Abb. 82. Ravenna. Konsole der oberen Tür am Theoderich-Grabmal.]

Allzu große Ängstlichkeit hat bisher so manchen unserer Gelehrten immer

wieder von dem entscheidenden endlichen Schritte zurückgeschreckt,

ihn gehindert, hier sich dem anzuschließen, was so viele Unbefangene

fühlen und seit langem deutlich aussprechen. Es ist fast, als ob es als

eine Sünde wider den Geist der Wissenschaft erschiene, hier Farbe

zu bekennen. Aber wer unseren Entwicklungen von Anfang an mit Ruhe und

Verständnis folgte, wird keinen Augenblick mehr zögern zuzugeben, daß

wir an dieser Stelle ohne jeden Zweifel das erste nationalgermanische

Ornament vor uns sehen, das seinen Weg in die große Monumentalkunst

fand.

Der weiter unten befindliche Zierstab, der die 16 Flachnischen nach

oben abschließt, ist im Gegenteil sicher eine Nachbildung des antiken

Herzlaubs; „unverstanden“ freilich oder „degeneriert“, doch für jeden

Architekten ohne weiteres noch kenntlich. Aber die eigentümlichen Ringe

hat man doch aus dem oberen Friese hierher übertragen und so das untere

Ornament dem des Frieses in der Erscheinung glücklich und geschickt

angenähert. Ein kaum minder interessanter Prozeß.

Dafür aber tritt -- unter Beibehaltung der antiken Anordnung der

von Konsolen getragenen Deckplatte -- das nordisch-holzmäßige der

Behandlung wieder an der Verdachung der oberen Türe deutlich zutage.

Die im äußeren Umriß der herkömmlichen antiken Konsole noch ähnlichen

Kragsteinchen sind in einer so unverkennbar holzmäßigen Art gerieft

und beschnitzelt (Abb. 82, Tafel XXI), daß man die Hand des nordischen

Zimmermanns geradezu arbeiten zu sehen glaubt; gleiches gilt für die

absolut holzmäßige Art des Aussetzens des Rundstabprofils zwischen

den Konsolen, ganz verschieden von dem in der Antike üblichen

ununterbrochenen Laufe der Profile. So bescheiden die Sache an sich

ist, es dürfte doch schwer fallen, aus dem späten Römer- wie aus dem

gleichzeitigen Griechen- oder Syrertum etwas Ähnliches nachzuweisen.

Es erübrigt noch der fehlenden Architekturteile zu gedenken, die in

jenen einzelnen Bögen über den Nischen gesessen haben müssen. Alle

Versuche, auf dem Umgang eine Säulenhalle mit Gewölben -- mehr oder

minder vorstehend -- zu ergänzen, sind als gescheitert anzusehen, wenn

nicht schon der Chronist ausdrücklich sagte, Theoderich habe sein

Grabmal ex lapide quadrato, aus Quadersteinen, erbaut, und kein Wort

von Säulen spräche, da doch jene Zeit solche überall und nachdrücklich

erwähnt, wo sie Anwendung fanden. Aber auch mehrere alte Zeichnungen

aus der Zeit um etwa 1500, vielleicht des Antonio da Sangallo,

bestätigen, daß da oben auf flachen Konsolen, deren noch einige

vorhanden sind, eine ebenso flache Bogenarchitektur wie ein Fries den

Baukörper umgab. Ich habe versucht, an dieser Stelle ein in den Maßen

übereinstimmendes Bogenbruchstück aus Ravenna einzufügen (Abb. 83; Abb.

84, Tafel XXII), welches, wenn es selbst nicht wirklich hier einst

sich befunden haben sollte, doch mindestens als eine Nachbildung einer

ähnlichen Architektur aus wenig jüngerer Zeit angesehen werden muß[35].

Und damit schließt sich die Lücke in völlig harmonischer Weise.

Was die Brüstung aber anlangt, so haben Vergleiche ergeben, daß die

berühmten Bronzegitter im Dom zu Aachen, die ein völlig ravennatisches

Formentum, auch die oben berührten flachen Pilaster an den Enden

aufweisen, in den Maßen und Einzelheiten so genau an das ravennatische

Bauwerk passen (ihre Länge ist zusammen mit der Dicke eines

unentbehrlichen Eckpfostens durchschnittlich 4,40 m, die der unteren

Zehneckseiten unseres Monumentes ebenfalls 4,40), daß geschlossen

werden muß, daß Karl der Große die Brüstung des Grabmals nach Aachen

verschleppt und in seiner Pfalzkapelle zum Schmucke wieder verwandt

hat. Auch die hier unentbehrliche kleine Tür findet sich dort, vor

den Sitz des Kaisers gestellt. Zur weiteren Bestätigung diene die

verbürgte Nachricht, daß Theoderich in Ravenna zahlreiche Bronzegießer

beschäftigte, während von einer solchen Industrie im ganzen

Frankenreiche der Zeit Karls nichts überliefert ist. Anderseits ist die

Aachener Kapelle in ihren dekorativen Einzelheiten völlig aus dem Süden

zusammengetragen, und zwar, wie es scheint, nur aus Ravenna[36]. Kein

einziges solches Stück ist nachweislich dafür angefertigt.

[Illustration: Abb. 83. Ravenna. Ergänzung am Theoderichgrabmal.]

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 66 / 114 题