Kapitel XV.
Unser letzter Zeltplatz an der Ostküste. Erste Wanderung auf dem
Inlandseise.
Früh am Abend, ungefähr um 8 Uhr, landeten wir endlich in dichtem
Nebel bei unserm letzten Zeltplatz an der Ostküste von Grönland. Im
selben Augenblick, als ich den Fuß ans Land setzte, stieg ein Schwarm
Schnepfen auf und ließ sich gleich wieder auf einem Stein ganz in
unserer Nähe nieder. Mit einem Schuß erlegte ich vier dieser leckeren
Vögel; das war ein guter Anfang.
Balto war so muthig und obenauf, daß er, kaum an Land gekommen, die
große Sünde beging, einen der Pfarrer in Finmarken in einer längeren
Messe nachzuahmen, was ihm vorzüglich gelang; er würde es jedoch
niemals gethan haben, wenn er seines Lebens nicht ganz sicher gewesen
wäre. Heute leistete er sich auch sogar einen kleinen Fluch, was seit
langer Zeit nicht mehr vorgekommen war. Ja, er lieferte Ravna sein
neues Testament in lappländischer Sprache zurück, das er von diesem
geliehen und für ihn aufbewahrt hatte. Er meinte, jetzt habe er keine
Verwendung mehr dafür. Als Sverdrup ihm sagte, er solle seiner Sache
nur nicht gar zu sicher sein, es wäre noch mancher harte Strauß zu
bestehen, ehe er die Westküste erreichte, wurde er doch ein wenig
bedenklich und hielt mit dem Fluchen inne. Wir hatten nach und nach
eine gute Uebung im schnellen Löschen unseres Bootes erlangt, niemals
aber haben wir schneller gelöscht als an diesem Abend. Es lag ein
fröhlicher Eifer in allem, was wir vornahmen, und derselbe wurde noch
gesteigert durch mein Versprechen, Kaffee zu kochen.
In meinen Tagebuchaufzeichnungen von diesem Tage heißt es u. a.
folgendermaßen: „Während die Boote geleert wurden, machte ich mich
ans Kaffeekochen. (Es war die zweite warme Mahlzeit in den zwölf
Tagen, die wir an der Ostküste zugebracht hatten.) Der Kaffee und das
Abendessen wurden auf den Felsklippen unten bei den Böten in heiterster
Stimmung eingenommen, -- selbst die Lappen waren vergnügt. Wir hatten
das Gefühl, einen Bestimmungsort erreicht und eine Schwierigkeit
überwunden zu haben. Freilich stand uns der beschwerlichste Theil der
Reise noch bevor, aber da war festerer Grund für unsere Schritte,
sicheres Eis für unsere Berechnungen, -- keine treibenden Eisschollen,
keine Böte, die jeden Augenblick zerschellen konnten. Besonders für
die Lappen war das Inlandseis mit seinen Schneefeldern heimischer als
das wandelbare Treibeis. Die Landschaft, die uns umgab, würde nicht
jedem Auge so schön erschienen sein wie dem unsrigen. Es waren graue
Gneisfelsen, auf denen wir saßen, und zu beiden Seiten waren wir von
Eisgletschern umgeben, die direkt ins Meer hinausgingen. Der Nebel
hatte sich ein wenig verzogen, so daß auch der Berg (Kiatak) wenigstens
theilweise sichtbar wurde. Auf dem Wasser schwammen hie und da einige
Stücke Gletschereis. Es war eine Mischung von Grau und Weiß, hin und
wieder von Blau unterbrochen, -- graue Luft, bleigraues Meer mit
weißen Eisschollen und graue Felsen mit weißem Schnee rings umher und
dann ein klein wenig Blau in den Schluchten der Gletscher oder in dem
Gletschereis draußen auf dem Wasser. Aber in unsern Herzen war kein
Grau!“
Mit eigenthümlich frohen Empfindungen legten wir uns an jenem Abend
schlafen, nachdem wir ziemlich hoch am Berg hinauf einen passenden
Zeltplatz gefunden hatten.
[Illustration: Aussicht gegen Osten von unserem letzten Zeltplatz
an der Ostküste. Kiatak. Am Morgen des 11. August. (Nach einer
Photographie.)]
Der 11. August brach mit dem herrlichsten Wetter an. Von dem Platz
vor dem Zelt sah man das blaue Meer sich im Sonnenschein bis an den
Horizont erstrecken, nur hie und da schwammen weiße Eisberge auf der
kaltblauen Tiefe, über welcher die vom schwachen Morgenwinde erregten
Wogen in der Sonne spielten und glitzerten. Im Süden sahen wir die
Kolberger-Heide mit ihren Schnee- und Eismassen und ihren unzähligen
Nunataks aus dem Meere aufragen. Vor uns im Osten erhob der +Kiatak+
seine gewaltige Kegelform von der blauen Tiefe bis zu dem wolkenfreien,
klaren Augusthimmel. Von diesem Steinriesen aus und überall nach Norden
hin breitete das Inlandseis seine weißen Massen gegen den Horizont. Zu
unterst werden diese Massen immer blauer, zerrissener und zerklüfteter,
bis sie in einer hohen, zersplitterten Eiswand unten an der See enden.
Von diesen tiefblauen Eiswänden stammen die vielen Eisstücke, die rings
umher auf dem Meere schwimmen, und die mit donnerähnlichem Getöse
herabstürzen. Ganz oben aber wölbt sich das Eis gleich einer einzigen
weißen Fläche, die nur hie und da von einzelnen tiefblauen Spalten
durchfurcht wird; schließlich verliert man sie aus den Augen, weiß und
fast warm hebt sie sich von der bläulichgrünen Farbe des Himmels ab.
Nicht viele Laute vernimmt man in dieser Natur. Nur die schrillen
Schreie der Seeschwalbe dringen an dein Ohr, während du dort stehst,
überwältigt von der großartigen, aber noch sterilen Schönheit dieser
Natur. Von Zeit zu Zeit vernimmt man ein Getöse, das eine täuschende
Aehnlichkeit mit Kanonenschüssen hat, -- es ist das Krachen des
Gletschereises, in dem sich ein neuer Riß bildet, oder das eine kleine
Bewegung nach dem Meere zu macht. Vergißt man einen Augenblick, wo man
ist, oder hört man dies Getöse des Morgens im Halbschlaf, so kann man
sich gar leicht davon täuschen lassen.
Doch die Sonne ruft uns zur Arbeit, -- da heißt es, das Frühstück in
aller Eile einnehmen. Die meisten Mitglieder der Expedition werden
sofort dabei angestellt, den Rost von den Schlittenschienen und später
auch den von dem Stahlbeschlag der Schneeschuhe abzukratzen. In ihrem
jetzigen Zustand, von Seewasser und Feuchtigkeit arg mitgenommen,
würden wir nicht weit damit kommen. Dietrichson soll eine Karte über
die Bucht, die Landzunge und die nächsten Theile des Inlandseises
aufnehmen, während Sverdrup und ich unsere erste Wanderung über das
Inlandseis vornehmen. Wir mußten ja untersuchen, ob hier vorwärts
zu kommen war, sowie wo es am besten war anzufangen. Ich kann nicht
leugnen, daß wir vor Ungeduld brannten, einen ersten Blick über diese
~terra incognita~ zu werfen, die wohl noch kein menschlicher Fuß
betreten hatte. Es mußten jedoch verschiedene Vorbereitungen gemacht
werden, ehe wir fortkommen konnten; heute, wo die Sonne schien, mußten
wir allerlei astronomische Observationen anstellen, auch einige
photographische Aufnahmen ließen sich vorzüglich bei diesem Wetter
machen. Endlich, als die Sonne den Meridian passirt hatte und wir die
Mittagshöhe gemessen hatten, waren wir fertig. Der Futtersack ist
geschnürt, ein Alpenseil und Eisäxte haben wir auch, und so ziehen
wir von dannen, den Felsabhang (ich habe ihn +Nordenskjöld Nunatak+
genannt) hinan, der sich vom Zelte aus eine Strecke landeinwärts
hinzieht gleich einer Insel im Inlandseise. Bald waren wir oben
angelangt. Vor uns lag eine kleine Moräne, von der wir eine gute
Aussicht über das Eis hatten. Wir sahen jetzt, daß es nicht so eben
war, wie es von der See aus schien, zahlreiche Risse durchfurchten die
weiße Oberfläche nach allen Richtungen hin. Vor allem war dies der Fall
über den beiden Eisströmen oder Gletschern, die sich zu beiden Seiten
vor uns ausbreiteten, der eine nach Norden, der andere nach Süden zu.
Nachdem wir den nördlichen Gletscher untersucht und seine Oberfläche
als ganz unpassirbar befunden hatten, sahen wir ein, daß wir nur
zwischen den beiden Gletschern an dem Rücken entlang kommen konnten.
Eine ganze Strecke gelangten wir auch über spaltenfreies Eis vorwärts.
Im Anfang war das Eis hart und holperig, es hatte eine scharfe, rauhe
Oberfläche, die unter den Füßen knirschte und unsere Stiefelsohlen
ganz unbarmherzig mitnahm. Später kamen wir an etwas weicheren, aber
nassen, körnigen Schnee, wo der Fuß ein wenig versank. Es währte jedoch
nicht lange, bis wir auf Risse stießen; im Anfang waren es ganz kleine,
unschuldige, die wir mit Leichtigkeit überschritten, bald aber wurden
sie breiter und, wie es schien, bodenlos. Wir konnten nicht einmal
darüber hinwegspringen, sondern mußten um die Risse herumgehen, und auf
diese Weise gingen wir bald links, bald rechts.
Bekanntlich laufen die Risse gewöhnlich quer über die Richtung,
in welcher die Eisströmung sich vorwärts schiebt. Sie entstehen
dadurch, daß die Eismassen sich über Erhöhungen und Unebenheiten
des untenliegenden Terrains wölben, wodurch natürlich die untersten
Schichten des Gletschers zusammengepreßt werden, während der Schnee
oder das Eis in den oberen Schichten von einander gerissen wird und
bis ganz an den Grund berstet, hierdurch wird ein Riß gebildet, der
sich an der Erhöhung entlang zieht, über die der Gletscher sich bewegt.
Allmählich, je mehr die Bewegung vorwärts schreitet, bilden sich neue
Risse, die alle ungefähr in derselben Richtung laufen.[1]
Eine ganze Weile ging alles gut, theils konnten wir uns am Rande der
nördlich laufenden Risse halten -- es war kein weiterer Umweg für
uns --, theils waren sie nicht sonderlich lang. Sie wurden zum Theil
schmäler, so daß wir darüber hinwegspringen oder sie umgehen konnten.
Häufig gingen wir auch darüber hinweg über hohle Eisbrücken oder
schmale Eisstreifen, die sich dadurch gebildet hatten, daß das Eis
nicht ganz geborsten war, sondern daß ein Eisstreifen von einem Rande
zum andern hängen blieb und eine schmale, schräge Brücke bildete,
von der herab man zu beiden Seiten in die blaue, bodenlose Tiefe
hinabschauen konnte. So lange die Schneeschicht auf dem Eise dünn war,
gab es keine Gefahr, man konnte sehen, wo fester Grund für den Fuß
war, und wo man sich in Acht nehmen oder sich beeilen mußte. Das Seil
trugen wir um den Leib geknüpft, es mußte ganz stramm gehalten werden,
damit wir uns gegenseitig beim Hindurchfallen oder Ausgleiten stützen
und halten konnten.
Allmählich, als wir weiter kamen, nahmen jedoch die Schneemassen auf
dem Eise zu, wir versanken in dem nassen, körnigen Schnee bis über die
Knöchel, das Gehen wurde beschwerlich, und der Schnee lag verrätherisch
bis über den Rand der Spalten, ja, er verdeckte sie zuweilen völlig, so
daß sie wie eine ebene Fläche aussahen. Wir mußten vorsichtig tasten
und überall mit unsern Stöcken in den Schnee stechen, sonst wären wir
gar bald auf hohlen Grund gerathen, wo nur eine dünne Schneeschicht
uns von der Tiefe trennte, in die der Stab bei dem geringsten Druck
versank. Sobald wir dies fühlten, zogen wir uns schleunigst zurück oder
machten auch einen verzweifelten Schritt vorwärts, soweit die kurzen
oder langen Beine es gestatteten, um wenn möglich auf der andern Seite
festen Grund und Boden zu erreichen, während der Kamerad sicheren
Halt zu gewinnen sucht und das Seil sicher faßt, um einen genügenden
Widerstand leisten zu können, falls die Schneekruste bersten sollte.
Keiner von uns Beiden erlitt einen schlimmen Fall; ein paarmal sah es
freilich böse aus, wir sanken bis unter die Arme durch den Schnee und
fühlten die Beine in dem leeren Raum unter uns baumeln. Da dies auf die
Dauer weniger angenehm war, suchten wir natürlich so bald wie möglich
aus diesem Terrain zu gelangen, und nahmen unsern Kurs weiter südwärts,
wo weniger Schnee lag und wo die Risse nicht so zahlreich waren. Da
wir hier nicht so vorsichtig zu sein brauchten als bisher, kamen wir
nun eine ganze Strecke lang schneller vorwärts. Allmählich hörten
die Spalten fast ganz auf, dafür aber lag hier der nasse, körnige
Schnee tiefer denn je zuvor, und es war unglaublich schwer, sich
hindurch zu stampfen, denn wir versanken bei jedem Schritt bis weit
über die Knöchel. Wir bereuten es jetzt bitter, daß wir keine Skier
oder indianische Schneeschuhe mitgenommen hatten. Unsere norwegischen
„Truger“ hatten wir freilich auf dem Rücken, doch konnten uns die
nicht nützen, da sie zu klein waren, um uns bei der Beschaffenheit des
Schnees oben zu halten.
[Illustration: Plötzliches Fallen durch den eine Spalte verdeckenden
Schnee.
(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)]
Die Steigung war ziemlich eben gewesen, seit wir in einer Höhe von ca.
125 ~m~ den festen Berg verließen. Vor uns im Nordwesten (rechtweisend)
lag eine Höhe, von der wir die gewünschte Aussicht über das Eis
haben zu müssen glaubten, falls wir nur dahin gelangen konnten. Wir
schickten sehnsuchtsvolle Blicke hinauf, aber der Weg war lang und die
Beschaffenheit des Weges, wie gesagt, niederträchtig. Indessen sind
die Magen leer genug geworden, und die Sonne steht westlich genug, um
uns an unsere materiellen Bedürfnisse zu mahnen. Wir legen die aus
Weidenzweigen geflochtenen Truger auf den Schnee, stampfen ein Loch
vor denselben und bilden uns so einen einigermaßen trocknen und warmen
Sitz im Sonnenschein. Es war eine wahre Wonne, auf diese Weise ein
wenig Ruhe genießen zu können, wir hieben kräftig auf unsern Pemikan
und unsere Biskuits ein, warfen einen Blick auf die Landschaft um uns
her und genossen den wolkenlosen Himmel und das strahlende Wetter.
Nur blendet uns der Sonnenschein, der von der weißen Schneefläche
zurückgestrahlt wird, sehr. Leider haben wir die Schneebrillen im Zelt
vergessen und können daher nichts gegen diese Unannehmlichkeit thun.
Vor uns im Süden wölbt der breite Eisstrom seine zerrissene und
durchfurchte Oberfläche bis zur See hinab, wir wissen, daß sich dort
weiter nach unten zu einige Felskuppen befinden sollen, aber sie
sind jetzt unserm Blick entzogen, und wir sehen nur das Meer, das
dahinter liegt und seine blaue Fläche bis an den Himmelssaum erstreckt.
Eigentliches Treibeis ist nicht zu erblicken, nur zerstreute Eisstücke,
die hauptsächlich von den Gletschern herstammen. Welche Veränderung
in den wenigen Wochen, die verstrichen sind, seit wir hier auf einer
Eisscholle vorübertrieben. Damals lag das Treibeis von der Küste an 5
bis 6 Meilen ins Meer hinaus so dicht, daß nicht einmal unsere kleinen
Böte hindurchkommen konnten, und jetzt hätte die größte Escadre überall
ohne Schwierigkeit landen können, ja selbst ohne ein Eisstück zu
berühren.
Aber der Mittag ist verstrichen, und wir haben keine Zeit zu verlieren,
wenn wir die Höhe noch vor Sonnenuntergang erreichen wollen; um die
Zeit sieht man in größeren Entfernungen über die Schneeflächen am
schärfsten.
Wir stampfen deswegen weiter mit erneuten Kräften, die nur Speise
und Ruhe zu verleihen vermögen. Die Bodenbeschaffenheit wird immer
ungünstiger. Eine etwas härtere Kruste, die oben auf lag und ein
Ueberrest früherer Nachtfröste war, ermüdete uns sehr, indem wir
unbarmherzig hindurchfielen, sobald wir den Fuß aufsetzten, und wenn
wir ihn wieder erheben wollten, hing sie sich an den Knöcheln fest.
Diese entsetzliche Beschaffenheit des Schnees kann den Stärksten
erschöpfen, und wir empfanden das um so mehr, als unsere Beine völlig
außer Training waren. Seit Monaten hatten sie nicht die geringste
Bewegung gehabt, abgesehen von den vereinzelten Fällen, wo wir die Böte
durch das Treibeis gezogen hatten. Unsere Muskeln über den Knien und in
den Waden schmerzten gehörig.
Aber unbarmherzig ging es weiter. Wir mußten alle Kraft daran setzen,
um so bald wie möglich auf die Höhe hinauf zu kommen, denn es sah so
aus, als wenn wir Regen und bedeckte Luft bekommen könnten, wenn wir
uns nicht sehr beeilten. Die Luft an dem höchsten Rücken entlang nahm
bereits eine unheimlich graue, wollige Farbe an. Wir verdoppelten
unsere Anstrengungen, und verlängerten unsere Schritte so viel wie
möglich. Endlich, nachdem wir einmal über das andere geglaubt hatten,
daß wir am Ziele seien, es aber immer wieder hinter einer Höhe hatten
emporragen sehen, kamen wir auf den Gipfel der erstrebten Höhe, -- aber
ach! das Leben ist reich an Enttäuschungen! Wenn man einen Höhenrücken
erreicht hat, liegt stets noch einer dahinter, der höher ist und die
Aussicht versperrt, aber wir mußten auch dahin. Freilich konnten wir
annehmen, daß wir während der zwei Meilen, die wir gegangen waren, das
schlimmste Eis schon überwunden hatten, aber es konnte noch schlimm
genug aussehen. Also vorwärts, so schnell die Beine uns tragen wollten,
dem höchsten Punkt des Bergrückens zustrebend. Dort scheinen viele
Risse zu sein, aber sie sind wohl nicht unüberwindlich. Während ein
leichter Staubregen herabfiel, erklommen wir den ziemlich steilen
Abhang, es geht schwerer denn je; wir sinken jetzt bis an die Schenkel
in den Schnee, es hilft nichts, daß Regen und Wolken noch so sehr
drohen, wir müssen hin und wieder anhalten und ein wenig uns verpusten,
denn wir sind todtmüde. Diesmal sieht es jedoch wirklich aus, als
wenn wir uns nicht getäuscht haben, -- wenn nur der Regen nicht alles
in einen grauen Schleier hüllt, werden wir von oben schon eine gute
Aussicht haben. Eine Strecke lang können wir schon sehen, ja ich
entdecke sogar einen einzelnen mir bis dahin unbekannten Nunatak. Immer
begieriger schreiten wir von dannen.
Endlich standen wir auf dem Gipfel und wurden nun reich belohnt für
alle Mühe und alle Widerwärtigkeiten. In ihrer ganzen weißen Majestät
lag die Fläche vor uns da. Der Regen fiel freilich noch immer wie ein
feiner Staub, aber es war uns doch möglich, alle wünschenswerthen
Details zu erkennen, selbst die ziemlich entfernt gelegenen. Die ganze
Fläche schien eben und ohne Risse zu sein ganz bis an den Horizont
hinan. Darauf waren wir auch vorbereitet gewesen; was uns aber
überraschte, waren die unzähligen kleinen und großen Nunataks, die über
dem Schneemeer emporragten, selbst ganz weit ins Land hinein. Viele
von ihnen waren ganz weiß und mit Schnee bedeckt, an einigen Stellen
jedoch sahen dunkle, nackte Felsköpfe und Höhen aus dem Schnee hervor
und bildeten einen scharfen Kontrast zu dieser blendend weißen Farbe,
den Augen einen wohlthuenden Ruhepunkt bietend. Besonders zeichnete
sich ein kleiner Nunatak ganz im Hintergrunde durch sein Aussehen und
seine Lage aus. Wir nannten ihn die „Jungfrau“. Weshalb er diesen Namen
erhielt, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, vielleicht weil er so
rein und jungfräulich aussah. Nur ganz oben am Kopf schimmerte ein
klein wenig von dem dunklen Felsen hindurch, -- gewissermaßen erinnerte
seine Form auch an eine Jungfrau aus alten Tagen mit einem großen,
weißen Krinolinenrock. Hinter diesem Nunatak ragten noch ein paar
Gipfel empor, die ganz weiß waren und insofern noch mehr jungfräulich
erschienen. Wir berechneten die Entfernung bis zu den hintersten
Nunataks auf 5 bis 6 Meilen und konnten wohl kaum darauf rechnen, in
den ersten Tagen bis dahin zu gelangen. Die Steigung war freilich eben
und flach, so weit das Auge reichte, aber die Schneebeschaffenheit war,
wie wir aus Erfahrung wußten, keineswegs gut, besonders die letzte
Strecke war kaum passirbar gewesen. Wenn kein Nachtfrost eintrat, waren
die Aussichten nicht gerade verlockend. Aber das Barometer zeigte uns,
daß wir eine Höhe von über 900 ~m~ erreicht hatten, kamen wir noch ein
paar tausend Fuß höher, so konnten wir doch, wenigstens während der
Nächte, auf Frost rechnen. Arme naive Menschen, die in Grönlands Innern
nach Frost seufzten!
Aber unser Ziel ist erreicht, -- wir haben das Eis trotz Nunataks und
trotzdem es sich so direkt vom Meere aus erhob, gleich von Anfang
an passirbar gefunden, was wir kaum zu hoffen gewagt. Wir waren
hungrig geworden, der Abend brach herein, es war nicht zu früh, uns
abermals auf unsere Truger zu setzen und den Proviantsäcken ihr Recht
widerfahren lassen.
Nachdem die Abendmahlzeit eingenommen war, galt es an den Rückweg
zu denken. Wir sind wenigstens 2 Meilen vom Zelt entfernt. Es war
wenig Grund vorhanden, denselben Weg einzuschlagen, den wir gekommen
waren, -- wir befanden uns ja auf einer Rekognoscirung und mußten
deshalb untersuchen, ob ein Vordringen von einer anderen Seite nicht
leichter für die Expedition sein werde. Wir hielten es für sehr leicht
möglich, daß wir von dem Berge, der jetzt südlich vor uns lag, (auf
+Jensens Land+) gut auf das Eis gelangen müßten. Man konnte hier hoch
emporsteigen, hatte festen Grund und vermied dadurch einen Theil des
schwierigsten Eises. Es war freilich ein wenig spät, um neue Wege
auszuprobiren, aber das half nichts, Klarheit mußten wir haben, da
mußte die Nacht mit zur Hülfe genommen werden.
Da der Schnee hier oben loser und höher denn je lag, schnallten wir
unsere Truger unter die Füße und versuchten, ob das nicht helfen könne,
und wirklich, es ging bedeutend leichter. Mit erneuten Kräften traten
wir den Rückweg an, uns in südlicher Richtung auf den Berg zu haltend.
Es dunkelte jedoch schnell, und wir waren noch nicht weit gekommen,
als es unheimlich schwer wurde, die Risse im Eis in der Entfernung
zu erkennen. Es waren deren allerdings noch nicht viele, aber wir
mußten darauf vorbereitet sein, sie bald in Unmenge zu treffen. Da
galt es denn, sich längs dem Gipfel des Höhenrückens zu halten, der
die Senkungen trennt, die zu beiden Seiten liegen. Hier kann man
darauf rechnen, einigermaßen sicher zu gehen. Eine ganze Strecke
geht alles gut, der Weg wird auch besser, ja so gut, daß +Sverdrup+
die Truger abschnallt. In nicht allzu weiter Entfernung sehen wir
schon den Berg, wo wir Wasser zu finden hoffen und wo wir Rast machen
wollen, um unsere müden Glieder auf dem kahlen Fels auszustrecken.
Wir sehnten uns unsagbar danach, festen Boden unter den Füßen zu
verspüren, und das konnte nicht so übermäßig lange mehr währen. Aber
wie oft täuscht man sich nicht in seinen Berechnungen, wenn man es
mit Eis zu thun hat, es mag nun Treibeis oder Inlandseis sein. Wir
waren noch nicht weit gegangen, als wir anfingen zu ahnen, daß unser
Ziel zu erreichen dennoch „übermäßig lange“ und mehr als das währen
würde. Wir kamen nämlich an ein Terrain mit so langen und so schlimmen
Spalten, wie wir sie noch nicht getroffen hatten. Im Anfang ging es
noch einigermaßen, und auf unsern Trugern konnten wir mit größerer
Sicherheit hinüberspringen als vorhin ohne dieselben, mit größerer
Kühnheit konnte ich mich nun über die Schneebrücken wagen, da ich nicht
so leicht durchfiel. Wo die Brücken zu unsicher waren, um betreten zu
werden, wählten wir eine andere, vorsichtigere Art und Weise, indem wir
uns auf den Bauch legten und auf allen Vieren hinüberkrochen. Dadurch
erhielt der Körper eine weit größere Fläche, auf der er ruhen konnte,
und die Gefahr durchzufallen wurde bedeutend verringert.
[Illustration: Wo die Brücken zu unsicher waren, krochen wir auf allen
Vieren hinüber.
(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfasser.)]
Bald wurden indessen die Risse so breit, daß wir die Unmöglichkeit,
hinüberzukommen, einsahen, -- wir mußten sie umgehen. Und das thaten
wir denn auch im wahren Sinne des Wortes. Halbestundenlang gingen wir
neben den Schluchten her, bald unterhalb, bald oberhalb derselben, aber
sie wurden länger und länger. Schließlich kamen wir an eine Spalte,
die breiter war als alle bisherigen; daß sie ebenfalls länger war,
sollten wir auch gar bald erfahren. Wir wollten oberhalb des Risses
entlang gehen, da wir der Meinung waren, daß er sich wahrscheinlich
hier am ersten schließen würde, aber diesmal hatten wir uns gründlich
geirrt. Wir gingen weiter und weiter und entfernten uns immer mehr von
unserem Ziel, der Gipfel des Berges verschwand allmählich im Dunkel,
aber die Spalte war und blieb gleich breit. Da waren keine Brücken, und
in der Finsterniß konnten wir keine Veränderung gewahren. „Alles hat
ein Ende,“ sagte der Knabe, als er Prügel bekam! Wir gingen weiter und
kamen denn schließlich auch diesmal ans Ende. Wir gelobten uns, daß es
das letzte Mal sein sollte, daß wir oberhalb der Risse herum gingen;
der andere Weg brachte uns jedenfalls dem Berge näher, und dort mußte
sicher Wasser für unsere brennenden Kehlen zu finden sein. Auf diese
Weise kamen wir schneller vorwärts, und wir hatten nun wirklich die
Freude, unser Ziel im Dunkeln wachsen zu sehen. Wir hatten nur noch
wenige Schritte zurückzulegen, als wir vor uns einen dunklen Streifen
oder eine dunkle Fläche auf dem Schnee entdeckten. Anfänglich glaubten
wir, daß es eine neue Spalte sei, die uns von unserem Ziele trennte,
wer aber beschreibt unsere Freude, als es sich herausstellte, daß es
Wasser war, herrliches, fließendes Wasser! In größter Eile holten wir
unsere hölzernen Becher heraus und tranken mit einer Wonne, wie nur der
sie kennt, der einen ganzen Tag bis über die Waden in nassem Schnee
herumgestampft hat, ohne einen Tropfen Feuchtigkeit zu genießen. Ich
glaube kaum, daß es einen höheren Genuß im Leben giebt, als einen Trunk
guten, frischen Wassers, wenn man dem Verschmachten nahe ist. Ist es
Eiswasser wie hier, so trinkt man so lange, bis die eisige Kälte in den
Zähnen und in der Stirn halt! sagt, dann macht man eine kleine Pause
und trinkt von neuem. Still und andächtig saugt man das erquickliche
Naß in sich hinein, damit die eisige Kälte nicht zu bald wiederkehren
soll. Als wir so viel getrunken hatten, wie wir vorläufig vermochten,
füllten wir unsere hölzernen Becher und unsere Feldflasche, legten die
wenigen Schritte zurück, die uns noch bis zur Felswand übrig blieben,
fanden einen guten Sitz auf einem vorspringenden Felsblock, und
hieben aus allen Kräften in unser Pemikan, in unsere Biskuits und die
Fleischpulverschokolade ein.
Aber da fing es an zu regnen, und das war weniger angenehm, auch nahm
die Finsterniß in dem Maße zu, daß wir kaum mehr als zwei Schritte
weit vor uns sehen konnten. Wir hatten noch ein gutes Stück bis zum
Zelte zurückzulegen, also abermals vorwärts! Wir nahmen unsern Kurs in
südlicher Richtung über das Eis und dem Felsen entlang. Die Oberfläche
war hier einigermaßen eben, was an festem Lande entlang oft der Fall
ist, weil das Eis dort still zu liegen pflegt und an den Boden und die
Felsseite fest gefroren ist. Eine Weile ging es einigermaßen leicht,
aber dann wurde der Abhang so steil und so glatt, daß wir uns nur
mit genauer Noth festhalten konnten. Um die Situation recht angenehm
zu machen, traten nun auch unter uns große Risse im Eise auf. In der
Finsterniß konnten wir gerade noch die dunklen Abgründe erkennen, die
bereit waren, uns, sobald wir einen Fehltritt thaten oder ausglitten,
in ihren Schoß aufzunehmen. Die Felswand über uns war so steil, daß
wir nicht daran denken konnten, dort vorwärts zu kommen, wir mußten
bleiben, wo wir waren. Schließlich gelangten wir unversehrt an einen
Ort, wo sich ein Bergabsatz in die Eismassen hinausschob. Zwischen
der Bergwand und dem Eise befand sich eine mehr als 20 ~m~ breite,
schwindelnd tiefe Schlucht, im Eise schimmerten verschiedene Risse
durch das Dunkel; wie groß diese waren, konnten wir nicht entscheiden,
das aber wußten wir, -- unserem Vorwärtskommen setzten sie ein Ziel.
Uns blieb nichts übrig, als über den Berg zu gehen und ein Thal, das
ganz in der Nähe lag, zu passiren, um hinter den Bergabsatz zu gelangen
und zu sehen, ob wir dort nicht vorwärts kommen könnten. Es war ein
wahrer Genuß, wieder festen Grund unter den Füßen zu haben und tüchtig
ausschreiten zu können. Trotz des Sturzregens, der uns bis auf die Haut
durchnäßte, machten wir eine längere Rast auf den Steinen. Wir wollten
bis zum Tagesanbruch warten und dann erst auf das Eis zurückkehren.
[Illustration: KARTE
von