Der Wind, der in den Vormittagsstunden mit den Firmatafeln der Kaufleute
geklappert hatte, war zur Ruhe gekommen. Ein stiller Abend machte den
Himmel klar und eine blasse und schöne Sonne fing an zu scheinen. Severin
richtete sich in dem zerwühlten Bette auf und sah nach der Uhr. Der lange
Schlaf nach der durchwachten Nacht hatte ihn nicht gekräftigt. Er wusch
sich die heiße Betäubung aus den Augen und kleidete sich sorgfältig an.
Auf der Gasse kamen ihm die Gruppen halbwüchsiger Gymnasiasten entgegen,
die eben aus der Schule heimkehrten und aufgeregte Gespräche miteinander
führten. Severin schaute sich mit einem unbestimmten Gefühle des Neides
nach ihnen um. Der Wetterumschlag lockte die Menschen aus den Häusern
heraus und eine Schar von Spaziergängern schlenderte den Gehsteig entlang
und sammelte sich vor den Auslagefenstern der Geschäfte. Mit kleidsamen
Samthauben auf der koketten Frisur drängten sich die Mädchen durch die
Menge. Ein Liebespaar blieb an der Straßenkreuzung stehn und bewunderte den
Sonnenuntergang. Mohnblumenfarbene Streifen tauchten am Rande der Dächer
auf und setzten die Kamine in Brand. Eine dicke Wolke kam plötzlich in Glut
und schwamm über dem Karlsplatze wie ein großer, aus Goldblech gerollter
Klumpen.
Severin ging gemächlich, mit einer kalten und entschlossenen Neugier seinen
Weg. Jene halbdunkle Empfindung überrumpelte ihn, die ihn immer nach einer
Erschöpfung heimsuchte und der er sich widerstandslos überließ. Sein
Bewußtsein spaltete sich und lebte getrennt von ihm ein selbständiges
Leben. Die Vergangenheit und die Gegenwart zogen wie die Bilder eines
Panoramas an ihm vorbei und er sah verwundert und willenlos in seine eigene
Existenz. Die Gesichter der Leute, die sich neben ihm bewegten, die Profile
der Häuser, die er kannte, gewannen eine neue und besondere
Anschaulichkeit, die seine Aufmerksamkeit reizte.
An den Ecken der Quergassen hatten die Kastanienbrater ihre Öfen
aufgestellt. Ein freundlicher Lichtglanz lagerte über der Stadt. Ein
verrunzeltes Weiblein humpelte umständlich mit dem Krückstocke über das
Pflaster. Vor den Haustoren standen langhaarige Studenten mit den
Dienstmädchen im Gespräch, und die blaue Dämmerung holte behagliche
Schatten aus den Winkeln. Vor der Kreuzherrnkirche funkelte eine verfrühte
Laterne auf und füllte die Luft mit gläsernen Farben.
Severin trat auf die Brücke. Ein kalter Windhauch blies vom Wasser herauf
und verscheuchte die Stimmung, an die er sich hingab. Messerscharf kam die
Erinnerung wieder und zerschnitt das betrügerische Spiel seiner Sinne. Der
Abend gaukelte über dem Flusse. Ein Automobil mit großen, milchweißen
Lampen tutete melancholisch, und die Glocke der kleinen Kapelle am Fuße der
Burgstiegen läutete zum Segen. Severin schritt an den schwarzen
Steinfiguren der Brüstung vorüber. Er biß mit den Zähnen auf seine Zunge
und das Blut floß ihm in den Mund und schmeckte wie Galle. Das war nicht
die Stadt, die er kannte. Das war ein Guckkasten, wo brave Bürger und
Bürgerinnen ihre Besorgungen machten, und wo der heilige Nepomuk mit
gleißnerischen Händen die Moldau bewachte.
Das Zwielicht dunkelte immer stärker, als Severin durch die Turmeinfahrt
der Kleinseite zum Radetzkydenkmale einbog. Bei dem Tore der Hauptwache
ging ein Soldat mit geschultertem Gewehr auf und ab und auf dem alten
Platze mit den Laubengängen lag der Farbton vergilbter Kupferstiche.
Severin kletterte durch die Spornergasse zum Hradschin hinauf. Die Stadt,
die er kannte, war anders. -- Ihre Straßen führten in die Irre und das
Unheil lauerte auf den Schwellen. Da klopfte das Herz zwischen feuchten,
verräterischen Mauern, da schlich sich die Nacht an erblindeten Fenstern
vorbei und erwürgte die Seele im Schlaf. Überall hatte der Satan seine
Fallen aufgestellt. In den Kirchen und in den Häusern der Buhlerinnen. In
ihren mörderischen Küssen wohnte sein Atem und er ging in Nonnenkleidern
auf Raub aus --
Vor dem Eingange zum Schloßhof wandte Severin den Kopf. Es war finster
geworden und mit tränenden Lichtern breitete sich Prag zu seinen Füßen.
Ein Hund heulte irgendwo und sein angstvolles Gebell hörte sich an, als ob
es aus der Tiefe käme, aus einem verschollenen Erdschacht unter den
schiefen Gassen des Hradschin --
* * * * *
In der »Spinne« war heute schon seit dem frühen Abend eine zahlreiche
Gesellschaft beisammen. Lazarus zahlte Champagner. Mit unzüchtigen Scherzen
wurde der Geburtstag Myladas gefeiert.
Es waren viele Bekannte aus dem Kreise darunter, der sich ehemals bei
Doktor Konrad zusammenfand. Lazarus hatte alle eingeladen, selbst Nikolaus
saß ernst und gelangweilt unter den andern und auch der blatternarbige
Maler war da, der jetzt mit der blonden Ruschena lebte. Mylada führte mit
hinreißender Laune den Vorsitz der Tafelrunde. Ihre geschmeidige
Schamlosigkeit entzückte die Männer und begeisterte die jungen Leute. Einer
nach dem andern trank ihr zu und sie netzte ihre rote Zunge in dem Glase
eines jeden. Die Begehrlichkeit hüpfte wie ein Flämmchen über die
Angesichter und nestelte an ihrem grünen Kleide. Jemand schlug eine Tombola
vor, deren Erlös bei nächster Gelegenheit vertrunken werden sollte, und
unter Jubel und Lachen erklärte sich Mylada bereit, dem Gewinner
anzugehören. Der Preis der Lose war groß, aber trotzdem waren alle bis auf
eines verkauft, als Severin eintrat und mit lautem Zuruf empfangen wurde.
Mylada begrüßte ihn.
Willst du das letzte Los haben?
Sie hielt das weiße Blatt zwischen den Fingerspitzen.
Was kann ich gewinnen? -- fragte er.
Mich!
Da legte er schweigend sein letztes Geld in ihre Hände und nahm den Zettel.
Die Ziehung begann. Die Nummern wurden in einen Sektkühler geworfen und man
drängte sich schreiend um den Tisch. Eine wütende Erregung hielt alle in
ihren Klauen. Der Weinrausch rötete die Stirnen und eine fratzenhafte
Spannung straffte die Züge der Bezechten und machte Tiergesichter und
Grimassen daraus.
Mylada griff mit verbundenen Augen in den Kübel. Es wurde still im Zimmer,
als sie das Papier auseinanderfaltete.
Du hast Glück gehabt, Severin! -- meinte sie lächelnd.
Eine neidische Pause entstand.
Severin trat näher. Das Blut brauste in seinen Ohren und er war bleich. Er
hob den Gegenstand in die Höhe, den er unlängst aus dem Schreibtische
Nathan Meyers entwendet hatte. Wie ein weißer Wurm ringelte sich die
Zündschnur um seinen Arm.
Eine Bombe! rief jemand entsetzt und ein Aufschrei erschütterte alle.