Ich habe so lange im Ablegeraum unter altem Gerümpel gestanden, dass ich
fast die Erinnerung an meine Jugend verloren habe, als der auf meine
Rückenlehne gestickte Türke mit seiner Pfeife und der Hirtenknabe mit
seinem Hunde, der mit erhobenem Hinterbeine sich flöht, -- noch in grellem
Gelb, Rosa und Himmelblau leuchteten und noch nicht verstaubt und
verblichen waren; aber eben beschäftigen mich die Ereignisse mehr, deren
Zeugin ich gewesen, bevor ich wieder dem jetzt wohl hoffnungslosen
Vergessen anheimfalle. Man hat mich mit neuem hanffarbenem Seidenstoff
bezogen und ins kleine Empfangszimmer gestellt und über meine Armlehne
einen Schal mit grellen Rosen geworfen, als hätte ihn eine Schöne aus
meiner Jugendzeit, plötzlich bei einem zärtlichen Stelldichein
aufgeschreckt, liegen lassen. Übrigens änderte der Schal seine Lage
niemals, denn wenn der General oder seine Schwester, Tante Paula, ihn
zufällig verschoben, gab Kostja, der das kleine Gastzimmer nach seinem
Geschmack eingerichtet hatte, diesem zarten bunten Gewebe wieder sein
früheres, raffiniert nachlässiges, starres Aussehen. Tante Paula
protestierte dagegen, dass ich aus der Rumpelkammer hervorgeholt wurde: auf
mir sei die arme Sonja gestorben, ich sei die Ursache gewesen, dass eine
Heirat nicht zustande gekommen, ich brächte der Familie Unglück sagte sie,
aber für mich trat nicht nur Kostja, seine Kommilitonen und andere junge
Leute ein, sondern auch der alte General selbst sagte:
»Das alles sind Vorurteile, Paula Petrowna! Wenn in diesem Ungetüm auch
irgendein Zauber gesteckt hat, so hat er sich im Laufe der sechzig Jahre in
der Rumpelkammer verflüchtigt; und dann steht es an einer Stelle, wo man
immer vorbeigeht, so dass niemand es aufsuchen wird, um auf ihm zu sterben
oder einen Antrag zu machen!«
Obgleich mir die Bezeichnung »Ungetüm« nicht sonderlich schmeichelte und
der General sich als kurzsichtig erwiesen hat, blieb ich im kleinen
Empfangszimmer mit den grünlichen Tapeten. Ein Porzellanschränkchen stand
mir gegenüber, über ihm hing ein alter runder Spiegel, der undeutlich meine
seltenen Besucher zurückwarf. Bei General Gambakow lebte, ausser seiner
Schwester Paula und seinem Sohne Kostja, noch seine Tochter Nastja, die
ihre Schulbildung in einem Fräuleinstift erhielt.
* * * * *
Aus dem nach Westen gelegenen Nebenzimmer fielen die langen Strahlen der
Abendsonne in meinen Salon und trafen gerade den Schal mit den Rosen, der
noch prächtiger leuchtete und seine Farben spielen liess. Jetzt legten sich
diese Strahlen auf das Gesicht und das Kleid von Nastja, die auf mir sass
und so durchsichtig aussah, dass es sonderbar schien, die Strahlen nicht
durch ihren Körper auf den Herrn, der vor ihr stand, fallen zu sehen, als
genügte ihre Gestalt, das rötliche Licht aufzuhalten. Sie unterhielt sich
mit ihrem Bruder über eine für die Weihnachtsfeiertage geplante
Vorstellung, bei der ein Akt aus »Esther« aufgeführt werden sollte, aber
die Gedanken des jungen Mädchens schienen vom Gegenstande der Unterhaltung
weit entfernt. Kostja bemerkte:
»Ich meine, Sergej könnte uns auch eine Rolle abnehmen: er deklamiert doch
ganz gut.«
»Soll Sergej Pawlowitsch eine meiner Dienerinnen, eine junge Israelitin
spielen?«
»Weshalb, ich kann das Travesti nicht ausstehen, obgleich ihn weibliche
Gewänder kleiden würden.«
»Wen soll er denn sonst spielen?«
Ich verstand, dass von Sergej Pawlowitsch Pawilikin, dem Kommilitonen des
jungen Gambakow, die Rede war. Ich hatte ihn immer für einen unbedeutenden,
wenn auch sehr hübschen jungen Mann gehalten. Das kurzgeschorene dunkle
Haar liess sein rundes blasses Gesicht voller scheinen; er hatte einen
hübschen Mund und grosse hellgraue Augen. Der hohe Wuchs milderte seine
Neigung zu Körperfülle, aber er war sehr schwer, rekelte sich immer auf mir
herum und verstreute die Asche seiner Zigaretten mit den sehr langen
Mundstücken, die er immerfort rauchte, auf mir, und seine Unterhaltung war
leeres Geschwätz. Zur Unzufriedenheit von Tante Paula, die ihn nicht
mochte, war er täglich bei uns zu Gaste.
Das Fräulein unterbrach etwas unsicher das Schweigen:
»Kennst du eigentlich Pawilikin gut, Kostja?«
»Auch eine Frage! Er ist doch mein bester Freund!«
»So . . .? Ist es denn schon so lange her, dass ihr Freunde seid?«
»Seit diesem Jahre, als ich die Universität bezog. Aber hat das denn etwas
zu bedeuten?«
»Nein, ich fragte bloss so, ich wollte nur wissen . . . .«
»Weshalb interessiert dich denn unsere Freundschaft?«
»Ich mochte wissen ob man ihm vertrauen kann . . . ich möchte . . .«
Kostja unterbrach sie lachend:
»Das hängt davon ab! In Geldangelegenheiten würde ich nicht raten! Übrigens
ist er ein guter Kamerad und nicht geizig, wenn er Geld in der Tasche hat,
aber er ist arm . . .«
Nastja schwieg eine Weile und sagte dann:
»Nein, ich fragte nicht danach, sondern was Gefühle, Anhänglichkeit
anbetrifft . . .«
»Was für ein Unsinn! Lernt ihr das in euren Stiften? Was weiss ich! . . .
Hast du dich vielleicht in Sergej verliebt?«
Das Fräulein antwortete nicht und fuhr fort:
»Ich habe eine Bitte an dich, wirst du sie erfüllen?«
»Betrifft sie Sergej Pawlowitsch?«
»Vielleicht.«
»Gut, aber vergiss nicht, dass er nicht besonders liebt, sich mit euch
Weibern abzugeben.«
»Nein, Kostja, versprich mir!«
»Na, schön, ich hab's doch schon versprochen! Also!«
»Ich sage dir's heute abend,« erwiderte Nastja, ihrem Bruder in die
unruhigen Augen blickend, die wie ihre eigenen, braun und gesprenkelt
waren.
»Na, schön, also heute abend,« meinte der Student sorglos, erhob sich und
ordnete wieder den Schal, den das ebenfalls aufgestandene junge Mädchen
freigelassen hatte.
Aber die Strahlen der Abendsonne trafen die zarten Rosen nicht mehr, denn
Nastja, die ins Nebenzimmer gegangen war, trat ans Fenster und sah für das
rötliche Licht undurchdringlich, wie vorher, auf die schneebedeckte Strasse
hinaus, bis das elektrische Licht aufgedreht wurde.
* * * * *
Heute kann man den ganzen Tag keine Ruhe finden, so wird durch mein Zimmer
hin- und hergelaufen! Und ich begreife nicht wozu man bloss solche
Vorstellungen veranstaltet! Ein ganzer Schwarm von jungen Mädchen und
Männern; das war eine Unruhe, ein Schreien, Laufen, man rief nach
Arbeitern, die irgendetwas absägen sollten; Möbel, Kissen, Stoffe wurden
herangetragen; es ist nur gut, dass sie aus meinem Zimmer nichts genommen
und meinen Schal nicht fortgeschleppt haben! Endlich wurde alles still und
in der Ferne begann man Klavier zu spielen. Der General und Paula Petrowna
kamen leise herein und setzten sich nebeneinander auf mich; die alte
Jungfer fuhr fort:
»Es würde ein Familienunglück sein, wenn sie ihn lieben sollte. Denk bloss:
ein Knabe ist er noch, und was für einer ausserdem: ohne Namen, ohne
Vermögen, ohne Talent . . .«
»Ich glaube, du übertreibst stark, ich habe nichts bemerkt . . .«
»Bemerken denn Männer solche Dinge? Ich aber werde jedenfalls immer dagegen
sein!«
»Ich glaube, es wird auch gar nicht so weit kommen, dass man dafür oder
dagegen zu sein brauchen wird.«
»Er ist ein ganz sittenloser Mensch: Du weisst was man von ihm spricht? Ich
bin überzeugt, dass er es auch ist, der Kostja verdirbt. Nastja ist ein
Kind, sie versteht noch nichts . . .« regte sich die alte Dame auf.
»Nun, meine Beste, über wen wird nicht gesprochen? Höre doch bloss was über
Kostja geklatscht wird! Und ich weiss nicht, vielleicht ist auch etwas wahr
an diesen Geschichten. Das geht mich nichts an. Vor Klatsch bewahrt einen
höchstens das Alter, wie deins und meins! . . .«
Paula Petrowna wurde dunkelrot im Gesicht und bemerkte kurz:
»Mach was du willst. Ich habe dich gewarnt und ich selbst werde schon
aufpassen! Nastja ist auch mir keine Fremde!«
Da trat Nastja selbst ins Zimmer; sie war schon in ihrem himmelblauen,
gelbgestreiften Kostüm und trug einen gelben Turban auf dem Kopfe.
»Papa,« wandte sie sich hastig an den General, »warum sehet Ihr Euch nicht
die Probe an?« und fuhr, ohne die Antwort abzuwarten, fort: »Gib doch
unserm König deinen Ring, er hat so einen riesigen Smaragd!«
»Diesen?« fragte der General und wies auf einen alten Fingerring von selten
schöner Arbeit und mit einem dunklen Smaragd, der die Grösse einer
Stachelbeere hatte.
»Nun ja!« antwortete sorglos das junge Mädchen.
»Nastja, du weisst nicht worum du bittest!« mischte sich die Tante hinein,
»den Familienring, von dem Maxim sich niemals trennt, für das Drunter und
Drüber eurer Spielerei hergeben, damit ihr ihn im Handumdrehen verliert! Du
weisst doch, dass dein Vater den Ring niemals vom Finger nimmt!«
»Für ein, zwei Mal; wie sollte er denn aus dem Zimmer verschwinden, selbst
wenn er vom Finger fiele?«
»Nein, Maxim, ich erlaube dir auf keinen Fall den Ring vom Finger zu
ziehen!«
»Du siehst, Tante Paula erlaubt mir's nicht!« sagte der General mit
verlegenem Lachen.
Nastja ging unzufrieden ohne den Ring aus dem Zimmer und Paula Petrowna
begann ihren Bruder zu trösten, dem seine betrübte Tochter leid tat.
Der Lärm und das Gelaufe gingen wieder an; man legte die Kostüme ab, dann
begann das Abschiednehmen.
Herr Pawilikin blieb lange bei uns. Als er mit Kostja in mein Zimmer kam,
war es schon gegen vier Uhr morgens. Sie blieben stehen und küssten sich
zum Abschiede. Sergej Pawlowitsch sagte verlegen:
»Du kannst dir keine Vorstellung machen, Kostja, wie froh ich bin! Aber es
ist mir so unangenehm, das es gerade heute dazu kam, nachdem du mir dieses
Geld gegeben hast! Du kannst dir, weiss der Teufel, was für eine Gemeinheit
denken . . .«
Der blasse und glückliche Kostja mit verwühltem Haar küsste ihn wieder und
sagte:
»Nichts werde ich mir denken, sonderbarer Kauz! Das ist einfach ein
Zusammentreffen, ein Zufall, der jedem zustossen kann.«
»Ja, aber es ist so peinlich, so peinlich . . .«
»Lass das, bitte, im Frühling gibst du mir's wieder . . .«
»Ich brauchte diese sechshundert Rubel auf jeden Fall . . .«
Kostja schwieg, dann sagte er:
»Nun, auf Wiedersehen. Morgen treffen wir uns also zu >Manon<?«
»Ja, ja . . .«
»Und nicht mit Petja Klimow?«
»Oh, tempi passati! Auf Wiedersehen.«
»Mache die Tür leise zu und lärm nicht, wenn du an Tante Paulas
Schlafzimmer vorübergehst: sie hat dich nicht zurückkommen sehen und sie
liebt dich nicht sonderlich. Auf Wiedersehen!«
Die jungen Leute nahmen noch einmal Abschied; es war, wie ich schon gesagt
habe, gegen vier Uhr morgens.
* * * * *
Nastja kam von der Spazierfahrt, und ohne ihren Pelzhut mit der Rose vom
Kopfe zu nehmen, setzte sie sich auf den Rand eines Stuhles, während ihr
Begleiter mit von der Kälte geröteten Wangen fortfuhr im Zimmer auf und ab
zu gehen. Das junge Mädchen sprach ungezwungen und heiter, aber hinter
diesem Geplapper hörte man eine gewisse Unruhe hervor.
»Wir haben eine schöne Spazierfahrt gemacht! So angenehm: Frost und Sonne!
Ich schwärme für den Palaiskai! . . .«
»Ja.«
»Ich liebe schrecklich zu fahren und besonders zu reiten; im Sommer
verschwinde ich tagelang auf solchen Ausflügen. Sie sind noch nicht bei uns
in >Swjataja Krutscha< gewesen?«
»Nein. Ich ziehe ein Automobil vor.«
»Sie haben einen schlechten Geschmack Sie wissen doch, >Swjataja Krutscha<,
und >Alexejewskoje<, und >Ljgowka<, das ist alles mein persönliches
Eigentum; ich bin eine sehr reiche Braut. Dann macht noch Tantchen Paula
mich zu ihrer Universalerbin. Sehen Sie -- ich rate Ihnen, überlegen Sie
sich's.«
»Für uns Schuster heisst es: bleib bei deinem Leisten! . . .«
»Was für vulgäre Vergleiche Sie lieben!«
Sergej zuckte mit den Achseln und fuhr fort, ohne stehenzubleiben, auf und
ab zu gehen. Das junge Mädchen machte noch ein paarmal den Versuch zu
plaudern, aber immer kürzer wurden diese Versuche und schliesslich schwieg
sie ganz, wie ein verdorbenes Spielzeug, und als ihre Stimme wieder
erklang, war sie leise und traurig. Ohne den Hut abzunehmen, setzte sie
sich tiefer ins dunkel gewordene Zimmer hinein und sagte, als klage sie
sich selbst ihr Leid:
»Wie lange ist es schon seit unserer Aufführung her! Entsinnen Sie sich?
Ihr Auftreten . . . Wie vieles hat sich seither geändert! Sie sind nicht
mehr derselbe, ich auch nicht, alle nicht . . . Ich kannte Sie damals noch
so wenig. Sie können sich nicht vorstellen wie gut ich Sie verstehe, viel
besser, als Kostja! Sie glauben nicht? Weshalb stellen Sie sich an, als
merkten Sie nichts? Würde es Ihnen Vergnügen machen, wenn ich Ihnen das
sagen würde, was zuerst zu sagen für eine Frau als erniedrigend gilt? Sie
quälen mich, Sergej Pawlowitsch!«
»Sie übertreiben alles furchtbar, Nastasja Maximowna: mein
Nicht-verstehen-wollen, wie meine Eigenliebe und vielleicht auch Ihre
Gefühle für mich . . .«
Sie stand auf und sagte klanglos:
»So? Es kann sein . . .«
»Sie gehen?« wurde er unruhig.
»Ja, ich muss mich zum Mittagessen umkleiden. Sie speisen nicht mit uns?«
»Ja, ich habe eine Einladung zu Bekannten.«
»Mit Kostja zusammen?«
»Nein. Weshalb?«
Sie ging nicht und blieb am Tisch mit den Zeitschriften stehen.
»Sie werden noch zu ihm auf sein Zimmer gehen?«
»Nein, ich fahre gleich.«
»So? Nun, auf Wiedersehen! Und ich liebe Sie -- das ist's!« setzte sie
plötzlich hinzu, und wandte sich ab. Als er in der Dunkelheit, in der man
seine Züge nicht unterscheiden konnte, schwieg, sagte sie schnell, wie mit
lachender Stimme: »Nun, sind Sie zufrieden?«
»Finden Sie, dass das der passende Ausdruck ist?« sagte er und beugte sich
über ihre Hand.
»Auf Wiedersehen . . . Gehen Sie jetzt,« murmelte sie, das Zimmer
verlassend.
Sergej machte Licht und ging, lustig etwas vor sich hinpfeifend, in Kostjas
Zimmer.
* * * * *
Der General kam in grosser Aufregung herein, er hielt eine Zeitung in der
Hand; Tante Paula folgte ihm auf dem Fusse, mit ihrem schwarzen
Seidenkleide rauschend.
»Beruhige dich, Maxim, jetzt kommt das so häufig vor, man gewöhnt sich fast
daran. Natürlich ist es fürchterlich, aber was ist dabei zu machen? Niemand
vermag seinem Schicksal zu entrinnen.«
»Nein, Paula, ich kann mich nicht beruhigen: nur die Mütze ist
übriggeblieben und ein blutiger Brei von Gehirn an der Mauer. Armer Lew
Iwanowitsch!«
»Denk nicht daran, Bruder! Morgen lassen wir in der Kirche des
Apanagendepartements eine Seelenmesse lesen. Denk nicht daran, schone dich:
Du hast selbst einen Sohn und eine Tochter.«
Der General war ganz rot im Gesicht, er liess sich auf mir nieder. Die
Zeitung entglitt seinen Händen, die alte Dame hob sie schnell auf, legte
sie recht weit von ihrem Bruder fort, und begann hastig von etwas anderem
zu sprechen:
»Nun, hast du den Ring gefunden?«
Der General wurde wieder unruhig:
»Nein, nein! Das beunruhigt mich auch noch fürchterlich.«
»Entsinnst du dich, wann du ihn zum letztenmal gesehen hast?«
»Ich zeigte ihn heute morgen, hier, auf dieser selben Chaiselongue, Sergej
Pawlowitsch: er interessierte sich so für den Ring . . . Dann schlummerte
ich ein; und ich erinnere mich, dass der Ring schon nicht mehr da war, als
ich aufwachte . . .«
»Hast du ihn vom Finger gezogen?«
»Ja . . .«
»Das war nicht vernünftig von dir! Ausser seinem realen besitzt der Ring
doch einen unschätzbaren Wert als Familienstück.«
»Das ist geradezu das Vorzeichen eines Unglückes.«
»Wollen wir hoffen, dass der Tod von Lew Iwanowitsch eine genügend
unglückliche Botschaft ist, um das ganze Unheil zu erschöpfen.«
Der General begann wieder zu seufzen. Paula Petrowna konnte sich nicht
enthalten zu sagen:
»Wenn dieser Pawilikin nur nicht den Ring mitgenommen hat? Er ist fähig so
etwas zu tun!«
»Wozu? Um ihn sich anzusehen? Ja, aber er hat ihn auch so schon betrachtet
und fragte mich wieviel die Antiquitätenhändler dafür geboten haben usw.«
»Er kann ihn ja auch einfach so genommen haben.«
»Das heisst, du meinst er hat ihn gestohlen?«
Paula Petrowna hatte keine Zeit zu antworten, da Nastja, die hastig und
erregt ins Zimmer getreten war, ins Gespräch fiel.
»Papa!« sagte sie laut: »Sergej Pawlowitsch hält um meine Hand an. Ich
hoffe, du bist nicht dagegen?«
»Nicht jetzt, nicht jetzt!« wehrte er ihr mit den Händen ab.
»Weshalb? Was sind das für Ausflüchte? Du kennst ihn gut genug,« sagte
Nastja und wurde rot.
Paula Petrowna warf, aufstehend, dazwischen:
»Ich habe auch eine Stimme und protestiere überhaupt gegen eine solche
Verbindung, und fordere in jedem Falle, dass die Frage aufgeschoben wird
bis sich Maxims Ring wiedergefunden hat.«
»Was für eine Beziehung hat Papas Ring zu meinem Bräutigam?« fragte das
junge Mädchen hochmütig.
»Wir glauben, dass Sergej Pawlowitsch den Ring hat.«
»Sie glauben, dass er einen Diebstahl verübt hat?«
»Ja, so etwas in der Art.«
Nastja wandte sich an den General, ohne der Tante zu antworten, und fragte:
»Du glaubst also auch an dieses Märchen?«
Der Vater schwieg. Sein Gesicht rötete sich noch mehr.
Das junge Mädchen wandte sich wieder an Paula:
»Weshalb treten Sie zwischen uns? Sie hassen Sergej . . . . Sergej
Pawlowitsch und denken sich allerhand Unsinn aus! Sie säen Zwietracht
zwischen Kostja und Papa. Was wollen Sie von uns?«
»Nastja, werde nicht frech, unterstehe dich nicht!« rief der Vater, nach
Luft ringend.
Nastja hörte nicht auf ihn.
»Weshalb regst du dich so auf? Weshalb kannst du dich nicht gedulden, bis
diese Geschichte sich aufgeklärt hat? Es ist das ganz prinzipiell,
begreifst du?«
»Ich begreife, dass mein Bräutigam einer ähnlichen Handlung überhaupt nicht
verdächtigt werden darf!« schrie Nastja, der General sass stumm da, die
Röte in seinem Gesichte wurde immer tiefer.
»Du fürchtest dich vor der Wahrheit?«
»Es kann nur eine Wahrheit geben und ich kenne sie. Und ich rate Ihnen sich
unserer Ehe nicht zu widersetzen: das wird für Sie selbst nur schlimmer
sein!«
»Du meinst?«
»Ich weiss es!«
Paula sah sie durchdringend an.
»Ist denn Eile geboten?«
»Welch eine Gemeinheit! Kostja!« stürzte das junge Mädchen zum eintretenden
Studenten. »Lieber Kostja, sei du Richter! Sergej Pawlowitsch hält um meine
Hand an, und Vater, der ganz unter dem Einflusse von Tante Paula steht,
gibt nicht seine Einwilligung, bevor sich die Frage aufgeklärt hat, wo sein
Ring hingekommen ist.«
»Zum Teufel auch! Ihr beschuldigt doch nicht gar Pawilikin des Diebstahls?«
»Ja,« versetzte die alte Dame boshaft. »Du trittst natürlich für ihn ein,
du wirst den Ring auslösen. Ich weiss auch einiges von dir! Ich kann in
meinem Zimmer hören, wie die Tür knarrt, wenn du deinen Freund hinauslässt
und was dabei gesprochen wird. Sei dankbar, dass ich schweige!«
In meinem ganzen Leben habe ich keinen solchen Skandal, keine solche
Schimpferei gehört. Kostja schlug mit der Faust auf den Tisch und brüllte,
Paula verlangte Achtung vor dem Alter; Nastja sprach hysterisch . . . Aber
plötzlich verstummten alle, weil Stimmen, Schrei und Lärm von einem
unartikulierten Laut übertönt wurden, welchen der General ausgestossen
hatte, der, nachdem er die ganze Zeit geschwiegen, eben aufgestanden war.
Dann sank er schwer zurück, wurde blaurot im Gesicht und begann zu röcheln.
Paula stürzte zu ihm.
»Was ist mit dir, Maxim, Maxim?«
Der General röchelte nur, die weissen Augäpfel verdrehend, und war schon
ganz blau.
»Wasser! Wasser! Er stirbt! Ein Schlag!« flüsterte die Tante, aber Nastja
schob sie beiseite und sagte:
»Lassen Sie, ich werde ihm selbst den Kragen aufknöpfen,« und liess sich
vor mir auf die Knie nieder.
* * * * *
Sogar in mein Zimmer drang der Geruch von Weihrauch und der Kirchengesang
von der Seelenmesse des alten Generals herüber. Mitunter schien es mir, als
werde mir selbst das Sterbelied gesungen. O wie nah war ich der Wahrheit!
Als die jungen Leute ins Zimmer traten, sagte Pawilikin, die unterbrochene
Unterhaltung fortsetzend:
»Und heute, da erhalte ich von Paula Petrowna folgende Zuschrift,« und er
begann den aus der Tasche gezogenen Brief vorzulesen:
»Sehr geehrter Herr, Sergej Pawlowitsch! Aus Gründen, die -- scheint mir --
Ihnen zu erklären weiter nicht nötig ist, halte ich Ihre Besuche in diesen,
für unsere Familie so schweren Tagen für unangebracht, und ich hoffe, Sie
werden nicht verfehlen Ihre Führung mit unserem gemeinschaftlichen Wunsche
in Einklang zubringen. Die Zukunft selbst wird zeigen, wie weit die
früheren Beziehungen möglich sein werden, aber ich kann Sie versichern,
dass meine Nichte, Anastasia Maximowna, im gegebenen Falle mit mir ganz
solidarisch ist. Genehmigen Sie usw.«
Er sah Kostja fragend an und der bemerkte:
»Weisst du, von ihrem Standpunkte hat Tante recht, und ich weiss überhaupt
nicht, wie meine Schwester dir antworten wird.«
»Aber du gibst doch zu, solche nichtige Gründe! . . .«
»Das heisst, der Tod meines Vaters?«
»Ja, aber ich trage doch keine Schuld daran!«
»Selbstredend . . . Ich las da neulich das Märchen aus >Tausendundeiner
Nacht<, wo ein Mensch mit Dattelkernen warf, -- eine durchaus harmlose
Beschäftigung -- er traf aber den Sohn eines Geistes ins Auge und lud eine
Reihe von Missgeschicken auf sich. Wer kann die Folgen von Kleinigkeiten
vorausbestimmen?«
»Wir aber werden doch miteinander verkehren?«
»Oh, zweifelsohne! Ich werde jetzt nicht mehr mit meiner Familie
zusammenleben und du wirst mir immer willkommen sein. Das ist dauerhafter,
als die Verliebtheit eines Mädchens aus dem Fräuleinstift.«
»Und wird auch durch Dattelkerne nicht gefährdet?«
»Das ist's.«
Sergej umarmte den jungen Gambakow und sie verliessen zusammen das Zimmer.
Ich habe Pawilikin nicht wiedergesehen, wie ich überhaupt nur wenige Leute
sah, die uns in meinen letzten Ehrentagen aufsuchten.
* * * * *
Frühmorgens kamen Männer in hohen Stiefeln und hoben mich auf, nachdem sie
Paula Petrowna gefragt hatten: »Diese hier?« Der Älteste von ihnen fragte
immer wieder ob es nicht noch etwas zu verkaufen gäbe, als seine Frage
verneint wurde, folgte er den anderen Männern.
Wie sie mich auf die Seite kehrten, um mich durch die Tür zu tragen, rollte
etwas auf den Fussboden, von dem -- der Sommer war schon nahe -- die
Teppiche bereits entfernt worden waren. Einer von den Männern, die mich
trugen, hob den heruntergefallenen Gegenstand auf und reichte ihn der alten
Dame mit den Worten:
»Ein Ringchen! Haben es mal aufs Couchettchen fallen lassen und da ist es
denn hinter den Bezug geglitten.«
»Es ist gut. Danke!« sagte Tante Paula, erbleichend, und ging aus dem
Zimmer, nachdem sie hastig den Ring mit dem stachelbeergrossen Smaragd in
ihr Ricule gesteckt hatte.