Abb. 164. Germigny-des-Prés. Mosaikbild der Apsis.]

[Illustration: Abb. 167 u. 168. Quedlinburg. Wipertikrypta.]

Das Bild ist ernst und tieffarbig von bedeutender Wirkung und stellt

zwei große Engel dar, die von oben die mittenstehende Bundeslade

schützen, auf welche eine mitten sich herabsenkende Hand deutet,

und auf der noch zwei ganz kleine Engel stehen. Das Ganze von

hervorragender Schönheit, gewiß von einem Künstler aus dem Osten

ausgeführt. Doch in manchen Kleinigkeiten dem nordischen Geschmacke

entsprechend gebildet, vor allem in der an tiefen roten und blauen

Tönen, wie Schwarz und Gold reichen Färbung, die stark abweicht, z. B.

von der ravennatischen. Auch hie und da, so in der bezeichnenden

Verflechtung der Flügelspitzen, direkt germanische Motive zeigend.

Es ist mit einer schönen Bordüre eingefaßt, die Rauten und Sterne

aufgereiht enthält; unten ein lateinisches Distichon, das auf die

Bedeutung des Bildes hinweist und für den Erbauer Theodulf bittet.

Von diesem Bilde abgesehen haben wir im Formalen des Steinwerkes

der Kirche überall Anklänge an die spanisch-westgotische Auffassung

zu bemerken, während die Stukkaturen wieder in vielem an die

des Oratoriums der Peltrudis in Cividale und an die zu Disentis

anknüpfen; kurz, einen im wesentlichen auf der Höhe der damaligen

Architekturentwicklung bei den Germanen stehenden Bau. Das wird uns

weniger wunder nehmen, wenn wir uns erinnern, daß Bischof Theodulf, der

Erbauer, ein Westgote aus Septimanien war, den Karl der Große wegen

seiner bedeutenden geistigen Eigenschaften nach Frankreich zog. So

war er offenbar auch der Träger der südlichen germanischen Kultur, im

Gegensatz zu anderen Helfern Karls, die die italienisch-romanische nach

Norden verpflanzten.

[Sidenote: Karolingische Zeit]

Die Baukunst Karls des Großen schließt sich zeitlich direkt an die

bisher behandelte der Merowinger an; doch im Geiste bald weit von ihr

abweichend und nur selten mehr ans eigentliche Germanische anknüpfend.

Auch ist sie anderweitig hinreichend behandelt und bekannt genug; es

liegt denn keine Veranlassung vor, sie noch in den engeren Rahmen

unserer Darstellung zu ziehen.

Indessen ist es doch angezeigt, hier wenigstens noch einen kurzen

Überblick über die unter Karl und in der unmittelbar folgenden

Zeit entstandenen Bauwerke zu geben, um so wenigstens die Anfänge

der Steinbaukunst in Deutschland nicht ganz zu übergehen, da unser

Vaterland sonst überhaupt nicht zur Erscheinung gelangen würde; da

immerhin aber auch die Grenzen zwischen der alten Kunst und der

karolingischen sich nirgends völlig scharf ziehen lassen; ferner

sind einige Denkmäler selbst noch späterer Zeit dem Geiste nach in

die vorkarolingische Periode zu rechnen. Anderseits bewahrt die

karolingische Kunst manche Einzelheiten, welche noch zu unserem Gebiete

gehören.

Es gilt heute allgemein als feststehend, daß Karl der Große, ein großer

und nachdrücklicher Förderer der Kunst, insbesondere der Baukunst, sein

Streben doch im wesentlichen darauf richtete und wohl auch richten

mußte, das im Süden, in Italien, Geleistete seinem Volke zugänglich

zu machen. Es handelte sich in der Tat bei ihm ausschließlich um

reinen Import italienischer Kunst; jede Erkenntnis dessen, daß auch

den Germanen bereits beschieden war, Bedeutsames zu leisten, mußte

ihm fehlen. Seine besondere Bewunderung für Theoderichs des Großen

Leistungen auf diesem Felde kann sich also wohl nur auf die Pflege und

Fortführung der älteren italienischen Kunst durch diesen König bezogen

haben.

Merkwürdig ist dabei, daß des großen Kaisers Bauliebe sich so gut als

völlig auf das deutsche Land beschränkte, vielleicht weil er da noch

alles, in Frankreich aber nichts mehr zu tun fand. Um Trier, dessen wir

oben gedachten, scheint er sich nicht gekümmert zu haben; es erstreckt

sich seine fördernde und schaffende Tätigkeit zunächst auf Aachen, dann

aber auf den Rheingau und auf die westdeutschen Gebiete.

[Sidenote: Aachen, Pfalzkapelle]

In Aachen fand er die bereits zur Merowingerzeit bestehende Pfalz vor,

die er, wie aus dem Berichte der Zeitgenossen hervorgeht, verschönerte

und erweiterte, vor allem aber mit einem weiten Palastbezirk umgab,

dessen künstlerischen Höhepunkt seine Pfalzkapelle, die basilica Stae.

Mariae, bildete; hier völlig dem folgend, was er im Süden gesehen

und schätzen gelernt hatte. Behielt der Saal die Gestalt der alten

germanischen Königshallen bei, so verpflanzte Karl in dem Zentralbau

seines Münsters eine im Süden und Osten schon gepflegte Idee und

Grundform nach Norden. Es erübrigt sich über das Einzelne des Baus

hier zu sprechen, gewiß ist, daß wir dessen Vorbilder nicht allein in

S. Vitale zu Ravenna und der Rotonda zu Brescia, sondern noch mehr in

der Levante zu finden haben. Die künstlerische Ausstattung der Kirche

ist durchweg aus der Fremde, vermutlich gänzlich aus Ravenna hierher

gebracht; die zahlreichen Säulen stammen aus Theoderichs Palast, wie

denn die wenigen noch originalen Kapitelle genau mit solchen aus

ostgotischer Zeit in Ravenna übereinstimmen. Der Bronzeschmuck ohne

Zweifel ebendaher. Ich habe beim Theoderichdenkmal darauf hingewiesen,

daß die Aachener Gitter die Längenmaße der Seiten des letzteren

besitzen und unverkennbar ravennatischem Stil folgen. Die bronzene

Bärin, der Pinienzapfen und so manches andere selbst jüngerer Zeit sind

aus der Fremde hierher gebracht; die Mosaiken und Marmortäfelungen,

das opus sectile des Fußbodens ebenfalls von Theoderichs Palast. Nur

der Mosaikschmuck der Gewölbe muß neu entstanden sein und lag gewiß

in gleichen (byzantinischen) Händen, wie der noch erhaltene von

Germigny-des-Prés von 806.

Doch ist ein Neues für uns hier zu beachten: die Abstützung der

mittleren Kuppel im oberen achteckigen Umgange durch auf ihre acht

Seiten stoßende Tonnengewölbe, sogar mit Ausnahme des östlichen und

westlichen Feldes ansteigende (Abb. 165); eine neue Tat auf dem von

den Germanen so gepflegten Gebiet der Kombination der Tonnengewölbe zu

durchgebildetem und kompliziertem System, wofür wir die Beweise seither

so oft gefunden haben.

Ein Weiteres fällt uns hier auf: die Westvorhalle zwischen zwei

runden Treppentürmen. Dieses bauliche Motiv scheint nur germanischen

Kirchen eigen zu sein und kehrt um jene und die kurz darauf folgende

Zeit in Deutschland bis gegen das Jahr 1000 hin oft wieder. So in

Köln an S. Pantaleon, in Bonn, in Münstermaifeld, in Gernrode, in

Möllenbeck, in Großenlinden (bei Gießen), wie wir es bereits an der

langobardischen Kirche S. Lorenzo zu Verona antrafen, wie ja auch der

Rundturm überhaupt, der in Ravenna zuerst auftritt, ein germanischer

Kunstgedanke zu sein scheint, der an dem deutschesten aller romanischen

Dome, dem zu Worms, seine feinste Höhe erreicht.

[Illustration: Abb. 165. Münster zu Aachen. Schnitt. Nach Dohme.]

Nicht minder ist es nötig, darauf hinzuweisen, daß in den ältesten

nordischen Steinkirchen ungemein oft Emporen erscheinen, mehr als sonst

irgendwo. Aus welchen Gründen ist noch nicht völlig klar.

[Sidenote: Höchst]

[Sidenote: Ingelheim]

Die edle Basilika auf Säulen mit glattblättrigen korinthischen

Kapitellen und gerieftem Kämpferaufsatz zu Höchst am Main sei ebenfalls

erwähnt. Nicht minder die von Einhard erbauten zwei Pfeilerbasiliken zu

Steinbach und Seligenstadt, die Peterskapelle zu Helmstedt, dazu die

Kaiserpfalz zu Nieder-Ingelheim. Hier überall finden wir zwar jenen

klassizistischen oder antiken Zug, der Karls Kunst den Namen einer

ersten Renaissance verschafft hat; wie aber bereits oben dargelegt, ist

er in noch weit höherem Maße und feinerer wie energischerer Ausprägung

schon der letzten Zeit seiner Vorgänger eigen, und handelt es sich

bei Karl d. Gr., wie es scheint, doch viel mehr um Übertragung der

+gleichzeitigen+ nicht der älteren italienischen (oder östlichen)

Baukunst nach dem Norden; stehen also seine Bauwerke durchaus auf der

Linie seiner eigenen Zeit. Auch der letzte Rest der Pfalz zu Ingelheim,

der Saal, zeigt uns eine richtige Übertragung der römischen Basilika,

etwa wie Theoderich in Ravenna etwas Ähnliches in der Herkulesbasilika

als Börse für die Kaufleute geschaffen hatte, mit schmalen Säulenhallen

an der Seite und großer Apsis für den Herrschersitz am Südende. Dieser

Saal erweist deutlich, daß sich Karl, wo er ganz neu baute, von der

germanischen Sitte auch in der Anlage des Königsaals entfernte und

fremdländischer zuneigte.

Dagegen finden wir aus Ingelheim im Mainzer Museum noch einige

bildhauerische Reste, die uns wieder in bekannte Gebiete führen; eine

Reliefplatte mit einem säugenden Flügelpferd, in Technik und Behandlung

so nahestehend dem Relief aus S. Miguel de Lino in Oviedo, daß wir

an eine direkte Verbindung dieser übrigens wohl gleichzeitigen Kunst

denken müssen (Abb. 166).

Zwei Pfeilerkapitelle aus Ingelheim weisen ebenfalls auf eigene

künstlerische Auffassung hin; sie gehören zu Pfeilern von

eigentümlichem Grundriß mit Halbsäulen besetzt, die von einem

achteckigen Zentralbau herrühren müssen (s. Abb. 49). Vielleicht

Reste der alten Pfalzkapelle; die jetzige Remigiuskirche geht ja nur

auf Otto I. und Barbarossa zurück. Da nicht nur Aachen, sondern auch

Nymwegen, ja zuletzt noch Goslar eine achteckige Pfalzkapelle besitzen,

so hätte es nichts Unwahrscheinliches, daß auch Ingelheim eine solche

umschlossen hätte.

Diese Kapitelle weisen außerdem auf einen denkenden nordischen

Künstler hin; in der Behandlung denen in Lorsch teilweise verwandt

haben sie ganz eigenartige Blattzerspaltungen und eine germanischer

Art nahestehende Parallelstellung der Blattrippen und ähnlicher

Einzelheiten, die vermuten lassen, daß wir hier doch Werke germanischer

Kunst sehen. Wie ja jenes Relief auch gleiches besagt.

[Sidenote: Kirchen im Rheingau]

Daran schließen sich auf das nächste einige Steinreste an alten Kirchen

meist des Rheingaues, wohl alle von Türen herrührend, die bestimmt

als im Lande entstanden betrachtet werden müssen. Das sind besonders

die drei Türstürze zu Engelstadt, Pfeddersheim und Pfaffenhofen.

Der erste lehnt sich in Art der Zeichnung ganz merkwürdig an die

westgotisch-spanischen in Toledo und Merida an (s. Abb. 56); die

beiden anderen mehr an langobardische Art, worauf auch die dachförmige

Gestalt der Steine deutet. Überall aber finden wir die in den glatten

Balken einfach auf Grund gesetzten Tiergestalten, die uns die so

ähnlichen Arbeiten in Oberitalien ins Gedächtnis rufen. Verwandte

Tierdarstellungen, sicher einst als Schmuck von Portalwänden einfach

in diese eingesetzt, haben wir auch noch aus Ladenburg bei Mannheim;

Ähnliches findet sich vereinzelt in ganz Deutschland, selbst bis nach

Holstein hin.

Konnten wir hier auch in der durch Karl der neuen Zeit erschlossenen

Gegend noch vereinzelte Regungen der altgermanischen Kunstweise

feststellen, so ist aus noch späterer Zeit mehreres zu erwähnen, was

wir als die letzten deutlich sich aussprechenden Ausläufer solcher

Richtung bezeichnen dürfen.

[Sidenote: St. Wipertikrypta zu Quedlinburg]

Das eigenartigste Bauwerk dieser späten dem Geiste nach viel früheren

Kunst ist unzweifelhaft die kleine Krypta unter der romanischen

Wipertikirche zu Quedlinburg.

[Illustration: Abb. 166. Relief aus Ingelheim.]

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es noch die alte Kapelle der Pfalz

der Vorfahren Kaiser Heinrichs I., der Ludolfinger, 929 der Kaiserin

Mathilde als Witwengut zugeschrieben; diese machte bereits vor 961 ein

Chorherrenstift mit dem Namen der Heiligen Jakobus und Wipertus daraus;

zu dieser Zeit oder später wird die alte kleine Pfalzkapelle als Krypta

in die neue Stiftskirche eingebaut worden sein (Abb. 167, Tafel XLIV).

Wenn aber gesagt wird, daß wir einen vollständigen Umbau der älteren

kleinen ursprünglich flachgedeckten Kirche zur Krypta vor uns hätten,

so kann dieser Meinung doch nicht beigetreten werden. Das ganze kleine

Gebäude ist so völlig aus einem Gusse, auch von Anfang an ohne Wölbung

nicht denkbar, daß es höchstens zweifelhaft sein kann, ob der Bau

wirklich schon von den Vorfahren Heinrichs herrührt, die den Königshof

an dieser Stelle bereits im 8. Jahrhundert besaßen; oder ob er erst von

dem kaiserlichen Enkel erbaut wurde.

Was ihn so außerordentlich interessant macht, ist seine Eigenschaft

als eines rein germanischen Steinbauwerkes anfänglichster Art; als

des Versuches eines nordischen Baumeisters bei Lösung der Aufgabe den

Anforderungen des Stein- und Gewölbebaus zu entsprechen, ohne daß

irgendwie eine Nachbildung eines südlichen Vorbildes zu erkennen wäre;

vielmehr ist das Ganze in Grundriß und Aufbau durchaus selbständig,

entspricht dabei genau den Gesichtspunkten, die wir früher als bei

dem Übergange vom Holz- zum Steinwölbebau als maßgebend und wirksam

erkannten.

Das Kirchlein ist sehr einfach, von höchst kompaktem Grundriß,

dreischiffig; die halbrunde Apsis mit Nischengewölbe ist von einem

tonnengewölbten Umgange umgeben, der sich in den Schiffen zu seiten

des ebenfalls tonnengewölbten Mittelschiffes fortsetzt. Das Schiff

hat nur zwei Joche, die durch Gurtbögen in den Tonnen kenntlich

gemacht sind (Abb. 168, Tafel XLIV). Die Stützen bestehen aus je zwei

kräftigen rechteckigen Steinpfeilern, zwischen die Säulen gestellt

sind, zusammen einen Architravbalken tragend, auf dem das Gewölbe ruht.

Ganz holzmäßig; der Balken zieht auch um die Chornische herum, dort

auf einem rechteckigen Pfeiler und je zwei kleineren Säulen liegend

(Abb. 169, Tafel XLV). In der engen Apsis der Altar; der Chorumgang von

sieben rechteckigen Nischen umgeben (die mittelste ist heute zur Türe

ausgebrochen). In den Schiffswänden sind je zwei tiefsitzende Fenster.

In der Westwand waren drei Türen.

Die Höhenlage und das bedeutende Emporragen in die Kirche beweist, daß

diese „Krypta“ anfänglich über der Erde lag, wie man selbst noch jetzt

ziemlich gleichen Fußes hineintritt.

Der Formalismus ist der einfachste. Der Architravbalken ist unten von

zwei Rundstäben mit Plättchen eingefaßt; die Säulen der Chornische

haben Kapitelle, die nur ganz roh aus dem Rund ins Viereck übergehen,

attische Basen und verjüngte Schäfte; der östlichste rechteckige

Pfeiler trägt ein mühsam jonisierendes Kapitell.

Die Südseite des Architravs nach dem Seitenschiff, einst die

bestbeleuchtete Stelle, heute dunkel, ziert ein Flechtband mit Kreuz am

Ende, einem langobardischen Friesstück in Aquileja des 8. Jahrhunderts

stark ähnlich (Abb. 170, Tafel XLV). Die östlichen Säulenkapitelle

entsprechen in der Form genau den gleichaltrigen des 9. Jahrhunderts in

der Michaeliskirche zu Fulda.

Die vier Schiffssäulen aber, das wichtigste für uns, bilden eine

besonders eigenartige und echt germanische Klasse der Stützen (Abb.

51); sie haben sogenannte Pilzkapitelle, die offenbar auf der Drehbank

nach Muster eines hölzernen Stützenkopfes nebst den Schäften gedreht

sind, eine Form, die nichts mit der klassischen oder südlichen Kunst zu

tun hat, sondern nur aus dem Holzbau zu verstehen ist, die denn auch

von jeher diese Auffassung gefunden hat. Oben ein nach unten hängender

Rundstab, darunter eine Hohlkehle mit Stäbchen und Plättchen.

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 99 / 114 题