[Illustration: Abb. 96. Ravenna. S. Apollinare in Classe. Ziborium des
H. Eleucadius.]
[Sidenote: Schranken]
Es gibt aber Anhaltspunkte für das in der inneren Anordnung den
Langobarden Eigentümliche. Vor allem sind heute noch zahllose
rechteckige Ornamentplatten aus dem 7. bis 9. Jahrhundert vorhanden,
die die vollste Pracht langobardischer Zierkunst, Flechtornament und
ähnlich stilisierte, selbst bildliche Darstellungen aufweisen, sich
aber nicht mehr an der Stelle befinden, für die sie gearbeitet waren.
Gar oft werden sie erst aus dem Untergrunde wieder heraus gefördert,
wo sie als Plattenboden mit Füßen getreten wurden; oft aus Mauerwerk,
wo sie als Quadern benutzt waren. Offenbar bildeten diese Platten
meistens die Brüstungen von Schranken, auf oder zwischen denen Säulen
gestanden hatten, eine schon früher öfters berührte Anordnung, die, wie
es scheint, in der Zeit germanischer Herrschaft nicht nur in Italien
üblich war, und wovon hie und da sich wenigstens eine jüngere Kopie
gerettet hat.
Es waren dies hauptsächlich solche Schranken, die in den Basiliken
jener Zeit das Heilige für die Priester, auch den Chor der
Psalmodierenden von dem Laienraume schieden, einen geweihten Raum
vor dem Altar, oft von erheblicher Größe, aus dem Kirchenraum
herausschneidend. Der Regel nach bestanden die Abgrenzungen aus einer
Säulenstellung quer durch die ganze Kirche, unter oder zwischen der
sich meist eine Steinbrüstung erhob, inmitten den Eingang freilassend;
ausnahmsweise findet man nur eine hohe Brüstung ohne Säulen ins
Mittelschiff der Kirche eingebaut, an ihren Seiten die Ambonen für
Epistel- und Evangeliumverlesung tragend. So heute noch in S. Clemente
in Rom.
Im germanischen Norden Italiens trug diese Schranke ausnahmslos Säulen
oder Pfeiler, auf denen ein stattlicher Balken[37] quer durch das
Mittelschiff lagerte; auf ihm stand mitten ein großes Triumphkreuz,
daneben Leuchter und Reliquien, an ihm hingen gestiftete Lampen.
Im Dome zu Torcello haben wir hiervon ein schönes Beispiel, freilich
wohl im 11. Jahrhundert ganz erneuert, doch die ursprüngliche Anordnung
sicher ziemlich unverändert zeigend. In Aquileja im Dom hat man die
alten Schranken, die einem Neubau des Altarvorraumes oberhalb der
Krypta im 16. Jahrhundert Platz machen mußten, ins südliche Querschiff
verbannt und ihrer Säulenstellung beraubt, von der nur noch die Füße
vorhanden sind; auch in den Resten ein prachtvolles Werk dieser Art (s.
Abb. 37, Tafel XIII), das so oberhalb der Krypta aufgebaut gewesen sein
mag, wie es die Schranken im Markusdom zu Venedig heute noch sind.
Erhalten und, wie sie ist und steht, aus dem 8. Jahrhundert stammend,
ist allein die ganz einfache aber schöne Marmorschranke im Oratorium
der Peltrudis zu Cividale, die, ohne jeden anderen Schmuck als den
einfacher Profile, auf zwei mittleren Pfeilern mit Kapitellen den
Querbalken noch heute trägt (Abb. 105).
Andere Reste, insbesondere Platten mit reichem Flechtwerk,
Verschlingungen, Korbbodenornamentik und ähnlichem schönen Zierat
geschmückt, gibt es sonst in Italien zahllose; genannt seien nur solche
in Cividale (S. M. in Valle, Dom und Museum [Abb. 94, Tafel XXIV]),
Como (S. Abbondio), Monza (Dom), Venedig (S. Marco), in den Museen zu
Torcello, Verona, Vicenza, Brescia, Mailand, Ferrara, dem Baptisterium
in Albenga, den Domen zu Modena und Spoleto, Orvieto, Assisi (S. M.
degli Angeli), Nepi (St. Elia), im Baptisterium in Ferentillo und sogar
in Rom in vielen Kirchen, so vor allem in S. Maria in Trastevere,
S. Giovanni in Laterano, S. Agnese und S. Lorenzo f. l. mura, S.
Sabina und sonst an zahlreichen Orten. Offenbar ist im Süden dies
alles langobardischer Import, schon in Etrurien aber, besonders im
altlangobardischen Herzogtum Spoleto, das Ergebnis ihrer Herrschaft.
Auch Fensterplatten dieser Art treten auf (Abb. 95).
[Illustration: Abb. 95. Aquileja. Fensterplatte.]
[Sidenote: Ziborien]
Fernere besondere Eigentümlichkeiten der langobardischen
Kirchenausstattung bilden die zahlreichen Ziborien, Tempelchen, mit
denen man besonders ihre Altäre zu überdecken liebte. Wenige davon
sind noch ganz oder einigermaßen vollständig, von den meisten sind nur
Bruchstücke übrig.
[Sidenote: Ravenna]
Das beste dieser Art ist unzweifelhaft das in S. Apollinare in Classe
bei Ravenna, das ein Presbyter Petrus zwischen 806 und 816 über dem
Altar von S. Eleucadius im linken Seitenschiffe errichtete. Vielleicht
ist es auch später hierher versetzt. Wahrscheinlich fehlt daran das
eigentliche Dach, das pyramidenförmig das kleine Bauwerk bekrönt
haben dürfte. Sonst aber bietet es uns den schönen Anblick einer
wohlerhaltenen gleichmäßig durchgeführten langobardischen dekorativen
Architektur (Abb. 96, Tafel XXIV), die Bögen mit Flechtwerk bedeckt,
die Zwickel mit Weinranken in jener eigenartigen langobardischen
Stilisierung gefüllt, der wir oft begegnen, in der die Traubenbeeren
in eine umrahmte Herzform eingeschlossen, die Blätter eigentümlich
geschlitzt sind, wie das früher schon beschrieben ist (vgl. Abb. 75).
Die anderen Seiten sind anmutig variiert, die Zwickel mit Pfauen,
Tauben oder Vasen gefüllt. Die vier Kapitelle der Säulen sind ins
Holzmäßige übersetzte korinthische fast von Würfelform, die Schäfte
oben spiralförmig gedreht, was die Germanen aus der spätesten Antike
als ihnen aus der Holzkunst vertraut gerne übernahmen; das untere
Drittel ist gerade gerippt, die Säulen entbehren der Basen.
[Illustration: