Abb. 94. Cividale. Museum. Brüstungsplatte.]

[Illustration: Abb. 96. Ravenna. S. Apollinare in Classe. Ziborium des

H. Eleucadius.]

[Sidenote: Schranken]

Es gibt aber Anhaltspunkte für das in der inneren Anordnung den

Langobarden Eigentümliche. Vor allem sind heute noch zahllose

rechteckige Ornamentplatten aus dem 7. bis 9. Jahrhundert vorhanden,

die die vollste Pracht langobardischer Zierkunst, Flechtornament und

ähnlich stilisierte, selbst bildliche Darstellungen aufweisen, sich

aber nicht mehr an der Stelle befinden, für die sie gearbeitet waren.

Gar oft werden sie erst aus dem Untergrunde wieder heraus gefördert,

wo sie als Plattenboden mit Füßen getreten wurden; oft aus Mauerwerk,

wo sie als Quadern benutzt waren. Offenbar bildeten diese Platten

meistens die Brüstungen von Schranken, auf oder zwischen denen Säulen

gestanden hatten, eine schon früher öfters berührte Anordnung, die, wie

es scheint, in der Zeit germanischer Herrschaft nicht nur in Italien

üblich war, und wovon hie und da sich wenigstens eine jüngere Kopie

gerettet hat.

Es waren dies hauptsächlich solche Schranken, die in den Basiliken

jener Zeit das Heilige für die Priester, auch den Chor der

Psalmodierenden von dem Laienraume schieden, einen geweihten Raum

vor dem Altar, oft von erheblicher Größe, aus dem Kirchenraum

herausschneidend. Der Regel nach bestanden die Abgrenzungen aus einer

Säulenstellung quer durch die ganze Kirche, unter oder zwischen der

sich meist eine Steinbrüstung erhob, inmitten den Eingang freilassend;

ausnahmsweise findet man nur eine hohe Brüstung ohne Säulen ins

Mittelschiff der Kirche eingebaut, an ihren Seiten die Ambonen für

Epistel- und Evangeliumverlesung tragend. So heute noch in S. Clemente

in Rom.

Im germanischen Norden Italiens trug diese Schranke ausnahmslos Säulen

oder Pfeiler, auf denen ein stattlicher Balken[37] quer durch das

Mittelschiff lagerte; auf ihm stand mitten ein großes Triumphkreuz,

daneben Leuchter und Reliquien, an ihm hingen gestiftete Lampen.

Im Dome zu Torcello haben wir hiervon ein schönes Beispiel, freilich

wohl im 11. Jahrhundert ganz erneuert, doch die ursprüngliche Anordnung

sicher ziemlich unverändert zeigend. In Aquileja im Dom hat man die

alten Schranken, die einem Neubau des Altarvorraumes oberhalb der

Krypta im 16. Jahrhundert Platz machen mußten, ins südliche Querschiff

verbannt und ihrer Säulenstellung beraubt, von der nur noch die Füße

vorhanden sind; auch in den Resten ein prachtvolles Werk dieser Art (s.

Abb. 37, Tafel XIII), das so oberhalb der Krypta aufgebaut gewesen sein

mag, wie es die Schranken im Markusdom zu Venedig heute noch sind.

Erhalten und, wie sie ist und steht, aus dem 8. Jahrhundert stammend,

ist allein die ganz einfache aber schöne Marmorschranke im Oratorium

der Peltrudis zu Cividale, die, ohne jeden anderen Schmuck als den

einfacher Profile, auf zwei mittleren Pfeilern mit Kapitellen den

Querbalken noch heute trägt (Abb. 105).

Andere Reste, insbesondere Platten mit reichem Flechtwerk,

Verschlingungen, Korbbodenornamentik und ähnlichem schönen Zierat

geschmückt, gibt es sonst in Italien zahllose; genannt seien nur solche

in Cividale (S. M. in Valle, Dom und Museum [Abb. 94, Tafel XXIV]),

Como (S. Abbondio), Monza (Dom), Venedig (S. Marco), in den Museen zu

Torcello, Verona, Vicenza, Brescia, Mailand, Ferrara, dem Baptisterium

in Albenga, den Domen zu Modena und Spoleto, Orvieto, Assisi (S. M.

degli Angeli), Nepi (St. Elia), im Baptisterium in Ferentillo und sogar

in Rom in vielen Kirchen, so vor allem in S. Maria in Trastevere,

S. Giovanni in Laterano, S. Agnese und S. Lorenzo f. l. mura, S.

Sabina und sonst an zahlreichen Orten. Offenbar ist im Süden dies

alles langobardischer Import, schon in Etrurien aber, besonders im

altlangobardischen Herzogtum Spoleto, das Ergebnis ihrer Herrschaft.

Auch Fensterplatten dieser Art treten auf (Abb. 95).

[Illustration: Abb. 95. Aquileja. Fensterplatte.]

[Sidenote: Ziborien]

Fernere besondere Eigentümlichkeiten der langobardischen

Kirchenausstattung bilden die zahlreichen Ziborien, Tempelchen, mit

denen man besonders ihre Altäre zu überdecken liebte. Wenige davon

sind noch ganz oder einigermaßen vollständig, von den meisten sind nur

Bruchstücke übrig.

[Sidenote: Ravenna]

Das beste dieser Art ist unzweifelhaft das in S. Apollinare in Classe

bei Ravenna, das ein Presbyter Petrus zwischen 806 und 816 über dem

Altar von S. Eleucadius im linken Seitenschiffe errichtete. Vielleicht

ist es auch später hierher versetzt. Wahrscheinlich fehlt daran das

eigentliche Dach, das pyramidenförmig das kleine Bauwerk bekrönt

haben dürfte. Sonst aber bietet es uns den schönen Anblick einer

wohlerhaltenen gleichmäßig durchgeführten langobardischen dekorativen

Architektur (Abb. 96, Tafel XXIV), die Bögen mit Flechtwerk bedeckt,

die Zwickel mit Weinranken in jener eigenartigen langobardischen

Stilisierung gefüllt, der wir oft begegnen, in der die Traubenbeeren

in eine umrahmte Herzform eingeschlossen, die Blätter eigentümlich

geschlitzt sind, wie das früher schon beschrieben ist (vgl. Abb. 75).

Die anderen Seiten sind anmutig variiert, die Zwickel mit Pfauen,

Tauben oder Vasen gefüllt. Die vier Kapitelle der Säulen sind ins

Holzmäßige übersetzte korinthische fast von Würfelform, die Schäfte

oben spiralförmig gedreht, was die Germanen aus der spätesten Antike

als ihnen aus der Holzkunst vertraut gerne übernahmen; das untere

Drittel ist gerade gerippt, die Säulen entbehren der Basen.

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 72 / 114 题