[Illustration: Abb. 76. Ravenna. Kapitell der Herkules-Basilika mit
Theoderichs Monogramm.
(Photo Alinari.)]
Also hier steht offenbar vor uns ein Abbild des berühmten Palastes
Theoderichs zu Ravenna, seines größten und herrlichsten Bauwerkes.
Inmitten ein Giebelbau auf drei Bögen über hohen Prachtsäulen, links
und rechts Säulenhallen mit Obergeschoß; ein oft bewundertes prächtiges
Bild, auf das wir zurück zu kommen haben.
In den Bögen hängen Vorhänge, meist kurios geknotet, kaum recht
verständlich, bis wir bei schärferem Zusehen bemerken, daß überall
der erste Inhalt dieser Bögen weggenommen und durch in neuem
Mosaik hergestellte Vorhänge oder einfachen Grund ersetzt ist. In
dem mittelsten Bogen läßt sich deutlich die Spur des Bildes eines
Thronenden erkennen, im Giebel allerlei Andeutungen verschwundener
Figuren, wie nebenan in dem Tore der Stadt sich die Umrisse einer
daraus hervortretenden ebenfalls entfernten großen weiblichen Figur
erkennen lassen.
Auf den Schäften der Säulen aber sind von verschwundenen Männern, die
einst in den Bögen standen, noch zwei Hände vollständig vorhanden, und
oberhalb der Vorhänge schauen ihre Scheitel hervor; da, wo einst die
dazu gehörigen Gestalten waren, sind jetzt die sonderbar gefalteten
Vorhänge in Mosaikmalerei. Kurz, wir bemerken hier, daß Spätere die
Darstellung menschlicher Gestalten, die einst diese Bogenreihe, von der
Mitte ausgehend, füllten, haben verschwinden lassen.
Die unvermeidliche Erklärung ist die, daß hier der germanische König
Theoderich mit seinen Paladinen bildlich gepriesen wurde, und daß der
Erzbischof Agnellus diese verhaßten Gestalten entfernen und durch
einfachen Mosaikgrund oder Vorhänge ersetzen ließ. Von ihm müssen
denn auch die zwei langen Reihen der Märtyrer und der heiligen Frauen
in ihrer heutigen Erscheinung herrühren, die von dem Westende gen
Osten wallen, als Ersatz einer einst da vorhandenen ihm anstößigen
Darstellung aus der Zeit der Arianer, während die beiden Schlußgruppen,
links die heilige Jungfrau mit dem Kinde thronend zwischen vier Engeln
und rechts Christus auf seinem von Engeln umgebenen Throne, noch
ursprünglich sind. Wohl auch die zu dem Jungfrauenzug wenig passenden
drei Könige, die deren Prozession vor dem Throne Mariae abschließen,
köstliche Gefäße der Himmelskönigin darbringend (Abb. 73, Tafel XVII).
Es mag hier der Vermutung Raum gegeben sein, daß der erste dieser
heiligen drei Könige, Caspar, ein würdiger hoher Greis mit
langwallenden Locken, vielleicht doch den König Theoderich selber
darstellen kann. Leider ist gerade diese Gruppe um 1830 bereits
einmal restauriert worden -- immerhin ist ihre völlig germanische
Gewandung mit Schuhen, Beinkleidern, Untergewand und Mantel, einer Art
phrygischer Mütze (wie sie auch die Franken trugen) und dem mit Spangen
und Schnallen reich besetzten starken Riemenschmucke überall, gegenüber
allen sonstigen Gestalten in langwallenden byzantinischen und antiken
Gewändern mit Sandalen, höchst auffallend.
Oberhalb aber bis zur Decke sehen wir in einer außerordentlich
großen Reihe von einzelnen Bildern das Leben Jesu dargestellt, ganz
verschieden von jenen unteren Friesen, die mehr schematisch dekorativ
wirken, 26 ernste großartige Bilder von tiefen Farben, teilweise
Christus noch unbärtig, teilweise schon bärtig zeigend, von riesiger
Gestalt -- predigend, Wunder tuend und leidend. -- Aber die großen
Ereignisse, Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt, fehlen. Sicher
waren diese auf anderen Wänden, etwa an der westlichen Querwand und
in der Apsis dargestellt. Alles dies gehört noch zur Kirche des
Theoderich, die Jesus Christus geweiht war; nicht minder die Reihe
der 32 heiligen männlichen Gestalten zwischen den Fenstern unter
schirmartigen Baldachinen. Der Stil dieser Bilder ist ungleich ernster,
großartiger, vor allem sind sie tiefer gefärbt als die hellen Friese
des byzantinischen Bischofs darunter, die einer oberflächlicheren
schematisch dekorativen Kunst angehören.
Kurz, der Zeit des Agnellus darf nur die Einfügung der zwei großen Züge
von Männern und Frauen in ihrer heutigen Gestalt[31] -- andererseits
die Ausmerzung der Figuren unter den Bögen des Theoderichpalastes
zugeschrieben werden, alles übrige wird noch von des großen
Königs Kirche stammen. Nur was Anstoß erregte, als man die Kirche
katholisierte, mußte fallen; vor allem die Erinnerung an die gehaßte
große Zeit der Ostgoten.
Doch haben wir in dem auch heute noch herrlichen Bau, wie bemerkt,
überall die Arbeit von Italienern und Griechen vor uns, ganz
unzweifelhaft. Denn die Absicht spricht sich unverkennbar in allem aus,
eine Kirche zu errichten, die, wenn auch nicht an Größe, so doch an
Pracht und Schönheit mit jeder italienischen, die damals berühmt war,
von St. Peter in Rom an, zu wetteifern vermochte. Und das ist gewißlich
erreicht gewesen.
Von Ausstattungsgegenständen scheint der jetzt unter den Schiffarkaden
rechts stehende Ambo vielleicht doch ursprünglich; er zeigt spezifische
germanische Eigentümlichkeiten, zunächst ruht er auf Dreiviertelsäulen
mit Pilastern (Abb. 46), die ganz in bekannter Weise aus einem
viereckigen Balken gearbeitet, also in aller Ausladung auf das Äußerste
eingeschränkt sind. Das untere reiche Zahnschnitt- und Eierstabgesims
ist ebenso aus der vorhandenen Steinmasse herausgearbeitet oder in
sie hinein, so daß ein ganz merkwürdiger Eindruck von schrägstehenden
Teilen entsteht. Der obere Teil, die flach ausgebogene Brüstung,
entspricht herkömmlicher italienischer Tradition.
In einer Kapelle der Nordseite befindet sich noch ein Altar mit
Ziborium und Schranke, doch von einfacher Gestalt, mit teilweise höchst
eigentümlichen Kapitellen. Die Schranke aus durchbrochnen Marmorplatten
ist vielleicht ein Rest der ursprünglichen Chorschranke.
[Sidenote: S. Andrea dei Goti]
Die oben genannte große Kirche S. Andrea dei Goti, die Theoderich
erbaute, offenbar also auch eine arianische, ist ganz verschwunden.
Aber eine höchst interessante Notiz des Agnellus scheint sich auf
sie zu beziehen. In dem Leben des Erzbischofs Maximian sagt er: „Die
Kirche aber des Apostels Andrea, nicht weit von der Herkulesgegend
(wohl der Gegend der Herkulesbasilika) versah er mit allem Fleiß mit
prokonnesischen Marmorsäulen, nachdem er die alten hölzernen von
Nußbaum entfernt hatte.“ Daraus muß doch wohl geschlossen werden,
daß die von Theoderich eigens für seine Goten erbaute Andreaskirche
nach alter germanischer Weise aus Holz bestand und erst bei der
Katholisierung (um 546) steinerne Stützen erhielt. Jedenfalls ein
höchst bezeichnender Beweis dafür, wie Theoderich in nationalen Dingen
auch auf altnationale Tradition zurückgriff und selbst im Bauen nicht
bloß blind abhängig war von der fremden Kultur und Sitte, wie man wohl
behauptet hat.
[Sidenote: S. Spirito]
Die andere einst arianische noch vorhandene Kirche Theoderichs
ist S. Teodoro, jetzt S. Spirito, doch ohne weiteren besonderen
Schmuck, als den ihrer Säulen und Arkaden. Aber sie birgt den oberen
Teil eines Ambos, vielleicht doch noch aus den ostgotischen Tagen
des Baus, dem auch der in S. Apollinare nuovo in der Form nicht
ferne steht. Bezeichnend ist für ihn, daß er an seinen Enden mit
den charakteristischen Pilastern abgeschlossen ist, die hier den
Altären und Sarkophagen des 5. und 6. Jahrhunderts eignen; ein ganz
ausgebildetes Motiv: korinthische kanellierte Pilaster mit sehr flachem
Fuß und Rundstäben in der unteren Hälfte der Kanellierungen (s. Abb.
72, Tafel XVII).
Außerdem aber verdienen besondere Aufmerksamkeit die Weinranken mit
den merkwürdig geschlitzten Blättern, wie sie seit jener Zeit der
germanischen Ornamentierung, auch der langobardischen und fränkischen,
selbst der westgotisch-spanischen (Abb. 75), so eigentümlich sind[32].
Der Ambo gehört sicher noch dem 6. Jahrhundert an.
Auch die berühmte Kirche S. Vitale ist noch zu Theoderichs Lebzeiten
begonnen; vollendet, ehe das Gotentum in Italien vernichtet war.
Trotzdem empfinden wir in ihr einen durchaus fremden, ganz östlichen
Import, sehen in diesem Bau den ersten, den wir völlig byzantinisch
nennen können, wenn dieser Ausdruck überhaupt etwas bedeutet, vor
allem aber den Triumph der orthodoxen Kirche und ihrer Kunst über das
Germanentum. Und darum können wir den viel besprochenen Bau, obwohl er
unter ostgotischer Herrschaft sogar in deren Hauptstadt entstand, nicht
in den Kreis unserer Besprechung ziehen. -- Gleiches gilt auch von der
so sehr schönen Basilika von S. Apollinare in der Vorstadt Classe;
obwohl diese unverkennbar eine Nachbildung der Hofkirche in der Stadt
ist, bleibt sie doch ein Werk der griechischen Erzbischöfe, wenn auch
noch in den letzten Jahren der gotischen Herrschaft gebaut.
[Sidenote: Baptisterium der Arianer]
Ein weiterer kirchlicher Bau für die Arianer ist zu erwähnen, der noch
Theoderich zuzuschreiben ist: das Baptisterium der Arianer, heute S.
Maria in Cosmedin. Ein einfacher Zentralbau, achteckig mit (meist
verschwundenen) Nischen, auf vier der acht Seiten; nur noch geschmückt
durch sein schönes Mosaikbild in der Kuppel. Wenn auch offenbar
nur eine wenig veränderte Nachahmung der Kuppelauszierung in der
vorgotischen Taufkirche der Orthodoxen, S. Giovanni in Fonte, die in
herrlicher Pracht noch heute beinahe unversehrt neben dem Dome steht,
doch uns höchst verehrungswürdig als der für den Taufakt der Ostgoten
bestimmte feierlichste Wölbungsschmuck. Inmitten Christus, fast noch
ein Knabe und unbärtig, im Jordan, dessen Flußgott ehrfürchtig links
daneben sitzt, der taufende Johannes rechts höher stehend, ohne
Heiligenschein, während der Heiland einen roten Nimbus besitzt. Über
ihm die Taube, die einen Wasserstrahl aus dem Schnabel auf sein Haupt
sendet. Ringsum im Kreise die zwölf Apostel, erst in katholischer Zeit
mit Nimbus versehen, das Antlitz nach einem leeren Throne im Osten
gerichtet.
[Illustration: Abb. 75. Weinblätter, ostgotisch, langobardisch und
fränkisch.]
[Illustration: