Trotzdem muß die Ruine uns stark interessieren, denn germanischer
Art ist sie ja doch, wenn auch aus jüngerer Zeit. Die etwa 22 m
lange zweistöckige Front (Abb. 87, Tafel XXIII) hat in der Mitte
einen mäßigen Vorsprung und an jedem Ende einen Strebepfeiler von
gleicher Vorragung; in dem Mittelrisalit unten einen Portalbogen, der
von marmornern Pfeilern mit verzierten Kapitellen getragen wird und
auf einem schweren profilierten Kämpfer ruht; links und rechts davon
ein Doppelbogen auf (neuer) Mittelsäule. Im Obergeschoß zeigt das
Mittelrisalit eine große halbrunde Nische, von eingesetzten Ecksäulen
flankiert; zu den Eckstrebepfeilern leitet auf jeder Seite eine auf
je drei Säulen ruhende Bogenarchitektur hinüber; diese Säulen stehen
auf einer durch jene drei schrägen eigentümlich geformten Konsolen
getragenen Steinbank.
Aber die sechs Säulen sind ganz ungleich lang, eine selbst ganz ohne
Knauf, die andern fünf mit sehr verschiedenen Kapitellen, alle ohne
Füße, über jeder ein ziemlich roher dünner Kämpferstein; auch die
Falzsäulen sind ähnlich und basenlos; alles sichtlich zusammengesucht
und notdürftig verwendet, so gut es ging; nur wenige Teile sind von
besserer Verfassung und Ordnung, so der untere Eingangsbogen, wie oben
der in die Nische Zutritt gewährende Doppelbogen auf einer Mittelsäule,
die noch einen regelrechten kräftigen Kämpfer mit Kreuz und das
berühmte ganz eigenartige Kapitell trägt, auf das wir noch zurückkommen
müssen.
[Illustration: Abb. 85. Ravenna. Mosaik in S. Apollinare nuovo.]
Auch gegenüber dem Umstande, daß die nahe Hofkirche zwei Säulenreihen
zeigt, die eigens für den Bau angefertigt ganz ohne Fehl und in ihrer
Art vollkommen organisiert sind, daß Theoderich überhaupt es zum
Grundsatz erhoben hatte, nie alte Bauten zu berauben, sondern sie zu
erhalten und neue möglichst gleichen Wertes zu errichten, erscheint es
als eine einfache Unmöglichkeit, daß jenes Bruchstück wirklich, wie es
ist, von seinem Palastbau stammen könnte, wenn nicht schon seine Formen
und seine Höhenlage dem widersprächen.
Dazu noch wissen wir, daß Karl der Große sich vom Papst Hadrian alle
künstlerischen Bestandteile des Palastes schenken ließ, und daß er --
da er anderswo Marmor und ähnliches nicht haben konnte, wie Einhard
sagt -- Säulen, Mosaiken und was er bedurfte vom Palast in Ravenna nach
Aachen bringen ließ, um es dort hauptsächlich zu seinem Münsterbau,
doch auch für weitere bauliche Zwecke zu benutzen. So gelangten Säulen
unseres Palastes selbst nach Ingelheim.
Da nun die Pfalzkapelle in Aachen allein etwa 40 (oder mehr) Säulen
und Kapitelle verschlang, auch Ingelheim mindestens die Hälfte, wer
weiß wie viele noch sonst gebraucht wurden, da der Marmorschmuck der
Pfalzkapelle und ihre Mosaiken ebenfalls aus dem Palaste stammten, so
erhellt, daß die Zerstörung, die Karl, der sogenannte leidenschaftliche
Bewunderer Theoderichs, in seiner künstlerischen Habsucht an dessen
Herrschersitz vornehmen ließ, eine furchtbare war; daß er wohl kaum
viel mehr übrig ließ als rohe Mauern, denn mit den Säulen mußten
auch Bögen, Decken und Dächer fallen. Dies war nach 784. Noch 751
hatte der wackere Langobardenkönig Aistulf hier residiert, vorher die
byzantinischen Exarchen. Von all der Pracht sind denn heute nur noch
einige der Fußbodenmosaiken übrig, zum Teile tief im Grunde steckend.
Der Erzbischof Valerius aber ließ kurz vor 809 zwei (früher arianische)
Kirchen vor Ravenna, S. Georg und S. Eusebius, abreißen, um sich daraus
ein prächtiges Haus (egregias aedes) zu erbauen, das Valerianische
Gebäude genannt. Das war gerade in der Zeit nach Karls Einbruch in den
Palast und könnte sich wohl auf Neuerrichtung einiger seiner Teile
beziehen. Vielleicht auf unseren Palastteil.
Und doch gibt der Rest, zusammen mit der alten Tradition, mit der
Erscheinung der Nische im Oberstock, die auf ganz besondere Zwecke des
Gebäudes hindeutet, geben einzelne künstlerisch höchst eigenartige
Teile immer aufs neue zu denken.
Da ist vor allem der Grundriß des Ganzen (Abb. 88), den bisher noch
niemand beachtet zu haben scheint. Wir haben an der Front zunächst eine
schmale Halle, die sich ganz nach der Straße öffnet; dahinter sehen wir
einen breiten Gang nach einem stattlichen Hofe zu, in den Ecken links
und rechts die Spuren runder Wendeltreppen, dann zu beiden Seiten des
sich nach hinten erstreckenden Hofes offene Hallen. Wie weit diese
gingen läßt sich nicht mehr erkennen, da neuere Gebäude dann das Ganze
quer abschneiden.
Aber das sehen wir klar, daß hier ein in Maßen und Anlage großartiger
Hof hinter einem ansehnlichen von Hallen flankierten Eingange vorhanden
war, in dessen Hintergrunde sich die Haupteingangsfront eines
Palastes erhoben haben muß. Wer mag hier residiert haben? Doch wohl
Erzbischöfe von Ravenna, die ja jahrhundertelang noch den Kampf um ihre
Selbständigkeit gegen Rom führten, treue Anhänger des kaiserlichen
Deutschlands.
[Illustration: Abb. 88. Ravenna. Grundriß des sogenannten
Theoderichpalastes.]
Der Baurest, auf dem Grunde des Theoderichpalastes gelegen, beweist,
daß er in jenen Jahrhunderten, die Karls des Großen Eingriffen folgten,
repräsentativ bewohnt und benutzt war; seine wenigen Marmorteile aber
sind offenbar meist aus ostgotischer Zeit, also wohl Reste des alten
Palastes.
Ist der Schluß da nicht berechtigt, daß wir es hier vielleicht doch
in der Anlage, wenigstens im Grundrisse mit einem Teile des alten
halb zerstörten Palastes zu tun haben, der nach jener Verwüstung in
der baulichen Art jener späteren Jahrhunderte wieder aufgerichtet
wurde, so gut es ging? An die Stelle der geraubten Säulen traten
Backsteinpfeiler, das Niveau wurde wegen des steigenden Grundwassers
erhöht, aber die Anlage des Eingangshofes kann noch die alte, ein
Teil des Mauerkörpers, der Eingangsbogen, vielleicht selbst die obere
Nische konnte übrig geblieben sein, und so wäre der Palasteingang und
prächtige Ehrenhof Theoderichs in vereinfachter Gestalt doch gleichen
Umrissen aufs neue erstanden als Eingang zu den noch bewohnbaren oder
bewohnbar gemachten Resten des alten Königspalastes, und die Tradition,
in der immer etwas Wahres steckt, gelangte zu ihrem Rechte.
Wenn wir uns denn an die Stelle der Hallenpfeiler wieder Säulen
gestellt denken, darüber ein Obergeschoß -- was die Treppen ergeben --
und gegenüber einen höheren von vier Säulen getragenen Giebel, wie er
gerade Platz hat, so haben wir tatsächlich ein Bild vor uns, das dem
der freilich größeren Haupthalle im Palast zu Spalato (Abb. 89), die
als Eingang zu des Kaisers Räumen führt, ganz ähnlich ist. Theoderich
kannte diesen Palast, da er ihn jedenfalls einst bewohnt hatte. So mag
er das Motiv hierher übernommen haben.
Aber hier tritt ein Merkwürdiges ein: die Erinnerung an das Bild
„Palatium“ in der Hofkirche. Wenn wir uns auf diesem Mosaik die zwei
Flügelbauten nicht als in gleicher Flucht mit diesem fortlaufend,
sondern als nach vorn geknickt und rechtwinklig zu ihm stehend denken,
was auf dem Mosaik in Perspektive doch nicht darstellbar war, dann
haben wir ein Bild, welches genau dem des Palasthofes in Spalato
entspricht, nur daß es über den seitlichen Hallen Obergeschosse
besitzt; also wie die von uns soeben rekonstruierte Hofanlage und der
bestehende Rest nach vorn zu noch heute.
[Illustration: Abb. 89. Spalato. Palasthof.]
Daher glaube ich, daß wir in jenem Mosaik, welches doch so viel
Besonderheiten zeigt, daß es nicht gut als schematisches Bild, sondern
als der Versuch eines Porträts betrachtet werden muß, tatsächlich ein
nicht ungenaues Bild aus Theoderichs Palast besitzen, und zwar des
Eingangshofes nach dem Muster desjenigen von Spalato. Und ferner, daß
dieser Eingangshof da stand, wo heute der im Volksmunde noch immer
Theoderichs Palast genannte Bau sich erhebt, dessen Verhältnisse und
Anordnung genau den alten Palasteingangshof wiedergeben; leider aber
seiner Marmorpracht beraubt und in jüngerer Art, soweit er nicht
mehr stand, neu errichtet und etwas erhöht, falls er nicht gleich
ursprünglich oberhalb einer ansehnlichen Treppenanlage gestanden haben
sollte.
Wäre das richtig, so dürften wir in dem Eingangstor, vielleicht
auch noch in der darüber befindlichen Nische doch Originalreste des
alten Palastes erkennen, was noch wahrscheinlicher dadurch wird, daß
wir an dem Doppelbogen im Oberstock, der den Zugang zu der Nische
gewährt, der besseren Mauertechnik nach scheinbar ein unverletztes
und ursprüngliches Stück Architektur vor uns sehen. Das eigenartige
Kapitell der tragenden Mittelsäule, das auch noch seinen richtigen
Kämpfer mit Kreuz nach ostgotischer Art besitzt, wird ja schon lange
als ein höchst merkwürdiges Werk, meist als ein erstes bauliches
Gebilde der germanischen Baukunst gepriesen. Und so fassen auch wir es
auf. Der kissenartige Knauf, unverkennbar dem Holzbau entlehnt, der
seine Säulen auf der Drehbank herstellte, das nach unten durch jenen
wunderbaren Kranz von Blüten einer Art von Schachtelhalm seinen so
einzigartigen Schmuck erhält, ist sicher ein Werk der Ostgotenzeit,
aber auch ihrer Kunst (Abb. 90). Noch niemand hat dies Werk für
römisch, byzantinisch oder syrisch zu erklären versucht, von späterer
langobardischer Art hat es keinen Schimmer; vielleicht sitzt es auch
noch an seiner ersten Stelle im Grunde der Nische. Darüber glänzte
also dann das Mosaikbild des Königs Theoderich, dessen Agnellus
erwähnt, das an der Vorderseite der Regia, „ad Calchi“ genannt, bei der
Salvatorkirche (der Hofkirche nebenan) gelegen im Baldachin (pinaculum)
geprangt hat, zwischen den Gestalten von Rom und Ravenna.
[Illustration: Abb. 90. Ravenna. Vom Theoderichpalast.]
Ist solche, wie mir scheint, ganz wohl vertretbare Vermutung wirklich
zutreffend, dann sehen wir hier doch wenigstens einige Reste und eine
freilich vereinfachte Nachbildung des wichtigsten äußeren Palastteiles
gerettet vor uns, und auch das Palastbild in der Hofkirche ist nicht
mehr ein Schatten oder nur die typische Hieroglyphe eines Palastbaus,
sondern ein wirkliches und wertvolles, auch im Einzelnen zu deutendes
Konterfei des Palastes.
Hierfür sprechen einige ganz charakteristische Teile des Bildes. Vor
allem stehen die Säulen nicht auf gewöhnlichen Säulenfüßen, sondern
auf hohen eingerahmten und verzierten Platten sehr eigentümlicher
Erscheinung. Diese Platten kommen sonst nirgends vor, als ein einziges
Mal noch, gerade in oder vielmehr vor Ravenna, nämlich in Classe unter
den Säulen der Kirche S. Apollinare. Sie wirken da höchst merkwürdig
und sehr charakteristisch. Wäre das Bild, das dieselben sonst nirgends
auftretenden Säulenpostamente zeigt, ein bloßes Schema, so würde eine
solche Besonderheit im Detail sich kaum da finden. Da nun S. Apollinare
8 Jahre nach Theoderichs Tode begonnen ist, so hat das Mosaikbild
diese Platten unter den Säulen bereits lange gezeigt, ehe man für S.
Apollinare daran dachte. Deshalb ist anzunehmen, daß diese fremdartige
Form am Palaste zum ersten Male auftrat und in Classe nachgeahmt wurde.
[Illustration: Abb. 91. Ravenna. Ostgotische Säule.]
Die nicht minder eigenartige Erscheinung des Obergeschosses mit
seinen rundbogigen Fenster-Oberlichtern, die uns so modern anmuten,
indessen wohl ebenso konstruiert zu denken sind, wie die steinernen
Sprossenfenster der Sophienkirche in Konstantinopel, bestätigt die
obige Annahme, daß wir es wirklich mit einer nach Möglichkeit getreuen
Porträtierung des Originalzustandes des ersten Palasthofes zu tun
haben, und daß wir demnach das darauf Dargestellte als ziemlich
zuverlässig annehmen dürfen. Danach hätte denn auch inmitten der
Haupteingang zu den Repräsentationsräumen geführt (darum der König im
mittelsten Bogen auf dem Throne), und die Hallen um den Hof hätten
Kriegern oder Offizieren zum Aufenthalt gedient.
[Sidenote: Verona]
Von den vielen anderen Gebäuden Theoderichs in Ravenna ist bereits
berichtet, sind auch noch manche Trümmer übrig (Abb. 91); von
Sommerpalästen an mehreren Orten, von großen Bauten in Verona wird
gemeldet, doch ist gar zu wenig von alle dem einst so vielen mehr
vorhanden. Der Dom zu Verona hat aus seiner Zeit nur noch die Säulen
einer kleinen Halle an der Nordseite, sowie eine Einzelsäule und ein
Stück Mosaikfußboden im Kreuzgange; auch die Taufkirche S. Giovanni in
fonte beim Dom erscheint so völlig umgebaut, hauptsächlich im 11. oder
12. Jahrhundert, daß uns da nur noch einige Einzelheiten an des Königs
ersten Bau erinnern. So zwei viereckige Pfeiler, recht im Holzstile,
mit Kapitellen, die von primitiver Nachahmung antiker Vorbilder
sprechen, ähnliche in Nebenräumen von S. Zeno (Abb. 46). Doch nichts
mehr von besonderem Werte für unsere Betrachtung.
Die übrigen Ostgotenbauten in Italien sind, obwohl oft genug genannt,
heute, falls nicht einst Ausgrabungen da und dort Wichtiges zutage
fördern sollten, für uns wohl nicht mehr von Bedeutung. Theoderich
baute noch große Paläste in Spoleto, Terracina, Verona. Von einigen
sind starke Subkonstruktionen übrig, die völlig sich an ältere
Römerbauten anschließen. Das Kastell oder die Burg zu Verona, nach dem
doch der Held seinen Namen in der germanischen Heldensage empfing,
scheint später so stark, insbesondere durch die Scaliger umgebaut, auch
wohl eher Festung als Palast, daß von ihm heute nichts anderes mehr
zu melden ist, als daß seine mächtigen alten Umfassungsmauern noch
teilweise erhalten zu sein, auch die achteckigen Türme an den Ecken
noch aus seiner Zeit zu stammen scheinen. Die Struktur ist die bekannte
aus der Ostgotenzeit: große Quadersteine in Schichten mit je einer
doppelten Ziegellage darüber abwechselnd. Diese Technik ist allerdings
noch manches Jahrhundert länger geübt. Die polygonen Türme haben
interessante Verstärkungszwickel aus Backstein an den Ecken.
Das Kastell ragt hoch und mächtig auch in seinen Trümmern ob Verona. Es
scheinen darin noch mächtige Gewölbe von großer Ausdehnung vorhanden,
Weingärten aber überziehen völlig den inneren Raum.
Eine ganze Stadt selbst hat Theoderich bei Trient angelegt, die
freilich längst wieder ganz versank; er befestigte sie, versah sie
mit Wasserleitung, Thermen, öffentlichen Hallen; wo sie lag, weiß man
heute nicht mehr genau; vielleicht ist es Dostrento, ein gewaltiger
Schutthaufen im Etschtal.
Auch die Bildhauerei hat Theoderich sich dienstbar gemacht. Man
rühmte von ihm mehrere Reiterbildnisse, besonders ein gewaltiges
bronzenes, das bei Ravenna auf einer Brücke stand. Dieses hat sein
sogenannter Bewunderer Karl der Große ebenfalls nach Aachen geschleppt.
Zeitgenossen preisen die leidenschaftliche Darstellung des vorwärts
sprengenden Reiters, vielleicht von Kämpfern umgeben, alles aus
bräunlichem Erz.
Gewaltiges auf allen Gebieten schufen so Theoderich und die Seinen.
Fast alles aber ist dahingegangen; weniges blieb, dieses doch ein
unverwüstliches Zeugnis auch für die künstlerische Größe jener so rasch
vorübergeflossenen Heldenzeit.
[Illustration]
[29] Dagegen ist es sicherlich nicht ohne innere Bedeutung, daß die
Germanen -- mit Ausnahme der Franken -- bis ins 7. Jahrhundert,
ja noch länger, dem Arianismus anhingen und der Einführung
der katholischen Einheitskirche lange erbitterten Widerstand
entgegensetzten. Und zwar in ihren höchststehenden idealst
angelegten Stämmen, den Ostgermanen, später auch den kraftvollen
Langobarden, während die weltklugen und praktischen Franken
sich bereits von Anfang an in diplomatischer Erkenntnis ihres
Vorteils an die orthodox-katholische Richtung anschlossen und
bis heute Frankreich immer die geliebteste Tochter der Kirche,
anderseits ihre Schützerin geblieben ist. Ebenso kann die
Tatsache, daß die Reformation wieder auf ältestgermanischem
Boden erwachsen mußte, und da bis heute ihre Anhänger behielt,
kaum zufällig sein. Der römische Katholizismus ist eine
Schöpfung des reinen Romanentums und hat sich von jeher mit
dem eigentlichen Germanentum in offnem oder stillschleichendem
Kampfe befunden.
[30] Sind solche Bauteile als im Osten von Ravenna aus bestellt
anzusehen, so ist es auffallend, daß sie alle, insbesondere die
Kapitelle, dem westlichen Zeitgeschmack bestimmte Zugeständnisse
machen und offenbar auf den Geschmack der Besteller
zugeschnitten sind. In Frankreich ist dies Verhältnis bei den
feineren merowingischen Bauwerken ganz auffallend.
[31] Trotzdem kann auch ursprünglich an dieser Stelle nichts anderes,
als zwei solche Züge gewesen sein; das ergeben die noch
vorhandenen alten Anfänge und Enden. Darnach müssen wir glauben,
daß diese beiden Reihen zuerst Persönlichkeiten darstellten,
die den Ostgoten verehrungswürdig und heilig waren, die deshalb
durch ziemlich gleichgültige Märtyrer- und Jungfrauengestalten
nach üblichem Schema ersetzt werden. Damit bleibt die originelle
Grundidee der beiden großen Gestaltenreihen als ursprünglich
bestehen.
[32] Ein Erbteil aus ältester gotischer Zeit, vielleicht noch vom
Schwarzen Meere her, wie ein schöner ostgotischer Goldschmuck
aus Ungarn es beweist, der mit ganz gleichen Blättern geschmückt
ist.
[33] Die östlich gelegene Nische war für die Unterbringung nicht nur
eines Sarkophags, sondern auch nur der Leiche mit 1,78 m zu
kurz, da selbst einfache Krieger damals mit vollem Waffenschmuck
beigesetzt wurden, und auch in der folgenden Zeit die Steinsärge
für Erwachsene kaum je unter 2 m lichter Länge messen. -- Die
Überlieferung erzählt auch von Theoderichs Sarkophag, und lange
hat man später eine in der Nähe gefundene riesige römische
Porphyrwanne für diesen gehalten.
[34] Die allerlei metallenen Krampen und Pflöcke, deren Spuren
heute da zu finden sind, müssen aus den folgenden 1400 Jahren
der kirchlichen Benutzung herstammen.
[35] Es ist, falls man diese Ergänzung nicht gelten lassen will,
recht gut möglich, sich eine noch einfachere Bogenarchitektur
an dieser Stelle zu denken; die Sache und die Wirkung wird sich
aber dabei kaum ändern. Das Herabfallen und Verschwinden dieser
Bogenteile setzt aber immer etwas Besonderes voraus.
[36] Papst Hadrian schenkte Karl zu diesem Zwecke die Bauwerke des
Theoderich zu Ravenna, eine Erlaubnis, die er in ausgiebigstem
Maße ausnutzte.
[Illustration: DIE LANGOBARDEN]
Das weströmische Reich war zusammengebrochen; Ostgoten hatten auf
seinen Trümmern eine neue Welt aufzubauen versucht. Aber das ewige
Verhängnis aller Germanen, das nie aufgehört hat sie zu verfolgen, war
auch damals furchtbar wirksam: einer Riesengestalt und einer Generation
von gewaltigen Männern folgte unerbittlich immer und immer wieder
das Epigonengeschlecht armer und kleiner Geister, deren niedriger
Sinn, nur auf eigene Eintagsfliegenherrlichkeit und Befriedigung der
Eigensucht bedacht, von Tag zu Tag lebend, nicht einmal den einfachsten
Forderungen der Pflicht an Wollen und Handeln mehr gerecht wurde. Das
herrlichste Weltreich der Germanen ging unter, nicht ohne seine letzten
Helden Totila und Teja mit unvergänglichem Ruhme noch im Tode bekleidet
zu sehen.
Das Oströmerreich, das nach Byzanz den Mittelpunkt der südeuropäischen
Welt verlegt hatte, in dem die Ströme des Orients und des Okzidents
gleichmäßig zusammenfluteten, hatte gesiegt. Nur auf kurze Zeit.
Dreizehn Jahre nach der gänzlichen Vernichtung des Ostgotentums
brachen die wilden Langobarden über Italien als neue Eroberer herein;
kein Belisar oder Narses hemmte mehr ihren furchtbaren Ansturm. Aus
Pannonien, wo sie seither die einst von den Ostgoten verlassenen
Wohnsitze einnahmen, folgten sie deren Spuren, nachdem sie bereits
öfters Italien beunruhigt, als neue Herren. Gewaltige Recken wie
Alboin, Authari und Agilulf sahen sich bald als die Beherrscher der
Halbinsel bis an ihre letzten Gestade. Ostrom war für immer aus dem
alten römischen Reiche verdrängt. Italien hatte von da ab seine eigenen
Geschicke zu erleben und zu leiten, und die alte Stadt Rom, die allein
sich von der Langobardenherrschaft frei zu halten vermochte, wurde im
Laufe des folgenden Jahrtausends und länger, vielleicht auf immer, sein
geistiger und dann auch wieder sein politischer Mittelpunkt, Byzanz
aber jetzt erst recht die Pforte des Orients, der zuletzt nach dem
Sturze des griechischen Kaiserreiches von hier aus seine Heerscharen
bis ins deutsche Reich hinein sandte, wie er sie siebenhundert Jahre
früher über Spanien bis ins Herz des Frankenreiches vorgestoßen hatte.
* * * * *
So bedeutet das Eindringen der Langobarden eine Wendung der Geschichte
nicht nur für Italien, sondern für den ganzen Okzident. Geistig nicht
so hochstehend als ihre ostgotischen Vorgänger vermochten sie doch
ihre Herrschaft mehr als zweihundert Jahre selbständig aufrecht zu
erhalten und auch nachher, wenigstens im oberitalienischen Osten, eine
führende Stellung zu behaupten. Die Lombardei trägt heute noch ihren
Namen und ist von ihren Nachkommen bevölkert; ihre wilde ungebändigt
tatkräftige Anlage und Gesinnungsweise brauchte Jahrhunderte, um sich
in die Kulturverhältnisse des eroberten Landes zu schicken und zuletzt
selber fruchtbar zu werden; das nördliche Italien aber hat durch sie
in seiner Bevölkerung die nachhaltigste Stärkung und Auffrischung des
Blutes gewonnen. Von Oberitalien und Toskana allein ging jener Strom
neuen Lebens aus, der ganz Italien überflutete und aus seinem Boden für
mehr als ein halbes Jahrtausend jene Wunderblume der Wiedergeburt des
Geistes und aller Künste aufblühen ließ.
* * * * *
Nur sehr schwer wurden die Langobarden aus Zwingherren und blut- und
beutedurstigen Eindringlingen zu Pflegern des Geistes und der Künste.
Es lebte in ihnen jene rauhe Zähigkeit und Kraftnatur, die alles in
ihrer germanischen Heimat charakterisiert, die die Lüneburger Gegend
uns so lange als eine öde und herbe Wildnis im engeren Vaterland
erscheinen ließ; heute finden wir auch in ihr starke Eigenart und
bedeutsames selbständiges Leben, ja Schönheit.
Was die Langobarden aus dem Norden an künstlerischer Kultur
mitbrachten, mag viel weniger gewesen sein, als wir sonst bei den
Germanen finden; vielleicht nur die Freude an Schmuck des Körpers
und die Pflege des Holzbaus in wohl bescheideneren Grenzen als
sonst. Und doch finden wir später gerade bei ihnen die Anfänge der
mittelalterlichen Baukunst, die Fortbildung und Umgestaltung aber auch
Ergänzung der Antike in bedeutsamster Weise vorbereitet und begründet.
[Sidenote: Backsteinbau]
In der technischen Gestaltung der Bauwerke gaben sie der folgenden
Menschheit ganz unzweifelhaft die Grundlagen des eigentlichen und zu
selbständigem Leben für sich befähigten Backsteinbaus, der vorher nur
ein Hilfsmittel gebildet hatte, dazu manche damit zusammenhängende
große und kleine künstlerische Gestaltung; nicht minder die ersten
Versuche in derjenigen Wölbebaukunst, die der Norden nachher so
kraftvoll aufnahm.
Im einzelnen aber zuerst eine völlig neue zweckentsprechende Ornamentik
und Zierweise, die freilich entfernt genug von einer an die Antike
reichenden künstlerischen und technischen Höhe und Vollkommenheit
dennoch, sich ihren Bauwerken in trefflichster Weise anschmiegend,
ihren dekorativen Zweck und ihre Aufgabe in neuer und sachlichster
Weise erfüllt.
Was den Backsteinbau anlangt, so machten schon die Römer davon den
bekannten umfassenden Gebrauch, doch nur technisch für die eigentlichen
inneren Massen ihrer Mauern, soweit nicht da Guß oder Stampfwerk
bevorzugt wurde. Von einem Backsteinbau im Sinne des späteren
mittelalterlichen und modernen war aber noch nicht die Rede.
Dagegen hat man in der altchristlichen Baukunst zeitig die Herstellung
auch der äußeren Flächen in reinem Ziegelbau vorgenommen; in Rom
und auch in Ravenna sind schon die Bauwerke der ersten christlichen
Jahrhunderte meist so hergestellt; die kirchlichen aus Theoderichs und
der folgenden Zeit, so die beiden Apollinariskirchen und S. Vitale,
zeigen im Äußeren ebenso den unbekleideten Backstein, wie die eben
vorhergehenden aus Galla Placidias Zeit. Auch in Byzanz folgte man
gleichen Wegen.
Indessen ermangelten diese Versuche zunächst der architektonischen
formalen Ausbildung. Das einzige neue Motiv, das hie und da erscheint,
sind rundbogige Blenden um die Fenster; richtige Arkaden auf
Wandstreifen mit Kämpfern nur an S. Apollinare in Classe.
Immerhin ist die ostgotische Zeit als diejenige zu bezeichnen, die
hier die ersten Versuche zu architektonischer Behandlung machte,
wo bis dahin die äußeren Flächen der Mauern ihre Struktur wohl nur
deshalb sehen ließen, weil Armut, Bequemlich- oder Gleichgültigkeit
es verhinderten, daß sie hinter besserer oder kostbarer Bekleidung
verschwand, wie zu Römerzeiten.
In der Langobardenzeit aber fühlte man offenbar solches Bedürfnis nicht
nur nicht mehr, sondern baute frisch darauf los in einem kräftigen und
viel derberen Ziegelmaterial, als es bis dahin gebräuchlich gewesen
war. Die dünnen und hellen Ziegel von oft bedeutender Größe wichen
solchen von dickerem und kleinerem Format von meist dunklerer Farbe
und grober Oberfläche, die aber gerade wie sie waren sich zu allerlei
seither ungewohnter Behandlung besser eigneten.
[Sidenote: Bogenfries]
Was jetzt üblich wurde ging aus der ganz klaren Erfassung der
Eigentümlichkeiten des Materials hervor: Teilung der Flächen durch
senkrechte und wagerechte Streifen, Friese, Lisenen und ähnliche
Gliederungen; Einfassung der Fenster durch rechtwinklige falzartige
Zurücksetzung der Kanten, Verbindung der Lisenen durch Bögen, zuletzt
Bildung von Bogenreihen, die auf Konsolen statt auf Lisenen ruhen,
also von richtigen Rundbogenfriesen. -- Eine Art von solchen war ja
bereits in Syrien aufgetaucht, doch handelte es sich dort nicht um
eigentliche flache rechtwinklige Bögen, sondern um hohle Viertelkugeln;
die dortigen Bögen haben stets halbkreisförmigen Grundriß.
Dehio hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, daß das Motiv des
Rundbogenfrieses schon bei den Römern vorkommt, richtige fortlaufende
Rundbogenreihen auf Konsolen als Hauptgesimse angeordnet. Aber auch
dort kam es nicht zu weiterer Ausbildung noch umfangreicherer Anwendung.
So scheint es, als ob erst die langobardische Backsteinbaukunst
diese später so unendlich viel gebrauchte bauliche Form in die
Architektur eingeführt hätte; vielleicht auch nur, weil die
fortlaufende Rundbogenreihe als dekorative Form den Germanen an ihren
kunstgewerblichen Gegenständen von alters her wohl vertraut war. Ich
erinnere vor allem an die uralte Verzierung der Kämme; aber sehr bald
tritt die gleiche Form dekorativ auch an den ersten Steinarbeiten
der Langobarden, selbst schon der Westgoten in Südfrankreich, völlig
deutlich auf (Abb. 53).
Es ist zu vermuten, daß der Bogenfries schon vorher an den verzierten
Holzschwellen der Germanen im Gebrauche war, wie er später im
Holzbau stets wieder auftritt, zuletzt im 16. Jahrhundert (Abb. 44).
Und deshalb ist es recht gut möglich, daß wir in der Einführung
der Bogenreihen oder des Bogenfrieses in die Steinarchitektur nur
die Übertragung eines bereits bekannten, ja viel gebräuchlichen
germanischen holzbaulichen Motivs zu sehen haben. -- Welche Verbreitung
es nachher im romanischen Stile gewonnen hat, weiß jeder.
[Sidenote: Äußere Buntheit]
Ferner aber haben die Langobarden der Anwendung des Backsteins in
der Architektur auch in bezug auf die Farbe erst künstlerischen Reiz
zu geben gewußt, indem sie in gleicher Art, wie die merowingischen
Franken die Flächen der Bauwerke mit allerlei bunten Musterungen
versahen. Zunächst durch Wechsel im Verbande, Einfügung von Reihen
fischgrätenartig gestellter Steine und Verzierung geeigneter Flächen
mit runden, vieleckigen und sternförmigen Platten anderer Farbe,
sodann durch weitere Einfügung aller möglichen bunten Stücke, durch
Einlagen von reichen Mustern in Ton, Stein, Marmor, dazu Wechsel
von Schichten verschiedenen Materials, wie das schon vorher bei den
Ostgoten nach römischem Vorbild üblich, auch im byzantinischen Reiche
nicht selten war; kurz durch ein immer lebhafteres Streben nach einer
farbigen Wirkung durch mosaikartige Behandlung der Flächen (s. Abb.
102, Taf. XXVIII). -- Auch Wechsel durch Einfügung von andersfarbigen
Reliefzierraten, selbst in Marmor, war nicht selten.
Der Backstein selber wurde öfters in allerlei Art gerippt und
gemustert, meist mit eingegrabenen Linien schräg oder fischgrätenartig,
wie wenn er gesägt wäre.
Es sind die originalen Werke dieser Oberflächenbehandlung allerdings
seltener geworden, doch sehen wir ihr Beispiel in der späteren äußeren
Behandlung nicht nur der oberitalienischen Bauwerke noch lange
nachwirken.
[Sidenote: Gewölbe]
Auch für die Gewölbeentwicklung (Abb. 92) war der Backsteinbau
von größter Wichtigkeit. Insbesondere in bezug auf die wachsenden
Spannweiten der Tonnengewölbe und die Anwendung anderer Gewölbeformen,
so der Kuppelgewölbe, die um jene Zeit anfing sich weiter zu
verbreiten. Die unentbehrliche Überwölbung der halbkreisförmigen
Altarnischen mit Halbkuppeln hatte schon die Kenntnis der genannten
Gewölbe vorausgesetzt, ohne daß man an eine Übertragung byzantinischer
Vorbilder zu denken braucht; ihre vermehrte Anwendung brachte
bald mannigfache Erfahrungen. Die Bedeckung runder Räume durch
halbkuppelförmige Gewölbe war gegeben, die Anfügung überwölbter
Erweiterungen von halbkreisförmigem Grundriß sehr einfach, und so
ergaben sich Gestaltungen von Kleeblatt- oder Vierpaßgrundriß, wie am
Baptisterium zu Biella, ganz von selber, bei denen man sich mit den
schwierigeren Aufgaben der Überkragung oder der Pendentifs für die
Überführung von quadratischen Räumen in die runde Kuppel noch nicht
sehr quälte.
Selbst vor größeren Kuppelbauten schreckten später die Langobarden
nicht zurück: die Rotonda, der alte Dom zu Brescia zeigt eine Weite der
inneren Wölbung von etwa 20 m.
Dagegen erfand man zur Erleichterung der Hintermauerung am Beginn der
ganzen und halben Kuppelgewölbe ein System von Durchbrechungen der
Obermauer der Apsiden und Kuppeln durch Arkaden oder Nischen; ein
höchst eigenartiges Grundmotiv, vielleicht die erste Form der später so
gebräuchlichen Zwerggalerien um die Chöre und Vierungstürme. Auch das
Kreuzgewölbe fand in der Folge mehr und mehr steigende Anwendung.
Kurz, in konstruktiver wie formaler Hinsicht erwiesen sich die
langobardischen Zeiten als vorbereitend und grundlegend für spätere
bauliche Fortbildung.
[Illustration: Abb. 92. Biella.]
[Sidenote: Ornament]
Nicht minder jedoch auch in bezug auf das reine Ornament. Hier liegt
eine besondere Kraft jener Zeit und jenes germanischen Stammes.
Schon bei der allgemeinen Betrachtung der Formenwelt ist auf die
eigenartige Verzierungskunst der Langobarden und der von ihnen
offenbar beeinflußten und angeregten Franken hingewiesen, die sich
gelegentlich auch auf die Westgoten übertrug, wenigstens im Nordosten
des westgotischen Reiches.
Es sei hier nur nochmals nachdrücklich betont, daß trotz allerlei
verwandter Bildungen im Orient die folgerichtige Ausbildung des
gerippten Flecht- und Riemenwerkes als vorherrschenden Zierwerkes
den Langobarden zuzuschreiben (Abb. 93), wie seine erste Herkunft
entschieden im germanischen Norden zu suchen ist; der Lauf der
Völkerwanderung hat wie es scheint seine Verbreitung bis nach dem
fernen Westen (Irland) und nach dem Osten bis nach Kleinasien mit sich
gebracht. Sind doch gotische Streifzüge bis nach Smyrna gelangt.
Es liegt unbedingt keinerlei Grund dafür vor, die eigentliche Quelle
dieser Verzierung immer wieder im Orient zu suchen, weil auch dort
seit dem 6. oder 7. Jahrhundert einigermaßen ähnliches Zierwerk
auftaucht. Weder können sich die dort vorhandenen verwandten Arbeiten
an charakteristischer Erscheinung mit den langobardischen messen, noch
reichen sie an Masse und Konsequenz ihrer Anwendung auch nur entfernt
an diese heran, da doch in jenen so lange vergessenen Gegenden ungleich
mehr von solchen Dingen heute noch übrig sein müßte, als auf den
italischen Feldern, über die fortwährende Völkerbewegung wie die Arbeit
eines Pflugs verwüstend hin- und hergegangen ist.
[Illustration: Abb. 93. Langobardische Flechtornamente aus Aquileja und
Grado.]
Trotzdem bleibt das wahre Verbreitungsgebiet dieser Formenwelt Italien
und Frankreich; Ausläufer ziehen nach Österreich, Süddeutschland und
Nordspanien. Das Zentrum aber bildet die Lombardei.
[Sidenote: Entwicklung]
Bezüglich der zeitlichen Entwicklung ist zu wiederholen, daß die
Langobarden erst sehr langsam zu einer eigenartigen künstlerischen
Betätigung gelangten, daß sie im Anfange ihrer Herrschaft sich
durchaus an das Gegebene anschlossen. Sie bedurften fast zweier
Jahrhunderte, bis ihr künstlerisches Selbst sich soweit entwickelt
hatte, daß man es als solches erkennt; erst kurz vor dem Sturze ihrer
Selbständigkeit, etwa zu der Zeit der Könige Liutprant und Hildiprant
scheint das endlich völlig durchgebildet gewesen zu sein, was wir als
die originale langobardische Kunstweise anzusehen berechtigt sind.
Der Vorgang war ja überall derselbe, auch in Spanien, daß der Eintritt
der Germanen in die Kulturwelt zunächst einen Stillstand, ja einen
scheinbaren Niedergang in der noch immer vorhandenen letzten antiken
Kulturbewegung mit sich brachte, bis sich die neue Bevölkerung das
Gegebene so weit zu eigen gemacht haben konnte, um sich darin selbst
betätigen zu können. Erst nachdem dieser Schritt getan und diese Lücke
übersprungen war, konnte an neue Leistung gedacht werden; und so
sehen wir hier wie besonders in Spanien die merkwürdige Erscheinung,
daß die Germanen im letzten Augenblicke erst, ehe sie politisch
untergingen, zu einem künstlerischen Eigenwirken durchgedrungen waren,
in dem ihre germanische Art ohne antike Verhüllung endlich rein und
unverkennbar zutage tritt. Darum haben wir das 7. und 8. Jahrhundert
als die Jahrhunderte zu bezeichnen, in denen sich der gemeinsame
Sondercharakter jener Stämme künstlerisch am deutlichsten ausspricht.
711 aber sank das Westgotenreich durch die Araber dahin, 774 folgte
der Fall des Langobardenreichs durch Karl den Großen, dessen Auftreten
den Beginn einer neuen Kultur und Kunst ankündigt; alle jene Anfänge
werden jetzt mit der italisch-hellenistischen zusammen zu jenem Neuen
verschmolzen, das wir auf seiner Höhe die „romanische“ Kunst zu nennen
pflegen. Auch wieder mit Recht, denn diese ist das Gesamtergebnis
aus Antike, altchristlicher, byzantinisch-orientalischer Kunst mit
Verarbeitung jener germanischen Anfänge, die in ihrer Masse langsam
wieder verschwinden; und ihr Verbreitungsgebiet umfaßt die europäischen
Länder, in denen einst Römerkunst geblüht hatte, zu denen freilich noch
die nordisch-germanischen hinzukamen.
Die bis zum Untergang des langobardischen Königreiches in dessen
Bereich erstandenen Bauwerke sind fast ohne Ausnahme wieder vergangen,
mindestens so umgebaut, daß von ihnen sich nur meist undeutliche
Trümmer erhielten. Und doch hören wir viel Rühmens von ihnen; sogar
schon gleich nach dem Einzuge der neuen Herren.
Bereits Theudelinde, Autharis und später Agilulfs Gemahlin, baute
zu Monza bis 595 die St. Joh. Baptista-Kathedrale, deren Stelle der
heutige Dom einnimmt. Aus ihrer Zeit freilich stammen außer einer
bescheidenen Skulptur an der Fassade nur die Reste ihres Schatzes,
der dort aufbewahrt ist, köstliche Werke, deren wir früher gedachten.
Noch viele Kirchen dankten dem frommen Eifer der Königin ihre
Entstehung, auch der große Sommerpalast zu Monza, von dem der Chronist
(Paul Diaconus) viel zu sagen weiß. So von seiner Ausschmückung mit
historischen Gemälden, auf denen besonders die Langobarden jener Zeit
in ihrer eigentümlichen Kleidung und Tracht des Haares -- im Nacken
kurz geschnitten, vorn über Gesicht und Wangen fallend -- dargestellt
waren.
Mußten sich die Langobarden bei ihren Bauwerken anfänglich der im
Lande vorhandenen Kräfte bedienen, so können solche Bauten kaum neuen
Charakter insbesondere Eigentümlichkeiten der nordischen Bauherren
aufgewiesen haben, während im Gegensatz dazu z. B. die Reste des
Goldschatzes der Theudelinde Werke germanischster Art sind, sich an die
Goldschmiedekunst der Ostgoten völlig gleichartig anreihen.
[Sidenote: Magistri Commacini]
Berühmtestes Muster für jenes Verhältnis sind die Magistri Commacini,
nach dem heutigen Stande unserer Kenntnis Maurer und Steinmetzen
aus der Gegend von Como (von der Insel Comacina im Comer See?), für
deren bauliches Tun in dem von Liutprant erlassenen Gesetzbuche der
Langobarden besondere Vorschriften gegeben wurden.
Mit dem früher erläuterten sehen wir hier völlig deutlich: die Germanen
entbehrten unter ihren Landsleuten, die sich nur auf Zimmer- und
anderes Holzwerk verstanden, der Arbeiter in Stein und Backstein,
der Steinmetzen und Maurer, machten sich daher die Dienste der
eingesessenen Techniker zunutze. Solche Gesetze, die für das Bauen
galten, gaben außer Liutprant Rothari, Grimoald, Ratchis und Aistulf,
also die langobardischen Könige bis zuletzt.
Diese Gesetze seit dem Edikt Rotharis (639) gehen natürlich von den
bei den germanischen Langobarden üblichen Anforderungen aus, weshalb
es keinen Rückschluß auf die vorherigen Gepflogenheiten der Commacini
zuläßt, wenn im Gesetz das Haus mit Söller, Halle, Schindeldach,
Fachwerk, Kamin oder Ofen völlig germanisch erscheint.
Ihrer gesellschaftlichen Gliederung nach aber stuften sie sich schon
nach Meistern, Gesellen, Lehrlingen und Arbeitsleuten ab.
Der Hauptsache nach waren also diese italienischen Bauleute bei
der Ausführung der Arbeiten des Maurers und des Steinmetzen tätig;
besonders lehrreich erscheint es, wenn ihnen Vorschriften nicht nur für
die Behandlung der Hausteine, sondern auch des Ziegelverbandes nach
verschiedenen Systemen gegeben werden; es wird bereits Blockverband,
gotischer Verband, Läuferverband, Mauern mit lauter Köpfen u. dgl.
beschrieben. Sicher der beste Beweis dafür, daß der Backsteinbau
technisch völlig ausgebildet war.
Den Commaciner Meistern wird nachher aber auch andere Arbeit
übertragen; schließlich ist das gesamte Bauwesen mit Einschluß der
Zimmer-, Tischler-, selbst Stuck- und Ofenarbeit ihnen überwiesen.
Es ist hieraus zu schließen, daß sich inzwischen die langobardischen
Zimmerleute ihnen zugesellten oder gemeinsam mit ihnen wirkten, wie
denn 739 ein Langobarde, Rodpertu, als Magister Commacinus erwähnt
wird. Ihr Ruf geht dann ins Weite; selbst bis nach England werden sie
gesandt.
[Sidenote: Äußeres der Kirchen]
[Sidenote: Pavia, S. Michele]
Von allen gepriesenen bedeutsamen baulichen Schöpfungen der
Langobardenkönige bis auf die des letzten, Desiderius, im Einzelnen
zu sprechen lohnt sich hier nicht, da sie längst verschwunden sind.
Vielleicht war der wichtigste kirchliche Bau der Dom S. Michele in
ihrer Hauptstadt Pavia, -- leider 924 durch die Ungarn eingeäschert.
Dieses sicherlich von Anfang an großartige Werk wurde seit 1024 neu
aufgebaut, aber erst 1155 vollendet, obwohl es inzwischen schon
zu vielerlei Feierlichkeit diente. Es ist eine der im Äußeren
phantastischsten und wildesten Kirchen aus jener Zeit; die Portale
überdeckt wie mit Schnitzerei von oben bis unten, neben ihnen die
Flächen der Mauern mit Friesen von eigentümlichen und märchenhaften
Gestalten, von Tieren und Ungeheuern durchzogen, höchst merkwürdigen
Eindrucks; -- echt nordische Erfindungen, wie sie uns seit dem 11.
Jahrhundert viel in Deutschland begegnen; in Italien auch in Spoleto an
einem ähnlichen späten Langobardenbau.
Es ist daher wohl anzunehmen, daß hier in der im 11. Jahrhundert wieder
aufgebauten Hauptkirche des Langobardenreiches doch eine Erinnerung an
die hundert Jahre früher zerstörte erste Kirche lebendig geblieben ist,
an der die altlangobardische Kunst sich in ähnlicher phantastischer
Verzierung des Äußeren ergangen haben mag. Bestätigt wird dies durch
verwandte Bauwerke früherer Zeit, so spanische, die in eben solcher
Weise an den Flächen neben den Portalen beliebige bildhauerische
Teile regellos, ja wild, nur einem malerischen Schmuckbedürfnisse
folgend, eingestreut zeigen. Noch lange hielt sich dort zu Lande
diese urnordische Zierweise an kirchlichen Bauwerken, die an der
Klosterkirche zu Poblet (12. Jahrhundert?) vielleicht zum letzten Male
auftritt, aber schon an der Westfront von S. Juan Bautista in Baños
(661) wie an S. Pablo zu Barcelona angedeutet erscheint.
In Hirsau am letzten übrig gebliebenen Turme der Aureliuskirche
finden wir wildes Gewürm, Löwen und Bären und andere Ausgeburten
finster-nordischer Phantasie ebenfalls im Friese um den Körper des
Bauwerks oberhalb des ersten Gesimses herumkriechen; am Dome zu Worms
-- selbst an dem zu Schleswig und dem zu Wien -- stehen mehrere
älteste tragende Pfeilerteile auf allerlei Ungeheuern urweltlichster
Gestaltung, kurz -- es muß hochnordische Art sein, die im Neubau der
Michelskirche zu Pavia neu hervordringt, noch jahrhundertelang im
germanischen Volke auch nach verlorener staatlicher Selbständigkeit
lebendig geblieben.
In mancher anderen Hinsicht müssen wir uns leider ebenfalls an die
Werke der folgenden Zeiten halten, so, wenn wir uns vorstellen
wollen, in welcher Weise die Kirchen der alten Langobarden im Innern
ausgestaltet waren.
[Sidenote: Innere Anordnung]
Was die allgemeine Anordnung betrifft, so wird diese nichts
Eigentümliches geboten, sich vielmehr an das übliche norditalienische
Basilikenschema ohne Querschiff angelehnt haben. Denn das ergeben
zahlreiche langobardische Kirchen, wenn auch nicht im Original, doch
sichtlich später ganz auf demselben Grundrisse oder unter Beibehaltung
der unteren Teile des Gebäudes neu aufgebaut. Die großen Basiliken
zu Torcello, Grado, Aquileja und Parenzo haben die alte Grundgestalt
auch zum Teil in den Mauern treu bewahrt; die Ausstattung dagegen ist
allerdings entweder geändert oder doch wenigstens erneuert.
[Illustration: