Diese bildhauerischen Werke zeigen uns den originalsten langobardischen
Ornamentstil auf der Höhe klarer Entwicklung, zugleich die deutlichste
Übertragung einer ausgebildeten Holzschnitztechnik. Abgesehen
von der mangelhaften Behandlung des Figürlichen, die sichtlich
in gänzlicher Ungeübtheit ihren Grund findet, aber auch beweist,
daß diese Arbeiten nicht von Italienern noch Griechen angefertigt
sein können, ist die Durchführung von meisterhafter Sicherheit, --
meisterhaft allerdings nur im Sinne eines trefflich gehandhabten
Kunsthandwerks. Das künstlerische Gewicht der Arbeit ist denn auf die
geschickte Verteilung des Schmuckes gelegt, etwa nach den Gesetzen
der Teppichkomposition in der einfachen Technik des Aufgrundsetzens
und der Herstellung und Ausführung des Details durch bloße vertiefte
Linienzeichnung. Ein völlig Gegensätzliches gegen das antike Relief mit
seiner vollständigen Durchbildung des Körperlichen.
Freilich hat das auf diese feinste klassische Reliefkunst der Antike
und der Renaissance gestimmte Auge des Italieners kein Verständnis, ja
kein Gefühl für solch eigenartige ihrerseits besonderen Reizes nicht
entbehrende, wenn auch noch in den Kinderschuhen der Figurenbildung
steckende Kunstweise des Nordländers.
Dies Cividale, die alte Hauptstadt des langobardischen Herzogtums
Friaul, ist überhaupt reich an Resten von künstlerischen Werken der
alten Langobardenzeit. Hier hausten seit Herzog Gisulf, dem Neffen
Alboins, dem dieser König die Rückendeckung und Grenzwacht mit einer
Schar auserlesener Krieger anvertraute, langobardische Fürsten bis
zuletzt, aus deren Stamm selbst Könige hervorgingen, wie Ratchis, der
Sohn des wackeren Herzogs Pemmo.
Die alte römische Stadt, prächtig gelegen auf dem steilen Felsufer
des Natisone, hat die Erinnerung an die norddeutschen Eroberer
Italiens wohl am stärksten bewahrt in vielen Gräbern und Kirchhöfen,
Kirchenschätzen und Ausstattungen, zahllosen Bruchstücken, ja selbst
einem wohlerhaltenen Gebäude, dem einzigen seiner Art, zugleich mancher
alten nordischen Sitte, die im Volke noch lebt. Nicht allzulange ist
es her, daß der jährliche Wanderzug der deutschen Kaufleute, die von
alters über die Alpen kamen und hier Messe hielten, aufgehört hat.
[Sidenote: Pemmo-Altar]
Dem Herzog Pemmo hat denn auch sein frommer Sohn, König Ratchis
(744-49) ein monumentales Andenken geweiht in der Martinskirche gleich
jenseits der gewaltig kühnen Brücke über den brandenden Fluß. Einen aus
vier Steinplatten zusammengestellten sarkophagähnlichen Altar, dessen
Seiten auf das reichste mit bildhauerischem Schmuck, und zwar auf der
Vorder- und den beiden Nebenseiten mit figürlichem bedeckt sind.
Er ist ja nicht eben von klassischer Schönheit, dieser Altar; vielmehr
wie stets bei den alten Langobarden noch von kindlicher Naivetät. Die
Vorderseite des Altars (Abb. 100, Tafel XXVII) stellt Christus zwischen
zwei Engeln dar, unbärtig, in einer mandelförmigen Glorie, gehalten
von vier Engeln; die rechte Seite die Anbetung der Könige, die linke
die Heimsuchung Mariä. Auf der Rückseite ein Kreuz und ein kleines
eingelassenes Schränkchen für heilige Gefäße (Abb. 101, Tafel XXVII).
Der Stil der ganzen Darstellungen ist der bekannte: alles ist flach
auf Grund gesetzt, die Ausgestaltung in vertieften Linien eingegraben,
ohne jedes eigentliche Relief, wie in ein glattes Brett eingekerbt.
Und doch von Reiz und künstlerischer Schönheit, wenn auch die
Zeichnung der Figuren noch kindlich, anfängerhaft roh ist und von
größter Unvollkommenheit in den Verhältnissen. Die Arme der Engel
sind teilweise so groß wie ihr ganzer Leib; die Köpfe von häßlicher
Birnenform, alles Detail nur in Linien angegeben, so wie es ein
in solchen Dingen gänzlich Ungeübter eben fertig bringt, dem noch
nicht die Augen aufgegangen sind für die doch auch in jenen Gegenden
nicht ganz fehlende Schönheit der antiken Kunst. Aber bei alledem
ist auch hier wieder die ausgeprägte uralte Übung des Flachschnittes
überall hervortretend und anzuerkennen, hervorragend in trefflicher
Flächeneinteilung und teppichartiger Wirkung, die gegenüber der Roheit
der Figurenzeichnung als schlechthin vollkommen zu bezeichnen ist. Der
kunstsinnige Italiener entrüstet sich wohl über die Kühnheit „dieser
armen Teufel, die ja öfters das Ornament mit ziemlicher Anmut zu
behandeln wußten, die, wenn sie Tiere darstellten, schon den Gipfel der
Barbarei erstiegen -- aber jede Gelegenheit sich an der Darstellung
menschlicher Gestalten zu versündigen, hätten wie die Pest fliehen
sollen ... Man kann sich vorstellen, was aus solchen Händen hervorgehen
mußte. Wenn die Roheit der Zeit solche Elendigkeiten nicht erklärte,
müßte man sie für plumpe Karikaturen halten, Schreckbilder wie sie
die Gassenjungen auf frisch geweißte Wände zu schmieren pflegen.“
So urteilt Cattaneo, der freilich jede Schönheit anderer Art, die
sich da doch zeigt und die er nicht zu leugnen vermag, ebenso rasch
den Barbaren abspricht und sie seinen Landsleuten oder lieber noch
griechischen Künstlern zuschreibt, ohne dafür Verständnis zu haben, daß
jener Zeit und jener germanischen Kunst auch die Vorzüge ihrer Fehler
eigen sind.
Nirgends kann man dabei klarer sehen, als hier, daß es sich um
eine uralt gewohnte und gepflegte Kunstübung handelt, der Ornament
und Flächenschmuck auf das beste vertraut war. So werden auch die
dargestellten menschlichen Gestalten nur als reine Ornamente,
Flächenausfüllungen zu würdigen sein; jeder Begriff dafür, daß solche
Bildungen ihre besonderen Gesetze der Anatomie und eigene Ansprüche
an die Zeichnung aufzuerlegen berechtigt sind, mangelt noch gänzlich.
Unbekümmert darum verteilt man sie auf die zur Verfügung stehenden
Flächen und meint alles getan zu haben, wenn der Sinn der Darstellung
erkennbar ist.
Aber das ist noch zu beachten: überall zeigen Vertiefungen an, daß
einst farbige Steine und dergleichen in den Stein eingelegt waren,
besonders in die Augen -- auch überall auf den Flügeln der Engel, die
von Augen übersät sind -- und es ist anzunehmen, daß der ganze Altar
einst farbig bemalt war; dann präsentierten sich seine Flächen ungefähr
wie reichfarbige schön eingeteilte Teppiche und waren sicher von
eigenartiger und vornehmer Wirkung.
[Illustration: