[Illustration: Abb. 86. Ravenna. Mosaikboden aus Theoderichs Palast.]
Es scheint hier im einzelnen doch manches nicht ganz nach katholischem
Gebrauch und orthodoxer Vorschrift behandelt und gestaltet.
[Sidenote: Herkulesbasilika]
Von einem anderen Denkmal sind nur noch neun Säulen übrig, die heute
an der Piazza maggiore einige weitgespannte Gewölbe unter dem
Rathause tragen, und, wie die Überlieferung sagt, von der Basilika
des Herkules stammen; einem Gebäude, das deswegen so hieß, weil davor
eine antike Herkulesstatue, als Sonnenzeiger verwandt, einen Brunnen
bekrönte. Die Basilika wurde wohl wie die Kirche S. Andrea dei Goti
im 15. Jahrhundert von den Venetianern abgerissen. Damals empfing ja
jener Platz seine jetzige Gestalt und neuen Schmuck, so zwei Säulen
von dem Bildhauer Pietro Lombardo, wie sie die venezianische Republik
als ihr Hoheitszeichen in allen eroberten Städten aufstellte. Von den
genannten alten Kapitellen sind einige die merkwürdigsten in Ravenna,
von einer höchst pittoresken Wildheit und Energie, Umdeutungen des
antiken Kompositakapitells, doch nur noch an dem roh angedeuteten
Eierstab zwischen Eckschnecken als solche kenntlich (Abb. 76, Tafel
XVIII). Anstatt der Akanthusblätter aber zeigen sie stark bewegte rauhe
Blattformen, eher Pilzen ähnlich, die an Baumstämmen im Walde wuchern,
etwa Hahnenkämmen, in keiner Linie aber mehr antik, kurz in ihrer Art
vollständige Neubildungen, wenn auch auf Grund antiker Anordnung. Zwei
dieser Kapitelle tragen aber das Monogramm Theoderichs im Kranze,
sozusagen des Königs öffentlichen Siegelstempel als Beweis dafür, daß
sie so recht nach seinem Herzen seien. Mir will es scheinen, da das
Einzelne in der Behandlung geradezu wild und schwer zimmermannsmäßig
ist, während wir an einigen anderen dazugehörigen Kapitellen um so
deutlicher die Hand griechischer Marmorbildhauer fühlen und erkennen,
als ob wir an diesen zwei so eigenartigen mit Theoderichs Namenszug
bezeichneten Kapitellen erste Versuche germanischer Schnitzer vor uns
sähen, Säulenknäufe im Wettkampf mit jenen zu bilden. Sie sind in ihrer
malerischen Kraft und Trotzigkeit, in ihrer urwüchsigen Frische auf der
Welt ganz einzige Werke ältest germanischer Kunstzeiten, nur an den
Säulen in S. Apollinare in Classe mühselig schwächlich nachgeahmt, doch
nicht entfernt wieder erreicht.
[Sidenote: Grabmal des Theoderich]
Das letzte uns erhaltene Denkmal aus der Zeit Theoderichs und für uns
das wichtigste zugleich ist sein Grabmal, das er sich selber noch zu
Lebzeiten schuf (Abb. 77, Tafel XIX). Und das einzige, das wir als in
Wesen und Gedanken, wie teilweise in der Ausführung als ein wirklich
germanisches zu bezeichnen berechtigt sind. Ein Werk von solcher
künstlerischer Gewalt, daß es von jeher die größte Bewunderung aller
fand; daß man es als das letzte und in seiner Zeit höchste Werk antiker
Baugesinnung betrachten und erklären, daß man es als Nachbildung der
altrömischen Kaisergräber sogar den Goten überhaupt völlig streitig
machen wollte. Dies wenigstens kommt neuerdings nicht mehr in Frage.
Mancherlei Einflüsse der sinkenden antiken Kunst, wie der sich immer
stärker geltend machenden Levante finden sich ja offenbar noch in
diesem herrlichen Werke, am größten jedoch bleibt für uns seine
Bedeutung als des ersten beglaubigten großen und in gewisser Hinsicht
selbständigen und geschlossenen Kunst- und Bauwerkes des Germanentums.
Denn es steht sein Erbauer, wie seine Bestimmung heute unerschütterlich
fest, das allein bedeutet schon genug für uns. Aber auch germanische
Kunstgedanken und Formen finden sich hier in ausgeprägtester Art.
Se autem vivo fecit sibi monumentum ex lapide quadrato mirae
magnitudinis opus et saxum ingentem quaesivit quem superponeret, sagt
der namenlose Chronist, dessen Bericht über einige spätrömische Kaiser
bis zu Theoderich H. de Valois im 17. Jahrhundert zuerst herausgab, und
der danach der Anonymus Valesianus heißt. Alles das Gesagte trifft noch
heute haarscharf zu.
Draußen vor der Porta serrata in die Campagna hinein, nahe dem
Meeresufer, nicht in die Stadt, nicht in eine Kirche, erbaute sich
der größte Gotenherrscher seine letzte Ruhestatt. Heute ist das Meer
freilich meilenweit zurückgewichen; doch die ernste Stille der flachen
Campagna läßt dies kaum schwer empfinden.
Aus Istrien brachte man den grauweißen Kalkstein in großen Quadern, aus
denen man den Rundbau schichtete, und den ungeheuren Felsen, der noch
heute darüber liegt; aus der Richtung her, wo Theoderichs Geburtsland
Pannonien lag.
Das Bauwerk ist ein zweistöckiger Kuppelbau, im unteren Geschosse und
einem Teil des oberen noch zehneckig; dann ganz ins Rund übergehend
(Abb. 78).
Der Unterbau ist von zehn tiefen Rundbögen umgeben, eine Terrasse
tragend, die den zurückspringenden Oberbau als Umgang umzieht. Im
Inneren enthält das Untergeschoß einen im Grundriß kreuzförmigen mit
Tonnen überwölbten Raum, der offenbar in Erinnerung an die kreuzförmige
Grabkapelle der Galla Placidia im selben Ravenna als Aufstellungsraum
für mehrere Sarkophage in den Kreuzflügeln gebildet und bestimmt war.
Vielleicht für Theoderichs Tochter Amalaswintha und ihre Kinder, ganz
ähnlich, wie dort für die Kaiserin, die ja selber in erster Ehe dem
Gotenfürsten Athaulf vermählt gewesen.
Auf zwei steinernen kühn durch die Luft geschwungenen, freilich erst
etwa 1780 errichteten Treppen steigt man heute zu jener den oberen
Kuppelraum umgebenden Terrasse hinauf, von der eine rechteckige Türe
uns den Eintritt in jenen gewährt, einst sicher (die Pfannen im Stein
sind noch vorhanden) mit einer Bronzetür verschlossen.
Dieser Kuppelraum hat nur kleine oben gerundete Fensterschlitze, im
Osten einen solchen in Kreuzform; das Licht fällt hauptsächlich durch
die Tür und durch ein östliches etwas größeres Fenster in der dort
ausgebauten rechteckigen engen und niedrigen Altarnische. Die Wände
bestehen aus Quadersteinen, über denen ein rauh profiliertes Gesims
mit vertieften Profilen im Zimmermannstile herläuft; über allem aber
liegt der berühmte ungeheure in Form einer Kuppel gehöhlte Stein, in
dessen Mitte ein gemaltes rotes mit Steinen besetztes Kreuz eben noch
erkennbar ist. Ganz ersichtlich muß des toten Königs Sarkophag hier
mitten unter der Kuppel gestanden haben[33], wie in Ravenna jeder von
Bedeutung damals in solchen von oft beträchtlicher Größe bestattet
wurde; wie Theoderich sogar den von ihm getöteten Odovaker in einem
Steinsarg beisetzen ließ; zog er doch nach Ravenna unter den vielen
Künstlern und Kunsthandwerkern, die er hier beschäftigte, besonders
auch solche aus Rom für die Herstellung von Sarkophagen.
[Illustration: Abb. 78. Ravenna. Grabmal Theoderichs.]
Der obere Kuppelraum muß ohne Schmuck in einfachstem Quaderwerk der
Wände geblieben sein, da die Steine innen genau dieselbe Behandlung
wie außen mit einem feinen Randschlage zeigen[34], da auch das Gesims
unter der Kuppel gewollt einfach, ja roh behandelt ist. Wenn die Wände
in der Kaiserin Galla Placidia Grabmal mit schönen Marmorplatten
bekleidet sind, so tragen dort auch die Gewölbe den herrlichsten
Schmuck reicher Mosaiken, von Fenstern hell beleuchtet, während
hier das gesimsartige Band und der einfache Stein der Kuppel diese
Dekoration ausschließen, nur das einfache aufgemalte Kreuz unter der
Wölbung einen bescheidensten Schimmer von Farbe in den so ungeheuer
ernsten Raum wirft, der in herber und strenger Kraft auf den Beschauer
wirkt.
Die künstlerische Erscheinung ist hierin, ebenso wie in dem
kreuzförmigen tonnengewölbten Unterraum, ganz offenbar von bewußter
Einfachheit, abweichend von allem hier Gewöhnten und Gebräuchlichen.
Auch ist unten dieselbe Quaderbehandlung wie oben doch noch fast
unverletzt und durch aus den Quadern gehauene Muscheln in den Ecken
ihre Ursprünglichkeit erweisend.
Die beiden Räume sind dazu, sobald die Türen geschlossen sind, nur
durch schmale Schlitze spärlich beleuchtet, ausgenommen die Apsis oben,
wo für einen etwaigen Altardienst nach arianischer Sitte direktes
Licht einfiel. -- Also tiefschattige Grabräume, in denen das Auge eben
nur die Masse der steinernen Särge zu unterscheiden vermochte, irgend
welche Schmuckbekleidung der Wände aber im Dämmer verschwinden mußte.
Vielmehr empfängt man hier noch heute, da man die Höhe des Raumes nicht
zu ermessen vermag, wenn das Tageslicht nicht durch die Türe bricht,
den Eindruck einer ungeheuren Höhle im Felsen, in der alle Grenzen
verschwinden.
Am Äußeren ist zunächst bemerkenswert, daß die auf antik-römischen
Karnießkämpfern sitzenden Bögen des Unterbaus aus lauter ineinander
verzahnten hakenförmigen Keilsteinen bestehen, eine Form, die bei
den Römern nur selten auftritt. Das Gleiche gilt von Syrien. Am
Mausoleum aber ist sie konsequent durchgeführt und kehrt auch an den
scheitrechten Bögen der Türen wieder.
Die unteren Bögen tragen jenen ringsum laufenden Umgang von 1,40 m
Vorsprung, hinter dem sich der obere Bau zunächst zehnseitig erhebt.
Die westliche dieser zehn Seiten nimmt die Eingangstür, die gegenüber
liegende östliche die Altarapsis ein. Die übrigen Seiten sind durch
je zwei rechteckige flach vertiefte Nischen gegliedert, über denen
noch ebenso viele eigentümlich eingehauene Halbkreisbogen in den Stein
gearbeitet sind (Abb. 79). Wo diese Vertiefungen endigen, da schließt
auch das Zehneck ab, und der Körper des Bauwerkes wird rund, mit
einem runden flachen Band beginnend; darüber etwas zurückspringend
noch zwei runde Quaderschichten, dann das weit vorspringende Gesims,
aus drei Plättchen darüber mächtigem tiefem Karnieß und einer Art von
Zahnschnitt bestehend.
Auf diesem Hauptgesimse ruht ein breiter verzierter Fries von vielen
einzelnen Feldern, oben wieder mit einem als Wassernase gebildeten
Gesimse abgeschlossen.
[Illustration: