Abb. 98 u. 99. Cividale. Brüstungen am Baptisterium im Dom.]

Diese bildhauerischen Werke zeigen uns den originalsten langobardischen

Ornamentstil auf der Höhe klarer Entwicklung, zugleich die deutlichste

Übertragung einer ausgebildeten Holzschnitztechnik. Abgesehen

von der mangelhaften Behandlung des Figürlichen, die sichtlich

in gänzlicher Ungeübtheit ihren Grund findet, aber auch beweist,

daß diese Arbeiten nicht von Italienern noch Griechen angefertigt

sein können, ist die Durchführung von meisterhafter Sicherheit, --

meisterhaft allerdings nur im Sinne eines trefflich gehandhabten

Kunsthandwerks. Das künstlerische Gewicht der Arbeit ist denn auf die

geschickte Verteilung des Schmuckes gelegt, etwa nach den Gesetzen

der Teppichkomposition in der einfachen Technik des Aufgrundsetzens

und der Herstellung und Ausführung des Details durch bloße vertiefte

Linienzeichnung. Ein völlig Gegensätzliches gegen das antike Relief mit

seiner vollständigen Durchbildung des Körperlichen.

Freilich hat das auf diese feinste klassische Reliefkunst der Antike

und der Renaissance gestimmte Auge des Italieners kein Verständnis, ja

kein Gefühl für solch eigenartige ihrerseits besonderen Reizes nicht

entbehrende, wenn auch noch in den Kinderschuhen der Figurenbildung

steckende Kunstweise des Nordländers.

Dies Cividale, die alte Hauptstadt des langobardischen Herzogtums

Friaul, ist überhaupt reich an Resten von künstlerischen Werken der

alten Langobardenzeit. Hier hausten seit Herzog Gisulf, dem Neffen

Alboins, dem dieser König die Rückendeckung und Grenzwacht mit einer

Schar auserlesener Krieger anvertraute, langobardische Fürsten bis

zuletzt, aus deren Stamm selbst Könige hervorgingen, wie Ratchis, der

Sohn des wackeren Herzogs Pemmo.

Die alte römische Stadt, prächtig gelegen auf dem steilen Felsufer

des Natisone, hat die Erinnerung an die norddeutschen Eroberer

Italiens wohl am stärksten bewahrt in vielen Gräbern und Kirchhöfen,

Kirchenschätzen und Ausstattungen, zahllosen Bruchstücken, ja selbst

einem wohlerhaltenen Gebäude, dem einzigen seiner Art, zugleich mancher

alten nordischen Sitte, die im Volke noch lebt. Nicht allzulange ist

es her, daß der jährliche Wanderzug der deutschen Kaufleute, die von

alters über die Alpen kamen und hier Messe hielten, aufgehört hat.

[Sidenote: Pemmo-Altar]

Dem Herzog Pemmo hat denn auch sein frommer Sohn, König Ratchis

(744-49) ein monumentales Andenken geweiht in der Martinskirche gleich

jenseits der gewaltig kühnen Brücke über den brandenden Fluß. Einen aus

vier Steinplatten zusammengestellten sarkophagähnlichen Altar, dessen

Seiten auf das reichste mit bildhauerischem Schmuck, und zwar auf der

Vorder- und den beiden Nebenseiten mit figürlichem bedeckt sind.

Er ist ja nicht eben von klassischer Schönheit, dieser Altar; vielmehr

wie stets bei den alten Langobarden noch von kindlicher Naivetät. Die

Vorderseite des Altars (Abb. 100, Tafel XXVII) stellt Christus zwischen

zwei Engeln dar, unbärtig, in einer mandelförmigen Glorie, gehalten

von vier Engeln; die rechte Seite die Anbetung der Könige, die linke

die Heimsuchung Mariä. Auf der Rückseite ein Kreuz und ein kleines

eingelassenes Schränkchen für heilige Gefäße (Abb. 101, Tafel XXVII).

Der Stil der ganzen Darstellungen ist der bekannte: alles ist flach

auf Grund gesetzt, die Ausgestaltung in vertieften Linien eingegraben,

ohne jedes eigentliche Relief, wie in ein glattes Brett eingekerbt.

Und doch von Reiz und künstlerischer Schönheit, wenn auch die

Zeichnung der Figuren noch kindlich, anfängerhaft roh ist und von

größter Unvollkommenheit in den Verhältnissen. Die Arme der Engel

sind teilweise so groß wie ihr ganzer Leib; die Köpfe von häßlicher

Birnenform, alles Detail nur in Linien angegeben, so wie es ein

in solchen Dingen gänzlich Ungeübter eben fertig bringt, dem noch

nicht die Augen aufgegangen sind für die doch auch in jenen Gegenden

nicht ganz fehlende Schönheit der antiken Kunst. Aber bei alledem

ist auch hier wieder die ausgeprägte uralte Übung des Flachschnittes

überall hervortretend und anzuerkennen, hervorragend in trefflicher

Flächeneinteilung und teppichartiger Wirkung, die gegenüber der Roheit

der Figurenzeichnung als schlechthin vollkommen zu bezeichnen ist. Der

kunstsinnige Italiener entrüstet sich wohl über die Kühnheit „dieser

armen Teufel, die ja öfters das Ornament mit ziemlicher Anmut zu

behandeln wußten, die, wenn sie Tiere darstellten, schon den Gipfel der

Barbarei erstiegen -- aber jede Gelegenheit sich an der Darstellung

menschlicher Gestalten zu versündigen, hätten wie die Pest fliehen

sollen ... Man kann sich vorstellen, was aus solchen Händen hervorgehen

mußte. Wenn die Roheit der Zeit solche Elendigkeiten nicht erklärte,

müßte man sie für plumpe Karikaturen halten, Schreckbilder wie sie

die Gassenjungen auf frisch geweißte Wände zu schmieren pflegen.“

So urteilt Cattaneo, der freilich jede Schönheit anderer Art, die

sich da doch zeigt und die er nicht zu leugnen vermag, ebenso rasch

den Barbaren abspricht und sie seinen Landsleuten oder lieber noch

griechischen Künstlern zuschreibt, ohne dafür Verständnis zu haben, daß

jener Zeit und jener germanischen Kunst auch die Vorzüge ihrer Fehler

eigen sind.

Nirgends kann man dabei klarer sehen, als hier, daß es sich um

eine uralt gewohnte und gepflegte Kunstübung handelt, der Ornament

und Flächenschmuck auf das beste vertraut war. So werden auch die

dargestellten menschlichen Gestalten nur als reine Ornamente,

Flächenausfüllungen zu würdigen sein; jeder Begriff dafür, daß solche

Bildungen ihre besonderen Gesetze der Anatomie und eigene Ansprüche

an die Zeichnung aufzuerlegen berechtigt sind, mangelt noch gänzlich.

Unbekümmert darum verteilt man sie auf die zur Verfügung stehenden

Flächen und meint alles getan zu haben, wenn der Sinn der Darstellung

erkennbar ist.

Aber das ist noch zu beachten: überall zeigen Vertiefungen an, daß

einst farbige Steine und dergleichen in den Stein eingelegt waren,

besonders in die Augen -- auch überall auf den Flügeln der Engel, die

von Augen übersät sind -- und es ist anzunehmen, daß der ganze Altar

einst farbig bemalt war; dann präsentierten sich seine Flächen ungefähr

wie reichfarbige schön eingeteilte Teppiche und waren sicher von

eigenartiger und vornehmer Wirkung.

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 76 / 114 题