[Illustration: Abb. 181. König Aelfreds Juwel.
(Phot. Frith & Co., London.)]
[Sidenote: Bauliche Besonderheiten]
Aus seiner Zeit stammen außerdem die Kirchenreste von St. Pankras
und St. Martin zu Canterbury, zu Rochester, Brixworth und andere,
alle noch fremd in der Anlage, doch allerdings bereits besondere
Eigentümlichkeiten zeigend. So eine starke Trennung der Chorpartie, die
oft (Rochester, Canterbury) aus einer fast schiffsbreiten halbrunden
Apsis mit verlängerten Schenkeln besteht, während das Schiff an Größe
im Verhältnisse nicht so sehr überwiegt als später. Diese Chorpartie
ist manchmal durch eine Säulenstellung, wohl einst mit Schranken, gegen
das rechteckige Schiff abgeschlossen.
Die später allein herrschende Einschiffigkeit der sächsischen Kirchen
wiegt jetzt bereits vor; basilikale Anlagen sind selten, stets mit
Pfeilern: schon die älteste Kathedrale zu Canterbury scheint eine
solche gewesen zu sein, sogar zweichörig mit Krypta, doch ohne
Querschiff; die Kirchen zu Wing, Brixworth und Reculver waren ebenfalls
dreischiffig; Brixworth freilich ist später der Seitenschiffe beraubt;
Reculver abgebrochen; Krypten in ältester Anlageform sind noch
vorhanden, so die zu Wing, Ripon, Hexham mit Confessio (Grabkammer)
und Wandelgang, die erstgenannte ganz im Sinne der Liudgers zu Werden
a. d. Ruhr; auch zu Brixworth muß die Anlage ähnlich gewesen sein,
da dort der Wandelgang noch existiert. Langsam treten verschiedene
örtliche Eigentümlichkeiten germanischen Ursprunges hervor; so die sich
immer mehr verbreitende Anlage von viereckigen Westtürmen, deren es ja
weder in Italien noch im Orient gibt; die Querschiffslosigkeit, die
vorherrschende Einschiffigkeit und die starke innere Abtrennung der
Choranlage.
In der Folge verstärkt sich dies, die Abhängigkeit vom Osten
verschwindet. Das basilikale System scheint gänzlich auszuscheiden, die
Apsis wird rechteckig, wie in anderen germanischen Ländern. Die formale
Anlehnung an die Antike und den Osten weicht dem Eindringen nordischer
Holzformen in dem früher entwickelten Sinne, so daß das 8. und 9.
Jahrhundert sich hier wie anderwärts im Besitze einer Bauweise völlig
nordischer Art sieht. Ihre Eigentümlichkeiten sind größte Einfachheit
der Anlage, die vielleicht von hier an die ältesten skandinavischen
und deutschen übertragen wurde, wie bemerkt, nur Schiff und meist
schmälerer rechteckiger Chor mit engem Eingange, häufig Westvorhalle,
sowie seitliche Anbauten von Vorhallen und Nebenräumen an das Schiff,
bisweilen querschiffartig, wie wir gleiches schon so charakteristisch
an Sta. Cristina de Lena in Spanien auftreten sahen. Das erscheint
bereits an der höchst merkwürdigen zerstörten Anlage von St. Pankras
in Canterbury, sodann ohne Westvorhalle in feinster Ausbildung in
Bradford-on-Avon (Abb. 181), einer Kirche, die auch formal klarste
Durchbildung besitzt.
[Sidenote: Türme]
Der Turm ist, wie bemerkt, stark verbreitet; aus der Angelsachsenzeit
finden sich Hunderte von solchen am Westende, aber auch auf der
Mitte der Anlage vor dem Chor, Zentraltürme, was bisweilen eine
höchst eigentümliche Gesamtgruppe ergibt. Am merkwürdigsten, wenn
dieser Zentralturm zum Schiff wird, an das sich links und rechts zwei
kleinere Räume anfügen, von denen der östliche den Chorraum bildet
(Barton-on-Humber).
[Illustration: Abb. 182. Bradford-on-Avon.]
Die Türme sind fast alle rechteckig, ohne Spitze, den langobardischen
in der Masse nahestehend, doch von selbständiger Durchbildung; an
runden fehlt es jedoch auch nicht ganz, die dann manchmal als Apsiden
zu dem Kirchenraum hinzugezogen, hufeisenförmigen Grundriß ergeben
(Wilton, Bessingham).
Von Profanbauten scheint nichts mehr übrig zu sein. Doch soll nicht
unerwähnt bleiben, daß die Kapelle zu Deerhurst, ein der Apsis (heute?)
entbehrender Langbau, in einer Inschrift von 1056 „royal hall“ genannt
wird, also vielleicht ein bescheidenes Gegenstück zu jener spanischen
Königshalle zu Naranco gebildet haben könnte. Das muß nach genauster
Untersuchung vorbehalten bleiben.
Was nun die technischen und formalen Besonderheiten der sächsischen
Bauweise anbelangt, so prägen sich diese an ihren wenn auch
bescheidenen Werken stets höchst deutlich aus. Das ist schon darin
begründet, daß stammliche Eigentümlichkeiten in dem abgeschlossenen
Inselreich ungehinderter durchzudringen vermochten, und daß fremder
Einfluß, mit Ausnahme desjenigen aus nahegelegenen germanischen Gauen
seit der karolingischen Zeit, sich auf die Dauer kaum mehr fühlbar
machte. Anderseits aber hat in England die Pietät der späteren
Geschlechter jene kleinen und unscheinbaren Baulichkeiten doch weit
besser über das Jahrtausend hinaus geschützt, als das in anderen
Ländern möglich war, die an der Heerstraße gelegen stets von neuen
kriegerischen Durchflutungen heimgesucht wurden. Es ist bedauerlich,
daß in jener Epoche gerade in England kein Bauwerk von größerer
Bedeutung oder reicherer Ausstattung erstanden ist, das sich unter so
günstigen Umständen leicht bis heute hätte retten können.
[Sidenote: Greenstead]
Immerhin gibt es des Bemerkenswerten noch genug. Vor allem den einzigen
sicheren Rest einer Holzkirche aus so ferner Zeit: das Schiff der
Kirche zu Greenstead.
Wenn dieses Bruchstück nun auch keine architektonischen Formen
aufweist, so ist es doch schon durch sein bloßes Dasein wichtig.
Chor und Turm sind später erneuert oder angebaut; das Schiff ist ein
einfach rechteckiger Raum von etwa 8 × 5 m lichter Weite. Seine Wände
bestehen aus aufrechtstehenden halbierten Baumstämmen, mit der runden
Seite nach außen, ursprünglich nur auf einer Fußschwelle eingezapft
und durch eine Oberschwelle mit Holznägeln zusammengehalten. Der
Eckbaum ist natürlich nicht halbiert, sondern es ist nur ein Viertel
herausgenommen. Die Fugen sind von hinten durch Leisten gedeckt. Der
jetzige Backsteinsockel ist neu.
Diese aufrechte Blockkonstruktion ist ja die primitivste von der Welt.
Doch mag dies damit erklärt sein, daß die Kapelle ziemlich sicher die
ist, die man 1013 zur vorübergehenden Aufnahme der Leiche von St.
Edmund errichtete. Daß andere Kirchen vom Zimmermann aufgeführt wurden,
ist bezeugt genug; sie müssen für bedeutsamere Zwecke bestimmt auch
weniger rohe Konstruktionen gezeigt haben. Die norwegischen (jüngeren)
geben Muster dafür, wie dies möglich war. Jedenfalls haben wir hier
ein hölzernes kirchliches Bauwerk noch aus der angelsächsischen Zeit
vor uns, eines der spätesten und geringwertigsten, doch als das letzte
seines Stammes uns ehrwürdig.
[Sidenote: Technische Besonderheiten]
Die technischen Eigentümlichkeiten der Angelsachsenbauten sind denn,
wie die kontinentalen germanischen, vom Holzbau stark beeinflußt.
Allerdings sind Lisenen oder Wandstreifen (strips) wohl nicht dazu
zu rechnen, vielmehr als eine überall verbreitete Wandgliederung
-- Pilaster -- zu bezeichnen. Auch die doppelten oder mehrfach
gekuppelten Fenster auf dünnen Mittelsäulen sind wohl vom Kontinent
herübergewandert, wo wir sie schon bei den Langobarden aus dem Holzbau
entstehen sahen.
Das öfters auftretende Fischgrätenmauerwerk (herringbone) ist
sicherlich aus dem benachbarten Frankenreiche herübergekommen.
Vielleicht auch die vielfältige Anwendung der Dachsparrenstellung
(Dreiecküberdeckung) über aufrechten Stützen anstatt des Bogens. Diese
ist in England häufiger als irgendwo. Es sei dabei nochmals betont, daß
an eine einfache Ableitung dieser Form aus dem antiken Dreiecksgiebel
nicht zu denken sein wird; denn in unserem Falle handelt es sich um
eine Überdeckung eines öfters tiefen Hohlraumes; das Dreieck ist
konstruktiv, nicht aber dekorative Gestaltung, wie dort.
Möglicherweise hat das Vorbild der nahen irischen ältesten Steinkirchen
hier etwas mitgewirkt, die heute noch zahlreich genug vorhanden
sind. Ihre steilen Dächer sind einfach aus Steinen durch Überkragung
hergestellt, allerdings innen öfters gewölbt oder durch eine zweite
Wölbung unterfangen. Die Christianisierung Englands ging von Irland
aus; den irischen folgten erst die angelsächsischen Missionare.
Sind Fenster und Türen also oft mit oberem Dreiecksschluß abgedeckt
(Brigstock, Abb. 60), so fehlt es nicht an Rundbögen wie überall,
ebenfalls meist aus einem Steine geschnitten, wie sonst bei den
Germanen (Diddlebury); auch Hufeisenbögen fehlen nicht (Clee,
Brigstock). Bei allen diesen Konstruktionen kommt die germanische
Vorsicht, das Mißtrauen gegenüber der Wölbung, auf das unverkennbarste
zum Durchbruch; mit Vorliebe werden die Öffnungen nach oben verengert,
um der Wölbung möglichst geringe Spannweite zuzumuten. So entstehen
die zahlreichen Tür- (Somerford, Keynes) und Fensteröffnungen
(Brigstock, Escomb, Boarhunt), die nach oben verjüngt sind, die wir ja
auch in Deutschland einige Male vorfanden. Nach Goldbach am Bodensee
dürfte diese so charakteristische Fensterform in der Tat aus England
importiert sein.
Ist hie und da als Mauertechnik das petit appareil der Franken
vorhanden, wohl nach römischem Vorbild, so wiegt doch im allgemeinen
Bruchsteinmauerwerk vor, selten durchbrochen durch Verwendung von
Ziegeln (etwa zu Bögen), die dann meist von Römerbauten stammen, oder
Fischgrätenschichten; manchmal finden wir auch ganz gute Quaderbauten.
Die den Angelsachsen eigentümlichste Konstruktion im Mauerwerk ist
entschieden die Verwendung von Steinstreifen und Einfassung in „long
and short work“, einer Art Steinfachwerk wie es auch die Römer
schon kannten. Es sind dies Eckeinfassungen, bestehend aus langen
aufrechtstehenden Steinbalken quadratischen Querschnittes, ziemlich
regelmäßig unterbrochen durch flache Binder, die nach beiden Seiten
tief ins Mauerwerk hineingreifen. Diese höchst charakteristische
Bildung der Gebäudeecken, auch an Portaleinfassungen sehr beliebt
(Brigstock, Market-Overton), wird in der Tat kaum anders aufzufassen
sein, als eine Übertragung von Holzfachwerk in Stein. Die pompejanische
gleichartige Verstärkung des Mauerwerks bezeichnet schon Dehio
als Steinfachwerk; in England scheint eine solche von neuem sich
herausgebildet zu haben. Jedenfalls erklärt B. Brown, dem wir die
gründlichsten Untersuchungen über diese Materie verdanken, das Lang-
und Kurzwerk als eines der charakteristischsten und unverkennbarsten
Merkmale der angelsächsischen Bauweise.
Ferner fällt uns an diesen Bauten die so äußerst häufige Übertragung
des Drechslerwerkes auf Stein auf. Steinsäulen kleineren Formates,
insbesondere Fenstermittelsäulen, sind fast immer als richtige Baluster
gedreht, nicht etwa Verkleinerungen großer Steinsäulen. In der
merkwürdigsten Weise sind solche gedrehte Säulchen ohne Kapitell und
Fuß in die Portallaibungen des bekannten Portals zu Monkwearmouth, auf
jeder Seite zwei, eingestellt, den Bogenkämpfer zu tragen (Abb. 183).
Die deutlichste Übertragung des Holzwerks in Stein, die überhaupt nur
möglich ist. Selbst in ganzen Reihen nebeneinander sind solche Baluster
als Wandzierung beliebt; auch friesartig unter oder in Gesimsen gereiht
(Jarrow), wie wir gleiches schon in Germigny-des-Prés fanden. Diese
gedrechselten Säulen, in Jarrow und Monkwearmouth in größerer Anzahl
vorhanden, stimmen in ihrem Wesen völlig mit den auch bei uns fast bis
heute in jeder Verwendungsweise üblichen gedrehten Holzsäulchen, so
an Stühlen, Spinnrädern u. dgl. Oft sind sie etwas bauchig, manchmal,
wie bei den charakteristischen Fenstersäulchen des Turmes von Earls
Barton, beinahe faßförmig.
[Illustration: Abb. 183. Monkwearmouth. Portal.]
Eine andere früher schon erwähnte wohl aus ähnlichen Grundlagen
hervorgehende nordische Wandgliederung ist, wie früher erwähnt, in
England ebenfalls nicht selten: die Arkadenreihe oder Zwerggallerie,
doch dann ganz flach, wie in Holz geschnitten. Wir fanden diese Form
im norwegischen Holzbau bereits von selber gegeben; auch im Dänischen
ist sie zu Hause, vielleicht aus England herübergebracht. Insbesondere
als einfachste Wandgliederungen außen (Barton-on-Humber) oder innen
(Dunham Magna).
Hier mag die Erwähnung der in späterer angelsächsischer Zeit
auftretenden Chorbogenumrahmung einen Platz finden, wie wir solche
mehrfach in stattlichster Ausbildung antreffen: Halbsäulen und
Pilaster ohne ausgebildetes Kapitell den Bogen einfassend und um ihn
herumgeführt, durch ein schwereres Kämpfergesims unterbrochen. In
Wittering und Bosham, Clayton, Worth und an anderen Orten sind solche
in starker, plastischer Ausbildung vorhanden und geben dem kräftig
vortretenden Choreingang ein ganz eigenartiges Gepräge.
Eine gar nicht zu verkennende Nachahmung von richtigem Holzfachwerk
sodann sehen wir an dem schönen Turme zu Earls Barton, wo dünne
Streifen vertikal die Flächen des Gebäudes durchziehen, von Zeit zu
Zeit durch Bögen, aber auch durch richtige Balkenkreuze verbunden. An
den Ecken Lang- und Kurzwerk (Abb. 184). Eine Erinnerung daran dürfte
die äußere Gliederung des Turmes zu Barton-on-Humber sein.
[Illustration: Abb. 184. Earls Barton. Turm.]
Es bleibt nur noch übrig, die wichtigeren Bauwerke selber zu
nennen, die heute noch aufrecht stehen. Es kommen für uns natürlich
vorwiegend die in Betracht, die in der Zeit bis zur Dänennot
entstanden; die späteren stehen zum Teil bereits unter dem Einflusse
der karolingischen Kunst, sind also nicht mehr in gleichem Maße als
original-angelsächsisch anzusehen.
[Sidenote: Brixworth]
Von den ältesten sei hier die Kirche in Brixworth genannt, ein
Basilikenbau wohl noch des 7. Jahrhunderts, in der Spätzeit westlich
mit einem Turmanbau versehen. Der Grundriß ist dadurch besonders
interessant, daß die halbrunde Chorapside, mit einem engen Chorbogen
sich öffnend, mit einer Verlängerung der Schenkel versehen ist,
wie hierzulande üblich; daß ferner vom Mittelschiff ein besonderer
quadratischer Teil vor der Apsis durch drei Bögen auf Pfeilern
abgetrennt war (Fundamente noch vorhanden), wie wir ihn auch z. B. in
S. Miguel de Escalada in Spanien antrafen. Der offene Dachstuhl ist
jünger, doch auf einen ursprünglich vorhandenen gleicher Art deutend;
die Trennungspfeiler nach den (abgebrochenen) Seitenschiffen zu
sehr lang, größer als die Bogenöffnungen dazwischen. Die Bögen sind
aus alten römischen (ganz dünnen) Ziegeln gemauert; der Turm öffnet
sich im Oberstock mit einem dreifachen Fenster gegen das Schiff. Die
zwei Balustersäulchen dieser Öffnungen ohne Kapitell und Fuß sind
geschwellt, fast faßförmig.
Die Verhältnisse der Kirche sind stattlicher als sonst.
Die anderen Basiliken und größeren Kirchen aus erster Zeit sind alle
verschwunden; von Reculver, Ripon, Hexham und den wichtigen Kirchen
zu Canterbury, meist aus Wilfrids Zeit, sind nur noch Ruinen oder
Fundamente übrig.
[Sidenote: Escomb]
Noch vorhanden ist dagegen die kleine Kirche zu Escomb (Durham): ein
ganz schmales sehr langes Schiff mit ziemlich quadratischer Apsis,
diese mit einem nur etwa 1,50 m breiten, aber beinahe 5 m hohen
Chorbogen geöffnet, was einen ganz eigenen Eindruck hervorruft. Der
Chorbogen ist in bekannter Art mit Lang- und Kurzwerk (Steinfachwerk)
eingefaßt, hat stumpf abgeschnittenen Kämpfer von ungleicher Dicke.
Die Türen an der Nordseite des Chores und Schiffes sind ähnlich mit
Steinbalken und Bindern dazwischen eingefaßt und haben wagerechten
Sturz; dieser ganz zimmermannsmäßig über den Gewänden ebenso
ausgeklinkt, wie wir es bei langobardischen Bauten fanden (Cividale),
die zwei Fenster der Südseite mit Bogen aus einem Stein nach oben
verengert; die der Nordseite ebenso, doch flach abgedeckt. Südvorhalle
und große Fenster sind neuere Zutaten, der offene Dachstuhl vielleicht
teilweise ursprünglich; mit flachen stichbogigen Dachbalken.
Der ganze Bau ist in guter Quadertechnik ausgeführt.
Man schreibt ihn dem 8. Jahrhundert zu, der Zeit, wo in allen Ländern
die germanische Baukunst ihre selbständigste Entwicklung fand. Ich
machte schon früher darauf aufmerksam, daß die kleine Kirche zu
Goldbach am Bodensee mit dieser angelsächsischen sehr viel gemein hat,
nur fehlt hier die Abtrennung einer inneren Vorhalle, die übrigens
einst doch bestanden haben dürfte, da das Schiff von sonst geradezu
unverständlicher Länge ist.
[Sidenote: Monkwearmouth]
Der Überrest der Kirche zu Monkwearmouth, bestehend im Westturm und der
Südmauer des Schiffes, gehört ebenfalls hierher. Die Kirche ist sonst
gänzlich umgebaut, die Länge des schmalen Schiffes war aber ebenfalls
sehr groß. Nur der Turm zeigt noch die alte Architektur und ist von
ganz besonderer Wichtigkeit durch sein schon öfters erwähntes Portal,
das zu den eigensten Schöpfungen der alten Angelsachsenkunst zählen
dürfte.
Der Turm ist heute fünf Stockwerke hoch, in rauhen Quadern und
Bruchstein gut erbaut, wie meist ohne Spitze; vier einfache
Plattengesimse teilen die Geschosse ab; die oberen sind aber bedeutend
jünger (obwohl immer noch angelsächsisch), wie aus dem Vorhandensein
der beiden westlichen oberen Fenster des Schiffes hervorgeht, die durch
den Turmaufbau heute verdeckt sind.
Der älteste Bau stammte aus der Zeit des Bischofs Benedikt, der um 675
hier ein Kloster gründete und eine Kirche errichtete, ebenso wie die
Kirche zu Jarrow. Das Kloster war bedeutend und besaß mehrere Kirchen
und Kapellen; doch da die Chronik erzählt, daß Benedikt Maurer und
Bauleute aus Frankreich mitbrachte, um seine Kirche nach fränkischer
Art zu bauen -- im Laufe eines Jahres --, wir aber nichts an ihr
finden, was irgendwie fränkisch aussieht, so wird wohl ein Neubau im 8.
spätestens im beginnenden 9. Jahrhundert stattgefunden haben.
Der wichtigste Teil der ursprünglichen Vorhalle, jetzt des Turmes
der Kirche, ist also das Westportal (Abb. 183); einfach genug, doch
hoch bedeutsam. Ein kräftiger Bogen auf zwei stumpf abgeschnittenen
Kämpfern ruhend, die einfach abgeschrägt sind; diese Kämpfer ruhen
jeder auf zwei freistehenden gedrehten und geringelten Balustersäulen
ohne Kapitell und Fuß; der Sockel unter den Balustern springt wieder in
die Kämpferflucht vor und zeigt an der inneren Fläche zu Bandornament
geflochtene Schlangen, darauf zwei Vogelköpfe mit durcheinander
durchgesteckten Schnäbeln. Das ist alles; doch drückt es dem Ganzen
den merkwürdigsten Stempel auf. Solches germanisches Ornament wie
hier fehlt freilich heute den so einfachen englischen Bauwerken sonst
überall; doch wird dessen sicher einst mehr dagewesen sein. Der höchst
anspruchslose Formalismus des Ganzen ist von erstaunlicher Wirkung und
vereinigt sich zu einem der bezeichnendsten Werke der altgermanischen
Kunst mit allen Merkzeichen ihrer Anlehnung an den Holzbau.
Reste ganz gleicher Baluster finden sich an jenen inneren Oberfenstern
des Schiffes der Westwand vermauert, doch andeutend, daß diese einst
ganz wie das Portal mit bogentragenden Säulchen eingefaßt waren.
In Jarrow sind ähnliche Säulchen in größerer Zahl vorhanden, sowie ein
Gesimsrest in der Vorhalle, in dem kleine Baluster dicht nebeneinander
als Dekoration verwandt sind.
Die folgende Zeit hat wenig bauen können, wegen der schwierigen
politischen Verhältnisse; doch direkt nach der Sicherung des Reiches
durch Aelfred den Großen begann ein Wiederaufblühen der alten Kunst,
freilich bald durch kontinentale Einflüsse gestört. Aber einige Werke
dürfen wir zu unserem Kreise doch noch rechnen, deren Entstehung
vielleicht erst dieser Epoche angehört, deren Wesen aber sie als
noch ganz in die ältere Kunst gehörig erweist. Andere schreiben sie
allerdings überhaupt noch der älteren Zeit, dem 8. spätestens dem
Beginn des 9. Jahrhunderts zu.
[Sidenote: Bradford-on-Avon]
Vor allem das zierlichste und feinste Werk der Angelsachsenzeit: das
Kirchlein zu Bradford-on-Avon (Abb. 185). Oben schon ist der kleine Bau
kurz geschildert: ein rechteckiges Schiff, auf das sich der rechteckige
Chor mit engem Bogen öffnet; nördlich und einst südlich je eine
Vorhalle, die ins Schiff führte. Steile Dächer bedecken den gediegenen
derben Quaderbau, der in einiger Höhe von einem Plattengesims umzogen
wird; darunter einfache Lisenen, darüber aber ringsum eine flache
Arkade oder Zwerggalerie (an der Vorhalle etwas verstümmelt), die
ihm seinen besonderen Charakter verleiht. Es sind nur ganz flach
eingetiefte Bögen auf Pilastern mit schräg geschnittenen Kämpfern und
Füßen. Die Giebel zeigen Reste ähnlicher Pilaster, vielleicht einst
Fenster umfassend; hier ist der Originalzustand entstellt.
[Illustration: Abb. 185. Bradford-on-Avon.]
Die Tür der Nordvorhalle sehr eng mit Rundbogen überdeckt und mit
flachen Profilen eingefaßt; in der Vorhalle gen Osten ohne Zweifel
einst ein Altar. Das Innere der Kirche ist hoch, etwa 8 m, und
ebenso lang, aber nicht viel über 4 m breit; der Chorbogen, mit drei
Rundstäben eingefaßt, wie üblich sehr eng, noch nicht 1 m weit. Das
Südfenster des Chors verjüngt sich nach oben; alles ist sonst sehr
einfach; über dem Chorbogen das einzige Skulpturwerk jener Zeit: zwei
Engel zu beiden Seiten, Kränze tragend, in bescheidenem Flachstil
etwa langobardischen Charakters; vielleicht ein Rest einer größeren
Darstellung (Kreuzigung?). Der ganze kleine Bau ist dabei von einer
gewissen Vollkommenheit in der Technik; ich neige mich dazu, ihn noch
dem 8. Jahrhundert zuzuschreiben, da er mit spanischen Werken der
gleichen Zeit die größte innere Verwandtschaft zeigt.
[Sidenote: Deerhurst]
Spätestens ins 9. Jahrhundert rechnet man auch noch die Reste der
Kirche in Deerhurst, insbesondere den Turm und die Ostpartie; letztere
besonders ausgezeichnet durch zwei querschiffartig angebaute Vorhallen
oder Kapellen mit Oberstockwerk und einem verlängerten halbrunden Chor
von Schiffbreite; der Westturm von verlängertem Grundrisse hat ein
oberes Zimmer mit einem eigenartigen Doppelfenster nach dem Schiff:
drei Pilaster, davon der mittlere kanelliert, schließen zwei mit
Dreieck überdeckte Öffnungen ein (Abb. 60); ein Motiv, das in ähnlicher
Weise in Aachen an der Westfront der Pfalzkapelle auftritt (vermutlich
dort falsch restauriert).
[Sidenote: Worth]
Denselben Grundriß zeigt, doch ohne Westturm, die der folgenden
angelsächsischen Zeit angehörige ganz wohl erhaltene Kirche zu Worth,
wo die beiden Kapellen am Schiff aber zu einem wirklichen Kreuzschiff
anwachsen, allerdings immer noch niedriger als das Hauptschiff. Der
Chor ist verlängert halbrund, mit prächtigem Chorbogen von Rundstäben
und Platten auf felsenähnlichem Fußwerke eingefaßt, alles in mächtigen
Quadern. Außen sind die Ecken mit Lang- und Kurzwerk ausgebildet, ein
Gesims umgibt das Ganze, darunter Streifen pilasterartig ebenfalls in
Lang- und Kurzsteinen. Darüber im Chor halbrunde Fenster, im Schiff
Doppelfenster -- nördlich zwei, südlich eins -- auf geschwellter
Mittelsäule ohne Kopf und Fuß, nordisch knorrig; die zwei Türen auf den
Seiten des Schiffes etwa 1 m weit aber 4 m hoch; echt angelsächsisch.
[Sidenote: Breamore]
Hierher gehört auch Breamore mit seinem langen ebenfalls durch zwei
Kapellen querschiffartig ausgestatteten Schiffe; Chor viereckig. Über
der Vierung aber ein viereckiger Turmaufbau von geringer Höhe. Die
Nordkapelle ist verschwunden.
Alle Ecken sind mit Lang- und Kurzwerk eingefaßt; der einfache
Rundbogen der Südkapelle ruht auf stumpfen Kämpfern und trägt als
Schmuck die Inschrift: HER SPUTELAD SEO GECPY DRÆDNES DE. (Hier ist dir
der Bund offenbar gemacht.)
[Sidenote: Wing]
Die stattliche Kirche zu Wing ist wenigstens zu nennen, das Schiff neu,
doch wohl schon ursprünglich basilikal angelegt, der Chor mit Krypta
noch erhalten, im Grundriß ein langgestrecktes halbes Zwölfeck bildend;
außen ist dieser Teil ausnahmsweise durch Pilaster mit Rundbögen
gegliedert; die Fenster sind neuer.
[Sidenote: Boarhunt]
Ferner darf ich die kleine Kirche zu Boarhunt nicht übergehen, schon
weil deren Grundriß mit dem der zu Goldbach am Bodensee völlig
übereinstimmt; auch ganz gleiche Fensterchen wie dort nach oben
verjüngt, sind vorhanden (Abb. 60), nur noch hier mit einem gewundenen
Rundstab umfaßt; ferner Bosham von ähnlichem Grundriß, noch viel
länger, mit stattlicher Chorbogeneinfassung nach sächsischer Art und
Westturm; zuletzt Brigstock, von dem noch der Westturm mit Treppe
und das Schiff erkennbar sind; bemerkenswert wegen seiner ebenfalls
verjüngten Rundbogenfenster, wegen anderer mit Dreieckschluß, und wegen
seines mit Streifen und Lang- und Kurzwerk eingefaßten Chorbogens.
Diese drei Kirchen können der jüngeren angelsächsischen Zeit angehören,
doch ohne sich von der altgeübten Weise zu entfernen.
[Sidenote: Turm zu Earls Barton]
Aber einer sehr bedeutsamen echt germanischen baulichen Leistung
der Angelsachsen, die verschiedentlich gestreift ist, müssen wir
näher gedenken: ihrer Turmbauten. Unter diesen ragt als Hauptwerk
der mächtige viereckige Westturm der Kirche zu Earls Barton (North.)
hervor, eines der knorrigsten und kraftvollsten Eigenwerke des alten
Angelsachsentums (s. Abb. 184).
Vier sich stark verjüngende (heute mit einem obersten Zinnenkranz
abgeschlossene) Geschosse mit Lang- und Kurzwerk an den Ecken bilden
seinen Körper. Die Flächen dieser Geschosse aber werden durch vertikale
Streifen gegliedert, die über dem ersten Gesims durch Bögen, über dem
zweiten durch wirkliche Steinbalkenkreuze (Andreaskreuze), über dem
dritten durch Dreiecksstreben verbunden sind. Unten Doppelfenster mit
Balustersäulen, darüber Rundbogen- dann Dreiecksfenster; im obersten
Stock eine Galerie von fünf Fenstern auf sechs Balustern; alle
Formen durchaus zimmermannsmäßig, sowohl die gedrehten Teile als die
Flächengliederung, die sich als getreue Übertragung von Holzfachwerk zu
erkennen gibt. Das Westportal rundbogig mit zwei Streifen eingefaßt,
schwerer Kämpfer mit darauf eingegrabenen Arkaden.
Das Werk ist von völligster Selbständigkeit in seiner Masse mit
zurücktretenden Oberstockwerken, wuchtig und knorrig, ein Herkules der
Türme, in jeder Linie germanisch, in nichts mehr östlich; ein standard
work.
Leider ist der alte obere Abschluß nicht mehr erkenntlich.
[Sidenote: Barnack]
Von ähnlichem Wesen einfacher ist der Westturm zu Barnack, vor allem
dadurch bemerkenswert, daß er sich in einem mächtigen Bogen auf einem
völlig „barbarischen“ Kämpfergesims gegen das Schiff beherrschend
öffnet, und daß seine Fenster alle im Dreieck geschlossen sind. Drei
ähnliche Sitznischen sind inwendig unten in die Wände getieft.
St. Peter-at-Gowts zu Lincoln, Clapham, Bosham haben ähnliche
einfachere Westtürme, alle von Kraft und Ausdruck in ihrer
vierschrötigen Gestalt.
Bei ihnen allen diesen ist eine Eigentümlichkeit bemerkenswert; Türen
des oberen Stockwerks der Türme (oder der Vorhalle), die in das
Kirchenschiff führen. Vielleicht einst als geschützte Zufluchtsstätten
durch eine Leiter von da aus zugänglich, vielleicht auch zu einem
in ältester Zeit über der Decke der Kirche liegenden Dachraum
führend. Diese Türen, meist mit Gucköffnung daneben, sind stets von
charakteristisch sächsischer Form, oft mit Dreiecksüberdeckung versehen.
[Sidenote: Barton-on-Humber]
Eine ganz besonders merkwürdige Kirche, deren Grundrißanordnung
bereits oben erwähnt ist, soll hier am Schlusse der Reihe stehen:
Barton-on-Humber. An Stelle ihres Chors ist inzwischen ein langes
gotisches Schiff getreten; aber ursprünglich zeigte sie die
merkwürdige Anordnung eines stattlichen Mittelturms mit zwei
rechteckigen Anbauten nach Westen und Osten; der Raum im Turm diente
als Schiff, der Ostraum als Chor, der westliche als Kapelle (Abb. 186).
Die Eingänge waren im Norden und Süden des Turmes.
[Illustration: Abb. 186. Barton-on-Humber.]
Dieser Grundriß ist sicherlich der merkwürdigste in seiner Zeit und
findet nirgends sein Vorbild; also eine Art Zentralanlage, doch in
germanischer Auffassung.
Die architektonische Ausbildung beschränkt sich auf den später um
ein Geschoß erhöhten Mittelturm: dreigeschossig erhebt er sich mit
Lang- und Kurzwerk an den Ecken, dazwischen Streifen, die durch Bögen
verbunden sind; im folgenden Geschoß solche auf dem Bogenscheitel
sitzend mit Dreiecksverbindungen, darin ein Doppelfenster mit Rundbogen
auf Mittelbaluster. Das gleiche Doppelfenster im Obergeschoß hat
Dreiecksschluß; ebenso die Nordtür im Turm; die Südtür Rundbogen (Abb.
187).
[Illustration: Abb. 187. Barton-on-Humber. Ursprünglicher Zustand nach
Brown.]
Wir haben hier eine äußere Erscheinung desselben Charakters
wie in Earls Barton; wohl von dort beeinflußt. Doch in mancher
Hinsicht graziöser; aber ebenso echt angelsächsisch, echt
germanisch-zimmermannsmäßig.
Fremde Künstler vom Kontinent, neue Kunstmode, dann der Einbruch der
Normannen machten dieser bescheidenen doch so eigenartigen Baukunst
ein Ende. Das Mittelalter brach an. Doch gut germanisches Wesen,
ursprünglicher und immer wieder hervorbrechender angelsächsischer
Grundcharakter, hat neben normannischem bis heute englischer Baukunst
seinen Stempel aufgedrückt.
Ein neuer Kunststrom ist heute über die europäische Welt gegangen, uns
neue Zeiten und neue Schönheiten bringend. Sein Charakter aber ist
germanisch, und sein erster Hervorbruch geschah von hier aus, kam aus
angelsächsischem Lande.
[Illustration]
[Sidenote: Skandinavien]
Wenig bleibt uns zum Schlusse noch zu sagen. Die alte germanische
Kunstzeit ging mit dem 9. Jahrhundert zur Rüste. Das Urland Germaniens,
Deutschland und der Norden, wachten damals erst auf, nahmen noch nicht
an jener ersten Blüte teil.
Doch ist die spätere Kunstentwicklung auch dort noch in vieler Hinsicht
für uns nicht unwichtig, bleibt sie auch außerhalb der eigentlichen
Kunstbetrachtung, die wir in unseren Kreis faßten.
Zuerst darf nicht übergangen werden, daß zunächst der skandinavische
Norden einen unentbehrlichen praktischen heute noch greifbaren Beleg
für die Möglichkeit der einstigen Existenz einer alten germanischen
Holzbaukunst von Bedeutung bietet. Denn seit dem Schlusse des ersten
Jahrtausends hat sich eine solche dort tatsächlich entwickelt und
verhältnismäßig rein und selbständig gehalten, wenn auch nicht ganz
ohne Beziehung zu dem damals herrschenden romanischen Stil.
Ich habe schon oben bei der Besprechung des Holzbaus die besondere
Stellung des nordischen ausführlicher gewürdigt. Hier sei nochmals
betont, daß wir zwar nicht sagen können, daß die ältesten germanischen
Holzkirchen gerade so ausgesehen haben wie die norwegischen des 12.
bis 14. Jahrhunderts; wohl aber, daß sie wenigstens ähnlich gewesen
sein müssen, da sie genau so ganz aus Holz, aus Balken, Planken
und Brettern bestanden; sie waren in ähnlicher Verteilung und Art
geschnitzt und verziert, gingen genau in derselben Weise aus der Hand
des germanischen Zimmerers hervor. Und von den alten Ziermotiven der
Völkerwanderungszeit ist ja so manches dort lebendig geblieben in
treuer Hut konservativen Volkswesens.
Der Kleinkunst der Skandinavier ist, als der des südgermanischen Landes
von Anfang an aufs nächste verwandt, ebenso schon früher ausführlich
gedacht.
Für unser Wissen und unsere Kenntnis der früheren und original
germanischen Klein- und Großkunst bleibt es ganz unentbehrlich, daß
wir die Parallelen dazu in Skandinavien suchen, daß wir unsere Lücken
dort ausfüllen können, wenn nicht an Beispielen aus der ältesten, so an
solchen der folgenden, der Enkelzeit.
[Sidenote: Deutschland]
Gleiches gilt denn auch in mancher Hinsicht für Deutschland selber.
Auch hier ist alles längst verschwunden, was von erster germanischer
Baukunst in Holz einst -- wie früher belegt sicher in reichem Maße --
vorhanden war.
Aber im frühesten Mittelalter mögen doch noch so manche Zeugen der
ältesten Zeit am Leben gewesen sein; mag z. B. im 10. oder 11.
Jahrhunderte, wo starke Städte langsam erwuchsen, noch so mancher
heilige oder ehrwürdige Bau aus früheren Tagen aufrecht gestanden
haben, an dessen Formen man sich damals anlehnte, gerade so, wie wir
heute deren aus dem 14. oder 15. Jahrhundert noch besitzen; auch mag so
manche altgeübte Zierform sich in den bildhauerischen Schmuck unserer
ersten Steindome überpflanzt, kann in den ältesten Städten am Harze
sich da und dort ein Stücklein frühester altdeutscher Kunst im Abbild
selbst bis heute gerettet haben. Nicht weniges spricht dafür.
Wer aufmerksam den Regungen des künstlerischen Geistes im Volke folgt,
findet dafür auch andere Merkzeichen. So vor allem ist es erstaunlich,
mit welcher Natürlichkeit sich der bildende Kunsthandwerker ganz
von selber, ihm gänzlich unbewußt, wieder auf den gleichen Pfaden
findet, auf denen seine Vorfahren einst gewandert sind. Wir
sprachen weiter oben von den germanischen Schlosserarbeiten des 16.
und 17. Jahrhunderts und davon, daß hier die älteste germanische
Kunstphantasie, wie wir sie kennen lernten, von neuem auferstehe;
insbesondere in den gehauenen Beschlägen der Türen aus Blech, wo ein
Gewimmel von phantastischen Tieren, Schlangen und anderen Ungeheuern
erscheint, kaum enträtselbar und doch so wohl bekannt, eine Neugeburt
des in Gräbern längst Bestatteten, oder in dem Gittergeflecht der
deutschen Renaissance aus durchgesteckten und geschlungenen Stäben,
die uns das uralte Flechtwerk der Langobarden in anderem Material neu
erstehen lassen.
Wir sehen, daß im 15. bis 17. Jahrhundert in unserem Holzbau, am
meisten in den allerältesten Städten, die in die Anfänge unseres alten
Reiches hinaufragen, Formen und Bildungen, Profile und Konstruktionen
auftreten, die sich damals ganz neu entwickelt zu haben scheinen, in
Wahrheit aber uralt sind. Die deutsche Renaissance zeigt im Fachwerk
eine Formenwelt, deren Ursprung uns völlig unbekannt scheint; weder
ist sie aus der gotischen entsprossen, deren mageres Flächen- und
Konstruktionswesen mit dem neuen nichts gemein hat, noch auch etwa dem
Vorrat der italienischen nach Deutschland importierten Renaissancewelt.
Nein, der deutsche Holzbau, den wir als den der Renaissance bezeichnen,
ist etwas ganz anderes: er ist eine Renaissance viel älteren
germanischen Holzwesens (Abb. 44, 188, Tafel XLVIII).
[Illustration: