Abb. 84. Ravenna. Rekonstruktion des Theoderich-Grabmals.]

Zu bemerken bleibt, daß die Gitter alle vierteilig sind, also der

Einteilung der Zehneckseiten am Mausoleum genau entsprechen, mit

Ausnahme der Eingangsseite und der Ostseite, die eine mittlere Axe

haben, der dort befindlichen Tür- und Fensteröffnung entsprechend; in

Aachen sind aber alle 8 Bögen dreiteilig. Eine Anfertigung der Gitter

für Aachen würde lauter dreiteilige Gitter gefordert haben.

Das Denkmal stand um einige Stufen erhöht, wie Nachgrabungen ergaben,

von denen eine, wohl die oberste Schicht, mit einem weiteren Geländer

umgeben war, das aus marmornen Eckpfosten und, wie Spuren erweisen,

ebenfalls metallenem Gitter dazwischen bestand. Eine Skizze dieser

inzwischen längst wieder verschwundenen Pfosten ist noch vorhanden; sie

waren mit steigendem Rankenwerk geziert.

Zuletzt aber sei noch einmal des riesigen Kuppelsteins gedacht, der

das Ganze überdeckt, jenes ungeheuren Felsens von fast vierunddreißig

Metern unteren Umfanges; ganz ohne jeden Zweifel einer Erinnerung an

die altgermanische Sitte, die Gräber der Großen mit riesigen Steinen zu

bedecken; und so hat alle Welt es von jeher auch gefühlt und gedacht.

Nur archäologische Gelehrsamkeit um jeden Preis kann hier auf syrische

Großsteinigkeit, auf ägyptische Riesenwerke und ähnliches hinweisen,

den nächstliegenden und natürlichen Gedanken unterdrückend. Warum nur?

Soll denn den Germanen selbst bei den Deutschen immer noch das Recht

bestritten werden, auch nur hier und da in der Kunst etwas Eigenes

gewollt zu haben?

Von Theoderich, den wir doch schon oben in der für seine Goten allein

bestimmten Kirche S. Andrea auf den uralten germanischen Holzbau

zurückgreifen sahen, sagt der Anonymus in lapidarer Großartigkeit:

et saxum ingentem quaesivit, quem superponeret: er suchte sich

einen riesigen Felsen, um ihn oben auf sein Grab zu legen. Mit

diesem urgermanischen echt königlichen Gedanken, der uns plötzlich

wieder tiefen Wald, ungeheure Wildnis, unendliche Heide und darüber

hinjagenden Sturm schauen läßt, schlägt das in den hellsonnigen

Kulturtag des Südens getretene Germanentum noch einmal rückwärts

eine Brücke in seine Urheimat, wirft es einen Abschiedsblick in ihre

verdämmernden Gefilde.

[Sidenote: Palast Theoderichs]

Noch ein bedeutsames Werk Theoderichs in seiner Hauptstadt Ravenna

haben wir zu besprechen, wenn es auch nicht mehr aufrecht steht oder

höchstens nur bescheidene Reste von ihm vorhanden sind: seinen Palast;

seine größte bauliche Unternehmung, deren Untergang auf das schwerste

zu bedauern ist. Seines custos palatii ist oben gedacht.

Der Bau muß von ganz bedeutender Größe gewesen sein und mag das

ganze Viertel von des Königs Palastkirche S. Apollinare dentro nach

Süden zu bis zur Via Alberoni oder weiter eingenommen haben. In den

Gärten hinter der Kirche bis an die Stadtmauer, die der Familie

Monghini gehören, liegen noch heute 2 m tief unter Rasen und Erde die

schönsten Mosaikfußböden versteckt, meistens im immer mehr steigenden

Grundwasser. -- Gegen rückwärts war den Berichten nach ein dem

Meere zugewandter herrlicher Speisesaal; Säulenhallen und Türme und

viele andere mit Mosaiken und Marmor reich ausgestattete Teile des

Palastes werden gerühmt; eine Wachhalle lag nach vorn zu. An Großes

war Theoderich gewöhnt, hatten doch seine Goten schon seit 490 den

riesigen Palast Diokletians zu Spalato in Besitz, und gedachte er wohl

es solchem Werke in einigem gleich zu tun.

Heute freilich gibt uns nur noch das Mosaikbild in S. Apollinare nuovo,

das ich früher erwähnte, die schwache Vorstellung eines kleinen Teils

jenes riesenhaften Prachtbaus (Abb. 85).

Behauptet wurde allerdings seit langem, daß die gegenwärtig an der Ecke

des Palastareals stehende merkwürdige Halle mit der oberen Nische ein

Stück des verschwundenen Prachtbaus gebildet habe; etwa jene Kalche

oder Leibwachenhalle, die hie und da genannt wird. Dem widerspricht die

Architektur des Bauwerkes, die in vielen Teilen auf sehr viel spätere

Zeit hindeutet; sie könnte frühestens langobardisch des 8. Jahrhunderts

sein, ist wohl aber, wenigstens teilweise, noch erheblich jünger. Auch

ist sie so zusammengestoppelt oder ausstaffiert mit den verschiedensten

wenig zueinander passenden alten baulichen Bruchstücken, daß es sich

unbedingt verbietet, sie als einen originalen Teil des herrlichen und

gewiß in höchster Vollendung durchgeführten Palastes zu betrachten.

Die Halle ist aus Backsteinen errichtet unter Einfügung einer Reihe

marmorner Bruchstücke älterer Bauten; die Backsteintechnik ist

nach oben immer rauher und von einer Behandlung, die der späteren

langobardischen bis ins 11. Jahrhundert gleicht, nicht aber der

zu ostgotischer Zeit üblichen, wie sie an den Apollinariskirchen

nebenan und in Classe sich zeigt. Unter allen Umständen haben wir

also einen Bau vor uns, der in seiner gegenwärtigen Verfassung

allerwenigstens zwei bis drei Jahrhunderte jünger ist, als Theoderichs

Zeit. Das bestätigt auch seine Höhenlage um wohl ein Meter über der

ursprünglichen der Hofkirche Theoderichs und der hinten in den Gärten

liegenden Mosaikböden (Abb. 86, Tafel XIX), die nachgewiesenermaßen

noch dem alten Palaste angehören; das bestätigen vor allem gewisse

Architekturformen, so die Konsolen, die die sechs vorgekragten Säulen

im Oberstocke tragen, die ebenso z. B. an der kleinen Langobardenkirche

degli Apostoli zu Verona auftreten, dort frühestens aus dem 10.

Jahrhundert stammend; ähnliche Konsolen vom Portal von S. Antonio zu

Piperno sind noch jünger (1036). Das Doppelfenster rechts oben an der

Seite, trägt in seiner rechtwinkligen umlaufenden Profilierung und

einmaligen Absetzung der Backsteinpfeiler und des Bogens sogar fast

schon den Stempel mittelalterlicher Zeit.

Kurz, wir müssen C. Ricci und anderen darin völlig zustimmen, daß

dieser Bau in heutiger Verfassung ein Bau eines späteren Exarchen

sein müsse, trotz der Überlieferung, die die Ruine noch heute

Theoderichs Palast nennt, trotzdem auch, daß die mehrerlei marmornen

Architekturstücke, die der Bau zeigt, offenbar noch aus ostgotischer

Zeit herrühren.

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 68 / 114 题