Zu bemerken bleibt, daß die Gitter alle vierteilig sind, also der
Einteilung der Zehneckseiten am Mausoleum genau entsprechen, mit
Ausnahme der Eingangsseite und der Ostseite, die eine mittlere Axe
haben, der dort befindlichen Tür- und Fensteröffnung entsprechend; in
Aachen sind aber alle 8 Bögen dreiteilig. Eine Anfertigung der Gitter
für Aachen würde lauter dreiteilige Gitter gefordert haben.
Das Denkmal stand um einige Stufen erhöht, wie Nachgrabungen ergaben,
von denen eine, wohl die oberste Schicht, mit einem weiteren Geländer
umgeben war, das aus marmornen Eckpfosten und, wie Spuren erweisen,
ebenfalls metallenem Gitter dazwischen bestand. Eine Skizze dieser
inzwischen längst wieder verschwundenen Pfosten ist noch vorhanden; sie
waren mit steigendem Rankenwerk geziert.
Zuletzt aber sei noch einmal des riesigen Kuppelsteins gedacht, der
das Ganze überdeckt, jenes ungeheuren Felsens von fast vierunddreißig
Metern unteren Umfanges; ganz ohne jeden Zweifel einer Erinnerung an
die altgermanische Sitte, die Gräber der Großen mit riesigen Steinen zu
bedecken; und so hat alle Welt es von jeher auch gefühlt und gedacht.
Nur archäologische Gelehrsamkeit um jeden Preis kann hier auf syrische
Großsteinigkeit, auf ägyptische Riesenwerke und ähnliches hinweisen,
den nächstliegenden und natürlichen Gedanken unterdrückend. Warum nur?
Soll denn den Germanen selbst bei den Deutschen immer noch das Recht
bestritten werden, auch nur hier und da in der Kunst etwas Eigenes
gewollt zu haben?
Von Theoderich, den wir doch schon oben in der für seine Goten allein
bestimmten Kirche S. Andrea auf den uralten germanischen Holzbau
zurückgreifen sahen, sagt der Anonymus in lapidarer Großartigkeit:
et saxum ingentem quaesivit, quem superponeret: er suchte sich
einen riesigen Felsen, um ihn oben auf sein Grab zu legen. Mit
diesem urgermanischen echt königlichen Gedanken, der uns plötzlich
wieder tiefen Wald, ungeheure Wildnis, unendliche Heide und darüber
hinjagenden Sturm schauen läßt, schlägt das in den hellsonnigen
Kulturtag des Südens getretene Germanentum noch einmal rückwärts
eine Brücke in seine Urheimat, wirft es einen Abschiedsblick in ihre
verdämmernden Gefilde.
[Sidenote: Palast Theoderichs]
Noch ein bedeutsames Werk Theoderichs in seiner Hauptstadt Ravenna
haben wir zu besprechen, wenn es auch nicht mehr aufrecht steht oder
höchstens nur bescheidene Reste von ihm vorhanden sind: seinen Palast;
seine größte bauliche Unternehmung, deren Untergang auf das schwerste
zu bedauern ist. Seines custos palatii ist oben gedacht.
Der Bau muß von ganz bedeutender Größe gewesen sein und mag das
ganze Viertel von des Königs Palastkirche S. Apollinare dentro nach
Süden zu bis zur Via Alberoni oder weiter eingenommen haben. In den
Gärten hinter der Kirche bis an die Stadtmauer, die der Familie
Monghini gehören, liegen noch heute 2 m tief unter Rasen und Erde die
schönsten Mosaikfußböden versteckt, meistens im immer mehr steigenden
Grundwasser. -- Gegen rückwärts war den Berichten nach ein dem
Meere zugewandter herrlicher Speisesaal; Säulenhallen und Türme und
viele andere mit Mosaiken und Marmor reich ausgestattete Teile des
Palastes werden gerühmt; eine Wachhalle lag nach vorn zu. An Großes
war Theoderich gewöhnt, hatten doch seine Goten schon seit 490 den
riesigen Palast Diokletians zu Spalato in Besitz, und gedachte er wohl
es solchem Werke in einigem gleich zu tun.
Heute freilich gibt uns nur noch das Mosaikbild in S. Apollinare nuovo,
das ich früher erwähnte, die schwache Vorstellung eines kleinen Teils
jenes riesenhaften Prachtbaus (Abb. 85).
Behauptet wurde allerdings seit langem, daß die gegenwärtig an der Ecke
des Palastareals stehende merkwürdige Halle mit der oberen Nische ein
Stück des verschwundenen Prachtbaus gebildet habe; etwa jene Kalche
oder Leibwachenhalle, die hie und da genannt wird. Dem widerspricht die
Architektur des Bauwerkes, die in vielen Teilen auf sehr viel spätere
Zeit hindeutet; sie könnte frühestens langobardisch des 8. Jahrhunderts
sein, ist wohl aber, wenigstens teilweise, noch erheblich jünger. Auch
ist sie so zusammengestoppelt oder ausstaffiert mit den verschiedensten
wenig zueinander passenden alten baulichen Bruchstücken, daß es sich
unbedingt verbietet, sie als einen originalen Teil des herrlichen und
gewiß in höchster Vollendung durchgeführten Palastes zu betrachten.
Die Halle ist aus Backsteinen errichtet unter Einfügung einer Reihe
marmorner Bruchstücke älterer Bauten; die Backsteintechnik ist
nach oben immer rauher und von einer Behandlung, die der späteren
langobardischen bis ins 11. Jahrhundert gleicht, nicht aber der
zu ostgotischer Zeit üblichen, wie sie an den Apollinariskirchen
nebenan und in Classe sich zeigt. Unter allen Umständen haben wir
also einen Bau vor uns, der in seiner gegenwärtigen Verfassung
allerwenigstens zwei bis drei Jahrhunderte jünger ist, als Theoderichs
Zeit. Das bestätigt auch seine Höhenlage um wohl ein Meter über der
ursprünglichen der Hofkirche Theoderichs und der hinten in den Gärten
liegenden Mosaikböden (Abb. 86, Tafel XIX), die nachgewiesenermaßen
noch dem alten Palaste angehören; das bestätigen vor allem gewisse
Architekturformen, so die Konsolen, die die sechs vorgekragten Säulen
im Oberstocke tragen, die ebenso z. B. an der kleinen Langobardenkirche
degli Apostoli zu Verona auftreten, dort frühestens aus dem 10.
Jahrhundert stammend; ähnliche Konsolen vom Portal von S. Antonio zu
Piperno sind noch jünger (1036). Das Doppelfenster rechts oben an der
Seite, trägt in seiner rechtwinkligen umlaufenden Profilierung und
einmaligen Absetzung der Backsteinpfeiler und des Bogens sogar fast
schon den Stempel mittelalterlicher Zeit.
Kurz, wir müssen C. Ricci und anderen darin völlig zustimmen, daß
dieser Bau in heutiger Verfassung ein Bau eines späteren Exarchen
sein müsse, trotz der Überlieferung, die die Ruine noch heute
Theoderichs Palast nennt, trotzdem auch, daß die mehrerlei marmornen
Architekturstücke, die der Bau zeigt, offenbar noch aus ostgotischer
Zeit herrühren.
[Illustration: