[Illustration: Abb. 139. Val de Dios. Steinfenster.]
Übrigens macht sich hier das Ende unserer Kunst bemerklich; das
Eindringen arabischer Ideen und Formen läßt sich vor allem an den
jüngeren Kapitellen nicht verkennen, in anderer Hinsicht verschwindet
die kernige Ursprünglichkeit der germanischen Art; wir stehen an der
Schwelle des Mittelalters.
[Sidenote: S. Pedro bei Zamora]
Noch ein kirchliches Bauwerk darf nicht vergessen werden, dessen
Stellung bis jetzt noch nicht ganz sicher festgelegt werden kann:
die Parochialkirche von S. Pedro, nordwestlich von Zamora, nahe der
Grenze von Portugal. Es ist ein Gebäude, das gewissen Merkzeichen
nach, insbesondere nach der inneren Ausbildung des (vorgeschobenen)
Chors mit Halbsäulen und Arkaden, wohl zeitlich zu der Gruppe
der Kirchen Alfonsos II. gehören wird. Sonst ist es ein durchaus
selbständiges Werk mit einem der merkwürdigsten Grundrisse (Abb. 140).
[Illustration: Abb. 140. S. Pedro bei Zamora.]
Dieser stellt ein Rechteck dar, das, in drei Schiffe geteilt, mitten
durch eine Art Querschiff völlig durchschnitten ist; vor diesem zwei
Vorhallen, die die Eingänge enthalten. Der Chor schiebt sich als
Rechteck in der Breite des Mittelschiffes frei vor. Im ganzen also,
ausgenommen die einfache Chorapsis, mit Santullano zu Oviedo verwandt.
[Illustration: Abb. 141. S. Pedro. Kämpfer des Chorbogens.]
Alle Räume sind mit Tonnengewölben überdeckt; die Fenster sind schmale
Schlitze; von außen alles durch ein breites Dach bedeckt. Im Inneren
finden wir nirgends freie Stützung, vielmehr Wände mit Öffnungen,
so daß der Schiffraum sozusagen in sieben getrennte Räume zerfällt,
zu denen noch Chor und die beiden Vorhallen kommen. Dabei aber ist
die innere architektonische Dekoration eine sehr reiche; Halbsäulen
mit sich verbreiternden Kapitellen (Abbildung 141) und Basen,
Hufeisenbögen, die ja im Norden um jene Zeit schon verschwinden, reiche
Friese in Kerbschnitt überall; insbesondere sind die beiden seitlichen
Räume der Ostpartie vor dem Chor durch schöne Durchbrechungen
in Arkaden mit Brüstung und Türen mit dem Mittelraum verbunden;
Säulenkapitelle, Zierrat teilweise an S. Miguel, auch an Val de Dios
anklingend, ebenfalls einen Übergang zu Neuem bildend, wohl auch
einige arabische Einflüsse zeigend. -- Kurz, die Kirche ist noch nicht
gründlich untersucht und aufgenommen, aber dessen wert, konstruktiv,
als Tonnengewölbebau von neuer Eigenart, wie als dekorative Leistung,
in der sich die letzten Leistungen des Westgotentums mit den
Vorwirkungen neuer Zeiten bezeichnend mischen, ein wichtiges und auch
reiches Werk. -- Was die merkwürdig starke Teilung des Raumes veranlaßt
hat, ist nicht zu sagen; jedenfalls bemerken wir in jener Zeit
überhaupt ein auffallendes Streben nach solcher Teilung. Die Gegend war
seit dem 9. Jahrhundert von den Christen erobert und fiel erst im 10.
den Arabern wieder in die Hände.
Mancherlei kleinere Reste aus der Zeit der Westgoten könnten noch
erwähnt werden, doch sie vermögen das Bild des Ganzen nicht zu
ändern. Der Stadtmauern von Caceres darf man noch gedenken; allerlei
Kirchenbauten selbst des 10. Jahrhunderts pflanzen die ältere Tradition
in ihren Formen noch fort, so Ripoll, S. Pablo del campo und S. Pedro
de las Puellas zu Barcelona; in anderen erheblich späteren bricht
das germanische Element noch manchmal gewaltig durch; so an der
Kirchenfassade zu Poblet im Riesenkloster.
Aber mit dem Untergange des alten Westgotenreiches und dem langsamen
Erwachen einer neuen spanischen Nation versank auch germanisches Wesen
und seine Kunst auf der pyrenäischen Halbinsel.
[Illustration]
[42] Es ist hier an der Stelle darauf hinzuweisen, daß auch das
spätere eigentliche Spanien in seinen Namen noch oft westgotisch
ist, so sind die Königsnamen Alfonso, Ramiro, Rodrigo rein
germanisch: Hadafuns, Ranimir, Rotareiks. Auch Recared ist
nichts anderes als Richard. 672 heißt ein westgotischer Abt von
Nimes Ranimer, noch 848 König Ramiro I. Ranimirus.
[43] Precursor Dn̄i martir Babtista Johannes Posside constructam in
eterno munere sedē. Qvam devotus ego rex Reccesvinthus amator
Nominis ipse tui proprio de iure dicavi. Tertio post decem regni
comes inclitus anno Sex centum degens era nonagesima nobem.
[44] Noch andere Architekten werden nachher genannt, so Viviano und
Gino, deren Namen aber nicht gotisch zu sein scheinen.
[45] An dem Orte, Gehölz genannt, erbaute er eine Kirche und einen
Palast, wunderbar mit Tonnengewölben hergestellt.
[46] Es soll hiermit nicht gerade gesagt werden, daß unsere Kirche
das alleinige Vorbild solcher Entwicklung sei; wir wissen nicht,
wie viele Schwestern sie einst gehabt, betrachten sie auch nur
als den einzigen übriggebliebenen Rest aus einer vielgestaltigen
Reihe ähnlicher Werke.
[47] Nur in Murcia findet sich im Museum eine ähnliche Steinscheibe,
die einen Reiter mit Lanze enthält. Die Schrift nicht
zu enträtseln. Diese Scheibe (s. Titel) ist sicher noch
westgotisch, vor 711, denn nachher war Murcia arabisch; folglich
handelt es sich um ein sehr altes Motiv.
[48] _XP_ᵉ, filius Dei q(ui) e Maria ingressus es sine humana
conceptione et egressus sine corruptione qui per famulum
tuū Ranimirū principē gloriosum cū Paterna Re(gina) conjuge
renovasti (hoc) habitaculum nimia vetustate consv̄ptv̄ e(t)eis
aedificasti hanc haram be(nedic)tionis gloriosae Stae Mariae in
locum hunc summum ex(audi) eos de caelorum habitacvlo tvo et
dim (issionem fac peccat) orum qui vivis et regnas per infinita
secula seculorum. Amen. e VIIIIᵒ Klds Julias era DCCCLXXXVI A.
[49] Von anderer Seite (Kessel & Rhoen) werden nur fünf Joche als
ursprünglich in Aachen vorhanden angesehen, statt sieben, wie
Reber annimmt. Das tut zur Sache übrigens sonst wenig (vgl. S.
235).
[50] Die seitlichen Füllungen sind später unten ein weniges abgehauen.
[Illustration: DIE VANDALEN]
Der berühmte kriegerische Stamm, der bei dem Herannahen der Westgoten
seine Sitze in Spanien verließ (429), um in Nordafrika, im heutigen
Algier und Tunis, sich ein neues Vaterland zu gründen, hat dort die
schönen römischen Städte zu den seinen gemacht und ein reiches und
blühendes Erbteil übernommen. Wenig blieb ihm da zu tun und neu zu
schaffen. Noch weniger ist auf diesem Gebiete bisher geforscht und
geordnet. Immerhin besteht bis jetzt die Gewißheit, daß auch hier
während der Germanenherrschaft auf künstlerischem, insbesondere
baulichem Gebiet nicht Unbeträchtliches getan wurde. Zahlreiche Kirchen
sind im 5. Jahrhundert neu erstanden, von denen noch Reste genug
vorhanden sind, um daraus entnehmen zu können, daß diese Baukunst der
ersten westgotischen durchaus ähnlich war. In Orléansville, Tebessa,
Tipasa, Haidra, Sbeitla, Birmali, le Kef und anderorts vorgenommene
Ausgrabungen und Untersuchungen haben ansehnliche Reste dieser Art
zutage gefördert, die sich durch Unabhängigkeit vom Osten auszeichnen
und mancherlei originelle Anordnungen, vor allem in den Grundrissen,
aufweisen.
Größere Bauten werden von den Geschichtsschreibern der Vandalen
gerühmt, so die Thermen der Könige Thrasamund und Hilderich. Ersterer
baute auch eine Basilika und einen Palast und in der Nähe Karthagos
selbst eine ganze Stadt: Alikana. Das Landhaus der Könige zu Grasse
mit prächtigsten Lustgärten preist Prokop, wie überhaupt die vornehmen
Vandalen gern in Villen mit Gärten und Hainen wohnten und sich bald
großer Üppigkeit hingaben; trotzdem blieb ihnen die altgermanische
Jagdlust bis zuletzt.
[Sidenote: Kleinkunst]
Übrigens waren die Vandalen auch im Kunstgewerbe in altgewohnter Weise
tätig; ihre Waffen waren berühmt und wurden weithin versandt, am
meisten ihre ausgezeichneten Schwertklingen.
Das einstige Vandalengebiet ist bis heute noch nicht auf seine
germanischen Kunstreste durchforscht. Es bleibt hier noch alles zu tun;
mit Sicherheit ist aber vorauszusehen, daß solche Forschungen noch
erhebliche Zeugnisse auch für eine künstlerische Kultur ergeben und
weiteren Beweis liefern werden, daß der berüchtigte Name der Vandalen
mit Unrecht zur allgemeinen Bezeichnung wildester Kunstfeindschaft und
rohester Zerstörungswut gemacht worden ist.
[Illustration]
[Illustration: DIE FRANKEN]
In dem herrlichen Lande, welches dieser germanische Stamm sich zu eigen
zwang, hat eine Reihe seitdem sich folgender hoher Kunstzeiten seine
Spuren fast ganz verwischt. Viel weniger als man erwarten sollte ist
übrig von den Kunstdenkmälern, die von den Tagen Childerichs I. und
Chlodowechs an bis zu den karolingischen entstanden, von vollständigen
Werken fast nichts. Um so mehr ist das verwunderlich, als das von den
Merowingern errichtete Reich gewissermaßen bis auf den heutigen Tag
noch besteht, als das Frankenreich noch immer in Frankreich fortlebt
und niemals mehr fremder Herrschaft noch verwüstender Überflutung
ausgesetzt gewesen ist. Aber das Bessere war des Guten Feind; immer
neue schönere Bauwerke haben sich an die Stelle der früheren gesetzt,
die alten Hauptstädte sind stets größer geworden, und so finden wir
fast nur noch in Krypten und Museen die spärlichen uns hier Aufschluß
gebenden Überbleibsel einer gewaltigen Zeit.
[Sidenote: Fränkische Kleinkunst]
Freilich bergen und spenden die zahllosen Gräber dauernd ungezählte
Schätze edelster Art der Kleinkunst der Franken, fast von den
Pyrenäen an, wo westgotische Reste vorherrschen, bis über den Rhein
hinüber und bis nach Holland hin. Den schönsten Fund, den Grabschatz
Childerichs I., des Vaters Chlodowechs (s. Abb. 14, Tafel II), haben
wir oben näher beschrieben. Nicht nur in Gold und Steinen, auch in
Silber, Bronze und Eisen, in Tauschier- und Niellierarbeit leisteten
die Franken Hervorragendes. Den altgotischen Edelsteinschmuck in
Goldzellen übertrugen sie auf andere Materialien, insbesondere auf
Bronze in größerem Maßstabe; die Edelsteine ersetzten sie gern durch
schön gefärbtes Glas mit gemusterten Goldfolien dahinter -- verroterie
mérovingienne --, in Glas und Ton schufen sie reizvolle Gefäße; kurz,
ihre Kunstleistung schon auf diesem Gebiete ist außerordentlich und
zeigt bereits die Keime jener ausgezeichneten Geschmacksentwicklung,
die das spätere Frankreich bis heute sich zu bewahren gewußt hat.
[Sidenote: Burgundische Kleinkunst]
Eine Ergänzung finden die fränkischen Werke dieser Art in den
burgundischen; dieser Volksstamm hatte nach seiner schweren Niederlage
am Rhein sich wie bekannt im Osten Frankreichs, in Savoyen, der
Dauphiné bis hinab in die Provence neue Sitze gegründet und eine
von der fränkischen öfters abweichende Kleinkunst gepflegt. Die
burgundischen Bronzeschmuckteile der Ausrüstung (Abb. 142, Tafel
XXXVIII), ausnahmsweise mit figürlichen Darstellungen von allerlei Art,
von Menschen und Tieren, sind von denen der übrigen Germanen teilweise
sehr verschieden und entbehren als die wohl ältesten figürlichen
Arbeiten bei den Germanen nicht besonderen Wertes. Im übrigen zeichnen
sich die schönen Riemenbeschläge, Schnallen und dergleichen bei den
Burgundern durch Größe und Wucht aus; es existieren solche von fast
riesigen Formaten nicht nur unter den tauschierten Eisenarbeiten.
[Illustration: