Viele Tage dauerte noch dieser Kampf, und der Kranke wiederholte, mehr als
einmal: »Ich kann nicht mehr: es geht über meine Kraft!« und das heimlich
an ihm nagende Leiden hatte sein früher blasses Gesicht erdfahl gemacht.
Dunkle Schatten umrandeten seine Augen und die Stimme kam wie aus
ausgedörrter Kehle. Er schlief keine Nacht und quälte den stummen Knaben
mit seiner Angst.
Eines Morgens erhob er sich vor Sonnenaufgang und verlangte Hut und Mantel,
als mache er sich auf den Weg. Der Alte unterdrückte jede Frage, und bloss
seinen Blick beantwortend, befahl Florus:
»Du wirst mir folgen!«
Der Gang des Herrn war wieder frei und leicht; auf den eingefallenen Wangen
röteten sich wieder Rosen. Sie entfernten sich durch Strassen und über
Plätze weit von Hause, ohne dass der Sklave den Zweck des Ganges zu erraten
vermochte. Schliesslich, wie sie haltmachten, als hätten sie das Ziel
erreicht, entschloss er sich zu fragen:
»Du wirst hier eintreten, Herr?«
»Ja.«
Die Stimme des Florus klang sorglos. Sie betraten das Gefängnis. Da man
Florus als reichen und vornehmen Mann kannte, so gestattete man ihm, ohne
Schwierigkeiten, wenn auch gegen Entgelt, sich zu überzeugen, ob unter den
Eingekerkerten sich nicht sein, angeblich vor kurzem entlaufener Sklave
befände. Schnell und aufmerksam durcheilte er das Gefängnis bis hinab zum
letzten Kellerverlies. Er suchte mit einem Blicke, als hätten seine Augen
das alles schon früher gesehen. Atemlos fragte er:
»Sind alle Sträflinge hier? Es gibt keine mehr?«
»Mehr sind keine da, Herr. Gestern ist einer entflohen . . .«
»Entflohen? Sein Name?«
»Malchus.«
»Malchus?« wiederholte er, aufhorchend. »Helle Augen, gebräunte Haut,
schwarzhaarig?« fragte Florus erfreut.
»Ja, du hast recht, Herr,« nickte der Gefängniswärter mit dem Kopfe.
Als Ämilius Florus aus dem Gefängnis trat, war er heiter, wie nie zuvor, er
plapperte wie ein Kind, seine Augen, die die dunklen Schatten nicht
verloren hatten, glänzten.
»Mein alter Mummus, sieh nur: war jemals der Himmel so sanft, so lieblich
die Bäume und Blumen?! Wir wollen zu Fuss auf mein Landgut gehen: wilde
Kirschen werd ich essen und Milch trinken geradewegs aus den Eutern der
Kühe. Sanft werden die Tage verrinnen! Du wirst mir ein Mädchen
verschaffen, das nach Gras, Ziegen und etwas auch nach Lauch riecht, den
stummen Lukas nehmen wir nicht mit aufs Land. Ach, alter Mummus, bin ich
nicht gesund, wie jemals? Die Wolken -- als sei es Frühling, als sei es
Frühling!«