Abb. 74. Ravenna. S. Apollinare nuovo.]

[Illustration: Abb. 76. Ravenna. Kapitell der Herkules-Basilika mit

Theoderichs Monogramm.

(Photo Alinari.)]

Also hier steht offenbar vor uns ein Abbild des berühmten Palastes

Theoderichs zu Ravenna, seines größten und herrlichsten Bauwerkes.

Inmitten ein Giebelbau auf drei Bögen über hohen Prachtsäulen, links

und rechts Säulenhallen mit Obergeschoß; ein oft bewundertes prächtiges

Bild, auf das wir zurück zu kommen haben.

In den Bögen hängen Vorhänge, meist kurios geknotet, kaum recht

verständlich, bis wir bei schärferem Zusehen bemerken, daß überall

der erste Inhalt dieser Bögen weggenommen und durch in neuem

Mosaik hergestellte Vorhänge oder einfachen Grund ersetzt ist. In

dem mittelsten Bogen läßt sich deutlich die Spur des Bildes eines

Thronenden erkennen, im Giebel allerlei Andeutungen verschwundener

Figuren, wie nebenan in dem Tore der Stadt sich die Umrisse einer

daraus hervortretenden ebenfalls entfernten großen weiblichen Figur

erkennen lassen.

Auf den Schäften der Säulen aber sind von verschwundenen Männern, die

einst in den Bögen standen, noch zwei Hände vollständig vorhanden, und

oberhalb der Vorhänge schauen ihre Scheitel hervor; da, wo einst die

dazu gehörigen Gestalten waren, sind jetzt die sonderbar gefalteten

Vorhänge in Mosaikmalerei. Kurz, wir bemerken hier, daß Spätere die

Darstellung menschlicher Gestalten, die einst diese Bogenreihe, von der

Mitte ausgehend, füllten, haben verschwinden lassen.

Die unvermeidliche Erklärung ist die, daß hier der germanische König

Theoderich mit seinen Paladinen bildlich gepriesen wurde, und daß der

Erzbischof Agnellus diese verhaßten Gestalten entfernen und durch

einfachen Mosaikgrund oder Vorhänge ersetzen ließ. Von ihm müssen

denn auch die zwei langen Reihen der Märtyrer und der heiligen Frauen

in ihrer heutigen Erscheinung herrühren, die von dem Westende gen

Osten wallen, als Ersatz einer einst da vorhandenen ihm anstößigen

Darstellung aus der Zeit der Arianer, während die beiden Schlußgruppen,

links die heilige Jungfrau mit dem Kinde thronend zwischen vier Engeln

und rechts Christus auf seinem von Engeln umgebenen Throne, noch

ursprünglich sind. Wohl auch die zu dem Jungfrauenzug wenig passenden

drei Könige, die deren Prozession vor dem Throne Mariae abschließen,

köstliche Gefäße der Himmelskönigin darbringend (Abb. 73, Tafel XVII).

Es mag hier der Vermutung Raum gegeben sein, daß der erste dieser

heiligen drei Könige, Caspar, ein würdiger hoher Greis mit

langwallenden Locken, vielleicht doch den König Theoderich selber

darstellen kann. Leider ist gerade diese Gruppe um 1830 bereits

einmal restauriert worden -- immerhin ist ihre völlig germanische

Gewandung mit Schuhen, Beinkleidern, Untergewand und Mantel, einer Art

phrygischer Mütze (wie sie auch die Franken trugen) und dem mit Spangen

und Schnallen reich besetzten starken Riemenschmucke überall, gegenüber

allen sonstigen Gestalten in langwallenden byzantinischen und antiken

Gewändern mit Sandalen, höchst auffallend.

Oberhalb aber bis zur Decke sehen wir in einer außerordentlich

großen Reihe von einzelnen Bildern das Leben Jesu dargestellt, ganz

verschieden von jenen unteren Friesen, die mehr schematisch dekorativ

wirken, 26 ernste großartige Bilder von tiefen Farben, teilweise

Christus noch unbärtig, teilweise schon bärtig zeigend, von riesiger

Gestalt -- predigend, Wunder tuend und leidend. -- Aber die großen

Ereignisse, Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt, fehlen. Sicher

waren diese auf anderen Wänden, etwa an der westlichen Querwand und

in der Apsis dargestellt. Alles dies gehört noch zur Kirche des

Theoderich, die Jesus Christus geweiht war; nicht minder die Reihe

der 32 heiligen männlichen Gestalten zwischen den Fenstern unter

schirmartigen Baldachinen. Der Stil dieser Bilder ist ungleich ernster,

großartiger, vor allem sind sie tiefer gefärbt als die hellen Friese

des byzantinischen Bischofs darunter, die einer oberflächlicheren

schematisch dekorativen Kunst angehören.

Kurz, der Zeit des Agnellus darf nur die Einfügung der zwei großen Züge

von Männern und Frauen in ihrer heutigen Gestalt[31] -- andererseits

die Ausmerzung der Figuren unter den Bögen des Theoderichpalastes

zugeschrieben werden, alles übrige wird noch von des großen

Königs Kirche stammen. Nur was Anstoß erregte, als man die Kirche

katholisierte, mußte fallen; vor allem die Erinnerung an die gehaßte

große Zeit der Ostgoten.

Doch haben wir in dem auch heute noch herrlichen Bau, wie bemerkt,

überall die Arbeit von Italienern und Griechen vor uns, ganz

unzweifelhaft. Denn die Absicht spricht sich unverkennbar in allem aus,

eine Kirche zu errichten, die, wenn auch nicht an Größe, so doch an

Pracht und Schönheit mit jeder italienischen, die damals berühmt war,

von St. Peter in Rom an, zu wetteifern vermochte. Und das ist gewißlich

erreicht gewesen.

Von Ausstattungsgegenständen scheint der jetzt unter den Schiffarkaden

rechts stehende Ambo vielleicht doch ursprünglich; er zeigt spezifische

germanische Eigentümlichkeiten, zunächst ruht er auf Dreiviertelsäulen

mit Pilastern (Abb. 46), die ganz in bekannter Weise aus einem

viereckigen Balken gearbeitet, also in aller Ausladung auf das Äußerste

eingeschränkt sind. Das untere reiche Zahnschnitt- und Eierstabgesims

ist ebenso aus der vorhandenen Steinmasse herausgearbeitet oder in

sie hinein, so daß ein ganz merkwürdiger Eindruck von schrägstehenden

Teilen entsteht. Der obere Teil, die flach ausgebogene Brüstung,

entspricht herkömmlicher italienischer Tradition.

In einer Kapelle der Nordseite befindet sich noch ein Altar mit

Ziborium und Schranke, doch von einfacher Gestalt, mit teilweise höchst

eigentümlichen Kapitellen. Die Schranke aus durchbrochnen Marmorplatten

ist vielleicht ein Rest der ursprünglichen Chorschranke.

[Sidenote: S. Andrea dei Goti]

Die oben genannte große Kirche S. Andrea dei Goti, die Theoderich

erbaute, offenbar also auch eine arianische, ist ganz verschwunden.

Aber eine höchst interessante Notiz des Agnellus scheint sich auf

sie zu beziehen. In dem Leben des Erzbischofs Maximian sagt er: „Die

Kirche aber des Apostels Andrea, nicht weit von der Herkulesgegend

(wohl der Gegend der Herkulesbasilika) versah er mit allem Fleiß mit

prokonnesischen Marmorsäulen, nachdem er die alten hölzernen von

Nußbaum entfernt hatte.“ Daraus muß doch wohl geschlossen werden,

daß die von Theoderich eigens für seine Goten erbaute Andreaskirche

nach alter germanischer Weise aus Holz bestand und erst bei der

Katholisierung (um 546) steinerne Stützen erhielt. Jedenfalls ein

höchst bezeichnender Beweis dafür, wie Theoderich in nationalen Dingen

auch auf altnationale Tradition zurückgriff und selbst im Bauen nicht

bloß blind abhängig war von der fremden Kultur und Sitte, wie man wohl

behauptet hat.

[Sidenote: S. Spirito]

Die andere einst arianische noch vorhandene Kirche Theoderichs

ist S. Teodoro, jetzt S. Spirito, doch ohne weiteren besonderen

Schmuck, als den ihrer Säulen und Arkaden. Aber sie birgt den oberen

Teil eines Ambos, vielleicht doch noch aus den ostgotischen Tagen

des Baus, dem auch der in S. Apollinare nuovo in der Form nicht

ferne steht. Bezeichnend ist für ihn, daß er an seinen Enden mit

den charakteristischen Pilastern abgeschlossen ist, die hier den

Altären und Sarkophagen des 5. und 6. Jahrhunderts eignen; ein ganz

ausgebildetes Motiv: korinthische kanellierte Pilaster mit sehr flachem

Fuß und Rundstäben in der unteren Hälfte der Kanellierungen (s. Abb.

72, Tafel XVII).

Außerdem aber verdienen besondere Aufmerksamkeit die Weinranken mit

den merkwürdig geschlitzten Blättern, wie sie seit jener Zeit der

germanischen Ornamentierung, auch der langobardischen und fränkischen,

selbst der westgotisch-spanischen (Abb. 75), so eigentümlich sind[32].

Der Ambo gehört sicher noch dem 6. Jahrhundert an.

Auch die berühmte Kirche S. Vitale ist noch zu Theoderichs Lebzeiten

begonnen; vollendet, ehe das Gotentum in Italien vernichtet war.

Trotzdem empfinden wir in ihr einen durchaus fremden, ganz östlichen

Import, sehen in diesem Bau den ersten, den wir völlig byzantinisch

nennen können, wenn dieser Ausdruck überhaupt etwas bedeutet, vor

allem aber den Triumph der orthodoxen Kirche und ihrer Kunst über das

Germanentum. Und darum können wir den viel besprochenen Bau, obwohl er

unter ostgotischer Herrschaft sogar in deren Hauptstadt entstand, nicht

in den Kreis unserer Besprechung ziehen. -- Gleiches gilt auch von der

so sehr schönen Basilika von S. Apollinare in der Vorstadt Classe;

obwohl diese unverkennbar eine Nachbildung der Hofkirche in der Stadt

ist, bleibt sie doch ein Werk der griechischen Erzbischöfe, wenn auch

noch in den letzten Jahren der gotischen Herrschaft gebaut.

[Sidenote: Baptisterium der Arianer]

Ein weiterer kirchlicher Bau für die Arianer ist zu erwähnen, der noch

Theoderich zuzuschreiben ist: das Baptisterium der Arianer, heute S.

Maria in Cosmedin. Ein einfacher Zentralbau, achteckig mit (meist

verschwundenen) Nischen, auf vier der acht Seiten; nur noch geschmückt

durch sein schönes Mosaikbild in der Kuppel. Wenn auch offenbar

nur eine wenig veränderte Nachahmung der Kuppelauszierung in der

vorgotischen Taufkirche der Orthodoxen, S. Giovanni in Fonte, die in

herrlicher Pracht noch heute beinahe unversehrt neben dem Dome steht,

doch uns höchst verehrungswürdig als der für den Taufakt der Ostgoten

bestimmte feierlichste Wölbungsschmuck. Inmitten Christus, fast noch

ein Knabe und unbärtig, im Jordan, dessen Flußgott ehrfürchtig links

daneben sitzt, der taufende Johannes rechts höher stehend, ohne

Heiligenschein, während der Heiland einen roten Nimbus besitzt. Über

ihm die Taube, die einen Wasserstrahl aus dem Schnabel auf sein Haupt

sendet. Ringsum im Kreise die zwölf Apostel, erst in katholischer Zeit

mit Nimbus versehen, das Antlitz nach einem leeren Throne im Osten

gerichtet.

[Illustration: Abb. 75. Weinblätter, ostgotisch, langobardisch und

fränkisch.]

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 59 / 114 题