitglieder auf Vereinskosten, Veranstaltung gemeinsamer Mahlzeiten und

schlichter Gottesdienste war. Die Mitglieder dieser Vereine -- Prototypen

der ersten Christenvereinigungen -- waren Leute der ärmsten Volksschichten,

und auf uns ist ein ganzes Statut einer ähnlichen Einrichtung gekommen. So

gewinnt im Laufe der Zeit die Göttlichkeit des Kaiserlieblings den

Charakter einer nächtlichen, dem Leben nach dem Tode angehörigen Gottheit,

die bei den Alten sehr populär war, freilich nicht die Verbreitung des

Mithrakultus erreichte, aber doch eine der stärksten Strömungen der

Vergöttlichung des Menschen darstellte.«

Der Kanonikus klappte das Heft zu, sah Wanja über die Brillengläser an und

bemerkte:

»Wir haben mit der Sittlichkeit der heidnischen Imperatoren nichts zu

schaffen, mein Kind, aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, dass das

Verhältnis Hadrians zu Antinous selbstredend keineswegs das väterlicher

Liebe war.«

»Wie sind Sie darauf verfallen über Antinous zu schreiben?« fragte Wanja

gleichgültig, mit ganz anderen Gedanken beschäftigt, und ohne den Kanonikus

anzusehen.

»Ich habe Ihnen vorgelesen, was ich heute morgen geschrieben habe, aber ich

schreibe überhaupt über die römischen Cäsaren.«

Wanja kam es komisch vor, dass der Kanonikus über das Leben des Tiberius

auf Capri schreibe, und er konnte die Frage nicht unterdrücken:

»Haben Sie auch über Tiberius geschrieben, cher père?«

»Gewiss.«

»Auch über sein Leben auf Capri, erinnern Sie sich, wie es bei Sueton

beschrieben wird?«

Mori fühlte sich getroffen und meinte hitzig:

»Sie haben recht, mein Freund! Es ist fürchterlich! Und von diesem Fall,

aus dieser Kloake konnte nur das Christentum, die heilige Lehre, das

Menschengeschlecht erretten.«

»Gegen Kaiser Hadrian sind Sie nachsichtiger?«

»Das ist ein grosser Unterschied, mein Freund, hier handelt es sich um

etwas Höheres, obgleich es natürlich eine schreckliche Gefühlsverirrung

bleibt; aber selbst durch die Taufe geläuterte Männer haben nicht immer

erfolgreich gegen diese anzukämpfen vermocht.«

»Ist es aber, im Grunde genommen, in jedem einzelnen Falle nicht ganz

dasselbe?«

»Sie befinden sich in einem schrecklichen Irrtum, mein Sohn. Bei jeder

Handlung ist das Verhältnis zu ihr wichtig, ihr Zweck, wie die Ursachen,

die sie veranlasst haben; die Handlungen selbst sind mechanische Bewegungen

unseres Körpers, unfähig irgend jemand zu kränken, am allerwenigsten Gott,

den Herrn.« Und er schlug das Heft wieder an der Stelle auf, wo er seinen

dicken Daumen hineingeschoben hatte.

* * * * *

Sie gingen den äussersten rechten Weg der Cascinen entlang, wo zwischen

Bäumen, Wiesen und Molkereien und weiter hinter diesen niedrige Berge

sichtbar waren; nachdem sie das Restaurant hinter sich gelassen hatten, das

um diese Tageszeit leer war, nahm die Gegend immer mehr ländliches Aussehen

an. Wächter mit blanken Knöpfen sassen hin und wieder auf den Bänken und in

der Ferne tummelten sich Knaben in Soutanen unter Aufsicht eines dicken

Abbate.

»Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie einwilligten, hierher zu kommen,« sagte

Stroop und liess sich auf eine Bank nieder.

»Wenn wir sprechen wollen, so lassen Sie uns das lieber im Gehen tun, ich

begreife dann leichter,« bemerkte Wanja.

»Ausgezeichnet.«

Und sie begannen zu gehen, machten ab und zu halt und setzten dann ihre

Wanderung unter den Bäumen wieder fort.

»Aus welchem Grunde haben Sie mir Ihre Freundschaft, Ihre Zuneigung

entzogen? Haben Sie den Verdacht gehabt, dass ich an Ida Holbergs Tode

Schuld trage?«

»Nein.«

»Weswegen dann? Antworten Sie aufrichtig.«

»Ich werde aufrichtig antworten: wegen Ihrer Geschichte mit Fjodor.«

»Glauben Sie?«

»Ich weiss das, was ist, und Sie werden doch nicht leugnen wollen?«

»Natürlich nicht.«

»Jetzt würde ich mich vielleicht ganz anders dazu verhalten, aber damals

wusste ich noch vieles nicht und hatte über nichts nachgedacht, und ich

hatte es sehr schwer, denn es schien mir, ich gestehe das ein, dass ich Sie

unwiederbringlich verliere und mit Ihnen auch jeden Weg zur Schönheit des

Lebens.«

Sie waren um eine Wiese herumgegangen und setzten jetzt ihre Wanderung

wieder auf demselben Wege fort. In der Ferne spielten Kinder Ball und ihr

lautes Lachen kam, durch die Entfernung gedämpft, zu ihnen herüber.

»In diesem Falle muss ich morgen nach Bari fahren, aber ich kann auch

bleiben; das hängt jetzt von Ihnen ab; wenn es >nein< sein wird, schreiben

Sie mir -- >fahren<, wenn es >ja< sein wird, schreiben Sie -- >bleiben<.«

»Welch ein >Nein< und welch ein >Ja<?« fragte Wanja.

»Sie wünschen, dass ich es Ihnen mit Worten sage?«

»Nein, nein, es ist nicht nötig, ich verstehe: doch was soll das?«

»Jetzt muss es so sein. Ich werde bis 1 Uhr warten.«

»Ich werde in jedem Falle antworten.«

»Noch eine Anstrengung und Ihnen wachsen Flügel, ich sehe sie schon.«

»Vielleicht, es ist nur sehr schwer, wenn sie wachsen,« sagte Wanja

lächelnd.

* * * * *

Sie waren lange auf dem Balkon sitzengeblieben und Wanja bemerkte erstaunt,

dass er Ugo aufmerksam und sorglos zuhöre, als brauche er morgen Stroop

keine Antwort zu geben. Es lag etwas Angenehmes in der Unentschiedenheit

der Situation, der Gefühle und Verhältnisse, eine gewisse Leichtigkeit und

Hoffnungslosigkeit. Ugo fuhr hingerissen fort:

»Sie hat noch keinen Namen. Das erste Bild: graues Meer, Felsen, in die

Ferne lockender goldiger Himmel, die Argonauten auf der Suche nach dem

Goldenen Vlies, alles in seiner Neuheit und Unerhörtheit schreckhaft und

man erkennt plötzlich darin die urälteste Liebe und Heimat. Dann:

Prometheus gefesselt und bestraft: >Niemand kann ungestraft das Geheimnis

der Natur ergründen, ohne ihre Gesetze zu verletzen, und nur der

Vatermörder und Blutschänder wird das Rätsel der Sphinx lösen.< Pasiphaë

erscheint, blind aus Liebe zum Stiere, schrecklich und von prophetischem

Geiste besessen: >Ich sehe weder des unharmonischen Lebens Buntheit, noch

die Harmonie der prophetischen Träume.< Alle sind entsetzt. Jetzt das

dritte Bild: Auf seligen Gefilden Szenen aus den Metamorphosen, in denen

die Götter um der Liebe willen allerlei Gestalten annahmen; Ikarus stürzt,

es stürzt Phaëton, Ganymed spricht: >Arme Brüder, ich allein von allen, die

zum Himmel aufgestiegen sind, bin dageblieben, weil euch Stolz und

Kinderspielzeug zur Sonne lockte, mich aber hatte die rauschende,

Sterblichen unfassbare Liebe ergriffen.< Es erblühen prophetisch gewaltige,

feurige Blumen: Vögel und Tiere gehen zu Paaren einher und in rosa

flimmerndem Nebel erblickt man die achtundvierzig Beispiele der

menschlichen Vereinigung aus den indischen Lehrbüchern der Liebe. Und alles

beginnt sich in doppeltem Kreislauf zu drehen, jedes in seiner Sphäre und

in immer weiterem Kreise, immer schneller und schneller, bis alle Umrisse

miteinander verschmelzen und die ganze sich bewegende Masse Form annimmt

und über dem leuchtenden Meere und den waldlosen, gelben Felsen unter der

unerträglichen Sonne zur gigantischen Gestalt des Zeus-Dionysos-Helios

erstarrt.«

* * * * *

Wanja erhob sich nach einer schlaflosen Nacht matt von Seelenqualen und mit

schmerzendem Kopfe, und nachdem er sich absichtlich langsam gewaschen und

angekleidet hatte, schrieb er, ohne die Jalousien zu öffnen, beim Tische,

wo ein Glas mit Blumen stand, langsam hin: »Fahren,« und nachdem er ein

wenig nachgedacht hatte, schrieb er, ohne sein nicht ganz ausgeschlafenes

Gesicht zu verändern, dazu: »Ich fahre mit Ihnen,« und öffnete das Fenster

zur Strasse, die in grelles Sonnenlicht getaucht vor ihm lag.

_Gedruckt für Georg Müller Verlag in München durch die

Druckerei Mänicke & Jahn in Rudolstadt. Die Vignetten

zeichnete Konstantin Somoff. 25 Exemplare wurden auf Bütten

gedruckt, vom Autor signiert und in Ganzleder gebunden._

Geschichten(#41305) · 第 72 / 73 题